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Full text of "Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen V. Band 1913 1.Hälfte"

JAHRBUCH 



FÜR 

PSYCHOANALYTISCHE und PSYCHO- 
PATHOLOGISCHE FORSCHUNGEN. 

HERAUSGEGEBEN VON 

Prof. Dr. E.BLEULER und Prof. ür. S. FREUD 

IN ZÜRICH IX WIEN. 

REDIGIERT VON 



Dr. C. G. jung, 

PRIVATDOZKN'TEN »ER PSYCHIATRIE IN ZÜRICH. 



V. BAND. 



LEIPZIG UND WIEN. 



1913. 



KRAUS REPRINT 

Nendeln/Liechtenstein 

1970 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Inhaltsverzeichnis. 



S«te 

Itten: Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox 1 

Jones: Einige Fälle von Zwangsneurose o5 

Pfister: Kryptolalie, Kryptographie und unbewußtes Vexierbild bei 

Normalen 117 

Sadger: über den sado-masochistischen Komplex 157 

4Stärcke: Neue Traumexperimente in Zusammenhang mit älteren und 

neueren Traumtheorien 233 

Jung: Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie . . . 307 

Bleuler: Der Sexuahviderstand 442 

Maeder: Zur Erage der teleologischen Traumfunktiou . 453 

Mensendieck: Zur Technik des Unterrichts und der Erziehung während 

der psychoanalytischen Behandlung 455 

Sadger: Die Psychoanalyse eines Autoerotiker.s 467 

Marclnowski: Die Heilung eines schweren Falles von Asthma durch 

Psychoanalyse • '^29 

Weissfeld: Freuds Psychologie als eine Transformationstheorie .... 621 

Maeder: Über das Traumproblem .... * 647 

Bjerre: Bewußtsein kontra Unbewußtsein 687 

Lang: Über Assoziationsversuche bei Schizophrenen und den Mitgliedern 

ihrer Familien 7Ö-» 

Stärcke: Berichtigung 756 

Erklärung der Redaktion und IMitteilung des Verlage« 757 



Aus der psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich. 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. 

Von W« Itten^ Spiez. 



Vorwort. 

Die Symptomatologie der Dementia praecox ist eine so reiche 
und ihre Analogie z\x anderen Seiten der menschlichen Psyche sind 
so mannigfaltig, daß wir erst im Anfang unserer Erkenntnis stehen 
und neue Beobachtungen noch lange ein Bedürfnis sind. Mit zwei 
Fällen kann ich zwar hier nichts prinzipiell Neues bringen, dieselben 
sind aber geeignet, zur Aufklärung einiger jetzt noch kontroverser 
Fragen beizutragen. 

Im ersten dieser zwei Fälle war, besonders im Anfang der Analyse, 
die Produktion des Patienten eine so freigebige, fließende und voll- 
ständige, daß das Material fast ohne Zwischenerklärung im Wortlaut 
des Patienten gegeben werden kann. Auch die Zwischenfragen können, 
wo sie nicht zum Verständnis des Folgenden nötig sind, weggelassen 
werden. 

Fall I- 

Aus der Vo^esehichte« 

Der Großvater mütterlicherseits war Gelegenheitstrinker, die Mutter 
hatte immer ein stilles, träumerisches, etwas zu Schwermut neigendes Wesen, 
war in den ersten Jahren der Ehe Potatrix. Der Vater ist normal, ein Vetter 
von ihm soll aber geisteskrank (wahrscheinlich schizophren) und interniert 
sein. Acht Geschwister und die übrige Verwandschaft sind, soweit bekannt, 
geistig gesimd und ohne abnorme Charakteranlagen. — Patient stammt 
aus einer sehr zahlreichen Familie, hat, wie bereits bemerkt, 8 lebende 
Geschwister, 3 starben an Kinderkrankheiten. Er selbst war ein sanftes, 
gehorsames Kind, sehr anhänglich, ein Muttersöhnchen, In der Schule 
immer ein „musterhafter Schüler", sei er allerdings später im Seminar 
vom 3. zum 7. Rang zurückgekommen. Er war immer etwas scheu und 
„mehr für sich", aber nicht eigentlich zurückgezogen. Nach Erlangung des 
Lehrerdiploms übernahm er gleich eine sehr schwere Stelle, hatte 60 Kinder 

Jahrbuoli für psychoanalyt. u. psychopathol. Forecliuiigen . V. * 



2 W. Itten. 

verschiedener Altersklassen zu unterrichten, dazu Abwartdienste zu ver- 
sehen und noch den Kindern des Pfarrers Privatunterricht zu erteilen. 
Er war dabei sehr gewissenhaft, bereitete sich immer sorgfältig vor, leitete 
nebenbei auch noch Gesangvereine. 

Zu Neujahr 1911 kam er nach Hause, sagte auf einmal: er sei krank, 
ihm könne niemand mehr helfen. Er stinke, dürfe nicht mehr in die Schule, 
weil er unrein sei und ausdünste. Der Arzt konnte nichts finden imd 
Patient ging in die Stelle zurück. Vierzehn Tage später wurde der ältere 
Bruder gerufen: es gehe nicht mehr mit ihm in der Schule, er sei zu auf- 
geregt und zu schroff mit den Schülern geworden. Patient kam nun in ein 
Pfarrhaus zur Erholung, blieb dort zirka 2 Monate, verkehrte viel mit 
der jungen Lehrerschaft des Dorfes und verliebte sich a distance in eine 
Lehrerin. Wegen Erkrankung des Vaters heimgerufen, half er zu Hause 
im Bureau arbeiten, anfangs ordentlich, dann immer mehr zerstreut. Er 
kam nun in ein Bauernwesen, um hier in körperlicher Arbeit Erholung 
zu suchen, konnte aber nach kurzer Zeit wegen Schmerzen in den Händen 
nicht mehr arbeiten, schlief dazu immer schlechter und redete nachts 
vor sich hin. Er fing auch an, allerlei ungereimtes Zeug zu erzählen, er sei 
der Weltreformator und dgl., wurde so dissoziiert, daß man ihn provisorisch 
in einem Spital versorgte. Dort klagte er viel über die Schmutzigkeit der 
Umgebung, hatte zyanotische, kalte Extremitäten, war vorübergehend 
aufgeregt. Etwas ruhiger, kam er von dort in ein ländliches Erholungsheim, 
wo er aber dreimal weglief, zweimal barfuß um einen acht Stimden langen See 
herum nach Hause, Bndlich nach Hause genommen (weil er immer über 
Heimweh klagte, sooft er von zu Hause weg war), lief er in die Kirchen, 
„um seine Reform zu predigen", sprach beständig davon, seine Schule 
wieder aufnehmen zu wollen, ,,er habe wichtige Aufgaben", er war aber 
so zerstreut und unaufmerksam, daß daran nicht gedacht werden konnte. 
Seit Neujahr 1911 äußerte er auch oft Verfolgungsideen, meinte, er werde 
verfolgt und beobachtet von Detektivs u. dgl. — Als man von der Inter- 
nierung sprach, schloß er sich folgenden Tages in sein Zimmer ein und als 
man die Türe aufsprengte, sprang er zum Fenster hinaus (aus dem Erd- 
geschoß), äußerte dann aber selber den Wunsch, „zum Professor" in die 
Anstalt zu geben. 

In der Anstalt. 

Status praesens: Die körperliche Untersuchung gibt keinen patho- 
logischen Befund. Keine Degenerationsmerkmale. Patient ist zeitlich 
und örtlich gut orientiert, Merkfähigkeit und Gedächtnis sind gut. 

Ab und zu psychomotorische Erscheinungen im Sinne der Katatonie: 
Echolalie, Perseverationen und Stereotypien. 

Wahnideen meist unverständlich wie: er sei der „Fundit", er werde 
„stundiert". Man entziehe ihm die Gedanken, beeinflusse ihn auf allerlei 
unangenehme Art mit dem „Stundenglas". Er sei für die Volksaufklärung 
da usw. 

■Halluzinationen des Gesichtes habe er früher gehabt: er habe 
Gerippe mit Stundenglas und Hippe, Prauen und Indianer „kinemato- 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. 3 

graphisck projiziert" gesehen, so deutlich, daß man hätte „darauf spucken 
köanen". Gehörshalluzinationen wie: „Er sei der Fundit" habe er jetzt 
noch häufig, früher habe er noch mehr „Beschimpfungen gehört". 

Zahlreich sind die Halluzinationen des Körpergefühles: 
„El werde elektrisiert, man schnüre und presse ihm den Schädel — es sei 
manchmal, wie wenn er skalpiert werde", man mache ihm auch an den 
Geschlechtsteilen etwas, beobachte und durchdringe ihn immer mit Blicken 
u, dgl. Früher habe er viel onaniert und darüber Stimmen gehört, er habe 
damals gemeint, es sei das schlechte Gewissen. 

Zusammenfassung: Halluzinationen des Gehörs, Gesichts und 
Körpergefühls, Wahnideen, Sperrungen, Gedankenentzug, gelegenthch 
Echolalien, Perseverationen, Stereotypien. Steife, inadäquate Affektivität, 
Neigung zu starker Dissoziation, 

Klinische Diagnose: Schizophrenie (Dementia praecox). 

Aus der Anstalt schrieb Patient einmal folgenden Brief an die Eltern^) : 

Ich bin seit dem (Datum) fort in der Fremde. Ich kann von dieser 
Zeit an die Leute, bei denen ich aus und eingehe, nicht begreifen. Es dünkt 
mich manchmal, die Besitzenden haben den Verstand verloren, sonst 
würden sie mich mit Geld überschütten und nicht mit Geld erdrücken. 
Schlüssel zur Anstalt sind Geld und kosten Geld. Geld ist der Goldmensch. 
Den armen Goldmenschen verachten sie und achten das Metall. Ihr tierischer 
Körper besteht aus Fleisch und Knochen. Mit Fltisch und Knochen und 
Rückenmark besiegen sie die Seele. Die Seele besteht aus Verstand, Gefühl 
und Tier. Das Tier kann jeden Menschen bezwingen. Es kommt nur auf 
Mehrheit, körperUche Kraft und die Schlüssel an. Wenn alle vernünftigen 
Menschen Verstand hätten, würde allen Gefangenen, allen Verirrten, allen 
Kranken die Freiheit winken. Ein Kerl, wie ich bin, würde sofort laufen 
gelassen, wohin er wollte. Er würde seinem Verstandeswillen gehorchen. 
Unter den menschähnlichen Tieren, die man nicht einmal mit den nur 
halbvernünftigen Menschen zusammenrechnen darf, unterscheiden wir alle 
Sorten, die Raubtiere und die zahmen Tiere. Die Raubtiere sind vernünftig, 
aber nicht verständig. Sie sind von dem Geschlechtsleben und dem Mord 
regiert. Die zahmen Tiere sind nur noch von dem Geschlechtsleben regiert. 
Der Verstandesmensch, den wir mit keinem der Tiere mehr zusammenwolien, 
der sein Leben hygienisch einrichtet, der die Gesamtheit und nicht nur 
einzelne überbhckt, also einen weiten Horizont hat, überwindet das Tier 
und bleibt immer kalt und traurig. Bei diesen Worten denke ich nicht an 
den Körper. Dieser darf voll Gefühle, voll Atem und voll Blut sein. Bei 
Normalmensdien beherrscht der Verstand alles, es braucht nur ethno- 
graphische Überlegung. Wenn man alle vier Farben beobachtete, so würde 
man merken, daß Nietzsche und Nero null und nichtig sind gegenüber 
einem Normalmenschen. Nietzsche meinte mit dem Krieg: den Ver- 
standeskrieg. Die Leute ermorden heißt, sie aufklären. Mit der Hundspeitsche 
zur Frau heißt, sie von etwas überzeugen, so daß sie nachgeben muß. 

M Der Brief wurde einige Wochen nach Abbruch der Analyse verfaßt und 
wurdö mir von den Eltern gütigst überlas -Jen. 

1* 



4 W. Itten. 

Nietzsche trieb viele Menschen, die ihn nicht begriffen haben, zum Mord, 
aber war selber Normalmensch (andern). Er dachte : die Dummen gehorchen 
mir, die Gescheiten nehmen mich als Verstandesmenschen. Ihr könnt 
nichts tmi. Bleibt ruhig. Verständige helfen. Wer vernichtet — 

HerzUche Grüßff 
lOOOjähriger Mensch — mein Grott Euer 0. 

Analyse. 

Patient sagt einmal: Ich möchte hier nicht länger der „Pundit" 
sein. 

„Fundit" hat (wie alle Wörter) einen zehnfachen Sinn. 

Im Dorfe ist es einer, der aufklärt, der die anderen fundieren 
kann, der den Grund zur Bildung legt (etwa als Lehrer), der ein Jah ve 
ist. Ich war als Lehrer in T. der Dorffundit. 

Fundit ist femer: der Finder (Erfinder), der Erfinder der Onanie 
nämlich. Ich habe mit II Jahren im Walde die Onanie erfunden. Es 
bezieht sich aber eigentlich überhaupt auf jeden, der die Onanie selber 
erfunden hat. 

Fundit ist auch sonst der Finder, der Findige, der Merkende, 
Als ich z. B, nach B. in die Onanistenhölle (Gemeindelazarett) kam, 
wusch sich der begleitende Bruder die Hände. Da las ich zum ersten 
Mal an einem andern die Gedanken. Das hieß nämlich natürlich: er 
wusch sich seine Hände in Unschuld, lehnte damit jede Verantwortung 
für meine Intemierung ab. Mit dem Bruder konnte ich überhaupt 
eine Zeitlang am besten Gedanken lesen. Ich sah ihm nur in die Augen, 
ohne etwas zu sagen, es wurde mir dann immer klar, was er dachte^) 
(hier folgt eine Sperrung, Lächeln, dann wird Patient rot und bedeckt 
die Augen). — Einmal zählten wir in der Nacht, ohne ein Wort zu 
sagen, gleichzeitig das Ticken der Uhr. Das war aber früher. 

Fundit heißt auch: der Beobachter und Finder am Menschen, 
Dabei fand ich, daß die Menschen meist das Gegenteil von dem sagen, 
was sie denken. Falschheit ist ihr Hauptfehler. Ich selbst habe immer 
ein Scheinleben geführt. Aber ich habe wenigstens so gut gespielt, 
daß mir niemand was anmerkte^)." 



*) Patient illustriert hier einen seiner häufigen Exteriorisations versuche 
(Maeder). Die Stelle weist zugleich auf das frühere Vorhandensein einer homo- 
sexuellen Komponente, die wir später der Rivalität und Vateridentifikation 
werden weichen sehen. 

2) Patient versucht hier, seinen Negativismus zu erklären. 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. 5 

„Fundieren ist weiter: Das Wesen der Leute suchen und finden 
unter den Worten. Dadurch setzt man die Leute herab, weil man sie 
nicht nach ihrer aufgeputzten Oberfläche beurteilt. Man kann so das 
eigentliche Wesen, die tieferen Gründe einem Menschen unterlegen — 
fundieren. Mit dem, welchem man das macht, kann man dann machen, 
was man will: man kann ihm sagen, was man will, ohne daß er sich 
aufregt, man kann ihm sogar, fundierend, die Onaiue vorhalten. Nicht 
direkt, natürlich, sondern indem man einen der zehn oder mehr geläufigen 
Ausdrücke für Onanie braucht. Z. B. Chnüder (Knollen), verheiti 
Chacheli (zerbrochene Tassen), ^zerlumpte Strumpf u. a. m. (Diese 
Ausdrücke hat man alle schon gegen ihn fundiert)^). Indem man einem 
so das Wissen gibt, verleiht man ihm die Macht. Denn Wissen ist Macjit, 

Fundieren ist auch kurz: so reden, daß immer eine oder bis 
zehn Bedeutungen unter dem oberflächlichen Wortsinn liegt, so daß man 
die Wahrheit, den aufgeklärten Sinn^) einer Sache sagt. Ich war der 
geborene Fundit. Als dreijähriger Bube fand ich schon selbst die sexuelle 
Aufklärung bei einem Spaziergang mit der Magd^). Mit 11 Jahren fand 
ich die Onanie. Wenig später die Perspektive im Zeichnen: ich sah 
nämlich, ununterrichtet von selbst, daß jede Linie, die von der Augen- 
horizontalen abliegt, steigt oder fällt, auch wenn sie mit der ersteren 
parallel ist. In der Schule beobachtete ich immer die anderen. Ich 
las auch schon, wie ein sexuell Aufgeklärter die interessanten Sachen 
in den Klassikern, z. B. die Epen von Wieland. Später im Seminar be- 
obachtete ich immer die anderen und fand, daß jedenfalls Onanisten 
darunter waren." 

Wir sind damit allmählich zu den Größenideen des Patienten 
gekommen. Als Finder und Erfinder von vielem, das er in der Außen- 
welt nicht erkannt und gewürdigt sieht, mit der Hellsehergabe des 
„Funditen" versehen wird Patient zum Reformator seines Berufes 
als Lehrer und Erzieher des Volkes. Aus was für Komplexen diese 
Reformation herauswächst, zeigt uns das Folgende: 

,,Ich war im Dorfe der Jahve. Das ist der Jehova des Alten 
Testamentes. Das Wort setzt sich zusammen aus Jah und Ve. Jah 



^) Es ist sehr bemerkenswert, daß Patient in seiner Funktionstheorie all 
das subjektiviert und als Wahnidee nach außen projiziert, was sein schlechtes 
Grewissen früher als Anschuldigungen gegen ihn und sein Laster, die Onanie, an- 
genommen oder wenigstens verdächtigt hatte. 

*) „Aufgeklärt" ist dem Patienten identisch mit sexuell aufgeklärt 
(vgl. 8. 6). 

*) Vide die ,, Kindheitserinnerungen" des Patienten. 



ö W. Itten. 

heißt bejahen, verehren. Der Jah ist also der Bejaher und Verehrer 
der Ve, Ve bedeutet die Frau, das Weibliche, die Wehenhabende* 
Jah ist gleichzeitig auch == Mann. Also ist Jahve: der Mann und 
Verehrer der Frau. Da ich aber der Jah- ve (als wohlangeaehener, 
geistiger Lenker des Volkes) war, also das Jah und Ve auf mir ver- 
einigte, war ich gewissermaßen ein Ehepaar für mich, — als Fundit^). 
Wenn ich einmal freigelassen werde (ich bin ja gesund), dann will ich 
in der Stadt eine Probeschule abhalten. Ich werde nur praktisch lehren. 
So müssen mir aus der Geschichte alle Begebenheiten gleichsam von 
den Schülern aufgeführt und so vor den Augen aller wiederbelebt 
werden. Ich wollte auch schon immer die Schüler aufklären. Ich finde, 
dag Kind muß schon im ersten Lebensjahr aufgeklärt werden. Die 
Enthaltung der Muttermilch verkürzt schon ein Leben um die Hälfte'^), 
Man muß dem Kinde nichts verheimlichen und man muß ihm leichte 
Bettdecken geben, d, h. — (Sperrung, Lächeln) — ich meine man 
sollte die Kinder eigentlich hauptsächlich geschlechtlich auf- 
klären. Ich wollte das immer schon praktisch durchführen, aber 
die Welt ist etwas stürm (närrisch) geworden. Die Eltern wollen von 
nichts wissen^). 

„Ich möchte auch eine ideale Ehe. Das ist eine Ehe ohne Ge- 
schlechtsleben und ohne eigene Kinder. Ich möchte keine eigenen 
Kinder, weil mau das Leben hingibt an die Kinder, und zwar dadurch, 
daß man sich bei der Zeugung selbst hingibt und daß man den Samen 
gibt. Der Verlust des Samens ist ein Kräfteverlust und hat Verkürzung 
des Lebens zur Folge^). Der Fundit — tut das nicht. Er nimmt die 
Seelen anderer — wie er es bei der Onanie durch die Vorstellung einer 
Person tut — durch Adoption eines Kindes etwa^). Wenn man immer 

^) Ein schönes Bekenntnis autistischer Bisexualität, eine Grunderscheinung 
des überhaupt sehr starken Autismus des Kranken. 

^) Und außerdem will Patient nach einer andern Stelle der Analyse an 
den Brüsten der Mutter zuerst deren Geschlecht erkannt haben. 

^) Aus dem Weiteren geht hervor, daß Patient selbst den Eltern (haupt- 
sächlich dem Vater) wegen unterlassener, früher Aufklärung grollt. Dadurch kam 
er auf die Onanie und diese machte ihn krank; nach der „Aufklärung** des Vaters. 
Er will besser aufklären, indem er seine Wünsche für sich realisieren will. 

*) Der sehr aufdringhche Onaniekomplex des Patienten greift einen weit 
verbreiteten (auch in die Psychiatrie eingedrungenen und besonders in der Ätiologie 
der Dem. senilis lange erhaltenen) Aberglauben auf, verarbeitet ihn zu einer 
echt Bchizophren-aiitistisuheu Spermatheorie. Vide spätere Stellen dieser Analyse. 

*) Patient lehrt hier die Kunst, Kinder zu haben, ohne ans dem Autismu* 
herauszucrehen. 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. 7 

geschlechtslos leben könnte, würde man, glaube ich, ewig auf der Erde 
leben können. Nur Aufklärung der Jugend gibt Gleichgültigkeit gegen 
das Geschlechtliche und Nachlässigkeit und ausgeglichenes Leben. 
So würden im Alten Testament die Menschen alt. Es war immer einer, 
der, wie ein Riese, als Vorbild unter den Zeitgenossen ging: Moses, 
Ptolomäus, Sokrates, der gegen die Xanthippe ankämpfte (n. b. die 
Xanthippe war ein Weib, das sich dem Sokrates in verführerischer Absicht 
nahte. Als er sie von sich wies, mißhandelte sie ihn. Zuletzt hatte er 
zu wählen zwischen dem Giftbecher und dem Verkehr mit dem Weib. 
Er blieb aber standhaft und trank das Gift^). — Zuletzt der Papst 
(Einfälle zum Papst: Patriarch, Pater, deutsch = Vater, Täufer. 
Täufer waren Männer, die durch die Wassertaufe Menschen neu ent- 
stehen ließen, gewissermaßen neu machten. Er hatte so eine Art Jung- 
brunnen im Betrieb)". 

,Jch finde, der Papst ist der höchstentwickelte Mensch. Deshalb: 
Durch ausgewählte Funditen werden aus dem Volke neue Funditen 
ausgezogen und in Priesterseminaren zu gewandten Funditen heran- 
gebildet. Die geschicktesten werden Äbte und Bischöfe. Diese läßt der 
Papst wieder ein Examen bestehen und nimmt die besten zu Kardinälen 
und Erzbischöfen. Da nun aber der Papst im Urteil über allen steht, 
ist er der Größte und Höchststehende. Er ist es auch, der das 
Stundenglas mit dem Glaskörper (dem Augen- Glaskörper) des 
findigsten Funditen füllt, wodurch das Stundenglas^) hellsehend 
wird und mit elektrischen und Röntgenstrahlen ausgerüstet ist. Ich 
finde, er sollte die Aufklärung im Volk machen^). 

Das einzige, das ich in diesem Leben erreicht, gefunden habe, 
ißt, daß ich Menschen auf den ersten Blick kenne und alles Vergangene 
und alles Künftige weiß. Ich möchte jetzt meine Lehren verbreiten, 
öffentlich predigen. Theologie dünkt mich überhaupt das Schönste. 
Ich möchte öffentlich reden über das Neue und das Alte Testament 
und so das A^olk aufklären. Das Alte Testament ist das eigentliche, 
gute; dort ist Auf klärung. Alle, die es im Altertum nicht hatten, dadurch 

^) Nachtrag zum Gifte: „Ich mehae das Gift, welches ihn nie von der 
Xanttippe bestochenen Richter und Narren zu trinken zwangen. Es war aus 
Rache. Schierlingstee, so etwas soll es gewesen sein." Bei dieser Geschichte 
spielt Sokrates nur die Rolle eines vorbildliehen „Funditen'', der jede Libido- 
besetzung ablelint. 

*) Näheres über das „Stundenglas" siehe S. 11 ff. 

^) Was also im Sinne des Patienten hieße: Die Menschen von Jugend 
auf sexuell aufklären, sie dadurch sexuell gleichgültig machen, wenn möglich. 



8 W. Itten. 

unaufgeklärt blieben und onanierten, kamen in der Sündflut (sie !) um^), 
ertranken im Wasser. Durch die Aufklärung wurden damals die 
Menschen alt. — Im Neuen Testament dagegen ist viel Aberglauben 
und Mystik und wenig Aufklärung. Das ist die gerade Erziehimg zum 
Onanieren. Jesus selbst muß daher auch ein Fundit gewesen sein. Die 
Mutter Gottes war wahrscheinlich seine Stunde^). — Durch 
intensives, geistiges Versenken in die Persöiüichkeit wurde ich schon 
selbst Moses und Sokrates und der Papst sogar^)." 

„Ich fand auch, daß vom Urmenschen jedenfalls folgende drei 
Bässen abstammen: Die Neger oder Idealonanisten, deren 
Symptomfarbe das Schwarz ist, weil sie Sonnenkinder sind und nackt 
an der Sonne gehen. Sonnenkinder sind Gedankenblitzkinder. Die Ge- 
danken kommen ihnen, wie Intuitionen durch Strahlenblitze, die von 
der Sonne zur Erde gehen. Deshalb wären die Neger auch eigentlich die 
entwickeltsten Menschen, wenn sie durch Kultur und durch die Er- 
ziehung aufgeklärt wären. — Die zweite Rasse sind die Gelbroten 
oder Idealpolygamen, die dritte die Ideal monogamen oder 
Weißen. Diese sind unter ihren Kleidern zu Nachtschattengewächsen 
geworden, ihr Leib lebt, wie die Kartoffeln, vor Licht geschützt und 
ist dadurch haarlos und farblos geworden. Lebten sie nackt an der 
Sonne, so würden sie auch Farbe bekommen — die Kartoffeln grün 
und die Menschen schwarz*). — Es dünkt mich immer, die Kartoffeln 
seien das Sinnbild der Onanisten ! — Es ist auch so ein Chnüder (Knollen), 
der am Schatten vegetiert, — so vor Licht versteckt. — Wir sagten 
immer einem Lehrer, der ein Knot und Fundit war, der ,pomme de 
terre'. — 

,,Im Dorfe T. war ich nicht nur der Fundit, sondern auch der 
Apollo, d. i. derjenige, der im ganzen Dorf allein die Pollutionen 
bezwingen konnte, also der a-poUon, — der Pollutionslose. — Ich 
kam dort eines Abends mit meiner Kusine (das war die Jungfrau, 

^) Die Sintflut erhält später eine weitere Determination als Libidoüber- 
schwemmung, die hier den autoerotischen Grundsätzen des Patienten wider- 
sprechen muß. 

*) Ein äußerst wichtiges Dogma, wie wir später sehen werden. 

') Patient identifiziert sich hier offen mit den Vatersurrogaten. 

*) Diese Rasseneinteilung entspräche also folgenden Komponenten: 

a) Exhibitionisten, zugleich „Funditen aus Intuition*', reine Autoerotiker; 

b) Polygame, ausschweifende; 

c) verdrängte, mit unlustbetonten Vorstellungen behaftete Masturbanten, 
an ein Sexualobjekt Gebundene. 



Eeiträg-e zur Psychologie der Dementia praecox. 9 

mit der ich am besten fundieren konnte) in den Gesangverein, den ich 
dirigierte. Alle schauten wie hypnotisiert auf uns und ich konnte von 
da an gegen die Leute fundieren, soviel ich wollte ; sie waren mir wie 
Medien^). 

,,Ich finde immer, daß die Bauernsprache die Dichtersprache ist. 
Es ist da immer unter dem Wort eine Person mitverstanden, wenn 
diese Leute von Dingen oder Tieren reden. — Man redet z. B. von Knollen 
und meint damit gewisse Menschen. Ich habe dabei immer die Unter- 
gedanken erkennen können. Diese Personifikation der Dinge ist das 
Höchste, finde ich^). Früher habe ich auch gelegentlich gedichtet. 
Das Gedicht, welches mir am besten gefällt, ist von mir selbst gemacht. 
Ich weiß jetzt den Wortlaut nicht mehr, der Inhalt war etwa der: 
,Wie der Fluß unter einem hängenden Dach vorbeiströmt und wie 
der Regen vom Himmel segnend und fruchtspendend auf Fluß und 
Land niederströmt'. (Einfälle dazu.) Es fällt mir jetzt nur grad ein, 
wie in halbnassen Jahren die Erdknollen am besten geraten. Wenn 
sie zuviel Regen haben, dann werden sie faul — (, Sperrung, Lächeln')^ — 
Ich muß jetzt gerade denken, daß eigentlich — was eigentlich die Kar- 
toffel für ein Symbol ist. — Meine Mutter verstand immer so ausge- 
zeichnet Rösti (Bratkartoffeln) zu machen, — ich finde, das ist über- 
haupt die Idealspeise^).*'' 

Bereits im Vorangehenden sahen wir das Erfinder- und Reformer- 
glück unseres Introvertierten gelegentlich durch Konflikte gefährdet. 
Das Folgende soll uns mit den zu ausgesprochenen Verfolgungen 
ausgewachsenen Widerständen bekannt machen: 



*) Exteriorisation und Projektion eigener Gedanken anf andere lassen 
ihm diese durchsichtig erscheinen. Er glaubt sie nun zu durchschauen, ihre Ge- 
danken zu erkennen und (weil er deren Schöpfer ist) sie lenken zu können. Sie 
verlieren daher ihre Selbständigkeit und werden zu ,, Medien", wie er selbst zum 
Medium der ,,Stimde" wird. 

2) Die Begründung dieser Stelle gab uns Patient in seinen Definitionen 
des Punditen zum voraus. Sie ist aber überdeterminiert durch die feine Beob- 
achtung des Patienten, daß speziell der Dialekt der Landbevölkerung vielerorts 
ungewöhnlich reich an Personifikationen ist. Sie gab gewiß der Komplei- 
bereitschaft (oder Empfindlichkeit) des Patienten Nahrung für seine dort be- 
ginnende Krankheit. 

^) Dazu stimmt die Stelle aus ,,Erotik und Pflanzenwelt" von Aigremont, 
daß die Kartoffeln vielerorts wegen ihrer knolligen Perm als Skrotumsymbole 

benutzt werden. Dem Patienten ist das Buch unbekannt. Die anschließende 
Bemerkung über die Mutter und Rösti (Bratkartoffeln) findet später noch ihre 
Determination. 



10 W. Itten. 

„Die Freimaurer haben mich hier eingesperrt, — in Freie- 
Mauern, d. h. in Mauern, wo alles frei und erlaubt ist, selbst Unzucht 
und Mord (nennt einige Patienten, die sich unzüchtig benehmen oder 
von Mißhandlungen schwatzen, als Beweis). Ich denke, das ist überhaupt 
die Macht der Freimaurer, daß sie das machen können mit hinderlichen 
Menschen, welche die Volksaufklärung bringen, — darum haben sie 
auch einen weißen Schlüssel im Wappen. Weiß ist der Schlüssel, weil 
sie gegen außen sich unschuldig zeigen wollen. — Zu Hause wollten 
sie mich schon in ein Zimmer einsperren. (Wer?) — Der Vater — ich 
dachte schon, der werde wohl auch so einer sein^), 

„Können Sie nichts machen gegen dieses ,Stundieren'? Ich werde 
verfolgt, gemartert, gequält durch die Stunde. Die Stunde, auch 
Hora, heure, Hura (lacht) — griechisch Pythia, die Beobachterin 
und Hüterin der jungfräulichen Unschuld. — Ich stelle mir meine 
„Stunde' so vor: Es ist ein ältliches Weib, das immer im Zimmer 
nebenan sitzt und mich durch die Wand hindurch vermittelst des 
,Stundei^lases' beobachtet^). — Sie lauscht und beobachtet nicht 
nur, sondern studiert auch ihr Opfer, d. h. sie wirft ihm Worte in die 
Gedanken und bricht ihm so oft die Gedanken ab. Das tut sie vermittels 
des Stundenglases. 

„Das Stundenglas ist ein Gefäß, wahrscheinlich in Form eines 
Stundenglases etwa. Darin ist der Glaskörper eines hellsehenden Fun- 
diten, geladen mit Elektrizität und einer Art Röntgenstrahlen, Mit 
diesem Apparat schickt die Stunde die elektrischen Strahlen durch 
meinen Kopf, was martert und brennt. Dabei kann sie mir das Gehirn 
lähmen, engen und weiten und die Gedanken erkennen, bevor ich Zeit 
habe, sie auszusprechen. Dadurch, wie durch das direkte Entziehen 
der Gedanken durch unangenehme Gefühle oder das Hineinwerfen 
von Gedanken in meinen Kopf muß ich oft abbrechen und kann auf 
emmal nicht weiter reden (Patient hat in Wirklichkeit massenhaft 
Sperrungen). — ,Oder dann wirft sie mir eben irgend einen, aus dem 



*) Es gelang nicht, eine weitere erwartete Determination der „Freimaurer'^ 
als die eben gegebene, in einen negativen Vaterkomplex auslaufende (auf den 
Patient immer wieder hinlenkte) zu finden. 

*) In den Latinismen: hora, heure, hura mit Lachen und Erröten deutet 
Patient deutlich genug die Hure an. Das tiefere Bindeglied zu der äußerlich 
gegensätzlichen „Beobachterin und Hüterin der jungfräulichen (und einige Zeilen 
später auch seiner) Unschuld" ist dem Kenner Freudscher Theorien jetzt 
schon klar, wird aber bald noch deutlichere Derminationen finden. 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. 11 

Zusammenhaug herausgerissenen, manchmal ganz lächerlichen oder 
schamlosen Gedanken ein.'" 

„Das , Stundenglas' war wohl ursprünglich das , Gottesauge 
der Katholiken', das auf der Erde durch den Papst regiert ist^). 
Er hat es wohl mit dem Glaskörper gefüllt. Wahrscheinlich ist das 
nun so, daß, indem es die aus der Erde radiierenden Strahlen in einem 
Punkt vereint, ich, der im Mittelpunkt oder Brennpunkt der Strahlen 
stehende, durch den Kopf elektrisiert werde. Ich bin dann das Mediu m. 
Ich hätte immer gern einmal Experimente gemacht mit 
dem Stundenglas durch Füllung desselben mit meinem 
Samen^). Es würde so jedenfalls eine große Wirkung zu erzielen sein. 
Denn im Samen liegt Kraft, besonders viel im Funditensamen, — aus 
ihm entstehen Leben, Tausende von Kräften von erwachsenen Menschen 
könnten aus ihm entstehen. — Der Verlust des Samens ist Kräfte- 
verlust und Lebensverkürzung, also auch eine Sünde, weil man das 
Leben weggibt. Nur durch die geschlechtliche Enthaltsamkeit kann 
man alt werden, so alt man will fast^). 

,, Samen Verlust durch Onanie ist, glaube ich, eine schwere Sünde. 
Ich glaube, man kommt dadurch ins Zuchthaus, \nelleicht lebenslänglich. 
Sie beschädigt ujid schwächt den Körper und den Geist — • natürlich 
die Ehe auch, — durch Samenentzug. Man wird dadurch unfähig zu 
denken, weil man durch die Vorstellungen immer weggezogen wird. 
Mir hat sie zwar nicht so geschadet, glaube ich, weil ich früh entwickelt 
war und dadurch nicht so in den Gedanken abgelenkt werden koimte. 
Ich konnte immer noch denken dabei, — da schadet es nicht so oder 

^) Denn die ,, Maria (Mutter Gottes) war die Stunde Jesu" (vide oben) 
und der Papst ist ja der Vertreter Gottes auf Erden. (Nach früherer Definition 
S. 7.) Nun ist der Papst selbst der „höchststehende, oberste der Funditen**, 
füllt es danach offenbar selbst mit eigenem „Glaskörper". Die Identifikation 
mit dem Papste: ,, Durch intensives Versenken war ich schon selbst der Papst" 
führt zu dem Folgenden. 

•) Was eigentlich der Glaskörper sei, beantwortete Patient immer mit un- 
überwindlichen Sperrungen. Daß es sich um eine Identifikation mit dem Sperma 
handle, war aus dem Vorangehenden schon oft naheliegend. Nim bestätigt er 
selbst diese Vermutung mit seinem „Experiment". 

3) Eine der vielen Ambivalenzen des Patienten ist hier die: Er möchte 
einerseits schon lange gern das Stundenglas mit seinem Samen füllen, preist 
aber anderseits die Enthaltsamkeit als zu Gesundheit und Alter fahrend. Ich 
glaube, wir werden nicht fehlgehen, wenn wir diesen Konflikt dahin auflösen: 
Patient wünscht nur in das Stundenglas seiner ,, Stunde" den Samen abzugeben, 
sonst aber im Autismus zu verharren. 



12 W. Itten. 

nicht — vielleicht. — Ich bin aber ganz verkohlt durch die Stunde- 
Elektrizität. Ich bin einfach zerquält, — wie skalpiert, — es ist wie 
Reifen um den Kopf. iVlle Gefühle vergehen mir, — ich bin gleich- 
gültig gegen jeden und alles. — Ich fühle, daß ich nicht mehr aus diesem 
Zustand hinauskomme. — Ich war schon immer Augendiener. Ich 
kann zwar noch das Lachen machen, aber ich mache das nur so, denn 
ich kann ganz kalt bleiben auch beim Lachen. 

„Meine erste Stunde war, glaube ich die Johanna Spyri. (Darüber 
siehe unten.) In T. wohnte wahrscheinlich im Hause, wo ich wohnte 
eine Stunde. Jedenfalls merkte ich dort schon, daß ich durch die Wand 
beobachtet wurde, — elektrisiert wurde ich erst später. Vielleicht 
war es die Frau Pfarrer, — jedenfalls wurde dort vom Pfarrer und seiner 
Frau auch gegen mich fundiert. Sie machten das so, daß über irgend ein 
Thema gesprochen wurde, — z. B. über die Schule oder Benehmen 
eines Lehrers so und so und dabei meinten sie natürlich mich. Sie sagten 
auch von einem Kind, es sei so und so und meinten mich dartmter. 
Dort und später überall hörte man durch ein elektrisches, wohl draht- 
loses Telephon meine Gedanken durch die Wand hindurch. Ich merkte 
das oft an der Art, wie gegen mich fimdiert wurde, ob und was man mir 
in Gedanken gelesen hatte, z. B. ich dachte an etwas und sah Frau 
Pfarrer grad dorthin schauen, wo ich hindachte." 

,,Die Stunde hat mir auch Stimmen gemacht. Zum erstenmal 
ebenfalls in T. Ich hörte da auf einmal, nachdem ich schon einige Zeit 
gemerkt hatte, daß etwas im Anzug war, auf der Straße Buben über 
mich Schimpf Worte wie: He Onanist, Sauhund u. dgl. noch ganz anderes 
flüstern. — Ich führte aber alle ab, indem ich immer das 
Gegenteil vom Gehörten laut vor mich hinsprach^). 
Schließlich machte ich sie so davonlaufen. So machte ich es nachher 
auch mit anderen Stimmen. Jetzt habe ich fast keine mehr. — 

,,Ich hatte dort auch meine erste kinematographische Projektion 
(Vision, Halluzination). Ich erkläre mir nämlich diese Erscheinungen 
so, daß durch das Stundenglas von der Stunde Erscheinungen an die 
Wand projiziert werden. — Damals, bei der ersten, erwachte ich aus 
dem Halbschlaf plötzlich und sah auf dem Fenstergesims deutlich einen 
verdächtigen Klumpen, fast wie eine Hand. Ich sah schärfer hin und 
bemerkte, daß es wie eine Kröte wurde, aus der sich allmählich ein 

1) Patient sucht hier seine GeAvissensstimmen zu überschreien. Die Stelle 
gibt Anzeichen heftigster Widerstand'^tendenzen gegen die Krankheitskomplexe 
im Anfange der Krankheit. 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. 13 

Schlangenkopf entwickelte, der sich an einem kurzen Leibe wand. 
Ich sprang nun mit eiaem. Satz hinzu und schlug mit der Hand, zugleich 
fest packend, darauf. — da hatte ich ein Stück Brot in der Hand. — 
„Das sah grad so aus" — (Sperrung, Lächeln, Erröten, Bedecken der 
Augen nach einiger Zeit:) — ,,Ich finde, wir fundieren jetzt ein bißchen^)" 

„Nach der Entlassung aus dem Spital (der ,0nani8tenhölle') 
hatte ich die kinematographische Vorstellung: Ich sah den Dr. X 
(Spitalarzt) mit furchtbar maskenhaft verzerrtem Antlitz, grad wie 
dasjenige eines Menschen, der erwürgt wird. — Verdient hätte er'a 
schon^). 

Die Onanistenhölle taufte ich das Gemeindespital, weil darin, 
lauter eingesperrte, von ihrer Stunde dorther geschickte Onanist-en- 
funditen waren. Die Onanie war ihre Krankheit^). Die wurden da alle 
von der Stunde durch Engen und Weiten des Gehirnes vermittels 
elektrischer Strahlen gebrannt und gequält. — Mich wollte dann der 
Dr. X, weil ich die Lage erkannte und protestierte und schimpfte, 
mit gewaltsam gemachten Injektionen vertieren*). Ich wurde darob 
so aufgeregt und tierisch- wild, daß ich einen Wärter wie ein Tiger 
angriff und ihn zu Boden rannte. Man tat mich dann ins Ja-red. Das 
Jared ist eine Art von Kerker (Zelle für Unruhige), wo diejenigen 
Kranken, oder besser gesagt Onanisten eingesperrt werden, welche 
ihre Situation erkennen und deshalb ja-reden, d. h. die Wahrheit 
reden und gegen Unrecht protestieren. 

Ins „Jared'' kamen die tiefsten Menschen (ambivalent: tief 
stehend und tiefgründig). Das sind die Menschen, welche vom Tierischen 
am weitesten entfernt sind. Ich hatte einmal eine kinematographische 
Projektion, die war, glaube ich, so: Ein Adler, riesengroß, hing in dei 
Luft mit ausgebreiteten Fittichen, wie ein Adler in einem Wappen. 
Darunter war ein Berg, auf dem zu oberst Könige und hohe Priester 



^) Hand-Kröte und Schlange genügen an sich, um diese Vision als pro- 
jizierte Masturbationsphanfcasie zu deuten. 

2) Eine projizierte Rachephantasie gegen den Dr. X. 

3) Die , ,Onanistenhöhle" ist nach Patient also ein Korrektionshaus für 
Masturbanten mit Mutterkomplexen. Diese werden von ihren Müttern zur Strafe 
daher geschickt und gezüchtigt. 

*) In Wirklichkeit wurden dem Patienten Morphiuminjektionen gegen 
Aufregung gemacht (laut Mitteilung des Vaters des Patienten). Die „vertierenden" 
Injektionen von Dr. X sind überdeterminiert durch eine passiv homosexuelle 
Komponente. Seine Auflehnxmg dagegen inspiriert ihm die oben zitierte Rache- 
vision von dem Erivürgen des Dr. X. 



14 W. Itteii. 

und, glaube ich, noch Tiere, wie Löwen und Königstieger u. dgl., waren: 
gegen unten kamen immer mehr Menschen. Zu unterst im Tale, es 
dünkte mich, fast, wo ich stand, waren die „tiefsten Menschen", — das 
wird wohl heißen: die tiefgründigsten Menschen, die den tiefsten Grund 
einnehmen, am besten zur Erde halten, — die ewig leben wollen auf 
der Erde, die am meisten vom Tierischen weg sind, also geschlechts- 
los leben^). 

„Die Bezeichnung Stundenglas stammt vielleicht hauptsächlich 
von einer kinematographischen Projektion her. Ich sah einmal in der 
Nacht ganz kurz an der Wand Gebeine, ganze Gerippe mit Toten- 
schädeln, Fratzen und Köpfen von Bundesräten herumtanzen, Anfangs 
war es mir auch, als sähe ich etwas wie ein Gefäß, vielleicht ein Stunden- 
glas in den Händen eines Gerippes, das mir der Bundesrat X. zu sein 
schien. Aber das Stimdei^las mußte wohl im Zimmer nebenan sein, 
mit dem wurde ja die Vorstellung gemacht. Ich dachte mir aber, das 
sei jetzt grad wie im Gedicht die Gerippe mit Stundenglas und Hippe^). 
Unter den Gerippen sah ich auch den Dr, X und den Pfarrer in T. 

,, Sterben ist das Absterben einer Maschine, bei mir: der Stunde. 
Während ich lebe, erhalte ich von ihr, durch das Stundenglas die 
Gedankenblitze (Intuitionen), die aus den von der Erde zur Sonne 
zurückgeworfenen Strahlen bestehen. Mit jedem Gedankenblitz werden 
mir 10 bis 20 Gedanken unter das Wort gelegt. Je mehr Gedanken 
unterlegt werden, desto höher organisiert ist der Fundit. — 

„Durch das ewige Elektrisieren oder Durchblitzen ist aber jetzt 
mein Gehirn schon ganz weich, es wird zum Medium, einer halb gas- 
förmigen, halb festen Substanz. Ein Medium ist aber auch ein Mittel- 
(ding) oder Vermittler, durch den man andere ziun Glauben verleitet. 
So wirken die Theologen-Funditen." 

1) Diese sehr beschönigende ErkErung der Halluzination sucht den ur- 
sprünglichen Sinn negativistisch umzudeuten. Die Halluzination war augen- 
scheinlich eine Geburt des schlechten Gewissens unseres Patienten und hieß 
etwa: Du mit deinen zwei schweren Lastern Onanie und Inzestgedanken Be- 
hafteter gehörst auf die unterste Stufe der Menschheit.- 

«) Diese Halluzination bedeutet ein Gericht über seine Feindet Bundesrat 
X. ist ein „Freimaurer" (also an semer Intemierung beteiligt), der Pfarrer in T. 
hat gegen ihn fundiert, der Dr. X ihn mißhandelt; alle werden noch eine weitere 
Bedeutung als Vatersurrogate erhalten. Einer hält ja (mit verdächtiger Ungewiß- 
heit allerdings) das Stundenglas. Dieses dürfte eher aus einer Verdichtung von 
,, Stunde" (welche er uns als die weniger verfängliche Übersetzung von hora, Hura 
vorstellte) und Glaa (aus dem „Glaskörper") als aus der Halluzination ent- 
standen sein. 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. 15 

Einige Kindheitserinnerungen des Patienten. 

Patient gibt an, er habe aus seiner Jugend noch allerlei „Vor- 
stellungen". Bis zum dritten Jahre sei alles unscharf, wie Träume. 

1. Im dritten Altersjahre: Ein Knecht schlug am Wegrand 
mit einer Peitsche auf ein zusammengebrochenes, verwundetes Pferd, 
das sich nicht erheben konnte. Die Mutter eilte herbei und entriß dem 
Knecht die Peitsche. 

2. Aus dem vierten Altersjahr: Ein Spaziergang mit einer 
Magd. „Gewisse Erlebnisse dabei — ich sage sie nicht gern — . Nun, 
mein Hut war mir über ein Straßenbord hinuntergerollt. Ich lief ihm 
nach. Als ich zurückkam, sah ich — ich hatte vorher geglaubt, die 
Frauen hätten nicht Beine wie wir, sondern nur zwei kurze Stöck- 
chen, grad so lang, wie sie den Frauen unter dem Rock hervorgucken.— 
Und dann sah ich — nun, sie hat gerade das Wasser gelassen. Ich sah 
dabei, daß etwas fehlte. 

3. Der Vater mußte oft den Großvater im Wirtshaus holen. Er 
war darum etwas lästig in der Familiö. Da erzählte der Vater einmal: 
Es sei ein hochmütiger Mann gewesen, der dem Vater nichts mehr 
gönnte und ihn vor der Türe aus einem hölzernen Napfe essen ließ, 
weil er alt und zitterig war und dadurch das gute Geschirr zerbrechen 
könnte. Eines Tages sah der Mann seinen Buben vor dem Hause eifrig 
mit Schnitzen beschäftigt. Auf die Frage, was er da mache, antwortete 
der: Einen hölzernen Napf für dich, wenn du alt und zitterig bist. 

4. Einmal zeigten ein Bub und ich uns im Versteckten gegne- 
seitig den Penis. Ich hatte schon Angst, aber doch Freude dabei. 

5. Schon früh hatte ich eine besondere Freude an Pferden. Ich 
machte mir solche aus Holz, machte ihnen Ställe, ritt und behandelte 
sie, als wenn es wirkliche Pferde wären. 

6. Ich hatte eine Lehrerin sehr gern und verehrte sie wie eine 
Göttin, wie die Mutter. Da sagte mir einmal ein Bub, die mache wohl 
etwas Ungeziemendes in ihrem Zimmer oben. Das beschäftigte mich 
dann lange sehr und ich konnte sie von da an nicht mehr so achten, 
imd lieben wie vorher". 

Nachdem unser Patient eine Reihe seiner hauptsächlichsten 
Krankheitserscheinungen erklärt und damit das Verständnis für den 
psychologischen Inhalt seiner Krankheit weitgehend vorbereitet hat, 
wird er uns im folgenden auf den Kern, die Grundkomplexe weiter- 
führen. Wir werden ihn nun etwas öfter unterbrechen müssen als bis 
dabin. Aber auch hier wird es weniger der ergänzenden Erklärungen 



16 W. Itten. 

des Untersuchenden bedürfen als vielmehr des einfachen Heranziehens 
xmd Vergleichens mit anderweitig gegebenem Material des Patienten. 
Inhaltlich vorgreifend, setze ich an die Spitze des nächsten Abschnittes 
als Titel 

Der Mutterkomplex. 

Patient bemerkt einmal: „Ich war immer so: Ich hatte gegen- 
sätzliche Grefühle für alle. Ich liebte und haßte sie gleichzeitig^). So 
besonders den Vater und die Mutter^). Ich liebte und achtete besonders 
die Mutter, hauptsächlich wegen jener Geschichte mit dem 
verletzten Pferd (1. der Kinheitserinnerungen)=*). Ich mußte sie 
von da an verehren und die Tierquälerei verachten. — Bis zum vierten 
Lebensjahr war wohl meine Mutterliebe am stärksten. — Später lernte 
ich auch sie hassen, — wegen der Streitigkeiten — besonders, wenn 
sie in einer Sache gegen mich zum Vater hielt^). Dann mußte 
ich sie wegen ihrer Fehler, die ich erkannte, verachten ; denn ich verachte 
die Dummheiten. — Jetzt weiß ich fast gar nicht mehr, was Liebe 
imd Haß ist. Den Willen, Gefühle zurückzuhalten und zu beherrschen, 
ehre ich. Nur Gleichgültigkeit ist mit geniaP)." — 

,,Ich habe mich früh für den Unterschied zwischen Mann und 
Frau interessiert und habe, glaube ich, meine ersten Studien an der 
Mutter gemacht. — Ich hatte z. B. schon ganz früh gemerkt, daß sie 
Brüste hatte und der Vater keine^). 

j,In der Schule und im Seminar habe ich besonders gern schöne, 
antike Frauengestalten gezeichnet: die Venus und die Tänzerinnen 
von Herculanum und Pompeji. Die habe ich manchmal auch gemalt. 

^) Ein schönes Beispiel von Ambivalenz, zu deren klinischer Analyse ich 
hier auf die Arbeit Bleulers: „Zur Theorie des schizophrenen Negativismus** 
(Psych.-Neurol. Wochenschr., XII. Jahrg., Nr. 18 ff.) verweise. 

2) Allerdings mit ungleich verteilter GJefühlsbetonung, wie das Folgende 
lehrt. — 

^) Wir werden diese Stelle später noch zu würdigen haben. 

*) So betont Patient selbst den Haß des gekränkten Liebhabers. In diesem 
und dem folgenden Satz differenziert er sehr fein „hassen" und „verachten". 

^) Hier, nicht ganz zufällig an die Fehler der Mutter anschheßend, wendet 
sich Patient wieder der autistischen Gleichgültigkeit zu, die ihm aber nur für 
die breitere Außenwelt gehngt. Gleich darauf kehrt er schon zu seinen Grund- 
komplexen zurück und hier ist er sehr empfindsam. 

®) Er sei damals weniger als 3 Jahre alt gewesen, ergänzte er einmal. Das 
Stillen gehört übrigens nach den Theorien jdes Patienten zur geschlechtlichen 
Aufklärung. 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. 17 

(Einfälle zu ,antik'alt, — auch bejahrt, Antike ist im Studentenjargon 
auch = die ,Alte*), — Ich habe selbst nie — d. h. doch, aber an einem 
Ort, wo es — eine nackte Frau gesehen. Mit dieser habe ich verkehrt — 
wo, sagt man nicht gern. 

..Ich habe einem Vater die Tochter geraubt. Darob wurde 
er böse und half mich in die OnanistenhöUe schmeißen. Sie war, glaube 
ich, die Johanna Spyri in verjüngter Auflage^). Diese war 
nämlich meine eigentliche, geistige Mutter. Sie hatte durch 
geistige Mittel mein Herz verbrannt, — sie hat mir ideale Träume 
und Gedanken gegeben. So waren wir in Träumen zusammen auf dem 
Rütli, ~ dem stillen Gelände am See [Waren Sie einmal dort?] — 
ja, ich glaube, an einer Schülerreise. [Können Sie es beschreiben?] 
Es ist eine Waldwiese, unter der See — ich finde, daß man die anderen 
Verse am Rütlilied auch singen sollte — man hört fast immer nur 
zwei. — [Wie heißen die?] — Ich glaube so: 

Dort stöhnte des Tapferen Stimme 
Tief unten, im grausen Verlies, 
Dem bübisch im lüsternen Grimme 
Der Zwingherr die Gattin entriß. 

Dort weinten und ruften die Waisen, 
Sie hatten die Mutter nicht mehr, 
Sie lag beim Tyrannen im Eisen, 
Den Vater durchbohrte der Speer. 

Ich finde immer, diese Verse seien die besten am ganzen Lied. — 
Es ist etwas so Wehmütiges darin. — Es dünkt einen manchmal, als 
sei ich auch so ein Gevogteter^)." — 

Leider gelang es nicht, hier den Patienten zu weiteren Asso- 
ziationen zu veranlassen. Bndlose Sperrungen, Ausweichen isolierten 
bald die Komplexe. Dann folgten entweder negativistische Phrasen 
oder Beweisführungen für seine Gesundheit, Fragen nach Entlassung 
u. dgl. Dafür werden wir im Abschnitt vom Vaterkomplex noch einige 
Bestätigungen für die ohnehin durchsichtigen Identifikationen des 
Patienten finden. 

1) Einmal fragte Patient spontan „ob nicht der Bundesrat M. der 
Vater der Joh. Spyri sei". Der Bundesrat M. ist das am häufigsten genannte 
Vatersurrogat des Patienten. 

ä) „Bevogtet" ist mehrfach determiniert. Emmal ist er, als geisteskrank 

entmündigt (= bevogtet), dann ist er durch die Internierung ,,bevogtet", ein- 

geäperrt, verhindert, seine Lehre zu verbreiten. 

o 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. ForsehiingeB. V. 



ly 



W. Itten. 



er- 



,,Ich habe Sehnsucht nach meiner Braut (sagt Patient eia and. 
mal). — Zwar habe ich aie auch gehaßt. — Ich haßte sie, weil ich >o 
viel Mühe hatte, sie zu erobern. Ich mußte mir dann immer vorstellen: 
sie will dich nicht, sie ist für dich unnahbar. Das reizte mich und war 
mir eine Ehrverletzung. Dennoch mußte ich fast immer an sie denken, 
wenn ich an eine Frau dachte. Ich dachte dann, ich würde sie vei'- 
ehren wie meine Mutter." 

Auch die Braut des Bruders identifiziert Patient mit der 
Mutter: „Sie war mir das Ideal einer Frau, — ich mußte ,sie 
immer mit meiner Mutter vergleichen. Sie fundierte zwar auch 
mit dem Bruder gegen mich, aber ich merkte es immer. — Ich fundierte 
daher auch, ohne Merken des Bruders^), mit dem Bruder gegen sie. 
Z. B. sagte ich ihm so: Sie (die Braut) hat jedenfalls viel Holz vor dem 
Haus — wohl paar Klafter." (Viel Holz vor dem Hause haben heißt 
im Bauernjargon: große Brüste haben, Klafter ist ein altes Maß, welches 
die Bauern schätzungsweise etwa noch mit ausgebreiteten Armen 
messen.) 

„Meine erste Stunde war jedenfalls die Johanna Spyri. Ich merkte 
ganz gut, wie sie mit ihrem Apparat von ihrer Station im Zimmer 
nebenan oder oben aus meiner Nähe wegzog. Es war, wie wenn es leer 
würde im Hause. ~ Dann trat, ganz kurz, an ihre Stelle ein älterer 
Mann. Ich dachte, es könnte vielleicht der Bundesrat X, sein. Den 
ödete ich aber hinaus." 

Ein Durchgehen des Materials zeigt uns ferner die Mutter in 
den ersten Kindheitserinnerungen. Er will an ihr die erste sexuelle 
Aufklärung gefunden haben: Er „merkte schon ganz früh, daß die 
Mutter Brüste hatte und der Vater keine". Eine früheste Kmdheits- 
erinnerung sei Veranlassung zu einer großen Verehrung der Mutter 
geworden: Ein Knecht hieb mit der Peitsche auf ein am Wegrande 
niedergesunkenes, verwundetes Pferd ein. Die Mutter sprang herbei 
und entriß ihm die Peitsche. Patient will sich dabei geängstigt haben. 
In seinen freien Einfällen zu dieser Geschichte legt uns Patient die 
Deutung nahe. Freie Einfälle zu Knecht: — ,JIein Vater sagte mancli- 
nial, man sei der Knecht der Pflicht — (Sperrung, Lächeln) — es wäre 
jetzt bald Pflicht, mich hier hinauslaufen zu lassen.'' — Einfälle zu 
Pferd: — ,,Ich bin mir auch manchmal vorgekommen, wie ein zu- 
.^amineirg ebrochener Gaul. — Ein Eeitpferd, ein Lasttier, ein Vieh, 

■} i>e:- Bruder i^t also de: Hintergangf^iie. de. vom Phantasiespiel des 
i-*;itieniX'n mit s^jiner i3]aut nichts merkt. 



Beiträge zui- Psychologie der Dementia praerox. ll* 

das viel zu tragen hat — (nach längerer Sperrung) — i^t eiij*'ntlich 
da nichts zu machen gegen dieses Stundieren? — Ich glaube, wenn 
man mich laufen ließe, würde das auch besser'". — 

Mit diesen erklärenden Einfällen begründet Patient deutlich 
die Bedeutung dieser Kindheitserinnerung und ihre Unvergeßlichkeit. 
Er identifiziert sich selbst mit dem Pferd, das als Libidosymboi bekannt 
ist^). Mit dem mißhandelnden Knecht setzt er den Vater in Beziehung. 
Die Mutter kommt ihm zu Hilfe und entreißt dem Vater die Peitsche, 
führt damit symbolisch den Wimsch des Patienten aus: sie nimmt 
dem Vater die Macht. Die frühe Vorliebe für Pferdespiele, wie sie 
Patient in seinen Kindheitserinnenmgen betont, erhält damit ebeufsiils 
ihre Erklärung: Er möchte selbst seine Libido reiten, zügeln, h*^- 
herrschen können und dem seine Libido mißhandelnden Vater die 
Peitsche entreißen, ihn (mythologisch) entmannen. 

Sehen wir uns nun die ,, Stunde" etwas näher an: 
Die Stunde ist, nach seinen Angaben und Einfällen, ein ält- 
liches Weib, das im Zimmer nebenan oder oben ist, ihn be- 
ständig vermittels des Stundenglases beobachtet, ihm 
die Gedanken unterbricht, oft lächerliche und schamlose 
Gedanken in den Kopf wirft, wüste Stimmen und Gc^ichts- 
halluzinationen macht, ihn elektrisiert und quält. Seine 
erste Stunde war Johanna Spyri^), seine eigentliche, geistige 
Jlutter. Sie gab ihm ,,idealeTräume", verbrannte aber auch .,durr]i 
geistige Mittel sein Herz*'. 

An Stelle der Johanna Spyri wollte ein Mann treten, der Burv le^r? t 
M., oder, nach einer 'andern Angabe ,, vielleicht der Papst sselbsf '. 
Beide identifizierte Patient mehrmals mit dem Vater. Diesen wulite 
er aber bald „hinauszuöden'*. Die Nachfolgerinnen waren wieder 
ältere Frauen; so die Frau Pfarrer in T., die ihm eine zweite 
^lutter war. Also eine weitere Mutterbedeutung der Stunde. 
An einer andern Stelle der Analyse sagt Patient: 
,, Jesus selbst war ein Fundit, die 3Iutter Gottes war 



^) Ich cdniicre nur au die Traumdeutung Freude, S. 20'' tf, lujd -n 
den Pferdetrairu in Jun^s Dementia praecox, S. 6ö ff. Oaselbst {'^. 7-"> f.) ^iiuleii 
sieh auch Aufklärungen über den Begriff und die Anwendunr^ dea Symbols, dessen 
reichste Behandlung Jung in seiner Arbeit Wandlungen und Syii^bol '1 • . 
Libido (dieses Jahrbuch, III/l imd IV/1) gibt. 

^) Eine bekmmte schweizerische Kimlftr-^chriftstel'crin. 



20 W. Itten. 

seine Stunde." Damit betont Patient selbst die Bestimmung 
der Stunde als Mutter. 

Wir wissen ferner, besonders aus Arbeiten Freuds (Traum- 
deutung, Drei Abhandlungen u. a.), daß die infantile Phantasie und die 
aus dem Infantilen übernommene kranke, neurotische und auch die 
schizophrene Phantasie oft die Mutter als Prostituierte behandelt. 
Unser Patient weist in seinen Erklärungen der Stunde mit „Hure" 
deutlich daraufhin. Mit der „Beobachterin imd Behüterin der jung- 
fräulichen Unschuld" imd mit der Beobachterin seiner selbst gibt er 
der Stunde klare mütterliche Attribute. Durch seine Ausführxmgen 
bringt uns unser Patient auch unzweideutig auf die Bedeutung des 
,, Stundenglases". Das Stundenglas ist danach ein Apparat, durch 
den ihn die Stunde elektrisiert, ihm lächerliche oder scham- 
lose Gedanken und Stimmen macht, sich immer und immer 
wieder in seine Gedanken drängt, seine gewollten eigenen Ge- 
danken unterbrechend. Der Papst füllt es mit dem Glaskörper 
des findigsten, entwickeltsten Funditen, oder, da er selbst 
der entwickeltste, höchststehende, findigste Fundit ist, mit seinem 
eigenen Glaskörper. Ursprünglich war das Stundenglas ja auch 
das „Gottesauge der Katholiken". Auf die Frage nach dessen 
Bedeutung antwortet Patient schreibend: „Es (das Gottesauge) war 
verkörpert in der Maria Mutter Gottes^).*' 

Bei anderen Patienten wird das Auge oft als Symbol des weiblichen 
Genitales gebraucht. 

Unser Patient meint: „Er möchte Experimente machen 
durch Füllung des Stundenglases mit seinem Samen/' 

Nach alldem wird unter dem Stundenglas kaum etwas anderes 
verstanden werden können als das mütterliche Genitale. Mit anderen 
Worten: Patient projiziert seine immer und immer wieder 
gewaltsam aufdrängenden Inzestphantasien gegen die 
Mutter als die Wahnidee von der „Stunde" und vom „Stun- 
denglas" nach außen. Die Macht dieser Inzestphantasien auf den 
Kranken ist eine so große und fortwährende, daß er selbst glaubt, 
„nie aus diesem Zustande herauszukommen". Der Tod ist für ihn 
,,das Absterben der Stunde und des Stundenglases", d. h.; Mit dem 
Aufhören des inzestuösen Sexualobjektes wird auch s^ine Libido ab- 

*) Vgl dazu Jung: „Wandlungen und Symbolik der Libido", II. Teil. 
Die Bedeutung des Auges als weibliches spezifisch mütterliches Organ. Ich konnte 
diese Arbeit leider nicht mehr benutzen. 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. 21 

sterben, weil sie keiner andern Besetzung fähig ist. Diese Erfahrung 
hat er übrigens an seinen wenigen Besetzungsobjekten selbst gemacht. 
Er konnte nur solche weibliche Wesen schätzen und lieben, [welche 
er mit der Mutter identifiziert. So seine ,, Braut", die Braut des Bruder.s, 
Johanna Spyri, die Frau Pfarrer. Diese waren auch alle älter als er. 

Der Vaterkomplex. 

Bei einer so starken, positiven Mutterübertragung wie der unseres 
Introvertierten mußte der Vaterkomplex wohl negativ ausfallen. 
Der Kranke gibt zwar an, er habe den Vater auch verehrt seit der 
Geschichte vom ,, hochmütigen Sohn" (siehe Kindheitserinnerungen, 
dritte Geschichte), der den Vater mißhandelte und dem es sein Sohn 
einmal gleich machen ^vill. Ein etwas seltsamer Verehrungsanlaß, 
aus dem der Ödipuskomplex hervorschaut, ähnlich wie in der ersten 
Kindheitserinnerung, wo dem Vater die Peitsche entrissen wird. Daneben 
war der Vater ein unbequemer Mann. ,,Er tat nichts für meine Auf- 
klärung," sagt ihm Patient nach. Er suchte diese sogar zu verhindern, 
indem er mir Bücher, aus denen ich die Auf klärung schöpfte, z. B. den 
Wieland, wegnahm." Das war in den Augen des Patienten ein schweres 
Vergehen. Denn durch die Aufklärung, meint er, werde der Verfall 
in die Onanie verhütet, wodurch man vor geistiger und körperlicher 
Erkrankung bewahrt bleibt und fast so alt werden kann, als mau will. 
Mit der Verhinderung seiner Aufklärung wollte ihn also der Vater 
verderoen. Die Motive dazu läßt Patient aus dem Folgenden hervor- 
sehen : 

„Er wollte oft die Mutter gegen mich einnehmen, wenn die^e 
mir recht geben wollte," und an anderer Stelle sogar ,,war er eifer- 
süchtig auf mich, wenn ich mit den Leuten gut auskam, mit denen 
er nicht auskommen konnte, z. B. mit der Mutter, wenn er mit ihr 
Streit hatte." Also die Eifersucht auf den Sohn war es, die den Vater 
zu seinem feindlichen Verhalten veranlaßt habe. Der Patient hat dafür 
gegen ihn ,,ein Scheinleben geführt, aus Rücksicht auf ihn (weil er 
religiös war) habe ich den Religiösen gespielt, ich war aber immer 
freisinnig". Welcher Art seine gespielte Rücksicht und sein wirklicher 
Freisinn war, haben wir aus den Wahnideen gesehen. Unter diesen 
Wahnideen steckt der Onaniekomplex und unter diesem der inzestur>se 
Mutterkomplex, und zwar überall, wo man analytisch in die Tiefe geht. 
Diese Inzestphantasien zwingen ihn natürlich zu einem Scheinleben 
dem Vater gegenüber. 



'^^ \Y. rtten. 

Als die Johanna Spyri als Stunde abtrat und ein „Alter" an ihre 
H teile treten wollte, wurde er, ganz gegen sein sonstiges Verhalten 
der Stunde gegenüber, schlecht empfangen. Patient wollte den nicht 
und ruhte nicht, bis er ihn „hinausgeödet hatte''. Er nannte ihn 
, .Horcher, Schuft, gemeiner Kerl*' und trug sich mit dem Plan, ihn mit 
Dynamit in die Luft z\x sprengen. Nicht besser läßt er es dem Vater 
in der ersten „kinematographischen Projektion'' (Gesichtshalluzination) 
ergehen. Dort tanzt sein Kopf unter grausigem Totengebein herum. 

De^j Kranken Sympathie zu den zitierten Versen des Rütliliedes 
wird nun begreiflich. Unter den Waisen „Dort weinten und ruften 
die Waisen, Sie hatten die Mutter nicht mehr") beklagt er sich selbst. 
Die Verse ,,Sie lag beim Tyrannen in Eisen, Den Vater durchbohrte 
der Speer" enthalten eine Kachephantasie gegen den Vater. 

Verschiedene Stellen der Analyse lassen vermuten, daß im 
Patienten eimnal auch eine ziemlich starke Vateriibertragung bestanden 
hat, deren Reste noch da und dort durchblicken. Aus dieser Quelle 
mag auch die anfangs recht gute Übertragung auf den Arzt, der ich 
die große Freigebigkeit des Patienten in seinen Produktionen verdanke, 
gestammt haben. Aber sie hielt imr kurz und soll gegen seine späteren 
Ärzte und Wärter versagt haben. Sie spielt denn auch in der Analyse 
gegenüber der starken Mutteriibertragvmg eine kleine Rolle. 

Späterer objektiver Bericht über das Vorleben. 

Patiein- stammt aus einei' selu zahlroiclien Kamille. IMq Aufmerk- 
sHiiikcit der )iel)i>nbei geschäftlich stark bcan.spruchten Eltern verteilte 
sicli auf zw viele. Patient war das Zweitälteste von 12 Kindern (wovon 
9 leberd). Als von jeher etwas fechvvächliolv^s Kiiid war er außergewöhnUch 
aahänglieh. beständig um die sehr gutherzige Matter, deren besonderer 
Liebling er war. Die Mutt-er nennt ihn noch jetzt „ihren hebsten Jungen*' 
und gerät in sehr starke Affekte, v.-eü]i sie klagt, daß gerade ihm, der doch 
das sanfteste, anhänglichste, gutherzigste Kind gewesen sei, diesesSchickaal, 
die Kiankheit. zuteil geworden sei. Der Vater ist ein sehr tüchtiger, recht- 
scliaffoier Mann, gut, aber streng. Als Leiter einer Anstalt ist er allgemein 
geachtet, auf seine Pfleglinge hat er einen guten, vorbildlichen Einfluß. 
Heide Eltern sind gesund religiös, }ücht frömmlerisch. 

Der Vater eriuuert sich, den Patienten der Masturbation überwiesen 
zu haben. Er tadelte ihn, warnte ihn, „das ruiniere Geist und Gesundheit'', 
und gab ihai eine :^ehr scharf gehalteiie Warnschrift dagegen zu lesen. Erhatte 
daniiilN den Eindruck, als ob sich Patient das sehr stark zu Herzen genommen 
hai>c u).fl bereute es nachher, ihm die Schrift gegeben zu haben. Er sei 
nuii i'Ii.n scheuer und vr^ichlossener geworden. Die Annahme, die Onanie 



BeitrRffO zur P-ycliolog'ic der Denientia praeoox. 23 

oder die Überweisung dersell^en könnten etwa zum Ausbrutli der Krankheit 
veranlaßt haben, widerlegt der Vater selbst mit der Bemerkung, bei anderen 
Buben sei es auch so gewesen und doch wurde sonst keiner krank. Der Vater 
be.^tätigt ferner die große Anhänglichkeit des Patienten an die Mutter. 
Patient sei leicht gekränkt gewesen und überaus empfindlich gegen Tadel, 
Beide Eltern erinnern sich, daß der Vorfall mit dem Knecht und dem Pferd 
wirklich, wie Patient erzählte, in seinem dritten Altersjahr sich zutrug. 
Doch sei manches andere vorgekommen, das der Erinnerung mehr wert 
wäre. Auch seine besondere Vorliebe für Pferde und Pferdespiele war den 
Eltern aufgefallen. Von anderen Kindheitserinnerungen wissen die Eltern 
nichts, halten sie aber für sehr wohl möglich. Patient habe jedenfalls sehr 
viel überall gelesen, aucli viel Unpassendes. Der Vater mußte oft aufpiissen. 
was er las. Sexuelle Aufklärung habe er keine erhaUen. das werden wohl 
die Bi>ben untereinander besorgt haben. 



Zusammenfassung. 

Wir sehen in diesem Falle einen gut veranlagten jungen Mann 
in kurzer Zeit, nachdem sich allerdings von Jugend auf bei ihm Intro- 
versionsveianlagungen gezeigt hatten, iii eine schwere Psychose ver- 
fallen. Die Krankheit beginnt mit seinem Hinaustreten in das praktische 
Leben, in den Kampf ums Dasein, Gleichzeitig sei (sagt sein Bruder) 
bei ihm quälendes Heimweh aufgetreten. Heimgekehrt in die Ferien 
erklärte er. er sei krank, er dürfe nicht mehr in die Schule zurück. 
Er wird aber gesund erklärt und in seine Stelle zurückgeschickt. Da 
geht es aber nicht lang, er verunmöglicht sich durch sein Benehmen 
im Berufe. Verschiedene Anstalts- und Kuraufenthalte nützen nichts, 
er versinkt immer tiefer in die Psychose. Am besten ging es noch eine 
Zeitlang daheim, er machte sich da im Bureau nützlich, wurde aber 
auch hier wegen seiner Absonderlichkeiten, seiner ,, Kopflosigkeit" 
bald unmöglich. 

Wir erfuhren vom Patienten, daß seine zwei hauptsächlichsten 
Wahnsysteme des ,,Funditen'* und der „Stunde" schon im Beginn 
dej' Krankheit vorhanden waren. Einige Monate später in der Anstalt 
führt er uns in der Analyse, wo wir mit ihm in die Tiefe seiner Psyche 
eindringen, auf dieselben zwei Wahnsysteme. Sie sind Äußerungen 
zweier, die Symptomatologie seiner Krankheit beherrschenden Kom- 
plexe, die ich deshalb die Grundkomptexe des Kranken nenne. 
Sie enthalten sexuelle und ehrgeizige Tendenzen (oder Wünsche), 
die in der Außenwelt nicht realisierbar sind, und drängen ihn deshalb 
au^ dem erlernten Beruf. au>; dem praktischen Leben überhaupt heraus. 



24 W. Itten. 

er verfällt ihnen in der Krankheit so sehr, daß auch das bewußte Denken 
davon erfüllt ist. Nach außen projiziert, stellen sie seine Wahnideen 
und Halluzinationen dar. Sie drängen sich ihm aber auch fortwährend 
in seine normalen Gedanken und unterbrechen diese, machen auf diese 
Weiseden ;, Gedankenentzug", Hemmungen und Sperrungen. Die Allmacht 
dieser Komplexe beherrscht auf diese Weise die Symptomatologie 
seiner Geisteskrankheit, 

Die beiden herrschenden Komplexe erweisen sich als der Onanie- 
komplex und der Mutterkomplex. Erster macht ihm das ..schlechte 
Gewissen", eine Menge neurasthenischer Beschwerden,, die ,,Funditeu''' 
Wahnidee, letzterer die „Stunde "-Wahnidee, die Halluzinationen 
(zum größten Teil) schamlose Stimmen; es unterbricht ihm beständig 
die Gedanken und verfolgt ihn durch sein unausgesetztes Wirken. 
Die starke Fixierung imd die Vorherrschaft dieser Komplexe unter- 
jochen seine ethischen Gefühle, welche sich gegen sie auflehnen wollen- 
Die „Stunde"-Mutter schickt ihn als Erzieherin erfolglos in die ,,Ona- 
nistenhölle", der Vater als Erzieher sperrt ihn ebenso erfolglos in 
Anstalten. Besserung ist aussichtslos, denn Patient ist selbst überzeugt, 
daß die Befreiung vom Grundkomplex erst mit dem „Absterben der 
Stunde" eintreten kann, d. h. mit dem Absterben seines sexuellen 
Vorstellungsinhaltes. Er versucht zur Abwehr sich selbst eine geschlechts- 
lose Welt zu erschaffen, wo man durch Enthaltsamkeit alt wird, d. h. 
nicht vorzeitig, wie er, an seiner Libido zugrunde geht, gerät dabei 
nur tiefer in den Autismus. Denn sein „geschlechtsloser Idealzustand" 
ist eben ein ideeller, in Wirklichkeit vermag er sich der Komplex- 
beeinflussung doch nicht zu entziehen. Er versucht es noch mit ärzt- 
licher Hilfe, bittet, man möge ihn von dieser ,, Stunde" befreien. Auch 
diese Hilfe vermag nicht viel auszurichten. Die Grundkomplexe weichen 
zwar gegen Ende der Analyse in die Verdrängung zurück, insbesondere 
der Mutterkomplex. Aber aus dem Unbewußten herauf wirken sie 
indirekt fort, was sich z. B. in den häufigen sprachlichen Hemmungen, 
dem persistierenden Wahn, er sei der berühmte Weltaufklärer und 
dem Heimweh äußert. Daneben fühlt er selbst, daß er aus seinem 
„Zustand nicht mehr herauskommt". 

In seinen Kindheitserinnerungen macht uns Patient selbst auf- 
merksam auf den infantilen Urspnmg seiner Komplexe. Schaulast und 
Onanie sind die infantilen Wurzeln seines krankhaften Autoerotismus ; 
die außergewöhnlich starke kindliche Mutterübertragung ließ ihn die 
Inzestschranke nicht überwinden. 



Beiträpfe zur Psychologie der Dementia praecox, 25 

Patient konnte einige Wochen nach Beendigung der Afialyse 

stark gebessert entlassen werden, 

Fall IL 

Anamnese. 

Der Vater des Patienten soll immer etwas eigen, leicht aufbrausend, 
barsch und unnahbar gewesen sein. Mit Ausnahme der ältesten Schwester, 
die von Jugend auf geistig schwach entwickelt war, ist aus der Verwandt- 
schaft nichts Belastendes bekannt. Patient selbst war von frühester Jugend 
auf ein stilles, sehr zurückgezogenes Kind. Da er körperlich schwächlich 
war, genoß er von der Mutter her mehr Sorgfalt, Zuneigung und Liebe, 
war auch an sie in besonderem Maße anhänglich. Den Vater habe er wegen 
seiner Schroffheit und seines jähzornigen Wesens gefürchtet und oft vor 
ihm Schutz bei der Mutter gesucht. In der Schule war er fleißig, kam gut 
A'orwärts, mußte aber nebenbei dem Vater im Geschäft helfen und dadurch 
die Schulstudien vernachlässigen. Schon vom achten Lebensjahre an 
wurde er eigen, hielt sich nicht zu Kameraden, saß heber zu Hause, wenn 
er nicht dem Vater zu helfen hatte. Nacli Ablauf der Schulzeit blieb er zu 
Hause, als Stütze des Geschäftes. Er war scheu, besuchte keine Vergnügungs- 
anlässe, pflog wenig kameradschaftlichen Verkehr, auch mit Mädchen sah 
man ihn nie. Mit 20 Jahren war er 3 Wochen im Militärdienst, mußte aber 
..wegen Neurasthenie und körperlicher Schwäche" bald entlassen werden. 
Seit Sommer 1910 fing er an alle Zeitungen, deren er habhaft werden 
konnte, zu lesen und sprach oft vom Fortgehen. Häufig ging er stunden- 
lang auf den Dachboden mit Bemerkungen, wie ,, heute arbeite ich überhaupt 
nicht". Zweimal lief er, ohne ein Wort zu sagen, vom Hause weg. Er habe 
dann ein paar Tage bei Bauern zu arbeiten versucht, aber die Arbeit sei 
ihm zu schwer gewesen und so lief er wieder heim. Erkaufte dann Lotterie- 
lose und meinte immer, er müsse gewinnen, was aber nie eintraf. Darüber 
habe er viel nachgegrübelt. 

Im Dezember 1910 fing er an nachts aufzustehen und Briefe zu 
schreiben, meist an die „Türken" oder an die ,, Franzosen". Er rechnete 
dann auch ganze Bogen voll: „er müsse die Sterne ausrechnen". Es sei 
aber nichts Hechtes gewesen und der Vater habe immer alles vorweg zer- 
rissen. Patient sprach nun auch viel von den ..Türken und Franzosen*^ 
, -diese Hunde müsse man erschießen". Daneben las er fleißig in den Schul- 
büchern einer Schwester, besonders über Naturkunde. Einige Tage vor 
der Internierung wurde er äußerst rechthaberisch und reizbar. Besonders 
mit dem Vater kam er nicht mehr aus. Einmal griff er diesen mit einer 
Schaufel an und wollte ihn damit wegen eines Vorwurfes erschlagen. Auch 
Mutter und Schwester drohte er mit Erschießen. Dies führte zur Internierung 
in die Anstalt. 

Die körperliche Untersuchung ergab hier: 
Mittelgroße, vschlanke, etwas schmächtige Statur. Andeutung 
Darwinscher Höcker am Ohr; Ohrläppchen verwachse«. Fibrilläre 



26 W. Itten. 

Zuckiuigen der Zunge, etwas gesteigerte Reflexe, steife Mimik, schöner 

Ausdruck. 

Die psychisclie Untersuchung ergab: 

Ziemlich gute Schulkenntnisae, sonstiges Wissen gering. 

Zahlreiche imverständliche, meist stark abgesperrte Wahnideen, 

Visionen und Halluzinationen des Gesichtes und Gehöres. Unbestimmte 

Halluzinationen des Körpergefühles. Stereotypien und Perseverationen. 

Daneben steife Affektivität, wenig oder kein Rapport mit der Außenwelt. 
{Klinische Diagnose: Schizophrenie (Dementia praecox, anfangs 

mehr paranoide Form, die aber sehr rasch zur katatonischen Form sich 

waiidelt-e). 

Unser Patient ist ein gleichförmig ruhiger, stiller Griiblertypus. 
Vollständig ohne Rapport mit irgend jemandem, gehen äußere Vor- 
gänge unbemerkt und farblos an ihm vorüber. Sein Sinnen scheint 
ganz der Innenwelt gewidmet. Er hat auch nie ein Bedürfnis zur Aus- 
sprache, verliert seit einem halben Jahr an keinen Menschen ein Wort. 
Anfangs gab er noch den besuchenden Ärzten etwa mal obenhin Aut- 
worten, seit langer Zeit steht oder sitzt er beständig mit gesenktem 
Kopf auf der Abteilung herum, meist stundenlang unbeweglich. Er 
gibt auch mir höchst selten noch eine Antwort, sei es an Ärzte oder 
andere; kaum ist er etwa noch, nach längerem Zudringen, zu bewegen, 
die Hand zu geben. Sonst sitzen die Hände Sommer und Winter immer 
tief in den Hosentaschen, zu Zeiten onaniert er unentwegt, wann man 
ihn sieht. 

Bei jeder analytischen Sitzung bereitete es anfangs Mühe, den 
Patienten zum Sprechen zu bringen. Er grüßte knapp und setzte sich 
auf einen Stuhl; da saß er regungslos, vom Arzt abgewendet*) und 
ließ sich erst mal einige 10- od<n' 20mal anreden; am empfänglichsten 
war er für scherzhafte auf Komplexe bezügliche Worte. Er konnte 
goiegentlich dann lachen, ohne ein Wort zu äußern. 

NJach einiger Zeit, bald nach 5 Minuten etwa, auch mial nach 
^/, Standej\, gelegentlich auch gar nicht, ging er dann auch langsam 
auf Anreden ein, wenn auch oft ohne Berücksichtigung der gestellten 
Frage. Gt^legentlich wurde er dann sogar so freigebig, daß man in 
einer Stunde 1 bis 2 Seiten Material gewann. Aber leider waren diese 
Zeiten selten und unberechenbar. 

Ich werde das auf diese Weise meist tropfenweise gewonnene 
Material in der Reihenfolge des Ganges der Analyse geben. Es ist 

') Pril* nt geliört ulso zu jenea Fvatotoniefatlcii, ran denen oberflächliche 

H'xa'-\ ■'-•- --;"ir-ii itnmer behaupten, -ic ^eien ^i\vchisch inhaltlos. 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. 27 

natürlich im Vergleiche mit dem Fall Dr. Xelkens spärlich, aber um 
so iRteressanter ist es, daß diese Brocken doch einen wolildeterminierten, 
zusammenhängenden Sinn haben, der durchwegs sich auf einer be- 
stimmten Komplexgrundlage aufbaut. Im ganzen Material ist übrigens 
immer und immer wieder ein Komplex im Vordergrund. 



Vorbemerkung zur Analyse. 

Bei dicöem Falle fordern ein besonderes Interesse die Schwan- 
kungen zwischen fast völligem Bloßliegen und sehr weitgehender 
Entstellung der Komplexe. Es waren danach in der Analyse haupt- 
sächlich 3 Epochen deutlich: 

1. Unmittelbar nach Eintritt in die Anstalt fand sich ein relativ 
starkes Bloßliegen der Komplexe, daneben Residuen einer früheren 
Verdrängungsperiode mit demselben Komplex, aber relativ starker 
Entsteilung. Es folgte im Verlaufe von 3 Monaten allmählich zunehmende 
Verdrängung des Bloßliegenden, wenig Entstellen und Ersatz durch 
stark entstellte Produktion (immer desselben Koniplexinhaltes); 
dann allmähliches Abblassen aller Produktionen, hinüberleitend zum 

2. Stadium, dem Stadium völliger Verdrängung und Produktions- 
losigkeit überhaupt, in dem Patient selbst nach harter Arbeit verlangt, 
um sich das Gefühl der ,. Leere" zu vertreiben und (im bewußten Vor- 
satz wenigstens) wieder an die Außenwelt anzuknüpfen. 

8. Nach 3 bis 4 Wochen wieder ziemlich rasch zunehmende Pro- 
duktionen mit größtenteils neuen Entstellungen und relativ stark 
anhaltender Verdrängung des früher Produzierten. Nach wenigen 
Wochen wiederum zunehviiende Verdräaguug. Hier m.ußte die Anah'^se 
abgebrochen werden; es konnte jedoch noch konstatiert werden, daß 
wiederum eine vollständige Verdrängungsperiode folgte. 

Ich gebe deshalb Material und Analvse in der Reihenfolge des 
(ranges der Analyse wieder. 

Analyse.^ 

Au-> dem ersten katatoni.^chen Stadium (Schub in der 
Anstalt). 

Nach dem Grunde der luternierong gefragt, meint der Patient : 

,,Sie haben mich immer geplagt, daheim" (Wer?) — „Die Mutter 

und die Schwester". (Wie geplagt?) — ,,Sie haben mir allerlei zumuten 

wollen und immer 7a\ reklamieren gehabt haben sie auch." (Was hat 



28 W. Itteii. 

man Ihnen zugemutet, über was reklamiert?) — „Einmal — icli habe 
es schon gesehen — hat sie, die Mutter, auf mich gedeutet und gesagt:'" 
,ob der da etwa einHerodes sei' j^und hat noch gesagt, sie finde 
man könne manchmal nicht mehr erkennen, wer er sei." — (Was 
meinte sie damit?) — .,Daß ich einer sei wie derHerodes, — das kann 
man etwa erraten ! — daß ich vielleicht den Herodes selbst aufführen 
wolle," — (Was sollten Sie denn aufführen?) — .,Was der Herodes." 
(Was führte der auf?) — ,,l)aß er eben ein Meuchelmörder war — daß 
er von den Vorfahren das Land an sich gerissen hat — und daß er ein 
Blutschänder war/' — (Wieso?) — ,,Daß er das Weib von dem Vorfahren 
auch an sich gerissen hat." — 

Damit führt uns der Kranke gleicli zum Beginn der Analyse 
zu der Quelle seines krankhaften Seelenlebens. Die Mutter macht ihm 
anspielungsweise den Vorwurf, er sei ein Blutschänder, ein ,, Herodes". 
Man erkennt darin unschwer den nach außen projizierten Selbstvor- 
wurf: Die Tnzestphantasie hat sich bei ihm Stimme verschafft und 
klagt ihn in der Form der Halluzination an. Zugleich wird ihm seine 
abnorme Luge bewußt. Er ist nicht mehr derjenige, der er früher war. 
Die Stimmen sagen ihm ^.man könne manchmal nicht mehr erkennen, 
wer er sei". Wir wissen aus Jungs ., Psychologie der Dementia praecox", 
daß in dieser Krankheit nur stark gefühlsbetonte Komplexe sich in 
affektbetonten Halluzinationen Ausdruck verschaffen, und hier haben 
wir dieses Phänomen vor uns. 

„Auch die Schwester hat mir so etwas gesagt — sie hat es halt 
von den Franzosen im Blut/' - (Woher?) — „Weil der Großvater 
eben im Krimkrieg gewesen ist (Erfindung), — dorther hat er fran- 
zösisches Blut bekommen." — (Wie ging das zu?) — ,,Das ist eben durch 
das Blutbad, diu:ch den Blutdurst, wo sie dann Blut trinken, — das 
Blut sei auch auf die Türkei übergegangen: Wilhelmine von Holland 
sei mit dem verstorbenen Abdul Hamid verwandt gewesen. — ■ Es ist 
überhaupt etwas da mit der Wilhelmine — aber von Verwaiid tschaft 
darf jetzt nicht die Rede sein." — 

ÄJmliche Bemerkungen, wie die Mutter mit der Herodesgeschichte, 
habe ilmi auch die Schwester (die ältere) gemacht. Vom Großvater 
her, der im Krimkrieg französisches Blut trank und so (können wir 
hinzufügen) selbst französisches Blut und französische Eigenschaften 
bekam, habe diese französisches Blut ererbt. Wir werden weiterhin 
sehen, daß Franzosen und Türken die Erbfeinde des Patienten sind, 
der Vater des Patienten wird später auch , .Türke" genannt. Nun 



Beiträge zur Fsychologie der Dementia praecox. 



29 



„ist das französische Blut auch auf die Türkei übergegangen": denn 
WUhetmine (die Schwester des Patienten heißt Hermine!) von Holland 
sei mit dem verstorbenen Abdul Hamid verwandt gewesen." Demnach 
moli „etwas Verwandtes da sein mit der Wilhelmine" und zwar ein 
Grad der Verwandtschaft, gegen den sich, entgegen dem Wunsch 
des Patienten, seine Moral sträubt: es darf jetzt keine Rede von Ver- 
wandtschaft sein. Warum, werden wir bald sehen. 
Hier will Patient absch^yenken imd fährt fort: 
„Ich soll verhaftet werden — ich habe schon gesündigt — ich 
habe eine Blindschleiche zerschnitten in der Nacht, als unsere Scheune 
niederbrannte. — Damals war gar der Krieg von den Buren gegen die 
Königin Viktoria von England — (längere Spennxng) — es ist von 
meinen Alten da etwas dabei— (wobei?) — daß es eben schon ein 
Irrtum war, — eine Kindes täuschung — weil sie meine Schwieger- 
mutter ist — (wer?) — die Vilitoria — unumgänglich Blutsverwandt- 
schaft — (woher denn?) — daß sie eben durch die Mutter meine 
Schwiegermutter ist — durch die Wilhelmine, die ihre Tochter ist. — 
Sie wird schon kommen und mich abholen — (zu was?) — daß ich ein 
Herrscher auf dem Thron werde und daß ich der Prinzgemahl werde. — 
Das hat mich schon immer geblendet, daß ich nicht so darauf gekommen 
bin, — daß ich immer nicht wußte, wer ich war." — 

Bezeichnenderweise gerät Patient bei seinem Ablenkungs- 
versuch auf die Bestrafung seiner Sünden. Gleich darauf kommt er 
wieder auf seine Verwandtschaftsideen zurück. Wir erfahren nun, 
daß die Königin Viktoria mit den Eltern verwandt sei, Sie ist seine 
Schwiegermutter, und zwar durch dieWilhelinino, ihre Tochter, welche 
ihn zum Prinzgemahl nehmen will oder gemacht hat. Er erwartet 
von ihr als solcher abgeholt zu werden. Er deutet uns aber zugleich 
an, daß er sich wohl früher in den Eltern geirrt habe, wohl entsprechend 
seinem AVunsche, von anderen Eltern zu stammen. Mit der sich von 
neuem aufdrängenden „unumgänglichen Blutsverwandtschaft" fängt 
er an. die Mutter mit der Königin zu identifizieren, hier „ist 
von den Alten etwas dabei". Im folgenden bestätigt er diese Ver- 
mutung. Er bleibt bei dem Komplex und sagt weiter; 

,,Aber das elterliche Geschäft müsse erst verkauft werden — 
unddasFrauenerbteilderMiitter muß herausgelöst werden — 
(Wieso?) — Die Mutter hat mir ihr Erbteil zuhalten wollen, — 
aber die anderen Geschwister haben auch Ansprüche — ob mir da mehr 
zufällt, das entscheiden eben die Richter. -- Ich habe aber immer im 



^^ W, Itten. 



Geschäft geßchafft und habe deshalb mehr Ansprüche, — mindestena 
10.000 Fr. — dann könnte geheiratet werden. — (Wen?) — Eine 
aus einem alten Geschlecht, — es sind dann natürlich zwei 
Geschlechter — das alte — und denn ich. das neue. — (Wer 
ist daa alte Geschlecht?) — Das ist die Weltherrschaft, — die immer 
war, von wo ich herkomme — daß ich eben schon selbst immer der 
größte Herrscher gewesen bin." — 

Damit tritt unser Kranker zimi erstenmal als Stammvater auf, 
der sein Geschlecht selber geschaffen hat. Als solcher macht er An- 
sprüche auf Güter und die Mutter — etwa wie das Haupt einer vor- 
geschichtlichen Sippe. Esj ist wohl eine Folge des strengsten Autis- 
mus, der fan die Außenwelt gar nichts verlieren kann, wenn 
Patient zu dieser eingeschränktesten Form der menschlichen Ge- 
sellschaft zurückkehrt. Durch die ausschließliche Zuchtwahl im 
eisten Kreise der Familie will er immer nur sich selber wieder- 
erüeugen und von fremder Einmischung rein halten^). Weiteres 
Material zu seinem selbsterzeugten Heldengeschlecht bringt er an 
späteren Stellen.' 

Nach dieser ersten Periode der Verdrängung folgte eine ver- 
drängtere, in der unser Patient schon stärkere Entstellungen benutzt. 

Frage : Was ist denn mit den „Türken" ? — „Weiß nichts zu sagen — 
wenn sie nicht die ersten Bewohner der Schweiz waren — es hieß da 
auch, daß sie beflissen sind — und daß sie viel Frucht (Getreide) und 
Weizen haben — der soll ja dort aufgekommen sein". — (Kennen Sie 
einen«) — „ Jaaa ~ der K. in U. ist wahrscheinlich so einer, das stelle 
ich mir so vor. — Mit dem bin ich nie grad gut ausgekommen, — der 
hat alleweil ein Auge auf mich gehabt, — der war halt aus der Türkei 
und seine Alten schon. — Der wollte mich immer hänseln mit allerlei 
Sprüchen, da habe ich ihm einmal gesagt: wenn er sich jetzt nicht 
packe, dann schlage ich ihm den Gewehrkolben an den Kopf. — Er 
hat immer gemeint, ich solle auf der Seite der Türken stehen; — der 
Alte auch, ~ ich glaube, der ist auch so ein Türke — ein Kümmel- 
türke wenigstens (lacht). — Der hat sogar gesagt., ich sei gestört — da 
wären wir bald hintereinander gekommen, ich habe es ihm schon lange 
angezogen gehabt," — (Wem?) — „Dem Alten, natürlich". — (Warum 
denn?) — Ich weiß schon warum ! — der Türk, der. — Der hat schon 
gewußt, war um er gegen mich hetzte — und warum er mich von daheim 

») An späteren SteUen tritt das deutüch zutage. Er ist iui3t«rblich, war 
immer der größte Held und zeugt« sich immer selb^it wieder. 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. 31 

weg haben wollte. — Ich möchte auf einem neuen Weltkörper sein 
mit meinem Volk — mit dem Volk der Griechen. — Die Griechen 
haben den Stern des Zeitalters. — Die Aspasia sei die Mutter dieses 
Volkes gewesen/' — (Wer ist die Aspasia?) — „Daß sie die Gattin 
war, oder die Mutter von diesem Volk der Helden» — Es wird eine Zeit 
kommen, wo ich als Machthaber die Schweiz anführen werde gegen 
Italien und Frankreich und Deutschland. — Die Griechen gehen dann 
gegen die Türken." — (Wann wird das geschehen?) — „Das hat alles 
seine Zeit — vorher kommt eben die Kreuzigung/' — (Wessen?) — 
jjDas sieht ein jeder eben durch seine Sinne, — daß man eben vorher 
seine Kreuzigung durchmachen muß — dann kann neu 
angefangen werden." — 

Die Türken sind also das feindliche Volk. Der Vater wird ver- 
dächtigt, auch ein Türke zu sein. Das befreundete Volk der Griechen, 
die Söhne der Heldenmutter und Gattin Aspasia, mit denen er sich 
auf einen neuen Himmelskörper versetzt wünscht, wird die Türken 
bekämpfen, während er selbst als Machthaber der Schweiz die Italiener, 
Franzosen und Deutschen, die er als Landesfeinde^) betrachtet, be- 
kriegen will. Bevor er diese Mission ausführen'kann, hat er aber eine 
Kreuzigung durchzumachen. Dabei mag ihm Christus vorbildlich 
gewesen sein, der als Erlöser am Kreuz erst das Werk seiner Mission 
erfüllte und damit seinem Keich die Bedeutung verlieh. Mehr als damit 
noch ist Patient erfüllt von dem Gedanken der Auferatehmig zu einem 
besseren Dasein, zu einer Wiedergeburt als Held und Herrscher. 

,,Ich habe zwei Berufungen, — aber es kommt eben auf die 
Eltern an, ob sie getrennt werden. — Ich stamme sonst von dem 
ersten Geschlecht ab —ichsoll es als Nachkomme aber nicht wiaseu, 
wie das erste Geschlecht heiße. — Zu was sie mich alles auserwählteri, 
weiß ich jetzt nicht, — ich habe mich aber gegen andere GeschJechtei* 

1) Patient Jiat uatev de-i Näciisten und Nachbarn die größten Feinde. 
Analog macht er die Landeinachbam zu den Landesfeinden — übrigens eine häufige 
AUtagserscheinung, die Anatole France trefflich in. seiner Ile dos Pingouins 
karikiert (St. Maei geht über Land und trifft bei einem friedlichen Gehöft einen 
•limgling an, der auf Beiner Schabnei den Kriegimarsch gegen die Mar?ouin5 bläst. 
Als er sich darüber wundert, wird ihm die Eiklärung gegeben: Siehst du diases 
friedliche Gehöft, wer ist sein größter Feind? — Der Xachbar nebenan! Mit 
wem haben die Jungen dieses Dörfchens bö.^tcändig Streit? Mit den Jungen des 
nächsten Dörfohens dad*^üben! Mit welchem Volke körmen sich die Pingouinen 
nie vertragen? Mit dfm \ achbarlande^ der Marsouins.) ,,Qui die voisin, dit 
cii'iemi.'* 



32 W, Itten. 

zu verteidigen mit Waffengewalt. — Ich habe die Geister der Vorfahren 
schon empfunden, — sie haben geistige Gemeinschaft mit mir. — 
Ich habe auf sie gewirkt durch meine Erfindungen." — {Welche Vor- 
fahren meinen Sie?) — Die Griechen — und daß^) ich noch selbst 
immer ein Krieger und ein Held gewesen bin." — 

Seine zwei Berufungen scheinen mir ineinander überzi^ehen. 
Als erst« Berufung gibt er die Trennung der Eltern an, worauf ihm 
(nach früheren Ausführungen) die Mutter zufällt. Zweitens stammt er 
„vom erst-en Geschlecht" ab und hat sich mit Waffengewalt gegen andere 
Geschlechter zu verteidigen. Die 3,anderen Geschlechter*' sind aber alle 
die, welche nicht gleicher Abstammung wie er sind. Er stammt aber 
nach früheren und (hauptsächlich noch) folgenden Erklärungen aus 
sich selbst und der Mutter (oder deren Surrogat) ab. Er ist eben selber 
ein Grieche und war selbst immer ein Krieger und Held. Es wird jetzt 
deutlicher, warum er mit dem Heldenvolk der Griechen und deren 
Gattin-Mutter auf einem neuen Gestirn zusammen leben möchte. 
Die Griechen haben zu dem auch „den Stern des Zeitalters", welcher 
(nach einer andern Stelle) die „Venus-Sonne" ist. 

Frage: Warum sind Sie von zu Hause weggelaufen? 

„Weil ich sie beruhigen wollte, ~ sie waren schon ein bißchen 
aufgeregt daheim, — weil ich eine Erfindung machen wollte." — ■ 
(Was für eine Erfindung?) — „Daß man das Leben verlängern könne." 
(Wie das?) — „Im Dezember vorigen Jahres habe ich 8 Tage lang nichts 
gegessen — dann habe ich etwas Kirschwasser erwärmt, mit etwas 
Brot — lind davon habe ich schluckweise getrunken. Das Kirschwasser 
ist mehr für den Geist und das Brot für den Körper gewesen. — Es 
hat schon gut gewirkt: Das Kirschwasser hat die bösen Stoffe im Körper 
dann zu Mund und Nase ausgetrieben — mit Husten und Erbrechen, — 
es hat auch das Herz gestärkt." — (Was für böse Stoffe wurden dabei 
ausgetrieben?) — ,,Das sind die Sündigungen des Fleisches durch die 
Gedanken, — - daß man nicht mehr die sündigen Gedanken habe." — 
(Was für sündige Gedanken meinen Sie?) — „Daß man nichts mit dem 
Geschlecht zu tun habe." — (Gehört das zur Lebensverlängerung?) — 
. Ich glaube wohl !" — (Ist das alles, was zur Lebensverläi^erung gehört ? 
— „Das andere gibt sich von selbst, durch den Willen, — daß man 
wenig esse, gut verdaue und mäßig Ruhe habe und Mäßigkeit halte." — 

^) Die vielen grammatikalischen Bodingiuigsforinen, die „daB" usw. 
•<md Abkürzungen A'on : ,,ich Imtte von Stimmen gehört, daß. ich hatte die Ein- 
gebung, daß tt. dg], m." 



Beiträge zur Ps3"clioloö;ie der Dementia praecox. oo 

Die Katamnese ergab, daß Patient tatsächlich eine Zeitlang 
nicht gegessen hatte und deswegen Vorwürfe erhielt. Diese Vorwürfe 
wurden vorn Patienten als Aufregung der Angehörigen wegen meiner 
Erfindung (von der mau zu Hause nichts wußte) gedeutet. Er erfand 
nach seiner Auslegung einen Heiltrank gegen die sündigen Gedanken. 
Zusammen mit Mäßigkeit ist der Trank zugleich ein iMittel zur Lebens- 
verlängerung. Die Verunreinigungsidee, die erstrebte Mäßigkeit und 
I-:öbensverlängerung deuten alle darauf hin, daß der Kranke sich mit dem 
Trank von der Sünde der Selhstbefleckung reinigen wollte. Das Mittel, 
das er dazu wählt, erinnert nn die Eucharistie und den »Somatrank 
der Alten. 

,,Es sei gutj wenn mau zuerst trinke, dann e.sse und dann wieder 
trinke — erst das Nasse und dann das Trockene — so wie der Mensch 
erst im Flüssigen war und dann zum festen Körper wurde, — Mit den 
Gestirnen ist es grad auch so. — Der Mensch hat einen Einfluß aut den 
Himmel und die Gestirne, - - dadurch, daß er die Luft immer eingeatnn^t 
hat, — dadurch (mit dem Atem) hat er in den gasförmigen Rtoffcn 
einen Teil des Himmels in sich eingenommen. — {laaelemente sind 
Bestandteile des Himmels.'' — 

Gestirne und Mensehen entstehen also aus dem Flüssigen, daraus 
wird zunächst eine Lebensregel abgeleitet: auch in der Ernährung solle 
das Flüssige dem Festen vorangehen und nachfolgen. Wichtig zum 
Verständnis des Folgenden ist seine kosmische Theorie von der Ver- 
wandtschaft des Menschen mit Himmel und Gestirnen : Durch Einatmen 
der Gaselemente, die Bestandteile des Himmels sind, hat der Mensrli 
Teile des Himmels in sich aufgenonrmen. Dadurch macht sich Patient 
zum Anteilhaber an Himmel und Erde. 

,,Die Erde war zuerst da. aber sie entstand aus einer Sonne 
oder einem Sonnennebel — aus dem Flüssigen oder Gasförmigen. — 
Die Sonne kam aus einer andern Sonne und diese zuletzt aus dem 
ürstoff j — so daß sie sich aus dem Urstolf selber erzeugt hat, — daß sie 
ans sich selber entstanden ist — (Hat niemand dabei mitgewirkt?) — 
daß sie eben allein — durch eigene Gewalt entstanden ist." — 

Patient läßt also die Welt, unter Verdrängung des Schöpfers 
(Gott-Vaters) aus sich selbst entstehen und gibt damit das Prototyp 
einer schizophren-autistischen Schöpfxmgsgeschic.hte. Fsv selbst will 
ja ebenfalls sein eigener Schöpfer sein. 

,,Ich stelle mir die Gestirne so vor wie rollende Wesen. — Die 
Erde rollt und zieht deu Mond an, — die Sonne rollt utri die Erdi^ 

.Tahrbach für psychonnalyt. n. psyoho|i(thol. Forschungen. V. ' 



34 v:. Itten. 

welche überhaupt alles anzieht. — So daß oft Gestirne näher komnuMi 
und auf die Erde fallen. — Die Sonne wechselt mit jedem Menschen- 
alter, dann kommt eine neue. — Es heißt eben: Das Alte stürzt 
und neues Leben blüht aus den Ruinen.*" — 

Nach Beschreibung sehies geozentrischen Systems fährt Patient 
weiter: 

„Die Zeitrechnung ist dxuch Offenbarung — durch ehaen Stern 
im Namen Gottes, Jesu Christi imd des Heiligen Geistes — ich habe 
sie durch eigene Gedanken herausgefunden. — Sie besteht darin: — 
Daß der Sonnenkörper zunimmt und dicker wird, — dann 
löst sich von ihm wieder ein Weltkörper los — eine Erde 
oder ein Mond etwa — auf denen es dann wieder Erfindungen und 
Entdeckungen gibt. — Und daß ich auch schon selbst ein Welt- 
körper gewesen bin — eine Erde, wo sich eine Sonne darum 
dreht — und daß der Mensch sterben muß, wenn ein neuer 
Stern aufkommt — dann geht auch sein Stern unter. — 
Es gibt immer ein Stern das Zeichen, wenn die Ge- 
burt eintritt — und später auch, wenn etwas Wichtiges ge - 
schiebt — wenn das Leben entsteht, — wenn eine Seele den Körper 
bekommt.'' 

Alle wichtigen Ereignisse geschehen bei imserem Kranken im 
Zeichen eines Gestirnes. Wenn die Seele bei der Geburt einen Körper 
bekommt oder schon bei der Zeugung (Näheres darüber gibt Patient 
»j)äter) dann geht des Entstehenden Stern auf, mit seinem Tod geht 
sein Stern xinter. Die Sonne selbst nimmt von Zeit zu Zeit an 
Umfang zu, ,,wird" dicker imd gebiert so ähnlich wie ein Weib 
einen neuen Weltkövper. Wir werden sehen, daß diese Weltkörper- 
geburt nicht ohne Zutun des Patienten geschieht. Er nennt diese 
anthropomorphe Kosmoganie seine ,, Zeitrechnung'' und will sie selber 
erfunden haben. 

„Die ersten Menschen waren Adam und Eva — sie entstanden durch 
die Loslösung von der Sonne — indem sie aus einer spiralförmigen, 
gasförmigen Masse zu einer Form erstarrten. — Durch das (Zusammen-) 
Ballen und Vereinigen der ürstoffc kam es zu einer Vennehrung — 
wie bei den Weltkcirpern, so — niemand sonst. — Ich bin der 
Astronom — uüd ich tue die anderen Astronomen aufwecken, — 
von ihnen kommen durch mich die Erfindungen und das Gelehrte 
(die Wissenschaft) — wenn jemand nicht begreifen kann, dann ist er 
selber schuld daran. — Und daß ich für alles verantwortlich bin — 



l.-eitiag ■ /An- Psycl;olt»gie der DemeuTia pr.'^ecox. 35 

und daß man die Gedanken aufschreiben solle, — damit nichts vergesse) i 
werde — man ist doch jede Sekunde ein anderer. — Mein Geist fliegt 
immer nach dem Ort, wo ich den alten Geist wiederfinde und den 
(Geist) wieder nehme, den ich eben verlassen habe. — Die (eingegebeneu) 
Gedanken sind allein die richtige Lehre — (denn) sie kommen einem 
durch die Strahlen, welche mit den Gestirnen verbunden sind von selbst, — 
aber man soll sie nicht sagen, — sonst gehen sie eben verloren — der 
Geist geht (mit dem ausgesprochenen Gedanken) fort. — Ich denke 
fast nur an das Geschlechtliche — und an das Unterirdische 
das auferweckt werden sollte. — Ich bekomme das als Ein- 
gebung durch den Heiligen Geist von der Sonne — daß das 
zarte Gefühl nicht verloren gehe — das ist, daß man die 
Vorstellung immer haben muß, die Geister zu verkörpern." 
(Wie soll das geschehen?) — „Daß man eben die Geister der 
Nachkommen verkörpern soll.*' — (Haben Sie Nachkommen?) — 
,, Ja, ich habe welche, — die sind da." — (Wo, woher?) — ,,Daß es eben 
die Geister sind der gestorbenen Geschwister, — und daß 
die unsichtbar sind unter der Erde. — Ich habe sie schon 
etv/a gemerkt — es klopft dann jeweilen. — Und daß sie 
später sollen Form und Körper bekommen — durch die 
lebendige Kraft der Natur. — Die lebendige Kraft sitzt im Geiste, — 
daß das zarte Gefühl nicht zerstört werde. — Und daß ich 
die Geister (der verstorbenen Geschwister) noch erwecken soll — 
und sie zu den besten Astronomen machen soll. Und daß ich das nicht 
von den Alten (Eltern) habe, sondern von dem Lichtgestrahle mit dem 
Heiligen Geist — und daß das mir bleibe von Ende bis zu Anfang — 
ziii'L'st kommt doch ein Ende und dann der Anfang erst. — Ich weiß 
noch gar nicht, wieviel es sind (die verstorbenen Geschwister, die auf- 
erweckt werden sollen) — wieviel Nachkommen, ich habe — es heißt, 
daß ich schon als Hermann und Hedwig — da ich eben schon manchmal 
durch den Gedanken auferweckt habe — es ist ehen durch das Licht- 
gestrahle — und daß das Licht den Geist entzündet. — Und daß ich 
ebendeshalb immer am eigenen Wesen herumdenkon muß und an 
die Geschwister, die gestorben sind." — (Was denken Sie denn?) — 
,.i)aß es noch verfrüht ist, daß ich durch die Verbindung mit 
dem Gestirn (der Sonne) — durch ein Zusammenwirken 
di;^ Geister erwecke — ihnen Körper gebe. — Und daß das 
eben das Schaffen und Entstehen sein wird. —Das kommt m^ii' 
eben von dem Flüstern und Rauschen. — es ist von den Strahlen. 



3Ö W. Itten. 

die in mich hineinkominerij hineinfahren. — Es ist eben, wie wenn 
durch die Geister dann etwas — wie wenn die Erinnerung daran leben- 
dig wird. — Das ist eben das Flüstern und Rauschen, — daß ich 
die Erinnerungen bekomme, noch einmal die Geister der Nachkommen 
aufzuwecken/' — 

In vielfachen Wiederholungen feiert der Kranke den Einzug 
des ,,Lichtgestrahle8" in ihn. Das Licht der Sonne durch Vermittlung 
des „Heiligen Geistes'' dringt durch Nase, Mund und Ohr in ihn hinein, 
erfüllt ihn, entzündet ihm Gedanken. Er gleicht so völlig jenen Mysteii 
die in der Ektasis das nrsrua empfingen. Aber was von der Sonne 
in ihm entzündet wird, sind ausschließlich sexuelle Phantasien. Ihr 
..Lichtgestrahle" bewirkt es, daß er .fast nur an Geschlechtliclies 
denkt und an das Unterirdische,, das auferweckt werden soll. Dieses 
,, Unterirdische'' sind die ,, Geister der Nachkommeir' und gleichzeitig 
die ,, Seelen der verstorbenen Geschwister'', Die Sonne gibt ihm die 
Vorstellungen ,,daß das zarte, Gefühl nicht verloren gehe'' und daß 
er diesen Seelen der gestorbenen Geschwister Körper geben soll". Diese 
Verkörperung, oder Auferweckung soll ,, durch die Verbindung mit 
demGestirn^', der Sonne geschehen, das ,,wird eben das Schaffen und 
Entstehen .durch die lebendige Kraft der Natur' sein/' Er will sie also 
mit der Sonne, die hier einmal weiblich aufgefaßt ist, wiedererzeugen. 
Die wiedererzeugten, verkörperten Geschwister sollen — entsprechend 
ihrer Abstammung von ihm, der sellxst der beste Astronom ist, und detn 
Muttergestiin die besten Astronomen werden. Es muß hier bemerkt 
werden, daß der Patient für sich wenigstens eine Seelentheorie zurecht 
gemacht hat, wonach die Seele unsterblicli ist und nach dem Tode 
des Körpers von der Sonne, wiederum durch ihr ,,Lichtgestrable'' 
erweckt wird und einen ixeuen Körper bezieht. Es ist nun naheliegend, 
daß die weiblich gedachte Sonne und künftige Mutter der wiederver- 
körperten gestorbenen Geschwisterseelen zur Mutter wird. Die gleich 
im Anfang der Analyse sich aufdrängende Inzestphantasie hat also 
auch hier iu den kosmischen Entstellunge]! ihr Objekt beibehalten. 
Er sagte uns ja, daß er selbst schon eine Erde gewesen sei, ein Sonnen- 
sohn gewesen sei, und nun will er mit seiner Mutter Souue neue Körper 
erzeugen. Da er sich selbst im Mittelpunkte der ganzen Schöpfung 
wähnt, ist es begreiflich, daß er das geozentrische System proklamiert. 

Geben wir jetzt dem Patienten wieder das Wort; 

,,Daß ich eben selbst unvergänglich bin, — • der Körper kann 
schon sterben, aber der Geist, der mit in die Erde kommt, wird — und 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. Sl 

daß er immer von da wiedererweckt wurde durch das Sonnengestrahle — 
und daß ich schon einmal der Herkules war und der Napoleon — und 
daß ich dann wieder eine Form annehmen konnte, — vielleicht zuerst 
im Äther schwimmend — als Lebenselement. — Das Lebenselement 
kann auch, wenn ein anderer Weltkörper aufkommt auf den gehen. — 
Der (Heilige) Geist kam aber in immer bessere Körper — wenn er schon 
vorübergehend in Tieren war — (so) daß ich jetzt bald vollkommen 
bin — daß icli auf Vollkommenheit des Geistes im Körper rechnen 
kann, — mit der Zeit. — Wenn ich sterben würde, dann würden 
in dem Moment alle Menschen den Geist verlieren — aber durch 
mich wiederbekommen — weil eben mein Geist immer erhalten 
sein muß — und weil ich eben das Radium bin. — Ich kann den 
Geist nur dadurch verlieren — durch Zurückdenken, was vorher ge- 
wesen ist/' — 

Weil sein Geist immer wieder, auch wenn der Körper gestorben 
ist, durch das „Sonnengestrahle" auferweckt wird und andere Körper 
bezieht, ist er unsterblich. Die mütterliche Libido (in diese können wir 
nach dem Vorausgehenden das ,, Sonnengestrahle" jetzt übersetzen) 
tut diese Wunder an ihm. Sie führt ihn in der Seelenwanderung zu 
immer größerer Vollkommenheit. Daß sein Geist als Träger der Inzest- 
phantasien schon in Tieren war, ist begreiflich. Die Vervollkommnungs- 
idee dürfte die (später noch einmal zum Vorschein kommende) Ver- 
tierungsidee kompensieren. Das ,, Verlieren des Geistes durch das Zurück- 
denken an das, was vorher gewesen ist" scheint eine sehr tiefsinnige 
Bemerkung zu. sein. 

,, Während Mülionen Jahren und Lebensperioden (ich habe die 
Zahlen schon ausgerechnet gehabt) habe ich alles erfunden — die 
ganze Wissenschaft. - Wenn man aber eine Erfindung gemacht hat, 
so soll man nicht daran zurückdenken. — Ich brauche meine Er- 
findungen nicht einmal zu sehen, ich weiß sie auswendig. — Das werden 
die Schriftgelehrten schon noch einmal merken: Erfinder E. — (heißt's 
dann) — dann muß ich auch reich werden. — 

Inmitten des Erfindergrößenwahns treffen wir wieder die sonder- 
bare Warnung vor dem ,, Zurückdenken an die Erfindungen", Man 
verliere dadurch den Geist, sagte der Kranke vorhin. Ob es sich hier. 
wie bei dem ^.Funditen" des vorigen Falles nicht wieder um einen 
Erfinder der Onanie handelt, durch die man ja. nach einem sehr ver- 
breiteten Glauben, den Geist einbüßt? 



38 \V. Itten. 

Frage: Hai clie 8oune einen Einiliiß auf Sie? 

-—„(Fährt auf, wie beleidigt) etwa wohl, natürlich." — (Wie?) — 
5, Indem jeder Lichtstrahl mir den Gedanken und den Geist erweckt.-' 
(Wie das?) — , .Durch die Fühlung mit mir, natürlich. — Ich sp re 
das etwa wohl durch die Hitze (der Dialektausdruck meint darait: 
Hitze im Blut, Wallung) — und das Wachsen in der iSTatur. — Es i>;t, 
wie wenn ich das durch Millionen von Jahren schon hätte — mau konunt 
deshalb schon als Kind ganz von selber auf — das erweckt in mir aer 
Heilige Geist — durch den stehe ich mit der Sonne in (re- 
dankenverbindung — er kann nur erwecken, wa« schon da 

- 1.4- " 
iSt. — 

Halten wir daraus vorläufig fest, daß die »Sonne diu'ch Ver- 
mittlung des Heiligen Geistes unserem Patienten durch ihr Licht Ge- 
danken erweckt, die er selbst unzweifelhaft als sexuelle bezeichnet. 
Er fährt fort: 

„Auch sonst hat mich die Sonne erweckt — der Einfluß der Sonne 
ist (der) — daß ich »Stimmen bekomme von ihr — und daß man das, 
was man so mit der Eingebung bekommt, nicht vergißt. — Die TtWie 
und Stimmen kommen mir mit dem Lichtgestrahle — die Lichtstrahlen 
fahren in mich rein durch die Nase, den Mund und die Ohren — es ist, 
wie wenn man sie hört — kann man nichts verstehen, so geht wohl nichts 
verloren, nur die Tat — das ist nur bei mir." 

,, — Und daß in mich eben der Heilige Geist gekommen ist — 
weil ich der Urheld bin. — Wenn der Heilige Geist spricht, dann zittert 
alles — aber zuerst kommt das Lauschen im Ohr. — Das sind eben 
die Geisterstimmuugen in der Luft — sie rauschen — trachten nach dem 
Wandelbaren, — nach Bösem und Gutem. — Wenn die untcrirdisohen 
Geister reden, dann ist e^ eben eine Offenbarimg. — Daß man dann 
lauschen muß und sich nicht bewegen darf — es ist dann etwas von der 
Verkörperung. Ich habe es auch vom Heiligen Geist bekommen, daß 
ich der Feind sei der anderen Astronomen — und daß die nie keine 
lichtigen Behauptungen hatten — und daß ich ihre Theorien durch die 
Gedanken zerstöre. — Wenn ich etwas Gutes denke oder sehe oder 
lese, dann hat das einen wohltätigen Einfluß auf alles — daß dann eben 
alles mehr erheitert wird, — - die Sonne scheint dann heller — es ist 
mehr Licht da. — Doch ist es besser, daß mehr Schatten da sei. — Ich 
brauche nur eine Minute zu lesen, so heitert sich alles auf, — weil ich 
das Radium bin — daß ich eben das Licht auf die anderen ausströme. — 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. 39 

Das habe ich eben durch das Lichtgestrahle. — Und daß ich allein den 
Hfiligen Geist habe. — 

Als dem unvergänglichen llrhelden kommt ihm als Libidovcr- 
mittler der Heilige Geist zw. Als Vermittler der Sonnensprache ist er die 
personifizierte Libido. Wenn er spricht, dann zittert alles. Unter seinem 
Einfluß wird es in der Welt heller, es wird mehr Sonnenlicht, wenn er 
etwas Gutes denkt oder sieht oder liest. Seine Sonnenlibido teilt sich 
der Außenwelt mit. In seiner Extriorisation wird er zum Libidoradium 
der Welt. Und wieder betont er, daß er das alles „vom Lichtgestralde 
habe und daß er allein'' den Heiligen Geist liabe. Ernennt die ..Geister- 
Stimmungen", auch der unterirdischeir Geister (seiner künftigen Nach- 
kommen), Offenbarungen, sie sind ihm heilig: er darf sich dabei nicht 
bewegen und muß lauschen, um nicht abgelenkt zu werden. Den Inhalt 
dieser .^Geisterstimmungen" setzt er in Vergleich mit der ..Ver- 
k(Vrperung", von der etwas dabei sei. Die Verkörperung lernten wir 
von ihm als Erzeugung seiner Nachkommen kennen. 

,jlch darf nicht hernmschauen, sonst bekomme icli sogleich 
nebenerhabene Gedanken (das sind Gedanken, die man von der 
Außexrwelt empfängt) — senkt man den Blick zu Hoden, so behält 
man die eigenen-erhabenen Gedanken, — Ich darf auch nicht herum- 
laufen — auch im Herumlaufen bekommt man andere (xedanken. — 
(denn) im Laufen wechselt man den Standpunkt. — Und ich solle 
auch nicht sitzen, — (denn) ich sei unter den Aufrechten.'' 

Mit diesen Worten betont er noch einmal die Heiligkeit seiner 
Stimmen und Gedanken, die ihm eine absolute Kontemplation auf- 
erlegt. Zugleich klingt schon die Eefürchtung durch, diese Stimmen 
und Gedanken verlieren zu können. 

Wir habeu uns jetzt dem Eude des ersten katatonischen Schubes 
unseres Fatientea in der Anstalt genähert. Die Produktionen werden 
spärlicher un<l er fängt an. Vorkehrungen 7u tveffen, u!n einem Vf^r- 
siegen der Eingebungen vorzubeugen. Zugleich wir<l das subjektive 
Ich des Kranken wieder munterer und fängt an, die ^\'iderstänät' 
deutlicher wahrzunehmen. Es ist wahischeiiilich, da^ datun d'w Analyse 
mitwirkte, obschon er keir.c Erklärungen noch irgend welclio amloro 
Ideen davon annahm, im Bewußten wenigstens, 

,,Ich bin immer wach, darf nicht schlafen — weil es eiuo r^trafe 
ist — (Was?) — Daß ich jetzt schon bostrait sei durch das Volk, weil es 
(das Volk) schon mit Waffen geführt worden ist, als ich schlief. — Und 



4*> W. Ttten. 

daß ich eben von Anfang aji keine Rnhe hatte, weii ich zu viel studiert 
habe/' 

Damit macht .^liich Patient Vorwürfe, daß er während des Schlafens 
lind StufUerens versäumt hatte, sein Volk gegen die Feinde zu führen. 
Ein anderer konnte ihm zuvorgekommen «ein, während er, in andere 
Phantasien verzaubert, schlief und damit könnte seine Bestimmung 
als Held und Herrsclier in der jetzigen Generation gefährdet sein. 
In dem zu vi^^l ,, Studieren" oder Phantasieren und dem zu wenig Handeln 
fand er eben von Anfang an keine Zufriedenheit. 

..Kann nie stillstehen, weil ich immer wandern und suchen muß. 
wcd ich wie Irrsterne immer wandele, entstehe und wieder zerstört 
worde - daß aber der Geist iiumer lebendig ist — weil er immer gleich 
bleiben muß - - weil er nicht verschmelzen kann. — Das ist eben die 
ewige Zer:^törung und Entstehung/' 

Patient, der seit Tagen nicht mehr still sitzen wollte, während 
ganzen Sitzunge)! regungslos, mit gesenktem Kopf (nach eigener Vor- 
schrift) dd stand, fing nun auch an die rastlose Wanderung und ewige 
Wiederkehr in Szene zu setzen. Er ging in die Mitte de.s Zimmers und 
fing an langsam ujhI uuentwegt eincji kleinen Kreis abzulaufen. Ge- 
fragt, Wi',^. Ol' da auifidiL-e. gab er nach Langem (und nicht bevor der 
Arzt einige lOmal mit herunigekreist hatte) die Antwort: ,,Das sei 
eben das ewige Wiederkommen, — daß man immer wieder dahin 
zurückkomme, wo mau schon lOüinal gewesen ist ^ und daß man 
immer rastlos weiteigehcTi müsse wie die ., Irrsterne''. 

Rr führte also seine Seelenwanderung mit der ewigen Wieder- 
geburt zum Herrscher und Helden auf. 

..Es seioi schon allerlei Übungen an mij- gemacht worden. — 
Daß ich scho3i ! 00 mal durch Eisenbahn- und Schiffs- und Luftschiffs- 
und Turbineminglücke umgekommen sei.'" 

^.ach seinem 100 maligen Entstehen tolgte ein 100 maliges 
Vergehen, und zwar immer durch ^lord oder Unglück. So sagt er 
weiter: 

;,Lnd tlal^ ich schon lOÜOmal erdolcht, in die Luft gesprengt 
und. fn'schlageu wurde." In einzelnen seiner Todesfälle ist symbolisch 
auch schon die Wiedergeburt vorbereitet: so mit dem Tod im Wasser 
und mit den Unfällen im Luftschiff. Die Symbolik des Erdolchen« 
untl ha-cbießeu.-^ ließe aul eine passiv homosexuelle Komponente 



Beiträge zur rsycLologie der Dementia praecox. 41 

schließen. Daß diese bei unserem Patienten auch vorhanden ist, verrät 
zum Beispiel folgende Stelle dieser Zeitperiode: 

,,— Daß ich auch schon hätte ein Weib werden sollen, — (warum ? ) 
weil ich von keinem Frauenzimmer abhängen will oder kann — weil 
ich schon immer die Gedanken haben muß, die ich gemacht bekomme."^ 

Er ist in seineu Gedanken von den Stimmen (,, Sonnengestrahle -^ 
u. a.) abhängig und kann deshalb nicht von Frauen abhängig werden. 
Die Erklärung des Abhängigseins, der gemacht bekommenen Ge- 
danken, die er uns jetzt gibt, kann aber doch einen (vielleicht 
früher stärkeren) Wunsch nach der Verwandlung in ein Weib nicht 
verdecken. Wir treffen also hier, wie im vorigen Falle, auf die 
Bisexualität. 

In dieser Zeit setzte eine sehr starke, autistische Periode ein. 
Wit trafen den Onaniekomplex schon im vorigen mehrmals an, auf 
der Abteilung wiu:de Patient nicht selten onanierend angetroffen, 
lu dieser Zeit traf man ihn aber immer häufiger damit beschäftigt. 
Zur besseien Überwachung kam er in eiueii Wachsaal ins Bett. Hier 
sagt er einmal, schweißbedeckt, onanierend: 

,,Ich habe jetzt immer die starken Hitzen (Wallungen, Hitze 
im Blut, für sexuelle Hitze gebraucht). — Das sei eben die Be- 
stimmung durch die Ringebungen des Heiligen Geistes. — Er 
habe jetzt auch Stimmimgen von der Sabine, daß er an diese 
denken müsse. — Man habe ihn deshalb schon zum Tode verurteilen 
wollen". — (Wer ist die Sabine?) ~ ,,Daß es eben auch eine sei von 
dem alten Geschlecht — und daß ich mich jetzt immer selber plagen 
n^uß. — Es hieß auch: daß ich als Adam von vorn anfangen müsse — 
und daß ich immer der Selbstmörder gewesen bin ~ durch den 
Samen Verlust/' 

Er leidet also jetzt — ebenfalls durch Bestimmung des Heiligen 
Geistes — an sexueller Hitze. Für ein neues Objekt: die Sabine, die er 
als ebenfalls ,,zum alten Geschlecht"' zugehörig betrachtet und so aLs 
Mutterentstellung bestimmt, also für die Inzestphantasie in neuer 
Entstellung wird ihm der Tod angedroht. Auch als Adam solle er allein 
wieder vorn in der Menschengeschichte anfangen müssen. Er wird also 
in den Autismus gedrängt, erfährt aber auch hier schon wieder 
Schwierigkeiten: die Stimmen sagen ihm, er sei schon immer ein Selbst- 
mörder durch Samenentzug gewesen. Der Konflikt scheint wirklich 
unlöslich, denn da er durch Selbstzeugung immer neu entsteht, ist Verlust 



42 W. Itten. 

seines Samens ihm Selbstmord. Ei onanierte aber dennoch weiter 
und man konnte ihn jetzt nicht mehr antreffen, ohne daß er sich gerade 
damit beschäftigte. Dabei wiederholte er noch einige Brocken des 
zuletzt Gesagten, fand aber keine neuen Eingebungen mehr zvm Er- 
zählen. 

„Ich habe jetzt auch die Instinkte vergessen — und die Herzens- 
gute, — das ist, weil ich eben keine Stimmungen mehr bekomme. — 
Ea heißt, daß ich nicht einmal ein Mensch gewesen sei, — nicht einmal 
ein Wesen, — sondern ein Tier ! Aber ich werde wohl noch etwas wert 
sein, — daß ich wieder die Stimmungen bekomme." — 

Nach kurzer Zeit aber nannte er sich ,, ratlos'*, man könne da 
nichts machen, wenn er keine Stimmungen und überhaupt keine 
Stimmenverbindung mehr habe. — - Er „sei ein Tier, weil die Gedanken 
leer sind". — 

Der Inzestkomplex war jetzt in allen Formen stark verdrängt. 
Patient klagte immer wieder über die Gedankenleere, durch die er 
sich zmn Tier degradiert wähnte. Er beklagt das Versiegen der be- 
wußten Phantasien und wünscht neue ,, Stimmungen" herbei. Äußerlich 
benahm sich Patient nicht viel anders als sonst. Er onanierte mehr, 
fast fortwährend, war im übrigen gleich mutazistisch und rapportlos 
zur Umgebung, schien sich aber mehr einer resignierten Trübaal als 
Gedanken hinzugeben. Eines war verändert: während es sonst nach 
vielen Bemühungen gelang, dem Patienten ein Lächeln abzugewirmen, 
gelang es jczt nie. Während 3 bis 4 Wochen war die Aualyse völlig 
ergebnislos. Der Kranke nannte sich immer gleich gedankenleer und 
machte auch den entsprechenden Eindruck. Er äußerte jetzt mehr- 
mals ,,er möchte schwer arbeiten: etwa ia einem Kohlenbergwerk, 
oder wo etwas verladen werde". Da er aber für Vorschläge zu 
leichterer Arbeit sich völlig gleichgültig zeigte und in sich versunken 
nichts angriff, wurde auch von schwerer Beschäftigimg für ihn ab- 
gesehen. 

Ich bezeichne diese 3 bis t Wochen dauernde Zeit der absoluten 
Gedankenleere und Produktionslosigkeit des Patienten als die Periode 
fler Verdrängung. 

Nach aimähernd einem Monat eröffnete mir Patient eines Tages 
in ungleich viel lebhafterem Ton als die Wochen zuvor: 

,,Ich höie wieder ein Rauschen und Ilaejcheln von unterirdischen 
Geistern ~ - ich ^laulie, tM -sei ein Vesuv — der ausspeit. — Darin (in] 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. 43 

Vesuv) wohnen (ireister, die nicht erwachen konnten — weil es eben 
schon ein Verbrennungsherd gewesen sei. — Es braucht aber das Wort 
dazu, — es muß eine Harmonie sein miteinander — man muß einen 
verstehen können. — Dann muß grad etwas gesohelien : — das Wesen — 
wenn etwas soll lebendig Averden — wenn etwas, das in mir war — 
(Wie?) — das muß jedes selbst ausfindig machen. — Ich werde jetzt 
den Laufpaß bekommen, das ist eben mehr Lauf als Paß. — Das ist 
eben das Schaffen imd Wirken — etwelchermaßen : das Ineinander- 
hinein. Aber es muß immer ein bißchen ein Haken sein, — das es nicht 
hintereinander folgt — (was?) — die Ausbrüche, vom Vesuv die Aus- 
brüche — das ist eben, wenn man sich ein bißchen beschäftigt. — Das 
ist, daß ich eben nur an das Geschlechtliche denke ~ an mich und an 
die Frauen — und an die Krieger. — Ich war wohl auch immer ein 
Krieger. — Ich fühle da immer ein Chrosen^). (Blickt auf den Schoß.) — 
Das ist, wemi es eben nicht heraus will — was ich meine (lacht) — wenn 
etwas gut wert ist — muß man sagen: Chrosen. — Und daß ich eben 
jetzt mit den ^amariterinnen verbunden bin durch den Heiligen Geist. — 
(Mit der Sonne nicht mehr?) — Nein, weiß nichts von der Sonne. — 
(Wer sind die Samariterinnen?) — Das sind eben die Same-Ritterinnen. 
— Ich werde fröhlich, wenn alles draußen ist (lacht erotisch) — daß 
es dann nicht mehr ohroslet — hoho, lala — heraus — und wenns alles 
miteinander ivst." 

Mit einer typischen Erwartungszeit, indem sich wieder ,,ein 
Rascheln und Rauschen*' bemerkbar machte, beginnt eine dritte Periode, 
der Produktion. Zunächst, wie aus dem Material ohne Erklärung hervor- 
geht, mit gesteigertem Autoerotismus, unverdrängtester Art. Auch 
die Geister, die auferweckt werden sollen, melden sich wieder. Er soll 
paeder aus dem Autoerotismus heraus und Erzeuger werden. Von der 
Sonne und, wie ich gleich hier anführen will,, von den anderen Übc^r- 
tragungsobjekten der ersten Anstaltsperiode will er nichts mehr wissen, 
sie bleiben verdrängt. Bloß der Zweck: die ,, Verkörperung der Geister*' 
bleibt bestehen. 

.,,Mit den Seelen im Vesuv da — da könnte ich helfen — dmcb 
das angestrengte Schaffen. — Das mit den Seelen der verstorbenen 
Geschwister ist immer noch so — als nicht erfülltes Märchen (lacht). — 
(Was soll mit ihnen jetzt geschehen?) — Sie entstehen durch das 
Schaffen und Wirken mit einer Frau — daß eben da etwas dahinter 



^) Dialektausdruck für ein Reibegeräusch oder -- -gcfiiliL 



44 W. Itten. 

ist, mit dem Chrosen und Krachen/' — (Sie sagten mir noch 
nichts vom Vater, wie steht's mit dem?) — „Mit dem sei es eben bis 
jetzt ein Kriechen gewesen. — Ich nehme an, der lebe jetzt nicht 
mehrP' — 

Patient denkt also wieder an die Verkörperung der verstorbenen 
Geachwisterseelen ., durch das Schaffen und Wirken mit einer Frau". 
Den Vater läßt er verstorben sein, als einfachste Art der Beseitigung. 
Sein Standpimkt ihm gegenüber sei, ähnlich wie beim vorigen Falle, 
nur ein Kriechen gewesen. 

„Mit der Mutter sei es so, — daß man da eben jetzt nicht könne 
herausfinden, — beriös, — die Willkür ist eben da. — Ob ich hier bin, — 
Krieger oder sonst — es muß immer ein Zusammenhang mit dem 
Geschlecht sein*). — Durch den Vogel in der Luft — durch das Fliegen, 
oder was ich will. — Es muß aber in Vollkommenheit geschehen — durch 
die Matrize — nur ist eben jetzt noch nichts da, — oder vielleicht 
doch — , — Das kommt dann eben von den Hitzen her. — (Was ist die 
Matrize?) — Daß es eben von Anfang an das Weibliche war, aus dem 
man entstanden ist. ~~ Das kommt eben vom Ballen (Hoden) — wo 
das entsteht, bevor man entsteht. — Es ist eben auch der Erdballen 
gemeint — und daß ich selbst schon der Erd ballen gewesen sei. — Und 
daß der Matrize - Ballen schon in den Sternenweltkörpern vorge- 
kommen sei. — (Wie?) - Ebenso, wie ich Ihnen schon gesagt habe. — 
Bis jetzt sei ich eigentlich ein Erdenball — und daß ein Fixstern da sei, 
der mich eigentlich schon hätte anziehen sollen. — ■ Und daß es dann 
ein kolossaler Prozeß — nichts als Tlitzen sei — und daß es dann von mir 
abhänge, was es gibt. — Daß das eben das Ringen der Naturen sei, — 
\u\d daß dabei der Körper entstehe.*' 

Nachrlem er angedeutet, daß man jetzt nicht herausfinden könne, 
zu ergänzen wäre etwa: wer sie sei, oder welche Entstellung sie ange- 
nommen habe — die Willkür sei eben da^) — kommt Patient auf die 
Notwendigkeit ein^s Zusamnieahanges mit dem Geschlecht zu reden, 
Der Zusammenhang iniisse aber in ., Vollkommenheit geschehen: durch 
die Matrize/' Mit den Worten, daß sie eben von Anfang an das Weib- 
liche war, au^ dem man entstanden ist. kennzeichnet er wieder die 

') Zu dieser Zeit pfiff Patient öfter vor sich hin. Er erklärte dazu, das 
sei oben das ..Pfeifen und Locken''. Er lockte auf diese Weise die ,, Stimmen'' 
und ,, Vorstellungen" an. wie der Seemann den Wind und der alte >fyste seine 
(iötter. 



Beiträge zui* Psychologie der Dementia praecox. io 

Mutter. Dann projiziert er wieder einen Verkörperungöakt au den 
Himmel, indem er aus sich als Erdball und der Matrize als Fixstern 
dm-ch einen „kolossalen Hitzeprozeß bei der Vereinigung den neuen 
Körpern entstehen läßt". 

,,Und daß es eben bei dem Prozeß Exkursionen und Faktionen 
gebe — und daß es auch ein Verschmelzen sei — urd ein Flattern und 
Fliegen — und eine Auseinandersetzung" (spreizt die Beine, deutet 
darauf und lacht). — 

Mit diesen Worten sucht er mit bezeichnender Symbolik i\en 
Prozeß der Erzeugung zu schildern. Der Vorgang scheint ihm mehr- 
facher Bestimmung wert. 

.Jch sollte halt eben auf dem Punkt sein, wo ich entstanden 
bin. — (Macht mit dem Munde saugende und lutschende Bewegungen. '' 
Gefragt, was das bedeute, erklärt er: ,,Das ist eben das Saugen, — daß 
man wieder dort ist, wo man war. — Das ist eben durch die Stimme 
des Gefühles/' — 

Die Stimme des Gefühles drängt ihn also zur Sehnsucht nach der 
Mutter, die wohl unter ,,dem. Punkt, wo ich entstanden bin" — und 
dem Ort, wo er einmal gesäugt wurde, verstanden werden muß. 

Während mehrerer Tage wiederholte Patient, ohne viel Neues 
zu bringen, immer wieder dieselben Produktionen. Besonders wurde 
er nicht müde, immer wieder den Prozeß der ,, Verschmelzung", wo- 
durch neue Körper entstehen sollten, zu wiederholen. Dann 
wurden seine Phantasien wieder spärlicher und schließlich erklärte 
er wieder: 

,,Ich habe mich selbst überanstrengt durch das Schaffen, durcJi 
das Vorstellen und Bilden, von dem ich die Vorstellungen hatte. — 
Durch das Denken und Sprechen habe ich alle verloren — weil ich mich 
eben selbst überholt habe." 

Damit schloß die dritte Periode wiederum mit einem Zustande 
von Gedankenleere and Produktionslosigkeit ab. Als ich Patienten 
einige Wochen später wieder untersuchte, wai' er noch vollständig 
verdrängt, etwa wie in der zweiten Periode der Analyse. 

Besprechung. 

Gehen wir kurz noch einmal das vorliegende Material durch, dann 
tritt uns gleich in den ersten Sätzen des Patienten die Mutter entgegen. 

f. 



4^^ W. Itteu. 

Sie habe ihm den heikein Vorwurf gemacht „ob er etwa ein He. ödes 
sei", ein Meuchelmörder der Vorfahren und Blutschänder? Dann wird 
uns die Königin Wilhehnine vorgestellt als künftige Gattin. Zugleich 
erhält sie aber die Bestimmung als Mutter durch den Zusatz ,^daß 
Wilhelmine die Tochter der Königin Viktoria und diese durch die 
Mutter seine Schwiegermutter". Er denkt danach eine inzestuöse 
Heirat einzugehen. Dann muß das elterliche Geschäft verkauft und 
das mütterliche Erbteil mu8 herausgelöst werden, worauf wieder 
die Verheiratung mit einer aus einem alten Geschlecht, „wovon er 
selbst herkomme"', erfolgen soll. Er kommt aus der Inzestwald nicht 
heraus. 

Die nächsten Produktionen machen uns mit den Türken bekannt. 
Diese sind day ,,befliessene*' imd fruchtspendende Volk, das mit den 
Griechen im Streit lebt. Ein Nachbar K. im Heimatsdorf, der ihn 
immer gehänselt habe und den er deshalb einmal mit dejn Gewehr- 
kolben erschlagen wollte und der Vater, der ihn „gestört'' nannte und 
sciion lang mit ihm im Streit lag, seien Türken. Die königliche Gattin 
und Mutter Wilhelmine sei mit dem wunschverstorbenen Abdul Hamid 
verwandt: die Mutter mit dem Vater. Die Griechen sind sein Lieblings- 
volk, sie haben den „Stern des Zeitalters", die Sonne. Sie seien Spröß- 
linge der „Heldenmutter und Gattin Aspasia". Er ist selbst Held und 
Grieche und möchte mit diesem Volk allein einen \yeltkörper bewohnen. 
Seine Mitgriechensöhne werden, wenn er als Machthaber der Schweiz 
die Nachbarstaaten bekämpft, gegen die Türken ziehen: ein Kampf 
gegen Nachbar und Vater, Gleich darauf äußert sich Patient über seine 
„zwei Bcrufungen'\ Die eine ist bedingt durch die Trennung der Eltern. 
worauf ihm die Mutter zufallen soll Die zweite führt über den Autismus 
oder Autoerotismus zum selben Wahlobjekt. Nachdem er uns weiter 
von seinem Somatrank, der Körper und Geist reinigen, stärken und 
unsterblich machen soll, berichtet hat, führt uns Patient in seine 
Kosmogonie ein. Einleitend gibt er uns seine schöne, mystisch 
anmutende Pneiimatheorie, wonach er durch Einatmen von Himmel- 
stoffen, himmlischen Licht- und Gasclementen Teilhaber an Himmel 
und Gestirnen geworden sei und einen Einfluß auf diese bekommen 
habe. Es ist mm auffallend, wie oft schizophrene Kranke Ähn- 
liches erleben. Ich füge hier kurz folgende Fälle eigener Beob- 
achtung an : 

Ein junger Introvertierter sah in einem katatonischen Anfall 
einen weißlichen Hauch mit Flügeln „wie eine Taube" in sich hinein- 



Beiträge zur Psychologie der Dementia pi-aecox. 47 

faliiea. Ea fuhr ihm ,, durch Mund xind Nase ein uud erfüllte ihu mit 
einem woimigen Schauer". Es eei ein Geist oder eine Seele, vielleicht 
von der Frauenseite, vielleicht von einem sterbenden Patienten gewesen. 
Durch den eingefahrenen Geist bekam er die Fähigkeit, hypnotische 
Kraft auf alle Menschen auszuüben, er zwang sie z. B. mit seinem Willen, 
zu ihm hinzusehen. Aber gleichzeitig erlitt er damit das Unangenehme, 
daß ihm die anderen Patienten immer seine eigenen Gedanken vor- 
erkannten und vorsagten. Einmal bemerkte er (im selben Anfall), 
wie ein Arzt ,, furchtbar dick geworden sei und es wurde ihm sofoit 
klar, daß er einen andern Arzt, welchen Patient ein paar Tage laug 
nicht mehr gesehen hatte, verschluckt habe. Der Verschluckte sprach 
ihm nun mit einer Bauchstimme beständig ?.us dem Bauch herauf. 
denn durch das Verschlucken habe der eine Stimme und Eigenschaften 
des andern erhalten' \ — 

Ein anderer junger Kranker nahm „einen Lichtgeist wie Licht- 
strahlen durch den Mund ein und bekam damit die Fähigkeit, es immer 
klar zu merken, wann er die Wahrheit dachte: dachte er nämlich die 
Wf>hrheit (ob etwas so sei oder nicht), dann erhellte die Sonne die ganze 
Geilend und es wurde ihm sanz warm, denn das war nichts anderes 
als ein Zeichen Gottes'*. 

Einem alten Katatoniker flog manchmal ein Geist in Gestalt 
einer Taube auf die Hand und fraß ihm daraus. Manchmal fuhr er auch 
in ihn hinein. Es könne der Todesgeist gewesen sein.'^ 

Ein alter Patient erzählte: Als er einmal auf dem Feld gearbeitet 
habe, sei dicht neben ihm ein Blitz in die Erde gefaliren und ]xix]ic 
einen Übeln Geruch verbreitet. Das köuno der Satan gewesen sein. 
Da habe ihn aber gleich ein Licht erfüllt, wie wenn der gute Oeist in 
ihji gefahren wäre, und es sei ihm himmlisch wohl geworden, da^ köun;^ 
nur der Geist Gottes gewesen sein. Es sei ihm dabei sofort klar geworden. 
daß der Blitz nur ein Zeichen gewesen sei, daß er hier nicht am Platz 
sei, sondern einen andern Beruf ergreifen solle (nämlicli den als 
Prediger). 

Die Kenntnis eines weiteren Falles verdanke ich Herrn 
Dr. Mai er: 

Als dieser Patient einmal abends hinter der Scheune stand. 
sah er plötzlich einen rötlich schimmernden Engel schnell auf ihn 
zufliegen und ihm durch den Mund in den Körper eindringen. Gleich- 
zeitig fühlte er den bösen Geist, der ihn jahrelang besessen und krank 



48 W. Itten. 

gemacht hatte, herausfahren. Mit diesem Einzug des guten (leistes 
erfüllte ihn ein seliges Gefühl. 

Kehren wir nun zu unserem Patienten zurück. Nachdem er uns 
seine Erfüllung durch Himmelselemente erzählt hat, weiht er uns 
in seine Beziehungen zur Sonne ein. Die Sonne ist danach ein Himmels- 
körper, der im Namen Gottes, Jesu Christi und des Heiligen Geistes 
zunimmt, dicker wird und dann einen neuen Weltkörper absetzt, d. h. 
gebiert. Er selbst ist schon ein solcher Weltkörper gewesen und die 
Sonne sollte ihn eigentlich an sich ziehen. Sie ist sein Stern, der mit 
ihm vergeht. Aber nur der Körper vergeht, sein Geist ist unvergänglich. 
Er steht durch den ,, Heiligen Geist* ^ den wir als Verkörperung 
seiner Libido kennen lernten, mit der Sonne in Verbindung. Sie 
gibt ihm durch ihr „Lichtgestrahle^\ das in ihn einfährt, seine 
„Stimmurgen", die er selbst uns genugsam als erotische Phan- 
tasien bestimmt. Durch die ewige Verbindung vermittels des „Hei- 
ligen Geistes" erweckt sie auch immer wieder seine Seele, wenn der 
Körper stirbt. Er ist durch diese den Tod überdauernde Libido- 
verbindung unsterblich. 

Die Sonne spielt auch eine große Rolle bei der Verkörperung 
seiner Nachkommen, Diese Nachkommen seien ,,die Seelen der ver- 
storbenen Geschwister". Er will ihnen dm-ch „die lebendige Kraft der 
Natur, durch ein Schaffen und Wirken, durch die Vereinigung, das 
,,Ineinanderhinein, durch das Flattern und Fliegen" (lauter mehr oder 
weniger deutliche Umschreibungen eines Zeugungsaktes) den ,, Körper" 
verleihen. Diese Verkörperung soll durch die Verbindung mit der 
Sonne, von der er nach einer andern Stelle selbst abstammt, 
geschehen. Diese ,, Verkörperung der Geschwister" und seine Ab- 
stammung von der Sonne determinieren diese wieder doppelt als 
Mutter. 

Wenn unser Patient stürbe, dann würden nach seiner autistischen 
Auffassung alle Menschen den Geist verlieren. Da sein Geist Libido 
ist, heißt das, daß mit dem Aufhören seiner Libido alle Wesen auch 
die ihrige verlören. Er nennt sich ja das „Radium", das seine Libido- 
strahlen auf die ganze Menschheit strömen lasse, bereut dann aber 
wieder diese zu starke Exteriorisation und sucht sie zu widerrufen 
mit der Bemerkung „es sei aber besser, daß mehr Schatten sei". Aber 
auch sonst fehlt es ihm nicht an Kxteriorisationsversuchen: wenn er 
etwas Gutes denkt oder hört, dann wird sogleich alles heller in der 
Welt, ,,die Sonne scheint heller", seine wachsende Libido strahlt aus. 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. 49 

Als unsterblicher, sich immer wieder neu erzeugender Held kann 
er aber auch nie ruhen. ,,Er muß immer wandern, kann nie ruhen, 
wie Irrsterne"' oder wie der Ewige Jade oder der Fliegende Holländer. 
Er kann eben in Wirklichkeit sein Ziel nie erreichen. Denn auch in der 
Krankheit wehren ihm die ethischen Gefühle und nötigen zur Entstellung 
des Übertragungsobjektes. 

Schließlich muß er den Inzestgedanken auch gegen die Mutter- 
surrogate aufgeben und A^erfällt nun in einen Zustand der Gedanken- 
leere, in welchem der Autoerotismus allein Herr ist. Sein letztes 
Besetzungsobjekt war ihm durch Androhung tödlicher Strafe ver- 
unrnöglicht worden. So scheint es wenigstens am wahrscheinlichsten^ 
denn vordem hatte er nie etwas von drohenden Stimmen verlauten 
lassen. 

Da sein Geist nun leer ist, d. h. weil alle Übertragungsformen 
aus der Phantasie weg in die vollständige Verdrängung entwichen, 
kommt er sich ,, ratlos" vor. Der Umstand, daß nun der Kranke nach 
harter Arbeit verlangte, läßt vermuten, daß eine starke, aktive Tendenz 
an der Verdrängung beteiligt war, eine Tendenz, die ihn auch veranlaßte, 
durch harte Arbeit die Verdrängung zu unterstützen. Aus der Todes- 
drohung wegen des letzten Übertragungsobjektes wird es wahrschein- 
lich, daß gegen Ende dieses Abschnittes der Analyse dem Patienten 
die Inzestphantasie in allen Entstellungen unerträglich wurde und 
daß die Todesdrohung eine letzte, schwerste Gewissenswarnung dar- 
stellte. 

Man ist sehr versucht, eine solche Remission aller krankhaften 
Erscheinungen (bis etwa auf den gesteigerten Autoerotismus) als 
Krankheitsremission anzusehen. Man erfuhr ja während der Zeit voll- 
ständiger Verdrängung nichts mehr, was zur Symptomatologie der 
Krankheit gehört. Man könnte in diesem Sinne sogar von einer Heilung 
reden. Jedoch belehrte schon das ganze Verhalten des Patienten, 
daß unter der Asche des niedergebrannten Phantasiegebäudes noch 
Glut lag, die wieder sich entzünden werde. Psychomotorische Er- 
scheinungen im Sinne der Katatonie konnten zwar nicht beobachtet 
werden während dieser Remission. Aber das apathische, rapportlose 
Verhalten zur Umgebung hielt an. Etwas Leeres, Erwartendes war in 
seinem Wesen, er war ablenkbarer als sonst, faßte aber äußere Ein- 
drücke dennoch eher schlechter auf als sonst. Das ließ erraten, daß 
während das Bewußte anscheinend beschäftigungslos ruhte, das Unter- 

JahrbucU für psyelioaaalvt. u. psjchopathol. Forscliungen. V. ^ 



50 W. Itten. 

bewußte unvermindert arbeitete und die verdrängten Phantasien 
aufgenommen hatte. 

Erst nach einigen Wochen brachen sich die unterbewußten 
Phantasien wieder Bahn ins Bewußtsein und bestätigten damit auch, 
daß es sich eben nur um eine Remission im Bereich des krankhaften 
Bewußten gehandelt hatte und um nichts mehr. Es bleibt nichtsdesto- 
weniger interessant, daß uns Patient Gelegenheit bot, eine Eemission 
analytisch zu untersuchen und uns damit einen Einblick in das Wesen 
einer katatonischen Remisbion zu ermöglichen. Ein ähnlicher Fall 
wurde bald darauf von Dr. Nelken*) beobachtet, nur daß sich die 
Schübe und Remissionen etwas weniger abhoben. Ein weiterer 
Fall schien ähnliche Mechanismen aufzuweisen, ich kam jedoch mit 
der Untersuchimg nicht so weit, um völlige Gewißheit gewinnen zu 
können. 

Wir finden im zweiten katatonischen Schub wieder die unter- 
irdischen Geister der verstorbenen Geschwister, die verkörpert werden 
sollen. Neben den noch erhaltenen Mutterentstellungen tritt nun noch 
die ,, Matrize" auf, die schon durch sprachliche Ähnlichkeit an ein 
Muttersurrogat erinnert. Er determiniert sie dann wirklich auch bald 
darauf als ,,da3 Weibliche, aus dem man entstanden ist". Wieder 
schildert er in manchen Wiederholungen und neuen Ausstattungen 
den Erzeugungsprozeß der entstehen sollenden Körper. Er gibt nun auch 
seiner Sehnsucht nach der Mutter den deutlichsten Ausdruck, indem 
er sich an ihre Brust zurückwünscht. 

Nach wenigen Wochen ist er wieder überangestrengt durch das 
Schaffen mit Sinnbildern (wörtlich ,, durch das Vorstellen und Bilden"). 
Durch das „Denken und Sprechen", d. h, das wörtliche Abreagieren 
in der Analyse habe er wieder alles verloren. Er hatte ,,sich eben selbst 
überholt", wie er selbst zum Schluß bekennt, in seinen Phantasien. 
Es folgte nun wieder eine Zeit der Verdrängung. 

Die Art, wie der Kranke, alle Schwierigkeiten verkennend, phanta- 
siert, und der Inhalt dieser Phantasien tragen einen typischen infantilen 
Zug. Wir wissen denn auch durch Arbeiten Freuds, daß die Inzest- 
phantasien infantiler Herkunft sind. Anderseits erscheint, nach einem 
Ausdruck Abraham s^) das Wahnsystem unseres Introvertierten 



1) Dieses Jahrbuch, 1912, I. Hälfte. 

2) Aus Abrahams Traum und Mythus, S. 40. 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. ^1 

,,wie ein Mythos, in dem er seine eigene Größe verkörpert". Und von 
einzelnen seiner phantastischen Projektionen kann man sagen, daß 
diese für einen dürftig geschulten Bäckerjungen ganz bedeutende 
Leistungen sind, die ohne das Vorhandensein einer latenten „logique 
biologique et affective"^) nicht wohl zu begreifen wäre. Das ist eine volle 
Bestätigung eines Wortes von Jung; „daß die mythenbildende Kraft 
des Volkes nicht erloschen ist". Diesem Eindruck kann man sich nur 
dadurch entziehen, daß man, ohne sich die Mühe zu geben, den der 
Realität fremden Äußerungen der Kranken aufmerksam zu folgen, 
diese schlechthin mit ,, Unsinn'' abtut. 

Schlußwort. 

Die beiden vorangehenden Fälle sollen keine „erschöpfenden" 
Analysen darstellen. Bei schweren Fällen mit der Prognose unheilbar 
kann mau ja ohnehin nur einen Krankheitsabschnitt untersuchen, 
wenn einem (wie mir) Kranke weniger als ein Jahr zur Verfügung 
stehen. Man kann sich aber damit begnügen, wenn es durch die Analyse 
gelingt, Licht in die Symptomatologie der Krankheit zu bringen. 
Bei schweren Fällen, wo therapeutische Erfolge nicht zu erwarten sind, 
dürfte überhaupt die Erklärung der Symptome Hauptzweck der Ana- 
lyse sein. 

In den beiden vorliegenden Fällen ließen sich die psychischen 
Krankheitsäußerungen relativ leicht durchschauen, dank der Durch- 
sichtigkeit und Deutlichkeit des vom Patienten gegebenen Materials. 
Beide Fälle waren noch jung, die manifeste Geisteskrankheit war 
bei beiden erst seit einigen Monaten vorhanden. Es ist für manche 
Neurosen bekannt, daß mit zunehmendem Alter der Patienten der Wust 
der Phantasien immer größer und unentwirrbarer wird. Ähnlich 
dürfte es sich mit den Wahnideen der Schizophrenen verhalten. Die 
Sprache unserer Fälle klingt noch nicht so entfremdet wie bei 
manchen älteren Introvertierten, Anzahl und Art der psychopatho- 
logischen Erscheinungen sind noch übersichtlich, ziemlich klar und 
einheitlich. 

Daß die psychopathologischen Erscheinungen die Folge von 
affektbetonten Komplexen sind, ist gewiß; das haben die Forschungen 



1) Nach Le Bon: Opinions et Croyances. In diesem Buche schildert Le 
Bon trefflich die Leichtgläubigkeit aus affektiven Gründen in allen Ständen. 

4* 



52 W. Itten. 

der letzten Jahre genugsam bewiesen. So sagt Bleuler i) für die 
Paranoia : 

„Die genaue Untersuchung der Genese der Wahnideen zeigt, 
daß unter dem Einfluß eines chronischen Affektes, des Affektes, 
der mit dem genannten Komplex zusammenhängt, Irrtümer ent- 
stehen nach ganz gleichen Mechanismen wie bei gemütlich erregten 
Gesunden." 

Schon 1896 war Freud in einer Arbeit^) für dieselbe Deter- 
mination der Symptome bei einem Falle von paranoider Demenz 
eingetreten. Er kam zum Schluß, den Jung in folgenden Worten zu- 
sammengefaßt : 

„In Form und Inhalt der Symptome dieser paranoiden Dementia 
praecox äußern sich Gedanken, die infolge ihres Unlusttones mit dem 
Ichbewußtsein unverträglich waren und deshalb verdrängt wurden, 
sie bestimmen die Art der Wahnideen, der Halluzination und des ganzen 
Verhaltens überhaupt". Es ist ein Verdienst C. G. Jungs, die Wichtig- 
keit dieser Tatsache erkannt und in seinem Buche ,,Über die Psychologie 
der Dementia praecox" zur Allgemeingültigkeit für diese Krankheit 
ausgebaut zu haben. Seine Anwendung der von Freud für Traum und 
Neurose gefundenen psychischen Mechanismen führten zu manchem 
Verständnis bisher unerUärlicher psycho-pathologischer Erscheinungen, 
wie schon das am Schlüsse des Buches gegebene Paradigma der Analyse 
eines Falles von Dementia praecox lehrt. Neben den bereits erwähnten 
Mechanismen der Verdrängung und die Art der Symptome 
schaffenden AVirkung affektbetonter, verdrängter Komplexe 
waren es hauptsächlich die Entstellung und Projektion, die sich 
in der Psychologie der Krankheit einbürgerten. 

Spätere Untersuchungen brachten viele Bestätigungen dazu 
und manche Ergänzungen. Maeder^) fand, ,,daß die Motive zum krank- 
haften Denken und Handeln der Schizophrenen wenig zahlreich sind, 
entsprechend der geringen Anzahl der herrschenden Hauptkomplexe 
und daß die meisten dem Triebleben der infantilen Zeit angehören", 



i)kBleuler in'Affektivität, SuggestibiHtät, Paranoia, S. 101. M. Marhold, 
Halle, 1907, 

2) Freud: Weitere Bemerkungen über die Abwehmeuropsyc hosen. Neuro- 
logisches Zentralblatt, Nr. 10, Zitiert nach Jung; Über die Psychologie der 
Dementia praecox, S. 37- C. Marhold, Halle, 1907. 

^) Maeder: Zwei Analysen Schizophrener, dieses Jahrbuch. 



Beiträge zur Psychologie der Dementia praecox. 53 

Er wies damit zuerst auf die Natur der herrschenden Komplexe hin, 
Freud^) und Ferenczi^) hoben das Vorherrschen der homosexuellen 
Komponente in den Inzestwahnideen der Paranoia und paranoiden 
Demenz hervor. Für die Nachwirkung sexueller Jugendtraumen in 
der Symptomatologie der Schizophrenie gaben A b r a h a m^) und 
Nelken^) weitere Belege. Die Nachwirkung pathologisch starker Eltern- 
übertragungen, mit dem nicht Überwindenkönnen der Inzestschranke 
in der späteren sexuellen Objektwahl zeigte sich aus späteren Analysen 
in Form regelmäßig vorhandener Wahnideen mit inzestuösem Inhalt. 
Dabei kleidete, wie man weiter fand, der Kranke den ihm selbst un- 
erträglichen Inzestgedanken meist in Entstellungen und Symbole. 
Zur Kenntnis imd Deutung der Symbole trugen besonders Jung^), 
H. Silberer^) bei, während Bleuler^) in einer umfassenden Arbeit 
die Kenntnis des schizophrenen Negativismus, eine der auffallendsten 
Erscheinungen dieser Krankheit, bereicherte derselbe Autor ferner 
alle Forschungsergebnisse und seine eigene reiche, anal)^ische Er- 
fahrung verwertend seine hervorragende Monographie über die 
Schizophrenie^) schrieb und Bertschinger^) in überzeugender Weise 
die gezeichneten Halluzinationen einer Schizophrenen als von ihren 
Hauptkomplexen stammend erklärte. 

Auch in den zwei vorliegenden Analysen sahen wir, wie die Sym- 
ptome von stark affektbetonten Komplexen herstammen, ich nannte 
sie deshalb die Gnmdkomplexe. In beiden Fällen sahen wir dem Mutter- 
komplex die Hauptrolle zufallen. Denselben Hauptkomplex fand 



^) Freud neuerdings in der Analyse Schrebers, dieses Jahrbuch, III/l. 

2) Ferenczi neuerdings in ,,1Jber die Rolle der Homosexuellen in der 
Pathogenese der Paranoia, dieses Jahrbuch, III/l. 

^) A br a h a m : , »Über die Bedeutung sexueller Jugendtraumen für die 
Symptomatologie der Dementia praecox." Zeutralblatt für Nerven heilkunde, 1907. 

*) Nelke: ,, Analyse eines Falles von Schizophrenie". Zentralblatt für 
Nervenheilkunde, Nr. 19. 

^) Jung: Handlungen und Symbole der Libido, dieses Jahrbuch, III/L 

^) Silberer: Dieses Jahrbuch II/2. 

*^) Bleuler: Zur Kritik des schizophrenen Negativismus, Psych. -Neurol. 
Wochenschrift, XII. Jahrg., S. 18—21. 

8) Bleuler: Band Dementia praecox aus dem Asch äff enburgschen 
Handbuch der ges, Psychiatrie. 

^) Bertschinger: Illustrierte Halluzinationen, dieses Jahrbuch, III/L 



54 W. Itten. 

Nelken^) außerordentlich hervorstehend bei einem Schizophrenen, 
dessen katatonische Anfälle psychologisch ausschließlich eine Be- 
arbeitung dieses Komplexes darstellten. 

Für die Jung sehe Theorie von der regressiven Wiederbelebung 
archaischer Denksysteme^) in der Dementia praecox bietet besonders 
der zweite Fall bemerkenswerte Belege, 

Zum Schlüsse gestatte ich mir Herrn Prof. Dr. E. Bleuler für 
die gütige Erlaubnis zur Benutzung des Materials und für die an 
seiner Klinik erhaltene praktische Einführung in die Psychologie der 
Dementia praecox, Herrn Dr. Jung für das meiner Arbeit entgegen- 
gebrachte Interesse und für die Fülle seüaer Anregungen bestens 
zu danken. 



^) Nelken: Analyse, Jahrbuch IV/1. 

2) Jung: Wandlungen II. Teil, dieses Jahrbuch IV/1. 



Emige Fälle von Zwaugsneurose. 

Von Professor Ernest Jones^ London. 

(Sctiuß.) 



Fall II. 

leb "werde diesen Fall weniger ausführlich als den vorhergehenden 
erzählen und nur Gewicht auf die uage-\vöhnlicheren Züge legen. Patient 
war Bar-Diener, 24 Jahre alt. Sein Hauptleiden, für welches er Hilfe suchte, 
war der Zwangsgedanke, daß Christus perverse Handlungen an ihm aus- 
führe, hauptsächüch Fellatio. Diese raffinierte Kombination von Inversion 
und Perversion mit Blasphemie war nicht nur dem Patienten widerlich, 
sondern hätt« wahrscheinlich auch die meisten Ärzte abgeschreckt, die den 
Fall eher einem Pfarrer oder Kriminologen zugewiesen haben würden. 
Solche Dinge gehören ebensogut zur Medizin vrie Krankheiten der Galle 
und des Rekturas und wenn es auch unangenehm ist, sich damit zu be- 
schäftigen, wird dies doch reichlich kompensiert durch die Befriedigung. 
welche man erfährt, wenn mau ein so peinliches Leiden zu lindem im- 
stande ist. 

Wenn der manifeste Inhalt einer Obsession sexueller Natur ist. kiuni 
man annehmen, daß ungehemmte Sexualphantasien offen von des Pa- 
tienten Geist Besitz ergriffen haben. Hier handelt es sich nicht mehr um 
verdrängte Sexualität, selbst wenn diejenigen Wünsche, welche die Ob- 
session ursprünglich verursachten, verdrängt worden sind. Der vorliegende 
Fall zeigt dies ganz deutlich. Patient war in einer sehr lasziven Atmosphäre 
erzogen worden und von früher Jugend an gewöhnt, alle möglichen Sexual- 
betätigungen entweder selbst zu üben oder in seiner Umgebung beobachton 
zu können. Die Folge davon war. daß sexuelle Gedanken ihn fast ausschließ- 
lich beschäftigten und alle anderen Interessen in den Hintergrund drängteü. 

Bevor ich seine Kindheit beschreibe, möchte ich erst nocli einen 
Blick auf seinen gegenwärtigen Zustand werfen. Patient war schon in seiner 
frühesten Jugend von zahlreichen Obsessionen und abergläubischen Be- 
fürchtungen geplagt worden. Diese waren jedoch nicht stark genug, um 
ihn in seinem äußeren Leben zu stören, bis sie in den letzten Monaten 
derart an Intensität zugenommen hatten, daß sie schließlich sein ganzes 



56 Erneat Jones. 

Denken erfüllten. In der letzten Zeit war er wegen seiner Hemmimgen 
und der durch die Obsessionen stark gestörten Aufmerksamkeit nicht 
mehr imstande, irgend etwas zu arbeiten. Den Mittelpunkt der Zwangs- 
ideen bildete Christus und der Saugakt, und zy^^ar iu allen möglichen 
Kombinationen, besonders häufig im Zusammenhang mit Essen und 
Trinken. So z. B. wenn er jemand ein Sandwich essen sah, kam ihm der 
Gedanke: ,jEr füttert Christus". Man sprach von einem Pferd, dem zu 
trinken gegeben wurde, und er mußte dazu denken: „um Christus zu er- 
tränken"; wenn er den Zigarrenrauch ausblies, glaubte er, ihn in Christi 
Gesicht zu blasen. Christus war überall; er sah ihn auf den Köpfen der 
Leute, am Ende einer brennenden Zigarre, in seinem Mimd, zu einem 
Fenster heraushängend oder in allen möglichen unanständigen Situationen 
mit verschiedenen Frauen. Wenn ein bestimmtes Mädchen bleich aussah, 
war es, weil Christus Cunnilinguus an ihr ausgeführt hatte, wenn sie 
kniete, mußte er denken, dies wäre eine günstige Stellung dafür, usw. Er 
hatte auch in seinem Penis ein deutliches Gefühl von Christus (Zwangs- 
empfindung), 

Zu diesen ganz bestimmten Zwangsideen kamen dann noch unzählige 
sekundäre Äußerungen, von der Art, wie sie für die Zwangsneurose cha- 
rakteristisch sind. Er mußte z.B. alles mehrmals lesen, gewöhnlich drei- 
oder sechsmal ; oder er mußte sich die Namen aller Leute, die er traf, oder 
die Zeichen, die er las, wiederholen usw. Es kamen ihm auch oft sinnlose 
Sätze in den Kopf wie: „rot ist schwarz" — „Hunde sind Katzen" usw. 
Von seinen Befürchtungen sei erwähnt die Angst vor Schwindel, Apoplexie 
und Geisteskrankheit, die Angst seine Seele zu verlieren und vor allem 
die Angst impotent zu werden. Seine Potenz war in der Tat in der letzten 
Zeit so beeinträchtigt gewesen, daß das Mädchen, mit dem er lebte, ihm 
deswegen Vorwürfe machte und sich anderweitig Ersatz suchte. Mit 
17 Jahren war er schon einmal ein ganzes Jahr impotent gewesen, was er 
einem fluch seiner Mutter zuschrieb; sie hatte nämlich im vorhergehenden 
Jahr den begründeten Verdacht, daß er geschlechtskrank sei (er hatte 
zu jener Zeit wirklich Gonorrhöe) und sagte einmal sehr böse zu ihm: 
„"Wenn du je so etwas bekommst, sollst du nie mehr imstande sein mit 
einer Frau zu verkehren". Er hat nachher noch viermal Gonorrhöe gehabt 
und fürchtete immer, der Fluch seiner Mutter könne sich erfüllen. Natürlich 
waren tiefere und ältere Quellen für diese Angst vorhanden und auch Jfür 
die Hemmimg, welche die psychische Impotenz verursachte. Häufig hingen 
die Befürchtungen mit seinem eigenen Tun zusammen. So glaubte er, 
es würde ihm oder jemandem, den er liebte, ein Unglück passieren, wenn 
er nicht etwas ganz Bestimmtes, gewöhnlich ganz Unsinniges tat; z. B. 
wenn er nicht zurückging und den zuletztgelesenen Zeitimgsartikel 
noch einmal las, oder wenn er sich nicht bückte, um seinen Schuh zu 
berühren, wenn er, an einer Straßenecke stehend, sich nicht nach Süden 
wandte, usw. Viele von diesen Abwehrakten bezogen sich entweder auf 
seine Geliebte- oder auf seine Mutter, deren Bedeutung ich später besprechen 
werde. 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 57 

Es ist nictt erstamilich, daß Patient außerordentlich abergläubisch 
ist; er war vollständig erfüllt von persönlichem und allgemeinem Aber- 
glauben : Gewisse Tage der Woche sind besonders ungünstig, so der Freitag, 
der Tag an welchem Christus starb, und Montag, der Todestag seiner 
Mutter. Gewisse Zahlen, 3, 8, 9, sind glückbringend, andere, 4, 23, 36, 
unglücklich. Es spielte bewußt und unbewußt in wunderbarer Weise mit 
Zahlen^). 

Ich habe oben gesagt, daß Patient früh daran gewöhnt war, Zeuge 
von sexuellen Akten zu sein oder sie selbst auszuüben. Alle seine An- 
gehörigen führten ein in dieser Hinsicht ganz offenkundig imgeregeltes 
Leben. Er hatte eine Schwester, die drei Jahre älter war als er selbst, und 
zwei andere, die 8 und 15 Jahre jünger waren; es war nur ein Bruder da, 
der nur zwei Jahre jünger war als Patient, sein Vater war vor zwei, seine 
Mutter vor sieben Jahren gestorben. Als er 11 Jahre alt war, hatte sich 
3eine Mutter vom Vater getrennt (er wußte nicht, ob sie geschieden waren 
oder nicht); jedenfalls verheiratete sie sich bald darauf wieder. Der Patient 
hatte mit allen seinen Schwestern, mit den Frauen seines Bruders und 
zweier Onkel, mit seiner Großmutter, verschiedenen Dienstboten und 
vielen anderen Frauen, meist Prostituierten, sexuelle Beziehungen (meist 
Koitus) gehabt. Diese Erfahrungen, auf die ich nicht näher einzugehen 
brauche, reichen in den Fällen, wo es sich um Fremde handelt, bis zum 
fünften Lebensjahrj bei seiner eigenen Familie noch weiter zurück. Seit 
seinem dreizehnten Jahre hatte er regelmäßigen Sexualverkehr mit einigen 
kurzen Zwischenpausen und einer langen, während welcher er impotent 
war. Seine Sexualerfahrungen dehnten sich auch auf Tiere, Hunde, Katzen, 
Pferde und Kälber aus, und er hat von seinem vierten Jahre an bis in die 
Gegenwart verschiedene sodomitische Akte ausgeführt. 

Dirnenkomplex. Freud hat uns mit einem besonderen Typu^ 
des Liebeslebens bekannt gemacht und als Charakteristika desselben 
folgende sieben Züge angeführt^): 

„Die Bedingungen der Unfreiheit und der Dirnenhaftigkeit 
der Geliebten, die hohe Wertung derselben, das Bedürfnis nach Eifer- 
sucht, die Treue, die sich doch mit der Auflösung in eine lange Reihe 
verträgt, und die Rettungsabsicht." Man könnte den Typus nach zwei 
seiner hervortretenden Eigenschaften vielleicht den ,,Dimenretter- 
typus" nennen. Wir werden sehen, daß der vorliegende Fall ein aus- 
gezeichnetes Beispiel dafür ist. 

Patient hat eine lange Reihe von Liebesgeschichten gehabt, die 
alle in gleicher Weise charakteristisch waren. Von den vielleicht 

^) Ich habe kürzlich ein auffallendes Beispiel davon publiziert (vom vor- 
liegenden Fall) im Zentralbl. f. Psychoanal., Jahrgang IL Heft 5, S. 241. 

2) Freud: „Beiträge zur Psychologie des Liebe^lebens'*. Dieses Jahrbuch 
1910, Bd. II, S. 392. 



58 Ernest Jones. 

50 Frauen, zu denen er sexuelle Beziehungen gehabt hatte, waren alle 
entweder nicht ledig oder nicht Jungfrau. (Die beiden ersten Eigen- 
tümlichkeiten des Typus.) Tatsächlich zweifelte er nach diesen Er- 
fahrungen in z^oiischer Weise an der Existenz von Jungfrauen überhaupt 
und hatte gar nicht bemerkt, daß er eben die Tendenz hatte, Frauen 
aus dem entgegengesetzten Typus auszuwählen. Er hatte etwa 20 
richtige Verhältnisse, die jeweils ein paar Monate dauerten, und die 
betreffende Frau war jeweils während dieser Zeit die einzig Mögliche 
in der Welt. Wer sie auch war, er hatte immer den stärksten Wunsch, 
ihr treu zu sein, was ihm ziemlich gut gelang, bis das Verhältnis 
gelöst wurde. In bezug auf die Eifersucht solcher Individuen bemerkt 
Freud*) sehr scharfsinnig: ,, Merkwürdigerweise ist es nicht der recht- 
mäßige Besitzer der Geliebten, gegen den sich diese Eifersucht richtet, 
sondern die neuauftauchenden Fremden, mit denen man die Geliebte 
in Verdacht bringen kann. In grellen Fällen zeigt der Liebende keinen 
Wunsch das Weib für sich allein zu besitzen und scheint sich in dem 
dreieckigen Verhältnis durchaus wohl zu fühlen." Das stimmt genau 
bei unserm Patienten. Er hatte mit den Frauen seines eigenen Bruders 
und zweier junger Onkel, die seine besten Freunde waren., Verhältnisse 
von mehrmonatlicher Dauer. Jedesmal fühlte er starke Gewissens- 
bisse, weil er es als Unrecht empfand, ein Verhältnis mit einer so nah 
Verwandten zu haben und seinen Freund zu betrügen, aber offenbar 
hatte er einen krankhaften Impuls nach diesen beiden Richtungen. 
Einmal hatte er seiner Schwägerin den Verkehr verweigert und fühlte 
sich erst von ihr angezogen, als er hörte, daß sie mit einem andern 
flirtete. Niemals war er auf den rechtmäßigen Gefährten der Frau 
eifersüchtig, noch zeigte er den Wunsch, sie ganz für sich allein zu be- 
sitzen. Trotzdem war er bei dieser und bei anderen Frauen furchtbar 
eifersüchtig auf jeden neuen Mann, der in ihr Leben trat. Allerdings 
hatte er meist guten Grund zu dieser Eifersucht, aber die abnorme 
Natur derselben zeigte sich sowohl in ihrer ungeheuren Intensität als 
darin, daß Eifersucht unter den gegebenen Umständen etwas ganz 
Unvernünftiges war, und auch darin, daß sie schon ganz im Anfang der 
Liebesaffäre auftrat, bevor von irgend einer Untreue der Frau die Rede 
sein konnte. Ich hoffe in der nachfolgenden Besprechung des Falles 
etwas Licht auf die Natur dieser Eifersucht werfen zu können. 

Der andere zu erwähnende Zug, nämlich der Wunsch, die Geliebte 
zu retten, war besonders charakteristisch für den Patienten. Ver- 

^) Freud, Op. cit., S. 301. 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 59 

banden mit der Ansjst vor der Untreue seiner Geliebten nahm der 
Wunsch die von Freud beschriebene Form an, die Geliebte aus einem 
Leben des Lasters zu erretten und sie auf den Pfad der Tugend zu 
führen. Eine nach der andern suchte er dem Bösen zu entreißen, aber 
immer vergebens, und sein größter Ehrgeiz war, eine wirkliche Pro- 
stituierte zu retten. Damit hing es ohne Zweifel zusammen, daß er 
vorzugsweise Prostituierte als Geliebte hatte und sogar in mehrerern 
Fällen eine Zeitlang den Zuhälter spielte. Mit anderen Worten, sein 
Wunsch zu retten steigerte sich im gleichen Verhältnis wie die Gefahr, 
in der sich die zu Rettende befand; gerade wie bei der Heilsarmee 
die Freude über die Reue eines Sünders sich proportional zur Schwärze 
seiner Sünden verhält. Wir werden später zu diesem Thema zurück- 
kommen. 

Wie Freud in geistreicher Weise zeigt, stammen all diese Züge 
aus einer gemeinsamen Quelle, nämlich aus der übermäßigen Fixation 
der infantilen Liebe zur Mutter. In unserm Fall war dies ganz deutlich 
zu sehen, und die Tatsache, daß ich ihn einige Zeit vor dem Erscheinen 
des Freudschen Artikels untersuchte, könnte als Bestätigung seiner 
Schlüsse dienen, wenn eine solche noch nötig wäre. Bei unserm Patienten 
hing die Liebe zur Mutter in folgender Weise mit dem Dirnenkomplex 
zusammen: Die Mitteilungen, die mir Pat. darüber machte, ohne sich 
über deren Bedeutung klar zu sein, machten mich zuerst darauf auf- 
merlcsam. Eines der Reizwörter, das beim Assoziationsversuch 
Komplexmerkmale aufwies, war , Strumpf; alles, was ihm dazu einfiel 
war, daß seine Mutter ihr Geld in ihrem Strumpf zu tragen pflegte, 
eine Gewohnheit, woran man mit Sicherheit die Prostituierte erkennt. 
Ab er neun Jahre alt war, kam einmal spät in der Kacht, kurz nachdem 
die Mutter von einer mehrstündigen Abwesenheit zurückgekehrt war, 
ein Mann vor das Haus, schlug die Fenster ein und machte eine 
schreckliche Szene, indem er fortwährend behauptete, die Mutter habe 
ihm einen Ring gestohlen. Ein anderes Mal, in späteren Jahren, sagte 
ihm eine Prostituierte, daß seine Mutter ,,di8 größte Hure von Toronto" 
gewesen sei, was er sehr übelnahm. Mit 16 Jahren war er einmal mit 
seiner Mutter und einem fremden Mann zusammen im Zimmer und 
seine Mutter befahl ihm, zu bleiben, um sie durch seine Gegenwart 
vor dem Mr. H., ,,der ihr etwas tun wollte'', zu beschützen. Er sah 
diesen Mann später noch oft und bekam die Idee, daß er Beziehungen 
zu seiner Mutter gehabt hatte. Die Mutter war zweifellos eine Frau 
von sehr lockeren Grundsätzen. Sie zeiarte sich dem Knaben oft nackt 



60 Ernest Jones. 

und bediente sich fortwährend äußerst vulgärer und zynischer Auf:- 
drücke; so sagte sie ihm z, B., daß sie den Penis seines Vaters nicht 
liebe und beschrieb ihm in allen Einzelheiten, was ihr daran mißfiel. 
Sie war schwere Trinkerin mid masturbierte oft nach den Aussagen 
des Patienten, der sich durch den odor digitorum davon überzeugte. Aus 
diesen und ähnlichen Informationsstücken ist es nicht schwierig zu 
schheßen, daß die Mutter wirklich in ihren spätem Jahren eine öffent- 
liche Dirne war. Jedenfalls kam es bald an den Tag, daß sie wiederholt 
Ehebruch begangen hatte. Als Patient 5 Jahre alt war, kam die Groß- 
mutter einige Zeit ins Haus; da der Vater sie nicht leiden konnte, 
zog er aus und wohnte vorübergehend in der Stadt, bis die Großmutter 
wieder fort war. In dieser Zeit kam ein Mr. Parker zu ihnen und dem 
Patient fielen die außergewöhnUchen Vorbereitungen auf, die die Mutter 
für den Gast machte: sie ließ das Schlafzimmer neu tapezieren, 
parfümierte das Bad, usw. Er muß damals schon gemerkt haben, 
daß etwas nicht in Ordnung war; denn als ihn der Vater später darüber 
fragte, weigerte er sich, irgend eine Auskunft zu geben, ,,weil er sich 
nicht zugeben wollte, daß irgend etwas Besonderes zu sagen sei''. 
Seine Eltern trennten sich dann, zuerst nur vorübergehend, später 
für ganz, und überall wo sie wohnten, folgte ihnen dieser Herr Parker 
und verbrachte einige Zeit mit ihnen. An einem Ort, als Patient 6 Jahre 
alt war, teilte Herr P. das Schlafzimmer der Mutter, während die 
Kinder mit einem Mädchen das danebenhegende Zimmer innehatten. 
Mit 8 Jahren wurde er einmal, als er etwas Geld verloren hatte, von 
Mr. P. so geschlagen, daß er eine Zeitlang eine geschwollene Zehe hatte. 
Es kamen auch oft andere Männer ins Haus, und einer davon schenkte 
seiner Mutter ein Klavier, das 1000 Dollars gekostet hatte. Sein Vater 
fragte ihn wiederholt nach Mr. Parker, aber er sagte immer, daß er 
nie ins Haus komme, und behauptete auch mir gegenüber, dies wirkUch 
vergessen zu haben. Der Knabe war während jener Zeit sicher bestrebt, 
das Benehmen seiner Mutter zu übersehen und hatte nur den Wunsch, 
sie vor dem Vater zu schützen und nichts Schlimmes von ihr denken 
zu müssen. Dieser Konflikt muß sehr weit zurückreichen, denn er 
hat eine Erinnerung aus dem 4. Jahre, wo er in eine Dachkammer 
gesperrt wurde, während seine Mutter mit Mr. P. im Schlafzimmer 
war; er wunderte sich, was sie wohl dort täten, und war zu jener Zeit 
schon so weit informiert, daß er das Eichtige vermuten konnte. Als 
seine 8 Jahre jüngere Schwester geboren wurde, wollte sie sein Vater 
nicht als sein Kind anerkennen. Einige Jahre später sagten ihm sein 



Einige Falle voa Zwangsneurose. 61 

Vater und seine ältere Schwester, daß Jeanette, die jüngere, ein Bastard 
sei. Er wollte es nicht glauben und vergaß es ganz, bis sein Onkel ihn 
einige Jahre später daran erinnerte; auch dann glaubte er es noch nicht. 

Nach den oben erwähnten Tatsachen scheint es zwar kaum 
glaublich, aber der Patient hatte bis zur Zeit der Behandlung nie den 
Schluß gezogen, daß seine Mutter wahrscheinlich, und dies mehr als 
einmal, die Ehe gebrochen habe. Einige von den Tatsachen hatte er 
vergessen, an andere erinnerte er sich, ohne sie untereinander in Zu- 
sammenhang zu bringen, so daß deren Bedeutung übersehen werden 
konnte. Letzterer Vorgang ist besonders charakteristisch für die 
Zwangsneurose. Es hatte ihm aber nicht geringe Anstrengung ge- 
kostet, die fast greifbare Wahrheit zu verdrängen und vor sich selbst 
zu verbergen. Die Widerstände, die er hatte, als er dies alles realisieren 
sollte, zeigten, wie intensiv der Wunsch war, die Wahrheit nicht zu kennen . 
Er war einige Zeit lang nach dieser Entdeckung, die er eigentlich 
schon längst gemacht haben mußte, ganz zerschmettert, und zwar 
war diese Keaktion so stark, daß ich dahinter noch einen tieferen 
Komplex vermutete, als nur den Wunsch, an die Reinheit der Mutter 
glauben zu können. 

W^ir haben hier ein gutes Beispiel für die Art und Weise, wie 
eine wichtige Erfahrung die Reaktion auf andere, weniger wichtige, be- 
stimmt. Seine Mutter hatte ihm wiederholt erzählt, wie sie einst seinen 
Onkel beim Sexuaiverkehr mit seiner (des Patienten) älteren Schwester 
ertappt habe, aber jedesmal, wenn er es hörte, war es ihm wieder ganz 
neu, er glaubte es nicht und vergaß es bald wieder. Es mögen hier noch 
einige Züge erwähnt werden, die zur Illustration seines erotischen 
Verhältnisses zur Mutter dienen, das Wichtigste werde ich aber erst 
im Zusammenhang mit seinem Munderotismus und Schautrieb an- 
führen. Bis zum 16. Jahre hatte er oft bei seiner Mutter geschlafen 
und in ihrer Nähe manchmal erotische Empfindungen gehabt. Einmal, 
in seinem 13. Jahre, als er den Koitus von Mutter und Stiefvater be- 
lauschte, wurde er dabei so erregt, daß er zur Beruhigung masturbieren 
mußte; er gab zu, daß er damals den neidischen Wunsch hatte, an der 
Stelle seines Stiefvaters zu sein. Oft träumte er von Koitus mit der 
Mutter, um nachher mit einem Ekelgefühl zu erwachen; die Erinnerung 
daran kehrte erst während der Analyse zurück. Einmal, auch in seinem 
13. Jahr, bekam er eine Erektion, als er in Gegenwart der Mutter 
nackt war; diese schalt ihn dann heftig dafür. In seinen Träumen und 
Sraiptomen wies manches auf Mutterleibspbantasien hin. Er litt 



62 Emest Jones. 

z. B. stark an Claustrophobie. Diese Vorgebuttsphantasien waren 
wie gewöhnlich von solchen über den Tod begleitet und viele seiner 
Symptome hatten mit Tod und Leichen zu tun, besonders seit dem 
Tode seiner Mutter. Er sagte: ,,SeitdemTodemeinerMutter habe ich mehr 
Angst vor allen Löchern im Boden, und es ist mir imerträglich neben 
einem solchen zu stehen." Er mußte verschiedene Zeremonien aus- 
führen, die ihn vor Leichenschaffnern schützen sollten, und hatte stets 
Angst, sterben zu müssen. Ein Haiis erinnerte ihn an ein Leichenhaus, 
eine Bettstelle an eine Bahre, ein Tramwagen an einen Leichen- 
wagen usw. Ähnliche Gedanken kamen auch in seinen Obsessionen 
vor, gewöhnlich als Nachsätze zu denselben, wie z. B. : ,,Ich hoffe, 
mein Bruder wird heute seine Billardpartie gewinnen — um die Be- 
stattimgskosten herauszuschlagen;" ,,ich gehe jetzt nach Hause — 
um bei einer Leiche zu schlafen," usw. Die verschiedensten Leute 
hielt er für Leichenschaffner und wunderte sich, ob sie mit den ihnen 
anvertrauten Leichen sexuell verkehrten. Das Urinieren mußte immer 
in einer bestimmten Richtung geschehen, um die Richtung nach dem 
Geschäft eines bestimmten Leichenschaffners zu vermeiden. Als er 
einst mit einer Frau sexuell verkehren wollte (vor dem Tode seiner 
Mutter), wurde er impotent, als er erfuhr, daß ihr Mann kurz vor- 
her gestorben war. 

Ich brauche hier nicht näher auf die Wurzeln aller dieser Todes- 
gedanken einzugehen; denn sie sind wohlbekannt und imser Fall zeigt 
in dieser Hii^icht gar keine ungewöhnUchen Züge^). Es lagen dahinter 
alle erdenklichen Sexualphantasien, Gedanken über seine eigene 
Geburt, sadistisch nekrophile Phantasien, feindselige Todeswünsche, 
Inzestwünsche usw. Ein merkwürdiges Erlebnis, das er vor 2 Jahren 
gehabt hatte, gab den alten Assoziationen von Tod und Sexualität 
noch besondere Intensität. Es war in einer fremden Stadt, spät in der 
Nacht; er war betrunken und erkundigte sich bei einigen Männern 
nach einem Bordell. Diese führten ihn zum Scherz in ein Leichenhaus, 
wo er am Morgen voll Entsetzen über seine Umgebimg erwachte. 

Es mag noch ein Wort über das sadistische Element in seinen 
Todesobsessionen gesagt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist Folgendes : 
Eines Nachts, als er mit seiner Geliebten, Lily, im Bett lag, kam ihm 
plötzlich der Gedanke, es sei die Leiche seiner Mutter, und er habe 

1) Die hauptsächliehsten dorsolben sind angeführt in meiner kürzlich 
erschienenen Publikation: „Das Problem des gemeinsam«! Sterbens". Zentralbl. 
f. Psychoanal, Bd. I, S. 563. 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 63 

sie mit Messerstichen getötet. Die Bedeutung davon ist zu offen- 
sichtlich, als daß sie noch einer besonderen Interpretation bedürfte; 
der Sjonbolismus wurde noch unterstützt dadurch, daß er seinen Penis 
gewöhnlich ,,a trusty blade" (eine gute Klinge) nannte. Als Kind war 
er oft sehr heftig und scheute sich nicht, andere zu verletzen; mehrmals 
hatte er im blinden Zorn mit Messern um sich geworfen. Später empfand 
er jede gesehene oder gedachte Grausamkeit äußerst peinlich. In der 
Regel waren aber seine sadistischen Äußerungen mehr symbolische 
Darstellungen eines Sexualaktes (Durchdringung), als nur das Ver- 
gnügen, anderen Schmerz zu bereiten, und ich möchte sagen, daß 
der Sadismus, obschon ungewöhnlich stark entwickelt, doch nicht 
im Vordergrund seiner pathogenen Tendenzen stand. 

Wir wollen nun zu den Eigentümlichkeiten des von Freud be- 
schriebenen Typus zurückkehren. Es ist offenkundig, daß alle die Prosti- 
tuierten, die der Patient geliebt hatte, (ungenügende) Stellvertreterinnen 
der Mutter waren; er hatte selbst bei manchen derselben die äußerliche 
Ähnlichkeit mit der Mutter bemerkt. Seine gegenwärtige Gehebte, 
Lily, die er bewußt mit der Mutter identifizierte, hatte sich als die 
beste Vertreterin, die er je gefunden, erwiesen, imd die Neurose war 
ausgebrochen, als er mit ihr Schwierigkeiten bekam. Er hatte mit ihr 
doppelt so lange gelebt als mit irgend einer ihrer Vorgängerinnen und 
machte verzweifelte Anstrengungen, sie vom Pfade des Lasters ab- 
zubrmgen. Die Angst, sie betrüge ihn, war entschieden krankhaft 
und beinahe zur Phobie geworden — wir haben oben schon das Fehlen 
des Wunsches nach Alleinbesitz erwähnt — und die Analyse zeigte 
deutlich, daß hinter der Angst der Wunsch lag, die Geliebte möchte 
untreu sein. Dieser Wunsch war sogar so stark, daß seine Genesung 
dadurch wesentlich erschwert wurde. Zur Arbeit zurückzukehren 
hieß imstande sein, sich und die Geliebte zu erhalten, während es 
seine Krankheit mit sich brachte, daß er beständig fürchten mußte, 
das Mädchen würde sich verkaufen, um den Lebensunterhalt für sich 
zu verdienen, d. h. sie würde zu ihrem früheren Beruf, dem der Pro- 
stituierten, zurückkehren, was auch vielleicht bald genug der Fall 
war. Dies war der sekundäre Krankheitsgewinn der Neurose, Hinter 
der Eifersucht, welche dieselbe Angst in anderer Form zeigt, liegt 
auch derselbe Wunsch; man weiß jetzt, daß hinter jeder Eifersucht 
ein Wunsch liegt, sei er nun homo- oder heterosexueller Natur. Ich 
glaube, daß sehr oft, wenn nicht immer, dieser Wunsch nach Un- 
treue der Geliebten hinter alledem versteckt liegt, was Freud als 



64 Eraest Jones. 

,,die Bedingungen der Unfreiheit und der Dirnenhaftigkeit der Geliebten, 
das Bedürfnis^) nach Eifersucht, und die Treue" bezeichnet. 
Die Motive auf dem Grunde dieses sowohl erwachsenen als infantilen 
Wunsches sind ziemlich deutlich. Je größer die Gefahr, in der die Frau 
sich befindet, desto größer ist auch der Verdienst des Retters. Es besteht 
auch eine feindliche Absicht gegen die rechtm.äßigen Eigentümer, 
ursprünglich den Vater. Die Bildung des Familienromans wird wesentlich 
unterstützt durch den Zweifel an der Legitimität des Kindes, das sich 
dadurch wiederum berechtigt fühlt, die Ansprüche des Vaters auf 
Autorität und Dankbarkeit abzuweisen, so daß die gar nicht seltene 
Phantasie entstehen kann, das Kind besitze gar keinen Vater, d. h. 
habe sich selbst gezeugt. Dieser letztere Zug ist, wie ich an anderer 
Stelle^) gezeigt habe, manchmal kombiniert mit den tiefem inzestuösen 
Tendenzen der charakteristischen Retterphantasie. 

Eine weitere Funktion, welcher der fragliche Wunsch dient, 
ist die Entblößungsphantasie: indem man das Weib (die Mutter) zur 
Dirne macht, läßt man sie öffentlich die Reize entfalten, die sie dem 
Kinde sorgfältigst verborgen hatte. Dieser Zug tritt besonders deutlich 
hervor in den Bemühungen um das Seelenheil der Mitmenschen, 
besonders in der christlichen Religion, wo mehr als anderswo Gewicht 
auf persönliche Rettimg und Propaganda gelegt wird. Die krankhaft 
gesteigerte Freude der Begeisterten, wenn der. Neubekehrte gezwungen 
wird, seine vergangenen schrecklichen Sünden vor der versammelten 
Gemeinde aufzuzählen, die Enttäuschung, wenn diese nicht interessant 
oder scheußlich genug sind, und das exhibitionistische Gefallen, mit 
dem der Bekehrte seine Erfahrungen detailliert, sind oft in der Literatur 
oder auf der Bühne verspottet worden^). Zuletzt sei noch das am 
meisten einleuchtende Motiv erwähnt, nämlich, daß die Frau, wie 
sehr sie auch gebunden sei, dadurch zugänglich wird, daß man sie 
untreu macht. 

Noch eine Bemerkung zur Rettertendenz; Wie Freud so klar 
gezeigt, hat dieselbe sozusagen einen manifesten und einen latenten 
Inhalt. Ersteres ist der Wunsch, die Frau vor dem Abweichen vom 
Pfade der Tugend mit allen seinen Folgen zu bewahren, und letzteres 
der inzestuöse Wimsch, mit der Mutter (oder ihrer Stellvertreterin) 
ein Kind zu zeugen. Wir haben eben gesehen, daß hinter dem ersten 

-) von mir gesperrt. 

^) ,,A forgotten dream", Joum. of abn. PoychoL, Febr. 1912- 

3) Z. B. in Bernard Shaw: „Major Barbara". 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 65 

dieser beiden Wünsche sein gerades Gegenteil liegt, nämlich der 
Wunsch, die Frau in eine gefährliche Situation zu bringen. Man 
braucht kaum darauf hinzuweisen, wie gut dies mit dem latenten 
Inhalt des Wunsches übereinstimmt; denn mit einer Frau ein Kind 
zeugen heißt, die Frau in Grefahr bringen. In manchen Fällen mag 
das sadistische Element dabei ungewöhnlich prominent sein ; bei xmserm 
Patienten war die feindselige Tendenz sehr ausgesprochen und steigerte 
sich zeitweise zu einem bestimmten Todeswunsch. Stekel^) schreibt 
hinsichtlich dieser Frage: ,, Einen retten heißt auch einen töten". Zur 
Lösung dieses scheinbaren Widerspruches diente bei meinem Patienten, 
wie auch sonst oft, der Umstand, daß Geburt imd Tod schon seit 
seiner Kindheit zusammengehörten, wo er glaubte, daß für jedes 
Kind, das geboren würde, jemand (ursprünglich die Mutter) sterben 
müsse. In diesem Zusammenhang muß Eanks^) schöne Arbeit er- 
wähnt werden, wo er zeigt, welche weitreichende Bedeutung diesem 
Motiv in Mythologie und Folklore zukommt. 

Schaulust. Der Exhibitionstrieb war nicht so stark entwickelt 
wie sein Gegenstück, der Schautrieb. 13ie auffallendste Äußerung 
desselben war, abgesehen von der Häufigkeit der typischen Ex- 
hibitionsträume, die Tatsache, daß Patient mit entblößtem Oberkörper 
zu beten pflegte. Die Betrachtung seiner religiösen Komplexe wird 
uns zeigen, was das heißt. Seine Angst vor Impotenz stand auch damit 
im Zusammenhang. ,,0n which side do you dress" ist der gewöhnliche 
Euphemismxis des Schneiders für ,,auf welcher Seite tragen Sie Ihre 
Genitalien". Halbbekleidet heißt also soviel als einseitig bekleidet — 
was wiederum bedeutet, ,,die Genitalien auf einer Seite tragen". Der 
Ausdruck führte zu den Assoziationen ,, halbabgebraucht, halb fertig". 
Patient glaubte, wenn man die Genitalien auf einer Seite trage, würden 
sie abgebraucht oder irgendwie beschädigt, und er hatte deshalb die 
Gewohnheit, sie abwechselnd rechts oder linka oder in der Mitte zu 
tragen. Früher trug er stets sehr enge Beinkleider, um die Aufmerk- 
samkeit der Damen auf seine Genitalien zu lenken; vermutlich war 
die Idee, dieselben könnten verletzt werden, eine Art Selbstbestrafung, 
wie dies bei ihm im allgemeinen ein sehr charakteristischer Zug war. 
In früher Kindheit war seine größte sexuelle Neugier auf die Mutter ge- 
richtet, und da er sich viel in ihrem Schlafzimmer aufhielt, hatte er 
oft Gelegenheit, dieselbe wenigstens teilweise zu befriedigen. Als er 

1) Stekel: Zentralbl. f. PsyohoanaL, Jahrg. I, S. 591. 
-) Otto Hank: Die Lohengrinsage. Deuticke 1911. 
Jahrbuch für psycliöanalyt. u. psj^ciiopathol. Porschnug^eii. V. ^ 



66 Eraest Jone?. 

15 Jahre alt war, zeigte ihm seine Mutter einmal die Varicen an ihrer 
Hüfte und sagte ihm, daß sie von den Schwangerschaften herrührten, 
worauf er sehr erregt wurde und eine Erektion bekam. Er erinnerte 
sich dann auch einer Eeihe von vorher vergessenen Fällen, wo er 
seine Mutter nackt gesehen hatte. Wir werden gleich sehen, daß diese 
Neugier aufs engste verknüpft war mit seinen Religions- und Impotenz- 
komplexen. Ersteres kam dadurch zustande, daß er als Kind die Ge- 
wohnheit hatte, sich zum Beten an die Knie der dann meist sehr leicht 
gekleideten Mutter zu lehnen. Seine Gedanken waren in solchen 
Momenten ganz mit den Genitalien seiner Mutter, denen er so nahe 
war, beschäftigt, und er pflegte den deutlichen Wunsch zu fühlen, 
sie mit seinem Mund zu berühren. Als er dies erzählte, halluzinierte 
er einen den betreffenden Teilen eigentümlichen Geruch. Auf diese 
Erlebnisse läßt sich auch die spätere Zwangsidee zurückführen, daß 
es Sünde sei, neben einem Pult oder irgend einer Kommode (ehest 
of drawers) zu beten. Das Wort ,,drawers" wird auch für Frauen- 
hosen gebraucht und in seiner Jugend war es ihm strenge verboten, 
die Kommode der Mutter zu öffnen, weil sie darin ihren wertvollsten 
Besitz (Schmuck) aufbewahrte. AVenn er im Schlafzimmer seiner Mutter 
war, benutzte er einen Spiegel, um sie zu beobachten, ohne daß sie 
es merkte, besonders wenn sie urinierte. Später konnte er nicht schlafen 
gehen, ohne vorher durch irgend ein im Zimmer befindliches Glas (Fenster, 
Türe) zu sehen. 

Ein interessantes Syinptom war auch die folgende visuelle Ob- 
session: Er wurde beständig gequält von dem absurden Gredanken, 
daß er von Dingen umgeben sei, die alle außer ihm sehen könnt-en: 
die Leute haben Töpfe auf den Köpfen, aber er sehe es nicht; 
oder sie haben Homer, die jedermann sehen konnte, nur er nicht. Diese 
Obsession war dreifach determiiüert. Erstens wurde damit die Tatsache 
ausgedrückt, daß alle, außer ihm, sehen konnten, was seine Mutter 
war. (,..To see" heißt im Englischen ,, sehen" imd ,, einsehen".) Er konnte 
etwas nicht sehen, was allen anderen deutlich sichtbar war, d, h. er 
wollte es nicht sehen. Die zweite Determinante des Symptoms war 
ein richtiger ,, Frau Grodiva-Komplex^)". Er hatte nämlich die Kedensart 
gehört: „if you look up a girls elothes, you will lose your sight" und 
hatte die Drohung wörtlich genommen, so daß er fürchtete, der eben 
erwähnte visuelle Defekt könnte sich zur Blindheit steigern. 

^) Siehe Freud: „I>ie p^chogene Sehatörvmg in psychoanalytischer Auf- 
fa^isimg". Ärztliche Fartbildung 1910, Nr. 9. 



Einige Falle vod Zwangsneurose. 67 

Von großer Bedeutung war auch hier, wia in der Godivasage, 
die x\ngst vor der Kastration als Strafe für seine Übeltaten. Er wußte ^ 
daß durch Gronorrhöe die Augen oft ernstlich affiziert werden, und 
dachte jedesmal, wenn er die Krankheit hatte, daß die Verwünschung 
seiner Mutter (wenn er geschlechtskrank werde, verliere er seine Potenz) 
sich sov^ohl auf die Sexualorgane als auch auf die Augen beziehe. 
Die symbolische Identifikation von Auge und Penis war bei ihm voll- 
ständig. Er nannte die Urethraöffnimg Auge und verglich den Penis 
einer Nadel mit ihrem Öhr (engl. eye). Als er einst als Knabe seine 
Großmutter geärgert hatte, drohte sie ihm eine Nadel ins Auge zu 
stechen; seither abhorreszierte er alles, was Nadel und Nähen hieß. 
Natürlich war ihm das Auge auch Sraibol für das weibliche Genitale. 
Er liebte das obszöne Rätsel: ,J'll put my long straight thing into 
your round hairy thing: What is it?" und übersetzte es mit: „Ich will 
meinen Penis in dein Auge stecken:" Er brauchte den Ausdruck ,,for 
a girl to wink a man off", um damit auszudrücken, daß der Penis 
mit den Augenwimpern gekitzelt wird. Als Kind hatte er gelegentlich 
seiner Schwester ins Gesicht uriniert und dabei den Strahl gerade 
in ihr Auge gerichtet; auch hatte er sich manchmal dazu auf den 
Rücken gelegt, damit der Strahl in sein eigenes Gesicht, und zwar in 
die Augengegehd falle — ein Beispiel von ,,sekimdärem Autoerotismus" 
(Sauger). Als Kind sah er den Regen für den Urin eines großen Mannes 
im Himmel an (ein weiterer Beweis für die Gleichartigkeit neurotischer 
und mythologischer Gebilde), und er ging immer noch sehr ungern 
bei Regen aus, aus Angst, dieser könnte ihm ins Gesicht fallen. In 
zahlreichen Phantasien kam es vor, daß ein Mann ihm ins Auge urinierte 
oder seinen Penis hineinsteckte, ein Hinweis auf die homosexuellen 
Tendenzen, auf die ich später zurückkommen werde. 

Wir sehen hier in einer geistigen Sphäre dieselben Phantasien, 
die bei einer Hysterie in irgend eine perverse Tätigkeit der Gesichts- 
funktion konvertiert worden wären. Diese Konversion fehlte auch bei 
unserm Fall nicht gänzlich, denn Patient litt an Schmerzen, Konge- 
stionen und anderen Parästhesien der Augenhöhlen, welche sich als 
rein psychogen erwiesen und verschwanden, als die eben angeführte 
Analyse gemacht wurde. 

Munderotismus. Ich werde hier nur die heterosexuelle Seite 
dieses Themas behandeln und die homosexuelle auf später versparen. 
Die Träume des Patienten, seine Symptome und sein ganzes Benehmeji 
bildeten einen unzweideutigen Beweis für die Tatsache, daß er einoi 

5 ■' 



68 Ernest Jones» 

sehr ausgesprochenen Munderotismus hatte, der sich sogar bis zur 
Perversion steigerte. Er beschäftigte sich beständig mit der Frage 
des Saugens, die bei jedem Menschen, den er traf, auftauchte. Er 
schwankte zwischen abnormem Interesse für den Akt einerseits und 
übergroßem Ekel anderseits. Einmal fühlte er sich zu einer Frau 
hingezogen, von der das Gerücht ging, sie pflege derartige Gewohn- 
heiten, brach aber mehrmals Beziehungen zu Frauen ab, wenn ein 
solches Gerücht sich bewahrheitete. Er hatte oft bei Frauen Cunni- 
hnguus ausgeführt und bei sich selbst Fellatio ausführen lassen. Wenn 
er impotent war, pflegte er den Akt durch ,,the act of minette" zu 
ersetzen, offenbar eine Rückkehr zu Infantilbetätigungen. Seine 
Tendenzen in dieser Hinsicht erstreckten sich weit zurück in seine 
Kindheit. Mit 6 Jahren schlief er bei einem Kmdermädchen und 
pflegte zwischen ihre Beine zu kriechen imd sein Gesicht, besonders 
den Mund, an ihre Vulva zu legen. Er erinnerte sich auch, daß er im 
Alter von 5 Jahren einmal mit seiner ältesten Schwester und anderen 
Mädchen zuBammengewesen war und mit ihnen ,,Minette" gemacht 
hatte. 

Die Gewohnheit äußerte sich aber auch in anderer, weniger ab- 
stoßender Weise. Eine Erinnerung aus seinem 4. Lebensjahr, die 
wiederholt mit solcher Stärke auftrat, daß sie beinahe den Namen, 
einer Zwangserinnervmg verdiente, lautete folgendermaßen: Er füllte 
eine Spritze mit Wasser und sog daran, bis sie leer war; das war augen- 
scheinlich eine Deckerinnerung. Er hatte verhältnismäßig lange die 
Gewohnheit behalten, an seiner Zehe zu saugen und hatte noch 
eine besondere Vorliebe für Fingersaugen und Nägelbeißen. Sein 
ausgesprochenes Interesse für Tiere galt größtenteils ihrem Hang 
zum Saugen und Schnüffeln, der ihn unwiderstehlich anzog. Es kamen 
dann noch längst vergessene Erinnerungen an mit derselben Schwester 
ausgeführte Cunnüinguusszenen, wobei sie einmal vom Vater über- 
rascht und streng bestraft wurden. Niemand wird die sexuelle Natur 
des eben beschriebenen Benehmens leugnen wollen, und doch war es 
unmöglich, einen prinzipiellen Unterschied zu machen zwischen diesen 
Akten und jenem andern, ähnlichen Akt, den die medizinische im 
Gegensatz zur übrigen Welt beharrUch als reinen Nahrungstrieb 
bezeichnet, nämlich dem Saugen an der Mutterbrust. In späteren 
Jahren noch war er dieser Gewohnheit sehr zugetan, nicht etwa zum 
Zwecke der Ernährung, sondern um sich mit seiner Geliebten zu 
amüsieren. Soweit ich sehen konnte, war die Vorliebe des Patienten für 



Einige Fälle von Zwangsneurose. Ö9 

das Saugen an der Brustwarze von der gleichen Natur, wie sein Ver- 
gnügen, andere Gegenstände auszusaugen. Wie die anderen Äußerungen 
dieses Impulses, reichte diese auch sehr weit zurück. Als Kind sog 
er oft an der Brust seiner Großmutter und erinnerte sich, in früheren 
Jahren (bis zum Alter von 8 Jahren) dasselbe mit mehr als einer Freundin 
seiner Mutter getan zu haben. Er erinnerte sich noch gut, welchen 
Kampf es gekostet hatte, ihn von der Mutterbrust zu entwöhnen; 
sein Widerstand dagegen war so groß, daß die Mutter oft Senf an die 
Brust streichen mußte, um ihm den Wechsel zu erleichtem. Er war 
auch schrecklich eifersüchtig auf seinen 2 Jahre jüngeren Bruder, 
wenn er zusah, wie ihn die Mutter stillte, und bat damals oft, man 
möchte ihm wieder lange Kleider anziehen, damit er des gleichen Ver- 
gnügens teilhaftig würde. Bis zu seinem 13. Jahr pflegte ihm die 
Mutter zu ihrem eigenen und seinem Vergnügen zu erlauben, an ihrer 
Brust zu saugen! 

Ich werde sogleich zeigen, welch großen Einfluß diese Tendenz 
auf die Determination seiner Symptome hatte, möchte aber noch 
einige Einzelheiten vorausschicken : Er hatte zwei oder drei Jahre lang 
einen Schlucktick gehabt und machte dabei Bewegungen, die mehrere 
seiner Bekannten zu der Bemerkung veranlaßten, er führe an sich 
selbst Cunnilinguus aus. Seine Gewohnheit, Eellatio an sich auszu- 
führen zu lassen, entsprang nicht allein seiner Gefälligkeit Frauen mit 
perversen Tendenzen gegenüber, sondern er hatte selbst ein besonderes 
Vergnügen daran. Da dies keine primäre Tendenz sein kann, muß sie aus 
einer Umkehrung des Wunsches nach Befriedigung des Munderotismus 
entstanden sein. Wir müssen unterscheiden zwischen sexuellen Per- 
versionen, die bloße Übertreibungen normaler infantiler Neigungen 
sind, wie z. B. Exhibitionismus, und solchem, die wie Fellatio imd Cunni- 
linguus Verdrehungen normaler Neigungen sind. Im vorhegenden Falle 
habe ich gefunden, daß die Fellatio durch den Vorgang der Identifi- 
kation mit der Mutter entstanden war, d. h. Patient empfand dabei 
dasselbe Vergnügen, das die Mutter beim Säugen des Kindes empfunden 
haben mußte. Aus dem schon Mitgeteilten sowie aus den noch zu 
besprechenden Kapiteln des Narzißmus und der Homosexualität 
geht klar hervor, daß diese Identifikation mit der Mutter ganz be- 
sonders ausgesprochen sein mußte. Gemäß dieser Deutung war also 
für den Patienten, wenn er Cunnilinguus ausführte, die Vulva der Frau- 
Mutterbrust, während, wenn an ihm Fellatio ausgeübt wurde, sein 
Penis dieselbe darstellte; im erstem Fall spielte er die Rolle des Kindes, 



70 Ernest Jones. 

im zweiten die der Mutter. Die Identität von Penis und Brustwarze 
geht klar daraus hervor, daß er als Kind den ersteren mit „tit" (die 
gewöhnliche Abkürzung für Zitze, Brustwarze) bezeichnete. 

Homosexualität. Die homosexuelle Komponente des Patienten 
war außergewöhnlich stark entwickelt und er hatte eine Reihe ent- 
sprechender Erfahrungen gemacht. Diese können in zwei Gruppen 
eingeteilt werden, je nachdem sie aas gegenseitigen Manipulationen 
am Penis bestanden oder aus mehr koitusähnlichen Akten. Er hatte 
zweimal, im Alter von 12 und 15 Jahren, je einige Monate lang mit 
anderen Knaben mutuelle Masturbation geübt. Im Alter von 7 Jahren 
hatte er einen Mann masturbiert auf dessen spezielles Verlangen; 
auch in den vorhergehenden Fällen war er nie der auffordernde Teil 
gewesen. Bis zum Alter von 12 Jahren pflegte er mit seinem Bruder 
Spiele zu machen, wie Kämpfe u. dgL, wobei der Penis als Waffe benutzt 
wurde. Sogar vor 3 Jahren noch hatte er einen Mann mit seinem Penis 
spielen lassen, er schämte sich aber so darüber, daß er keine Erektion 
bekam. Bis zum 13. Jahre hatte er auch oft mit seinem Bruder ,,Papa'' 
und ,,MannLa'" gespielt, und obgleich älter als sein Bruder, war Patient 
dabei doch stets in der weiblichen Rolle. Als er 17 Jahre alt war, 
führte er mit einem andern Knaben desselben Alters ,,minette" aus. 
Zwischen seinem 8. und 14. Jahr hatte er zu wiederholten Malen älteren 
Knaben oder Männern erlaubt, pädicatio an ihm zu vollführen, meist 
gegen Geld. Es ist bemerkenswert, daß die Rolle des Patienten bei diesen 
Erlebnissen auffallend weiblich ist. Nur ein einziges Mal, mit 14 Jahren. 
spielte er den aggressiven Teil und hatte damit keinen Erfolg. Er gehört 
also nicht zum gewöhnlichen homosexuellen Typus, mit dessen Er- 
klärung uns Freud und Sadger vertraut gemacht haben, sondern 
zu dem von Ferenczi am Weimarer Kongreß diskutierten Typus, 
bei dem die Inversion noch vollständiger ist. Man nimmt allgemein 
an, daß dabei die angeborne Disposition von ausschlaggebender Wich- 
tigkeit sei. So wahrscheinlich die Wichtigkeit eines solchen undemon- 
strierbaren Faktors sein mag, habe ich doch das Gefühl, daß dies nicht 
alles ist, sondern daß im Gegenteil auch hier, wie beim gewöhnlichen 
Typxxs, sekundäre Mechanismen eine Rolle spielen. Im letzteren wird, 
wie bekannt, das anziehende Objekt gebildet durch eine Kombination 
von Mutter und Subjekt, in der Weise, daß die Fixation vermittels 
Narzißmus und Identifikation mit der Mutter zustandekommt. 

Für den andern Typus, dem unser Patient angehört, möchte ich 
folgende Erklärung vorschlagen, die ich mit aller Reserve vorbringe. 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 71 

wie es sich bei meiner beschränkten Kenntnis des Problems gebührt : 
es findet hier, wie im vorhergehenden Fall, eine exzessive Identifikation 
mit der Mutter statt, aber die Libido nimmt in diesem Fall denselben 
Weg wie bei der Mutter, nämlich den nach dem Vater. Das würde 
sowohl die daraus resultierende feminine Natur des Typus erklären 
als auch die Wahl älterer und stärkerer Männer als Objekte. Jedenfalls 
scheint mir dies bei meinem Fall zutreffend. Die Identifikation mit 
der Mutter war, wie schon bemerkt, ganz auffallend; ein weiteres 
Beispiel davon ist auch die Art, wie erPädikatio — der weiblichste Akt, 
den es für einen Mann geben kann — gegen Geld gestattete, d. h. soviel 
als er prostituierte sich wie seine Mutter. 

Die in der obigen Hypothese erwähnte Fixation auf den Vater 
war auch sehr deutlich. Er dichtete seinem Vater alle möglichen Tu- 
genden an und wir werden gleich sehen, welche bedeutsame Rolle 
in seiner Neurose die Idee von Gott Vater spielte. Seit seiner Kindheit 
hatte er vom Vater getrennt gelebt, aber in seiner frühesten Jugend 
waren hochbedeutsame Erlebnisse zwischen den beiden vorgefallen. 
Etwa in der Mitte der Analyse tauchten eine Menge Erinnerungen auf, 
die sich auf Akte bezogen, die Patient am Genitale des Vaters ausgeführt 
hatte. Die Erinnerung daran war sehr stark verdrängt und er sträubte 
sich gegen ihr Bewußtwerden mehr als gegen alles andere ; sie erschien 
zuerst in der Form von visuellen Bildern oder hypothetischen Fragen. 
Endüch kam es mit Sicherheit heraus, daß er in frühester Jugend 
vom Vater encouragiert worden war, mit dessen Penis zu spielen, was 
die Mutter sehr mißbiUigte. Er pflegte zwischen den Beinen des Vaters 
zu liegen und nach seinem Penis zu greifen; sein stärkster Wunsch 
war, denselben in den Mund zu nehmen, wie er es zu jener Zeit seines 
Lebens mit allen anderen Gegenständen tat. Es gelang ihm einige Male und 
und sein Vater fand es sehr lustig, wenn er seinen Penis küßte ; wurde 
ihm dies nicht erlaubt., so begnügte er sich damit, ihn mit der Hand 
zu berühren und dann seine Pinger zu belecken und zu beriechen. 
Diese Erlebnisse spielten eine dominierende Rolle bei der Bildung 
seiner späteren Keurase. 

Autoerotismus. Patient hatte vom 10. bis 18. Jahre fast täglich 
masturbiert, aber da er keine Heue darüber empfand, war die Sacke 
nur von geringer pathogener Bedeutung. Dagegen waren charak- 
teristische infantile Formen des Autoerotismus von großer Be- 
deutung für seine Neurose, wie ich später bei der Besprechuiig 
der Synrptome zeigen werde. Mmid-, Urethral- und Analerotisnius 



72 Brnest Jones. 

waren beim Patienten in einem ganz abnorm hohen Grade ent- 
wickelt. 

In den Sexualakten seiner Kindheit sowohl als bei der Mehrzahl 
seiner Obsessionen spielte der Anns eine hervoragende Rolle. Von 
Interesse ist auch die Tatsache, daß die Analreaktionen eng verknüpft 
waren init seinem Munderotismus. So bekam er außerordentlich leicht 
Ekelgefühle und hatte die ausgesprochene Neigung, an Nausea zu 
leiden; wenn er ein obszönes Wort hörte, reagierte er darauf mit 
sofortigem Ausspucken. Die von Freud beschriebenen analerotischen 
Charakterzüge waren nur andeutungsweise oder gar nicht vorhanden. 
Vielleicht kommt dies daher, daß sein Interesse nur der Öffnung des 
Anus als einer erstrebenswerten Region, gleich Vulva oder Brust- 
warze, galt, nicht aber dem Akt der Exkretion oder den Exkrementen 
selbst. Der Akt des Urinierena war dem Patienten in der Kindheit stets 
sehr lustbetont gewesen und viele seiner Phantasien bezogen sich 
darauf. Er hatte mit einigen Intervallen bis zu seinem 9. Jahre das 
Bett genäßt. Daß dies wahrscheinlich einer Pollution gleichkam, wird 
durch die kindliche Auffassung des Urinierens als Sexualvorgang 
wahrscheinlich gemacht. So pflegte er, wenn er bei seiner Schwester 
schlief zwischen ihre Beine zu urinieren und hatte es dabei besonders 
auf ihre Vulva abgesehen ; gelegentlich erlaubte sie ihm auch, in ihr 
Gesicht zu urinieren. 

Die kolossale Entwicklung des Munderotismus wurde schon 
beschrieben. Sie dehnte sich nicht nur auf die beim Saugen tätigen 
Muskeln aus, sondern auch auf die Schleimhaut des Mundes und der 
Zimge. Er erinnerte sich, daß man, um seine späte und schwierige 
Zahnimg zu erleichtem, ihm das Zahnfleisch zu reiben pflegte und 
daß er dabei ein besonderes physisches Vergnügen empfand. Später 
hatte er die Grewohnheit, am Zahnfleisch zu saugen, bis es blutete, 
nicht allein um das Vergnügen zu wiederholen, sondern auch wegen 
des angenehmen Blutgeschmackes. Es hatte gehört, daß Samen einen 
salzigen Geschmack habe, und wußte dies möglicherweise auch aus 
Erfahrung; der salzige Geschmack des Blutes ermöglichte ihm die 
Phantasie, es werde Samen in seinen Mund gegossen, eine Phantasie, 
in der seine weiblichen und munderotischen Züge zum Ausdruck 
kamen^). Ein Beispiel von sekundärem Autoerotismus war der 

^) Diese Assoziation zwischen Salz einerseits und Samen und Blut anderseits 
bestätigt die Schlüsse, zu denen ich auf anthropologischem {Boden in einem 
kürzlich in Imago, Jahrg. I, publizierten Artikel gelangt bin. 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 73 

Wunscli des Patienten seinen Penis in den Mund zu nehmen. 
Als Kompensation für das Mißlingen derartiger Versuche kehrte er 
die Sache um und pflegte auf seinen Penis zu spucken. Ein anderes 
Beispiel, das sich auf die Miktion bezieht, wurde oben im Zusammenhang 
mit seiner Schaulust erwähnt. 

Man ist versucht, sich zu fragen, ob ein exzessiver Munderotismus 
auch von bestimmten Charakterzügen begleitet ist, in der Weise, wie 
Freud es für den Analerotismus gezeigt hat. Meine beschränkte Er- 
fahrung, von welcher der vorliegende Fall eines der besten Beipsiele 
ist, berechtigt mich nicht, irgend eine derartige Beziehung zu formulieren, 
ich möchte es aber wagen, die folgenden Bemerkungen der Erfahrung 
anderer zur Bestätigung oder Verwerfung zu unterbreiten. Mund- 
erotismus scheint fast immer mit übermäßiger Identifikation mit der 
Mutter verbunden zu sein, auch sehr oft mit Analerotismus. Diese 
letztere Verbindung kommt auf zwei Wegen zustande: wie der Anus 
ist der Mund auch ein integraler Bestandteil des Alimentartraktus, 
und die beiden Öffnungen sind miteinander verbunden durch die 
gemeinsame Beziehung zur Nahrung. Außerdem ist ein Kind, dem 
der Mund von besonderer Wichtigkeit ist, wohl imstande, alle in- 
teressanten Gegenstände, wozu für ein Kind besonders die Exkremente 
gehören, in den Mund zu nehmen. Ein zweiter Weg besteht in der Be- 
ziehung zwischen Nase und Mund, zwischen den Funktionen des Ge- 
ruches und des Geschmackes; auf den bei Menschen und Tieren be- 
stehenden Zusammenhang von Kiechtrieb und Exkretion brauche ich 
nicht näher hinzuweisen. Die durch diese Form der sexuellen Fixierung 
produzierten Kesultate scheinen bei den beiden Geschlechtem etwas 
verschieden zu sein, obwohl die Quelle derselben stets dieselbe ist, 
nämlich das Saugen an der Mutterbrust. Bei Männern wird zum TeU 
durch die besondere oben beschriebene Art der Mutteridentifikation 
und zum Teil durch die Tatsache, daß der Saugakt mit der Funktion 
der Vagina beim normalen Koitus vergUchen werden kann, die natürUche 
weibliche Komponente enorm übertrieben, und es entsteht oft sogar 
eine vollkommene Inversion aus dieser Konstellation, Bei Frauen 
anderseits (ich habe kürzlich ein charakteristisches Beispiel ver- 
öffentlichti) ist keine Tendenz zur Inversion vorhanden, weil der Akt 
beinahe ihrem normalen Funktionsmodus gleichkommt. Die Absicht 
der Verlegung von xmten nach oben, welche in einem gewissen Grade 
regelmäßig zur Zeit der Pubertät auftritt, wird dadurch wesentUch 

^) American Journal for Insanity, Okt. 1909. 



' * Ernest Jones. 

imterstützt; es läßt sich damit auch besonders gut der kindliche Glaube, 
daß Kinder dadurch entstehen, daß irgend eine befruchtende Substanz 
(Blut, Milch, Gift usw.) verschluckt wurde, vereinigen. 

DerChristuskomplex.ImGeistedesPatientenhingderChristus- 
gedanke au£s engste mit dem Gedanken an sich selbst, seinen Vater 
und seine Mutter zusammen; alle diese Assoziationen waren bei der 
Entwicklung seiner Obsessionen von Bedeutung. Zuerst gebe ich 
einige Beispiele davon, wie auf dem Umweg über die Religion seine 
gegenwärtige Geliebte mit seiner Mutter assoziiert war. Die Geliebte 
hieß Lily (der Name der Mutter fängt ebenfalls mit L an), was zu den 
Assoziationen Osterlilie — Reinheit — Jungfräulichkeit — Jungfrau 
Maria — führte. Seine Mutter war durchwegs mit der Jimgfrau Maria 
assoziiert, wie aus der Betrachtung seiner Symptome deutheh hervor- 
geht. Beide hatten ein Kind geboren, dessen Vater nicht ihr Mann 
war, imd trotzdem betrachtete er (oder wünschte es wenigstens) seine 
Mutter als die personifizierte Reinheit. Sie war am gleichen Tag geboren 
wie Christus. Sein Lieblingslied fing mit den Worten au: ,,My mother's 
Name is Mary; it's a good old name". Die Assoziation zwischen der 
Mutter und Lily erklärt, warum die meisten Christus betreffenden 
Obsessionen auch mit der letzteren zusammenhingen. Er faßte zuerst 
Christus als Gott- Vater auf und dachte ihn erst später als den Vater. 
Als Kind hatte er schrecklich Angst vor ihm und betete stets, er möge 
ihn nicht strafen und ihm seine verschiedenen Wünsche erfüllen. Die 
Analyse eines Satzes aus dem Vaterunser wird zeigen, wie weit die 
Identifikation zwischen Gott und dem Vater ging. Als Kind glaubte 
er stets, daß die Anftagsworte des Gebetes ,, Unser Vater" sich auf 
seinen eigenen Vater bezögen, und erst später erfuhr er, daß damit 
Gott gemeint sei. ,,Gib uns heute unser tägliches Brot'' brachte fol- 
gende Assoziationen: Brot ist der Leib des Herrn (in der Kommunion), 
seine Mutter buk das Brot für die Familie immer selbst — er stahl 
oft davon und wurde dafür gestraft ~ der Gedanke an andere Dinge, 
für die er bestraft wurde, z. B. wenn er mit den Genitalien spielte — 
Brod wird aus Teig gemacht, der zuerst aufgehen muß — Erektion — 
Penis. Der Satz lautete schließlich: ,, Vater gib mir heute deinen Penis, 
um damit zu spielen". Sein Lieblingsgebet fing an: „Gentle Jesus 
meek and mild, pity me a iittle chiW. (Mütterliche Auffassmig Jesus.) 
Er assoziierte dazu folgendes: ,, milder Käse — Jesus = cheese us — 
sein Vater war ein großer Liebhaber von Käse, besonders von solchena 
mit etwas fauligem Geruch — er selbst haßte den Geruch von Käse — 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 75 

smegma (gewöhnlich Käse genannt) — Käse wird aus Rahm gemacht 
(cream — vulgärer Ausdruck für Samen) — Jesus Christ — cheese 
and Crackers — crack her (vulgärer Ausdruck für coitus; crack ist 
auch eine Yulgärbezeichnung für Vulva) — meek and mild — mice 
(Mäuse) — ;,Oace there was a mousey, very fond of cheese ; down came 
a trap and made his blood freeze" — Mädchen fürchten sich vor 
Mäusen, die in ihre Vulva kriechen könnten — Angst, sein Penis könnte 
in einer Falle gefangen werden (venerische Infektion). 

Als Kind hatte er gedacht, der Regen entstehe dadurch, das 
Christus im Himmel den Hahn aufdrehe — eine verlegte Äußerung 
des kindlichen Interesses an der Miktion seines Vaters. Eine seiner 
Assoziationsreihen lautete : Unter dem Niagarafall sein — unter einem 
Strom von Wasser — Christus macht Wasser — in der Kirche wird 
mau getauft — sein kindlicher Glaube, das Weihwasser sei der Urin 
des Priesters^). 

Sehr interessant W'^ar auch seine Identifikation von Christus und 
Teufel. In seinen Obsessionen waren die beiden praktisch gleichbe- 
deutend; einmal mußte er sich Christus in allen möglichen sonderbaren 
Stellungen denken, ein andermal den Teufel, Daher stammte auch 
die Zwangsidee, die Leute haben Hörner, die er nicht sehen könne. 
Die Assoziationen dazu lauteten: „Hörner auf dem Kopf des Teufels, — 
Hörner auf dem Kopf Christi — Homer auf dem Kopf des Vaters''. 
Mit dem Worte ,.Horn'' pflegte der Patient eine Erektion zu bezeichnen 
(Kopf = Penis), so daß sich die Obsession auf den Penis des Vaters 
bezog. Diese vollständige Identifikation der drei Personen stimmt ganz 
mit der von mir an anderer Stella ausgesprochenen Ansicht^) überein. 
die mittelalterhche Vorstellung des Teufels stelle die Projektion 
der infantilen Vorstellungen über Vater imd Sohn dar. AVie oben 
erwähnt, hatte der Patient einen ausgesprochenen zwangsmäßigen Hang 
zum BeteUj bei passenden und unpassenden Gelegenheiten. Bei 
größeren sowie auch bei ganz unbedeutenden Schwierigkeiten mußte 
er zu Christus beten; so, um eine gesuchte Straße zu finden — um eine 
Mahlzeit, auf die er wartete, schneller zu bekommen — um einzuschlafen 
usw. Hinter diesem ursprünglichen kindlichen Zug des ,,sich an den 



^) Diese bewußte Piiantasie des Patienten :itiramt mit dem von mir an Küud 
anthropologischer und historischer Materialien gemachten Schlüsse übereiii. 
dxß Weihwasser nicht nur Urin symbolisiert, sondorn es uispriinglieh wirhÜi^i; 
war (Imago), 

^) Schriften zur angewandten Seelenkunde, Heft XIV. Cap. G. 



76 Ernest Jones. 

helfenden Vater wenden" lag noch ein tieferes Stück, das man erst 
versteht, wenn man weiß, daß Patient gewöhnhch beim Beten an die 
Kniee seiner Mutter lehnte. Er pflegte von Christus zu erbitten, daß 
er nicht impotent werde, daß er eine Erektion bekomme, kurz, daß 
er „alles habe, was er wünsche". Zu diesem letzten Satz mußte er 
zwangsmäßig hinzufügen „die Viüva meiner Mutter — nein, ich meine 
natürlich nicht das". Seine Gtewohnheit, entweder ganz oder halbnackt 
zu beten, bezog sich ebenfalls auf seine Mutter und war zu gleicher 
Zeit eine Herausforderung an den Vater. Patient identifizierte sich 
selbst ebenfalls mit Christus. Als Kind glaubte er, Moses sei nur ein 
anderer Name für Christus, und da er die Moseslegende auf sich selbst 
anwandte und glaubte, er sei im Schilf gefunden worden (Familien- 
roman), lag die Idee nahe, er sei auch Christus. Er erinnerte sieh ganz 
genau, wie er sich das alles ausgemalt hatte und halb glaubte, es sei 
wahr. AVenn er als Kind unartig gewesen sei, habe man ihm zur Strafe 
Domen um den Kopf gebimden (wahrscheinlich war das nur eine 
Phantasie), was er natürlich mit der Domenkrone Christi in Zu- 
sammenhang brachte. Von größter Wichtigkeit war jedoch der Umstand, 
daß sein Vater ihn bisweilen im Zorn einen Bastard nannte. Man kann 
sich denken, wie das bei seinen Vorstellungen von der Keiischheit 
seiner Mutter einerseits und den religiösen Lehren über die Geburt 
Christi anderseits wirkte. Einmal hatte er einen Traum, in welchem 
er sich als Kind in der Vulva einer Fr^u stehen sah; die Szene war 
die Karikatur eines Kirchenfensters, wo Christus auf dem Schoß 
seiner Mutter dargestellt ist. Im allgemeinen machten ihm Bilder 
der Madonna mit dem Jesuskind an der Brust einen großen Eindruck 
imd unterstützten offenbar die oben erwähnte Identifizierung seiner 
Mutter mit der Jungfrau Maria. Schließhch wurde auch sein Wunsch, 
gefallene Sünder zu retten dadurch befriedigt, daß er sich mit dem 
Erlöser der Welt identifizierte. 

Nun muß noch der Zusammenhang zwischen Christus mid dem 
Saugakt erläutert werden. Dieser konnte erstens dadurch entstehen, 
daß das Saugen für den Patienten eines der größten Vergnügen und ein 
besonderer charakteristischer Zug war, so daß, wenn er mit Christus 
identisch war, die Vorstellungen von Christus und Saugen ohne 
weiters zusammenfielen. Darstellungen der Madonna mit dem Kind, 
auf welchen die Funktion der Brust besonders betont ist, förderten 
diese Ideen Verbindung. Wie ich bei der Besprechung der Fellatio er- 
wähnte, projizierte der Patient seine eigene Neigung auf andere und 



Einige Fälle von Zwangsneurose. ' ' 

nahm an, diese wünschten an ihm zu saugen. In besonders hohem 
Grade traf dies auf den Vater zu, dessen Bedeutung für das Kind in 
dieser Hinsicht schon besprochen wurde. Er glaubte, daß jeder Mann, 
der einen Bart trug und Zigaretten rauchte, zu jener Perversion fähig 
sei. Unnötig noch zu sagen, daß beides auf seinen Vater zutraf, der 
sehr gerne Zigaretten rauchte und einen großen Bart hatte^). 

Letzteres war wiederum eine Übereinstimmung zwischen 
Christus und dem Vater. Ein weiteres Thenia, das hier erwähnt werden 
sollte, ist der , , Judenkomplex^' des Patienten, den wir später in Zusamm^en- 
hang mit der Kastrationsangst betrachten werden. Seine Großmutter 
väterlicherseits war Jüdin und er wob alle möglichen pro- und anti- 
semitischen Phantasien über sich und den Vater. Dadurch wurde natürlich 
der Zusammenhang zwischen ihm selbst und Christus und Moses ver- 
stärkt. In einer seiner visuellen Assoziationen verwandelte sich das 
Bild Christi plötzlich in „einen Mann mit jüdischem Bart", der sich 
bald als sein Vater entpuppte. Er bildete sich em, es hätten alle Juden 
die Neigimg zu der für sein Leben so bedeutsamen Perversion und 
behauptete, man könne das aus ihren dicken Lippen schließen. Ich 
möchte nun noch einige der Symptome, die durch die eben erwähnten, 
Assoziationen aufgeklärt wurden, eingehender besprechen. 

Die konstante Obsession, daß Christus ,,Lily etwas tue", deren 
Wortlaut normale und perverse Akte einbegriff und auffallend an 
die von Kindern gebrauchte Bezeichnung für dasselbe erinnert, war 
ein Hinweis auf das Verhältnis zwischen Vater Und Mutter. Die Ob- 
session war immer besonders deutlich, während er den Koitus mit dem 
Mädchen ausführte und verhinderte ihn oft gänzlich daran; die infantil- 
inzestuöse Quelle dieser Hemmung ist klar. In einem seiner „Delirien" 
(Freud) hieß es, er müsse sich an Christus für das, was er Lily getan 
hatte, rächen, dadurch, daß er sie von einem andern Manne küssen 
lasse. Darauf führte er gewöhnlich einen seiner Freunde bei ihr ein. 
Der verborgene Sinn von alledem war natürlich der Wunsch, die Mutter 
möchte dem Vater untreu sein. Eines seiner Gebete an Christus 
lautete : ,,Please do not let Lily be a whore, but keep her a good girP' — 
mit dem zwangsmäßigen Nachsatz: ,,He will keep her a good girl — 
for himself'. Christus trat stets zwischen ihn und sein Vergnügen, 

1) In Kanada sind die meisten Männer wie Patient glattrasiert, so daß der 
Vater eine Ausnahme bildete. Ich weise auch auf die Assoziation zwischen 
Rauchen und infantilem Munderotismus hin, auf die Freud aufmerksam ge- 
macht hat. 

6 



78 



Ernest Jones. 



genau wie in seiner Kindheit der Vater zwischen ihn und die Mutter 
getreten war. Während des Geschlechtsaktes bekam er plötzl'ch die 
Obsession, der Kopf oder Penis Christi befinde sich auch in der Vulva 
und störe ihn. Auf den Einwand, daß dies unmöghch sei, antwortete 
er sich: „Bei Gott sind alle Dinge möghch; der Herr ist wunderbar/' 
Zu seinen frühesten Kindheitssuperstitionen gehörte die Idee, daß, 
wenn er mit jemand auf der Straße ging, ein Dritter sich zwischen 
ihn und seinen Gefährten zu drängen versuchte. Gegenwärtig trat 
die Obsession in der Form auf, daß er, wenn er mit Lily ausging, sie 
beständig vor anderen Leuten schützen mußte, was er vermittels ver- 
schiedener magischer und abergläubischer Maßnahmen ausführte. 
Diese Phantasie war ein- Auffrischimg der Kindheitsphantasie unter 
Beifügung der oben besprochenen Retterphantasie. Eine andere, ver- 
wandte Obsession lautete : „Wenn er dies oder jenes nicht täte, würde 
Christus an Lily saugen", d. h. sein Vater nähme ihm seiii liebstes 
Vergnügen vorweg. Etwas komplexerer Natur war der Zwang alles, 
zv-eimal zu tun, einmal mit und einmal ohne Christus. Dies bedeutet 
u. a. die alternierende Einstellung zum Vater und das Schwanken 
zwischen Herausforderung und Abhängigkeit von dem^selben. Ein 
doppelter Symbolismus lag der Idee zugrunde: Wenn er an seiner 
Potenz zweifle, sei die Zunge Christi auch in der Viilva, um ihm zu 
helfen. Darin sehen wir die Abhängigkeit vom Vater einerseits und 
die Rückkehr zu einer älteren, autoerotischen Betätigung beim Vei- 
sagen der später erlangten, anderseits^). Zuletzt sei noch erwähnt 
der Z\vang, jedesmal wenn er ausgegangen war, in äußerster Eile nach 
Hause zu laufen, weil er fürchtete, „Christus sei vor ihm dort". Der 
Inipotenzkomplex des Patientin war eng verwoben mitder eben erwähnten 
Vorstellimgsgruppe, und die Aufdeckung des Zusammenhanges w^arf 
em Licht auf noch manche andere Symptome. Bei immer wieder- 
kehrenden Gelegenheiten hatte er das Bedürfnis, seine Verwandten 
vor Unheil zu beschützen, was er mit dem merlavürdigen Ausdruck: 
,,to cut off" bezeichnete. So durfte er, um einige Beispiele zu geber:, 
nie nach Norden sehen, um die schädlichen Einflüsse, die von dem in 
jener Gegend gelegenen Friedhof kommen könnten, „abzuschneiden*'; 
durch ungeheure Willensanstrengung ,, schnitt er das Böse ab", daj 
der Bück eines Vorübergehenden seiner Lily anhaben woUt-e usw. 

") Eine ähniiclie Regression zu Infantiiismua uad Homosexualität zeigt 
sic]i m der Obsession, den Penis Christi in seinem Munde zu fühlen, wenn er keine 
Erektion bekam. 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 



79 



Wir wissen von Freud, do.ß bei Zwangsneurose und Paranoia diese 
anscheinend sinnlose Angst vor einem von auJäen kommenden Unheil 
aus der Projektion eigener feindlicher Gedanken in die Außenwelt 
stammt. Die Aaigst des Kjiaben, der Vater würde seinen Penis „ab- 
schneiden", hatte das Wort geliefert, das später jede Strafe für un- 
bewußte Wünsche abwenden sollte. Die ursprünghche Angst war also 
ihrer Macht beraubt worden, indem sie in ein Schutzmittel umge- 
wandelt wurde. Der Vater hatte tatsächhch die fragliche Drohung 
oft wiederholt und gelegentlich verschärft durch scherzhafte Versuche 
an der Nase des Patienten, dem die symbolische Bedeutung derselben 
wohl bewußt war. Zahlreiche Symptome schienen nur dazu da zu sein, 
den Patienten seiner Potenz zu versichern, so z. B. seine Gewohnheit 
in Spalten und Ritzen zu speien. 

Dieser Komplex war teilweise durch den Gedanken an die Sitte 
der Beschneidung bei den Juden mit Christus assoziiert und teilweise 
durch die Betrachtung seines tragischen Endes. Anschließend an 
dieses letztere hatte der Patient eine ganze Anzahl Phantasien gesponnen 
über das Thema ,, hängen und Penis", welche ich leider nicht genügend 
aiialysierte, um. sie hier ausführlich wiedergeben zu können; ihre Be- 
deutung wurde nur ei*st später klar, zweifellos gehörten sie derselben 
Gattung an wie die von Jung am Weimarer Kongreß beschriebene?^. 
Unter den Sympfcomen, die sich auf diese Assoziation bezogen, nenne 
ich folgendes: Wenn er einen Blinden sah, mußte er denken, Christus 
habo seine Augen ausgesogen; die symbolische Bedeutung des Auges 
habe ich oben besprochen. Der Patient identifiziert hier Christus mit 
sich selbst und seiner Perversion und mit dem Vater, auf den er die 
Perversion projiziert hatte (Fellatiokomplex). Die Idee des ,, Aus- 
gesogenwerdens" hing bei ihm aufs engste mit dem Impotenzgedanken 
zusammen; blasse, müde, magere Leute waren alle ausgesogen Avorden. 
Seine Angst vor Geisteskrankheit war mit derselben Vorstellung ver- 
kaüjjft, natürhch über den Gedanken der Masturbation. Patient glaubte, 
der Penis sei die Fortsetzung des Ptückgrates und der ausfheßende 
Samen bedeute für das Gehirn und das Rückenmark, daraus er käm.e, 
einen Verlust.; wahrscheinUch sind viele Fälle von ne urasthenischem 
Syndrom durch denselben Komplex konstelUert. 

Eine weitere Obsession, die sich auf das Vorhergehende bezieht, 
war die Idee, daß er nie ein Kind zeugen könnte, weil, sobald sein Samen 
in die Vagina der Frau gelange, Christus denselben wieder heraussöge; 
es war ihm tatsächlich ein Fall bekannt, wo dieser perverse Akt vor- 



80 



Eraest Jones. 



genommen wurde. Die Obsession sagt eigentlich auch wieder, nur in kom- 
plizirterer Form, er werde vom Vater impotent gemacht. Noch künstlicher 
hergestellt war die Obsession, daß Patient nicht an einem Coiffeur- 
geschäft vorbeigehen konnte, ohne sich einzubilden, der Name Kreisler 
stehe an der Tür. Diese „sinnlose" Obsession war folgendermaßen 
zustande gekommen: Lily hatte ihm von einem Mann namens Kreisler 
erzählt, der Cunnilinguus mit ihr ausgeführt hatte. Die Ähnlichkeit 
dieses Namens mit Christ (englisch ausgesprochen) hatte sich in seinem 
Geist fixiert und ihm eine besondere Bedeutung verliehen. Die Über- 
leitung auf den Coiffeur war durch dessen Tätigkeit bedingt: es ist 
ein Mann, der stets damit beschäftigt ist, „Haare abzuschneiden". 
Das Haar bedeutet einen auffallenden Unterschied zwischen dem 
Patienten und seinem Vater (Patient war glattrasiert), d. h. zwischen 
den beiden Aspekten Christi. 

Von besonderem Interessse in ihren Beziehungen zur Mythologie 
war auch der Zusammenhang der Vorstellungen Hitze und Licht 
mit der Christusidee. Feuer und Hitze waren für den Patienten 
das gewöhnliche Symbol für Liebe, Er hatte Angst vor dem Feuer 
und fürchtete „sieh zu verbrennen", ein Ausdruck den er oft 
hörte, in der Bedeutung, „sich eine venerische Krankheit zu- 
ziehen". Wenn er eine Feuerspritze kommen sah, mußte er sich 
jedesmal schleunigst in ein Haus flüchten, aus Angst, davon in Brand 
gesteckt zu werden; er behielt diese Angst auch noch, als er von der 
Harndosigkeit der Maschine unterrichtet war. Im A^soziationsversuch 
weckte das Reizwort „Feuer" die Vorstellung des infolge Überfunktion 
entzündeten weiblichen Genitales. Als kleiner Knabe erzählte ihm 
seine Schwester einmal von einem sterbenden Mann, der seinen Sohn 
die Hand über eine Gasflamme halten ließ, um ihm einen Begriff von 
der Hölle zu geben, und betonte, wie ratsam es sei, ein tugendsames 
Leben zu führen. Darauf awaug sie ihn, seine Hand in eine Gasflamme 
zu halten, mit dem Erfolg, daß er seinen Vater sterbend vor sich sah. 
Daraus entwickelte sich später die Obsession, wenn er die Hand in 
irgend eine Flamme halte, sterbe sein Vater. Er fühlte eine perverse 
Neigung, dies zu tun und verband damit die Idee von der Motte und 
dem Licht. Er verglich jene einem Mann, der vom Weib unwiderstehüch 
angezogen wird, so daß die Obsession in der richtigen Übersetzung 
nicht etwa hieß; „Wenn ich verbotene Dinge treibe mit Frauen, wird 
mein Vater sterben", sondern „wenn der Vater stirbt, werde ich ver- 
botene Dinge tun können (mit der Mutter)". In seiner frühen Jugend 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 81 

war ihm. die Studierlampe des Vaters immer von besonderem Interesse 
gewesen. Das Glas derselben hatte die Form eines Phallus ixnd er stellte 
sich diesen auch oft in seinen Träumen vor ; eine seiner Phobien bezog sich 
auf Lampen, Eine Lampe bedeutete im besondern den Penis seines 
Vaters und vermittels der Assoziation ,,a bull's eye lantern" und 
der allgemeinen symbolischen Bedeutung des Auges gelangte sie 
schließlich auch zur Bedeutung „das wachende Vaterauge". Als Kind 
hatte Patient von seiner Schv^ester gehört, daß die Bewohner der 
Hölle, nicht aber die des Himmels, sexuelle Akte vollführten. Aus 
diesem und anderen Gründen war die Hölle für ihn eine Begion des 
Schreckens sowie der Faszination, ujid viele seiner Obsessionen be- 
schäftigten sich damit. Seine Mutter hatte ausdrückUich gewünscht, 
nach ihrem Tode verbrannt zu werden, seine Armut hatte ihm aber 
nicht erlaubt, dies auszuführen, imd er hatte oft Gewissensbisse wegen 
dieser Unterlasstmg. Oft quälte ihn der Gedanke, ob seine Mutter wohl 
in der Hölle sei, und ob er sie dort treffen werde usw. Eine Zeitlang 
hatte er die Obsession gehabt, er müsse Lily in einem Schmelzofen 
verbrennen, eine Vorstellung, die natürlich auf den eben erwähnten 
Ideen aufgebaut war. Wenn er Fleisch im Ofen kochen sah, dachte 
er, es sei entweder der Körper Lilys oder Christus; die erstere Idee 
bezieht sich auf das Vorhergesagte, die letztere drückt den Wunsch 
aus, in der Mutter drin zu sein. 

Zu der Hölle gehört natürlich auch der Teufel. Dieser verkehrte 
in der Hölle, wie der Vater mit der Mutter verkehrte. Schon im Alter 
von 5 Jahren hatte er eine Phobie, die sich auf eine in der Nähe seines 
Wohnorts befindliche Lokalität, ,,das Teufelsloch" genannt, bezog; 
diese Phobie beruhte natürlich auf den Assoziationen Vater — Teufel. 
Jung hat kürzlich bemerkt, daß Vater, Sonne und Feuer mythologisch 
synonym sind^). Dasselbe gilt ohne die geringste Einschränkung vom 
Unbewußten des Patienten und ist ein weiterer Beweis für die Ver- 
wandtschaft zwischen mythologischen Phanta^sien und den unbewußten 
Phantasien der Neurotiker. Ich habe schon gezeigt, in welcher Art er 
die Begriffe Vater, Gott und Feuer handhabte, und es war klar, daß 
die Sonne in die gleiche Kategorie gehörte. Er identifizierte den Vater 
direkt mit der Sonne, die beides, das Auge Gottes und des Vaters, 
darstellte. Er identifizierte den Vater und Christus auch mit dem 
Mond. Die Scheibengestalt der Sonne (im Englischen gleich aus- 
gesprochen wie Sohn) mit den sie umgebenden Strahlen erinnerte 

1) Jung,: dieses Jahrbuch Bd. III, S. 202. 

Jahrbuch für psyclioanalyt. u. psychopatbol. Forschungen. V. o 



82 



Emest Jones, 



ihn an den von Haaren umgebenen Mund des Gottessohnes, d. h. 
Christi, und auch an die Vulva der Mutter. Dasselbe traf auch auf 
den Mond zu, der ein noch beliebteres Symbol wurde wegen seiner 
Eigentümlichkeit, die Form zu verändern. Den Kinderreim „the cow 
jumped over the moon" übersetzte er mit „the mother stood over my 
face''. Die Assoziation Mond — Anus war noch geläufiger, teilweise 
wegen der bisexuellen Bedeutung des letzteren und teilweise weil das 
Wort Mond als Slangausdruck für Anus gebraucht wird. Einige seiner 
Obsessionen bezogen sich auf das Christfest (engl, der Kürze halber 
gewöhnlich Xmas geschrieben). Die Analyse zeigte, daß das Wort 
eine Verdichtung des Satzes „kiss my ass" (ass ^anus) war. Der 
Buchstabe X wird in Liebesbriefen gerne gebraucht, um Küsse zu 
bezeichnen. Er hatte den Akt oft mit seinen Geschwistern ausgefülirt 
und oft mit der Phantasie gespielt, er möchte imstande sein, seinen 
eigenen Anus zu küssen (sekundärer Autoerotismus). Über die Vor- 
stellung, daß der Christt^g seiner Mutter Geburtstag war, deutete die 
Obsession auch den Wunsch, an den Anus der Mutter zu küssen, 
sowohl als seinen eigenen (Christus). Die Vorstellung des Anus Christi 
wiederholte sich oft in seinen Obsessionen: vorbeifahrende Tramwagen 
gingen durch denselben, einen Schlüssel ins Schlüsselloch stecken 
hieß ihn in den Anus Christi stecken usw. Ganz besonders quälend 
war der Gedanke der Ring des Anus Christi umgebe seinen Hals; 
manchmal war es auch eine Vulva, die seinen Hals umgab. Die freien 
Assoziationen dazu lauteten: Christus — ein visuelles Bild seiner Mutter 
mit der Aureole Christi um ihren Kopf — die Idee, der Kopf der Mutter 
sei in Christus — umgekehrt der Kopf Christi in der Mutter drin — 
Phantasien, in denen er seinen Kopf an die Vulva der Mutter legte 
(cunnilinguus), oder wo sein Penis in derselben Lage war, und Geburts- 
phantasien. 

Psychogenese der Symptome. Die meisten der individuellen 
Symptome sind schon in Verbindung mit den oben erwähnten Kom- 
plexen und Neigungen besprochen worden, so daß uns nur noch übrig 
bleibt, eine kurze Zusammenfassung davon zu geben und einige Einzel- 
heiten beizufügen. Wir sehen einen jungen Mann mit einem enormen 
Mutterkomplex in den Schwierigkeiten des Ödipuskonfliktes. Dazu 
kommt eine ungewÄnlich stark entwickelte weibliche Homosexualität, 
ein ausgesprochener Impotenzlcomplex und ein übertriebener Mund- 
erotismus, der zur eigentlichen Perversion gesteigert ist. Sein Zweifel 
an der Fähigkeit, sein Liebesleben durchzuführen, ist das Spiegelbild 



Einige Falle von Zwangsneurose. 83 

seines Zweifels an der Treue seiner Mutter; seine Kenntnis von iiirer 
UnZuverlässigkeit wird stark verdrängt, hauptsächlich wegen der 
zahlreichen Assoziationen mit seinem Zentralkonflikt, dem des Inzestes. 
Zu dem von Freud beschriebenen Dirnenrettertypus gehörig, hatte 
Patient eine Reihe von charakteristischen Beziehungen zu Frauen, 
unter denen er einen adäquaten Ersatz für die .Mutter zu finden sich 
bemühte. Der Ausbruch des akuten Stadiums seiner Neurose war 
durch seinen zu großen Erfolg in jener Richtung hervorgerufen. Die 
betreffende Frau war in seinem Geist so eng mit der Mutter verknüpft, 
daß der Verkehr mit ihr die verdrängten Inzestwünsche zu deutlich 
liervorrief. Sein neurotischer Zustand scheint sich folgendermaßen 
entwickelt zu haben : Die aus dem Inzestkomplex entstandene 
Hemmung führte einen Zustand relativer Impotenz herbei. Er suchte 
diesen dadurch zu bekämpfen, daß er, wie er früher bei ähnlichen 
Gelegenheiten auch schon getan hattte, wieder zu jener infantilen 
Form der Befriedigung zurückkehrte, welcher der Cunnilinguus 
des Erwachsenen entspricht. Dazu trieb ihn wieder dieselbe 
Macht, die die Hemmung verursachte (nämlich die Liebe zur 
Mutter). Die Verdrängung dieser perversen Neigung und des 
Mutterkomplexes, daraus sie entstanden war, waren aber zu groß, 
als daß er auf diese Weise eine Befriedigung hätte erlangen können. 
Dazu kam noch, daß die in Betracht kommende Frau damit noch un- 
zufriedener war als er und normalen Verkehr verlangte. Aus diesem 
Grunde sowie aus finanziellen Rücksichten war sie versucht, ihren 
früheren Beruf , die Prostitution, wieder aufzunehmen. Dadurch wurde 
sie der Mutter nur ähnlicher und Patient wurde so in eine unmögliche 
Situation getrieben, die er nicht bewußt ins Auge fassen konnte. Seine 
Lösung des Konfliktes war die Neurose, die ihm nicht nur gestattete, 
in seiner Einbildung zu den Infantilwünschen zurückzukehren, sondern 
auch dem unbewußten Wunsch, die Mutter oder die Geliebten zu 
Prostituierten zu machen, förderlich war. Die Neurose war, wie alle 
Zwangsneurosen, zusammengesetzt aus verdrängten Erinnerungen an 
infantile Sexualakte einerseits und aus Widerständen gegen dieselben 
anderseits. In den individuellen Obsessionen kam oft die Christus- 
idee vor, was durch eine weitgehende Identifikation des Patienten 
selbst und seines Vaters mit Christus determiniert war. Die folgende 
Obsession, die ich noch nicht erwähnt habe, kann als Beispiel dafür 
genommen werden. Wenn er in einem Lift fuhr, kam ihm der Gedanke: 
,,Wenn ich nicht zuerst aussteige, wird jemand sexuellen Verkehr 



84 Ernest Jones, 

mit der Mutter haben". Der Schlüssel dazu war der Umstand, daß er 
Liit mit Guillotine assoziiert hatte, da beides Instrimiente sind, die 
hervorragende Glieder abschneiden; er hatte von mehreren Fällen 
gehört, wo einem Liftpassagier der hervorragende Kopf oder ein anderes 
Glied abgeschnitten oder verletzt wurde. Der , Jemand" in der Ob- 
session war natürlich er selbst, so daß der versteckte Sinn lautet; 
„Wenn ich mit der Mutter sexuell verkehre, wird mir der Penis ab- 
geschnitten". Wie andere Symptome, hatte auch dieses mehrere Be- 
deutungen; so bezog es sich auf den Geburtsakt (aus dem Lift heraus- 
kommen). Eine andere Obsession, die aus der gleichen Quelle stammte, 
war der Zwang, alles wieder an seinen Platz ,, zurückzugeben", was 
irgendwie davon entfernt worden war. Dies hatte seinen Ursprung 
in der angsterfüllten Bitte des Knaben an seinen Vater, er möchte 
ihm doch „die Nase wieder zurückgeben", nachdem dieser behauptete, 
sie abgeschnitten zu haben. Eine noch tiefere Bedeutung stammte 
aus Analinteressen der Elinderzeit (Reinlichkeit, Groll gegen die Elterii, 
die ihm Dinge wegnahmen). 

Es ist nicht überraschend, daß ein so weiblicher Patient auch 
Spuren von Hysterie aufweist; diese waren aber ganz unbedeutend 
im Vergleich zu den Obsessionen. Einer dieser hysterischen Züge war 
das Gefühl, seine Stirn sei „starr wie ein Fels" (numb like a rock). 
Er hatte dies Gefühl vor ein paar Monaten bekommen und schrieb 
es seiner Gewohnheit zu, mit der Faust an die Stirn zu schlagen, um 
die Obsessionen zu verscheuchen. Als Knabe hatte er einen Tick des 
Stirnmuskels, der von seinem Wunsch „hinaufzusehen" verursacht 
war, und den er ad^ab, als man ihm sagte, es gebe ihm das Aussehen 
eines alten Mannes (Impotenz). Vor zwei Jahren hatte er an derselben 
Stelle eine Parästhesie gehabt, „die durch den Druck eines steifen 
Hutes entstanden sei"; derartige Hüte werden in Kanada gewöhnlich 
„stiffs" genaimt und sind daher häufige Penissymbole. „Stirne" 
(forehead) war assoziiert mit „Vorhaut" (foreskin), demjenigen Teile, 
der bei der Beschneidung entfernt wird, Freie Assoziation zu „starr" 
(numb) ergab: „tongue — dumb — thumb — thumb up (Daumen auf) 
ist das Zeichen, das die Taubstummen für „gut" gebrauchen imd als 
Knabe dachte ich, es hieße „Gott" ; ich hatte einen taubstummen Onkel, 
der ein Verhältnis mit meiner Schwester hatte, von dem ich nichts 
hören imd sehen wollte (Deckung für seinen ganz ähnlichen Widerstand 
den Erlebnissen der Mutter gegenüber) — Angst, mein Penis könnte 
so werden wie die Zunge des Onkels, nämlich unfähig, richtig zu funk- 



Einige Falle von Zwangsneurose. 85 

tionieren/' Das Symptom war also ein Kompromiß zwischen seinem 
Wunsch, einen richtig funktionierenden Penis zu haben, und der Angst 
vor Impotenz, Diese beiden entgegengesetzten Tendenzen kamen in 
dem Symptom in einer für die Hysterie charakteristischen Weise 
zum Ausdruck. Vielleicht kann auch der Schlucktick als hysterisches 
Symptom bezeichnet werden. Er stand im Zusammenhang mit der 
Cunnilinguusperversion, war aber in eigentümlicher Weise überdeter- 
miniert. Als Kind hatte er geglaubt, Adam sei nur ein anderer Name 
für Christus, den Schöpfer der Menschheit. Er hatte den Adamsapfel 
(Pomum Adami), die laryngeale Projektion mit der von Adam be- 
gangenen Sünde in Zusammenhang gebracht und war Naturkind 
genug, um zu verstehen, welcher Natur diese Sünde, das Verschlucken 
des von der Frau angebotenen Apfels, gewesen sein mußte. So wurde 
nicht nur sein moralisches Gefühl für Unrecht, sondern auch sein reli- 
giöäer Begriff der Sünde mit der Schluckvorstellung, d. h. mit seinem 
Munderotismus, verknüpft. 

Träume. Von den Träumen des Patienten gebe ich im folgenden drei 
Beispiele; nach der vorausgegangenen Besprechung ist eine eingehende 
Analyse nicht mehr nötig, doch werde ich einige Assoziationen individueller 
Natur erwähnen. 

I. 19. Tag. ,, Ich meldete mich für eine Stelle imParlaments- 
gebäude. Die Schildwache stempelte auf einem im Freien 
stehenden Pult etwas ab. Ein anderer Junge, der sich um die- 
selbe Stelle bewarb, wurde gefragt, ob er sie 4 Jahre lang inne- 
halten könne; ich hoffte, ex würde nein sagen, er sagte aber ja, 
so daß sie ihm die Stelle gaben und das Pult in ein Bureau 
trugen.Dann wechselte die Szene; es schien einKampf zwischen 
Indianern und einer Anzahl Frauen vor sich zu gehen. Ein 
Indianer, der in seiner Hand einen Tomahawk und ein Stück 
Gaze trug, sagte, es sei ein „four-spot" und er möchte gern 
fünf daraus machen. Ich bezog dies auf Skalpe. Die Frauen 
standen alle umher mit Blutflecken an ihren Nachthemden. 
Ich machte mich daran, einige der Indianer zu töten, als ich 
erwachte. Nachtrag: als ich mich um die Stelle bewarb, be- 
gleitete mich mein Bruder, der sich dann in den andern 
Jungen verwandelte." 

Parlamentsgehäude: Patient hatte einmal eine Stellung dort 
erhalten, eo daß der Traum eine Wiederversicherung seines Erfolges war. 
Einmal hatte er seinem Vater dort einige Fahnen (flags) gestohlen imd 
versteckt; sie wurden ihm dann aber auch wieder gestohlen. 

Pult im Freien: Seine Obsession betreffend das Beten an Pulten 
wurde oben erklärt. Der Satz bezeichnet die Mutter als Prostituierte. 
Auf einem Pult hatte er zum ersten Mal intimen Verkehr mit der Frau 



86 Ernest Jones. 

seines Bruders gehabt. Daß das Pult in ein Bureau gebracht wurde, bezieht 
sich auch auf seinen Brudei, dem er vor kurzem geholfen hatte, ein Pult 
in ein Bureau zu tragen und ist zugleich eine Anspielung darauf, daß er 
geholfen hatte, die Schwägerin in die Karriere der Prostituierten, die sie 
bald nachher aufnahm, zu lancieren. 

Etwas abstempeln: (to stamp). Dies erinnerte ihn an seine Ob- 
session, Zigaretten zu zertreten (stamp), und an seine Angst vor Feuer. 
Die sexuelle Bedeutung davon ist klar. 

Der andere Junge: Der Junge, der im Traum erschien, war einer, 
mit dem der Bruder regelmäßigen homosexuellen Verkehr hatte. Er ist 
einfach ein Ersatz für den Bruder, wie der Nachtrag zeigt. 

Four years: Dies bedeutet besonders die Mutter, mit der er immer 
die Zahl i assoziiert, da sie das L Kind in ihrer Familie war. Es waren 
noch verschiedene andere Symbolstücke hauptsachhch religiöser N"atur 
hinter der Zahl versteckt, so z. B. die 4 Punkte des Kreuzes, die 40 Tage 
Christi usw. Die erste Hälfte des Traumes drückt also seine Eifersucht 
auf den Bruder in Bezug auf die Mutter aus und es war während der Analyse 
dieses Traumes, daß die Erinnerimg an den eifersüchtigen Wunsch, statt 
seines Bruders an der Mutterbrust zu trinken, auftauchte. 

Kämpfender Indianer: Dieser stellte hauptsächlich den Vater 
vor, aber auch den Träumer selbst. Bekanntlich regt der Alkohol den 
Indianer stark auf. Beide, Patient mid sein Vater, tranken zeitweise 
sehr viel. Wenn der Vater betrunken war, wurde er sehr heftig, vergewaltigte 
die Mutter und warf mit Messern um sich (Tomahawk), welch letztere 
Gewohnheit Patient als Kind nachzuahmen pflegte. 

Gaze: Dies bezieht sich auf ihn selbst; als er Gonorrhöe hatte, 
mußte er ein Stück Gaze um den Penis tragen. Falls Zweifel an der Art 
des Tomahawkangriffes auf die Frauen bestünden, würde dieser Hinweis 
genügen, um sie zu zerstreuen. 

Vier in Fünf verwandeln: Jedesmal, wenn er in einer Nacht 
4 mal sexuell verkehrt hatte, bekam er den Zwangsimpuls, es noch ein 
5. Mal tmi, da 4 die Zahl seiner Mutter war und deshalb nicht mit Sexualität 
in Zusammenhang gebracht werden durfte. „Einen Skalp gewinnen*' 
ist der Ausdruck für „ein Mädchen erobern'* und ein Rone zählt die Mädchen, 
wie der Indianer Skalpe zählt. 

Tomahawk: Tommy hieß ein Knabe, der für das Sexualleben 
dos Patienten von Bedeutung war; als er den Traum schrieb, schrieb er 
immer „Tommyhawk**. „A hawk after chicken*' ist ein Slangausdruck 
für einen mädchenverfolgenden Rone. Am Traumtag war er von einem 
Habicht verfolgt worden, 

Blut an den Nachthemden brachte verschiedene Erinnerungen 
an Menstrualblut usw. Die wichtigste Bedeutung lag in dem Nachsatz, 
das Blut sei in der Gegend der Brüste gewesen. Er hatte seine Mutter oft 
in die Brust gebissen, daß sie blutete. Er dachte auch daran, daß er oft 
an seinem Zahnfleisch ge&ogen hatte, um den Salzgeschmack des Blutes 
zu genießen. Die erste Hälfte des Traumes stellt also die feindliche Ein- 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 87 

Stellung zu seinem Bruder dar, die zweite Hälfte diejenige zum Vater, 
beide iu bezug auf die Mutter. Der Träumer ist beides, der angreifende 
Indianer (Nachahmung der Vaters) und der Angreifer des Indianers. 

IL 22. Tag. Ich war im Hotel wo ich zu arbeiten pflegte 
und wischte die Vorderseite der Bar ab. Es waren einige Eier 
darüber ausgeschüttet worden, die von einer „Plymouth - 
rockhenne*' zu stammen schienen und es waren Federn darunter 
gemischt. Ich mußte sie mit einem Staubpinsel herauswischen 
und bemerkte, daß ich auf diese Weise Christus iu die Sache 
verwickelt hatte. (Obsessionen) Arthur F. war dabei und ver- 
suchte, mir Anordnungen zu geben; ich wies ihn aber streng 
zurecht und gab ihm zu verstehen, daß ich es sei, der hier zu 
befehlen habe. 

Arthur F. wurde sogleich als Deckfigur für den Bruder erkannt, 
mit dem er viel Gemeinsames hatte. In ihrer Kindheit hatte der Bruder, 
obschon jünger als Patient, immer die Oberhand gehabt und ihm befohlen; 
unnötig zu erwähnen, daß die Interessen der beiden Knaben nicht immer 
harmonierten. 

Plymouthrockhenne: Die Assoziationen zu „rock" vraren „hard" 
(slang für Erektion) uad „cock" (slangausdruck für Penis). 

Plym-outh bezieht sich auf die Perversion des Patienten. Ph-mouth- 
gin, eine Branntweinart, hat verschiedene Beziehmigen zu erotischen 
Erlebnissen. Die Eier bezeichnen natürlich Samen und beziehen sich 
auch (über verschiedene Redensarten, wie Eieraussaugen usw.) auf seine 
Perversion. Es mag noch hinzugefügt werden, daß Patient mit der Frau 
des Arthur F. Cunnilinguuserlebnisse hatte. Heu ist eine Abkürzimg für 
den Namen des Patienten Henr5\ 

Staubpingel und Federn: Patient brauchte bei seiner Arbeit 
eine Truthahnfeder zum Abstauben. Turkey (Truthahn) ist ein vulgärer 
Ausdruck für Penis (vgl. Cock). Er dachte au das Rätsel, „warum ist 
der Penis leichter als eine Feder" und die Antwort darauf .,weil sogar 
ein Gedanke ihn zu heben vermag". Truthahn war mit dem Gedanken 
an die Mutter verknüpft durch die Landessitte, am Christtag einen Trut- 
hahn zu essen. In diesen Zusammenhang gehört auch die schon erwähnte 
Bedeutung von Xmas, wozu ich noch beifüge, daß X (10 Dollars) der ge- 
wöhnliche Preis einer Prostituierten ist. 

Eine weitere Assoziation zu Christus kam durch die Vorstellung 
der kriegerischen Natur und der roten Farbe des Truthahnes zustande. 
Er erinnerte sich an Spiele, die sie als Kinder mit dem ..drumstick" 
(Trommelscblägel) des Truthahnes gemacht hatten — spielen mit sicli 
selbst (Masturbation), Trommeljunge — seine streitbare Haltung in der 
Sonntagsschule ah „Soldat Christi", besonders das Lded: 3,0nward Christian 
soldiers, marching on to war". (Projektion auf Christus). Er hatte in seineu 
Obsessionen seine schlechten Gewohnheiten auf Christus projiziert, wie 
er gelehrt worden war, die Last der Sünden auf die Schultern des Erlösers 
abzuladen. Diesen Rat hatte er wörtlich genommen und Christus für diese 



88 Ernest Jones. 

ihm selbst so ekelhaften Neigungen verantwortlich gemacht. Ich habe oben 
gezeigt, was für tiefere Gründe ihn dazu bewogen, sein Verlangen nach 
Cunnilinguus durch die Obsession, Christus führe Fellatio an ihm aus, 
zu ersetzen. Die eben erwähnte religiöse Erklärung ist ein gutes Beispiel 
eines erfolglosen Ratiocalisierungs Versuches. Das Auftreten der Feind- 
seligkeit gegen den Bruder in diesem Zusammenhang zeigt die enge Ver- 
knüpfung zwischen der Quelle dieser Feindseligkeit und dem Saugakt 
an der Mutterbrust. 

III. 31. Tag. Mein Bruder, meine Mutter und ich betrachteten 
meinen Körper, der in einem Sarge lag. Der Körper sah dick 
und gesund aus, aber ich fürchtete, er werde sterben. Ich kniete 
nieder und betete neben dem Sarg, dann rieb ich den Körper, 
um ihn lebendig zu erhalten. Er verwandelte sich in einen 
Mann mit blondem Haar. Mein Bruder zog den Deckel weg, 
aber der im Sarg Liegende zog ihn wieder zurück, wie wenn 
er sterben wollte. Ich bat um Zeit, um zum Pfarrer zu gehen 
und ihn zu bitten, den Kopf zu reiben. Bei der Haustür begann 
ich auf die Zähne zu beißen, bis 4 derselben ausfielen. (In der 
Mitte der oberen Kinnlade.) Ich nahm sie in die Hand und sah 
sie an; einer davon sah aus wie ein Blumenkohl. Ich ging dann 
ins Haus, wo ich Georg sah. Der Traum endigte damit, daß ich 
die Treppe hinaufging. Oben an der Treppe stand ein Pfosten. 

Der Träumer im Sarg. — Die Assoziationen dazu lauteten: Die 
Erinnerung daran, wie er am Sarge der Mutter gebetet hatte — der Gedanke, 
dies sei imrecht, da er zu Füßen Gottes beten sollte — Christus im Grabe — 
er hatte dies auf einem Bild gesehen, wobei ihm die Tücher, in die der 
Leichnam eingehüllt war, besonders aufgefallen waren — „gerade wie ich 
als Kind eingewickelt war" — Christus im Uterus seiner Mutter — ein Sarg 
wird oft „box" genannt {Slangausdruck für Vulva) — eine Anzahl der 
schon erwähnten Inzestgedanken. 

Kopf reiben — Masturbation „um eine Erektion zu bekommen". 

Deckel wegziehen: Erinnerung an mutuelle Masturbation mit 
dem Bruder — die Vorhaut wegziehen (Decke des Penis). 

Sterben wollen: Gedanke, im Himmel die Mutter wieder zu finden— 
in ihren Leib zurückkehren — Todes- und Geburtsphantasien. 

Mann mit blondem Haar; Sein Stiefvater. Eine ehemalige Geliebte 
des Patienten hieß Blond. 

Der Pfarrer; Dieser bedeutet den Vater, dann auch Patienten selbst; 
denn die Mutter wollte ihn GeisÜichen werden lassen imd hatte ihm oft 
gesagt, er müßte seine Testikel entfernen lassen, um diesen Beruf wählen 
zu können. So geht der Impotenzkomplex durch den ganzen Traum. 

Auf die Zähne beißen: Sein Vater hatte die Gewohnheit, wenn 
er böse war, die vorderen Zähne zusammenzubeißen, was den Patienten 
immer sehr erschreckt hatte. Der Gedanke führte auch zu der Erinnerung 
des Saugens am Zahnfleisch, mn sich angenehme Empfindungen zu ver- 
schaffen und den Geschmack des Blutes zu kosten. Er hatte auch lange 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 89 

die Ge-wohnlieit gehabt, an der Zunge zu saugen, „weil sie zu hart war und 
weich gemacht werden mußte'*. 

Vier Zähne fallen aus: Dazu fiel ihm sofort der Satz ein „aus der 
Vulva fallen", also der Geburtsakt. Die Zahl 4 bezog sich, wie schon ge- 
sagt, auf die Mutter. Die Familie zählte neben ihm noch 4 Kinder. 

Zähne in der Hand: Masturbation und Saugen an. der Zunge. 

Blumenkohl (Cauliflower) sein Lieblingsgemüse — „call a flower'' 
(to one's face) — er nannte Lily oft seine Blume — venerische (gonor- 
rhoische) Warzen, welche blum_enkohlähnlich aussehen — seine Mutter 
pflegte Blumenkohl einzumachen, so daß die arglose Bemerkung des 
Patienten 5,it was with mother, that I used to get cauliflower" die ver- 
borgenen Inzestwünsche verrät, 

George: ein Freund, dessen Haar infolge Syphilis ausgefallen war. 

Pfarrhaus: Gotteshaus — Kirche — Hochzeit — „put the minister 
in the pulpit" ist ein Slangausdruck für Penis in der Vulva. 

Die Treppe des Pfarrers hinaufgehen: Die Bedeutung von 
Aufsteigen im Hause des Vaters ist bekannt; diese Handlung bildet einen 
passenden Schluß des Traumes. Die erste Assoziation, die der Patient zu 
dem Worte „Treppe steigen" gab, war: Upstairs downstairs in my lady's 
Chamber". 

Pfosten oben an der Treppe: erinnerte ihn an die Pfähle auf 
den Weiden, die die Kühe davon abhalten sollen, ein verbotenes Feld zu 
betreten. Als seine Mutter mit ihm in einer Ausstellung war, hob sie ihn 
über die Pfähle, um so den Eintrittspreis nicht zahlen zu müssen — er 
interpretierte es als „über den Pfahl (Penis) des Vaters hinweg die Mutter 
erreichen". 

Verlauf. Die Behandlung erstreckte sich über 55 Sitzungen, von 
denen keine eine ganze Stunde dauerte. Der Patient wohnte zu weit ent- 
fernt, um täglich kommen zu können, so daß die Behandlung etwa 
5 Monate dauerte. Die Resultate waren vollständig befriedigend. Als ich 
denPatienten zuerst sah, war er in einem wirklich bemitleidenswerten Zu- 
stand. Er war gänzlich unfähig, irgend etwas zu arbeiten oder sich für 
etwas zu interessieren, sondern stand beständig unter dem Z^vang seiner 
immerwährenden Obsessionen und Impulse, so daß sein ganzes Leben 
sozusagen ein Alptraum war. Zwei Monate nacb Beginn der Behandlung 
läclielte er zum erstenmal seit mehreren Monaten; er sagte mir, daß 
er nicht geglaubt habe, je wieder dazu imstande zu sein. Am Ende 
der Behandlung fülilte er sieb so frei wie zuvor, sein Geist arbeitete 
ruhig und leicht, er war außerordentlich glückhch und genoß seine 
Arbeit und sein Leben. Ich habe oben darauf hingewiesen, daß es 
ziemlich schwierig war, ihn wieder zum Arbeiten zu bringen, selbst 
nachdem er mir (nach zirka 3 Monaten) dazu fähig schien. Es waren 
nicht allein die unangenehmen Assoziationen, die sich an die Stätte 



"^ Ernest Jones, 

seines Mißerfolges und seiner Leiden knüpfte, die diesen Widerstand 
erklärten, sondern auch der oben besprochene Komplex, der mit Liljs 
Prostitution zusammenhing. 

Wie im vorhergehenden Fall, zweifle ich auch hier stark daran, 
ob eine andere Methode als die Psychoanalyse ein so günstiges Re- 
sultat ergeben oder so viel Licht auf das Verständnis der individuellen 
Symptome geworfen hätte. Über die Dauer der Heilung kann ich nur 
sagen, daß die Behandlung vor zirka 2 Jahren durchgeführt wurde 
und daß es dem Patienten seither gut geht. 

Fall III. 

Der folgende Fall wurde aus zwei Oründen gewählt; erstens 
weil er den für die Zwangneurose charakteristischen Zug des Hasses 
deutlicher zeigt als die vorhergehenden weniger typischen Fälle, und 
zweitens, weil daraus ersichtlich ist, wie man gelegentlich eine aus- 
gedehnte Kenntnis der Struktur einer Neurose erlangen kann, ohne 
imstande zu sein, die Behandlung zu einem erfolgreichen Ende zu 
bringen. Im vorliegenden Falle konnte die Behandlung keineswegs 
erfolgreich genannt vrerden, besonders wenn man nach dem Maßstab, 
den ein Psychoanalytiker anzulegen gewohnt ist, urteilt, obschon 
sie einen gewissen wohltätigen Einfluß ausübte. Der Grund hierfür 
ist zum Teil darin zu suchen, daß in diesem Tall die Neurose noch 
schwerer war als in den beiden vorhergehenden Fällen, zum Teil im 
Alter und im Inteliigenzmangel des Patienten, aber hauptsächlich 
darin, daß die Behandlung nur einen Monat lang durchgeführt werden 
konnte. Patient war sehr arm^) und am Ende dieser Zeit weigerten 
sich die Verwandten, die seinen Leiden den gewohnten Mangel an Ver- 
ständnis und Sympathie entgegenbrachten, noch mehr für seinen 
Aufenthalt in Toronto zu zahlen. Freud hat oft mit Nachdruck^) 
behauptet, daß die bloße Tatsache, daß der Patient die Ursache und 
Natur seiner Symptome kennen lernt, an sich wenig hilft und daß 
eine wirldiche Heilung erst dann stattfinden kann, wenn die Wider- 

^)Da3selbe warder Fcill bei den beiden anderen; alle drei waren niclitzahlende 
Spitalpatientcn Die hier niedergelegten Erfahrungen widerlegen den oft ge- 
machten Einwand, die Psychoanalyse sei in allen Fällen unangebracht bei Spital- 
behandhing. Wie so viele andere Einwände, ist dies nur ein Vorwand, um die Sache 
herabzusetzen. Alles, was nötig ist. um die Schwierigkeiten zu überwinden, ist guter 
Wille und eine genügende Anzahl geübter Assistenten. 

2) Freud, Zentralbl. für Psychoanalyse, Jahrgang I, S. 04. 



Einige Falle von Zwangsneurose. 91 

jene zu realisieren; 
manche der unten besprochenen Deutungen wurden zum Teil vom 
Patienten -während der Analyse bestätigt, aber jederman, der derart 
schwere Zustände aus Erfahrung kennt, wird verstehen, daß ein 
einziger Monat viel zu kurz war, um die ungeheuren Widerstände 
zu überwinden, besonders wenn, wie in unserni Fall, dieselben nocli 
durch den Einfluß eines beträchtlichen sekundären Krankheitü- 
gewinnes unterhalten werden. 

Patient war Buchdrucker. 46 Jahre alt. Zu vier verschiedenen Zeiten 
seines Lebens hatte er an Anfällen von Obsession geUtteu und jeder dieser 
Anfälle dauerte länger als der vorhergehende. Den ersten Anfall hatte 
er mit 28 Jahren, wo ihn ein Monat lang der Gedanke obsedierte, seine 
Mutter habe einen Blord begangen. Dies wiederholte sich vier Jabre später 
mit einer Dauer von drei bis vier Monaten. Vor zirka vier Jahren, im Alter 
von 42 Jahren, bekam er die Zwangsidee, er habe Diabetes und diese plagte 
ihn mehr als ein Jahr. Sein gegenwärtiger Kummer, der ihn seit 18 Monaten 
quälte, war die Idee, die Leiche seiner kleinen Tochter sei aus dem Grabe 
gestohlen worden. Oberfiächtich betrachtet erscheinen diese drei Obsessionen 
ganz ohne Zusammenhang und es ist ein typischer Fall, wie solche zur 
Stütze der herrschenden medizinischen Theorie der Zwangsneurose an- 
geführt zu werden pflegen. Nach dieser Theorie ist die Bedingung ein 
primärer psychasthenischer Zustand, auf welcher Basis sich alle möglichen 
unzusammenhängenden und unsinnigen Ideen sekmidär entwickeln können; 
die Anhänger dieser Ansicht haben darum kein weiteres Interesse für den 
wirklichen Inhalt der Zwangsideen, noch für ihre Gene' e, als dieselben zu 
klassifizieren, und dies hat zur Folge, daß Wahnideen gewöhnhch klassifiziert 
werde«, ohne durchforscht zu sein. Ein ganz kurzes Studium der Ob- 
session miseres Patienten genügte, um zu sehen, daß sie nicht nur unter- 
einander eng verknüpft waren, sondern auch einen integrierenden Bestarid- 
teil seiner Persönlichkeit bildeten. 

Betrachten wir nun zuerst den gegenwärtigen Zustand des Patienten : 
Seine 13jährige Tochter war am Tage nach einer BÜnddarmoperation 
gestorben. Am selben Abend noch waren Anzeichen der Obsession auf- 
getreten und nach einem Monat stand sie in voller Blüte. (Patient hatte 
mir zuerst gesagt, es hätte erst 2 Monate nach dem Tode begonnen, ein 
Beispiel für die Art mid Weifte, in der die Patienten die Bedeutung von 
Ereignissen, die mit der Ursache ihrer Obsessionen zusammenhängen, 
übersehen, indem sie die zeitlichen Umstände verschieben.) Die Obsession 
trat zuerst in der Form auf: es habe jemand den Körper seiner Tochter 
aus dem Grabe gestohlen, lun ihn aufzuschneiden. Wahrscheinlich war es 
ein Doktor, der es getan hatte, um die Leiche zur Sektion zu erhalten. 
Er fragte mich immer wieder, ob nicht verschiedene öffenthche Gebäude^ 
an denen er vorbeigekommen war, medizinische lastitnte seien, weil er 
die Idee hatte, die Leiche könnte sich darin befinden ; wenn ich ihm ver- 
sicherte, daß dies nicht der Fall sei, pflegten diese Ideen für einige ^eit 



92 Ernest Jones. 

zu verschivinden. Außerdem könnt-e die Leiche auch von einem Metzger 
genommen worden sein, welcher Beruf beim Patienten mit dem eines 
Arztes nahe verknüpft war. Sechs Monate nach dem Tode des Kindes erfuhr 
die Obsession noch eine Verstärkung. Die aufregende Ursache davon war, 
daß er sich einbildete, hinten auf einem vorüberfahrenden LumpeDwagen 
das Gesicht seines Kindes erblickt zu haben; bevor er sich überzeugen 
konnte, daß er sich getäuscht hatte, war der Wagen außer Sicht, Nach 
diesem Vorfall konnte er keinen Limipenwagen mehr sehen, ohne daß ihn 
die Idee befiel, und da iie gewöhnlich erst auftrat, wenn der Wagen an ihm 
vorüber war, war es nicht mehr möglich, die Sache eingehend genug zu 
untersuchen, um sich davon zu überzeugen, daß es bloß Einbildung war. 
Bald trat dasselbe auch beim Anblick anderer Abfallwagen auf, die den 
Kehricht aus Straßen oder Häusern führten, ganz besonders bei solchen 
mit den Abfällen aus Schlächtereien, wie Fett, Knochen usw. In kurzem 
hatte sich die Obsession auch auf alle möglichen anderen Wagen ausgedehnt, 
sogar auf andere Arten von Fahrzeugen, wie Tramwagen, Kutschen usw., 
ein schönes Beispiel für die Verallgemeinerung einer krankhaften Idee. 
Es konnten aber nicht nur Wagen die Leiche enthalten, sondern er glaubte 
sie auch auf der Straße in verdächtigen Bündeln, alten Zeitimgen oder 
Kehrichtkübeln zu sehen. So wurde das Ausgehen ihm zu einem Martyriima, 
denn er mußte nicht allein bei jedem Schritt alle möglichen verdächtigen 
Gegenstände imtersuchen, sondern war auch beständig dem Trauma aus- 
gesetzt, daran vorbeigehen zu müssen, ohne sie untersuchen zu können. 
Dies war besonders im Tram der Fall, so daß er diese Axt der Beförderung 
bald aufgeben mußte, da er es nicht über sich brachte, darin die Augen 
zu schließen, sondern gezwungen war, fortwährend aus dem Fenster zu 
sehen, ,,au8 Angst, daß er ohne es zu Avissen, an der Leiche seiner Tochter 
vorüberfahre". Im Anfang fühlte er sich ziemlich wohl zu Hause, wo er 
sich damit beschäftigte, in Gedanken nochmals die verschiedenen Gegen- 
stände durchzugehen, die er bei seinem letzten Ausgang gesehen hatte, 
ohne sie imtersuchen zu können. Ich glaube, daß er bald nach dem Einsetzen 
der Störung seine Arbeit ganz aufgeben mußte, da es ihm unmöglich war, 
etwas zu tun. Nach einiger Zeit traten auch zu Hause verschiedene Möglich- 
keiten auf: Durch das Fenster konnte er Dinge sehen, wie herumfliegende 
Zeitungen, unter die Haustür gelegte Pakete, dunkle Gegenstände in den 
Zimmern der Nachbarn usw., und natürHch war er gezwungen, das alles 
genau zu beobachten; wie man in Amerika sagen würde: ,,he kept looking 
for trouble". 

Später wurde die Sachlage immer schlimmer, denn als seine Frau 
die Fenster vermachte mid er sich nur noch in künstlichem Licht aufhielt, 
M^ähnte er den gefürchteten Anblick durch Schlüssellöcher imd Wand- 
ritzen zu sehen, usw. Seine Aktivität beschränkte sich also darauf, sich von 
der Außenwelt abzuschließen, indem er sein Haus ganz zur Einsiedelei 
iiiacht«, um ohne Ende die zahlreichen, seine Ideen betreffenden Möglich- 
keiten zu bedenken. Er war darin, wie alle Patienten, sehr erfinderisch, 
und argumentiert-e gegen die Einwände seiner Verwandten mit einer 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 



93 



Geschicklichkeit, um die ihn mancher Berufsredner beneidet hätte. Zu 
Anfang jeder Sitzung mußte ich ihm auf seine ängstlichen Fragen hin zuerst 
versichern, daß ich nicht an die Möglichheit des von ihm gefürchteten 
Vorfalles glaube. Bei der nächsten Gelegenheit hatte er schon wieder ver- 
gessen, wa3 ich gesagt hatte, imd bat mich, es zu wiederholen. Einmal war 
ich so unvorsichtig, als Argument anzuführen, daß der Körper 18 Monate 
nach dem Tode so stark in Verwesung übergegangen sei, daß man ihn 
nicht mehr erkennen könnte (übrigens ein Argument, das ihn nicht über- 
zeugte, da ja der Dieb den Körper künstlich konserviert haben konnte), 
und brauchte dabei die Worte ,,er ist gar nicht mehr da", womit ich na- 
türlich sagen wollte, daß nur das Skelett noch vorhanden sei. Sobald er 
nim mein Haus verlassen hatte, kam ihm der Gedanke, ich sei nun doch 
seiner Ansicht und stimme ihm bei, daß die Leiche nicht mehr im Grabe, 
d. h. daß sie gestohlen sei; er konnte die ganze Nacht nicht schlafen und 
war in einem Zustand akuter Angst, bis zu unserer nächsten Unterredung. 
Wenn es Therapeuten gibt, die solche Zustände nur durch Argumente 
heilen können, müssen sie über übermenschliche Macht verfügen. 

Man kann sich vorstellen, daß der tägliche Gang des Patienten von 
seiner Wohnimg bis zu mir keine leichte Sache war und für ihn sowohl 
als für seine Frau oft zur Tortur wurde. Er konnte keinen Augenblick 
ohne seine Frau draußen sein und nur unter ihren Ermutigungen und 
Versicherungen die zahlreichen kritischen Gegenstände auf der Straße 
passieren. Das Äußere des Patienten war wenig einnehmend. Mit seiner 
außergewöhnlich kleinen und schlecht entwickelten Figur, der eingefallenen, 
schüchternen Haltung und seinem vergrämten und ängstlichen Gesicht 
bot er, wenn er nach der Mühsal seines Ganges in Schweiß gebadet bei mir 
ankam, ein so trauriges und bemitleidenswertes Bild, wie ich es kaum je 
gesehen habe. 

Kindheit. Patient war das 8. von 11 Kindern, vv^ovon 5 Knaben 
und 6 Mädchen waren. Die größte psychische Bedeutung für den Pa- 
tienten hatten 1. Frederick, der älteste Junge, der 15 Jahre älter war als 
der Patient und der nach dem Tode des Vaters denselben vertrat; er 
war außerordentlich streng. 2. Maggie, das älteste Mädchen, 13 Jahre 
älter als der Patient, bemutterte ihn; 3. Sarah, 2 Jahre jünger als 
Pötient, 4. Thomas, 4 Jahre jünger und 5. Lucy, 5 Jahre jünger. Als 
Patient 5 Jahre alt war, starb sein Vater, er konnte sich aber nur noch 
an das Begräbnis erinnern. Die Familie war stets sehr arm und wurde 
von den älteren Kindern erlialten. Nach den Angaben des Patienten 
verließ Frederick, die Hauptstütze der Familie, dieselbe, 4 Jahre nach 
dem Tode des Vaters, um sich zu verheiraten. Er nahm ihm dies sehr 
übel und empfand es als Unrecht an der Mutter, Er selbst benahm 
sich ganz anders, blieb bei der Mutter, um sie zu erhalten, bis er sich 
mit 32 Jahren verheiratete; sie lebte auch dann noch bei ihm, bis 



°'* Ernest Jones. 

Zwistigkeiten zwischen ilir und seiner Frau dies unmöglich machten. 
(Immer ein verdächtiger Hinweis auf erotische Konflikte in allen 
ähnlichen Situationen.) Wie er selbst sagte, war er immer „seiner Mutter 
Junge'* und Pietät gegen die Mutter stellte er über alles. Er blieb 
lieber zu Hause und half der Mutter, als daß er mit anderen Knaben 
gespielt hätte. Die Mutter scheint ziemlich hart gewesen zu sein, 
wenigstens verglichen mit dem Liebesbedürfnis des Patienten, und 
sie war außerordentlich heftig. Er war ein sehr empfindsames Kind, 
fühlte sich leicht verletzt und quälte sich stets mit dem Gedanken, 
daß ihn niemand liebe. Er glaubt, seine Mutter ziehe den jüngeren Bruder, 
Thomas, vor, den sie (als den jüngsten) sehr verwöhnte und dem sie 
sogar gestattete, bis zu seinem 10. Jahr bei ihr zu schlafen. Patient 
wehrte sich hauptsächlich gegen diese letztere Begünstigung und, 
wie er behauptete, nur, weil er fürchtete, der Bruder könnte die Mutter 
„stören". Wie alle Rationalisationen, verrät auch hier der Wortlaut 
gerade den Gedanken, der versteckt werden sollte. Natürlich war er 
furchtbar eifersüchtig auf Thomas, und dies war der Hauptgrund, 
warum ihn nach dessen Geburt, die Frage, woher die Kinder kommen, 
besonders beschäftigte. Eifersucht und Äfißtrauen blieben ihm als 
hervortretende charakteristische Züge sein Lebenlang und verursachten 
ihm oft Schwierigkeiten bei der Arbeit. Gewöhnlich liebte er seine 
Vorgesetzten; aber beim geringsten Verweis wurde er verstimmt und 
mürrisch. Mit anderen Worten : Jedes kleinste Anzeichen dafür, daß 
er nicht genügend geschätzt oder geliebt würde, hatte zur Folge, daß 
sich bei ihm Verschlossenheit, Haß und sogar ein ganz leiser Ver- 
folgungswahn entwickelte; in einigen, nicht naher zu besprechenden 
Fällen war diese Reaktion von fast krankhafter Intensität. Offenbar 
spielten in diesen Erlebnissen seine Homosexualtendenzen eine be- 
deutende Rolle, was aus seinen Träumen ganz klar hervorging. Der- 
selbe Reaktionstjpus (Konversion der Liebe in Haß) zeigte sich auch 
bei seinen heterosexuellen Tendenzen, wenn der Gegenstand seiner 
Liebe dieselbe nicht in dem Maße, wie er es wünschte, erwiderte. Diese 
Mitteilungen genügen, um das erste Symptom des Patienten, unter 
dem er als Kind eine Zeitlang litt, zu erklären: es war die Angst, daß 
die Mutter in einem Anfall von Zorn den kleinen Thomas töten könnte. 
Er begründete dies damit, daß die Mutter im Zorn über das schlechte 
Betragen eines der Kinder oft sagte: „Ich werde dich töten, kleiner 
Teufel", er konnte sich aber nicht erklären, warum sich die Angst nicht 
?Aif ihn selbst, sondern ßuf Thomas bezog. Es ist interessant zu sehen. 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 



95 



daß schon in diesem frühen Alter ein ausgesprochen paranoischer 
Zug in der Psychopathologie des Patienten vorhanden war, sowie auch 
in seinen späteren Reaktionen eine markierte Tendenz zur Bildung 
eines Verfolgungswahnes auftrat. Er projizierte seinen Wunsch, 
den Bruder zu töten nämlich auf die Mutter, und ich hatte Grund zu 
glauben, daß zu jener Zeit beim Patienten die Phantasie bestand, die 
Mutter habe den Vater um seinetwillen getötet (was natürlich seinem 
Wunsch entsprochen hätte); aber es war mir nicht möglich. Beweise 
für die Puchtigkeit dieser Annahme zu erhalten. 

Infantile Sexualität. Das infantile Sexualleben des Patienten 
spielte sich mehr in Phantasien als in der Wirklichkeit ab, so daß wir 
diesen besondere Beachtung schenken müssen. Seine wenigen wirklichen 
Erlebnisse waren von geringer Bedeutung. Als er 7 Jahre alt war, ver- 
suchte seine älteste Schwester Maggie einmal seinen Penis in ihre Vulva zu 
stecken, er widersetzte sich aber und bekam keine Erektion. Im fol- 
genden Jahr trieb er eine Zeitlang mit einer andern, 3 Jahre älteren 
Schwester niutuelle Masturbation, wobei, wie er angibt, sie die An- 
stifterin war. Ungefähr zu dieser Zeit führte er einmal einen Koitus mit 
einem gleichaltrigen Mädchen aus, wobei er aber der Anstifter war. 
Nachher hatte er bis zu seinem 20. Jahr keine heterosexuellen Er- 
lebnisse mehr und auch von da an bis zu seiner Heirat nur ganz 
wenige. Vom 10. Jahr an lebte er aber ein an Sexualphantasieen 
reiches inneres Leben, 

Sein Exhibitionstrieb war besonders entwickelt, wie wir nicht 
nur aus den Träumen ersehen, sondern auch aus der folgenden eigen- 
tümlichen Charakterreaktion. Er haßte jede Art von Bloßstellung 
und alles Auffallende, sei es in Kleidung oder Benehmea. Seine konse- 
quente Verachtung für Kleider erhöhte noch sein unansehnliches 
Aussehen. Alle seine Bekannten waren ihm in irgend einer Hinsicht 
zu auffallend, so daß er nie Freunde hatte, sondern sich mehr als je 
von aller Welt zurückzog. Es fehlte ihm vollständig an Humor und 
nur selten gelang ihm ein Lächeln, von Lachen gar nicht zu reden. 
Wenn er, was selten geschah, sich überreden Ueß, an einen Vergnügungsort 
zu gehen, beobachtete er die ganze Zeit nur die Zuschauer und 
wunderte sich, wie man so dumm sein und so närrisch lachen könne; 
er kam zu dem Schluß, daß die Leute sich verpflichtet fühlten, sich 
zu amüsieren, um doch etwas für ihr Geld zu haben. Seine Unfähigkeit, 
einen Spaß zu verstehen, machte ihn natürlich unbeliebt bei seinen 
Mitarbeitern, und er geriet oft in Schwierigkeiten durch seine Emp- 



96 



Ernest Jones, 



findUchkeit harmlosen Sc-ierzen gegenüber und durch sein Nach- 
tragen. Ich möchte diesen Mangel an Humor der starken Verdrängung 
des Exhibitionstriebes zuschreiben, der ja bekanntlich in diesem 
Zusammenhang von fundamentaler Wichtigkeit ist. Weiter könnten 
damit zusammenhängen sein verdrängter Narzißmus und die Homo- 
sexualität, die den paranoischen Tendenzen zugrunde lagen. (Emp- 
findlichkeit und Verfolgungswahn). Wie allgemein anerkannt wird, 
ist der Humor eines der hauptsächlichsten Schutzmittel gegen die 
Unfreundlichkeit und die Beleidigung der Welt, und eine übergroße 
Empfindlichkeit diesen gegenüber besteht eigentlich nur darin, daß 
man sie zu ernst nimmt. Zwei seiner Brüder hatten auch dasselbe 
mürrische Wesen, das er als ein Erbteil von der Mutter ansah, die es 
auch in höchstem Maße besessen habe. Die Schwestern seien mehr 
nach der Art des Vaters geschlagen, der ein sonnigeres Wesen gehabt 
hätte. 

Die Kehrseite der oben beschriebenen Charakterreaktion zeigte 
sich aber auch gelegentlich: Als kleiner Junge prahlte er Fremden 
(hauptsächlich Mädchen) gegenüber, mit sich, seiner Familie und 
hauptsächlich mit seinen großen Brüdern. Er liebte zu jener Zeit sich 
nach Kinderart zu schmücken und trug mit großem Stolz eine orange- 
farbene Schärpe, die sein Bruder als Abzeichen einer Sekte, der er 
angehörte, besaß. Sein ganzes Leben hindurch schwelgte er in un- 
gezügelten Phantasien von großen Taten, die in einem traurigen Gegen- 
satz zu seiner Bedeutungslosigkeit standen. In seiner Einbildung sah 
er sich höchste Posten bekleidend, die Hauptrolle in großen Staats- 
geschäften spielend, die Menge beeinflussend und zu großen Taten 
anspornend, tollkühn gefährdete Eisenbahnzüge rettend, usw. Die 
meisten dieser Phantasien waren deutlich exhibitionistischer Natur: 
so bewegte er die Menge als großer Redner, entzückte das Publikum 
durch sein Violinspiel, oder noch öfter war es ein Blasinstrument, wie 
Hörn oder Flöte, das er in einer Weise spielte, wie es die Welt noch 
nie gehört; oder er begeisterte als Schauspieler das Theater durch 
sein wunderbares Spiel usw. Die Kompensation dieser Phantasien 
ist zu evident, als daß sie noch näher erläutert werden müßte. Die un- 
bewußten Phantasien waren wie gewöhnhch noch ungezügelter, da 
war er der König von England, der Präsident von Amerika oder sogar 
Christus. 

Wie zu erwarten, waren Bescheidenheit und Zurückhaltung 
beim Patienten stark entwickelt. Obschon er der niedrigsten Volks- 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 97 

scliiclit angehörte, war er zu scheu, in der Gegenwart eines andern 
Mannes einen exkretorischen Akt vollziehen zn können. In Gesellschaft 
war er überaus zurückhaltend und verlegen und fürchtete immer einen 
faux pas zu machen, z. B. ein falsches Besteck zu brauchen und der- 
gleichen. Das Gegenstück des Exhibitionstriebes, der Schautrieb, 
war fast noch wichtiger; er äußerte sich haupt-sächlich als Wissenstrieb. 
Die gewöhnliche Frage nach der Herkunft der Kinder hatte ihn in 
seiner Jugend stark beschäftigt. Er konnte sich nicht an die Geburt 
seiner Geschwister erinnern, obschon eines derselben geboren wurde, 
als er 6 Jahre alt war. Er erinnerte sich nur an die Geburt eines Nach- 
barkindes im darauffolgenden Jahr. Die in der Nachbarschaft ge- 
läufige Erklärung war, daß die Kinder unter verschiedenen Gemüse- 
pflanzen wachsen, und einige Kinder hatten den Namen dieses Ge- 
müses, unter dem sie gewachsen waren, als Übernamen, z. B. Kohl, 
Rübe usw. Die erste Beobachtung, die damit in Zusammenhang ge- 
bracht werden mußte, war die Rolle des Doktors. Wieso konnte der 
Doktor sie ausgraben und sonst niemand? Demgemäß hatte er eine 
ungeheure Achtung für den ärztlichen Beruf, die er auch in einem 
gewissen Maße sein ganzes Leben hindurch behielt. Er hatte oft ge- 
wünscht, gescheit genug zu sein, um Doktor zu werden, gab dies aber, 
als über seine Kräfte gehend, auf. Der Gedanke, ob der Doktor Avohl 
bisweilen die Kinder verletze, wenn er sie mit seinem Spaten aus- 
grabe, zeigte sich in seinen späteren Phantasien als von besonderer 
Wichtigkeit. Dann wunderte es ihn auch, wie der Doktor das Kind 
ins Haus bringe, und er kam zu dem Schluß, daß er es wahrscheinlich 
während der Fahrt in seiner Tasche oder seinem Überrock verstecke. 
Sein hauptsächlichstes, ja beinahe sein einziges Spiel als Kind war, 
daß er sich abseits auf eine hölzerne Bank setzte und sich vorstellte, 
mit einem Wagen herumzufahren und in verschiedenen Häusern ab- 
zusteigen und ein Paket abzuliefern. (Die drei gewöhnlichsten Be- 
deutungen des Wortes ,,deliver" sind „entbinden", ,, erretten" und 
,, abliefern".) Hier haben wir den Schlüssel zu dem Wagenführer seiner 
gegenwärtigen Obsession und ein Stück der anderen Quellen wird durch 
die Tatsachen geliefert, daß der einzige Wagen, dessen er sich aus 
seinem Heimatsdorf erinnern konnte, ein Spritzwagen war, der ihn 
immer sehr interessierte, und der gerade so aussah, wie ein Abfuhr- 
wagen. 

Der Patient konnte sich nicht erinnern vor seinem neunten Jahr 
den Gedanken der Geburt mit der Mutter verknüpft zu haben (frühere 

Jahrbuch für psyclioanalyt. u. psychopatliol. Forschungen. V. » 



"^ Ernest Jones. 

Pliantasieu waren offenbar vergessen worden), und dann zweifelte 
er an der Möglichkeit, daß ein Kind im Körper der Mutter Platz finden 
könne. (Dieser besondere Zweifel weist oft auf Phantasien über die 
Ausgangsöffnung — den Anus — der hiefiir zu klein wäre.) Er kam 
dann zu dem Schluß, daß der Doktor das Kind herausschnitte. Dieser 
Gedanke zeigt eine ausgesprochene Verdrängung der früheren, den 
Anus als Ausgangsort annehmenden Theorie, und w-urde assoziiert 
mit der früheren Annahme, daß der Doktor die Kinder aus der Erde 
schneide oder grabe, eine Idee, die bald mit sadistischen Gedanken 
verknüpft wurde. 

Obgleich der Patient sich nicht genau daran erinnerte, stellton 
doch die oben beschriebenen Ideen in verzerrter Weise die infantile 
Theorie, daß Kinder aus Nahrung respektive den Fcäzes entstehen und 
aus dem Darm hervorgehen, dar. Als ein Beweis für die Eichtigkeit 
dieses Zusammenhanges mag erwähnt werden, daß Patient gewöhnlich 
das Wort „soil" (Grund, Erde) für Fäzes brauchte. Ich habe sonst 
das Wort noch nie in dieser Anwendung gefunden^), die deuthch von 
der kindlichen Vorstellung des Doktors, der die Kinder aus der Erde 
gräbt, abgeleitet ist; Kinder kommen also aus Kot. Der in Träumen 
eine große Rolle spielende Symbolismus von Dünger, Gemüse und 
Wachstum zeigt, wie eng diese Ideen in seinem Geist verknüpft waren. 

^) Eine etymologische Bemerkung: Die einzige ähnhche Anwendung 
de.:i Wortes, habe ich in der Hygiene gefunden, wo das Ablaufrohr eine^ 
Abortes „soil-pipe'* genannt wird. Im modernen Englisch existieren zv.ei 
gleich geschriebene Worte „soil", deren Bedeutung nah verwandt ist. Die Be- 
trachtung dieser Quellen ist von nicht geringem psychologischem Interesse, be- 
sonders mit Hinblick auf den Hauptkomplex unsere? Patienten. Das erste Wort 
ist ein Substantiv, das einfach „Erde" bedeutet; es ist vom lateinischen ,,solea" = 
iAiß-sohle abgeleitet. Allen, die sich mitMythologie oder mit Psychoanalyse befassen, 
ist die enge Verknüpfung der Erde, Fruchtbarkeit und Fußsohle wohlbekannt. 
Im Spätlateinischen wurde das Wort ,,solea" durch Verwechslung mit „solum'* 
für „Erde'* gebraucht und daher kommt auch das französische Wort ,,sol". Das 
zweite Wort ist ein Verb „soil" = beschmutzen, anstecken. Es ist durch das 
französische „souiller" aus dem lateinischen „sucula" (Deminutiv von „Sus" 
junges Schwein) abgeleitet. Man könnte glauben, daß dies ein Hinweis auf die 
^chmutzigOT Gewohnheiten dieses Tieres sei, aber den Namen ,.sus" hatte es 
von seiner großen Zeugungakraft, welche Eigenschaft ihm auch dazu verhalf, in 
der Mythobgie eine so beteudende Kolle zu spielen. Das Wort ,,sus" stammt 
nämhch aua der Sanskrit-Wurzel ,,su"= begatten gleich wie englisch son und 
deutsch Sohn. Innerlich verwandte Ideen, wie Exkrement und Frucht- 
barkeit, kommen stets wieder in den sie bezeichnenden Worten zum Ausdruck, 
soweit sie auch im Laufe der Zeit voneinander getrennt wurden. 



Einige Falle von Zwangsneurose. 99 

Zur weiteren Bestätigung des Gesagten erwähne ich auch, Jaß 
Patient die von Freud beschriebenen analerotischen Charakterzü^e 
in ausgesprochener Weise aufwies. Er war von früher Jugend an peinlich 
sorgfältig und reinlich gev/esen und konnte nicht die geringste Uu- 
sauberkeit ertragen. Er hatte die typische Stellung zum Geld und 
war so mißtrauisch, daß er einige Male aus seiner Stelle entlassen wurde 
wegen Unverschämtheit gegenüber Vorgesetzten und weil er sich 
weigerte, Dinge in einer andern als der von ihm für richtig gehaltenen 
Weise anzugreifen. Jahrelang hatte er unter Verstopfung gelitten und 
unter zahlreichen gastrischen (neurotischen) Symptomen, worunter 
x-iuch periodische Bulimie. Er hatte viele Geburtsträume, wo ihm die 
Zähne ausgerissen wurden, die er dann in den Abort warf. Die Asso- 
ziationen zum folgenden Traumbild illustrieren die Verbindung der 
Ideen in seinem Kopf: „Er sah Erde, woraus junger Weizen 
sproßte, an der Seite und zwischen durch liefen Tram- 
schienen/' Der Ort war derselbe, wo vor einiger Zeit ein Knabe 
getötet Avorden war. AVeizen = Nahrung = Bauer (farmer --=^ father) 
Samen in die Erde (soil) säend. Tramschienen: Diese Schienen 
führten zu einer Stelle, wo der Weizen „abgeladen" wird, (Abladen 
[unload] ist ein Volksausdruck für entbinden.) Das neue Kassen- 
system in den Läden, das Geld auswirft. 

Das Thema Flatus war seinem Unbewußten auch sehr wichtig. 
Ein stereotyper Traum handelte von der Größe der Werke Gottes, 
der sich in Gewittern und Stürmen, die die hintere Haustür aufgehen 
machten, zeigte. (Gewöhnlich war es das Haus seiner jüngeren Schwester.) 
Wahrscheinlich stammte daher auch sein Ehrgeiz, sich im Spielen 
von Blasinstrumenten auszuzeichnen, eine Phantasie, die dadurch 
überdeterminiert war, daß sein älterer Bruder Pikkolo spielte. 

Anzeichen von ,,Urethralerotismus" waren auch vorhanden. 
In seiner Kindheit wetteiferte er oft mit anderen Knaben, wer seinen 
Urin am höchsten in die Luft spritzen könne. Als ganz kleiner Knabe 
hatte er ihn sich mehr als einmal in den Mund fallen lassen (sekundärer 
Autoerotismus). Er hielt sich leidenschaftlich gern im Regen draußen auf. 

Sein Sadismus kam hauptsächlich als Haß zum Ausdruck^ 
Als Kind scheint er nicht grausamer gewesen zu sein als andere Knaben, 
obgleich er sehr gerne seine Schwestern neckte und ärgerte, aber später 
verrieten sicli seine verdrängten Gefühle nur noch in einer außergr- 
wölmlichen Empfindlichkeit gegen Grausamkeiten. Die masochistischen 
Tendenzen waren weniger ausgeprägt, zeigten sich aber bisweilen im 

7* 



100 Eraest Jones, 

Träumen. Hier muß ich erwähnen, daß er mit 15 Jahren zu einem 
Metzger in die Lehre ging (der Beruf, der für ihn dem eines Doktors 
am nächsten kam), wo er einige Jahre verblieb. Er mußte es aber auf- 
geben, weil er das Blutvergießen und die Beschäftigung mit Abfall 
nicht ertragen konnte. Er war überempfindlich gegen den Anblick 
von Blut, was sehr bedeutungsvoll ist. 

Mordobsession. Wie oben bemerkt, hatte Patient zweimal, im 
Alter von 28 und 32 Jahren an der Obsession gelitten, seine Mutter hätte 
jemand getötet. Zum erstenmal trat diese auf, als er einst ein Beil, mit 
dem die Mutter Kalbfleisch zerhauen hatte, vor der Küchentür stehen sah ; 
wir sehen hier wieder dieselbe Idee von etwas Jungem, das zerschnitten 
wird, die schon in seinen kindlichen Theorien vom Doktor, der die 
Kinder befreit (herausgräbt), eine Rolle spielte. Zuerst zeigte sich die 
Obsession in der Befürchtung, die dem Trunk ergebene Mutter könnte 
in trunkenem Zustande ein färohterliches, unbeschreibliches Ver- 
brechen begehen. Dieses Verbrechen nahm bald die bestimmte Form 
des Mordes, gewöhnlich von jemand Jungem, an, aber sie wurde 
später auf alle Arten von Körperverletzung ausgedehnt. Wenn er in 
einer Zeitung von einem derartigen Verbrechen las, erschreclcte ihn der 
Gedanke, seine Mutter könnte es getan haben, und er konnte sich 
nicht davon befreien, selbst wenn es ganz unmöglich war, daß seine 
Mutter sich auch nur in der Nähe des Tatortes befunden hatte, weil, 
wie er meinte „man sich immer leicht irren könnte in seiner Schätzung 
von Zeit und Distanz'^ Er pflegte zu Hause überall nach Zeichen des 
Mordes, wie Blutspuren usw., zu suchen ganz besondere Aufmerk- 
samkeit widmete er dem W. C, in das der Körper hinabgeworfen worden 
sein könnte. In großer Aufregung lief er im Haus umher, „wie wenn 
er im Begriff wäre eine große Entdeckung zu machen". Zu dieser Zeit 
lebte außer ihm und seiner Mutter nur noch eine kleine 5jährige Nichte 
im Haus^). Wenn er von einem verlassenen (ausgesetzten) Kinde las, 
dachte er, „ob das seine Mutter getan hatte?" Wenn die Nachbarn 
Knochen in den Hof warfen, mußte er sie sorgfältigst untersuchen, 
um sich zu überzeugen, daß sie nicht von Menschen stammten. 

Obschon, wie wir sehen werden, die Sache nicht ganz einfach 
ist, ist es schon jetzt klar, daß diese Obsession nur eine erneute Mani- 

^) Wahrscheinlich hatte er sich m Gedanken mit diesem Kind beschäftigt 
und daher rührte das zweite Auftreten der Obsession. Ich fand allerdings später, 
daß sie, wie dies oft der Fall ist, länger als Patient zuerst angab bestanden 
hatte. Dies trifft auch bei seinen anderen Obsessionen zu. 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 101 

festation jener Ideen war, die ihm früher die Angst, daß die Mutter 
den kleinen Thomas töten könnte, einflößten. In dieser Obsession ist 
das Hervortreten der Assoziation Geburt und Mord unverkennbar 
und wir finden ihr die Idee von Abfall und Fäzes beigesellt, die in 
seinen späteren Symptomen eine Hauptrolle spielten. Es ist darum 
von besonderm Interesse zu erfahren, daß er beide M&le von der Ob- 
session durch seinen Bruder Thomas befreit wurde, der ihm versicherte, 
daß alles in Ordnung (d. h, daß er noch am Leben) sei. In beiden Fällen 
litt der Patient nach dem Verschwinden der Idee noch eine Zeitlang 
an Waschzwang, wie Lady Macbeth unter ähnlichen Umständen. 
Nun kommen wir zu einem sehr bedeutungsvollen Vorfall, der sich 
im 19. Jahr des Patienten zutrug und seine damals ISjälirige Lieblings- 
Äch wester Lucy, der er sehr zugetan war, betrifft. Diese kochte eines 
Tages Fleischbrühe für die Mutter, die krank im Bett lag, dabei gerieten 
ihre Kleider in Brand und sie starb nach 10 Tagen an den erlittenen 
Wunden. Patient machte seine Mutter für den Unfall verantwortlich, 
der, wie er sagte, nicht passiert wäre, wenn der Ofen nicht so alt- 
modisch gewesen wäre. Es war nicht nur ihr Fehler, daß sie einen so 
gefährlichen Ofen besaß, sondern auch, daß sie trotz der Gefährlichkeit 
dem Kind erlaubte ihn zu gebrauchen. Es ist klar, daß der Vorwurf, 
wenigstens soweit er die Mutter betrifft, nicht ganz gerechtfertigt 
war, denn da Patient zu jener Zeit das Oberhaupt der Familie war, 
konnte er ebensogut für den Zustand des Ofens verantwortlich ge- 
macht werden, besonders, weil er nicht genug verdiente, um einen 
besseren zu kaufen. Er hatte den leichten Selbstvorwurf, der vielleicht 
bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt war, auf die Mutter ab- 
gelenkt, aber die Intensität desselben stammte nicht aus der gegen- 
wärtigen, sondern aus einer viel früheren Situation. Wenn sein Un- 
bewußtes hätte offen herausreden können, so hätte es gesagt: ,,Ich 
bat dich, den verhaßten Bruder zu töten, und als Antwort mordest 
du mir die geliebte Schwester." Der Vorfall hatte nicht nur die sohlum- 
mernden Selbstvorwürfe wegen seiner eigenen Todeswünsche geweckt, 
sondern seine Hauptbedeutung lag darin, daß er in dem Gedanken, 
daß eine geliebte Person durch Verschulden der Mutter sterben mußte, 
einen passenden Ausdruck für die begleitende Reue und Selbstbe- 
strafung fand. 

Hier sei noch eine weitere Bemerkung erwähnt, welche zeigt, 
wie vollständig identisch das seiner Mutter untergeschobene Verbrechen 
mit dem von seinen eigenen geheimen Wünschen begangenen war. 



1"^ Ernest Jones. 

Hier wird ein gleichgesclileclitiges Familienglied, das seiner Liebe 
hindernd im Weg stand, beseitigt; im ersteren Fiill bescimldigt er die 
Mutter, ein Familienglied ihres Gesclileciites (eine Rivalin) umge- 
braclit zu haben (Mutter-Tochter-Haß). Mit anderen Worten, er pro- 
jiziert nicht nur eine eingebildete Tat auf die Matter, sondern auch 
dieselben eifersüchtigen Motive. 

Diabetesobsession. Einige Jahre nach der oben besprochenen 
Obsession trat die Idee auf, er leide an Diabetes, die auf dieselbe ver- 
drängte Ideengruppe zurückzuführen ist. Die auslösende Ursache dieser 
Obsession warder ChocbeimAnbhck eines vom Herzschlag getroffenen, 
tot niedersinkenden IMannes. Da fing er an über seine Gesundheit nacli- 
zubrüten,aber erst nach UTagen trat die Diabetesidee auf. Mitander.-n 
Worten, es kam, wie dies meistens der Fall ist, zuerst eine Inkubations- 
zeit, während welcher die angeregten und verdrängten Gedanken ein ge- 
eignetes Mittel suchen, um sich Ausdruck zu verschaffen. Dies ist ein 
typisches Beispiel, wo der Oberflächenpsychologe das System erklären 
würde als ,, Autosuggestion einer unheilbaren Krankheit bei einem 
Hypochonder, hervorgerufen durch den plötzlichen Tod eines neben 
ihm Stehenden; die Waid der Diabetes ist entweder einem Zufall oder 
einer sonst unwichtigen Ideenverknüpfung zuzuschreiben". Prüfen wir 
aber die Tatsachen, statt in dieser Weise zu theoretisieren, so gewinnen 
wir einen weit tieferen Einblick in den Stand der Dinge. 

Patient hatte nur einen Bekannten gehabt, der an Diabetes litt 
und vor etwa 8 Jahren gestorben war und bei dem man das Leiden 
auf übermäßiges Trinken zurückführte. Patient wußte von der Krankheit 
nur, daß es ein schlimmes chronisches Leiden sei, daß dabei Zucker 
in Blut und Urin vorkommt und daß außerordentliche Wassermengen 
ausgeschieden werden. Er bildete sich auch ein, daß der Urin dabei 
rot sein könne, ein Beweis, wie nahe für ihn Blut und Urin zusammen- 
gehörten. Er schnitt sich in den Arm, um zu probieren, ob sein Blut 
nicht süßer sei als nötig. Man kann sich denken, daß dies nicht leicht 
war für einen Menschen, der an folie du doute leidet, und daß deshalb 
die Operation mehrmals ^viederholt werden mußte. Derselbe Versuch 
wurde auch mit dem Urin gemacht, aber sein Ekel war so groß, daß 
er dies nur zwei oder dreimal tun konnte. Hier ist die Gleichwertigkeit 
von Blut und Urin ebenfalls evident. Der Gedanke des chronisch- 
verzehrenden Leidens erinnerte ihn daran, wie seine Familie durch 
Tuberkulose verheert worden war. Sein Vater, seine jüngere Schwester 
und zuletzt ein 11 Jahre älterer Bruder waren daran gestorben, und 



Einige Täile von Zwangsneurose. 103 

er war vertraut mit d-^n beängstigenden Symptomen d-r Diarrhö'-n, 
profusen Expektorationen und erschöpfenden Nachtscli weißen. Die Id^.e 
vom Flüssigkeitsverlust des Körpers führte ihn zu folgenden 
Gedanken: In der oben erwähnten Inkubationsperiode hatte er, offenbar 
in Zusammenhang mit seinen Angstzuständen, an Nachtschweiß ge- 
litten, was ihn an Tuberkulose erinnerte. Daraus kann man schließen, 
daß während dieser Zeit das Unbewußte mit einer Taberkuloseobsession 
gespielt hatte, was er tatsächlich bestätigte, indem er angab, in jener 
Zeit gefürchtet zu haben eine Tuberkulose zu bekommen, — schließlich 
aber die Diabetesidee, als dem darunterliegenden Gedanken besser ent- 
sprechend, vorgezogen hatte. Dann kam eine Erinnerung an seine Mutter. 
Sie war nur zweimal in ihrem Leben ernstlicli krank gewesen, einmal, 
als er 35 Jahre alt war, litt sie an chronischer uteriner Hämorrhagie, 
die durch Operation geheilt wurde, und einmal, als er 19 Jahre war, an 
clironischer Dysenterie; während dieser Krankheit verbrannte sich 
aucli seine jüngere Schwester. Er erinnerte sich auch an die Trunksucht 
seiner Mutter, deren Bedeutung \viv schon erwähnten. Zuletzt teilte 
er mir mit, wie er vor seiner Heirat an Samenverlusten gehtten habe. 
(Gewöhnlich nächtliche Verluste genannt.) Wir sehen hier die ge- 
wöhnliche Äquivalenz der hauptsächlichen Körperflüssigkeiten: Urin, 
Schweiß, Blut (ein mit vielen liier nicht erwähnten Phantasien ver- 
knüpfter Gedanke) und des wichtigsten von allen, des Samens. Er hatte 
gehört, daß nächtliche Verluste einem die Lebenslcraft entzögen und 
daß chronisclie verzehrende Krankheiten daraus entstünüen; aus der 
sexuellen, autoerotischen Natur dieser und ihrer Verknüpfung mit dem 
Masturbationskomplex resultierte ein starkes Schuldbewußtsein. 

Nun wird uns der Sinn der Obsession klar. Es war eine neue Form 
der Selbstbestrafung, die schon in der ersten Obsession eine Rolle 
spielte. Es heißt beinahe offen heraus: „Zur Strafe für die gegen den 
Briider gerichteten Mordgedanken mußt du an einer schleichenden 
verzeJirenden Kranklieit sterben, die du selbst durch deine Übeln 
Gewohnheiten verursacht hast.'' Die Bedeutung des Masturbations- 
komplexes zeigt sich ferner auch darin, daß der Obsession ein Nach- 
zwang folgte, der viel intensiver auftrat und viel länger dauerte als 
bei den vorigen Anfällen. Die die frühere Obsession charak-terisierende 
Projektion von Schuld und Strafe auf die Mutter fehlt hier keineswegs, 
obschon sie versteckter auftritt. Die Trinkgewohnheiten der Mutter, 
ihre Uterinblutungen und ihre Dysenterie waren alle in der Diabotesidee 
symbolisiert und zweifellos maßgebend für die Wiilil dieser. So ist 



104 Ernest Jones, 

es also die Mutter, die als Strafe für ihre Sünden an der fatalen Krankheit 
leidet, und die Form der Strafe ist auch durch ihre schlechten Ge- 
wohnheiten (Trinken) determiniert, ganz wie es bei ihm der Fall war 
(Autoerotismus). Wie sehr sich der Patient mit seiner Mutter iden- 
tifizierte, zeigt die Tatsache, daß er stets, wenn sich die Mutter imwohl 
fühlte oder gar krank war, von der Angst befallen wurde, sie könnte 
sterben. Hier drängt sich der Gedanke auf, daß der paranoische Me- 
chanismus der Projektion nur als eine besondere Form der Identi- 
fikation angesehen werden kann. Natürlich waren außer den oben 
besprochenen noch andere Quellen für die Diabetesobsession vor- 
handen, besonders solche urethral-erotischer Natur. Da dieselben 
jedoch im Lauf dieser Analyse noch anderwärts zur Sprache kommen 
werden, ist es nicht nötig, sie hier zu behandeln. 

Verhältnis zu Frau und Kindern. Hier habe ich haupt- 
sächlich auf die Tatsache zu verweisen, daß des Patienten Verhältnis 
zu Frau und Kindern genau seiner Haltung gegenüber seiner Mutter 
und deren Kindern entsprach. Er hatte nur noch einen 12jährigen 
Jungen, das verstorbene Mädchen, Lily, war der Gegenstand der 
oben erwähnten Obsession. Es wird sogleich ersichtlich werden, 
daß, wie in seinem Unbewußten seine Frau die Mutter darstellte, 
Lily für die jüngere Schwester Lucy und sein Junge für den 
iüngsten Bruder Thomas auftrat. Patient war axisgesprochen 
eifersüchtig auf seinen Knaben, der, wie er sagte, seiner Mutter 
Liebling war. Das Wesen des Knaben war gerade das Gegenteil von 
dem seines Vaters; er war froh und heiter und schnell vertraut mit 
anderen Menschen. Patient hatte wiederholt Träume, worin er den 
Knaben schlug, weil er unverschämt, träge oder dumm gewesen war. 
In Wirklichkeit machte er sich heftige Vorwürfe, daß er ihn manchmal 
geschlagen hatte; die Bedeutung dieser übertriebenen Selbstvorwürfe 
wird durch das Folgende aufgeklärt: Zufälligerweise wurde der Knabe 
seiner Schwester, der gleich alt war wie sein eigener, am gleichen Tag 
und im selben Spital wie sein Töchterchen, ebenfalls wegen Appen- 
dizitis operiert. In abergläubischer Weise dachte er sich nach dem 
alten Prinzip „Leben gegen Leben**, er wolle den Knaben opfern, 
wenn ihm dadurch das Mädchen erhalten bliebe. Als aber der Knabe 
genas und das Mädchen starb, hielt er dies für die Strafe seiner bösen 
Gedanken. Eine noch tiefere Quelle für die Selbstvorwürfe, die er 
nm- unter größten Widerständen zugab, war, daß er dasselbe auch von 
seinem eigenen Sohn gedacht hatte; er hatte gewünscht, der Knabe 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 105 

möchte sterben statt des Mädchens. Der Umstand, daß sein Neffe 
zur gleichen Zeit und in gleicher Ait wie seine Tochter erkrankte, 
gab ihm die Gelegenheit zu einer harmloseren Form dieser Geisel- 
phantasie. Das pathogene Moment an der Sache war der Umstand, 
daß der so geäußerte feindselige Wunsch nicht nur ein vorübergehender 
war, sondern eine Wiederbelebung längst begrabener feindlicher Ge- 
fühle, die zuerst gegen seinen Bruder und nun gegen seinen Sohn ge- 
richtet waren; eine Feindseligkeit, die einen hauptsächlichen Teil seiner 
Persönlichkeit ausmachte. 

Patient behauptet stets mit großer Bestimmtheit, daß seine 
Ehe sehr glücklich und seine Gattin eine ideale Frau sei, gegen die er 
keinen Grund zu klagen und keine Abneigung habe. Solche Beteuerungen 
heißen gewöhnlich, daß die Frau ein ausgezeichnetes Muttersurrogat 
war, sie sind aber an sich keine entscheidenden Beweise dafür, daß 
sie immer noch erfolgreich in dieser Rolle wirkt. Ihre Liebe war zu 
wenig demonstrativ, um seinem Zärtlichkeitsbedürfnis zu genügen, 
und er zweifelte immer an der Stärke ihrer Gefühle. Deshalb übertrug 
er die Feindseligkeit, die er aus dem gleichen Grund gegen seine Mutter 
empfunden hatte, auch auf sie. Sie war gewöhnlich heiterer Stimmung 
und er war eifersüchtig auf sie, weil sie die Kinder (eigene und fremde) 
und andere Menschen schnell liebgewannen. Er leugnete zuerst, je 
Untreuegedanken gehabt zu haben, aber nach der Analyse von zwei 
offensichtlich polygamen Träumen (Bordelltypus) gab er zu, daß er 
in dieser Beziehung nur von dem Gedanken an seine Kinder gehalten 
worden sei; dies lieferte natürlich wieder einen Grund zur Feind- 
seligkeit gegen diese, weil sie seinen Wünschen im Wege standen. Im 
folgenden Traum kamen beide seine Frau betreffenden Wünsche zum 
Ausdruck: Er träumte, daß sie sich wieder verheirate, und zwar 
mit einem andern (d. h. daß er frei sei). Er meinte dazu, daß von einer 
Hochzeit träumen Tod bedeute, daß also in der Familie seiner Frau 
ein Todesfall vorkommen werde. 

Vor einigen Jahren hatte die Frau zwei künstlich herbeigeführte 
Aborte gehabt. Patient mißbilligte ihre Handlungsweise aufs schärfste 
aus moralischen Gründen und betrachtete sie wie einen Mord. Er war 
aber zum Teil selbst schuld an der Sache ; denn erstens war er die Ur- 
sache der Gravidität (gegen den Willen seiner Frau) und zweitens 
war das Motiv ihrer Handlungsweise ihre Armut, die von seiner Un- 
fähigkeit, Geld zu verdienen, herrührte; da er wegen seines unan- 
genehmen Wesens und anderer Eigentümlichkeiten eine Stelle nach 



106 Ernest Jones. 

der andern verlor, wurde es immer schwieriger für ihn eine neue zu 
finden. Es ist begreiflich, daß diese Geschehnisse ihm gute Gelegenheit 
boten, die stets in seiner Seele lauernden Mordgedanken auf seine 
Frau zu projizieren, und wir werden gleich sehen, wie er sich das zu 
nutze machte. Sie war wie die Mutter aufbrausend und unkontrollier- 
baren Leidenschaftsausbrüchen unterworfen, was natürlich in diesem 
Zusammenhang eine besonders wichtige Ähnlichkeit war. Patient 
liebte sein Töchterschen Lily leidenschaftlich: sie war sein Augapfel 
und tröstete ihn für alle enttäuschte Liebe und seine betrogenen Hoff- 
nungen. Ihre plötzliche Krankheit und ihr rascher Tod waren ihm ein 
furchtbarer Schlag und schwer genug zu ertragen auch ohne die 
grausige Obsession die darauf folgte. Sechs Monate lang besuchte er 
täglich ilir Grab, aber seit dem Auftreten der obsedierenden Halluzination 
war er nicht mehr dazu imstande. Das Mädchen war offenbar von 
gefälligem Wesen imd ein sehr intelligentes Kind, das rasche Fort- 
schritte im Lernen machte. Er verglich sie oft mit der Mutter und 
sehr zuungunsten derselben. Seine Frau war ganz ungebildet und 
konnte nicht einmal lesen und schreiben, worin sie ebenfalls seiner 
Mutter glich; sie wurde auch deswegen von seinen Schwestern ver- 
spottet (ohne Zweifel zum Teil der Ausdruck ihrer Reaktion gegen 
die Mutter). Sein Töchterchen hatte eben mit Erfolg angefangen die 
Mutter zu belehren, als es krank wurde. Patient glaubte, der Tod des 
Kindes hatte vermieden werden können. Es hatte früher schon einmal 
einen leichten Anfall von Appendizitis gehabt, und er meinte, wenn 
sie damals einen besseren Arzt genommen hätten, wenn sie den Ernst 
der Lage richtig erkannt hätten, wenn man sie nachher entsprechend 
behandelt jiätte oder werm beim zweiten Anfall der Arzt früher gerufen 
worden wäre, hätte das Kind gerettet werden können. Die Mutter 
hätte mehr von Kinder- und Krankenpflege verstehen müssen. Im 
Grunde war an allem nur die schlechte Erziehung und Unwissenheit 
der Mutter schuld (unbewußt verglich er sie hier auch wieder mit seiner 
eigenen mörderischen Mutter). Nachdem er so die Verantwortlichkeit 
für den Todesfall auf seine Frau abgeladen hatte, konnte er es wagen, 
ein wenig davon auch in sein eigenes Bewußtsein dringen zu lassen; 
er machte sich Vorwürfe, daß er die Sache nicht ernster genommen 
hatte, solange es Zeit war, daß er nicht freundlicher mit Lily gewesen 
war, solange sie noch lebte, daß er ihr in seinem Geize oft kleine V^er- 
gnügen versagt hatte usw. 

Synthese der Obsession. Wenn wir versuchen, vom Seelen- 



Einige Falle von Zwangsneurose, lü7 

zustand des Patienten zur Zeit, als sein Kind starb, ein Bild zu 
gewinnen, so sehen vär, daß kaum eine bessere Gelegenheit zum 
Ausbruch der latenten Neurose gefunden werden konnte. In 
keiner andern Lage wäre eine Flucht aus der Wirklichkeit so 
dringend notwendig gewesen. Sein Leben lag als ein hoffnungs- 
loser Mißerfolg hinter ihm, und enttäuscht von seiner Liebe, 
seiner Arbeit, seinen Freunden und seinen Bekannten, stand er Em 
Totenbett seines Lieblingskindes, welches für ihn das einzige war, 
das ihm das Leben überhaupt lebenswert machte. Kurz vor seinc:n 
Tcde hatte er den Knaben seiner Schwester besucht, der gleich alt 
war, wie sein eigener ungeliebter Sohn und er fühlte abergläubisch, 
daß das Schicksal nicht beiden Genesung aus ihrer schweren Krankheit 
bringen würde. Was Wunder, daß er gleich den alten Römern bereit 
war, dem Schicksal eine Geisel anzubieten, und im geheimen bat, 
daß der Knabe geopfert werde, wenn nötig sein eigener Knabe, wenn 
nur dadurch sein Liebling verschont bliebe. 

Alles dies ist jedoch ein allgemein menschliches Bild und würde 
zu Trauer, Verzweiflung und bitterem Kummer geführt haben, aber 
nicht zu einer Psjchoneurose. Zum, Unglück für seine geistige Ge- 
sundheit stammten aber die unerträglichen Gedanken aus längst ver- 
gangenen dunkeln Gefühlen und inneren Konflilrten noch schlimmerer 
Art, Das Lebensopfer, das er bringen wollte, um sein Kind zu retten, 
war identisch mit einem andern, das er früher gewünscht hatte aus 
eigennützigen und weniger verzeihlichen Gründen. Er hatte gewünscht, 
daß dieser Knabe, in früheren Jahren war es sein kleiner Bruder, sterben 
möchte, damit er die Liebe der Mutter allein und ungestört besitzen 
könne. Seine Feigheit hatte ihn sogar dahin gebracht, zu wünschen, 
die Frau hätte die Tat um seinetwillen getan, und er sclirieb ihr olme- 
weiters den Wunsch und seine eigenen Motive zu. In beiden Fällen 
war er durch ein merkwürdiges Spisl des Zufalls bestraft worden. Li 
seiner Jugend mußte er die Lieblingsschwester verlieren unter Um- 
ständen, die dem Schuldbewußten nahe legten, die Mutter dafür zu 
tadeln. Der geheime Wunsch, seine Mutter möchte zur Mörderin werden, 
hatte sich in schrecklichster Weise erfüllt und der Gedanke, seine 
Mutter sei eine Mörderin verfolgte ihn noch lange in Gtstalt einer 
Obsession, deren Bedeutung nur leicht verhüllt war. Nun nach Jahren 
kam der zweite Schlag als Antwort auf seinen Todes wünsch. S*^in 
Töckterchen wurde ihm im gleichen Alter wie di? Schwester entrissen 
und seine Frau, die um absichtlich zweier Kinder beraubt hatte, trug 



108 Ernest Jones. 

durch ihre Unbildung und Unwissenheit (die auch für die Mutter cha- 
rakteristisch war) die Schuld daran. Er machte sich Vorwürfe, daß 
er eine Frau geheiratet hatte, die so seiner Mutter glich (im Unbewußten, 
daß er seine Mutter geheiratet hatte). In beiden Fällen ruhte die Ver- 
antwortung, die er ganz auf die Frau abgeladen hatte, ebensosehr auf 
ihm selbst; der Vorwurf kam also aus seinem eigenen Herzen und 
bedeutete Bewußtsein seiner Schuld und Reue darüber, Freud drückt 
es in technischer Sprache so aus: die Obsession sind der symbolische 
Ausdruck für kindliche Verfehlungen, welche der Patient entweder 
in seinem Innern noc^h nicht aufgegeben hat oder die er sich noch nicht 
verziehen hat; sie stellen ungelöste Konflikte dar. In ihnen mani- 
festieren sich sowohl die begrabenen Wünsche als die verdrängenden 
Kräfte (Reue usw.) nicht wie bei der Hysterie durch die Konstruktion 
einer Kompromißbildung, sondern durch nacheinanderfolgende sym- 
bolische Darstellungen der verschiedenen Seiten des Konflikts. Wir 
werden nun die Genese der Obsession noch näher untersuchen. 

In der Nacht nach dem Begräbnisse seiner Tochter schlief Patient 
gar nicht. Gegen Morgen quälte ihn der Gedanke, daß Kind sei allein 
in der Kälte draußen und sehne sich nach Hause. Dann dachte er: 
„Wenn sie nun jemand aus dem Grabe genommen hätte!" Sogleich 
kam ihm der Gedanke: „Wenn das der Fall ist, werde ich sie vielleicht 
wieder finden." Er verwarf diese Idee als absurd, aber der erste Ge- 
danke, daß vielleicht jemand den Leichnam aus dem Grabe genommen 
hätte, kehrte wieder. Er überdachte die verschiedenen Möglichkeiten, 
wie, ob wohl der Unternehmer auf dem Wege zum Friedhofe die Särge 
verwechselt habe, oder, wie und wozu man nachher die Leiche gestohlen 
haben könnte. Es regte ihn auf, in der Zeitung von Leichenfunden 
zu lesen, und er war in einem Zustande beständiger Spannung bis zu 
dem oben beschriebenen Vorfalle, der sich einige Monate später ereignete 
und von dem an er das Finden des Kindes mit bestimmten Orten, 
wie Abfallwagen oder Kehrichthaufen, in Zusammenhang brachte usw. 

Obschon sich die Obsession oberflächlich betrachtet scheinbar 
ausschließlich mit dem Tode beschäftigt, zeigt es sich doch bei etwas 
genauerer Prüfung, wie verwandt der Inhalt derselben mit seinen 
kindlichen Geburtstheorien ist. Bevor ich diese kommentiere, möchte 
ich sie einzeln aufzählen; sie zerfallen in drei ziemlich gut definierte 
Gruppen. Erstens die Idee des Schneidens. Er hatte als Kind beides 
geglaubt, daß der Doktor der Mutter den Leib aufschneide, um das 
Kind herauszubekommen, und daß er die Kinder aus der Erde grabe. 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 109 

(Mit einem Spaten heraushacke.) Er hatte sich gefragt, oh der Doktor 
■wohl dahei manchmal das Kind verletze; das Kind schneiden und 
die Mutter schneiden sind also eng assoziiert und gehören zusammen 
zum Thema der Geburt. Nun war Lily gestorben, nachdem ihr der 
Doktor den Leib aufgeschnitten hatte (Appendizitisoperation) und 
ein Hauptstüok der Zwangsidee lautete : ein Doktor könnte den Körper 
genommen haben zum Sezieren (d. h. zu beruflichen Zwecken, was 
für den kindlichen Geist soviel heißt als: „abliefern von Kindern'*.) 
Gelegentlich dachte er auch, daß es nicht ein Doktor, sondern ein 
Metzger sei, der die Leiche erhalten habe, aber die beiden Berufe ge- 
hörten für den Patienten, und zwar nicht nur für sein Unbewußtes, 
zusammen. Die Metzgeridee hing auch mit anderen Themen zusammen, 
wie Essen, Abfall, Wegwerfen usw., die augenscheinlich zu seinen 
Alimentärkomplexen gehören. Zweitens: die Idee von Wegnehmen 
oder Bringen. Es braucht kaum auf den Zusammenhang zwischen 
Bringen und Geburt hingewiesen zu werden; die gewöhnlichste, den 
Kindern gegebene Erklärung ist die, daß der Storch die Kinder bringe 
oder der Doktor oder der Briefträger usw. Das gleiche Wort (delivery) 
wird für das Abgeben von Briefen oder Paketen und für ,, Entbindung" 
gebraucht^). - 

Ich habe oben erwähnt, daß das Lieblingsspiel des Knaben ge- 
wesen war, mit einem Wagen herumzufahren und verschiedenen 
Nachbarn Pakete abzugeben, natürlich nur in der Phantasie; wahr- 
scheinlich haben wir eine der Quellen für die Vorliebe kleiner Knaben, 
zum Fahren, sei es in Wirklichkeit oder in der Einbildung. Hier wie 
anderwärts sind die Gegensätze im Unbewußten eng verknüpft, so daß 
die Idee des Wegnehmens der des Bringens untergeordnet wird. Im 
Anschluß an die Darstellung des I. Falles dieser Serie ist der Zu- 
sammenhang zwischen der Idee vom Wegnehmen der Fäzes des Kindes 
durch die Eitern und einer Geburt zur Genüge besprochen und gezeigt 
worden, wie die dazu gehörige Reaktion sich zu Diebstahl und Un- 
gerechtigkeit verhält; wir haben also nicht näher auf das Thema 
einzugehen, besonders da aus dieser Analyse nichts Neues hinzuzufügen 
ist. Wahrscheinlich lag hier der Grund, w^eshalb Patient sein Kind in 
Abfallwagen und dergleichen zu finden glaubte, nicht in Wagen, die 

^) Die Tatsache, daß das Wort auch „entgehen" oder „retten*' heißt, mag 
nicht ohne Bedeutung sein und kann als Bestätigung der Freud sehen Ansicht 
über die Assoziation zwischen Geburt und Rettung3phantasien angeführt werden, 
das Thema habe ich übrigens im Fall II eingehend erläutert. 



liO Einest Jones. 

einem etwas ins Haus bringen, sondern, die einem etwas weg- 
nehmen. Die Dinge, die weggenommen werden, sind aber nicht etwa 
wertvoll, sondern gerade die wertlosesten — eine ähnliche Kontrast- 
assoziation wie zwischen Fäzes und Gold. Bedeutungsvoll ist der 
vorhin nicht erwähnte Umstand, daß Patient behauptet, die Idee, das 
Kind sei aus dem Grab gestohlen worden, sei ihm in den Kopf ge- 
kommen, als er zu seinem großen Ärger sah, Avie sein Bruder Frederick 
beim Begräbnis einige Blumen vom Grabe „stahl" (als Andenken). 
Die gestohlenen Blumen waren Lilien, des Patienten und seiner Tochter 
Lieblingsblumen, ihr Name war ebenfalls Lily. Lily war also aus dem 
Grabe gestohlen worden. Die Assoziation zwischen Blume und Kot 
ist bekannt (Erde, Schmutz, Fäzes) und der Kontrastwert der Vor- 
stellungen Fäzes und Lilien ist ein außerordentlich hoher. Fredeiick 
war, wie schon erwähnt, der Vertreter des Vaters. Über die oben an- 
gefiilirte kindliche Theorie des Vaterdiebstahls gab also der Umstand, 
daß Frederick Blumen vom Grabe nahm, dem Unbewußten des Patienten 
direkten Anlaß zur Idee von der Wiedergeburt des Kindes. Drittens 
möchte ich die Aufmerksamkeit nochmals auf die Verwandtschaft 
zwischen der Obsession und der fäkalen Auffassung der Kinder lenken. 
In seinen Träumen, welche ich hier nicht einzeln zu besprechen brauche, 
identifizierte der Patient seine Tochter so deutlich mit Fäzes, daß kein 
Zweifel mehr sein kann über die unbewußte Äquivalenz der beiden 
Vorstellungen. Auf die Bedeutung der Blumenepisode für die Genese 
der Obsession habe ich soeben hingewiesen. Es war jedoch auffallend, 
daß die Orte, wo er seine Tochter zu sehen glaubte, ausnahmslos mit 
dem Begriff der Exkretion verknüpft waren. Also: Abfall, Gedärme, 
Schutt, Kothaufen, Kehricht, usw. Außer diesen Dingen waren noch 
verdächtig Stücke von Makulatur papier und dunkle Petzen irgend 
eines Stoffes oder, um die Worte des Patienten zu gebrauchen: ,,anything 
that can be dropped or carried''. (To carry bedeutet auch schwanger 
sein, droppings wird gewöhnlich für tierische Exkremente gebraucht.) 
Des weitern haben wir die ganz un verhüllt auftretende Tatsache, daß die 
lialluzinatorische Obsession am häufigsten im W. C. vorkam; es war 
daher für den Patienten das reinste Martyrium dahin zu gehen und 
sc-iließlich wurde es ihm so unerträglich, daß seine Frau ihm jedesmal 
vorher die Augen verbinden mußte. Ich erinnere daran, daß derselbe 
Ort auch in der ersten Obsession eine große Rolle gespielt hat; der 
Patient fürchtete dort, die Leiche von jemand zu finden, den seine 
M'itter getötet hatte. Das Studium^des Inhaltes dieser Obsession zeigt 



Einige Pälle voa Zwangsneurose. 111 

uns klar, daß bei dem Patienten, wie übrigens vielleicht bei allen anderen 
Menschen auch, die Gedanken von Geburt und Tod untrennbar zu- 
sammengehören. Vielleicht ist es nicht zu viel gesagt, daß jeder un- 
lösbare, seelische Konflikt mit der Flucht in eine Todesphantasie 
beantwortet wird, d. h. soviel, wie ein Zurückkehren an den Ort, woher 
man kam, ein in die Mutter hineinkriechen. Von diesem weiteren Stand- 
punkt aus beginnen wir endlich zu verstehen, welche fundamentale 
Bedeutung den Ideen der Unsterblichkeit, Seelenwanderung, Wieder- 
geburt und Erlösung zukommt als Linderern menschlicher Leiden^). 

Auch unser Patient hat seinen unlösbaren Konflikt und unerträg- 
lichen Kummer in dieser Weise beantwortet. Ein Geisteskranker würde 
einfach halluziniert haben, das Kind sei aus dem Grab zurückgekehrt 
und wieder bei ihm, eine Hysterie hätte eine komplette Amnesie für 
den ganzen Komplex geschaffen, aber unser Patient war eben trotz 
seiner paranoischen Tendenzen nicht geisteskrank und konnte es auch 
nicht werden, und seine Hoffnung, das Kind wieder lebendig zu sehen, 
konnte einzig dadurch erfüllt werden, daß es wieder geboren wurde. 
Ein so phantastischer Gedanke konnte aber nur in verhüllter Gestalt 
ins Bewußtsein treten. 

Man kann hier unterscheiden zwischen dem Motiv der Neurose 
und ihrem Inhalt. Die hauptsächlichsten Motive waren: seinen uner- 
träglichen Schmerz durch eine Flucht in die Phantasie zu mildern, 
in der ihm das Kind wiedergeboren ward, und dem verdrängten Haß 
gegen seine Frau Genüge zu zun, der nebst anderen Gründen dadurch 
entstanden war, daß sie zwei Kinder getötet hatte. Wie dies stets der 
Fall ist, wird diese Flucht vor den Schmerzen der Wirklichkeit haupt- 
sächlich dadurch bewerkstelligt, daß man zu den Vergnügen und den 
Phantasien der früheren Kindheit zurückkehrt: unsere Betrachtun^r 
des Inhaltes der Obsession läßt hierüber keinen Zweifel. 

Wie ich anderorts^) bemerkte, sind nekrophile und koprophile 
Phantasien außerordentlich nah verwandt. (Letztere ist natürlich 
primär) und der Gedanke vom Kind, das aus einem Leichnam oder 
aus dem. Grab hervorkommt, spielt nicht nur in Folklore und My- 

') Die Arbeit hätte gleichzeitig mit dem II. Teil der „Wandlungen und 
Symbole der Libido" erscheinen können, aber sie konnte wegen Raummangeis 
nur noch zur Hälft© im I. Halbband dieses Jahrbuches aufgenommen werden. 
Die Selbständigkeit obiger Formulienmg soll damit gebührend hervorgehoben 
werden. Anmerkung der Redaktion. 

2) Zentralbl. f. Psychoanalyse, Jahrgang I, S. 564, 565, 



112 Emest Jones. 

thologie eine hervorragende Rolle, sondern auch in der modernen 
Literatur. Er kann entweder autoerotischen oder inzestuösen Ursprungs 
sein. Im vorliegenden Fall trifft hauptsächlich letzteres zu. Der Inhalt 
der Obsession zeigt deutlich, daß die Wiedergeburtsphantasie im wesent- 
lichen identisch ist mit den kindlichen Theorien über die Geburt der 
Geschwister, und sein Hauptmotiv, in seinem Versuch diese Frage 
zu Jaeantworten, war damals mit den Mordgedanken gegen seinen 
Bruder verknüpft. In späteren Jahren wurde dann bei ähnlichen Fragen 
wieder von der alten Lösung Gebrauch gemacht. Für sein Unbewußtes 
war die Geburt immer noch ein Hervorwachsen aus dem ,, Mutter- 
boden". Und da nun sein Kind Lily in einem Grundstück begraben 
war, das seiner Mutter gehörte, was war natürlicher, als daß sie wieder 
daraus, als der Quelle alles Lebens, hervorkomme? 

Ich hoffe gezeigt zu haben, daß die Auffassung der ,, Kongenitalen 
Psychasthenie'' jedenfalls für unsern Fall nicht standhält und daß 
die Determinatioa der Obsessionen unseres Patienten nicht etwa zu- 
fälligen Assoziationen zuzuschreiben ist, sondern streng die Richtungs- 
linien seiner innersten Persönlichkeit verfolgt. 

Schlußbemerkungen, 

Die oben besprochenen jVnalysen stimmen in allen Einzelheiten 
mit den Resultaten überein, mit denen uns Freud in seinen scharf- 
sinnigen Studien bekannt gemacht hat, welche die Natur und den 
Ursprung der zwangsneurotischen Symptome und die psychologischen 
Mechanismen, die ihre Entstehung charakterisieren und sie von anderen 
ähnlichenKrankheiten,besondersderHysteriejimterscheiden, aufgedeckt 
haben. In einigen Fällen bot sich uns Gelegenheit, die aus einem ge- 
gebenen Konflikt resultierende Obsession mit der Art der Symptome, die 
wahrscheinlich bei einer Hysterie unter denselben Umständen entstanden 
wären, zu vergleichen. Dies noch weiter zu kommentieren, würde nur 
Freuds Worte wiederholen heißen, und ich begnüge mich daher mit 
einigen mehr allgemeinen Bemerkungen, die sich mir während der 
Analyse aufdrängten. In der Zwangsneurose scheinen die Haupt- 
komplexe, die sich um den Kern des Inzestes gruppieren, die des Schau- 
triebes, Sadismus, der Homosexualität und des Analerotismus zu sein ; 
diese vier traten in allem von mir untersuchten Fällen am stärksten 
hervor. In einigen Fällen dominierte der Haß das Krankheitsbild 
nicht in dem Maße, wie bei Freuds klassischem Fall. In bezug auf 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 113 

diesen Punkt sagte mir Freud einst, daß man zwei Typen der Zwangs- 
neurose unterscheiden könne, einen, in welchem das sadistische Element, 
einen andern, bei welchem die Schaulust (einschließlich Wissensdrang 
usw.) stärker hervortritt; der erstere Typus ist durch den Fall III 
illustriert, der letztere durch den Fall I und II. Die Beziehungen 
zwischen Haß, Zweifel und Hemmung wurden anläßlich des ersten 
Falles kurz besprochen. Von den besprochenen Symbolismen möchte 
ich die weniger häufigen nochmals anführen; so z, B. der Wunsch, zur 
Natur zurückzukehren (Exhibition vor der Mutter); Knöpfe, Haar 
und Leichen als Fäkalsymbole; die sexuelle Bedeutung der Leiden- 
schaft, fremde Länder zu explorieren; der Vater als Bauer (E'armer) 
dargestellt; die Assoziation zwischen Bewegung und sexueller Aus- 
scheidung (Projektion in die Entfernung), besonders von flatus; ein 
Testament als Symbol für Defäkation (Schatz zurücklassen). Im 
weiteren wird betont die Bedeutui)-g des Analerotismus als Quelle der 
Ideen von der sexuellen Reinheit (Theorie des reinen Mannes), von 
Greld oder Kinderstehlen, Ungerechtigkeit imd Selbstbeherrschung, 
Es kommen viele Beispiele von beliebten mythologischen Symptomen 
vor, wie das Thema vom Kinde, das aus dem Grabe geboren wird, 
von Seelenwanderung und Wiedergeburt, der Regen als Symbol für 
Urin, Donner für flatus usw. Die an anderer Stelle von mir entwickelten 
Ansichten über die Identität von Gott und Teufel und über das Salz 
als Symbol des Samens finden in den vorliegenden Analysen direkte 
Bestätigung. Vermutlich hilft bei der Entstehung gewisser psychogener 
neurotischer Erscheinungen als wirksamer Faktor auch der Glaube, 
daß der Samen aus dem Gehirn imd Rückenmark kommt, da 
der Penis als Fortsetzung der Wirbelsäule gedacht ist. Es werden eine 
Anzahl Kindheitsphantasien erläutert, die zum Teil aus direkt 
gegensätzlichen Ideengruppen bestehen, und deren allgemeine Be- 
deutung diskutiert: z. B. daß das Kind aus der Mutter herausgeholt 
(Vater als accoucheur) ujid in sie hineingetan wird; daß man der Mutter 
ein Kind gibt (Idee von Geschenk mit Retterphantasie assoziiert) 
oder es wegnimmt; daß das Kind ins Haus gebracht wird (Doktor, 
Packträger) und weggeholt wird (Kehrichtwagen usw.), überall spielt 
die Fäkalauffassung des Kindes eine große Rolle. Dieselbe Auffassung 
ist begleitet von dem Charakterzug exzessiver Zärthchkeit und von 
ausgesprochenen pädophilen Neigungen. 

Ein Fall wurde beschrieben, wo in der Kindheit der Flatus als 
das hauptsächlichste Sexualprodukt angesehen wurde; ich habe die 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. V. o 



114 ErneBt Jones. 

Bedeutung davon für das spätere Leben und die Phantasie besprochen. 
Flatus wird symbolisiert als Atem, Sprache und Gedanke, und manches, 
was damit zusammenhängt, geht auf den Flatuskomplex zurück. 
Beispiele davon sind: Luftfanatismus, Atemübungen zur Entwicklung 
der Selbstbeherrschung bei nervösen Zuständen; der Erfolg davon 
wird erklärt als ,,die stimulierende Wirkxmg der Atmung auf den 
Solarplexus, welcher das abdominale Gtehim ist, das die Sphinkteren 
regiert (,beherrscht')". 

Gedankenlesen als Flatusexhibition, Gedankenübertragung als 
Übertragung dieser Sexualmaterie auf andere; dieser letztere Prozeß 
kann zeitweise von einer Leidenschaft für Ideenpropaganda begleitet 
sein. Im vorliegenden Falle wurde gefunden, daß das Geben von Auto- 
suggestionen eine verdeckte Form des sekundären Autoerotismus ist, 
wovon im gleichen Falle auch einige Beispiele gebracht werden. Das 
Rauchen zeigt sich als Symbol für Flatus und als zum Munderotismus 
gehörig, wie auch Freud fand. Die Bedeutung der Flatusidee in My- 
thologie imd Eeligion ist noch nicht richtig gewürdigt worden. Bei 
einem Falle von ausgesprochenem Mimderotismus wird der Einfluß 
desselben auf die Charakterbildung kurz behandelt; einerseits hängt 
dieser zusammen mit übermäßiger Identifikation mit der Mutter, 
anderseits mit dem Analerotismus ; die letztere Assoziation stammt 
1. aus dem Zusammenhang der beiden Öffnungen des Ernährungs- 
traktus und 2. aus dem Zusammenhang zwischen Geruch imd Ge- 
schmack. Wahrscheinhch ist die Wirkung je nach dem Geschlechte 
verschieden. Bei Frauen schafft die den Normalen näher liegende 
Natur des Aktes, in Verbindimg mit den ausgleichenden Tendenzen, 
welche die übermäßige Mutteridentifikation abschwächen, nur eine 
Übertreibung der gewöhnlichen Verlegung von unten nach oben. Bei 
Männern kann damit eine Neigung zu passiver Inversion verbunden 
sein. Es wird die Vermutung ausgesprochen, daß diejenige Perversion, 
bei der der Mann an sich selbst Fellatio ausgeübt haben will, die durch 
Identifikation mit der Mutter produzierte Kehrseite der ländlichen 
Aktivität ist. Hinsichtlich des von Freud beschriebenen Analcha- 
rakters vermute ich, daß derselbe sich nur entwickelt, wenn entweder 
der Akt oder die Produkte der Exkretion zu einem Brennpunkte lust- 
betonter Aufmerksamkeit geworden sind; die Charakterzüge brauchen 
sich aber nicht zu entwickeln, wenn sich die Aufmerksamkeit, sei sie 
auch noch so übermäßig, auf den Anus konzentriert, da dann die Ein- 
stellung mehr derjenigen des Mannes zur Vagina gleicht. 



Einige Fälle von Zwangsneurose. 115 

Drei Faktoren werden hauptsächlich betont als bedeutsam für 
die passive (feminine) Inversion beim Manne. In der Reihenfolge ihrer 
Wichtigkeit sind es: 1. Übermäßige Identifikation mit der Mutter mit 
daraus erfolgender Annahme dieses Ideals als Liebesobjekt; 2. un- 
gewöhnliche Betonung des Mund- und Analerotismus, wobei der Mund, 
Anus ujid Nabel als weibliches Sexualorgan gedacht ist, und 3. infantile 
Sexualbetätigung mit einem altern Manne, besonders dem Vater. 

Ein Fall illustriert den von Freud beschriebenen Typus, für 
welchen der Ausdruck ,,Dirnenrettertypus'' vorgeschlagen wurde. 
Es wird gezeigt, daß hinter der eigentümlichen Eifersucht und der 
Neigung, Frauen von schlechtem sexuellen Rufe zu wählen, oft der 
Wunsch hegt, aus der Mutter eine Dirne zu machen, und es werden 
für diesen Wunsch fünf verschiedene Motive angeführt. Im wesent- 
Uchen hängt der Wunsch, die Mutter in sexuelle Gefahr zu bringen, 
mit der tiefsten Bedeutung der ganzen Konstellation zusammen, 
nämlich dem Wunsche, mit der Mutter ein Kind zu zeugen. Die Ahn- 
hchkeit zwischen Zwangsneurose und Dementia praecox vom Stand- 
punkte der klinischen Diagnose sowie des psychologischen Mechanismus 
aus wird hervorgehoben. Der Unterschied zwischen den beiden Zu- 
ständen scheint eher in den Oberinstanzen zu beruhen (Realitäts- 
prinzip) als in der Natur der unbewußten Komplexe und möglicher- 
weise kann sogar der vollständigere Autismus (Bleuler) der Dementia 
praecox mit dem defekten Funktionieren der obigen Prozesse zu- 
sam^menhängen. Im Falle I hatten wir Gelegenheit, die Natur und 
Genese von Zwangsideen kennen zu lernen, die vom Bewußtsein so 
vollständig angenommen und so systematisch waren, wie irgend ein 
W^ahn bei Paranoia. Die Akzeptierung derselben kann durch eine 
komplizierte bewußte Elaboration und Raticmalisation der Obsessionen, 
durch ein sorgfältiges Femhalten gegenteiliger und widersprechender 
Einflüsse und durch die Wahl eines Kreises, der möglichst verwandte 
Ideen pflegt, ermöglicht werden; in dieser Beziehung ist die Bedeutung 
des Milieus (Herdeninstinkt) nicht zu unterschätzen. Ich habe oben 
darauf hingewiesen, wie nah die Symptome des Patienten einer wirk- 
samen Sublimierung der unbewußten Komplexe kamen, und möchte 
hier noch an Freuds neuere Auffassung des paranoiden Wahnes ai.s 
eine Art Heilungsprozeß erinnern. Damit hängt zweifellos auch das 
bereits erwähnte auffallende Fehlen von Angst zusammen. 

Im Falle III spielt der Mechanismus der paranoiden Projektion 
eine hervorragende Rolle, da die Projektion endogener Ideen nach 

8* 



116 Erntest Jonea. 

außen eine Defenßivfunktion ist. Die Projektion kann als eine Abart 
der Identifikation angesehen werden; es werden nur auf Peisonen, 
mit denen sich das Subjekt vorher identifiziert hat, Ideen projiziert. 

Im Falle III sehen wir die Bedeutung des Exhibitionismus respek- 
tive Narzißmus in der Entwicklung der Fähigkeit des Humars. 
Es ist ein typischer und für ein paranoides BUd charakteristischer 
Zug, daß die Insulten des Lebens zu ernst genommen werden, was 
so viel heißt als Unfähigkeit, sie humoristisch aufzufassen. Die Be- 
deutung dieser Erwägung wird besonders klar, wenn man sie im Lichte 
der neuesten Freud sehen Konklusionen^) betreffend die Wichtigkeit 
von Narzißmus und Homosexualität bei der Entstehung der Paranoia 
betrachtet. 

Es ist imnötig, zum Schlüsse noch den Wert der Psychoanalyse 
für die Aufklärung und Therapie der Zwangsneurosen zu verherrhchen. 
Von keiner andern Behandlungsmethode habe ich gehört, daß sie 
Erfolge, wie ich sie in Fall I imd II aufzuweisen habe, erzielt hat, noch, 
daß damit die EinbUcke in die Natur und Genese des Zustandes ge- 
wonnen werden, wie sie die Psychoanalyse geben kann undf'gibt. 



^) Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch 
beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides), Psychoanalytisches 
Jahrbuch, Bd. III, S. 9. 



Kryptolalie, Kryptographie 
und unbewußtes Vexierbild bei :Pformalen, 

Von Oskar Pflster, 



I. Die Kryptolalie. 

In meiner Abhandlung „Die psychologische Enträtselung der 
religiösen Glossolalie und der automatischen Kryptographiei)" zeigte 
ich, wie bei Kranken sich unter gewissen Bedingungen die ver- 
drängten Wünsche in sinnlosen automatischen Reden Bahn brechen^). 
Dieser Sachverhalt ist gar nicht rätselhaft. Wenn wir uns entsinnen, 
daß alle Phantasien der Komplexbeschwichtigung dienen und im 
Traum, im Delirium, in der Zwangshandlung und anderen Verdrän- 
gungsfolgen angeblich sinnlose Leistungen zeitigen, wenn wir weiter 
überlegen, wie der Mund beständig von dem überfließt, wessen das 
Herz voll ist, so werden wir eine ,, sinnlose" automatische Rede von 

vornherein erwarten. 

Nun hat uns Freud in seiner ,,Psychophatologie des Alltagslebens" 
gezeigt, daß in scheinbar zufälligen Willkürakten unbewußte Seelen- 
kräfte ganz ebenso betätigt sind, wie in jenen ungewollten Leistungen. 
Psychologisch korrekt würden wir sagen: Da wir einen Zufall auch 

^) Jahrb. t psychoanalyt. u. psychopath. Forschungen, Bd. III, 427—466, 
730—794, auch separat bei R Deu ticke, Leipzig und Wien, 1912. 

«) Der dort geschilderte Simon fühlte sich ein Vierteljahr lang, nachdem 
er meiner analytischen Pastoration entlaufen Avar, recht wohl. Dann traten 
Delirien auf. Besonders hielt er hartnäckig in Fällen, die ihm genau bekannt sein 
mußten, an der Wahnidee fest, die und die Leute wohnten in gewissen Wohnungen. 
Sechzehn Wochen stand er, von Versorgung in einer Irrenanstalt bedroht, in 
ärztlicher Behandlung. Von Zungenreden wollte nach der Genesung weder er 
noch seine Verwandtschaft etwas wissen. Einzig Frau T. bHeb der süßen Ge- 
wohnheit treu* 



118 Oskap Pfistep. 

im psychischen Leben kaum zugestehen werden, die bewußten Tat- 
sachen die Entstehung dieses oder jenes Willküraktes jedoch nicht 
zureichend erklären können, werden wir bewußtseinstranszendente 
Bedingungen annehmen; die Psychanalyse setzt uns in die Lage, 
diese unbewußten Seelenregungen günstigenfalls aufzufinden. 

Es lag daher nahe, auch willkürlich hergestellte Buchstaben- 
gruppen der Analyse zu unterwerfen, mit welcher Freud Zahlen- 
oder Nameneinfälle behandelte. Eine solche willkürlich hergestellte 
sinnlose Lautverbindung nenne ich eine Kryptolalie (Geheimrede), 
auch wenn sie nicht gesprochen, sondern nur geschrieben oder vor- 
gestellt wurde. Sie unterscheidet sich von der Glossolalie einzig durch 
ihren Willkürcharakter. 

Es war jedoch nicht die Analogie zu Freuds Vorgehen, sondern 
die Empirie selbst, was mich zur Untersuchung kryptolaler Erschei- 
nungen führte. Ich verdanke die Anregung einem 17jährigen Jüngling, 
den ich durch pädagogische Analyse von einer ethisch verhängnis- 
vollen, mit sehr mannigfaltigen Symptomen ausgestatteten Zwangs- 
neurose befreit hatte. Die Ursache seines Leidens lag in einer Inzest- 
verdrängung gegenüber der Schwester. Nachdem ^4 Jahre kein patho- 
logisches SjTuptom beobachtet worden war und der Genesene in er- 
freulichster Weise sich zu einem lebensfrohen und gesitteten Menschen 
entwickelt hatte, stellte sich eine kleine Störung ein, die zu unauf- 
fälligem Halsdrehen, Schnuppern und Blinzeln führte. Ich beschloß 
daher, die seinerzeit etwas notdürftig durchgeführte Analyse zu 
vervollständigen. 

Eines Tages unternahm ich mit Jacques und seiner Schwester 
Nina morgens 7 Uhr eine Bergtour, von der wir etwa 1 Uhr 30 Minuten 
zurückkehrten. Nach Tische analysierten wir den Traum der letzten 
Nacht. Er lautet: 

Ich steige auf eine stark verschneite Bergspitze (r= Plan 
für den folgenden Tag; sexualsymbolisch die Beziehung zur kühl sich 
verhaltenden Schwester). Unterwegs kaufe ich eine Landkarte 
(kurz vorher hatte ihm eine solche gefehlt, so daß er sich verirrte; 
symbolisch öfter als Pollution enträtselt). Ich streite mit der 
Großtante. (Sie hat große Abneigung gegen die Ehe; Jacques hegt 
den Plan, für sich und die Schwester ein Haus zu bauen, um lebenslang 
beisammen zu wohnen, also eine Art Geschwister ehe einzugehen.) In der 
Nacht schleicht an meinemBett eine Maus (Fig. 1) vorbei; ihr 
Km langer Körper ist ein schwarzerund weißer Angorakatzen- 



Kryptoialie, Kryptographie u. unbewußtes Vexierbild b. Xormalen. 119 

schwänz, dessen Behaarung mich an stipa pennata (Fig. 2) 
erinnert (dieses Gras suchte er damals; sjTnbolisch: pennata Pseudo- 
deiivat von penis). Ich erschrecke (gestaute libido, Pollution ist 
verwehrt). Ich wohne wieder in unserm früheren Haus (Ort 
der früheren Abnormitäten) und pflanze Anthelia (endlich ge- 




¥ig. 2. 

fundenes Lebermoos, erinnert au gewisse Algen, die Jacques als Sexual- 
symbole in seinen Träumen verwendet hatte, als ihn die Keimstoffe 
interessierten). Ich finde bei T. riesige Exemplare von Ath vrium 
filix femina (ähnliche Arten hatte Jacques letzter Tage gefunden, 
aber nicht filix femina; zu femina Einfall: Schwester, Gegenstück 
zur Maus). 

Damit war die Ablehnung des Auterotismus, der Ehe und der 
Zwangserscheinungen zugunsten der Geschwisterliebe deutlich genug 
nachgewiesen. Jacques sah seinen Komplex sofort ein. 

Gleich darauf erzählte ich ihm von meinen Untersuchungen 
an religiösen Zungenrednern. Zu meiner Überraschung vernahm ich, 
daß er selbst zufällig in ein ähnliches Treiben verfallen sei. Indem er 
nämlich versuchte, von einer beliebigen Vorsilbe aus freie Assoziations- 
ketten zu bilden, stellten sich sinnlose Silben ein und reihten sich 
zusammen. Auf meine Erkundigung bestätigte er, daß er dies noch 
jetzt zu können glaube. Nach einigen Minuten brachte er, sich vor 
Lachen schüttelnd, folgende Zeilen, die also gleich nach der Ent- 
larvung des Schwesterkomplexes entstanden sind : 

„Meilamiwufatokilumatostabar / /jolotamischukafara- 
daisalaminostakos / melofagospasindalalimosinagostralgifo / 
moralifusalogantafrinspondasilaku/joraminotalfarota gelo- 
standarsin enal / torami. Sojarabufamalimoskapes melofa- 
kistosamo.'* 

Die Analyse vollzog sich anfangs leicht, stieß aber bald auf 
Widerstände, indem verschiedene Gedankengänge sich kreuzten und 
die Zugehörigkeit zur einen oder andern Vorstellungsreihe nicht sogleich 
klar wurde. Ich gebe im folgenden, um nicht weitläufig zu werden, 
das im wesentlichen nur aus den Einfällen des Anal v^;andöIi 



120 Oskar Pfister. 

bestehende Resultat der Exploration mit einem kurzen Kommentar, 
obwohl diese Darstellimgsweise schwerlich überzeugt. Bei kürzeren 
Sprachproben werde ich ausführlicher berichten. Die Technik, be- 
sonders die zur Vermeidung willkürlicher Deutungen angewandte 
Methode, habe ich a. a. 0. beschrieben. 

„Meilamiwufatokilumatostabar." Einfall: 

„Meine Freundin wollte in der Frühe eine gewaltige 
{kilometerhohe) Bergbesteigung unternehmen," 

(Freundin = Schwester, wu == wollte; to — tot, frühe. Das 
Mädchen wollte anfänglich schon bei Nacht aufbrechen; Hohn auf 
den späten Abmarsch; sta = steig, bar — barg. Die Höhendifferenz 
betrug über tausend Meter. 

,,jo lot ami." Einfall: 

,Jch verlor die Freundin." (Sie blieb erschöpft in einer be- 
wirtschafteten Hütte unterhalb des Gipfels, indes wir die letzte Strecke 
allein zurücklegten.) 

,,schukafaradaisalaminostakos.*' 

,, Zuck erzeug ade! Ihre Salamander schuhe blieben 
stecken." 

(Der verliebte Bruder verliert die süße Schwester (schuka = 
englisch sugar); faradai ^^ Faraday = fahr' ade! ,, Salamander" 
ist der Name eines bekannten Schuhgeschäftes, aus welchem das 
Schuhwerk des jungen Mädchens stammte. Kurz vorher hatte Jacques 
Nina veranlaßt, ihre Schuhe nageln zu lassen, da sie nicht berggemäß 
waren. Der Hohn wird verstärkt: Es war ihr so ernstlich um die Er- 
reichung des Gipfels zu tun, daß sie schon bei Nacht aufbrechen wollte 
und die Schuhe besonders nageln ließ; trotzdem blieb sie stecken. 

Schon hier tritt ein griechischer Sprachtypus hervor. 

Die interessante Überdetermination besprechen wir später.) 

,,melofagospasinda." 

,,Der Honigesser ging von da weiter". 

(,,melofagos" aus ,,melitofagos", Honigesser, oder f^rjXofdyog^ 
Kleinviehesser. Beide Einfälle gewinnt Jacques, beide passen auf 
seine Liebe zur Schwester. ,,Pas" ist Stamm von „passer", ,,inda" 
lat. „inde". Der Jüngling hatte sich tags zuvor seiner polyglotten 
Kenntnisse gerühmt, dank welcher er deutsch, englisch und französisch 
Auskunft erteilen konnte. Auch rhätoromanische Etymologien be- 
schäftigten ihn.) 

,,(a)lalimosinagostralgifo." 



Kryptolalie, Kryptographie u. unbewußtes Vexierbild b. iN'ormalen. 121 

„Ein kläglicher Hunger (ergriff ihn) auf dem augustisch 
strahlenden Gipfel." 

(Wirklich fühlten wir kräftigen Hunger; doch vermißten wir 
bei der trüben Witterung die Sonnenstrahlen aufs lebhafteste. Ala = 
iXsivögy Mitleid erregend; limos = ?u^ög, Hunger; gifo = Gipfel; 
im August befanden wir uns.) 

„moralifusalogantafrinspondas." 

„Noch eleganter war sie an den Füßen während des 
feierlichen Trunkes." 

(mor = mehr; alifuso = an den Füßen; aloganto — elegant; 
frin = ital. fra, zwischen, während. Hungrig kehrten wir vom Gipfel 
in die Hütte zurück, wo wir uns an verschiedenen Getränken, nämlich 
Limonade und Kaffee, labten. Während des Schmausens leistete uns 
neben anderen Personen eine anmutige junge Touristin Gesellschaft. 
Sie klagte über ihre zu leichten Schuhe und wies ihre eleganten Salon- 
stiefelchen vor. Nina erwiderte, sie trage eben schwere, klobige Männer- 
schuhe. Aber schließlich war doch das elegante Stiefelchen bis zum 
Gipfel gelangt. Jacques verspottet also die Schwester abermals mit 
grausamer Ironie. Seinen Hunger nach dem süßen Mädchen sublimiert 
er drollig, indem er aus dem Frühstück eine Opferspende (aTtovStj) 
macht. Wir werden später sehen, wie hübsch er allerlei Einzelheiten 
von dieser Göttermahlzeit in seine Rede hineingeheimnißte.) 

,,ilaku]oraminotalfarota." 

,,Jene konnte (so stunden- und minutenlang die Höhe 
gewinnen" (Ironisch.) 

(ila ^ illa; ku = konnte, wie ,,wu" :== wollte; jora = hora; 
minoto — Minute; far — facere, wie anfangs „eine Bergtour machen", 
volkstümlich ,, einen Berg machen", „ota" = hoch. Auch nach der 
recht langen Rast fühlte sich das Mädchen nicht in der Stimmung, 
den Gipfel zu erklimmen, daher der Spott: ,,Da seht, wie sie stunden- 
lang auf dem Berge war!") 

,,gelostandarsin enol torami." 

„von ihr gelöst stand ich, das männliche Wesen {S^<xr^v), 
auf dem Gipfelturm." 

,,Sojarabufamalimoskapes melofakistosamo." 
,,So hatte ich Hunger, ein wahrer Heißhunger ergriff 
mich argen Honig- (oder Kleinvieh-) esser." 

(j = io, wie oben jolot ,,ich verlor", kapes = cepit, - tarooci^o 



122 Oskar Pfister. 

scherzhafte Zusammenfügung der griechischen und lateinischen Super- 
lativform, oder ,,amo" — i(xs mich"). 

Wenn unsere Übersetzung, die wir aus Jacques' Einfällen 
(wir betonen dies) zusammenstellten, richtig ist, so hätten wir es also 
mit einer humoristischen Auslegung der Erlebnisse des Vormittags 
zu tun, und zwar mit besonderer Hervorhebung desjenigen, was die 
Schwester und sein Verhältnis zu ihr betrifft. Beide Figuren werden 
lächerlich gemacht. Der Analysand schildert sich als nach Süßigkeit 
(oder Fleisch) lüsternen Hungerleider auf dem Gipfel, nach welchem 
es ihn schon im Traum gezogen hatte. Schlimmer kommt die ,, Freundin" 
weg: Mit aller Energie erstrebt sie die Bergspitze (nächtliches Auf- 
stehen, Nageln der Schuhe), bleibt trotz ihrer plumpen Stiefel elen- 
diglich stecken, während ein zierliches Dämchen das Ziel erreichte, 
und gewinnt trotz langer Rast den Höhepunkt nicht. 

Die Komplexbefriedigung haben wir damit jedoch nicht deutlich 
hervorgehoben. Wir merken schon, daß der Jüngling die inzestuöse 
Übertragung auf die Schwester abgelehnt hat. Er kommt nach dem 
von mir aufgezeigten Gesetz der Komplexumdichtung (Mein Buch 
,,Die psychan. Methode", Leipzig 1913, 391 — 394) auf die dem 
ehemaligen Komplexzustand entsprechende Vorstellung (den Liebes- 
hunger auf dem Gipfel) zurück und versieht ihn ironisierend mit 
negativem Vorzeichen. Darum erscheint das übrigens sehr wertvolle, 
stark entwickelte und anmutige Mädchen als schwer beweglich. Den 
eigenen Liebeshunger karikiert der Bruder in einer lustigen Weise, 
die wir erst jetzt angeben: In der Geheimrede stecken nämlich trotz 
der Verdichtung sehr deutlich die Speisen, die wir in der Berghütte 
schmausten: Schuka (Zucker), kafa (Kaffee), radai (Radi, waren 
während der Traumanalyse eingetroffen), salaminos (Salami), sal 
(Salz), melo (Honig), Fleisch, pasin (= panis, Umstellung wegen des 
,,penis" der Traumanalyse), limos (Limonade). Damit wären alle, 
aber auch gar alle Eßwaren aufgezählt, die wir in der Hütte genossen 
mit einziger Ausnahme der Butter, welche in dem ,,bar" (beurre) der 
ersten Zeile vertreten ist. Diese geschickt eingeschmuggelten Worte, 
die uns die Holprigkeit einiger Stellen sehr annehmbar machen, haben 
ihren guten Sinn. Sie sagen: Dein furchtbarer Hunger nach Süßigkeit 
und Fleisch ist reichlich gestillt worden, aber nicht durch die Schwester, 
die eine so unschöne Rolle spielte, sondern weit realer. So erklärt sich 
auch, weshalb der Redner am Schlüsse nochmals ausdrücklich hervor- 
hebt: In dieser Weise verhält es sich mit jenem Hunger; d. h. er galt 



Kryptolalie, Kryptographie u. unbewußtes Vexierbild b. Normalen. 123 

gar nicht der Schwester, sondern gastronomischen Genüssen. Nun 
verstehen wir auch das herzliche Lachen des jungen Mannes. 

Will man die Bedeutung der Kryptolalie in einem kurzen Satz 
umschreiben, so kann man es tun mit ungefähr den folgenden Worten : 
Mein Hunger auf dem Berge galt gar ni-ht der Schwester, die sich 
dort blamierte, sondern ganz banalen kulinarischen Genüssen. 

Nicht alle Details der Geheimrede sind damit erklärt. Eine 
genauere Analyse, als mir möglich war, würde auch die übrigen De- 
terminanten und Überdeterminanten aufhellen. Daß die Schuhe der 
Schwester ironisiert werden, schien ein Jahr nach der Analyse dem 
Kryptolalen selbst zweifelhaft, obwohl es aus seinen Emfällen mit 
Sicherheit folgt. Zu den letzten Ursachen käme man angesichts der 
Kontinuität des Geisteslebens hier so wenig wie bei einer beliebigen 
andern Analyse oder bei der Exploration eines physischen Vorganges. 
Immerhin ist das ganze uns beschäftigende Problem so weit auf- 
geklärt, als für unsere Zwecke nötig ist. Allein ich darf, wie bemerkt, 
nicht hoffen, daß die summarische Wiedergabe der langen Rede und 
ihrer Besprechung zweifelnde, zumal der Analyse unkundige Leser 
für die gewonnene Psychologie der Kryptolalie einnehmen werde. 
Ich selbst war nach Einsicht in den vorstehenden Silbensalat und 
seine angebliche Deutung noch lange nicht überzeugt. 

Gründlicher und darum überzeugender fiel aus die Exploration der 

zweiten Geheimrede. 

Ich verdanke sie einem fein gebildeten, in der Mitte der Dreißiger- 
jahre stehenden Kaufmann, der sich in seiner Mußezeit mit orien- 
talischen Sprachen beschäftigt. Auf die Bitte um sinnlose Süben 
reagierte er mit dem Worte: 

,,nagiodetukut." 

Die erste Viertelstunde ergab ein klägliches Resultat. Die Buch- 
stabengruppe nag lockte sogleich hervor den Einfall: naga heißt im 
Indischen Schlange. Dann aber bewegten sich die Assoziationen 
in komplexverdächtiger Oberflächlichkeit in scheinbar wertlosen 
Bahnen, die später doch als bedeutungsvoll erkannt wurden, soweit 
sie die Analyse passierten, z. B.: ,,jod erinnert an Ido, eine Art 
Esperanto'', „kut hängt vielleicht mit Kutteln zusammen", ,,etu 
ist vielleicht das lateinische esto" usw. Ein einziges persönliches Er- 
lebnis kam zur Sprache: ,,Io bringt mich auf Johann, den ich mir 
als Lohndiener in Livree vorstelle. Ich denke aber dabei nicht an eine 



124 Oskar Pfister. 

bestimmte Person. Kürzlich kam ein solcher Mann auf mein Bureau. 
Er holte den Überzieher meines Kompagnon; abends trug er ihn in 
dessen Wohnung." 

Schon stand die Ungeduld auf der Türschwelle, als die Phan- 
tasien ausgiebiger wurden . , , Schlangen spielen in Indien vielfach 
eine Rolle. Es gibt auch Schlangenkönige. Schlangen sind auch Sym- 
bole in der ,, Traumdeutung". Auch ich kam schon mit Schlangen in 
Berührung. Einst wollte ich mich in den Bergen niedersetzen, als 
plötzlich eine Schlange aufstand, worauf ich mich eüends zurückzog. 
Des folgenden Tages sah ich ihrer viele auf einem sonnigen Wege. 
Ein katholischer Priester erschlug eine von ihnen mit seinem Stock. 
[Nag] Mein kleiner Junge nagt Früchte wie ein Mäuschen oder Eich- 
hörnchen. Dies erregte Aufsehen im Hause eines kinderlosen Freundes. 
Letzterer schnitzte dem Bübchen aus einer Kute einen Stab mit einer 
schönen Spirale (schlangenförmig !). 

[iod] Jod, ein Heümittel. Jetzt kommt mir allerdings etwas in 
den Sinn. Ich brauchte die Tinktur kürzlich auf Anordnung des Arztes, 
als mein membrum virile geschwollen war. 

[gi] gini, eine englische Münze, gini bedeutet, wie ich zufällig 
las, auf armenisch Wein. [Englische Münze.] Ich bezahlte die Eechnung 
des Arztes, der mir Jod verordnete, noch nicht. [Wein.] In letzter Zeit 
beobachtete ich, daß der Wein auf mich nachteilig einwirkte. Ich 
bekam Katarrh, nicht aber, obwohl meine Frau mich deshalb aus- 
lachte, Kater. Mich betrübte, daß ich nur noch so wenig Wein vertrage. 

[io] ich, italienisch. Ich sagte mir, ich degeneriere, meine Ent- 
zündung hänge wohl mit früherer Unsolidität in alcoholicis zusammen. 

[detuk] der Tucher. Dies ist der Name eines liebenswürdigen, 
aber nicht sehr begabten Jungen, dem ich von der Kaufmannschaft 
abraten mußte. Auch mein Sohn zeigt nicht in allem so viel Intelligenz, 
als ich wünschte. Manchmal verrät er Gedächtnis, manchmal über- 
haupt keines. (Er übertrifft somit Tucher.) 

[ukut] Kalikut, Kalkutta, Kutteln. Kurz vor meiner Verhei- 
ratung hörte ich den Volksspruch: „Wer eine Witwe heiratet und 
Kutteln ißt, soll nicht fragen, was vorher darin war". Der, welcher 
mir dies erzählte, fügte die unfeine Bemerkung hinzu: ,,Sie sind doch 
nicht etwa mit einer Witwe verheiratet?" [Kalkutta] Wir haben längere 
Zeit den Besuch eines Onkels, der von Kalkutta aus eine Forschungs- 
reise unternehmen will. Meine Frau war durch den Gast über ihre 
Kräfte bis zur nervösen Überreizung in Anspruch genommen und 



Kryptolalie, Kryptographie u. unbewußtes Vexierbild b. Normalen. 125 

klagte, ich ziehe mich zu viel in mein Geschäft zurück, wir haben 
nichts aneinander. Ich wünschte den Gast nach Kalkutta. 

Zu „od" kommt mir noch in den Sinn, daß die Form der Odol- 
flaschen symbolisch ist. Ich besitze eine solche Flasche. 

[Nochmals der Überzieher des Kompagnons.] Eine Magd oder 
Schwägerin mußte ihn in Empfang nehmen, denn seine Frau ist ge- 
storben. Damals klagte er mir, er habe wegen beruflicher Inanspruch- 
nahme so wenig an ihr gehabt. Als ich dies meiner Frau erzählte, 
klagte sie: ,,So ist es auch bei uns! Du hättest eigentlich gar nicht 
heiraten sollen !" Ich kann mir den Überzieher allein nicht vorstellen, 
ich sehe im Geist den Kompagnon darin, der ihn gut ausfüllt. [Sie 
identifizieren sich mit ihm. In der S3rmbolsprache, die Sie heute oft 
anwandten, bedeutet Überzieher das Mittel zum coitus condomatus.] 

Der Analysand gestand, daß dies der Punkt sei, der auch ihn 
lebhaft beschäftige. Er sei sich noch nicht klar, ob diese Praxis sittlich 
erlaubt sei. Weitere Kinder wünsche er nicht, jedoch lasse ihn seine 
Frau fühlen, daß sie sich von ihm vernachlässigt finde. Er befürchtete, 
er sei nicht mehr normal, ein normaler Sexualverkehr sei ihm un- 
möglich. Nun werden wir auch zugeben, daß hinter ,,kut" jene Kutte 
steckt, die in den Träumen und Delirien so oft das Präputium oder 
den Kondom vertritt. 

Die Deutung der Zungenrede bereitet uns nun keine Schwierig- 
keiten mehr: Wir haben es mit einer leichten Hypochondrie zu tun, 
die im wesentlichen aus der durch eine Entzündung und Abneigung 
gegen Vermehrung der Kinderzahl bedingten sexuellen Stauung 
mit herabgesetzter Potenz hervorging. Um den Sexualkomplex, der 
schon durch die erste Silbe angedeutet ist, drehen sich die Ein- 
fälle, welche sich auf die verdrängten Motive beziehen: 

nag: Abenteuer mit Giftschlangen, iod; die Entzündung, gi: 
die Alkoholintoleranz, detuk: die nicht eben glänzende Begabung des 
Sohnes, ukut: die Gattin als Witwe, ihre nervöse Überreizung, io: 
Johann, der Bote des Kompagnons, der seiner Gattin wenig sein konnte, 
der Gebrauch des Kondoms. 

Diese Argumente werden nun geschickt paralysiert und über- 
kompensiert: 

Nag: Siege über Schlangen, der Schlangenkönig, der Vater 

eines liebenswürdigen, in mancher Hinsicht doch auch begabten 

Stammhalters (des ,, Nagers"), der bereits selbst eine ,, Schlange" 

trägt, iod: das Heilmittel, der Odolbesitzer, der Gebrauch des anti- 

q 



Kryptolalie, Kryptographie u. unbewußtes Vexierbild b. Xormalen. 127 

Frau untreu zu werden, so sehr es mich zu der mir freundlich be- 
gegnenden und mich auszeichnenden kleinen schwarzen, durchaus 
anständigen Freundin hinzieht. Letztere ist höchst rassig und leiden- 
schaftlich, ihr ethischer Drang noch unabgeklärt. Nun fällt mir 
noch auf, daß ,,Parastin'' genau das griechische ,,7t&qBötiv'\ „er, sie 
oder es ist da" vorstellt, nur daß e durch a ersetzt ist (wegen „Palast" 
und „Parasit"). Die Situation ist nämlich die, daß ich mir eine kleine 
Hütte für ein liebendes Paar wünsche. Ich stelle mir diese Hütte als 

wirklich vor. 

[tunga] Dschungeln. Das Dschungelbuch von Kipling wollte 
ich meiner Frau schenken. [Dschungelbuch] Eine heitere Episode 
daraus. Jetzt bemerke ich, daß meine Frau sich ebenso benimmt wie 
die lächerliche Gruppe, an die ich dachte. Ich wollte also durch das 
Geschenk meinen Hohn ausdrücken, ohne es zu wissen. 

[tunga] Ungarn. Die heilige Elisabeth stammt, wie ich in einer 
Ihrer Arbeiten bestätigt fand, von hier. Sie war eine unglückliche 
Masochistin, die man in Ungarn hätte lassen sollen. Sie starb sehr 
jung infolge der sich zugefügten Mißhandlungen. Meine Frau trägt 
auch bei aller Frömmigkeit und Noblesse der Gesinnung selbst- 
quälerische Züge, die unsere Ehe stören. Auch sie wäre wohl besser 
im Elternhause geblieben. Sie hat wenig vom Leben und meine Be- 
mühungen, ihr Gemüt zu entlasten, sind fruchtlos. (Der Leser wird 
den verdrängten Wunsch ergänzen: „Ob sie wohl auch, wie die Ungarin, 
früh sterben wirdi") 

[nodaratschiwu] „no" =- non, nicht, ,,daratschiwu": Derwisch, 
^^iwu" = ich will. „Ich will kein Derwisch sein.'' Derwische sind 
törichte Leute, die ihrem Gelübde zuliebe auf Ehe Verzicht leisten. 
Nodara erinnert an das biblische Gadara, den Ort, wo die Besessenen 
hausten, schwermütige Menschen, die bei den Gräbern wohnten. Auch 
ich leide oft an trüben Anwandlungen, da meine Ehe durch die ab- 
stoßende Haltung meiner Frau ihren Wert verloren hat. Ich komme 
mir mitunter vor wie einer, der gar keine Frau hat und nur aus über- 
triebener Gewissenhaftigkeit, weil er ihr lebenslängliche Treue ver- 
sprach, vor der Ehescheidung zurückschreckt. Auch ich bin somit 
ein Derwisch, der sich zur Ehelosigkeit verpflichtete. Nun fällt mir 
auf, daß die drei ersten Silben stark anklingen an einen Ort, an dem 
ich ein kleines Abenteuer erlebte. Auf einer Bergtour nach dem Piz 
Morteratsch trat ich nämlich mit einer sympathischen jungen Dame, 
die ich sehr schätzte, in einen leer stehenden Schafstall, um das Innere 



128 Oskar Pfister. 

zu besichtigen. Wir waren ganz allein. Da ergriff mich ein eigentümliches 
Gefühl. Hier hätten wir wieder eine Hütte für ein glücklich liebend 
Paar! Ich war jedoch nicht eigentlich verliebt in das Mädchen, wie 
wohl ich sehr gern in seiner Gesellschaft verweile. 

Wie wäre es, wenn man das Wort einmal umkehrte? 

[uwischtaradon] Ädon ist ein Göttername. Adon ~ Adonis 
ist der phönizische Hauptgott, der Gatte der Liebesgöttin Astarte, 
babylonisch Ischtar. Merkwürdig! Auch der Name „Ischtar" steht 
in dem Geheimwort direkt vor Adon (ischtar— adon) ! Jetzt verstehe 
ich auch die Silben ,,schiwu"; sie bedeuten „Schiwa", den grausamen 
Gatten der furchtbaren Liebesgöttin Kali Durgä, die trotz ihres Kindes 
noch Jungfrau ist. Meine Frau hat auch Kinder, will aber keinen 
Sexualverkehr mehr und benimmt sich prüde; ihr Charakter ist alt- 
jüngferlich. Ein sadistischer Zug an ihr ist unverkennbar. Ich bin 
daher vom Sexualverkehr mit ihr angesichts ihrer Ablehnung nicht 
befriedigt. Einigemal sagte ich mir, nun wolle ich erst recht im Gefühl 
meiner Überlegenheit mit einer gewissen Schadenfreude meine ehelichen 
Rechte geltend machen, also den grausamen Schiwa spielen. Doch 
gewährte mir dies wenig Befriedigung. Ischtar ist eine mir recht sym- 
pathische Gestalt. Ihre Höllenfahrt, auf der sie stückweise ihre Kleider 
zurückließ, ist von hoher Schönheit. Meine Frau ist überprüde. Ebenso 
meine Mutter, mit welcher ich als Kind und Knabe das Schlafzimmer 
teilte. Ich hielt es für schwere Sünde, ihr beim Entkleiden zuzusehen, 
und bekämpfte darum die Neugierde. 

[Uw] das Gedicht „Nis Randers" von Otto Ernst. ,, Mutter, 
's ist Uwe!" Auch ich habe einen Bruder auf stürmischem Meer. Die 
Zeitungen melden dieser Tage Schiffsuntergänge. Hoffentlich wird 
mein Bruder gerettet. (Identifikation: „Und ich auch!") 

Die Kryptolalie kann also gedeutet werden in dem Satze: Ich 
will weder wie «in Derwisch als Opfer meines Ehegelübdes 
auf Liebe verzichten noch wie ein Schiwa an der Seite 
meiner masochistischen Frau leben, sondern entweder mit 
einer kleinen Hütte bei einer Geliebten wohnen oder wie 
ein Adonis an der Seite einer Liebesgöttin schwelgen, um 
Bo gerettet zu werden. Sehr schön ist im zweiten Wort der Gegen- 
satz ausgedrückt: Normal gelesen ergibt sich die Komplexnot, durch 
Umkehr die Komplexbefriedigung. Der Gedanke, das Wort müsse 
rückwärts gelesen werden, stellte sich plötzlich gebieterisch ein. Wohl 



Kryptolalie, Kryptographie u. unbewußtes Vexierbild b. Normalen, 129 

wenig Leser hätten an dieses Verfahren gedacht. Die Philologie kennt 
68 und benennt es mit dem Worte Lautumdrehung oder Metathesis. 
Karl Abel führt in seiner Untersuchung über den Gegensinn der Ur- 
worte eine Anzahl wirksamer Beispiele an (z. B. Topf — pot, Balken — 
klob, club, englisch ren — -deutsch Niere). Freud, aus dessen Arbeit 
ich meine Kenntnis dieses Sachverhaltes schöpfe, erinnert daran, 
wie oft Um.kehrung im Traum, und in der Kindersprache vorkommt^). 

So zeigen die scheinbar sinnlosen G-ebüde in Wirklichkeit einen 
psychologischen Aufbau von entzückender Schönheit. Bei einer er- 
heblichen Zahl von Versuchen hatte ich stets denselben positiven 
Erfolg, auch wo diese Form der Analyse zum seelsorgerlich-thera- 
peutischen Zwecke gewählt wurde. 

Einige theoretische Fragen, die sich aus meinen Beobachtungen 
ergeben, habe ich in meiner erwähnten Abhandlung über die religiöse 
Zungenrede und die automatische Kryptographie behandelt. Im 
psychologischen Mechanismus ist abgesehen vom Automatismus 
ein Unterschied zwischen willkürlicher und unwillkürlicher Geheim- 
rede , zwischen Glossolalie und Kryptolalie, nicht wahrzunehmen . 
Es bleibt uns übrig, noch einige Bemerkungen zur Theorie des be- 
sprochenen Gegenstandes zu liefern. Wir verschieben sie einstweilen. 

II. Die Kryptographie. 

Der Prozeß der ekstatischen Zungenrede kehrt, wie wir sahen, 
in der willkürlichen sinnlosen Rede des Normalen wieder. Ich ent- 
schloß mich daher, auch der automatischen Kryptographie, dem 
sinnlosen Schriftzeichen im gesunden Geistesleben nachzuspüren. 
Meine Erwartungen gingen vollauf in Erfüllung. Ich gebe im folgenden 
einige Proben. Der Leser wird erkennen, daß die Explorationsmethode 
genau dieselbe ist, die wir gegenüber den neurotischen Erscheinungen 
und dem Traume anwenden. Daß die Analyse wiederum unvollständig 
ist und besonders das infantile Material vernachlässigt, bedaure ich. 
Der Widerstand meiner Versuchspersonen, die nur durch wissen- 
schaftliches Interesse engagiert waren, ließ sich leider nicht völlig 
beseitigen. Wir wissen ja, daß zur Überwindung der Widerstände oft 
eine ganze Psychanalyse nötig ist. Ich darf es als Gunst des Schicksals 



^) Freud, V. d. Gegensinn d. Urworte. Jahrh. f. psychoanalyt. u. paycho- 
pathol. Forschungen, II. Bd,, 184. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u, psjchopatbol- Forschungen, T. 9 

y * 



130 



Oskar Pfister. 



II 




Fig. 3, 



betrachten, daß die Ergründung einiger graphischer Sjonptome wenig- 
stens eine klare Einsicht in die Genese der Kryptographie erlaubt. 

Erste Zeichnung (Fig. 3). 

Ein französischer Kunstmaler, der seine Durchreise benutzt, 
um die Psychanalyse aus eigener Anschauung kennen zu lernen^ 

ist so liebenswürdig, mich eine von 
ihm in meiner Gegenwart gezeichnete 
Skizze analysieren zu lassen. Ich 
forderte irgend eine sinnlose Zeich- 
nung; darauf entwarf er mit ab- 
gewandtem Angesicht nebenstehende 
rigur : 

(I ist im Original so dünn ge- 
zeichnet, daß die Linie zuerst über- 
sehen wurde.) 

[Stellen Sie sich Ihre Zeichnung 
scharf vor und nennen Sie Ihre 
Einfälle !) Die Linie zeigt Kopf, 
Hals und Rüekenansatz eines jungen 
Mädchens, das heute früh in einer Malschule für Damen gezeichnet 
wurde. Während ich den Strich zog, dachte ich nicht im geringsten 
daran. Das gezeichnete Mädchen besitzt eine ziemlich volle Form 
und entblößten Hals. Hals und Busen ergeben aber auch die Gestalt 
eines ziemlich plumpen Schuhes. 

[Der Hals] Einer meiner Freunde, Herr X, malte eine ähnlich 
ausgestattete Sängerin , Fräulein T. 

[Der plumpe Schuh] (Fig. 4) Er erinnert mich dunkel an eine 
komische Statuette, die einen Vagabunden mit plumpem Fuß und 
nach hinten eingeknicktem Bein darstellte. Die eine 
Schulter hing vorne über, die Augen standen 
glotzend und triefend hervor, wie bei der Basedow- 
schen Krankheit. Ähnliche unappetitliche Augen 
sah ich vor einigen Jahren auf einer Landpartie, 
die ich mit meiner damaligen Braut machte,, 
bei einer Kuh. Meine Füße wurden damals übel mitgenommen, 
ich erlitt Hautdefekte und kam kaum mehr vom Fleck. Ich mußte 
meine Füße verbinden und hinkte erbärmlich. Zu meinem Ärger nahm 
meine Braut keine Rücksicht auf meinen Zustand und benahm sich 




i'ig. 4. 



Kryptolalie, Kryptographie u, unbewußtes Vexierbild b. Normalen. 131 

herzlos. (Zirka P/a Jahre später: Als klein hatte ich große Freude 
an zierlicheu Glanzätiefeln. Ich bekam solche einst von der Mutter, 
die ich am Abend vor der Weihnachtsbescherung überraschte, als sie 
mit dem Geschenk hantierte. Vor Jubel tanzte ich von einem Bein 
aufs andere, so daß ich noch lange von Mutter und Schwester deswegen 
ausgelacht wurde.) 

Das ist ein Pinselkopf oder eine Pflaume. [Piuselkopf] Ein ^-\ 
kleiner Pariser, der hübsch malt. Er ist ein nettes Kerlchen, ' / 
fleißig, ernst, liebenswürdig, taktvoll. Ach, jetzt fallen mir ^ , 
einige Züge auf, die er mit der Statuette gemeinsam hat! ^ig^b. 

[Pflaume] (Fig. 5) oder Zwetschge. Sie erinnert mich 
daran, daß ich auf dem Baum vor meinem Atelier dieses Jahr nur 
eine einzige Zwetschge sah, während sonst der Baum voll von 

Früchten ist. 

[Überblicken Sie nochmals das Ganze!] Ich kann mir auch 
ein Gesicht vorstellen, das nach rechts schaut. Es ist weggedreht, 
die Ecke rechts unter dem Scheitelpunkt bezeichnet das Kinn. 
[Ich sehe es nicht als solches.] Aber ich. Es ist ein unsympathischer 
Kopf, der mich an ein Dienstmädchen eriimert. Meine Frau be- 
schuldigte mich ungerechterweise eines unerlaubten Verhältnisses mit 
ihr. Das Mädchen hatte mich verleumdet, da es mich begehrte. 
Dies führt mich auf ein brünettes Modell, mit dem mich meine Frau 
ebenfalls fälschlich verdächtigte. 

Eindruck eines Daumens. Ein mir bekannter Lehrer 

brachte mir eine ähnliche Figur, die er einen seiner Schüler 

hatte zeichnen lassen. Es war ein fast überlebensgroßer Zeige- 

1 1 finger, recht gut ausgearbeitet. Mir kam er wie ein männliches 

Organ vor. Der nämliche Knabe, F. J. mit Namen, zeichnete 

J.J ß die Nackenpartie ganz gleich, wie ich es auf meiner Skizze 

vorhin tat. 

[Kehren wir zu Fräulein T. zurück!] Mein Freund X hatte 

sie gemalt und mit Geld unterstützt. Da ließ sie ihn im Stich, worüber 

er ganz zerknirscht war. — Fräulein T. erinnert mich daran, wie mein 

Bruder wegen einer andern verheirateten Dame seine Ehe scheiden 

wollte. Ich suchte die Ehescheidung durch einen Besuch zu verhindern 

und kam dabei zu spät zum Diner nach Hause. Meine Frau warf mir 

vor, ich habe mich an Stelle des Bruders angeln lassen, und wurde 

gegen mich tätlich. Da hielt ich ihr die Hände, worauf sie mich in den 

Finger biß. 



132 



Oskar Pfister. 




Figr. 7. 



[Das zuerst gezeichnete Profil] Die Stirae ist die meiner Frau, 
von der ich geschieden wurde. Sonst nichts. Doch! Ein alter Mann 
mit einem Käppchen. Ich kann mir niemand darunter denken. Hier 
ist das Gesicht, das ich mir vorstelle! (Kg. 7). Halt! Ich denke 

an Voltaire. Unser Akademieprofessor 
zeigte uns dessen Profil, das mit 
einem Käppchen gekrönt war. Damals 
stund neben mir eine reizende Mit- 
schülerin, die mich stark begünstigte 
und mir ihre Liebe zu verstehen gab. 
Femer das Profil Leos XIII., der 
gleichfalls ein Käppchen trägt. Im 
Atelier meines Freundes X. hing die 
Photographie dieses Papstes; daneben 
war seine Geldkasse aufgestellt- Jetzt 
erscheint wieder Fräulein T., die ich 
hier einst antraf, bevor das Verhältnis gelöst wurde. 

So weit der junge Franzose. Versuchen wir nun, die Einfälle 
zu ordnen! 

Der Analjrsand beginnt bei einem Tageserlebnis, dem Anblick 
eines üppigen Mädchens, das porträtiert wird. Wie ich ihn hieran 
erinnere, fällt ihm plötzlich ein, daß er seine Braut auch öfter malen 
wollte, aber nie über drei Studien hinwegkam. Leider fehlten ihr volle 
Formen, so daß das heute dargestellte Mädchen von der einstigen 
Frau vorteilhaft absticht. 

Die Umrisse des Kopfes, Nackens und Busens erinnern 
den Künstler an die Geliebte eines Freundes, der das einst innig 
geliebte Wesen verloren und dabei viel Geld eingebüßt hatte. Das 
Profil der Frau (Linie I) wird mit demjenigen Voltaires kombiniert, 
weil dadurch die angenehme Erinnerung an eine hübsche Verehrerin 
geweckt wird, und mit LeoXIIL, weil dadurch die tröstliche Mahnung 
an das analoge Schicksal des Freundes X nochmals angetönt wird. 
Der plumpe Schuh will ebenfalls das Leid über den Verlust 
der Frau lindern helfen. Der Vagabund mit dem plumpen Fuß und 
den Glotzaugen ist natürlich eine Karikatur des Künstlers selbst: 
Als er mit verbundenem Fuß dahinwankte, erwies sich die Braut als 
herzlos. Die Identifikation der Glotzaugen des den Analysanden 
karikierenden Strolches mit denen einer in der Nähe befindlichen 
Kuh verrät das nicht sehr schmeichelhafte Kompliment: Du bist 



Kryptolalie, Kryptographie u. unbewußtes Vexierbild b. Normalen. 133 

damals eine rechte Kuh gewesen, seil, weil du nicht schon damals 
die Herzlosigkeit der Braut einsahst und dich von ihr trenntest. Die 
Identifikation mit dem Vagabunden ist insofern tröstlich, als der 
Analysand jetzt ein sicheres Einkommen genießt und gut gekleidet 
ist, was früher nicht der Fall war. 

Der Pinselkopf mahnt an einen zierlichen Pariser. Dieses nette 
Kerlchen, das mit dem Vagabunden übereinstimmende Züge trägt, 
tröstet für den Stromer und die Kuh: du bist doch auch ein netter, 
ernster, fleißiger Mann ! 

Die eine Zwetschge mahnt in ihrer Sexualsymbolik an die Ärm- 
lichkeit seiner gegenwärtigen Erotik im Vergleich zu früher. 

Das für neutrale Menschen schwer vorstellbare nach rechts 
gewandte Gesicht ruft gleichzeitig peinliche Eifer suchtszenen 
mit der früheren Gattin und den Gedanken an ihn begehrende 
Mädchen wach. 

Der neben der Zwetschge hängende Finger realisiert im Zu- 
sammenhang mit den Einfällen die Vorstellung einer gesunden, außer- 
gewöhnlich kräftigen Sexualität. Nebenbei wird auch hier auf die 
den Zeichner in den Finger beißende Gattin angespielt: Jetzt ist der 
Finger heü. 

Das Kryptogramm bringt folglich zum Ausdruck: Du leidest 
zwar unter deiner Ehescheidung und der durch sie herbei- 
geführten sexuellen Knappheit; allein du wurdest von einer 
herzlosen, eifersüchtigen und bissigen Frau getrennt, die 
du eigentlich nicht hättest heiraten sollen, befindest dich 
in der Lage deines Freundes, bist ein sexuell kräftiger, netter, 
gediegener Mann, der die Gunst liebenswürdiger Mädchen 
gewann, und darfst somit hoffen, eine viel hübschere und 
wertvollere Gattin zu gewinnen. 

Mein Kunstmaler war sofort von der Richtigkeit dieser Aus- 
legung, die sein tiefstes, wenig eingestandenes Empfinden enthüllte, 
überzeugt. 

Zweite Zeichnung (Fig. 8). 

Unmittelbar nach der vorangehenden vor der Analyse mit ge- 
schlossenen Augen ausgeführt. 

Die Besprechung dieser Kryptographie, die sich durch ihren 
rein ornamentalen Charakter von den vorangehenden unterscheidet, 
fand erst am 17. Tag statt. 



134 



Oskar Pfister, 



[Was fällt Ihnen an Ihrer Zeichnung auf?] Das rechts in der Mitte 
hervorspringende Stück (Fig. 9) mahnt mich an einen Spitzenkragen, 
den ich vor sieben Jahren meiner Braut kaufte. Wie ich ihn im Louvre 
auswählte, stand neben mir eine von mir nicht beachtete Dame. Als 
sie zu reden begann, erkannte ich in ihr meine Braut. Sie trug einen 
selbstgekauften luxuriösen Tuchmantel , einen eben- 
falls selbstangeschafften eleganten Pelz und einen 
einfachen Hut, den ich ihr geschenkt hatte. Ich 
kaufte mir dann noch sehr einfache schwarze Kra- 
watten, da meine Finanzlage keine rosige war. 




u 




Fisr. 8. 



Fiff. 9. 



Fig. 10. 



Meine Braut ließ ich den eleganten Kragen auswählen. An der Kasse saß 
ein Fräulein, das mir eine Hundertmarknote in 125 Franken um- 
wechselte. Ich machte sie darauf aufmerksam, daß man in den 
Wechselstuben weniger erhalte, doch blieb sie bei ihrer Berechnimg. 

Jetzt fällt mir der obere Teil der Zeichnung auf (Fig. 10). 

Er stellt einen komischen Kopf dar. Ich sehe ihn deutlich und 
höre ein Gelächter. Diesen Kerl sah ich letzter Tage (also nach der 
Zeichnung) in Ibsens ,, Stützen der Gesellschaft". Die Maske war sehr 
drollig. Eindrucksvoll war mir das Erschrecken des Konsuls, der sein 
Söhnchen auf dem vom Untergang bedrohten Schiffe glaubt. In der 
Kritik wurde von dem Kerl mit der drolligen Nase gesagt, er habe 
seine Rolle falsch aufgefaßt, der Konsul brauche einen tüchtigen 
Kompagnon. 

PDas komische Gesicht vor Ihrem Theaterbesuch] Ach richtig! 
Schon bei meinen früheren Schweizerreisen sah ich diesen Schauspieler. 
Er fiel mir sogar auf der Straße unliebsam auf. Er ist dick, glatt rasiert, 
hat einen Hocker auf der Nase, deren unterer Teil stark nach oben ge- 
bogen ist, wie auf meiner Karikatur. Seine Kleidimg war schlecht, 
ich glaubte, er habe sie geschenkt bekommen. Vor meinem diesjährigen 




Kryptolalie, Kryptographie u. unbewußtes Vexierbild b. Xormalea. 135 

Theaterbesuch sah ich ihn wieder, da war seine Kleidung gebessert. 
Ich dachte öfter, so möchte ich nicht aussehen. Und doch müssen 
mir gewisse Züge aufgefallen sein, die ich auch besitze, z. B. die 
drohende Rundung des Embonpoints, das brummige Gesicht. Richtig! 
Jüngst sagte mir eine geschätzte Dame, ich mache eine solche Phy- 
siognomie. 

Jetzt springt mir das folgende Stück in die Augen: (Fig. 11). 

Es erinnert mich an ein Stück Hirn, das ich ein halbes Jahr 
vor dem Einkauf des Spitzenkragens im Laboratorium eines befreun- 
deten Irrenarztes sah. Ich befand mich dort mit zwei ganz 
jungen Mädchen, den Töchtern meines älteren Freundes J. 
Da mir meine schwarze Krawatte nicht gefiel, entlieh ich 
vom Doktor eine bunte. Dann ging ich mit den Mädchen 
ins Bois de Boulogne, wo wir ihren Vater und meinen er- 
w^ähaten Freund X. trafen. Auf die jüngere der beiden p. 
wurde meine spätere Frau eifersüchtig, doch machte mich 
eine Dame darauf aufmerksam, daß die ältere Schwester mich nicht 
ungern sehe. Auch mir war sie sehr sympathisch. 

Nun betrachte ich die untere Spitze des Ornaments (Fig. 12). 
Wenn man sie umkehrt, so erhält man einen Osterhasen. Die obere 
Zacke links bezeichnet die rechte, die untere die 
linke Pfote. Vor fünf Vierteljahren brachte ich 
meinem Söhnchen einen solchen Hasen, meiner 
Frau, mit der damals die Scheidung bereits end- 
gültig vereinbart war, ein elegantes Ei mit exquisitem 
Inhalt. Sie schenkte mir nichts. Der Kleine hatte 
kolossale Freude. Nach Tische lud ich meine Frau zu 
einer Promenade ein und half sogar bei den Küchen- 
geschäften mit. Meine Gattin benahm sich jedoch 
höchst unzart. Unterwegs kamen uns drei einfach 
gekleidete, aber hübsche Mädchen entgegen, die ich jp- ^2 

wegen ihres fröhlichen Auftretens und ihres liebens- 
würdigen Zusammenhaltens beneidete. Des folgenden Tags ging der 
Streit schon wieder los. (Nachtrag: Als öjähriger Knabe bekam ich 
einen Osterhasen, den ich morgens noch im Nachtgewand im Garten 
suchen durfte. Mutter und Schw^ester waren dabei.) 

So weit mein Analysand. Versuchen w-ir uns den Sinn seinei- 
Zeichnung und des zugehörigen Kommentars klarzumachen ! Offenbar 
quält ihn sein Familienkomplex, wobei diesmal nicht die erotische 




136 Oskar Pfiater. 

Schwierigkeit, sondern sein damit zusammenhängendes ökonomisches 
Verhalten die unterbewußten Seelenvorgänge vorzugsweise beschäftigt. 

Der Spitzenkragen erzählt ihm: Du warst gegen deine Frau 
keineswegs geizig. Entgegen deinem Geschmack („einfacher Pilzhut") 
ließest du sie einen luxuriösen Kragen auslesen, während du dich mit 
lächerlich einfachen Krawatten begnügen mußtest. Auch gegen die 
Dame an der Kasse benahmst du dich in finanzieller Hinsicht vornehm. 

Die Karikatur besagt: Wohl befandest du dich anfangs in 
gedrückter Lage. Du liefst in einfachen, fast armseligen Kleidern umher, 
indes du für deine Frau hohe Auslagen machtest. (Man beachte, wie 
auf der Figur die Krawatte, die vorher und nachher eine Rolle spielt, 
kräftig betont ist). Übrigens hat sich deine finanzielle Lage und deine 
Kleidung vorteilhaft verändert (vergl. der Vagabund des vorange- 
henden Kryptogramms) . Der uns3Tnpathische Schauspieler re- 
präsentiert aber nur die eine Seite des Analysanden, und zwar die 
lästige des korpulenten, brummigen und ärmlichen Mannes, der sich 
aber allerdings allmählich aufschwingt und an Korpulenz nicht zu- 
nimmt. Die Abneigung gegen einen Unbekannten erfolgte also auch 
hier, wie so oft, au3 einer Identifikation mit sich selbst. Erst nach- 
träglich kommt hinzu eine zweite Vertretung des Analysanden durch 
die Gestalt des für sein Kind zagenden, gut situierten, hochgestellten 
Konsuls, zu dem der jämmerliche Associe nicht paßt. Auch der Kunst- 
maler ist um sein Kind ängstlich besorgt. Die Zerlegung seiner Person 
in den Konsul und seinen Associe entspringt der Ablehnung der Kor- 
pulenz, Verdrossenheit und Armseligkeit, 

Die Apperzeption des Stückes Hirn nimmt die Toilettenfrage 
wieder auf. In Anwesenheit anderer weiblicher Wesen sieht sich der 
Analy^and nicht mehr veranlaßt, die ordinäre schwarze Krawatte 
zu tragen. Die durch das dem toten Irrsinnigen zugehörige Hirn 
und die Mädchen angeregte Lebenslust verrät sich in den bunten 
Farben des entliehenen Objekts. Der Maler will nicht so verrückt sein, 
daß er die Farbe des Todes trägt. Man sieht, wie er die Toilette unter 
dem Einfluß der Komplexe wählt. Wenn die anspruchsvolle Gattin 
nicht wäre, könnte er sich ein weniger gedrücktes, ein fröhlicheres 
Dasein leisten. Die Eifersucht der Frau xmd die Erinnerimg an die 
Töchter im Bois de Boulogne stellen tröstliche Heiratschancen vor 
Augen. 

Der Osterhase bestätigt noch einmal die Freigebigkeit des 
Zeichners, die Renitenz der verschwenderischen Frau, die väterliche 



KryptolaliCj Kryptographie u. unbewußtes Vexierbild b. Nnrmalen. 137 

Gesinnung des Analysanden, die Perspektive auf den Gewinn eines 
schlichten, aber gemütvollen, treu zum Manne haltenden Mädchens 
an Stelle der zänkischen, dem Luxus frönenden früheren Gattin. 
So bildet auch diese Figur eine gut organisierte, einheitliche 
Komplexmanifestation, die wir umschreiben können: Der Verlust 
deiner Frau macht dir noch immer zu schaffen, allein sie war 
ein putzsüchtiges, verschwenderisches, zänkisches, unfeines 
Weib, das deine Güte und Vornehmheit ausbeutete und 
dich zu ärmlichem, verbittertem Auftreten hinabdrückte; 
jetzt kannst du dich besser kleiden, bist wieder ein lebens- 
frischer Mensch und trefflicher Vater, auch darfst du hoffen, 
ein schlichtes, nettes, fröhliches und gemütvolles Mädchen 



Dritte Zeichnung. 

Unser Künstler war vom Ergebnis der Analyse so entzückt, 
daß er mich bat, bei Gelegenheit seiner nächsten Reise die Versuche 
fortzusetzen, da sie ihn außerordentlich interessieren und seelisch 
beruhigen. Vier Monate später hatte ich das Vergnügen, ihn wiederum 
bei mir zu begrüßen. 

Ich erteilte ihm die Instruktion, eine nicht zu komplizierte sinnlose 
Figur mit abgewandtem Gesicht zu entwerfen, einstweilen aber 
zuzuwarten, da ich ihm noch etwas über Variationen des analytischen 
Experimentes mitzuteilen habe. Er hörte aufmerksam zu. Nach wenig 
Augenblicken zeichnete er, während sein Blick mich fixierte, mit der 
Feder, folgende Figur: (Fig. 13). 

[Woran dachten Sie soeben ?] An das schöne Licht, 
um das kürzlich mein Atelier bereichert wurde. 

IDie erste Hälfte meiner Linie 
erinnert mich an einen Schneemann, 
der ein Senkblei in der Hand hoch 
hält. Hier ist er: (Fig. 14). 

Die Kapuze und der gebogene 
linke Arm stimmen mit dem Krypto- 
gramm überein. Der Schneemann gleicht ^p. ^^ pj^ ^^ 
sehr einem Münchener Kindl, doch trägt 

dieses einen Malstab, kein Senkblei: Woher mag das letztere 
stammen? Richtig! Ich schnitzte unlängst einer liebenswürdigen, 
aber momentan durch "ein Ekzem entstellten Schülerin ein Senkblei 






138 Oskar Pfister. 

aus Holz, da sie eine Turmspitze schief aufsetzte. [Wer hielt das 
Senkblei?] Zuerst ich, dann sie. 

Das Münchner Kindl erinnert mich an ein schönes Plakat des ver- 
storbenen Malers Gysis (s. beigefügte Zeichmmg Fig. 15). Rechts vom 
Beschauer aus neben einer wundervollen Frau 
von strenger Linienführung steht ein Münchner 
Kindl mit einem Malstock. Das Köpfchen erinnert 
mich an das meines Söhnchens. Die sehr schöne 
ernste Frau mahnt mich an meine drei Jahre 
ältere, von mir stets bewunderte Schwester, aber 
auch an meine gleichfalls einst schöne Mutter. 
Letztere ist gegenwärtig schwer krank. Ich wollte 
gerne an ihr Lager wenn mich nicht die Umstände 
leider verhinderten. Deswegen bin ich beunruhigt 
und erwarte ungeduldig Nachrichten. Gysis malte 
auch andere prächtige Sachen, die aber vielfach einen unwahren Idealis- 
mus aufweisen. In die Knackfuß sehe Monographie schrieb sein Freund 
Lenbach ein gewinnendes Vorwort. Besser als Gysis gefällt mir Burne- 
Jones, unter dessen Werken mir auffällt ,,Die Lebensbrücke". Auf 
der einen Seite prangt eine sehr schöne weibliche Figur, die ein kleines 
Kind im Arm hält. Eine solche Frau wünschte ich mir von jeher bis 
auf den heutigen Tag, werde sie aber nicht bekommen. Sie ist nicht 
eigentlich schön, aber eine typische Darstellung der Frau als Mutter. 
Der junge Vater steht neben dem jungen Weibe. Das Kind entwickelt 
sich dann, steigt die Treppe hinauf, auf der andern Seite hinunter und 
endlich als einsamer Greis betritt es den Kahn des Todes. In andern 
Gestalten von Jones erblicke ich meine Schwester. (Nachtrag, zirka 
14 Monate später: [Sie geben an, das Münchner Kindl steht hinter 
der Mutter; bei Gysis steht es vor ihr.] Als kleiner Junge durfte ich 
einst zur Mutter ins Bett. Da geriet ich ihr mit der Hand unter das 
Hemd an die Brust, und zwar von hinten her. (Nach Vorweisung einer 
Reproduktion des bekannten Bildes:) Ich habe aus dem Gedächtnis 
allerlei falsch gezeichnet. Aus dem Malstock, den das Weib im Original 
an die hintere Schulter lehnt, machte ich eine Art Opferstock mit 
Flamme. Auch erfand ich ein Bübchen mit Kapuze, das vor den Knien 
der Mutter steht. 

[Der Schneemann], Vor einem Jahre, als wie gegenwärtig viel 
Schnee lag, baute ich meinem Söhnchen eine sehr schöne lebensgroße 
Schneefrau mit Mantel, Federhut, Boa und Muff. Die Linke hob den 



-Kryptolalie, Kryptographie ii, unbewußtes Vexierbild b. Norriialen, 139 

Rock etwas, die Rechte stak im Muff. Vor der Abreise wollte icli die 
damals nach wenig Tagen geschmolzene Statue erneuern, allein meine 
einstige Frau schickte mir den Kleinen ohne Unterkleider. Das Kind 
rief: ,,Die Mutter ist dumm, man sollte sie töten!" Heute schrieb ich 
der Frau einen energischen Beschwerdebrief, in dem ich mit gericht- 
licher Klage drohte. — Als die Schneefigur vollendet war, jubelte 
das Töchterchen: ,,Das ist ja Helene"! Sie meinte damit eines meiner 
Modelle, ein artiges Mädchen, das den Kleinen schon hütete. Ein 
Nachbar äußerte seine Freude über mein kleines Kunstwerk. Ich ent- 
gegnete: ,, Diese Schneefrau fertigte ich in Ermangelung einer wirk- 
lichen.*' (Eine Woche später:) [Die Schneefrau.] Ich erkenne in ihr 
eine fremde Dame, die ich vor einem Jahre antraf. Einer Bekannten 
rief ich damals zu: ,,So ein Mädchen gefiele mir!" 

[Die Doppelschleife rechts.] Eine solche trägt eine zierliche junge 
Dame, Fräulein Rosa H., die mir kürzlich in einem Atelier eine 
Anzahl entzückender, wunderbar reizender Bilder eigener Komposition 
überreichte. Als ich sie heute nachmittag zu meinem Erstaunen hier 
Arm in Arm mit einer Freundin sah, dachte ich mir: Sie ist doch ein 
liebes Kind, die möchte ich gerne in den Arm nehmen, allein sie ist 
für mich zu klein. Darauf traf ich einen Bekannten, der mich indiskret 
fragte^ wie es mit meiner Liebe stünde, und ob ich der geschiedenen 
Frau eine Unterstützung gewähren müsse. Sein Geldgeist ist mir 
peinlich. Ein anderer Bekannter machte mir sein Kompliment zu der 
augenehmen Art, wie ich mein Geld verdiene. Hierauf schrieb ich 
den derben Brief an die frühere Frau. Zur Doppelschleife fällt mir 
noch etwas ein: Heute stieg in mir der Plan auf, meine Schüler solche 
Schleifen im Takt zur Gewöhnung an leichte Armstellung recht leicht 
zeichnen zu lassen, erst vertikal, dann um dasselbe Zentrum horizontal, 
dann schräg, bis eine Rosette entstanden ist. Diese Übung scheint 
mir sehr nützlich. 

[Nochmals der Schneemann.] Er hält das Lot mit der Linken. 
Die Freundin umarmte Fräulein H. mit diesem Arme. Ich bin aber 
ganz gewiß nicht in die kleine liebenswürdige Künstlerin verliebt ! 

Die Enträtselung des Gebildes bereitet nun keine Schwierig- 
keiten mehr. 

Der Schneemann bezeichnet natürlich zunächst den Künstler 
selbst. Dieser hielt ja das Lot in der angegebennen Weise, er ist der, 
welcher sich eine Schneefrau beigesellt. Als unbeweibt ist er auch kalt 
gestellt und liebeskalt. 



140 Oskar Pfister. 

Das Münchner Kindl vertritt ebenfalls ihn. Die Tracht beider 
ist die gleiche: Kapuze und Kutte sind genau übereinstimmend, dem 
Senkblei des Schneemanns entspricht völlig der Malstab des Kindchens, 
das neben der schönen Frau steht. Die Krankheit der Mutter führt 
ihn in die eigene Kindheit zurück. Hier hätten wir die langgesuchte 
infantile Wurzel, die auch in den früheren Fällen nicht fehlte. Da die 
schöne Frau der Zeichnung auf die ältere Schwester und die Mutter 
geht, begibt sich der Künstler in seiner Phantasie in eine Situation, 
die er als Kind oft genoß. Er steht wieder als Kind neben den be- 
wunderten Frauen. Dabei entstellt er aber sein Original, indem er eine 
Gruppe von drei Personen zeichnet. 

Die Erinnerung an Burne-Jones verrät, daß die Erotik 
in erster Linie der kranken Mutter zugekehrt ist, in den anderen Ge- 
stalten des englischen Meisters kehrt jedoch die Schwester wieder. — 
Das „Kindl" trägt aber auch des eigenen Söhnchens Züge, weü dieses 
ebenfalls neben einer wirklichen Mutter stehen sollte, da die geschiedene 
Frau ihre Mutterpflichten versäumt. Das Bild der Mutter und Schwester 
verschmilzt so mit dem der ersehnten neuen Gattin, wie auch die 
angegebenen Einfälle ausdrücklich betonen. Man wird auch den 
Wunsch nach einem Kinde von der Mutter- Schwester respektive ihrem 
Ebenbild in der Zeichnung erblicken. 

Der Schneemann führt weiter auf eine Schneefrau, die in der 
Zeichnung nicht angedeutet ist. In ihrer Eleganz mahnt diese Figur 
ein klein wenig an die putzsüchtige frühere Gattin, stärker aber an 
ein Modell und eine schöne Unbekannte. Alle drei sind der Ver- 
gessenheit überliefert, daher ihre Herstellung aus Schnee. In haltbarem 
Ton hätte der Künstler sich eine so geformte Frau, seinem Kind eine 
solche Mutter niemals gegeben. Ein schlichtes, gemütvolles Mädchen 
zieht ihn stärker an als eine Weltdame. Aber ein vorübergehendes Ver- 
hältnis mit einer solchen Schönen wäre nicht zu verachten. 

Die hochgehaltene S chleife entspricht dem Senkblei des 
Schneemannes. Letzteres Geräte gibt die richtige Lage an. Dieselbe 
Bedeutimg erlangt der hinter der Schleife verborgene Gegenstand: 
Fräulein H. ist reizend, begabt, zärtlich gegen die, welche sie liebt. 
Der Analysand betont, daß er sie gern in den Aim nähme. Leider ist 
sie zu klein. Aus diesem Grund wird die Schleife in die Höhe gehalten, 
und zwar höher, als der Schneemann mit dem Senkblei tat, was nicht 
nur der Hochschätzung, sondern auch dem Wunsch nach höherem 
Wuchs der jungen Dame entspricht. Der Gedanke an die bescheidenen 



Kryptolalie, Kryptographie u. unbewußtes Vexierbild b. Normalen, 141 

Geldmittel des Mädchens wird durch die Erinnerung an die eigene 
Noblesse in Geldsachen und an den angenehmen, sichern Erwerb 

überwundeii. 

Die Betonung des linken Armes verrät den Wunsch des Zeichners, 
die Fräulein H. mit der Linken umschlingende Freundin zu sein. 

Das Ganze verrät uns die Tätigkeit zweier Komplexe, die in der 
Doppelbedeutung der Hauptfigur prächtig verflochten sind: Die 
Kapuze als Bekleidung des Münchner Kindls dient der Auswirkung 
des Mutterkomplexes; als Kopfbedeckung des Schneemannes ist sie 
ein Elaborat des Ehekomplexes. Der Analysand sucht ein Weib nach 
dem Vorbild der Mutter und der mutterähnlichen Schwester. Die Liebe 
zu .,Rosa" verrät sich auch allerliebst in dem Entschluß, Kom- 
binationen seiner Schleife zu „Eosetten" im Interesse der richtigen 
,, Armhaltung" zeichnen zu lassen. 

Das analytische Ergebnis gibt uns endlich auch den Grund an, 
weshalb dem Analysanden das schöne Licht in seinem Atelier einfällt. 
Licht symbolisiert bekanntlich Liebe, das Atelier ist der Ort, wo 
ihm kürzlich das anmutige Licht aufging. Wenn ein Analysand sich 
auffallenderweise über das im Zimmer vorhandene Licht äußert, in- 
dem er es z. B. blendend oder schwach findet, so werden damit 
stets erotische Hintergrundsvorgänge manifestiert. 

Es fiele mir leicht, eine Menge anderer Beispiele zu liefern. Häufig 
erhielt ich auch Buchstabenverdichtungen oder ineinander geschobene 
Stenogramme, mitunter auch Kombinationen von Bild- und Buch- 
stabenschrift. In keinem Fall erwies sich die Analyse schmeriger als 
diejenige von Träumen. Wer imstande ist, seine eignen Träume zu 
analysieren, kann auch seine eigenen „Glossolalien und Kryptogramme^^ 
enträtseln. Zu gelegentlicher Fahrt ins Land der Selbsterkenntnis ist 
Gesunden schon darum zu raten, weil em solches eigenes Erlebnis stets 
weit überzeugender wirkt als die bloße Beobachtung fremder Analysen. 
Einige theoretische Überlegungen fi^e ich im folgenden Aufsatz bei. 

III. Das unbewußte Vexierbild. 

Das Kryptogramm, und zwar das literale, aus Buchstaben- 
formen zusammengesetzte, wie das figurale, gab sich uns als em 
Organismus zu erkennen, den wir als absolutes Vexierbild oder ein 
aus Vexierbildern komponiertes Ganzes betrachten können. Alle 
möglichen persönlichen Anliegen, die aus den Tiefen der Seele zum 



14:2 Oskar Ffister. 

Licht des Bewußtseins emporstreben, finden in ihm eine bildliche 
Repräsentation. Ebenso gewinnen in der Geheimrede jene verdrängten 
Vorstellungen, die sich irgendwie auswirken müssen, ihren charaden- 
haften Ausdruck. Wir könnten nun auf andere willkürliche Leistungen 
fahnden, in welchen hinter scheinbarer Sinnlosigkeit sehr begründete 
Motive sich Geltung verschaffen. Selbstverständlich wäre dies der 
Fall bei sinnlosen Melodien, Gesten, Pantomimen usw. Da ich die 
praktische Verwendbarkeit solcher Erscheinungen hinter derjenigen 
des Kryptogramms und der Kryptographie weit zurückstehen sehe, 
verzichte ich auf die Analyse. Jede derartige absichtlich hervorge- 
brachte sinnlose Verrichtung nenne ich ein Kryptergon. 

Was dem Kryptergon seinen komischen Charakter gibt, ist der 
Umstand, daß seine Bestandteile in keiner Weise zueinander zu passen 
scheinen, so daß der Gedanke an ein sinnvolles Ganzes kaum auf- 
kommen wird. Den Übergang vom absoluten Kryptergon zum schlichten 
Vexierbild erblicken wir in Gebilden, die im großen und ganzen einen 
guten Sinn ausdrücken, aber an einem Punkt eine rätselhafte Störung 
aufweisen. Als Beispiel wähle ich einen Fall, der einen kryptolalen, 
oder, da es sich um Automatismus handelt, einen glossolalen Einschlag 
zur Schau trägt. 

Mein 35jähriger Analysand R., Lehrer von Beruf, erwacht eines 
Morgens mit dem sehr lebhaften Worteinfall „Spirochatae". Er 
glaubt, das Wort schon im Schlafe gehört zu haben. Wie er sofort die 
Analyse anwendet, empfindet er intensive Eeize in ano. Die Hämor- 
rhoiden, die ihn durch Kitzel seit einigen Jahren belästigen, regen 
sich also wieder. Nun fällt R. auf, daß sich seine Frau soeben bei der 
Morgentoilette befindet. Sie muß ihn geweckt haben. Was das Wort 
,,Spirochatae" bedeute, kann er bei aller Anstrengung nicht finden, 
obwohl er bestimmt zu wissen glaubt, daß es der Botanik oder Zoologie 
angehören müsse. Statt lege artis einfach die Einfälle zu sammeln, 
suchte also der Autanalytiker die Bedeutung des wissenschaftlichen 
Ausdruckes. 

Verdrossen über seinen Mißerfolg, will er sieh den Ausdruck 
aus dem Sinn schlagen. Umsonst ! Der Quälgeist blieb aufsässig, bis 
das Konversationslexikon zur Hand genommen wurde. Es wies sich, 
daß j.Spirochatae" nicht vorkam, dagegen ,,Spirochaeta" als wissen- 
schaftliche Benennung gewisser Spaltpilze angegeben ist, die lange 
Schraubenfäden bilden, sich schtangenartig (wurmartig) winden und 
im Sumpfwasser, aber auch bei Rückfalltyphus vorkommen. Den 



Kryptolalie, Kryptographie u. unbewußtes Vexierbild 1). Normalen. 143 

Typhus kennt er nur in der abdominalen Form und erwartet, auch 
die Spirochaeten werden sich im Darm, respektive seinen Exkrementen 
aufhalten. So stellt er sich die Spirochaeten als eine Art von Wiirmchen 
im Darme vor^). Die Angaben des Lexikons hat er wohl schon früher 
gelesen. Er glaubt sich auch schwach zu erinnern, daß in einer 
kürzlich besichtigten Abhandlung über Trinkwasser von der typhus- 
erzeugenden Wirkung der Spirochaeten die Rede war, kann es aber 
nicht ganz sicher behaupten. 

Selbstverständlich kann die Koinzidenz des Worteinfalles und 
des Afterjuckens keine zufällige sein. Ersterer muß die Ursache des 
letzteren angeben wollen. In Wirklichkeit ist R. von den hier be- 
sprochenen Parasiten frei. 

Nun ergibt sich aber ein weiterer Zusammenhang. R. hat, seitdem 
ich ihn die Analyse lehrte, die Beobachung gemacht, daß seine Hämor- 
rhoidalreize mit der Erotik in engstem Zusammenhang standen. Nach- 
dem der Arzt Knötchen festgestellt hatte, versuchteR., durch Rhabarber, 
und als der Darm dadurch verdorben war, durch abwechselnde Bäder 
in möglichst heißem und kaltem Wasser sein Übel zu beseitigen. Der 
Erfolg war aber stets von kurzer Dauer. Von der Möglichkeit einer 
analerotischen Bedingtheit der lästigen Empfindungen in Kenntnis 
gesetzt, fand er in der Tat, daß stets eine unangenehme Erinnerung 
an seine Frau dem Kitzel vorangegangen war. Öfter brach er in Lachen 
aus, wenn er sich klarmachte, daß eine Absperrung von der Gattin 
die Libido nach der Analgegend verschoben hatte. Regelmäßig hörte 
der Reiz augenblicklich auf, sowie sein Anlaß aufgefunden war. Aus 
dem Verdruß über das namentlich in Gesellschaft qualvolle Leiden 
wurde so eine nicht unerwünschte Gelegenheit zu vergnüglicher Analyse, 
die stets nur ein paar Sekunden in Anspruch nahm. 

Erst später tauchte die Erinnerung auf, daß der Arzt als mögliche 
Ursache der Analreize vor der Untersuchung Würmer angegeben 

hatte. 

Am Abend vor dem Erlebnis beim Aufwachen war Herrn R. 
von seiner Frau, durch die er sich schnöde behandelt glaubt, ein ehelicher 
Anspruch versagt worden. Es begreift sich daher, daß die Sexualität 
der Darmregion zuströmt. Der Analerotismus soll für den verlorenen 
Sexualgenuß entschädigen. Der Worteinfall enthält also ledighch 

1) Ein Jahr später behauptete er, sie seien Spulwürmer,' er entsinne sich 
genau, im Lexikon seines Freundes diese Übersetzung gelesen zu haben. Erst 
der Augenschein überzeugt ihn von seinem Irrtum. 



14:4 Oskar Pfister. 

eine Verhüllung des wirklichen Sachverhaltes, indem statt der erotischen 
eine physiologische Entstehungsursache vorgetäuscht wurde. 

Allein abgesehen davon, daß schon diese Konstruktion psy- 
chologisch viel zu wenig begründet ist, um unserer analytisch geschulten 
Wißbegierde zu genügen, gibt uns die Entstellung des wissenschaft- 
lichen Terminus, nämlich die Vertauschung der Vokale a und ae, eine 
Nuß zu knacken. 

Wir holten daher einfach die versäumte Analyse nach. R fixierte 
das auffallende Wort eine Weile so scharf als möglich. Da traten ihm 
Erinnerungen ins Bewußtsein, deren Reihenfolge ihm nachträglich 
nicht mehr sicher feststand. Der Ausdruck „Spirochatae" verwandelt 
sich in das Sätzchen: ,,Spür', Ocha, da" (Schweizerdeutsch für 
jdiesen')!" — „Ocha" ist Kosename des Lehrersöhnchens, das beim 
umfallen oder anderem Mißgeschick mit trockenem Humor äußerte: 
,,Ocha!" für „0ha!" R. trug als Knabe einen ähnlich klingenden 
Übernamen. 

Während unser Autanalytiker staimend xmd kopfschüttelnd 
sein Sätzchen wiederholte, stellte sich eine Kinderszene aus dem vierten 
oder fünften Lebensjahr ein: R. befand sich eines Tages mit einer 
Kinderschule im Wald. Da spürte er inter nates etwas Kaltes, Klebriges. 
Erschrocken wagte er nicht, die Lehrerin zu benachrichtigen oder sich 
zu entfernen. Erst zu Hause bekannte er schluchzend seine Not der 
Mutter, die ihn imter Zuhilfenahme eines Zeitungsblattes von einem 
Spuhlwurm befreite. 

Jetzt gewinnt das Sätzchen klaren Sinn. ,,Spür', Ocha, diesen — 
nämlich Wurm, die angebliche Spirochaeta!" Das Demonstrativ- 
pronomen deutet auf ein Geheimnis, Das ganze Wort gibt als latei- 
nischer Ausdruck an, was das deutsche Sätzchen verbirgt. Die 
Silbe ,,Spir-" ist dadurch desto leichter im Satze zu gebrauchen, daß 
R. zurzeit des infantilen Erlebnisses in einer Gregend lebte, wo ü = i 
gesprochen wird. 

Verriet der Hämorrhoidaireiz schon zuvor analerotischen Charakter , 
so können wir nun die Motive und nähere Determination des hysterischen 
Sjonptoms festsetzen. R.'s Erotik ist durch das Verhalten seiner Frau 
gestaut worden und fließt daher in die infantilen und kollateralen 
Kanäle zurück. Von der gegenwärtigen Geliebten, die ihn schlecht 
behandelt, flüchtet er zur einstigen, der Mutter, die ihn als Kind in 
seinen analen Nöten tröstete und auf angenehme- Weise befriedigte. 
Die Hämorrhoiden liefern nur eine Gelegenheitsursache; die Lektüre 



Kryptolaliej Kryptographie u. unbewußtes Vexierbild b. Normalen. 14o 

einer Abhandlung, in welcher „Spirochaeteu'' als Darmbewohner 
vorkommen, lieh das Wortmaterial, doch konnte dieses Erlebnis nicht 
sicher festgestellt werden. Die Intensität des Afterjuckens stammt 
aus der~libidinösen Besetzung jener Gegend. Das von der sich 
waschenden Gattin verursachte Geräusch ruft die Libido wach; allein 
der Groll drängt sie vom ursprünglichen Objekt ab auf die anal- 
erotische Situation, in welcher die Mutter ihrem Kind Befriedigung 

verschaffte. 

Die kleine Analyse bewirkte übrigens, daß das Jucken fortan 

fast gänzlich ausblieb. 

Die Abänderung des gebräuchlichen Ausdruckes ,,Spirochaeta" 
vollzog sich somit unter der Einwirkung eines kräftigen Ehe- und 
Mutterkomplexes. 

Der glossolale Einschlag dürfte dadurch ausreichend erklärt sein. 

Endlich kann es sich um unwillkürliche oder willkürliche 
Störungen minimalen Grades handeln. Schöne Beispiele von Ver- 
sprechen haben uns Preudi), StekeP) u. a, geliefert. 

Ich möchte hier darauf hinweisen, daß auch in die vollendeten 
künstlerischen Produktionen das Unbewußte seine Manifestationen 
hineinzugeheimnissen weiß. Die Argumentation muß deswegen recht 
sorgfältig geführt werden, weil schließlich in jedem Bild ohne Aus- 
nahme Vexierbilder aufzufinden sind. Aus einer Wolke liest der eine 
dies, der andere jenes Gebilde heraus, während selbstveiständlich 
dem' Objekt gar kein Simi anvertraut worden war und jeder seine 
eigenen Vorstellungen, durch zufällige Veranlassung angeregt, in die 
W^'olke projiziert. Die alten Gebräuche, aus rückwärts geworfenen 
Apfelschalen den Namen des künftigen Geliebten, aus gegossenem und 
ins Wasser geworfenen Blei das hervorstehende Schicksal zu erraten, 
sind von der Psychologie des Unbewußten aus nicht ganz töricht, 
da in ihnen unbewußte Seelenregungen sich zur Geltung bringen können. 
Dasselbe kann bei jedem Bild oder Wort geschehen. 

Wir werden daher von Erscheinungen ausgehen, in welchen das 
unbewoßte Vexierbild in solcher Deutlichkeit ausgedrückt ist, daß 
Zufall ausgeschlossen scheint, und in denen überdies der Komplex mit 
Sicherheit festzustellen ist. Bei lebenden Künstlern, die sich zur Analyse 
herbeilassen, wird der Nachweis voraussichtlich oft ohne große 
Schwierigkeiten gelingen. Aber auch bei Meistern der Vergangenheit 



1) Freud, Zur Psychopathologie des Alltagslebens, 30 ff 

2) Stekel,Ein Beispiel von Versprechen. ZentralbL f. Psyche 
Jahrbuch für psyclioanalyt. u, psychopathol. Forschungen. V. 



^46 Oskar Pfiäter. 

kann er unter Umständen glücken, wie icli an einem besoudors an- 
iinitigen Beispiel hoffe zeigen zu können. 

In seinem geistvollen Büchlein ,,Eine Kindheitserinnerixng des 
Leonardo da Vinci'' kommt Freud auf das berühmte Gemälde 
,, Heilige Anna Selbdritt" zu sprechen. In seiner kühnen, auf ein 
erstaunlich großes Beobachtungsmaterial gestützten Weise, die dem 
Ignoranten so viel Handhaben zu wohlfeilem Spott darbietet, sucht 
der Begründer der Psychoanalyse die unbewußten Motive des Kunst- 
werkes aufzudecken. Er gelangt dabei zu folgendem Ergebnis: ,,In 
dieses Bild ist die Synthese der Kindheitsgeschichte Leonardos ein- 
getragen; die Einzelheiten desselben sind aus seinen allerpersünlichsten 
Lebenseindrücken erklärlich. Im Hause seines Vaters fand er nich'i 
nur die gute Stiefmutter Donna Albiera, sondern auch die Großmutter, 
Mutter seines Vaters, Monna Lucia, die, wir wollen es annehmen, nicht 
unzärtlicber gegen ihn war, als Großmütter zu sein pflegen. Dieser 
Umstand mochte ihm die Darstellung der von Mutter und Großmutter 
behüteten Kindheit nahebringen. Ein anderer auffälliger Zug des 
Bildes gewinnt eine noch größere Bedeutung. Die hk Anna, die Mutter 
der Maria und Großmutter des Knaben, die eine Matrone sein müßte, 
ist hier vielleicht etwas reifer und ernster als die hl. Maria, aber noch 
als junge Frau von unverwelkter Schönheit gebildet. Leonardo hat in 
Wirklichkeit dem Knaben zwei Mütter gegeben, eine, die die Arme 
nach ihm ausstreckt, und eine andere im Hintergrund, und beide mic 
dem seligen Lächeln des Mutterglüekes ausgestattet " 

,, Leonardos Kindheit war gerade so merkwürdig gewesen wie 
dieses Bild. Er hatte zwei Mütter gehabt, die erste seine wahre Mutter, 
die Catarina, der er im Alter zwischen drei und fünf Jahren entrissen 
wurde, und eine junge und zärtliche Stiefmutter, die Frau seines Vaters, 
Donna Albiera. Indem er diese Tatsache seiner Kindheit mit der erst- 
erwähnten zusammenzog, sie zu einer Mischeinheit verdichtete, ge- 
staltete sich ihm die Komposition der hl. Anna Selbdritt. Die mütter- 
liche Gestalt weiter weg vom Knaben, die Großmutter heißt, entspricht 
nach ihrer Erscheinung und ihrem räumlichen Verhältnis zum Knaben 
der echten früheren Mutter Catarina. Mit dem seligen Lächeln der 
hl. Anna hat der Künstler wohl den Neid verleugnet und überdeckt, 
den die Unglückliche verspürte, als sie der vornehmeren Rivalin wie 
früher den Mann, so nun auch den Sohn abtreten mußte." (Freud, 
a. a. 0., 49 f.) 

Weiter sucht Freud, in Übereinstimmung mit dem englischen 



Kryptolalie, Kryptographie u. unbewußtes Vexierbild b. Normalen. 147 

Kunsthistoriker W. Pater, nachzuweisen, daß das „leonardeske'" Lächehx 
der beiden Frauen wie der wahrscheinlich gleichzeitig entstandenen 
Monna Lisa auf eine Kindheitserinnerimg zurückgehe, nämlich auf 
die Mutter. Diese aber war, wie Freud so schlagend dartun konnte, 
in des Künstlers Phantasie durch einen Geier repräsentiert, erzählt 
doch Leonardo in reifen Jahren: „Es kommt mir als eine ganz frühe 
Erinnerung in den Sinn, als ich noch in der Wiege lag, ist ein Geier 
zu mir herabgekommen, hat mir den Mund mit seinem Schwanz ge- 
öffnet und viele Male mit diesem seinem Schwanz gegen meine Lippen 
gestoßen/' (Freud 19.) Der Geier war in der ägyptischen Mythologie 
das Svmbol der MütterUchkeit, indem er für das Tier galt, von dem nur 
weibliche Exemplare existierten, das sich daher ohne Männchen fort- 
pflanzte. Die Kirchenväter benutzten diese Geierfabel, um die Geburt 
Jesu von Maria, der Jungfrau, plausibel zu machen. Lag es für Leonardo 
da nicht nahe, seine jungfräuliche Muttor mit dem Symbol der 
iMadonna, der himmlischen Mutter und Jungfrau, zu beschenken? 

(Freud, S. 27.) 

Ich kann nvm nicht weiter ausführen, wie Freud aus der in der 
zitierten Kindheitserinnerung Leonardos angedeu.teten Stellung zur 
Mutter die meisten rätselhaften Züge seines Lebens verständlich macht. 
Wer selbst Lebensgänge sorgfältig und methodisch analysierte, kann 
Freud die Gefolp;ächaft in seiner Untersuchung schwerlich versagen. 
Es hegt mir nur daran, zu zeigen, wie die These des großen Wiener 
Forschers eine glänzende Bestätigung findet. Auf dem Bilde, das die 
Mutter des Künstlers darstellt, findet sich nämhch in voller Deut- 
lichkeit der Geier, das Symbol der Mütterlichkeit. 

Man sieht den äußerst charakteristischen Geierkopf, den Hals, 
den scharfbo.i^igen Ansatz des Eumpfes in dem blauen Tuche, das 
bei der Hüfte des vorderen Weibes sichtbar wird und sich in der Richtung 
gegen Schoß und rechtes Knie erstreckt. Fast kein Betrachter, dem 
ich den kleinen Fund vorlegte, konnte sich der Evidenz dieses Vexier- 
bildes entziehen. 

Die wichtige Frage ist nun aber: Wie weit reicht das Vexierbild? 
Verfolgen wir das Tuch, das sich so scharf von seiner Umgebung abhebt, 
von der Mitte des Flügels aus weiter, so bemerken wir, daß es sich 
einerseits zum Fuß des Weibes senkt, anderseits aber gegen ihre 
Schulter und das Kind erhebt. Die erstere Partie ergäbe ungefähr 
Flüj^el und natürhchen Schweif des Geiers, die letztere einen spitzen 

Bauch und, besonders wenn wir die strahlenförmigen, den Konturen 

in* 



10* 



148 



Oskar Pfister. 



von Federn ähnlichen Linien beachten, einen ausgebreiteten Vogel- 
Schwanz, dessen rechtes Ende genau wie in Leonardos Schicksal- 
bedeutendem Kindheitsraum nach dem Munde des Kindes, 
also eben Leonardos, fährt. 

Sind wir zuweit gegangen, wenn wir auch diese Partien 
des Tuches aus Absichten des unterschwelligen Seelenlebens er- 
klären? Man könnte zunächst einwenden; Wie kann ein Geier zAvei 



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Schwänze tragen? Da ist es denn von vornherein merkwürdig, daß 
der Vogel in der ägyptischen Mythologie tatsächüch zwei Schwänze 
besitzt: einen wirklichen hinten imd einen phaUischen vorne. Die 
meisten uns erhaltenen ägyptischen Darstellimgen der geierköpfigen 
mütterhchen Gottheit tragen ein- erigiertes männliches Glied (Freud 
30). Freud zeigte auch auf Grund seiner Kinderanalysen sehr schön, 
wie Leonardo auf den Gedanken kommen konnte, seine Mutter be- 
sitze gleichfalls ein Membrum. Bei Neurotikern finden wir bekanntlich 
sehr oft uralte mythologische Gebilde spontan auftauchend. 

Wenn in unsrem Bilde statt des Penis der ausgebreitete Schwanz 
die Lippen des Kindes berührt, so entspricht dies der Notiz vom Er- 



Kryptolalie, Kryptographie u. unbewußtes Vexierbild b. Normalen. 149 

lebnis in der "Wiege, wo auch nur von einer „coda" die Rede ist. Ein 
wirklicher Penis durfte ja nicht einmal in der vom Künstler mitge- 
teilten Phantasie auftreten; im Bilde hätte das Subliminale durch 
jenes Kennzeichen der Männlichkeit sein Geheimnis erst recht ver- 
raten. Auch hebt es das Unbewußte so wenig als die echte Gleichnis- 
poesie, das Inkognito gänzlich abzulegen. Der Doppelsinn von ,,coda" 
(Schwanz und Penis) ermögUchte vorzüghch die Illustration der Deck- 
erinnening vom Geier, der das Kind auf den Mund schlägt. 

Zugunsten dieser weitgehenden Deutung spricht auch die höchst 
merkwürdige Form des Tuches. Es bedeckt die Schulter und den ganzen 
linken Arm der Maria, ohne doch eigentlich zur Kleidung zu gehören, 
geht in weiterem Bogen, als den Proportionen der jüngeren Erauen- 
gestalt zu entsprechen scheint, tun ihre Hüfte und wird zum Unter- 
kleid. Jedenfalls ist die Kleidung sehr auffallend. Das Rätsel löst sich 
sofort, wenn wir den Manifestationstrieb des Subliminalen in Rechnung 
setzen. Schultertuch und Unterkleid müssen ein Ganzes bilden, wie 
es der durch dieses eine Stück dargestellte Geier ist. 

Um den Vogel zu gewinnen, muß auch das Kleid in der Rücken- 
gegend stark aufgebauscht werden. 

Das einzige, was meiner Exegese scheinbar Schwierigkeiten 
entgegensetzt, ist der monströse Bauch des Vexiergeiers. Allein er- 
innern wir uns daran, daß ein allzu genaues Porträt des Vogels die Zensur 
nicht hätte passieren können. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der 
Geiersohn Leonardo, vielmehr sein Unbewußtes, die Körperpartie 
hervorheben wollte, welche für die Mutterschaft von besonderer Be- 
deutung war. Dadurch wurde überdies die Gefahr der Entdeckung 
verringert. — Für einen Geier paßt nicht ganz der Schnabel. Die Er- 
klärung dieses Zuges gibt mir ein Zwangsneurotiker, der von storch- 
ähnlichen Vögeln mit einem Schnabel, wie er auf unsrem Vexierbild 
zu sehen ist, träumte. Die Analyse deutete ihn als das Organ 
der Schwester. Es ist wahrscheinlich, daß Leonardo die Weiblichkeit 
seines Geiers andeutet, was auf den ägyptischen Bildern die Brüste 
des Vogels besorgen. 

Daß die Mutter zweimal vorkommt, in Person und als Symbol, 
wird uns nicht wundem. Ähnlich haben Lukas Cranach u. a. Christus 
auf demselben Bilde öfter gemalt, als Person, als Lamm oder als 
Schlange am Kreuz. 

Ergibt sich aus unserer Einsicht ein vermehrtes Verständnis des 
Meisterwerkes selbst? Man sollte annehmen, daß der letzte Zweifler 



150 Oskar Pfister. 

von der Richtigkeit des Freadschen Kommentars überzeugt werden 
müßte. Ob im einzelnen neue Schlüsse gezogen werden können, weiß 
ich nicht sicher anzugeben. Vieles spricht dafür, daß die vordere, 
jüngere Frau die Mutter darstellt, nicht, wie Freud annimmt, die 
Stiefmutter: Der Geier ist aus dem Kleid der Maria geformt; da er 
die leibhche Mutter ausdrückt, scheint die heilige Jungfrau letztere 
anzugeben. Ferner dürfte der Maler nach der Umarmung durch die 
Mutter stärkere Sehnsucht als nach der Pflegmutter empfunden haben,. 
wie auch die Deckerinnerung bestätigt. Das Alter des Knäbleius kann 
ich nicht mit Zuversichtlichkeit abschätzen; mir kommt vor, es könnte 
weniger als fünf Jahre zählen, also Leonardo in der Zeit abbilden, als 
er noch bei der Mutter weilte. Auf letzteres Argument lege ich weniger 
Gewicht, Mir scheint auch, bessere Belehrung vorbehalten, daß das 
Unterschwellige nicht über genug Gedankenmaterial verfügt, um, 
wie Freud annimmt, in dem seligen Lächeln der hl. Anna den Neid 
der unglücklichen Mutter zu verdecken (Freud, a. a. 0., 50); vielmehr 
glaube ich, daß das Subliminale der leiblichen Mutter mit der Geier- 
würde auch die stärkere Libido aufbewahrte und, wie bemerkt, nach 
ihrer Umarmung stärker begehrte. 

Aber auch die andere Auffassung läßt sich mit guten Gründen 
verteidigen. Herr Prof. Freud erinnert mich brieflich daran, daß die 
hl. Anna in der einen Deutung der Großmutter Leonardos entspricht, 
wodurch das andere Weib in die Rolle der Stiefmutter gedrängt werde. 
Ich gestehe die MögUchkeit dieses Sachverhaltes zu, frage mich aber^ 
ob nicht Mutter und Tochter, nämlich Großmutter Monna Lucia und 
Pflegemutter Donna Albiera in eine Gestalt, die der hl. Anna, ver- 
dichtet werden konnten. Beide traten dem Knaben in den ersten 
Lebensjahren nicht näher. — Freud macht zugunsten seiner 
Exegese weiter geltend, daß nicht Maria, sondern Anna das typisch 
leonardeske Gesicht trage. Ich darf mir nicht genug Kennerschaft 
zusprechen, um zu entscheiden. Meinem Laienauge gibt sich das 
Gesicht der Maria gleichfalls als eminent leonardisch. Die schmale, 
feine Lidspalte, die langgestreckte Nase, das zarte Oval, besonders 
aber das bezaubernde Lächeln eignet beiden Frauengestalten. Daß 
Anna stärker an den Meister von Vinci erinnert, rührt vielleicht aus 
ihrer größeren Ähnlichkeit mit Monna Lisa; beide sehen wir en face. 
Aber gerade daß die Mutter mit unendlicher Zärtlichkeit sich ihrem 
Kinde entgegenneigt und dem Betrachter nur das Profil zeigt, könnte 
vielleicht von echt leonardischer Kindersehnsucht zeugen. Doch 



X:_vi -ola'ie. Kiyp'ogivpuic u. unbewußtes Vexierbild b. Normalen. 151 

ri".<"tclite icli mir kein ciitschekleiides Urteil über die cxegetiHcho Frage 
Yzch der Bedeutung der beiden Frauen anmaßen. 

Ich kann um so leiehter verzichten, als unser Künstler selbst 
den Unterschied beider Figuren verwischte. Freud macht mich darauf 
aufmerksam, ,,daß beide ineinander verschmolzen sind, wie schlecht 
verdichtete Traumgestalten, po daß es 8.n manchen, .Steiler- schwer 
wird £:u sagen, wo .Vnna aufh^'ü't und ilaria anfängt''. Diese fein beob- 
a.chtete Tatsache nennt uns ein neues kiüistlerisches Ausdrucksmittel 
des Unbewußten: Die Verdichtung. Ich habe nur noch hinzuzu- 
iügei]j daß der Gcici-kopf auch die Gestalt der hl. Anna zu umschließen 
scheint. Wahrscheinlich übertrug Leonardo von der anderv.'ärts ver- 
heirateten ilutter, die sich um ihren Sohn riicht mein* kümmerte, 
auf die gütige Pflegemutter und schuf so die bemerkenswerte Ideji- 
tifikation und Yeiniischung, die das Zusammenfließen der Frauen 
angibt. 

Wir sehen somit, daß die Erkenntnis des unbewußtcji Vexier- 
bildes zum Verständnis des seelischen Gelialtes beitragen kann. 

IV. Zur Theorie der unterschwellig bedingten 
Geheimleistungen. 

Was wir aus den Erscheinungen der Kryptolalie, der Krypto- 
graphie und des unbew'ußten Vexierbildes empirisch ableiteten, bedarf 
noch der theoretischen Sicherstellung und Bewertung. 

In erster Linie harrt der Beantwortung die Frage: Ist es gewiß, 
-laß unser analytisches Ergebnis imd seine synthetische Verarbeitung 
in der Aufstellung des Komplexes und in der Zuteihmg des ajialysierton 
Alaterials zu einer komplexbeschwichtigenden Idee die Bedeuturjg 
'ÄnQi Auslegung hat? Mit anderen Worten: Sind die bei der .Viialyse 
liervorbrechenden Einfälle auch diejenigen, Avelche das Kryptergon 
oder Vexierbild schufen? Und hat der psychische Organismus jene 
Einfälle zum Zweck seiner Wohlfahrt, seiner Eesehützmig und Be- 
ruhigung hervorgerufen und gruppiert? 

Um diese Fragen zu erledigen, vergleichen wir zunächst unsere 
Phänomene mit älmlichen, über welche in sachkundigen Kreisen be- 
friedigende Auskunft bereits gewonnen wurde. Als solche kommen 
in Betracht das auffallende Vergessen, Versprechen, Vei'greifen, kurz 
die S}-mptomhandlung, ferner der Traum und bcsojiders der willkürliche 
Namen- oder Zahleneinfall. 



152 Oskar Pfister. 

Wir wandten auf die Kiypterga die psych analytische Methode 
in genau derselben Weise an, wie wir sie an den eben angegebenen 
Produktionen betätigen. Wir ließen das Gebilde apperzipieren und 
nahmen die sich einstellenden Voi-stellungen entgegen. Diese allein 
analytische Tätigkeit ergänzten wir durch eine S3?iithe tische, indem 
wir die gemeinsamen Motive jener anscheinend zufällig angekommenen 
Einfälle suchten. Dabei fanden wir, daß diese alle sich um einen Ge- 
danken drehten, der das Individuum stark belästigte und darum aus 
seinem Blickfeld verdrängt worden war. Bei genauerem Zusehen konnten 
wir beobachten, daß alle TeiLstücke des Kryptergons auf Erlebnisse 
und Phantasien gingen, welche den jetzt unangenehm rumorenden 
Gedanken beschwichtigten und durch die Erinnerung an einstige 
günstige Erlebnisse einen analogen günstigen Ausweg aup der bestehenden 
Misere als verwirklicht aatezipierten. So stellte sich das anscheinend 
sinnlose Produkt als sinnvolle Manifestation eines unter der Bewußt- 
seinsschwelle liegenden gefühlsbetonten Gedankens heraus. Und wie 
wir jenem Gebilde einen guten logischen Inhalt abgewannen, so ver- 
muten wir auch seine biologische Bedeutung. Der im Augenblick 
virulente Komplex benutzte die Gelegenheit, sich auszuwirken. 

Bevor wir diese vorläufige Vermutung zu erhärten suchen, sei 
darauf hingewiesen, daß sämtliche Merkmale des Traumes und der 
Symptomhandlungen auch auf das Kryptergon zutrafen. Die Ge- 
setze der Verdichtung und Verschiebung sahen wir in voller Aktion. 

Die Verdichtung sahen wir z. B. in dem Worte Parastintungo, 
das zurückführte auf die Einfälle: 

Palapt, Parasit, parestin, in, Togo, Tonkin, Dschungeln, Ungarn. 
Schematisch dargestellt: 

Par ast in tungo 

Pa(I) ast iri t» go 

Par- as(i)t TOnk(i)n 

par (e)st- in D(sch)ung(eln) 

in Ung(arn) 

(Eingeklammerte Buchstaben treten im assoziierten Worte neu 
auf, erhöhte weisen eine nur geringe klangliche Veränderung auf.) 

Aus dieser Verdichtung, und nicht aus besonderen Lautgesetzen 
erklärt sich die Wortform. 

Verschiebung ließ sich beobachten z. B. im Tuch der lieiligen 
Maria, das scheinbar nur dekorativen, in Wirklichkeit tiefen psycho- 
logischen Zwecken dient. 



Kryptolalie, Kryptographie u. unbewußtes Vexierbild b. Kormalen. 153 

Jedes Stück des Kryptergons erwies sich als melirfach deter- 
miniert. Jedes ging auf einen unerledigten seelischen Konflikt zurück. 
Die Sjonbolik gelangte ausgiebig zur Verwendung, z. B. in nagiodetukut, 
wo nag = Schlange, männliche Sexualität bedeutete, io auf Johann, 
den einen Überzieher bringenden Bedienten hinwies. Alle Anforderungen, 
die an eine gute Traumdeutung gestellt werden dürfen, kann man 
auch an die Analyse des Kryptergons richten. 

Der wichtigste Unterschied zwischen Traum und Kryptergon 
liegt in dem automatischen und halluzinatorischen Charakter des 
ersteren^). Materiell ist kein Unterschied wahrzunehmen. Folglich 
bilden die hier besprochenen Geheimfunktionen nur ein Gegenstück 
zum willkürlichen Zahleneinfall. Daß Kryptolahe und Kryptographie 
durch Zunge respektive Hand vermittelt sind, bedingt keinen Unter- 
schied, da dieselben Organe auch in den Symptomhandlungen und 
Träumen sowie in den pathologischen Automatismen oft subliminalen 
Absichten dienen. 

Nachdem wir uns davon überzeugten, daß wir das Kryptergon 
nach der bei Traum- und S\Tnptomdeutung übUchen Methode ana- 
lysierten, und als ihnen völlig anologes Produkt entlarvten, wenden 
wir uns dem Wahrheitsproblem zu. Haben wir die analysierten 
PI Änomene wirklich gedeutet? 

Es ist recht schwierig, Gegner der Psychanalyse zu überzeugen. 
Auch Freuds Hauptwerk ,,Die Traumdeutung*' wird bekanntlich 
Beweiskraft noch von vielen abgesprochen. Ich wende mich im fol- 
genden nur an solche, welche die psychanalytische Methode nicht nur 
als Leser der einschlägigen Werke, sondern auch als Nachprüfende 
kennen lernten. 

Die Traumdeutung ging von der aus Breuers und Freuds 
Studien über Hysterie bekannten Beobachtung aus, daß bei der Apper- 
zeption der zu analysierenden Erscheinung, wo der Widerstand nicht 
allzu stark ist, direkt oder auf Umwegen diejenigen Tatsachen bewußt 
wurden, welche das zu explorierende Gebilde erzeugt hatten. Man 
sah und fand durch äußere Nachforschimg bestätigt, daß durch lebhafte 
Versenkung in das Komplexprodukt dieselben psychischen Kräfte 
wieder in Tätigkeit traten, und zwar geschah dies beim Traum in 
doppelter Richtung: entweder retrospektiv, indem die Motive des 
Traumes aufgerollt wurden, oder prospektiv, indem der Trauminhalt 

1) Seit dies ge^,chrieben "Nvurde, hat Dr. Karl Schvötter durcli Hypnose 
Träume über aufgegebene Themata erhielt (Zentralbl. f. Psych., II, 547). 



154 Oskar Pfister. 

weitergespoBiiea wurde, teils durch Zusätze, die oft von Erinnerungou 
an den stattgehabten Traum nicht zu unterscheiden sind, teils durch 
Eutstellimgen luid Ausmerzungen. Beides mußte der Traumauslegung 
dienen. Sogar bewußte phantastische Umdichtung des Traumes 
kannte der Fahndung auf den Komplex dienstbar gemacht werden. 
Auch der Tagtraum, die Wachphantasie ließ sich so ergründen. Ebenso 
der willkürliche Zahleneinfall. Kein Kenner glaubt, daß sich bei 
scharfer Einstellung auf solche Objekte eine Vorstellung einfinde, die 
mit dem Objekt nichts zu tim hätte. 

Warum sollte nun plötzlich das Kryptergon eine Ausnahme 
bilden? Verläßt sich der Traumana.lytiker, durch hundertfältige Er- 
fahrung belehrt, ruhig auf die Annahme, daß während seiner Analyse 
durch die Apperzeption des Traumstückes dieselben Kräfte wirksam 
werden, die sein Objekt hervorbrachten, warum dürfte es der Explorator 
der Geheimleistung nicht auch tun? 

Weitere Argumente kommen hinzu. Es gelingt uns bei hin- 
reichender Erfahrung oft, aus einem uns mitgeteilten Traum ohne 
weiters intime Geheimnisse des Träumers auf den Kopf zuzusagen. Ebenso 
errät sogar der Laie aus einfallenden Worten, z. B. einem Personen- 
namen, was i.n ihm vorgeht. Nicht anders verhält es sich bei manchen 
Krypterga: Man sieht sofort, w-as der Produzent ausdrücken will. Nur 
ist auch hier, wie bei der Ferndeutung von Träumen, Vorsicht gebotei]. 

Meine Vermutung wird durch andere Beobachtungen gestützt. 
Eine Patientin hat den Traum der letzten Nacht völlig vergessen. 
Ich lasse sie ein Kryptogramm fertigen und erhalte ein seltsam ge- 
fomites Kreuz. Sofort gesteht die Zeichnerin: „Von einem, solchen 
Ordenskreuz träumte mir diepe Nacht!'' Also müssen die unbewußten 
Kräfte, die den Traum schufen, auch die graphische Bildung erzeugt 
liaben. Wiederjiolt induzierte das Kryptergon vergessene Träume. 

Ein empirischer Beweis liegt ferner in der Tatsache, daß sich 
durch die Deutung eines Kryptergons nicht nur neurotische Er- 
scheinungen, wie Kopfschmerz, oft erklären und deuten lassen, sondern 
daß auch normale Phänomene, wie Launen, auffallende Handhmgen 
u. dgl., durch dasselbe Vorgehen den rätselhaften Charakter plötzlich 
verlieren. W^enn der Komplex nachweislich vor dem Kryptergon 
spukte mul durch die Analyse der letzteren eruiert wird, so müßte 
CS doch wahrlich seltsam zugegangen sein, wenn die Geheimfunktion, 
aus welcher doch die Kunde des unterschwelligen Materials hervor- 
geholt wurde, ohne dessen Zutun geschaffen worden wäre. 



Kryptolalie, Kryptoo;raiibie u. unbewußte- Vexierbild b. Xorraalen. 155 

Au und für sich ist es allerdings möglieh, daß aus einer Geheim- 
leistung andere Motive analysiert werden, als bei der Erzeugung 
v.-irksam waren. Bekanntlich kann jede Dichtung, jede Landschaft. 
jeder Mensch dazu dienen, die Komplexe dieses oder jenes Indivi- 
duums in sich unterzubringen. Anders ausgedrückt: In allen mög- 
lichen gegebenen Vorstellungen können gevrisse verdrängte gefühls- 
betonte Gedanken sich auswirken. Oft stimmen die im Phänomen 
ausgedrückten Komplexe mit denen des Betrachters überein: Grill- 
parzers ,, Ahnfrau", z. B. wurde für eineia meiner Analysanden darum 
so übermäßig Aviclitig und aufdringhch, weil sie für die eigene Familien- 
geschichte ein vielsagendes Vorbild abgab. Mein Analysand las eine 
Befriedigung seine]* Komplexinhalte sozusagen in das Drama hinein. 
Die Verwandtschaft des beiderseits Verdrängten ermöglichte es dem 
Komplex des Lesers, sich im Kunstwerk zu domizilieren und auszu- 
leben. In andern Fällen aber lesen wir aus einer Erscheinung, z. B. 
einer seltsamen Wolke, Dinge heraus, die sicherlich niemals in jene 
zufälligen Gebilde hineingelegt worden waren. 

Weshalb sollten nicht auch aus den Krypterga solche Inhalte 
geschöpft werden können, die nicht in ihnen lagen, sondern in sie 
hineingetragen wurden? Um die Probe anzustellen, analysierte ich 
die automatische Zungenrede einer religiösen Ekstatikerin, als hätte 
ich selbst sie produziert. Ich kann nicht leugnen, daß mir jene Buch- 
stabenverbindungen eine Menge von Einfällen verschafften, die sich 
endhch zu einer bildlichen Einheit zusammenfügen ließen und meine 
augenbUckliche Komplexkonstellation verrieten. Allein der Unter- 
schied zwischen der Analyse eines solchen kuckuckseiartigen Gebildes 
und der eines wirklichen Kryptergons sprang in die Augen: Die Deter- 
mination der einzelnen Teile war sehr dürftig. Einzelnes ließ sich nur 
höchst gewaltsam der leitenden Idee unterordnen. Einzelnes gar nicht. 
Während eine gute Analyse das Kryptergon als ein Kunstwerk von 
bewunderungswürdiger Schönheit herausstellt, liefert die Pseudo- 
Analyse ein armseliges Ding, mag es auch die unterschwelligen Ge- 
danken des seine Einfälle produzierenden Analysanden hervorziehen. 
Das Ergebnis ist etwa so jammervoll, wie wenn nach einer korrekten 
Traumanalyse die Komplexstellung des Träumers sich änderte mul 
nun eine nachträgUche Analyse den früheren Traum umdeuten will. 
Auf einigen Punkten gelingt das Vorhaben, allein das Traumganze 
wird in der Regel verwüstet. 

Daß die Analyse des Kryptergons bei richtiger Durchführung 



156 Oskar Pfister. 

wirklich die Kräfte auffinden läßt, die das Gebilde ins Dasein riefen, 
zeigt auch folgendes Werne Erlebnis. Eine Zwangsneurotika entwarf 
in raschem Zug eine Figur, die ich sofort als Kopf einer Katze oder 
eines Hundes ansah. Die Zeichnerin behauptet jedoch, ohne daß ich 
nach der Bedeutung der Linie fragte, absolut keinen Sinn ihrem Werke 
abgewinnen zu können. Über die Aufgabe, nicht zu reflektieren, sondern 
lediglich zu apperzipieren und zu assoziieren, belehrt, ruft sie alsbald: 
„Ich kann den Hund nicht sehen!" In dieser Weise sieht sie den so 
hübsch geleugneten Hund in ihrer Zeichnung eben doch und erinnert 
sich an Fausts Begegnung mit dem Hunde und eine Faustphantaaie, 
die sie längst beschäftigt und aus welcher ihre Komplexkonstellation 
mit größter Deutlichkeit abzulesen ist. (Der Hund, aus dem Mephisto 
hervorgeht, bin natürlich ich [Mephisto-Fister, Aussprache für Pfister]^.) 
Zum Schluß eine Bemerkung über den praktischen Nutzen der 
besprochenen Analysen. Mehrfach gelang es mir, wo Träume ausblieben, 
durch Krypterga den Schacht zur Erschließung des Unterbewußten 
aufzudecken. Bei einigen Personen, deren nichtssagende oder ver- 
schwommene Träume der Deutung besondere Schwierigkeiten in 
den Weg legten und wenig Ausbeute eintrugen, konnte ich durch die 
eben geschilderten Methoden erfolgreich vordringen. UnentbehrUch 
ist die Ergründung der Krypterga für den Analytiker nicht, doch 
bildet sie eine schätzbare Bereicheriuig seines Instrumentariums und 
verhilft zu den angenehmsten Abwechslungen. Ich möchte daher ein- 
laden, meine vorstehenden Untersuchungen nachzuprüfen, und ver- 
spreche dem kundigen Analytiker, der sich dieser Mühe unterzieht, 
Genuß und Grewinn von seiner Arbeit. 

'-) Vgl. meinen Aufsatz: Die Ursache der Farbenbegleitung bei akustischen 
Wahrnehmungen, und das Wesen anderer Synäathesien. Image I (1912). 



tJber den sado-masochlstisclieii Komplex^). 

Von Dr. J. Sadger, Nervenarzt in Wien. 



I. Allgemeiner Teil. 

In dem vielleicht Witzigsten, was in deutscher Sprache ge- 
schrieben wurde, in den „Bädern von Lucca", hat Heinrich Heine 
den Ausspruch getan: „Was Prügel smd, das weiß man schon; was aber 
die Liebe ist, das hat noch keiner herausgebracht." Ist dies nun ein 
Witz, oder gilt von dem ungezogenen Liebling der Grazien, was Goethe 
von Lichtenberg einmal prägte: Wo der einen Witz macht, da liege 
ein Problem verborgen? Erwägt man, daß die Bemerkung Heines für 
einen Witz doch recht dürftig ist, und anderseits wieder, daß jener 

1) Der Leser wird finden, daß ich im folgenden immer nur von dem Kom- 
plexe spreche, statt, wie es üblich, aktive und passive Algolagnie getrennt zu be- 
handeln. Der Grund liegt darin, daß beide fast immer vereint vorkommen. Man 
darf behaupten, wo Sadismus besteht, dort findet sich mindest in Einzelzügen 
auch stets Masochismus und vice versa. Höchstens, daß scheinbar isoliert noch 
eher der Masochismus auftritt als der Sadismus. Am schärfsten präzisierte dies 
Havelock EUis („Das Geschlechtsgefühl". Würzburg, 1903, S. 129): „Eine genaue 
Untersuchung des Sadismus und Masochismus hat uns also zu dem Resultate 
geführt, daß zwischen diesen beiden Erscheinungen keine bestimmte Grenzlinie 
besteht Selbst de Sade war kein reiner Sadist, wie aus Dührens sorgfältiger 
Untersuchung hervorgeht, ja man könnte vielleicht behaupten, de Sade wäre 
eigentlich ein Masochist gewesen. Alle bekannten Fälle von Sadismus und Maso- 
chismus, selbst die vonKrafft - Ebing zitierten, zeigen beständig Spuren beider 
Gruppen vonErscheinungen an einem und demselben Individuum. IMan kann daher 
die beiden Berufe nicht in einen au.sgeeprochenen Gegensatz zueinander bringen 
,Sadismu3* und ,Masochismus' sind einfach bequeme klinische Be- 
zeichnungen für Erscheinungen, welche in der Regel bei einem Individuum neben- 
einander vorkommen (S. 173). . Sadismus und Masochismus sind Gefühls- 
varianten, die einander ergänzen.** 
1 1 



158 J. Sadoer. 

Dichter mit der Miene des Spötters die tiefsten Wahrheiten auszu- 
sprechen pflegte, dann läge die Versuchung nahe, hinter jenem „Witz" 
ein mindest geahntes Verständnis zu wittern der Beziehungen zwischen 
Liebe amd Sadismus. Scheint es doch an das größte Rätsel des letztern 
zu rühren, wieso es denn möglich, daß man ein innigstgeliebtes Wesen 
mit Schlägen, Mißhandkmgen und Quälereien traktieren muß, um 
selbst zur höchsten Lust zu gelangen, und warum dann auf der Gegen- 
seite z. B. ein Weib an die Liebe des Mannes erst zu glauben verma;^. 
wenn sie solche Unbill von ihm erduldete. 

Ich bin dem sadistisch-masochistischen Probleme durch drei 
Erfahrungen näher gekommen. Einmal behandelte ich einen homo- 
sexuellen Jüngling, der auch starke masochistische Neigungen hatte, 
vor allem sich selber binden zu lassen. Schon nach wenigen Stundeii 
der Psychoanalyse kam er eines Tages froh bewegt zu mir: ,,Herr 
Doktor, ich hab's, woher meine masochistischen Wünsche stammen!" 
Und da ich ihn erwartungsvoll ansah, gab er den Bescheid: ,,Vom 
Eingewickeltwerden als Säugling!" — ,.Das werden ja alle Kinder';, 
entgegnete ich, 5,da müßten sie sämtlich masochistisch werden, was 
ja doch nicht zutrifft." Etwas niedergeschlagen, gab er die Richtigkeit 
des Einwandes zu, fuhr aber gleich fort: ,,Ieh kann nur sagen, ah 
mir dies gestern eingefallen war, da wurde mir auf der Stelle leichter.'' 
Hier hatte nun wieder der Kranke recht. Wir kennen ja die psycho- 
analytische Regel; Wenn dem Patienten nach einem Einfalle besser 
wird, dann ward zumindest eine Teillösimg gefunden. Ich wußte mir 
nur keinen Vers zu machen auf diesen Fund. 

Die zweite Erfahrung folgte in Bälde. Da hatte ich ein j^süßes 
Mädel" in Behandlmig, das nicht bloß ein reiches normales Liebes- 
leben pflog, sondern auch eine Fülle sadistisch-masochistischer Züge 
aufwies. In der Psychoanalyse erzählte sie von ihrer Defloration eine 
merkwürdige Geschichte. Nachdem die erste Blutung vorüber war, 
verhielt sie sich nicht wie andere Mädchen nach Tunlichkeit ruhig, 
sondern setzte sich an die Nähmaschine, um durch forciertes Treten 
derselben die Blutung von neuem anzuregen und möglichst zu steigern. 
Sie brachte es dadurch wirklich so weit, daß infolge ganz profuser 
Blutungen ein Arzt zu Rate gezogen werden mußte, der mit ihrer 
Bekämpfung so viel zu tun hatte, daß er schon die Überführung der 
Patientin ins Krankenhaus in Erwägung zog. Gab dies schon zu denken, 
so wirkte ein zweiter Zug noch mehr verblüffend. Die Kranke war 
scheinbar von einer ständigen Angst beherrscht, gravid zu werden. 



i'ber den sado-masochistischen Komplex. 159 

Dies schien bei ihrem expansiven Sexualverkehr nur zu begreiflich. 
Doch sehr bald stellten sich Symptome ein, welche dieser harmlosen 
Deutung widersprachen. Wenn Patientin nämlich die Menstruation 
soeben erst überstanden hatte, kam sie bereits am nächsten Tago 
mit dem Verlangen nach einem Mittel, um sie auf's neue hervorzurufen. 
D as war nun offenbar schon mehr als die Furcht, in Hoffnung zu kommen . 
und sprach für einen heimlichen Wunsch, genau wie nach der Deflo- 
ration recht viel und beständig Blut zu verlieren. Woher dieser Wunsch 
und was er bedeute, verstand ich damals freilich noch nicht. 

Ein volles Begreifen brachte mir erst meine dritte Erfahrung. 
Da behandelte ich einen klinischen Assistenten der Psychiatrie wegen 
Morphinismus, psychischer Impotenz und einer Eeihe hysterischer 
Symptome. Nachdem die Impotenz in etwa acht Tagen behoben worden, 
trat eine merkwürdige sadistische Seite der Krankheit zutage. Um 
überhaupt nämlich verkehren zu können, später, dann um den möglich 
größten Genuß zu finden, mußte Patient sich immer vorstellen, daß 
der weibliche Partner durch seine Angriffe zu leiden habe. Eine Dirne, 
welche seine spezifische Liebesbedingung sehr bald weg hatte, wußte 
ihn bald derart zu reizen, daß er nun fortab dauernd potent blieb. 
Am merkwürdigsten war mir folgende Szene. Nach etwa dreiwöchiger 
Behandlung kam er eines Tages mit freudestrahlendem Gesichte 
zu mir: ,3err Doktor, gestern ist es mir großartig gegangen! 
Ich habe nur eine Nummer gemacht, aber ich habe einen halben Tag 
danach Schmerzen gehabt!'' Ich sah den Kranken mit einem be- 
greiflichen Erstaunen an. Man stelle sich vor, ein Patient empfinge 
den Arzt in der Sprechstunde: ,,Mir ist es großartig gegangen, ich 
habe einen halben Tag Zahnschmerzen gehabt!" W^äre man da nicht 
leicht versucht, ihn sofort auf's Beobachtungszimmer zu schicken? 
Und der mir die freudige Botschaft brachte von jenen großartigen 
halbtägigen Schmerzen, war ein neunmal gesiebter, erfahrener Fach- 
mann, ein klinischer Assistent der Psychiatrie, also etwas, was gleicli 
nach dem Herrgott rangiert. Hier mußte wohl ein Besonderes stecken, 
das vielleicht anknüpfte an die Blutlust jenes süßen Mädels. Wie dieses 
offenbar vom Blutfließen nicht genug kriegen konnte und daraus eine 
besondere Lust zog, so mein Psychiater aus den Schmerzen in Urethra, 
die er ja mit ausdrücklichen Worten hervorhob. Es mußte also wohl 
in beiden Fällen mit der starken Reizung der jeweiligen Schleimhaut 
eine Lust verknüpft sein, welche jene Schmerzen weit übertönte. Das 
bestätigte auch der psychiatrische Kollege, indem er seinen freudige]i 



160 J. Sadger. 

Bericht fortsetzte: „Die Lust kam erst dann, als es anfing, weh zu tun, 
noch bei der Dirne, und das ist dann immer ein Zeichen von starker 
Erektion. Das Mädel hat auch gesagt: ,No, heut' ist das ganz anders 
als das letztemal!' Im Momente, da es mir weh tut, habe ich 
das Gefühl, es muß auch ihr weh tun, und dadurch steigt die 
Lust ganz rapid bis zum Ergüsse. Das ist förmlich sadistisch." 
Da hätten wir also die Lösung eines großen sadistischen Rätsels : man 
tut dem Partner im Liebesleben nicht darum weh, um ihn zu quälen, 
sondern weil man vom eignen Schmerz Lust empfindet, die man nun 
dem andern auch schaffen möchte. Ja, der vorausgegangene Schmerz 
wird dann zu einer ganz besonderen Würze der folgenden Lust, die 
er nach dem Gegensatzprinzip noch erheblich steigert, sowie auf einem 
andern Felde die feinsten Schweizer Eßschokoladen nicht einfach 
süß sind, sondern einen Beisohmack von Bitterkeit haben. Für diese 
Zusammenhänge lassen sich aus den Psychoanalysen immer wieder 
neue Beweise erbringen. So sagte z. B. eine Kratz- und Beißsadistin : 
,,Wenn ich einen kratze, muß ich das Gefühl haben, daß es ihm wehe 
tut und wohl zugleich. Merke ich nicht, daß es ihm auch wohl tut, 
so bleibt das Vergnügen völlig aus. Als junges Mädchen, das vom 
Koitus nichts wußte, stellte ich mir vor, daß man bei der Vereinigung 
den Mann nur umarme, küsse und die Nägel einsetze." Und ein männ- 
licher Patient erklärte geradezu, wenn auch nicht erschöpfend: „Der 
Sadismus ist überhaupt nur denkbar, wenn das Kind eine Freude an 
Schmerzen hat im.d dann den andern diese Wohltat nun auch erweisen 
wilP), wenn es also Lust empfindet, sobald es das erstemal Prügel be- 
kommt." 

Woher nun aber die große Lust am Gekratzt-, Gebissen- imd 
Geschlagen werden oder allgemeiner am eigenen Schmerze? Warum 
empfanden bei meinen ersten Erfahrungen die Patienten eine solche 
Freude, weim man sie band oder Blut ihre Scheide reichlich über- 
strömte oder endlich Schmerzen in der Harnröhre auftraten? Warum 
verspürten all diese Menschen dort eine Lust, wo andere Sterbliche 

1) Hierher gehört auch folgender Fall: Ein zärthcher Großvater pufft, 
balgt sich und schlägt seinen Enkel, endet aber das Spiel: ,, Schlag mich zurück!" 
Dann gibt er ihm einen Klaps aufs Gesäß, fügt aber gleich die Aufforderung hinzu: 
,.Hau mich wieder!" Zum Schlüsse dieses erbauHchen Treibens nennt er das 
Kind auch noch einen Hund, heischt aber sofort: ,,Sag mir auch, daß ich ein 
Hund bin, beschimpf mich, sag mir Schweinereien!** Hier sieht man deutlich, 
wie dem Großvater die physische und moralische ünbiil Vergnügen macht, die 
er darum auch aktiv seinem Enkel antut. 



üToer den sado-masochistischen Komplex. 161 

nichts weiter empfinden als Sclimerz und Unlust? Die physischen 
Schmerzen fehlten auch jenem natürlich niemals, ja es schien, als ob 
die sadistisch-masochistische Lust überhaupt an einen ziemlich hohen 
Grad des Schmerzes gebunden oder mindest durch einen solchen erst 
auf den Gipfel getrieben werde. Was liegt nun diesem Rätsel zugrunde? 

Da kamen mir einige Alltagserfahrungen in den Sinn. Nicht 
wenige Menschen empfinden, wenn harte Skyballa unter ziemlichen 
Schmerzen durchgetreten sind, hinterdrein ein direktes Wollustgefühl. 
Es müssen dies durchaus nicht starke Analerotiker sein, wenn bei 
diesen auch freilich die Lust schon konstitutionell verstärkt ist. Ferner 
pflegt bei der Sondenbehandlung der Impotenz die schmerzhafte 
Reizung der Hamröhrenschleimhaut periphere Lust und Fähigkeit 
zu Erektionen zu wecken. Jedermann kennt weiter die Wollust des 
Kratzens bei starkem Jucken, wobei oft geradezu schmerzhafte Ein- 
griffe mit höchstem Vergnügen empfimden werden. Am auffälügsten 
tritt dies beim nervösen Pruritus cutaneus zutage. Wie in den ersten 
zwei Fällen die starke Reizung der Schleimhäute und Muskeln, so wirkte 
irn letztgenannten Falle die mächtige Reizung der Haut erogen. End- 
lich kann man alle Tage schauen, daß Buben miteinander zu raufen 
beginnen aus reinem Vergnügen an der Muskelbetätigung und Haut- 
berührung Körper an Körper, wobei sogar der tmterUegende Teil trotz 
erhaltener Prügel noch Lust empfindet. Daß diese wieder ausgesprochen 
sexueller Art ist, beweist wohl der Umstand, daß viele ihre ersten 
Erektionen bei solchen Raufszenen wahrgenommen haben. Auch das 
regelm^äßige Verhalten der Kinder, die sich wehgetan haben, oft derart, 
daß ein Erwachsener sicher geschrien hätte, während sie nur einen 
Augenblick lang das Mäulchen verziehen oder gar sich den Schmer;^ 
,, wegblasen" lassen, ist hier anzureihen. Ich konnte jenes merkwürdige 
Verhalten dahin deuten, daß durch den schmerzhaften Insult die so 
mächtige Hauterotik des Kindes miterregt wird, wobei ein zwiespältiges 
Empfinden entsteht, nicht einfach Unlust wie beim Erwachsenen^). 

Es lag nun nahe, von diesen schmerzhaft-lustvollen Erschei- 
nungen auf ähnliche beim Algolagnismus zu schließen. Wissen wir 
doch, daß, während die Mehrzahl aller Menschen bei Aufnahme regel- 
mäßiger Geschlechtsbeziehungen die im Kindesalter so mächtige Haut-, 
Schleimhaut- und Muskelerotik verlieren, es manche gibt, bei denen 
letztere konstitutionell derart verstärkt ist, daß sie auch späterhin, 

^) Vgl. meine Studie: ,,Haut-, Schleimhaut- und Miiskelerotik". Jahrb. 
f. psychoanalyt. u. psychopath. Forschungen, Bd. III, S. 545 ff. 

Jahrbuch für psyelioanalyt. u. psychopathol. Forschniigen, V. -l 1 



162 J. Sadger. 

in reiferen Jahren, noch fortbesteht. Vielleicht, daß just die Sado- 
Ma?iochi3ten Menschen wären mit angeboren verstärkter und darum 
fortdauernder Haut-. Schleimhaut- und Muskelsexualität, die eben 
durch Schmerzen miterregt wird. Als ich mein analysiertes Material 
von etwa einem Dutzend Algolagnisten daraufhin durchging, stellte 
sich heraus, daß die genannte besondere Erotik in keinem einzigen 
Falle fehlte. Wohl aber waren fast regelmäßig mehrere Faktoren kom- 
biniert, also beispielsweise mehrere Schleimhäute besonders erogen, 
oder Haut und Muskulatur oder alle drei zusammen genommen, 
natürlich noch abgesehen von der psychischen Überdeterminierunj, 
der einzelnen Fälle. Das fand ich nun auch bei jenen weit häufigeren 
Sado-Masochisten bestätigt, bei welchen aus ungünstigen äußeren 
Umständen keine Vollanalyse zu machen war, sondern nur eine kurze 
Nachprüfung möglich. Auch hier versagte die oben angeführte Ätiologie 
in keinem einzigen Falle. Ebenso führte die Gegenprobe zu günstigem 
Ergebnisse, d. h. dort, wo in reiferen Jahren keine nennenswerte Haut-, 
Schleimhaut- oder Muskelerotik vorhanden, dort fehlten auch algo- 
lagnisehe Züge. So drängte sich mir allmählich die Überzeugung auf, 
daß die sadistisch-masochistischen Phänomene auf eine 
konstitutionell erhöhte Haut-, Schleimhaut- und Muskel- 
orotik zurückgehen. 

Um die Beweiskraft meiner Argumente noch zu erhöhen, sali 
ich mich nach anderer Bestätigimg um. Da fand ich zunächst in all 
meinen Fällen von Fetische - Sadismus oder - Masochismus neben 
der für den Fetisch von Freud aufgedeckten Biech- und Schaulust 
ganz regelmäßig die Haut- xmd Muskelsexualität im Vordergrund 
Rtohend. Es ist forner bezeichnend, daß Masoch selbst, nach dem 
j?ne Perversion getauft wurde, an argem Pelz-Fetischismus litt und 
daß die geistige Miterregung seiner Hauterotik stets erst den höchsten 
Orgasmus setzte. Die Venus, von der er gequält imd gedemütigt zu 
worden begehrte, mußte sich dazu immer in Pelz werfen. Auch seine 
besondere Vorliebe für Katzen imd ihr weiches Fell — gleichfalls eine 
Kombination von Fetischismus und Kratzmasochismua — die ich 
übrigens seitdem bei vielen Masochisten wiederfand, weist auf den 
tieferen Zusammenhang mit der Hauterotik hin. 

Einen weiteren Beweis nahm ich von den Erstlingsdramen unserer 
Dichter. Es ist höchst auffällig, daß es fast in allen von Mord und Tot- 
schlag förmlich wimmelt. Man denke z. B. an Schillers ,, Räuber*', 
Grrillparzers ,,Ahnf^au'^ Hebbels ,, Judith", und Grabbes ,, Herzog 



über den sado-masochistisclien Komplex. 163 

von Gotland''. Woher diese Freude an der Grausamkeit, am Morden 
und Kiederstechen bei den doch mindestens nicht ausnahmslos sadi- 
stischen Dichtern? ,,Es gibt Menschen", hat Goethe einmal gesagt, 
„die eine wiederholte Pubertät erleben". Dies gilt nun wohl in erster 
Linie von den Genies, insonderheit von den großen Poeten. Vor allem 
dauert bei den letzteren die normale Pubertät der Jiinglingsjahre 
weit länger als bei anderen Menschen imd auch die Abfassung ihrer 
Erstlingsdramen fällt regelmäßig in diese früheste Pubertät, Nun 
führte ich an anderer Stelle schon aus^), wie die Genialität der Mann- 
barkeitsjahre daher rühre, daß eine Zeitlang die rein genitale neben 
der infantilen Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik bestehe. Diese 
letztere Gruppe gibt mm das treibende Moment für den in den Erst- 
lingen so stark hervortretenden Sadismus der Dichter, der sich dann 
in den folgenden Dramen meist von selber verliert. 

Die letzte Bestätigung bot endlich die direkte Kinderbeobachtung. 
Es ist allgemein bekannt, wie grausam alle Kleinen sind, auch die au^ 
besterzogonen Kulturkreisen. Man weiß, wie bösartig sie beispielsweise 
Haustiere quälen, die ihnen wehrlos ausgeliefert sind. Man kennt ihre 
Neigung, Insekten die Flügel auszureißen, jüngere Spielgefährten zu 
schlagen oder ihnen gar noch ärger zu begegnen, und endlich lehrt 
die pädagogische Erfahrung, daß nur solche Bücher die Kinder wirkUch 
auf die Dauer fesseln, in denen es von sadistischen Zügen nur so 
wimmelt, wie z. B. der ,, Struwelpeter", „Max und Moriz" und wohl 
die allermeisten Märchenbücher. Auch wenn wir jene Publikationen 
prüfen, die jede wichtigere Lebensäußerung eines Kindes von seiner 
Geburt ab registrieren, gelangen wir zu den nämlichen Schlüssen. 
xVUerdings ist zu beachten, daß in den meisten Schriften dieser Art 
das Kind nicht einmal eine Verdauung hat, geschweige denn etwas 
wie einen Geschlechtstrieb. Doch immerhin lassen sich bei einzelnen 
der allerbesten, wie z. B. ,, Bubis erste Kindheit'* vom Ehepaare 
Scupiii, Züge feststellen, die meine These aufs beste unterstützen. 

Ich wähle aus dem letztgenannten Buche nur einige Züge 
aus dem ersten Lebensjahre des kleinen Ernst Wolfgang. ,, Gleich am 
Tage seiner Geburt müssen ihm die Händchen eingebimden werden, 
weil er sich das Gesicht zerkratzt hatte. Am zweiten Tage trägt Groß- 
mama, die sich zärtlich zu dem Kinde herabneigt, ein paar Kratz- 
wunden davon, die Fingerchen hatten sich so fest eingekrallt, daß es 

^) fliehe meine obzitierte Studie über flaut-, Schleimliaut- und Muakel- 
eratik, S. 545. 



164 J. Sadger. 

ihr einen Schmerzenslaut entlockte". Dann aus dem fünften Monate: 
,, Großes Vergnügen bereitet es dem Kinde, Spielzeug kräftig auf den 
Tisch zu hauen, sich selbst damit auf den Kopf zu schlagen und es 
schließlich mit heftigem Kuck auf die Erde zu werfen." Das geschieht 
20- bis 30mal hintereinander. Als die Mutter schließlich müde wird, 
das Spielzeug immer wieder aufzuheben, ist der Kleine sichthch un- 
zufrieden. Im neunten Monate wird „der sich zum Kinde nieder- 
beugende Vater plötzlich am Barte fest gepackt imd daran eine Art 
Klimmzug vollführt. Zerkratzen uns die unbarmherzigen Händchen 
das Gesicht, so daß wir vor Schmerz aufschreien, so kommt oft ein 
wahrhaft grausames Leuchten in des Knaben Augen; die 
Nasenflügel werden aufgebläht und roll höchstem Eifer und Gier 
fährt er mit seinen Martern fort, als da sind, einzelne Haare ausraufen, 
in die Augen greifen, zwicken und kratzen, streckt man die Zunge heraus, 

so kräht er jubelnd auf und krallt wild die Nägel hinein Wie 

scharf die Zähne schon sind, erfährt bei der täglichen Mundreinigung 
schmerzhaft Mutters Finger, in den das Kmd energisch und mit ge- 
radezu diabolischer Gier hineinbeißt". Man schaut hier deutlich, 
wie die mächtige Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik das grausame 
Verhalten des Kindes bedingt, wobei selbstredend auch in Anschlag 
zu bringen, daß dieses noch nicht völlig faßt, wie weh es dem andern 
damit tut. Im allgemeinen darf man sagen: Sowie sich beim Kinde 
jene Erotik regt, sind auch die ersten Grausamkeitsregungen präzis 
nachweisbar, ja diese fußen direkt auf ihr. 

Nun ein paar Belege zu meiner These von den Wurzeln des 
sado-masochistischen Komplexes. Eine Patientin erzählt von ihrer 
offenbar etwas invertiert-sadistischen Cousine: ,,Wenn sie mich allein 
sieht, eilt sie auf mich zu und stürzt sich auf mich, ich dürfte ein 
Mann sein. Sie zwickt mich an den Schenkeln und am Gesäß und sagt 
dabei: ,Laß mich doch ein bischen, das tut so wohl, wenn das Fleisch 
so hart ist! Ich kann dich so gut zwicken!' Sie hat davon sicher 
ein sexuelles Vergnügen, was ich ihr am Gesichte ablese. Denn bei 
sexuellen Dingen hat sie die Gewohnheit, die Zunge zusammenzurollen 
und sie zwischen den Zähnen hervorzustrecken, wobei ihre Augen 
noch besonders leuchten^)". Von der eignen Libido berichtet sie fol- 
gendes: „Im Momente der höchsten Leidenschaft muß ich meinen 
Mann in den Oberarm beißen. Ich weiß nicht, was ich vor Lust machen 
soll, da beiße ich eben. Ich spüre in dem Momente eine solche Kraft 

^) Man achte auf die Ähnlichkeit mit dem kleinen Scupin. 



über den sado-masocliistischeu Komplex. 165 

in mir, daß ich meinen Mann erdrücken würde, und da ich das nicht 
will, beiße ich ihn wenigstens. Darauf ist mir dann ein wenig leichter. 
Wenn ich meinem Gefühle nachgäbe, hätte ich ihn, glaube ich, schon 
erwürgt. Eigentlich habe ich im Momente der größten Lust das Be- 
dürfnis, ihn zu erdrücken, doch ich verliere nie die Besinnung beim 
Akte und halte mich zurück, damit ich ihm nichts tue. Gäbe ich meinem 
Verlangen nach, so käme er nicht lebend davon. Das Beißen ist also 
Ersatz für das Erdrücken. Das Umarmen spielt die Hauptrolle bei 
mir, das ist dasjenige, was mich am meisten reizt und zum Geschlechts- 
verkehr animiert". Von der Kindheit-eines Sadisten gibt seine Schwester 
folgende Kunde: ,5Er hatte schon als kleiner Knabe Zerstörerhände. 
Was er bekam, machte er rasch kaput. Einmal köpfte er die Soldaten 
meines Bruders, angebüch, weil sie ihm nicht gefolgt hatten. Meine 
Puppen zertrümmerte er, doch scheinbar unabsichtlich. Die Tassen, 
aus denen er trank, stellte er immer so heftig nieder, daß entweder 
die Tasse oder der Untersatz in Scherben ging und er eine Emailschalc 
bekommen mußte. Auch Bücher zerriß er häufig, weil er Düten brauchte." ■ 

Selbst wenn die mächtige Muskelerotik, die in all diesen Fällen 
im, Vordergrunde steht, dann künstlich, z. B. durch die Eltern xmter- 
drückt wird, kann sie zu einer wichtigen Quelle des Sado-Masochismus 
werden. In einer Anzahl von Fällen scheint es mir geradezu, als wäre 
just diese künstliche Unterdrückimg die psychische Ursache der 
Algolagnie. Wenn etwa ein Säugling wie in Fall 1 der Kasuistik das 
gewaltsame Eingewickelt- und Eingeschnürtwerden infolge seiner 
gesteigerten Haut- und Muskelerotik lustvoU empfindet imd 
später dem Knaben das Turnen von der Mutter untersagt wird, wofür 
er dann Ersatz in leidenschaftlichem Lesen sucht, wenn ein Mädchen 
stets angehalten wird, schön sittsam neben der Mutter zu gehen, statt, 
wie sie möchte, herumzutollen, wenn ein Schuljunge ganz geflissentlich 
von selber ,,brav" wird, d. h. seine Muskelerotik imterdrückt und 
statt herumzutreiben, lieber hinter seinen Lehrbüchern hockt, um 
so die Liebe seiner Mutter zu gewinnen, wenn endlich eine andere 
Mutter ihrem Jungen das Raufen mit der Schwester wehrt und sich 
dieser dann ungesühnt von semen Kollegen verhauen läßt, weil er nicht 
so ordinär sei, sich herumzuschlagen, dann hat sich in all den genannten 
Fällen eine schwere Algolagnie entwickelt. Auch psychologisch ist es 
gut zu begründen, daß die Unterdrückung einer Erotik sie in ganz 
ausnehmendem Maße erhöht. Gibt's doch bekanntlich kein besseres 
Mittel/ das Verlangen nach einem Manne zu steigern, als indem man 



166 J. Sadger. 

einer Liebenden diesen verweigert. Eine Dame schrieb treffend an 
Havelock Ellis (1. c. S. 171, xlnm. 1): „Der Mann kann ein Weib erregen, 
wenn er ihr verbietet, seine Liebkosungen zu erwidern; man kann 
das nur wenige Sekunden aushalten; üi dieser Zeit nimmt aber die 
Erregung mächtig zu." 

Von der Schleimhauterotik verdient eine wenig beachtete Form 
besondere Erwähnung: die von mir beschriebene Urethralerotik. Es ist 
seit Rousseau ganz allgemein bekannt, daß Schläge ad nates sehr 
leicht zu Erektionen führen, wofür man die mechanische Miterregung 
der nervi erigentes oder des spinalen Zentrums schuldtragend machte. 
Mich dünkt der Mechanismus doch anders zu liegen. In den meisten 
Fällen von passiver Flagellation, darunter in sämtlichen, die ich unter- 
suchen konnte, bestand nämlich neben der Gesäßerotik, die selbst- 
redend in erster Linie zu nennen, noch eine mächtige Urethralerotik, wie 
z. B. im Fülle Jean Jacques Rousseau. Was mich hindert,, diese Ver- 
bindung als konstant anzunehmen, ist wesentlich der Mangel der 
Gegenprobe, Es gibt nämlich sehr viele Urethralerotiker, die keine 
Neigung zur Flagellation besitzen. Hingegen geht sicher die häufige 
Kombination des Masochismus mit Urolagnie auf eine besonders ge- 
steigerte Urethralerotik zurück. Endlich wies Freud („Über infantile 
Sexualtheorien") für die Entstehung der sadistischen Koitiistheorie 
bei Knaben auf gewisse Peniserregungen hin, an die sich das erste 
Nachdenken über das Rätsel, woher die Kinder kommen, knüpft. 
Diese Erregungen in ruembro erinnerten sie aber an analoge, die sie neben 
angenehmen Sensationen in Haut und Muskulatur bei ihren Balgereien 
erfuhren. Solche Lustgefühle sind dann auch der Grund, daß ein Kleiner 
selten einer Rauferei aus dem Wege geht, selbst wenn er als Schwächerer 
alle Aussicht hat, verprügelt zu werden. Es ist wohl kein Zweifel, daß 
jene Sensationen im Gliede besonders gern und leicht dort auftreten, 
wo eine konstitutionell gesteigerte Urethralerotik den allergeeignetsten 
Nährboden schafft. Bemerkenswert ist übrigens die entsprechende 
Koitustheorie des weiblichen Geschlechtes. Da bestehe die Vereinigung 
von Mann und Weib in lieftigstem Anpressen, Umarmen und Küssen, 
was sadistische Mädchen dahin erweitern, daß es fast zum Erdrücken, 
zum Kratzen und Reißen, ja Blutigbeißen käme. Wo immer man aber 
das sado-masochistische Problem auch angeht, stets führt es wieder 
zur Haut-, Schleimhaut- und Muslielerotik zurück. 

Dies gilt nun auch für alle Theorien und Erklärungsversuche, 
die man aus unserer tierischesi Abstammung, aus der Beobachtung 



über den sado-masochistischen Komplex. 167 

wilder oder halbzivüi&ierter Volker sowie der moderuen Plebs und 
endlich von einigen anatomisch-physiologischen Tatsachen herleitet. 
Einige von ihnen will ich beleuchten, vrährend ich die mehr psychischen 
Faktoren einer späteren Besprechimg vorbehalte. So meint Havelock 
Ellis (1. c. S, 84 f.): ,,Die männHche Neigung, im Bewußtsein der Herr- 
schaft zu schwelgen, die weibliche Neigung, in der Unterwerfung auf- 
zugehen, knüpfen noch an die alten Traditionen an, vv'o das männliche 
Tier das weibliche verfolgte. . . . Wir müssen zugeben, daß eine gewisse 
Freude des Mannes an der Unterwerfung der Frau und den ihr zu- 
gefügten Schmerzen als ein Überbleibsel aus dem primitiven Liebes- 
leben und als beinahe oder ganz normale Begleiterscheinung des männ- 
lichen Geschlechtstriebes zu betrachten ist." V^as über die verschiedenen 
Formen der Eaubehe und der Gewaltanv^endung bei der Werburig 
primitiver Völker zu sagen ist, möge meai in den einschlägigen Werken 
nachlesen. Unter den Kulturnationen wurde yon den slawischen 
Frauen der niederen Volksklassen behauptet, sie fühlten sich beleidigt, 
wenn sie nicht ab imd zu von den Männern geschlagen würden. Ähn- 
liches wird aber auch von den migarischen Bäuerinnen, den Frauen 
der italienischen Karaorristen und des Londoner Eastends, endhch 
von den französischen Prostituierten erzählt in dem Verhalten 
gegen ihre Zuhälter^). In all diesen Fällen wird die Betätigung seiner 
Muskelkraft vom Manne als Erhöhung sexueller Vorlust, vom Weibe 
hinwieder die passive Erregung seiner Haut- xuid Muskelerotik erst 
als Beweis einer wirklichen Liebe des Mannes angesehen. Andeutungen, 
daß die Zufügung von Schmerz als sexuelle Lust empfunden wird, 
erlebt man jederzeit auch an den Frauen der besten und gebildetsten 
Stände. So s^gte mir z. B. der oben zitierte psycliiatrische Kollege 
aus seinen Liebeserfahrungen : j,Im Augenblicke, da man einen-i Mädchen 
Schmerzen bereitet, hat sie einen viel lieber, küßt sie leidenschaftlicher 
und wird viel inniger. So wie m,au ihr weh tut^ erwacht die Liebe*'. 
Einem andern Patienten sagte seine Frau, die er in der Hochzeitsnach 
,,um sie zu schonen", rait den Fingern defloriert hatte, direkt auf den 
Kopf zu: „Du liebst mich nicht, sonst hättest du nicht so gehandelt! 
In diesem Punkte wollen wir Frauen nicht geschont sein!'' 

Wir smd hiev bei einem interessanten Punkte, der wieder ::ur 
an atomisch- physiologischen Grundlage des sado-masochistischen Kom- 

*) Vgl. H<avclok Ellis L c, S. 80—82, ferner Ki äfft - Ebing, „Psycho- 
pathia sexualis", 13. Aufl., S. 29 — 31, endlich Thomas Barthoiin\is, zitiert 
bei Dühren, ,,Pas Ooschlethtsleben in Ergland", Bd. II, S. 378 ff. 



168 J. Sadger. 

plexes zurückführt. Einerseits nämlich wirken Schläge, in mäßigem 
Grade appliziert, direkt tonisierend auf den Empfänger, wie Galen 
schon wußte und neuerdings Charles Fere betont, während der 
Austeiler in einen sthenischen, zornähnlichen Affekt gerät, anderseits 
aber ist die Vulva, des normalen Weibes — der Jungfrau sowohl wie 
auch der Mutter — sehr wenig empfindlich, so daß es stärkerer An- 
regungen braucht, um die höchstmögliche Lust zu wecken. Drum 
machen dort Reizungen, die an anderen Schleimhäuten recht schmerzhaft 
wären, keine solchen Gefühle, sondern werden ledighch als Lusterreger 
perzipiert. So verlangen die Frauen der indonesischen Völker^ der 
Indianer von Nord- und Südamerika, Chinesinnen, manche Russinnen 
und Indierinnen die Anwendung von für die Rute des Mannes sehr 
schmerzhaften Apparaten, wie z. B. des Ampallang. Ja, ich glaube sogar, 
daß phylogenetisch die Entstehmig des Hymens auf diese Lusterregung 
zurückgeht. Dasselbe besitzen ja außer dem Menschen nur noch die 
anthropoiden Affen, welch beide Ordnungen bereits Linn e als ,, Herren- 
tiere" zusammenfaßte. Schon infolge seines so späten Auftretens in 
der Ahnenreihe kann es nicht wie andere überflüssige Körperteile, 
z. B. unser processus vermiformis als bedeutungslos gewordenes, ehemals 
aber sehr wichtiges Organ unserer tierischen Vorfahren angesprochen 
werden, ganz abgesehen davon, daß es nie einem andern Zwecke diente, 
als imter Schmerzen und wohl auch Lust zerrissen zu werden. Mich 
dünkt vielmehr, daß seine Entstehung zusammenhängt mit dem seit 
dem Menschenaffen so gesteigerten Liebesleben der ,, Herrentiere' \ 
Es ist eine immer von neuem zu bestätigende Tatsache, daß das Weib 
dem Manne, der sie mit Genuß deflorierte, zeitlebens treue Anhänglich- 
keit bewahrt. Man kann nicht selten von Männern hören, daß ein Weib 
nach Zerreißung des H}Tnens ausrief: ,, Jetzt hab' ich dich noch einmal 
so gern!" was zweifellos buchstäbliche Wahrheit ist. Überhaupt scheint 
beim Kulturweibe alles, was mit dem Geschlechtlichen zusammen- 
hängt, auf Schmerz gestellt. Schmerzhaft sind die Krämpfe bei der 
Menstruation, die man so bezeichnend ,,das Unwohlsein" heißt, schmerz- 
haft Defloration und Wehen, schmerzhaft die verschiedenen Neuralgien 
in der Gravidität und nicht selten endlich auch das Stillen des Kindes 
infolge von Schrunden an den Brustwarzen. Man könnte diese allge- 
meine Schmerzhaftigkeit beinahe als Züchtungserfolg ansprechen, 
um des Weibes Erotik aufs höchste zu steigern. Meint doch Otto 
Adler mit vollem Rechte (,,Die mangelhafte Geschlechtsempfindung 
des Weibes") : ,,Der Schmerz im Genitale ist eine bedauernswerte 



über den sado-masochistiscben Komplex. 169 

Domäne des weiblichen Geschlechtes und gibt vielleicht dem ganzen 
weiblichen Geschlechtstriebe die besondere Signatur, die ihn von dem 
männlichen unterscheidet", 

Den organischen Ursachen gesellt sich dann leicht ein Psychisches 
bei. Um zunächst bei einer Alltagserfahrung zu bleiben, so ist die Leich- 
tigkeit beachtenswert, mit der physische Schmerzen, z. B. der Ent- 
bindung, vergessen werden. Auch der heftigste Schmerz tut in der 
Erinnnerung nicht mehr weh. Das nämUche gilt von den Leiden der 
anderen. Wenn ein masochistisch veranlagter Knabe auch empfangene 
Prügel schon lustvoll empfindet, so mischt sich doch mindestens anfangs 
und ursprünglich eine gewisse Unlustempfindung bei infolge der 
Schmerzen. Anders jedoch, wenn vor seinen Augen ein Schulkollege 
geschlagen wird. Das weckt dann lediglich Lusterinnerungen, da ja 
die physische Unlustempfindung hier völlig wegfällt. „25 auf den 
Buckel eines andern tun nicht weh," sagte einmal Graf Taaffe. Das 
ist einer der Gründe — andere imd wichtigere werde ich später an- 
führen — weshalb so viele Masochisten angeben, zum ersten Male beim 
Anblicke von in der Schule geprügelten Kameraden wollüstige Er- 
regung empfunden zu haben. Endlich ist auch noch zu beachten, daß 
jede stärkere Gemütsbewegung eine sexuell iust volle Komponente 
abspaltet. Das erklärt die Fähigkeit ziemUch aller Menschen, die nicht 
schon in diesem Punkte verdrängten, aus großen Affekten stets auch 
sexuelle Lust zu ziehen, sogar aus peinlichen und überaus traurigen. 
Ich brauche nur an das wonnevolle Entsetzen zu erinnern, mit dem 
man Gruselgeschichten anhört, Hinrichtimgen beiwohnt, den Schau- 
platz eines großen Unglücks besucht oder halsbrecherischen Pro- 
duktionen zusieht, bei denen es auf Tod und Leben geht. So unglaublich 
es klingt, es lösen sogar die schweren depressiven Affekte, wie Kummer, 
Trauer und große Angst, oft starke sexuelle Empfindungen aus. Ein 
Patient mit starker Urethralerotik erzählte aus seinem zehnten Lebens- 
jahre, daß er einmal bei einem sehr gefürchteten Lehrer sich etwas 
verspätete. „Als ich beim Eintritte in das Schulhaus an der Schuluhr 
sah, daß ich zehn Minuten zu spät gekommen, überfiel mich eine 
furchtbare Angst und zugleich ein so schönes, wundervolles Gefühl 
im Penis, das ich nie vergessen werde. Ich war wie von einem Taumel 
erfaßt, so intensiv war es. Mein halbes Leben gäbe ich darum, wenn 
ich es noch einmal erleben könnte!" 

Ganz allgemein muß man scharf unterscheiden — und zwar 
gilt dies für sämtliche Formen des sado-masochistischen Komplexes — 



170 J. Sadger. 

zwischen den organischen Grundlagen desselben, id est der Haut-, der 
Schleimhaut- und Muskelsexualität, und aller weiteren Determiziierung. 
Wir müssen uns hüten, die wirklich spezifische oganische Wurzel, 
die wahre conditio sine qua non und die eigentliche Grundlage des 
Zustandekommens der Perversion in einen Topf zu werfen oder gar 
zu verwechseln mit den allerersten manifesten Symptomen im SäugUngs- 
und frühen Kindesalter oder, was die Patienten auch gerne tun, mit 
noch späterer psychischer Überbesetzung. Das ist schon darum besonders 
wichtig, weil begreiflicherweise die Patienten von dieser organischen 
Grundlage nichts wissen, sondern sie erst durch ihre eigenen Einfälle 
in der Psycho- Analyse kennen lernen. Was sie präsent im Bewußtsein 
haben imd darum auch immer schuldtragend machen, sind Kinder- 
erlebnisse imd höchstens noch einige seelische Beziehungen. So ver- 
meinte z. B. der Masochist der Einleitung, er wolle jetzt darum von 
einem Weibe gebunden werden, weil die Mutter ihn als Säugling in 
die Windehi gepackt imd dann eingeschnürt hatte. Ein anderer leitete 
sadistische Phantasien, Weiber mit einem Stricke zusammenzubinden, 
wieder davon her, daß er seine Mutter wiederholt ihr Korsett fest zu- 
sammenschnüren sah. Es liegt auf der Hand, daß beide Erfahrungen, 
die einfach jegliches Kind erlebt, nicht erklären können, warum just 
die beiden pervers geworden und nicht sämtliche Menschen, die über 
die gleiche Erinnerung verfügen. Anders liegt die Sache, wenn wir 
die richtige Schlußfolgerung machen: just diese beiden mußten bei 
sonst identischen Erlebnissen eine Dauerperversion davontragen, 
weil ihre konstitutionell verstärkte Haut- und Muskelsexualität sie 
jene alltäglichen, banalen Erlebnisse ganz besonders lustvoll empfinden 
ließ, während andere^Kinder da gleichgültig bleiben. Immerhin werden 
wir bei allen Formen der Perversion neben der organischen Grundlage 
des Prozesses auch die infantilen Erlebnisse und die seelischen Faktoren 
anführen müssen. 

Und noch eins lehren jene Erfahrungen, die große, wenn auch 
nicht spezifische Bedeutung der Eindrücke jeglicher Kinderstube, 
ja sogar der Säuglingszeit für die Symptomatologie unsrer Perversion. 
Hätte man die frühesten Kindheits jähre nur besser durchforscht, 
dann läse man in den Autobiographien der Sado-Masochisten nicht 
so häufig die Wendung, daß sich ihre perversen Phantasien und Ge- 
lüste schon vor jeder möglichen Erfahrung zeigten. Und auch 
Krafft-Ebing würde nicht immer nachdrücklich hervorheben, daß 
5, beim Masochisten der Trieb zur passiven Flagellation fast immer 



über den sado-masochistiscben Komplex. 171 

ab origine bestehe. Er taucht als Wunsch auf, bevor eine Erfahrung 
über reflektorische Wirkung gemacht wurde, oft zuerst in 
Träumen''^). Just die letzte Bemerkung, gerade das erste Auftreten 
in Träumen, daß z. B. ein Masochist mit sechs Jahren wiederholt in 
gleicherweise träumt, ,,es prügle ihn einAVeib ad uates"^)^ deckt jedem 
Kundigen den Zusammenhang auf. Wie alle Träume, besitzen auch diese 
Wurzeln aus den allerersten Lebensjahren, und es müssen da ähnliche 
Erlebnisse vorausgegangen sein, die der Kranke dann freilich nur im 
Unbewußten weiß und — in seinen Träumen. 

Vor Jahren schon hob Paul Federn in Wien in einem Vortrage 
die Bedeutung der Kinderstubenerlebnisse für die Symptomatologie 
des Masochismus hervor. Ich kann diese Behauptung nicht nur be- 
stätigen, sondern auch erweitern. Sehr häufig v^'erden die Symptome 
nicht erst durch die Erlebnisse des Kindes bestimmt, sondern schon 
des Säuglings. Eine Reihe von Kranken kommt im Laufe der Analyse 
selber darauf, daß die Phänomene ilirer Perversion ein Vorbild in den 
Erfahrungen ihres — Steckbettes haben, demnach das konstitutionell 
Verstärkte, die Haut- und Muskelsexuatität dort zum ersten Male 
in Erscheinung trat und dann die einmal gewonnene Gestalt nun 
dauernd und für immer festgehalten wurde . So vernahmen wir mehrfach 
die typische Phantasie, von einem Weibe gefesselt zu werden, und wie 
sich dieser masochistische AVunsch von lustvollen Säuglingserlebnissen 
herschrieb. Noch charakteristischer ist ein anderes masochistisches 
Gelüste : überfallen, gefesselt und fortgeschleppt zu werden. Auch 
dieses enthüllt sich als Reproduktion lustvoller Spiele zwischen 
Mutter und Kind. Schließlich muß jene doch ein Ende machen, packt 

^) ,,Psychopa.thia sexualis", 13. Aurfl., 8. 107. Ahnlich urteilt selbst 
Havelock Ellis (1. c, S. 159 f.): ,, Diese Assoziation (zwischen der Vorstellung 
des Gsfesseltseins und angenehmen sexuellen Eaipfindungen) tritt oft in sehr 
zartem Alter auf und ist von ganz besonderem Interesse, weil sie in vielen Fällen 
durchaus auf keine persönliehc Erfahrung oder zufällige Ideen- 
verbindung zurückzuführen ist. Es scheint sich hier um rein psychische 
Piiantasien zu handeln, gegrlmdct auf die elementare physische Tatsache, daß 
Beherrschung des Affektes wie die Verzögerung seiner Entladung den Affekt 
steigert." Femer S. 137: ,,In vielen, Avenn nicht den meisten Fällen übt die Idee 
des Peitschens ihren Einfluß auf das Sexualleben aus, ganz unabhängig von 
persönlichen Erlebnissen, manchmal bei Personen, die nie geschlagen 
worden sind, ja selbst bei solchen, die Schläge kennen und nichts als Wider- 
w'illen gegen ilire tatsächhche Verabreichung fühlen, während sie sich von der 
Vorstellung derselben angezogen fühlen.'' 

2) Vgl 1. c, Beob. 52, S. 105, .-^uch Beob. ^.5. 



172 J. Sadger. 

ihren Kiiaben, schlägt ihn in Windeln und schnürt ihn zu (überfallen 
und fesseln), um ihn dann in eine Wiege zu tragen (fortschleppen). Man 
sieht, wie die spätere perverse Phantasie sich genau an das Erlebte 
hält. Auch der lustvolle Zwang, den einzelne Masochisten ersehnen, 
Tiat die nämliche Genesis. Von der Mutter in die Windeln gepackt zu 
werden, ist wohl der erste lustvolle Zwang, zu welchem dann als zweiter 
noch kommt, seine Bedürfnisse rechtzeitig befriedigen zu müssen. 
Hingegen ist der häufige Wimsch, einem schönen Weibe als Tragtier 
zu dienen, einfach Umkehrung des in der allerersten Kindheit selber 
Erlebten. Damals wurde man ja von der Mutter oder Pflegepersou 
tatsächlich getragen, was sicher hohe sexuelle Lust gab. 

Wenn so viele Masochisten zu betonen nimmer müde werden, 
nicht Schläge machen den Hauptreiz für sie aus, sondern das Bewußt- 
sein, in Gewalt und Botmäßigkeit eines geliebten Weibes zu stehen, 
so haben sie recht. Es ist wohl überflüssig, zu erklären, wer diese 
Geliebte ursprünglich war, die typische ,, Herrin" oder „Göttin", 
imd wann sich deren despotische Gewalt ganz unumschränkt geltend 
zu machen vermochte. Gibt es doch keine größere Abhängigkeit als 
die des absolut hilflosen Säuglings von seiner ersten Pflegeperson, 
die allgemein als ,, Mutter" erinnert wird. Wenn Eulenburg meint, 
daß zur sinnlichen Erregung die Vorstelhmg beitrage, ,,eine geliebte 
oder doch erotisch begehrte Person ganz als Kind behandeln zu 
dürfen, sie völlig unterjocht und unterwürfig zu wissen, 
über sie despotisch schalten zu können"^), so hat er den Nagel 
weit besser getroffen, als er selber wohl ahnte. Nun schlägt ja die Mutter 
ihren Säugling wenigstens nicht ständig, nicht einmal tätschelnd und zur 
Liebkosung, wohl aber steht dieser fast immer willenlos in ihrer Gewalt 
und sie kann despotisch über ihn verfügen. Diese lust volle Urerinnerung 
der Kindheit nochmals zu erleben bei einem herrischen, stolzen Weibe, 
ist darum für soviele Masochisten der Gipfel ihrer Lust. Die sexuelle 
Hörigkeit und Unterwürfigkeit findet nicht erst, wie Krafft-Ebing 
meint, in dem Liebesleben zwischen dem reifen Manne und der reifen 
Frau statt, sondern in einer weit früheren Epoche, in der Liebe zwischen 
Mutter und Säugling. Wenn Masochisten nicht selten angeben, ihre 
Neigung wende sich ausschließlich solchen Frauen zu, die älter seien 
als sie selber, jimge Mädchen interessieren sie gar nicht, so liegt die 
Beziehung zur Mutter auf der Hand. Aber auch wo ein jüngeres Mädchen 



1) „Sexuelle Neuropathie", Leipzig, 189ö, S. 121. 



über den sado-masochistischen Komplex. li'o 

begehrt wird, ist es häufig die Mutter, die dem Säuglinge eben als 
solches erschien. 

Eine Reihe seltsamer sadistischer wie masochistischer Gelüste 
wird erst verständlich, wenn man das Verhalten der Mutter zu ihrem 
Säuglinge heranzieht, in zweiter Linie zu ihren etwas größeren Kindern. 
So äußert sich ihre Affenzärthchkeit häufig darin, daß sie den Säugling 
am ganzen Körper abküßt, auch an den allerintimsten Partien, wie den 
Genitalien, ad nates vel anum^). Die gelegentliche Forderung eines 
Sadisten, die Geliebte solle ihn ad posteriora küssen, womöglich sogar 
noch vor anderen Leuten, spricht direkt für gleiche Erlebnisse des 
Säuglings, die damals wenig Anstößiges hatten. An anderem Orte^) 
sprach ich schon aus, daß, abgesehen von Überfüllungserscheinungen, 
ganz kleine Kinder nur geliebte Personen mit ihrem Urin oder ihren 
Exkrementen bedenken, was ihnen geradezu Liebesbeweis ist. Die ganze 
Uro- und Koprolagnie hängt mit diesem infantilen Verhalten zusammen 
und fußt noch tiefer und organisch auf verstärkter Urethral- und 
Analerotik. Hält man sich dies vor Augen, dann erscheint es nicht 
mehr ungeheuerlich, daß gleiche Beschmutzungen von Sadisten oder 
Masochisten erfolgen oder lustvoll begehrt werden. Der Begriff der 
Besudlung kann später auch auf andere^ schädigende Flüssigkeiten 
ausgedehnt werden, wie z. B. Tinte oder Schwefelsäure. 

Weitere Symptome der Algolagnie gehören schon einem etwas 
späteren Kindesalter an. So das Knien des Masochisten vor der 
Geliebten, ferner Liegen oder Sitzen zu ihren Füßen, was ein Klient 
Krafft-Ebings als ,, Pagismus" bezeichnete, d. h. das Verlangen, 
der Page eines schönen Weibes zu sein. Das letztere übte auch Sacher- 
Masoch selbst, der mit Frau von Kottowitz, der Fürstin Bogdanoff 
und der Baronin Pistor solche Szenen aufführte und sich sogar in 
dieser Position photographieren ließ. Daß die Mutter spielerisch dem 
geliebten Kinde auf den Nacken tritt^), es ein andermal wieder wegen 
eines Vergehens beschimpft oder auszankt, oder endhch das Kind 

^) Ich glaube auch, daß die Redensart ,,Du kannst mich gern haben" 
oder das synonyme und noch vulgärere Zitat aus ,,Götz von Berlichingen" von 
die3er mißbräuehHchen Zärtlichkeit stammt und uraprünglich völlig ernst gemeint 
war. Man denke ferner an die Huldigung der Hexen für den Teufel durch den 
ICuß auf den Hintern. 

2) „Über Urethralerotik", Jahrbuch f. psychoanalyt. Forschungen, Bd. II, 
S. 414 f. 

3) Der Wunsch des Masochisten, die Herrin solle ihm den Fuß auf seinen 
Nacken setzen, hat freilich noch andere Wurzeln. Vgl. z. B. Fall 1 der Kasuistik. 



174 J. Sadger. 

■die Mutter um Verzeihung bitten muß, bisweilen sogar mit aufgehobenen 
Händen, dies alles kehrt in algolagnistischen Veranstaltungen wieder. 
So heischt ein Sadist von seiner Geliebten, sie solle ihm die Hand küssen, 
ihm „untertänig sein'*, was natürlich einst sein eigenes Verhalten zur 
Mutter gewesen, und endlich sogar die Paedicatio, weil er einst von 
jener mit Lust klystiert worden und nun selber die Rolle der Mutter 
spielt. Beim Verlangen aktiver und passiver Flagellanten nach Sehlägen 
am liebsten auf entblößte nates wirkt neben einer Reihe anderer Um- 
stände, auf die ich später zurückkommen werde, auch die Erinnerung 
mit an das liebevolle Getätscheltwerden des nackten Säuglings, in 
zweiter Linie an die Exekutionen der ersten Kindheit, die der Algolagnist 
wegen seiner erhöhten Haut-, Urethral- und Muskelerotik lustvoll 
empfand. Hier ist auch der Ursprung der „strengen Herrin", der „Ge- 
bieterin*' zu suchen. Daß sich dies masochistische Ideal von der 
„strengen Herrin** in Wirklichkeit so selten findet, während jene Sehn- 
sucht das perverse Denken so häufig tyrannisiert, rührt einfach daher, 
daß es viele strenge Mütter gibt, die darum noch keineswegs auch 
geschlechtlich den Mann beherrschen. Sehr treffend bemerkt ein solcher 
Patient, dessen Selbstbiographie K r a f f t-E b i n g^) mitteilt : , , Soof t 
ich zu weiblichen Wesen in nähere Beziehungen getreten bin, habe 
ich den Willen des AVeibes dem meinigen unterworfen gefühlt, nie um- 
gekehrt. Ein Weib, das Herrsoherlust innerhalb der geschlechtlichen 
Beziehungen manifestiert, habe ich niemals begegnet. Frauen, die 
im Hause regieren wollen, und sogenanntes Pantoffelheldentum sind 
etwas von meiner erotischen Vorstellungen ganz Verschiedenes." 

Durch die Zurückführung auf die Erlebnisse des Säuglings und 
ganz kleinen Kindes erledigt sich noch ein anderer Irrtum, den ins- 
besondere Krafft-Ebing propagierte. Der genannte Forscher hat 
zumal bei Erklärung des Masochismus, aber auch des Sadimsus nicht 
die Lust am Zufügen oder Erdulden des Schmerzes, sondern an der 
Unterwerfung und Demütigung in den Vordergrund gestellt. Abweichend 
hiervon markierte S c h r e n c k-N o t z i n g den organischen Faktor, 
indem er statt Sadismus und Masochismus die Bezeichnung einführte: 
aktive und passive Algolagnie, zu deutsch Schmerzgeilheit. Dieser 
neue Name hat durchgegriffen und sich heute wohl allgemeines Bürger- 
recht erobert. Dagegen kehrte sich nun Krafft-Ebing in scharfen 
Worten: „Aus diesen Fällen von ideellem Masochismus wird vollkommen 



*) ,,Psychopatlüa sexualia", 7. Aufl., S. 95 f. 



über den sado-masocblstisclien Komplex. 175 

klar, daß es den mit dieser Anomalie Behafteten durchaus nicht darauf 
ankommt, Schmerz zu erleiden, imd daß demnach die von Schrenck- 
Notzing und von Eulenburg versuchte Bezeichnung dieser Anomalie 
als „Algolagnie" nicht das Wesen, den seelischen Kern masochistischer 
Gefühls- und Vorstellungsweise trifft. Dieser ist das wollüstig betonte 
Bewußtsein, dem Willen einer andern Person unterworfen zu sein, 
imd die ideelle oder wirkliche Markierung einer Mißhandlung seitens 
einer solchen Person ist nur Mittel zum Zwecke der Erreichung eines 
solchen Gefühls^)." 

Ich brauche wohl nicht erst auseinderzusetzen, daß ich mich 
auf Seite Schrenck-Notzings stelle. Vertrat ich doch immer, der 
organische Faktor sei die entscheidende Krankheitsursache, nicht, 
was so gerne schuldtragend gemacht wird, die psychische Umkleidung 
oder früheste Symptome der Perversion. Nie darf man die letzteren 
als das Primäre ansehen wollen, sondern höchstens als erste Er- 
scheinungsform der verstärkten Haut-, Schleimhaut- und Muskel- 
erotik^). Ich habe an dem Schrenck-Kotzingschen Terminus „Algo- 
lagnie", zu deutsch ,, Schmerz — Geilheit", bloß auszusetzen, daß 
er doch etwas zu eng gefaßt ist. Denn wie aus dem Beispiel des ideellen 
und symbolischen Sado-Masochismus deutlich hervorgeht, braucht 
es zum Schmerze überhaupt nicht zu kommen, es genügt mitunter 
auch schon die Anregtmg der Hauterotik, wie bei den Sadisten, die 
ihre Opfer einölen oder einseifen, ja gelegentlich das Vfort, wie bei 
der Lust am Schimpfen und Beschimpft werden, wo höchstens von 
einem psychischen Schmerze die Rede sein könnte. 

Ich kann auch die weitere Behauptung Krafft-Ebings nicht 
akzeptieren, daß Unterwerfung oder gar Demütigung im Grunde 
begehrt wird. Es wäre auch gar nicht einzusehen, warum ein sonst 
vernünftiger Mensch durchaus Erniedrigung anstreben sollte. Nach 
meiner psychoanalytischen Erfahrung handelt es sich auch keineswegs 
darum, sondern stets nur um ein Wiedererleben all jener Dinge, die 
der Perverse wegen seiner Haut- und Muskelerotik als Kmd mit solcher 
Lust empfand. Was jetzt beim Erwachsenen den Anschein von De- 
mütigung, Unterwerfung und Erniedrigung weckt, hatte für den Säug- 
ling ganz andere Bedeutung. Es war der Ausdruck seiner Hüflosigkeit 
und der großen Lust, die er dabei durch das hebevolle Tun der Mutter 

1) ,,PäyGhopathia sexualis", 13. Aufl., 8. 123. 

2) Was an den Krafft - Ebiagschen Anschauungen psychisch und von 
der Gratisamköitskomponente her richtig ist, wird später zur Erörterung kommen. 



176 j, Sadger. 

empfand. Weil dieses Tun, die Pflege wie das Spiel, nur an seinem 
Körperchen stattfinden konnte, durch wollüstige Erregung seiner 
Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik, dnun kam es dann eben bei 
Disponierten zum Sado-Masochismus. Ist es doch bezeichnend, daß 
selbst, was als tiefste, erniedrigende Demütigung imponieren könnte, 
wie etwa die Uro- und Koprolagnie oder Küsse ad nates, wenn nicht 
gar ad anum, im Leben des Säuglings ganz ausgesprochene Liebesakte 
vorstellen ohne auch nur den allermindesten Beischmack von Unter- 
werfung oder arger Demütigung. Also nicht eine Knechtung oder gar 
Erniedrigimg heischt der Masochist, sondern einzig nur Liebe, jene 
heißeste Liebe, die er je erfuhr in seinen genußreichen Säuglingstagen ! 
Sehr schön sagt Ellis (1. c. S. 163): „Der Masochist wünscht Schmerz 
zu erfahren, doch er soll ihm in Liebe zugefügt werden; der Sadist 
wünscht Schmerz zuzufügen, aber in manchen, wenn nicht in allen 
Fällen, wünscht er, daß jener als Liebe gefühlt werde.'' 

Nun noch ein Wort von den entfernteren psychischen Beziehungen 
des sado-masochistischen Komplexes, Zwar reichen sie an Bedeut- 
samkeit bei weitem nicht an die Erlebnisse der Säuglings- und Kinder- 
zeit oder vollends gar die organischen Grundlagen der Perversion, 
doch besitzen sie immerhin einen gewissen sekimdären Wert und 
werden vor allem von den Kranken selber als vermeintliche Wurzel 
ihrer Abirrung gern ins Treffen geführt. Sadisten z. B., die andere binden 
oder wenigstens davon phantasieren, Masochisten, die heißes Ver- 
langen treibt, sich von einem Weibe fesseln zu lassen, leiten dies ganz 
regelmäßig von dem Sichzuschuüren der Mutter beim Korsettanlegen 
und dann noch früher von ihrem eigenen Eingewickelt- und Zugebunden- 
werden als Säugling her^). Wieder andere Beziehungen bieten ihnen 
fest einschnürende Handschuhe, lun den Gürtel recht eng zusammen- 
gezogene Frauenröcke oder gar Strumpfbänder, femer die Gewohnheit 
so mancher Mütter, ihre Kinder auf dem Topfe festzuhalten, indem sie 
sie bei beiden Handgelenken packen, oder endhch die zärtUche Um- 
schlingtmg der Mutter, die das Kind aus Leibeskräften versuchte, 
sodaß jene sich vermeintlich nicht wehren konnte. Eine reiche Auswahl 
dieser und anderer Möglichkeiten gewährt Fall 1 der nachfolgenden 
Kasuistik, 



^) Man könnte einwenden, daß es sich bei diesen und anderen Beziehungen 
doch auch um Physisches und nicht Psychisches handle. Dem gegenüber muß 
man festhalten, daß nicht das Körperliche Hauptsache ist, vielmehr die Vor- 
stellung der Zärtlichkeit oder auch die Identifikation mit geliebten Personen. 



über den sado-masochistisclieu Komplex. 177 

Auch das Schlagen gibt manche psychische Beziehungen. Zu 
beachten ist vorerst, daß Tätscheln mid leichtes Schlagen aufs Gesäß 
die am häufigsten geübte Zärtlichkeit der Eltern darstellt, welche dann 
beim Kinde die hochbedeutsame Gesäßerotik weckt. Im Grunde sind 
ja Prügel nichts anderes als eine quantitative Verstärkung jenes zärt- 
lichen Tätscheins. Bei manchen Kindern wirkt feiner mit, daß sie nach 
applizierten Schlägen, wenn sie gebührend um Verzeihung gebeten, 
doppelte Liebkosung von unvernünftigen Eltern erhalten. Wo solche 
günstige Bedingungen vorhanden, provoziert ein Kind nicht selten 
direkt durch Unarten Prügel. Mütterliche Zärtlichkeit schlägt oder 
tätschelt weiter noch gern auf die prallen Schenkel, vras viele dann 
später vermeintlich spontan an sich selber wiederholen. Die Lust am 
Prügeln und Geprügeltwerden wird oft verstärkt durch die Lektüre 
schlechter Märchen, in denen es von geschlagenen Kindern nur so 
wimmelt. Wie einer m,einer Kranken sich ausdrückte, sind schlechte 
Märchen die Kolportageromane der Kleinen. Eine weitere Beziehung 
gibt endlich noch das mitunter geduldete Zurückschlagen der Kinder 
in Scherz und Ernst. Bedenkt man, daß die sadistische Koitustheorie 
als Geschlechtsverkehr annimmt, die Mutter werde vom Vater ge- 
liauen, so wird man auch hier die sexuelle Absicht des Kindes durch- 
schauen. Am höchsten steigt die Lust, wenn die Großen sich anstellen, 
als täten ihnen die Schläge weh, und vielleicht noch hinterdrein mit 
Kuß oder anderer Zärtlichkeit lohnen. Sadistische Eltern pflegen 
wohl auch — ich kenne mehrere solcher Fälle — ihre Kinder ,,aus 
Liebe" in den — Bauch, die Wange oder Fingerchen zu beißen, 
was von den Sprößlingen stets mit Behagen und sichtlichem Lust- 
gefühl aufgenommen wird. 

Wann eher Sadismus, wann eher Masochism.us zur Entfaltung 
kommt, hängt vermutlich von besonderen organischen Vorbedingungen 
ab und vielleicht auch noch von psychischen Momenten, von denen 
ich insgesamt nur wenig weiß. So fand ich die aktive Algolagnie oft 
in der Nachkommenschaft von Potatoren und Epileptikern (und 
natürlich auch Sadisten), bei denen die motorische Erregbarkeit ja 
besonders gesteigert ist und leicht zu großen Exzessen führt. Ein 
Nationalzug der Engländer, ihre Brutalität, wird von Iwan Bloch 
mit ihrer ganz besonderen Vorliebe für Flagellation in Beziehung 
gebracht. Für ererbte organische Disposition zur Algolagnie spricht 
ferner das häufige familiäre Auftreten, d. h. wo ein Sadist in der lui- 
}nilie ist, sind gewöhnhch noch mehrere Geschwister und Verwandt*^ 

1 9 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. V. 



178 J. Sadger. 

mit dieser Perversion behaftet. Als psychischer Faktor dürfte oft über- 
fttrenge Erziehung bei Disponierten zum Masochismus, nachgiebige, 
alles gewährende Verziehung zum Sadismus führen. Im Hinblick auf 
die Säuglings- und Kindererlebnisse kann man im allgemeinen sagen, 
daß der Sadist gewöhnlich die Rolle seiner Mutter spielt, der Ma- 
sochist aber die des Kindes, wenn dies auch nicht ohne Ausnahme 
zutrifft. Erwägt man, daß auch im normalen Liebesleben der Mann 
in der Regel unbewußt die Rolle der Mutter mimt,^) das Weib hin- 
gegen jene des Kindes, so scheint auch von diesem Standpunkte 
aus der Sadismus als Steigerung der spezifisch männlichen Werbe- 
aggression, sein Widerpart als solche der weiblichen Schwäche gut 
zu vertreten. 

Interessant sind femer die Verdrängungserscheinungen. Im 
Alltagsleben bringt die Verdrängung des Sadismus unter anderem 
zustande, daß jemand nicht mehr traurige Geschichten zu lesen vermag, 
einen Roman entweder abbrechen muß oder höchstens mühsam fertig 
bringt, sobald er eine unglückliche Wendung nimmt, oder in den Zei- 
timgen sämtliche N*achrichten. überschlägt, die von Raub und Mord 
und Unglücksfällen handehi. Ich kenne Ärzte, die in wahnsinnige Er- 
regung kommen, wenn sie Arterien spritzen sehen, andere wieder, 
die Blut zwar schauen, doch davon nimmer reden hören können. Nicht 
v/enige Leute gehen jeder traurigen Sache aus dem Wege, ja, flüchten 
direkt oder verschKeßen die Augen, wenn derartiges ihnen über den 
Weg läuft. Ein klassisches Beispiel hiefür ist Goethe, der diesen Zug 
von seiner Mutter erbte. Schreckte doch die Frau Rat, die bekannte 
,,FrohnatuT'*, vor Traurigem und Leidigem derart zurück, daß sie dies 
nicht einmal anhören mochte. Den Dienstleuten war es streng untersagt, 
ihr Unangenehmes je zu vermelden, und selbst von der Krankheit 
des gehebten Sohnes erfuhr sie erst dann, als jede Gefahr abgewendet 
worden. Ganz ähnlich verhielt sich der Dichter selber. Vom Sterben 
geliebter Personen, z. B. Schillers, durfte man dem Geheimrate nie- 
mals erzählen und, als er selber einmal erkrankte, seines leidenden 
Zustands ja nicht gedenken. Selbst Abschied zu nehmen, wenn er 
verreiste, war ihm so peinlich, das er dies nach Möglichkeit unterließ. 
Er, der schon im zarten Kindesalter das ganze Tongeschirr seiner 
Eltern zerschlug — eine unverkennbar sadistische Handlung — dann 
bis weit hinein in die Weimarer Jahre ein tolles und wüstes Leben ge- 

^) Vgl. hierzu ,,Die Onanie**, ll Beiträge zu einer Diskussion der Wiener 
Psychoanalytischen Vereinigung, Wiesbaden, 1912, S. 24 ff. 



über den sado-masocliistischen Komplex. 179 

führt hatte, legte sich endlich in späteren Jahren nach Unterdrückung 
seines Sadismus eine majestätische Jupiterrolle zurecht. Freihch 
vermochte diese nicht zu hindernj daß selbst dem Sechziger die Er- 
mahnung fast zur Gewohnheit wurde: ,,Ru-hig, ruhig! Nur Ruhe!" 
die er anderen zurief, oft wenn sie noch oder schon ruhig waren. „Sie 
schien zugleich eine laut gewordene innerliche Selbstaufforderung 
zu gelassenem und besonnenem Verfahren zu sein'', wie ein Zeitgenosse 
meldet. Die Unterdrückung sadistischer Regujigen vermag nicht selten 
bereits in der Kindheit Symptome zu setzen. So kann die Verdrängxmg 
der Lust am Schlagen dazu führen, daß ein Kind absolut keine Schläge 
verträgt, bei sich so wenig als bei anderen, weil es da stets in ganz un- 
glaubliche Aufregung fällt. 

Ich kann diesen allgemeinen Teil nicht schließen, ohne auf die 
Zusammenhänge einzugehen von Erotik imd Grausamkeit. Die letztere 
scheint als Erbteil unsrer Vorfahren direkt ein Teil der Ichtriebe zu 
sein. Macht auszuüben, ist ja einer unserer ursprünglichsten Impulse 
und schon imsere prähistorischen Vorfahren, wie die unzivilisierten 
Völker der Jetztzeit, haben sich an Martern unterworfener Feinde 
geweidet und vergnügt. Das scheint nun mit der Sexualität so gut 
wie keinen Zusammenhang zu haben. Doch ebenso wie Freud eine 
tiefere Verbindung von Nahrungstrieb und Erotik nachweisen konnte, 
so deckt auch die Prüfung der Grausamkeitsregungen mindestens frühe 
Zusammenhänge auf mit der Sexualität. Betrachten wir einmal das 
Gebaren der Kinder. Wie kommt es denn eigentlich, daß diese jetzt 
grausam und gleich darauf wieder zärtlich sind? Eins muß man natürUch 
von vornherein ausschalten. Es gibt ehie Menge von scheinbaren Grau- 
samkeiten der Kleinen, die es in Wirklichkeit gar nicht sind, sondern 
daher rühren, daß jene die Tragweite ihrer Handlungen noch nicht 
begreifen. Allein selbst wenn wir von solchen absehen, erübrigt noch 
eine Fülle von Taten, die offenkundig grausam sind und als solche 
von den Kindern auch verstanden werden. Aus selbstbiographischen 
Mitteilungen der Dichter^) und den Analysen unsrer Neurotiker wissen 
wir z. B., daß unter den Knaben ganz fürchterliche Quäler sind, die 
es an Lust zu martern und zu peinigen mit einem Inquisitor aufnehmen 
könnten. So erzählte ein Kranker mit traumatischer Hysterie mir 
in der Analyse, wie er als etwa zehnjähriger Junge von einem um drei 
Jahre älteren Knaben, nota bene dem Primus seiner Klasse, psychisch 

^) Vgl. hierzu die autobiographische Erzählung ,,Joggoli'* von C. H. Heer, 

S. Iö3— 160. 

12* 



180 J. Sadger. 

wie physisch gepeinigt wurde. Wie dieser ihn vorerst zur Leerung seiner 
Sparbüchse hinter dem Rücken seiner Mutter beredete, dann mit 
der Drohung, alles zu verraten, noch zwingen wollte, die Mutter zu 
bestehlen. Als dieses Ansinnen zurückgewiesen wurde, begann er dem 
Jüngeren nicht bloß mit der Aussicht zuzusetzen, er werde seine Tat 
in Stadt und Gymnasium herumerzählen und ihn so unheilbar kom- 
promittieren, sondern ihn Abend für Abend trotz aller Bitten fürchterlich 
zu verhauen, am Kopfe zu reißen, zu knuffen imd zu stoßen. Trotzdem 
nun der Knabe durch ein offenes Bekenntnis sich sofort hätte helfen 
können, sein Vergehen auch keineswegs gar so schlimm war, ließ er 
sich doch täglich quälen und martern, und zwar durch viele Wochen 
hindurch. Solche imd ähnhche Berichte wecken den starken Verdacht, 
daß Grausamkeit nicht die einzige Triebfeder solcher Taten ist, sondern 
wie z. B. in imserem Falle die beiden Knaben noch einen besonderen 
Lustgewinn zogen sowohl aus dem Zufügen als dem Erleiden all jener 
Martern. Eine Ansicht, die noch dadurch mächtig an Boden gewinnt, 
daß nach den Ergebnissen der Analyse der Jüngere in den Peiniger fraglos 
verliebt war. Mich will bedünken: ein jeder Sadist, welcher quälen 
will, findet einen Masochisten, der mit imzweifelhaft großem Genüsse 
sich quälen läßt. 

Sehr früh, bereits in den Säuglingsmonaten, sind Anastomosen 
der. Grausamkeitsimpulse mit gewissen Komponenten des Geschlechts- 
triebs nachweisbar. Ich erinnere an das eingangs gegebene Beispiel 
des kleinen Scupin. Schon am zweiten Tage seines jungen Lebens 
kratzt er die Großmutter derart heftig, daß diese aufschreit. Doch 
verhielt sich der Knabe damals noch anscheinend indifferent. Allein 
aus seinem neunten Monate notiert die Mutter, daß, wenn er jetzt 
den Eltern das Gesicht zerkratzt, ,,oft ein wahrhaft grausames 
Leuchten" in seine Augen kommt, und wenn er Mutter in den Finger 
beißt, so geschieht dies ,,mit geradezu diabolischer Gier". Wir kennen 
diese und ähnliche Zeichen von späteren Äußerungen ganz im verkenn- 
barer Erotik als direkt sexuell. Nur darf man bei dem kleinen Kinde 
nicht gleich an Genitalerotik denken, vielmehr an die dem Säuglinge 
mehr gemäße der Haut, der Mundschleimhaut und Muskulatur. ,,Die 
Beobachtung lehrt", wie Freud in seinen ,,Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie" ausführt (2. Aufl., S. 51), „daß zwischen der Sexualent- 
wicklung imd der Entwicklimg des Grausamkeitstriebes Beeinflussungen 
bestehen, welche die behauptete Unabhängigkeit der beiden Triebe 
wieder einschränken. Kinder, die sich durch besondere Grausamkeit 



über den sado-masochistischeii Komplex. 181 

gegen Tiere und Gespielen auszeichnen, erwecken gewöhnlich mit 
Eecht den Verdacht auf intensive und vorzeitige Sexualbetätigung 
von erogenen Zonen her und bei gleichartiger Frühreife aller sexuellen 
Triebe scheint die erogene Sexualbetätigung doch die primäre zu sein. 
Der Wegfall der Mitleidsschranke bringt die Gefahr mit sich, daß diese 
in der Kindheit erfolgte Verknüpfung der grausamen mit den erogenen 
Trieben sich späterhin im Leben als unlösbar erweise". 

Es fragt sich jetzt nur: Woher rührt der Wegfall der Mitleids- 
Schranke? Ich glaube, das läßt sich nach meiner Annahme von den 
organischen Grundlagen der Algolagnie recht gut erklären. Die Er- 
richtimg einer wirklich tragfähigen Mitleidsschranke setzt nämlich 
tatsächliches Mitleiden voraus. Ein Kind jedoch, dem eine erhöhte 
Haut-, Schleimhaut- und Muskelcrotik eigen, empfindet bei sonst 
schon schmerzhafter Reizung jener Partien nicht Leid, sondern Lust, 
oder richtiger um so viel mehr Vergnügen, daß es den Schmerz fast 
nicht mehr spürt. Drum fühlt es dann auch bei Grausamkeitsübungen 
wider andere weniger Mitleid als wirklich Mitlust. Es will auch 
ursprünglich nicht Grausamkeit üben, das wird nur fälschlich derart 
gedeutet. Sein Vornehmen geht auf Schmerzzufügung, und zwar 
jenes Schmerzes, den es vorher selber als Lust kennen lernte. Dies 
Empfinden setzt es darum dann auch beim Opfer voraus. Mir scheint 
der Ausspruch von Ellis zutreffend: ,, Schmerz und nicht Grausamkeit 
ist der wesentliche Faktor im Masochismus und Sadismus." Man be- 
greift jetzt leicht, ein Kind, das bei Grausamkeit nicht mitleiden kann, 
entwickelt auch schwer eine Mitleidsschranke und diese wird niemals 
tragfähig sein. 

Hier dünkt mich der Ort, einem Einwände zu begegnen, der 
leicht sich aufzudrängen vermöchte. Wenn auch beim Sadisten er- 
höhte Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik bestehen und er die 
Fähigkeit haben muß, aus Schmerzen Lustempfindungen zu ziehen, 
dann sieht es aus, als wüchse der Sadismus stets auf dem Boden des 
Masochismus, als wäre demnach der letztere das Primäre. Diese An- 
sicht, der keineswegs beizupflichten ist, birgt tatsächlich einen kleinen 
richtigen Kern, d. h. ein jeder aktiv Algolagne muß mindestens einmal 
die Fähigkeit gehabt haben, ja, vielleicht sogar noch heute besitzen, 
auch passiv algolagnisch zu fühlen. Dies stimmt nun ausgezeichnet 
zur Brfahrimg, daß es keinen reinen Sadismus gibt, sondern daß er 
immer irgendeinmal und irgendwann mit Symptomen des Masochismus 
versetzt war. Da ich für beide die nämliche organische Grimdlage 



182 J. Sadger. 

annahm, ist diese Beobachtung keineswegs befremdend. Nur darf 
man nicht sagen, der Sadismus fuße auf dem Masochismus, schon 
darum nicht, weil der erstere zu seinem Zustandekommen noch einen 
weiteren Zufluß braucht von der Grausamkeit her, also einem Komplex, 
der zum geringen Teil auch sexuell ist, vornehmlich jedoch ein Ausdruck 
des Ich-Triebs. Erst wenn zu jenem gemeinsamen Kerne noch die Lust 
an der Grausamkeit hinzukommt, die mehr den Ich- Trieben zuzu- 
rechnen, entsteht die aktive Algolagnie. Die Grausamkeit allein ist 
aber wiederum nicht Sadismus, ihr fehlt die ausgesprochen sexuelle 
Grundlage. Nur mündet bei der nahen Verwandtschaft und den früh- 
zeitigen Anastomosen zwischen Grausamkeit und Sexualität nicht 
selten beides in ein Strombett zusammen. Noch mehr, es scheint, daß 
Grausamkeit oft lange zu schlummern vermag, bis sie von der früher 
entwickelten Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik her zum Leben 
geweckt wird und dann aus der Vereinigung beider Quellflüsse die 
schweren Formen des Sadismus entstehen. Dvnm wiederhole ich, was 
ich oben schon sagte: Zu Anfang wenigstens will der Sadist noch keines- 
wegs Grausamkeiten begehen, vielmehr nur dem andern jenen Schmerz 
zufügen, der ihm selber noch lustvoll. Sekundär kommt dann in schwe- 
reren Fällen Grausamkeit hinzu, welche ihrerseits erst die ärgsten 
sadistischen Akte inszeniert. Diese können dann durch ihre Ungeheuer- 
lichkeit leicht derart blenden, daß man vor ihnen den Kern nicht 
mehr sieht, die enorm erhöhte Haut-, Schleimhaut- und Muskel- 
sexualität. 

Ich führte femer oben schon aus, daß auch der peinlichste und 
schmerzlichste Affekt, der nur stark genug ist, sexuelle Lust im Ge- 
folge hat oder haben kann. Es vermögen z. B, selbst Leichenbe- 
gängnisse imd Unglücksfälle, der Anblick von Hinrichtungen oder 
Martern dem Zuschauer hohen Lustgewinn zu bringen. Von dieser 
passiv genossenen Lust bis zu ihrer geflissentlichen Herbeiführung 
in Martern, Verletzen, ja, vielleicht selbst Morden ist bei Disponierten 
nur mehr ein Schritt, der um so leichter gegangen wird, je anästhetischer 
und schwerer sexuell erregbar sie sind. Es dürfte wohl kaum einem 
Zufalle anzukerben sein, daß Frauen mit ihrer relativ unempfindlichen 
Vulva um, so viel grausamer als Männer sind. Gerade daß ihre Sexu- 
alität nur durch mächtige Reizung geweckt werden kann, macht für 
manche die Grausamkeit zum Bedürfnisse, weil sie erst die richtige 
Lust ermöglicht. Man vergesse auch nie das Physiologische und die 
mählige Entwicklung zur Grausamkeit. Die Megäre, die Furie tritt 



über den sado-masochistischen Komplex. loo 

nicht sofort als solche in Erscheinung, sie muß zuvor an sich selber 
erlebt und erfahren haben, daß nur grausame Schmerzen ihr ein 
volles sexuelles Ausleben ermöglichen. Sie hat dann vielleicht erst 
an geliebten Personen geprobt, um auch diesen die gleiche Wollust 
zu schenken, ward dann z. B. durch ein masochistisches Entgegen- 
kommen immer niehr gesteigert, bis endlich das Verlangen nach mög- 
lichster Grausamkeit, fortwährend gespeist von den Ich-Trieben her, 
selbständig wurde, unabhängig vom Objekte und nur mehr der eigenen 
Wollust dienend. Auch bei männlichen Bestien in Menschengestalt 
ist die mählige Entwicklung zur äußersten Grausamkeit wohl zu 
beachten. Auch das Monströseste, scheinbar Unfaßlichste ist gut zu 
verstehen, so man zunächst und in erster Linie die besondere or- 
ganische Disposition, des weiteren dann die beständige Steigerung 
durch sexuellen Reizhunger in Anschlag bringt. 



II. Spezieller Teil. 

Die verschiedenen Einzelformen unserer Perversion von einander 
zu sondern — in praxi freilich sind sie vielfach kombiniert — gehcii 
wir am besten von den erogenen Zonen aus. Da läßt sich im allgemeint n 
sagen: je früher entwickelt mid stärker erogen die Ausgangspartie, 
desto häufiger die entsprechende Algolagnie. Da sich die Kinder- 
sexualität weniger als genitale äiißert, vielmehr hauptsächlich die 
Haut, die Schleimhaut des Mundes, ani et urethrae, sowie endlich 
die Muskulatur betrifft, so müssen auch die sado-masochis tischen 
Formen an diese anknüpfen, nicht an die eigentlichen Geschlechts- 
organe. Drum ist in der Eegel dem Algolagnisten der Koitus Neben- 
sache, er wird nicht begehrt oder höchstens am Schlüsse noch angefügt, 
ist oft alles eher denn lustvoll betont. 

Die bedeutsamste erogene Zone für das Xeugeborene, welche 
sich auch von vornherein am stärksten betätigt, ist die Schleimhaut 
des Mundes, ihre wic^htigste Tätigkeit im Vereine mit der zugehörigeix 
Muskulatur das Saugen und Beißen. Das erstere spielt in der Perversion 
nur eine untergeordnete Rolle, führt höchstens zum masochistischen 
Gelüste, an den Zehen geliebter Personen zu saugen, durchsichtig 
Wiederholung der autoerotischen Säuglingsgewohnheit, den eigenen 
Fuß in den Mimd zu stecken, bisweilen auch einer Zärtlichkeit der 
Mutter, die die Zehen ihres Kindes zwischen die Lippen nimmt. Viel 



184 J. Sadger. 

bedeutsamer ist die Lust am Beißen. Hier ist die Erogenität der Kiefer^) 
oft konstitutionell derart verstärkt, daß manche Mutter — und keines- 
wegs solche mit irgendwie ungenügender Milch — präzise erklären, 
ihre Kinder hätten a limine so stark und schmerzhaft gesaugt, daß 
sie Schrunden an den Brustwarzen bekamen, aus denen dann Blut 
floß. Nebenbei bemerkt, kann dies die allererste Manifestaiton eines 
spätem Blutsadismus oder -masochismus werden. Das Beißen ad 
coitum wird in der antiken wie modernen Literatur, der östhchen und 
westlichen häufig behandelt^) und ist, speziell bei Frauen und Mädchen 
der Naturvölker ebenso wie der zivilisierten, dermaßen im Schwange, 
daß sie Havelock-Ellis beim weiblichen Geschlechte direkt als eine 
normale Manifestation des Geschlechtstriebs ansieht. Eines steht 
über jedem Zweifel, daß nirgends der Übergang zum Physiologischen 
so fließend ist wie gerade beim Morsus Veneris. Immerhin sind stärkere 
Grade sicher pathologisch, auch schon bei Frauen. Den Zusammenhang 
mit der Munderotik beweist auch der Umstand, daß die nämlichea 
Personen auch gerne Dinge zwischen die Zähne nehmen, an welchen 
sie nagen und die Kraft ihrer Kiefer üben können, z. B. einen Gras- 
halm, ein Stückchen Holz, einen halbharten Radiergummi und ähnliche 
Sachen. Andere wieder zerbeißen alle Bleistifte und Federstiele, Mund- 
stücke von Pfeifen oder Zigarren, ja selbst Trinkgläser, „rein nur zum 
Spaß". Ein Sadist erklärte mir geradezu: ,,\Venn mir recht wohl war, 
habe ich immer etwas beißen müssen." 

Hier fügt sich passend der Blutsadismus und -masochismus an, 
der vielfach, wenn auch keinewegs ausschließlich, mit dem Beißen 
zusammenhängt sowie dem Schlagen. So schreibt Alonzi von den 
sizilianischen Bäuerinnen (zit. nach Havelock-Ellis, 1. c. S. 89 f.): 
,,Die Frauen aus dem Volke, besonders in den Gegenden, wo blutige 
Verbrechen häufig sind, äußern ihre Liebe zu ihren Kleinen dadurch, 
daß sie sie an Hals und Armen solange küssen und saugen, bis die 
Kinder krampfhaft schreien. Alle Augenblicke hört man sie mit größter 
Zärtlichkeit sagen: ,Wie süß du bist! Ich möchte dich beißen, ich 
möchte dich über und über benagen*. Wenn ein Kind irgend ein kleines 
Vergehen begeht, begnügen sie sich nicht damit, es duroh Schläge 
zu strafen, sondern sie verfolgen das kleine Wesen auf die Straße hinaus 

*) Ich spreche lüer abkürzend von ,, Erogenität der Kiefer", wie später 
von einer solchen der Hakpartie. Gemeint ist natürlich die verstärkte Haut-, 
Seideimhaut- und Muskelerotik der Kinnlade wie des Kollum. 

-) Vgl. hierzu H. Ellis, 1. c., S. 87 ff. 



über den sado-masochistischen Komplex. 185 

und beißen es ins Gresicht, in Ohren und Arme, bis Blut fließt. In 
solchen Augenblicken sieht selbst die schönste Frau entsetzlich aus: 
die Züge sind verzerrt, konvulsivisch zuckend, die Augen mit Blut 
unterlaufen, die Zähne knirschen. — Die Drohung ,Ich werde dein 
Blut trinken!' ist bei sizilianischen Männern und Weibern etwas sehr 
Häufiges. Ein Augenzeuge berichtet von einem Manne, der einen 
andern im Streit erschlagen hatte und von der Hand das warme Blut 
des Toten ableckte." 

Wie man aus dieser Schilderung ersieht, ist der Blutsadismus 
zum mindesten bei sizilianischen Bäuerinnen eigentlich Höhepunkt 
ihrer Beißlust. Sie beißen solange und intensiv, bis schließlich auch 
Blut kommt. Nicht allzuselten beißt auch anderwärts die sadistische 
Frau dem Konsors in hoher sexueller Erregung die Lippen blutig.^) 
Eine weitere organisch-konstitutionelle Bedingung werden wir später 
keuneii lernen. Hingegen sieht das Trinken von Blut wie ein atavistischer 
Rückschlag aus^ wie ein Zug, den unsere prähistorischen Ahnen und 
heute noch unzivilisierte Völker recht gerne üben. Auch die hohe Er- 
regung, die jetzt noch zahlreiche Menschen befällt, ^wenn sie Blut 
fließen sehen, scheint phylogenetisch zu erklären. Ist doch Blut ,,da3 
Leben'', wie in der Bibel zu lesen, und wer das Blut seines Feindes 
getrunken, hat dessen Lebenskraft in sich aufgenommen. Daß ge- 
legentlich auch andere abergläubische Vorstellungen, wie z. B. von der 
kosmetischen, verjüngenden Wirkung der Blutbäder auf die Haut 
mitspielen können, ist wohl nicht zu bezweifeln. 

Trotzdem kann weder diese noch eine andere Vorstellung die 
letzte Ursache der Blutlust sein. Hauptsache und Kern, um den sich 
erst alles Weitere gruppiert, muß fraglos auch hier ein Organisches 
darstellen, die konstitutionell verstärkte Anlage. Beim Blutsadismus 
und -masochismus wird primär das Überströmtwerden der eigenen 



^) Die vermutlich regelmäßige Kombination von Blut- und Beißlust ist 
auch bei der Blutgräfin. Elisabeth Bathory sowie der Patientin, die ich in Fall 3 
der Kasuistik beächreiben werde, prompt nachzuweisen. Von der ersteren geht 
aus dea amtlichen Verhörsprotokollen (vgl. R. A. v. Eisberg, ,,Die Blutgräfin", 
Breslau, 1894, S. Schottländer, S. 187 f.) hervor, daß sie mit einer Magd das 
Nämliche tat, wie Penthesileamit der Leiche des Achill. Wie ihre Helfershelferinnen 
Helene Jö und Dorothea Szentes bezeugen, ließ sie eine solche an ihr Bett, wo 
sie krank war, lie:'anzerren, worauf dem Mädchen Stücke Fleisch aus dem Ge- 
sichte und von den Schultern herausgebissen ^vurden'*. ,,Sie hieb auch mit 
Meisern auf die Midohea ein, schlug und marterte sie überhaupt auf mannigfache 
Weise." 



186 J. Sadger. 

Haut oder auch der Schleimhäute lustvoll empfunden. Ob niui ein 
Patient als früheste sexuelle Äußerung den Drang vermeldet, aus 
seinem Finger Blut fließen zu sehen, ob andere durch Schlagen mit 
der Bürste auf den Handrücken Gleiches provozieren oder aber durch 
starkes Saugen am Zahnfleisch, ob eine Hysterika genitale Blutungen 
geflissentlich verstärkt durch forciertes Treten mit den Beinen, ob 
endlich in übertragener Weise Mädchenstecher und Lustmörder ihre 
Opfer an Bauch oder Natea verwunden, immer handelt es sich um 
eine besonders lustvoUo Erregung von Haut und Schleimhäuten durch 
möglichst reichlich fließendes Blut^). Wir kommen stets wieder auf 
die Haut- und Schleimhauterotik als Kern, um den sich dann leicht 
verschiedene Vorstellimgen und psychische Beziehungen herum- 
gruppieren. 

Hat man erst einmal starkes Blutfließen an der eigenen Haut 
oder seinen Schleimhäuten liistvoU empfunden, wozu eben eine besondere 
konstitutionelle Eignung gehört, dann mangelt es an sekundären 
Bindungen des Organischen nie. Von diesen dünkt mich zumal die 
sadistische Koitustheoric der Kinder von großem Belang. Bekanntlich 
lautet sie, der Vater schlage beim Koitus die Mutter. Beim Blutsa- 
dist-en erweitert sie sich dahin — Beweis die menstruellen Blutflecke 
in der mütterlichen Wäsche — daß die Mutter blutig geschlagen oder 
gestochen werde, und zwar besorge, wie ich aus Träumen und Psycho- 
analysen von Algolagnisten weiß, der Vater dies letztere mit seinem 
Penis ad pudenda, am Gesäß oder gar ad anum^). Der Sadist wiederholt 
dann an seinem Opfer, was vermeintlich dereinst der Vater geübt an 
seinem Weibe. Es begreift sich jetzt leicht, daß Mädchenstecher mit 
besonderer Vorliebe in die nates oder Schamgegend stechen oder eben- 
daselbst mit einer Lanzette schneiden ; daß femer der Sade in der einzig 



*) Sehr treffend meint EUis (1. c, Anmerkung zu S. 131): , »Höchst wahr- 
scheinlich ist das Motiv der Lustmorde fast immer der Genuß am Blutvergießen, 
nicht die Absicht, den Tod herbeizuführen. Leppmann weist nach, daß diese 
Morde gev/öhnlich durch Verletzungen am Halse oder am Abdomen herbeigeführt 
werden, niemals durch Verletzungen am Kopfe." Auch hier wird der Mechanismus 
ursprünglich wohl der sein, daß der Mädchenstecher seine eigenen Gefühle in 
den andern projiziert, demnach voraussetzt, die Gestochene empfinde von der 
starken Blutung dieselbe Lust, wie er selbst in der Vorstellung und in der Erinnerung 
an Blutungen aus dem eigenen Körper. 

2) Die Analtheorie erfolgt natürlich nur, wenn das Kind solche Blutungen 
aus dem Mastdarme schon erlebte, von intestinalen Entzündiingen her oder 
Hämorrhoiden. 



über den sado-masochistiscben Komplex. 187 

beglaubigten sadistisclien Af faire mit der Rosa Keller diese vorerst 
blutig peitschte, um sie mit einem Messer dann am ganzen Körper 
zu zerschneiden; und endlich, daß einer meiner Kranken noch die ganze 
Pubertät hindurch wähnte, die Mädchen kämen ohne Schamspalte 
auf die Welt, erst später erzeuge der Vater sie ihnen mit seinem Penis. 
Bezeichnend ist auch die Geschichte des ,. Messerstechers von Bozen" ^). 
Anfangs befriedigte sich dieser Unhold durch Sodomie und durch Mastur- 
bation an und später auch vor unschuldigen Mädchen. „Da sei nach 
und nach die Vorstellung in ihm Herr geworden , wie reizend es sein 
müsse, schöne junge Mädchen mit einem Messer in die Schamgegend 
zu stechen und sodann das Blut ablaufen zu sehen". Überflüssig zu 
sagen, daß das junge, hübsche Mädchen seine Mutter vorstellt, das 
Messer ursprünglich den Penis des Vaters, in der Folge natürlich seineu 
eignen. ,, Sowie er ein Mädchen gestochen, ihr Blut am Messer herunter- 
fließen sah, fühlte er, wie er sich ausdrückt, es wirklich so, als ob 
er sie gebraucht hätte." Ich will auch die Tatsache nicht ver- 
schweigen, daß bei einem von mir analysierten Kasus (siehe Fall 3 
der Kasuistik) noch eine hämorrhagische Diathese bestand, es also 
sehr leicht zu Blutungen kam, was wieder eine organische Grundlage 
gab. Wenn diese Diathese sich öfter bei Blutlust nachweisen ließe, 
dann wäre auch diese konstitutionelle Wurzel natürlich von keinem 
geringen Belange. Daß endhch Frauen mit Blutmasochismus die Me- 
norrhagie eine ganz besondere Lust erzeugt und sie darum die physio- 
logische Blutung nach Tunlichkeit zu vergrößern trachten und auch 
zu verlängern, bedarf wohl nicht erst einer Hervorhebung. 

Um wieder zu den anderen erogenen Zonen zurückzukehren, 
so spielt von der im Kindesalter so überaus bedeutsamen Analerotik 
bloß jenes Stück eine große Eolle in unserer Perversion — und zwar 
bei der aktiven und passiven Flagellation — das man passend als 
Gesäßerotik bezeichnen könnte. Sehen wir aber von den Nates ab, 
so ist die Erotik des Darmausganges und die exkrementelle beim Sado- 
Masochisten von einer untergeordneten Bedeutung und kommt überdies 
kaum je isoliert vor. Wir haben z. B. oben die Verbindung von Ko- 
prolagnie mit verschiedeneu anderen Formen besprochen. Einer meiner 
Kranken, dem auch andere masochistische Symptome nicht fehlten, 
klemmte mit sechs Jahren sich einen Stein in den Anus, mit welchem 
er trotz der Schmerzen herumging, in der Vorstellung, er müsse ihn 



1) Demme, ,,Bucli der Veibrcchen", Bd. 11, S. 34S f. 



188 J. Sadger. 

tragen. Das sadistische Verlangen mancher Männer nach gewaltsamer 
Paedicatio ihrer Frauen, in anderen Fällen die masochistische Lust, 
den Pathikus zu spielen, hat den gleichen analerotischen Ursprung. 
Ein Patient Krafft-Ebings (Beob. 90 der 13. Aufl. seiner Psycho- 
pathia sexualis) pflegte sich nicht bloß mit Riemen, Ruten, Stöcken, 
ja sogar Brennesseln selber zu schlagen, sondern führte auch häufig 
Seife, Pfeffer, Paprika und auch kantige G-egenstände in den After 
ein. Am interessantesten ist folgender Fall, den ich beobachten konnte. 
Ein neimj ähriges Mädchen, das später ausgesprochene Sadistin wurde, 
spielt mit ihrer Schwester Schule. Dabei benehmen sich beide so 
ungebärdig als möglich und sind gegen die eingebildete Lehrerin so 
greulich schlimm und keck, daß ihnen von den Eltern verboten wird, 
weiter Schule zu spielen. Man dürfe gegen Lehrkräfte auch nicht im 
Spiel sich Frechheiten herausnehmen. Bezeichnenderweise wollte von 
den Mädchen keines die Lehrerin, jedes nur das entsetzlich unartige 
Kind darstellen und allen möglichen Unfug treiben. Später erfuhr 
ich, welche Strafen sich beide ausgesonnen hatten. Es drehte sich, 
freilich nur in der Phantasie, stets um Irrigationen mit Essig mid 
Pfeffer, damit es ja nur recht wehe tue. Auch spielten sie, daß bei 
dieser Irrigation das Rohr so und so lange drin bleiben müsse. ,, Da- 
durch tut es dann noch mehr weh. Nun kann m^an das Rohr auch 
automatisch zurückpressen und da spielten wir, das dürfe man nicht. 
Als besondere Frechheit dachten wir uns aus, daß wir trotz des 
strengen Verbotes das Rohr vorzeitig herausstießen, um dafür na- 
türlich neue Strafe zu ernten/' 

Bedeutsamer ist für unsere Perversion die Urethralerotik, zu deren 
Symptomen ich auf das verweise, was ich anderen Ortes angeführt 
habe^). Nicht wenige Märtyrerphantasien von Masochisten gehen 
auf diese, zum geringeren Teil auch auf die Analerotik zurück sowie 
das Eingebimdenwerden als Säugling. Kommt es doch bei der Urethral- 
erotik überaus häufig zu schmerzhaft-lustvollen Sensationen in der 
Harnröhre, sei es spontan aus inneren Gründen oder infolge zurück- 
gehaltenen Urins oder durch vorzeitige Erektionen, Da nun Penis und 
Peitsche gleichgesetzt werden, so ist das schmerzhafte Marterwerkzeug 
das eigene Membrum des Masochisten. Ein prächtiges Beispiel von 
Urethralsadismus gibt uns Fall 2 der folgenden Kasuistik. Der Kranke 
dieses Falles erklärte geradezu, vom Koitus nur dann das höchste 
Vergnügen zu verspüren, wenn er vorher in Urethra einen heftigen 

1) ,,Uber Urethralerotik", i. c. 



über den sado-masochistiscben Komplex. 189 

Schmerz empfunden hatte, dessen Lösung dann mit der Ejakulation 
erfolge. Nur wenn ihm beim Verkehre ins Bewußtsein trat, auch der 
Konsors empfinde während desselben jenen lustvollen Schmerz — 
später erweitert: einen physischen oder seelischen Schmerz — ver- 
mochte er zu vollem Genüsse zu kommen. Zwei weitere Beziehungen 
erwähnte ich schon oben: die Verbindung des Sado-Masochismus mit 
der Urolagnie und vor allem jene zur passiven Flagellation, die prak- 
tisch ganz besonders bedeutsam. 

Für diese will ich das berühmteste Beispiel der Literatur, Jean 
Jacques Kousseau, ins Treffen führen. Mit 8 Jahren erlebte er ein 
Abenteuer, das ich mit den. Worten des Dichters wiedergebe^):' „Da 
Fräulein Lambercier uns mit der Liebe einer Mutter zugetan war, nahm 
sie auch deren Gewalt über uns in Anspruch und trieb dieselbe mit- 
unter so weit, daß sie uns auch, wenn wir es verdient hatten, wie eine 
Mutter ihr Kind, züchtigte. Ziemlich lange ließ sie es bei der Drohung 
bewenden und diese Androhung einer mir ganz neuen Strafe ver- 
setzte mich in großen Schrecken, aber nach ihrer Erduldung 
fand ich sie weniger schrecklich, als ich sie mir in der Erwartung vor- 
gestellt hatte, ja, was noch eigentümlicher ist, diese Züchtigung 
flößte mir noch größere Zuneigung zu der ein, die sie mir 
erteilt hatte. Es gehörte sogar die ganze Aufrichtigkeit dieser Zu- 
neigung imd meine natürliche Folgsamkeit dazu, um mich davon zurück- 
zuhalten, absichtlich eine Unart zu begehen, die in gleicher Weise 
hätte geahndet werden müssen. Denn der Schmerz und selbst 
die Scham war mit einem Gefühle von Sinnlichkeit ver- 
bunden gewesen, das in mir eher das Verlangen, es von derselben 
Hand von neuem erregt zu sehen, als die Furcht davor zurückgelassen 
hatte. Da dies ohne Zweifel von einer vorzeitigen Regung 
des Geschlechtstriebes herrührte, würde ich allerdings in der 
nämlichen Züchtigung von der Hand ihres Bruders nichts Angenehmes 
gefunden haben. . . Die Wiederholung der körperlichen Strafe, der 
ich, ohne sie zu fürchten, aus dem Wege ging, geschah ohne mein Ver- 
schulden und ich kann sagen, daß ich sie getrost imd nicht ohne einen 
geheimen Keiz über mich ergehen ließ. Aber dieses zweite Mal war 
auch das letzte, denn Fräulein Lambercier, die ohne Zweifel an 
irgend einem Zeichen gemerkt hatte, daß diese Züchtigung 



1) „Rousseaus Bekenntnisse", Übersetzung von Denhardt, Leipzig, 
Philipp Reclam. * 

1 3 



190 J. Sadoor. 

ihren Zweck nicht erfüllte, erklärte, daß sie mit einer solchen 
Bestrafung nichts mehr zu tun haben wollte, da dieselbe sie zu sehr 
ermüdete. Bis dahin hatten wir in ihrem Zimmer geschlafen und im 
Winter sogar hin und wieder in ihrem Bette. Zwei Tage später erhielten 
wir ein besonderes Schlafzimmer und ich genoß von mm an die Ehre, 
auf die ich gerne verzichtet hätte, von ihr als erwachsener Knabe 
behandelt zu werden". 

Es ist wohl durchsichtig, was hier geschehen. Der Knabe bekam 
von der Züchtigung durch Fräulein Lambercier trotz seiner Jugend 
kräftige Erektionen, die wieder zusammenhängen mit seiner auch sonst 
gut nachweisbaren Urethralerotik. Als das Fräulein raerkte, was sie 
angerichtet, vermied sie nicht bloß weitere Schläge, sondern auch 
das Schlafzimmer mit ihm zu teilen. Eousseau aber fährt fort: ,,Wer 
sollte glauben, daß diese in einem Alter von acht Jahren von der Hand 
eines Mädchens von dreißig Jahren empfangene Züchtigung über 
meine Neigungen, meine Begierden, meine Leidenschaften, über mich 
selbst für meine ganze übrige Lebenszeit entschieden hat, und noch 
dazu in einer Weise, daß gerade das Gegenteil der von ihr erwarteten 
Folgen hervorgerufen wurde. Von dem Augenblicke des Erwachens 
meiner Sinnlichkeit an verwirrten sich meine Begierden dergestalt, 
daß sie, da sie sich auf das, was ich empfunden hatte, beschränkten, 
nie den Antrieb fühlten, etwas anderes zu suchen. Trotz meines fast 
von Geburt an sinnlich erhitzten Blutes hielt ich mich bis zu dem 
Alter, in dem sich auch die kältesten imd am langsamsten heranreifenden 
Naturen entwickeln, von jeder Befleckung rein. Lange gepeinigt, ohne 
zu wissen wovon, verschlang ich mit brennenden Augen schöne Mädchen- 
erscheinungen ; unaufhörlich stellte meine Einbildimgskraft mir ihr 
Bild wieder vor die Seele, einzig imd allein um sie mir in der Ausübung 
des Straf aktes zu zeigen und eben so viele Fräulein Lambercier aus ihnen 
zu machen." Das einzige, worin der Dichter in dieser klassischen 
Annahme irrt, wie eigentlich ähnhch sämtliche Masochisten, ist, 
daß er von jenen beiden Züchtigimgen alles herleitet. In Wahrheit 
aber handelte es sich da nicht um ersterlebte Lust, sondern sicherhch 
um ein Wiedererleben von längst Verdrängtem. Nur ist dieses leider 
nicht mehr zu eruieren oder höchstens zu vermuten, da imser Dichter 
selber bekennt: ,,Ich erinnere mich nicht, was ich bis zum Alter von 
5 oder 6 Jahren tat.*' 

Im Grunde kannten die frühkindlichen Beziehxmgen schon die 
älteren Autoren genau. So schreibt z. B. Giovanni Frusta (,,Der 



über den sado-masochistischea Komplex. 191 

Flagellantismus und die Jesuitenbeichte", ISIG'^): „Den Flagellierten 
erfüllt ein mystisches, aus Sinnlichkeit und Phantasie zusammen- 
gesetztes Gefühl von Demütigung unter die Gewalt eines Stärkeren, 
von Zurück Versetzung seiner Persönlichkeit in das kind- 
liche Alter, sodann eine tiefe Scham und Freude zugleich über die 
zugefügte Mißhandlung." Man erkennt aus diesen Worten deutlich, 
daß man sich durch das Geprügeltwerden in die früheste Kindheit 
zurückversetzt fühlt in die Lust oder Freude, die man damals 
bei den Schlägen empfunden haben muß. Ähnliches erzählt auch 
Pisanus Fraxi von den Wünschen der Besucher englischer ,,Flagel- 
lationsbordelle". Die von ihren „Zöglingen" schriftlich eingesandten 
Wünsche waren oft sehr merkwürdig. Einige Männer wünschten, wie 
Kinder übers Knie gelegt zu werden, andere wollten auf dem Rücken 
einer Dienstmagd abgeprügelt^), noch andere wollten gefesselt werden. 
Bezeichnenderweise wünschte die Mehrheit der männlichen Flagel- 
lomanen nicht aktive, sondern passive Peitschung und, wieder charak- 
teristisch, ,,von der Hand eines schönen Weibes", also durchsichtig 
der Mutter. In der Analyse der Flagellanten berichten diese ganz 
regelmäßig, daß die Mutter oder erste Pflegeperson mit Lust und 
Freude zugehauen habe. Ob dies so allgemein wirklich zutrifft, stehe 
dahin, wohl aber wird es — und das ist entscheidend — von den Geißel- 
v,Kitigen vorausgesetzt und späterhin auch bei der passiven Flagellation 
verlangt. Dies bedingt dann die häufige schwere Enttäuschung solcher 
Masochisten, die bei der Puella eine Auspeitschung bestellen. Das 
bloß geschäftsmäßig geübte Durchhauen ohne Gemütsbeteiligung des 
aktiven Teiles weckt nie die Lustvorstellung der Kindheit. Erst wenn 
das Weib, wie in den englischen Flagellationsbordellen, aus eigener 
sinnlicher Freude am Geißeln dies wirklich mit Liebe und Freude 
besorgt, stellt sich die volle Zufriedenheit der Besucher ein. Auch 
daß so viele den Ausbruch ihrer Flagellomanie mit dem Anblick einer 
Züchtigung von Schulkameraden oder Spielgefährten durch dritte 
Personen in Verbindung bringen, weist deutlich auf die eigene Mutter 
hin, welche seine Geschwister einst ähnlich verprügelte. Dies kann 
bei disponierten Kindern um so leichter Lustgefühle wecken, als dadurch 



*) Diese Angabe sowie die weiteren über englische Bordelle zitier^ nacli 
Engen Dühren, ,,Das Geschlochtsleben in England", Berlin, 1903, Lilienthal, 
Bd. II. 

2) Die in England früher gewöhnliche Form der Züchtigung von Schul- 
jungen. Vgl. Dühren, 1. c., S. 460. 



192 J, Sadger. 

noch heimliche Eachewünsche wider die Geschwister zur Erfüllung 
kommen. Anderseits freilich versetzt sich der Zuschauer auch leicht 
in die Rolle des geschlagenen Geschwisters mit der Vorstellimg, dies 
empfinde von jener Züchtigung Lust. 

Gesteigert wird das Vergnügen am Gegeißeltwerden noch durch 
zwei Umstände : Die Exbibitionslust, daß man sein Gresäß so gewisser- 
maßen zur Schau gestellt weiß, und zweitens durch das den Schlägen 
folgende Wärmegefühl, welches, um mit Erich Wulffen zu reden, 
„den ganzen Hintern wie in ein warm-weiches WoUfell einhüllt", und 
ein angenehmes Prickeln in den Nates, also durchwegs Gefühlen der 
Hauterotik. Sehr richtig sagt der genannte Autor in seinem „Sexual- 
verbrecher", was ich durch Analysen bestätigen kann; ,, Geschlagene 
Knaben wundem sich oft über das einer starken Züchtigung nach- 
folgende annehmliche Wärmegefühl in dem Gesäße und suchen manch- 
mal aus diesem Grunde zu neuen Züchtigimgen zu gelangen" (1. c. 
S. 320). Merzbach (,,Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechts- 
sinns", Wien 1909) zitiert den Bericht eines dreizehnjährigen Knaben, 
der, einmal beim Masturbieren erwischt, von einer Erzieherin heftig 
verprügelt wird; ,,Es brannte hinten, wie wenn man auf Feuer säße, 
aber dabei stach es so wohlig, wollüstig auf, gerade die Schläge machten 
es besonders schön, nie war es so schön, wenn wir uns daran spielten, 
denn wir taten es doch wieder." 

Am deutlichsten tritt die oben berührte Beziehung zur Mutter 
in der Autoflagellation zutage, wo man regelmäßig in einer Person 
das Kind und die prügelnde Mutter^) spielt. Bei dieser Selbstgeißeltmg 
werden gemeinhin bloß Rücken und Schultern, in anderen Fällen 
wieder nur die Schenkel von den Schlägen getroffen, während das 
eigentlich vermeinte Gesäß nicht gut zu erreichen. Daß die genannten 
Ersatzpartien wirklich bloß faute de mieux gewählt werden, erfahren 
wir nicht nur aus Psychoanalysen, sondern auch die Religionsgeschichte 
lehrt, daß die ,, obere DiszipUn" sehr rasch und konstant mit der „untern" 
vertauscht wird. Übrigens scheint es, daß bei Disponierten auch 
Schläge auf den Oberkörper die Urethralerotik anregen können und zu 
Erektionen, ja, Ejakulationen führen. 

^) Recht selten nur den prügelnden Vater. Abgesehen davon, daß dieser 
zumeist erst in späteren Jahren und größeren Exekutionen wirkt, lehrt jede 
forensifjche Erfahrung, wie Wulffen betont (1. c, S. 325 fL), daß Kiiidermiß- 
handlungen in der ungeheuer überwiegenden Zahl von den leiblichen und den 
Stiefmüttern ausgehen. 



über den sado-masochistischen Komplex. 193 

Beim aktiven Geißeln steht natürlich, in allererster Linie die 
Gesäßerotik^)* Außerdem aber kommt noch eine Reihe von Momenten 
in Betracht, die wieder an die infantile Sexualität anknüpfen. So 
vor allem die Schaulust, die Erotik des Auges. Wir wissen, welch un- 
geheures Interesse die Kinder dem Hintern entgegenbringen, und daß 
sie oft imglaubliche Kxmststücke aufführen, um jenes AnbKckes bei 
Gleichaltrigen und Erwachsenen teilhaftig zu werden. Neben den 
einfach kallipygischen Reizen, für die selbst Ästhetiker, wie Schasler 
und Friedrich Theodor Vischer, eine Lanze brachen, werden dann 
auch die Hautveränderungen nach den Schlägen, Rötimg imd Wärme, 
Striemen oder gar Blutunterlaufimg mit höchstem Interesse beschaut 
und befühlt. Erwachsenen bereiten die koitusartigon Zuckungen der 
gegeißelten Muskeln oft hohen Genuß, auch werden bei Apparaten zu 
passiver Flagellation nicht selten Spiegel angebracht, damit der Ge- 
schlagene diese Veränderungen selber studiere. Daß auch hier Blut- 
fließen Gipfel der Lust ist, bedarf wohl nicht erst besonderer An- 
merkung. Ein psychisches Moment, welches regelmäßig wiederkehrt, 
ist die Gleichstellung mit Vater oder Mutter bei der Exekution. Wie 
verbreitet die Lust am Schlagen ist, schon in Erinnerung an das eigene 
lustvoUe Getätscheltwerden durch die Eltern, erhellt auch daraus, 
daß es wenige erwachsene Menschen gibt, die, wenn sie ausdrucks- 
volle, selbst bekleidete Hinterbacken erblicken, nicht mindestens ein 
leises Verlangen anwandelt, dorthin zu hauen. 

Das aktive Prügeln führt endlich auch noch zu starker Betätigung 
der eigenen Muskellust, und zwar entweder bloß präparatorisch, als 
Vorbereitung zum eigenthchen Geschlechtsakt (Vorlust), oder, wie 
zumal bei Mädchen und Witwen, als Ersatz für eine fehlende Begattung. 
Friedrich S. Krauß erzählt in seiner Studie ,,Die Zeugung in Sitte, 
Brauch und Glauben der Südslawen'* {KQVTZxddia, Bd. VI) von einem 
chrowotischen Volksschullehrer, der „nur allzu häufig 5 bis 6 der seiner 
Zucht anvertrauten Knaben auf nacktem Leibe blutig zu hauen pflegte, 
um nach stundenlanger Abschindung der hilflosen Jungen schnur- 
stracks zu einer Dirne zu eilen. Er lachte vor Vergnügen bei dem 
Jammergeschrei der Knaben und seine blauen Augen funkelten dabei 



1) Daß gerade die Gesäßerotik, d. h. jene sexuellen Partialtriebe, die 
sieb auf das Gesäß und seine Fortsetzung, die Oberschenkel, beziehen, im 
Mittelpunkt der aktiven und passiven Flagellation steht, führte ich anderen 
Ortes aus. Vgl. meine Studie „Über Gesäßerotik", Internationale Zeitschrift 
für ärztliche Psychoanalyse, Jahrgang 1, Heft 3. 

Jahrbuch für psjchoanalyt. u. psyohopathol. Forschungen. V. 13 



i'^4: j, Sadger. 

vor AVollust''. ]S*icht selten prügeln sadistische "Witwen ihre eigenen 
Kinder tägUch wegen deren angeblicher Masturbation, bekommen 
dabei auch objektiv Zeichen von starker sexueller Erregimg und 
stürzen, wenn es angeht, zum Schlüsse in die Umarmungen von 
Männern. Die Abschaffung der Prügelstrafe, zumindest in der Schule, 
sowie ihre möglichste Einschränkung im Hause ist auch vom Arzte 
gut zu vertreten. Nicht wenige Lehrer mögen im Anfange geprügelt 
haben ohne einen bewußt sexuellen Gedanken. Doch vergesse man nicht, 
daß etwas von jener Lust am Schlagen in jedem, auch dem Gesündesten 
schlummert seit frühester Kindheit und daß man da leicht ,,au£ den 
Geschmack kommt", zumal wenn eine konstitutionell verstärkte 
Erotik die Disposition setzt. 

Zur Haut- und Muskelerotik direkt des Säugling-s führt jene 
Algolagnieform zurück, die im Verlangen gipfelt, ein Opfer zu binden 
oder sich selber fesseln zu lassen. Ich will zu dem, was ich im allgemeinen 
Teil ausführte, noch einiges ergänzen. Ich kenne einen Masochisten, 
der unter seinen wenigen sadistischen Zügen auch den offenbarte, 
er hätte einmal im 11. Jahr einen Schulkameraden, der ihm gefiel, 
am ganzen Körper über imd über mit Stricken gebunden. Der also 
(jefesselte fiel dann hin und tat sich weh, was dem Missetäter eine 
tüchtige Strafe von den Eltern zuzog. Es liegt auf der Hand, daß 
dieses Über-und-über-Binden nichts anderes bedeutet als das Ein- 
.schnüren des Säuglings in seine Windeln und der also Handelnde die 
Rolle seiner Mutter spielt. Weit häufiger wird, entsprechend den 
eigenen Erlebnissen als Säugling, das Gefesseltwerden von Masochisten 
begehrt. Erwähnenswert ist noch, daß durch das Einschnüi'en eines 
.Säuglings nicht selten dessen sexuelle Gelüste, z. B. Hingreifen ad 
genitalia sua oder ad mammas matris oder auch einfach nur Erektionen 
verhindert oder besänftigt werden. Wie jede Unterdrückung geschlecht- 
licher Betätigimg erhöht auch diese die entsprechende Lust. 

Eine weitere Form des Sado-Masochismus, die von allen drei 
Quellen desselben gespeist wird, ist die aktive und passive Lust am 
Würgen und das Vergnügen am Gehängtwerden, wenn man nur recht- 
zeitig abgeschnitten wird. Ein Teil der organischen Vorbedingungen 
des letzteren ist längst bekannt, so die direkte Reizung jener Bahnen, 
die vom Gehirn zum spinalen Ejakulationszentrum führen, weshalb 
man z. B. bei Erhängten oft frisch ergossenes Sperma findet. Auch 
die Atmungsbehinderung kann direkt sexuelle Erregung setzen. Eulen- 
burg {„Sexuelle Neuropathie", Leipzig 1895) machte ferner auf- 



über den sado-masochistischen Komplex. 195 

merksam, daß schon die einfache Suspension im Schwebeapparat, wie 
sie vor Jahren als ,, Hängemethode*' bei Tabes und Neurasthenie geübt 
ward, nicht selten als Aphrodisiakum wirkte. Das imitierten manche 
Lüstlinge künstlich, um sich eine ungewöhnliche sexuelle Emotion zu 
schaffen, wobei natürlich Vorsichtsmaßregeln getroffen werden müssen, 
um die Sache nicht weiter als nötig zu treiben. Ein auf Tatsachen 
fußendes literarisches Beispiel ist der Gutzkowsche Prokurator 
Dominikus Nück im j^Zauberer von Rom", ein ähnliches Roland im 
4. Band der „Justine" de Sades. Auch Eliis erzählt, daß sich manche 
Besucher Pariser Bordelle vertikal an Stricken aufhängen lassen. 

Schon in diesen Fällen wirkt neben den vorgenannten organischen 
Bedingungen noch ein anderes mit: die erhöhte Erotik der gesamten 
Halspartie, i. e. der Haut imd Muskulatur daselbst sowie der Schleim- 
hautbekleidung des Schlundes. Noch deutlicher tritt dies bei der 
Würglust hervor, die z. B. Fall 1 meiner Kasuistik zeigt. Doch wird 
die eben genannte Erotik schon des Säuglings mächtig dadurch gereizt, 
daß die Mutter, wenn sie in Eile ist, die Bändchen am Nachthemd 
bis zum Würgen zuzieht. Ihren klassischen Fall beschreibt eine Dame 
in einer Mitteilung an Havelock Ellis (1. c, S. 154 f.): ,, Viele solche 
(Würge-) Handlungen finden in mir in passivem Sinne ein Echo. So 
der Gedanke, von jemandem, den ich liebe, stranguliert zu werden. 
Dabei spielt sowohl die große Empfindlichkeit von Hals 
und Nacken eine Rolle wie das Verlieren des Atems. Als 
ich mich einmal von einem Manne trennen mußte, den ich sehr gern 
hatte, legte ich seine Hände an meinen Hals imd bat ihn, mich zu 
erwürgen. Das war ein Augenblick des Wahnsinns, der mir den Zustand 
Geisteskranker verständlich macht. Selbst jetzt, wo ich kühl und 
besonnen bin, fühle ich, daß, wenn ein Mann, den ich sehr liebte, mich 
würde töten wollen, besonders durch Erwürgung, ich keinen Versuch 
machen würde, mich zu retten, wenn auch die Natur im letzten Augen- 
blicke ohne meinen Willen eingreifen würde. Ich glaube, es ist mir 
nicht schwerer, mir den inneren Zustand eines Lustmörders vorzustellen, 
als den eines normalen Mannes, der Genuß bei einem Weibe sucht, 
das er nicht liebt." Bezeichnend ist auch, wie diese Dame aus ihrei* 
Fähigkeit, beim Erdulden einer Grausamkeit Lust zu empfinden, die 
Möglichkeit ableitet zu einem gleich lustvollen aktiven Tun. ,,Ich 
glaube", fährt die Korrespondentin fort, ,,wenn mir meine heutige 
Art zu fühlen bliebe und ich mich in einen imbezillen Mann verwandeln 
könnte — d. h., wenn ich so stark wäre wie ein Mann, aber nicht re- 

13* 



196 J. Sadger. 

flektierte — würde ich auch in jener anscheinend grausamen Weise 
handeln wollen". 

Zum Schlüsse blieben mir noch zwei Formen zu besprechen: 
der Wort- sowie der symbolische Sado-Masochismus. Der letztere, 
welcher etwa dazu führt, daß jemand statt des normalen Verkehrs 
sich damit begnügt, sein Mädchen einzuölen oder einzuseifen, ist aus 
der Hauterotik wohl gut verständlich, Schwieriger ist der erstgenannte 
Fall zu erklären, zumal ich derzeit über keinen analysierten Fall ver- 
füge. Es wäre nicht unmöglich, daß dieser rein psychische Sado- 
Masochismus auch einen rein psychischen Urspnmg hat. Der Liebens- 
würdigkeit von Professor Freud verdanke ich ein Analysenstück einer 
Wortmasochistin. Es handelte sich um eine Kranke, die bis zur Analyse 
außerordentlich stark an den Vater fixiert war. Ihre spezifische Liebes- 
bedingung lautete unter anderem, daß sie von einem Manne auf das 
ärgste, unflätigste beschimpft werden mußte. Es stellte sich heraus, 
daß dieses Schimpfen eine Eigentümlichkeit ihres rohen Vaters ge- 
wesen, der sie stets mit Virtuosität schon vor dem ganz kleinen Kinde 
geübt hatte. Der Liebhaber also, der diese Patientin nach Wunsch 
behandelte, stellte durch das Schimpfen ihren Vater vor. In den 
Psychoanalysen finden wir nicht selten Kranke, die den Zwangsimpuls 
haben, den Arzt auf das stärkste zu beschimpfen. Regelmäßig läßt 
sich erweisen, daß dies Wiederholung der Schimpfereien von Vater 
oder Mutter ist. 

Das schönste Beispiel, welches ich kenne, hat uns ein Dichter 
aus seinem eigenen Leben beschert. In einer kleinen Studie ,,Um's 
Vaterwort" erzählt Peter Rosegger, daß in seinen Eänderjahren der 
Vater sich nur dann mit ihm abgegeben habe, wenn er schlimm gewesen. 
Dann stellte sich der Alte vor den Jungen hin und hielt ihm mit schallen- 
den, zornigen Worten seinen Fehler vor. Den Knaben aber, welcher 
mit niederhängenden Armen, wie versteinert vor ihm stand und ihm 
ins zornige Auge schaute, überkam bei allem Gefühl der Schuld doch 
stets noch eine andere Empfindimg: ,,es war ein eigenartiges Zittern 
in mir, ein Reiz- und Lustgefühl, wenn das Donnerwetter so recht 
auf mich niederging. Es kamen mir die Tränen in die Augen, sie rieselten 
mir über die Wangen, aber ich stand wie ein Bäumlein, schaute den 
Vater an und hatte ein unerklärliches Wohlgefühl, das in dem Maße 
wuchs, je länger und je ausdrucksvoller mein Vater vor mir wetterte". 
Waren dann wieder ein paar Wochen vergangen, ohne daß er etwas 
heraufbeschworen hatte, weshalb dann der Vater wieder still an ihm 



über dea sado-masocliistisclieu Komplex. 197 

vorüberscliritt, dann ,, begann in mir albnählich wieder der Drang zu 
erwachen und zu reifen, etwas anzustellen, was den Vater in Wut 
bringe. Das geschah nicht, um ihn zu ärgern, denn ich hatte ihn überaus 
lieb; es geschah ge^nß nicht aus Bosheit, sondern aus einem andern 
Grunde, dessen ich mir damals nicht bewußt war". So hatte er einmal 
am Weihnachtsabend ein Kruzifix auseinandergelegt und damit ver- 
dorben. Um eines solch argen Frevels mllen ging der Vater sich eine 
Birkenrute schneiden. Da der Junge Prügel noch nie erfahren, ver- 
steckte er sich angstvoll im Uhrenkasten imd vernahm dort Worte 
schwerer Sorge, aber auch der heißen Liebe des Vaters, der ihn erfroren 
und verloren wähnte. ,,Mir ist in diesem Augenblicke die Erkenntnis 
aufgegangen. Ich sah, wie abscheulich es sei, diesen Vater zu reizen 
und zu beleidigen. Aber ich fand nun auch, warum ich es getan hatte. 
Aus Sehnsucht, das Vaterantlitz vor mir zu sehen, ihm ins Auge schauen 
zu können imd seine zu mir sprechende Stimme zu hören. Sollte er 
schon nicht mit mir heiter sein, so wie es andere Leute waren imd wie 
er damals, von Sorgen belastet, so selten gewesen, so wollte ich wenigstens 
sein zorniges Auge sehen, sein herbes Wort hören; es durchrieselte 
mich mit süßer Gewalt, es zog mich zu ihm hin. Es war das Vaterauge, 
das Vaterwort^'. 



IIL Kasuistik^). 

Fall 1. FetischomasocMsmus. 

Es handelt sich um einen zur Zeit der Behandlung 21jährigen 
Studenten, der, scheinbar völHg invertiert, noch einen lebhaften Hand- 
schuhfetischismus und schwere masochistische Neigungen aufwies. 



^) Eine k.iii'ze Bemerkung über die Zusammensteliung der nachfolgenden 
Kasuistik dürfte hier am Platze sein. Die ersten zwei Fälle sind verbo tenus 
meinem Analysenstenogramm entnommen. Bloß der Übersichtlichkeit wegen 
war oft aus verschiedenen Analysentagen Zusammengehöriges auch unter einem 
zusammengefaßt. Wo nur irgend möglich, zitierte ich direkt die Worte des 
Kranken unter Gänsefüßchen, eventuell auch noch ein Stück des Dialogs bei 
der Analysenarbeit, Anders entstand die Beschreibung von Fall 3, die auch 
den Charakter einer Erzählung hat. Nachdem ich mit der betreffenden Kranken 
neun Monate Analyse getrieben und eine Reihe von Einzelfunden gemacht hatte, 
die ihre Perversion erhellten, kam sie eines Tages spontan mit dem Vorschlag, 
das bisher Eruierte zusammen mit den noch fehlenden Erinnerungen in eine 
Autobiographie zusammenzufassen. Ich akzeptierte diesen V'orschlag, enthielt 



198 J, Sadger. 

Von seiner Homosexualität habe ich bereits andernorts gesprochen^). 
Auch den Fetischismus muß ich doch wenigstens flüchtig streifen, 
weil er mit dem Masochismus des Kranken innig verflochten. Doch 
sei zimächst ein chronologischer Überblick gegeben über das Auftreten 
dieser beiden letzten Perversionen, wie sie Patient in der Analyse vor- 
brachte. 

Schon vom 1. Jahre ab lebte er im Sommer mit zwei um etwa 
10 Jahre älteren Vettern zusammen, in die er sich sehr rasch glühend 
verliebte, obwohl sie ihn von seinem 3. Jahre ab fleißig prügelten 
und zum Scherze auch banden. Mit etwa 2 Jahren faßte er eine tiefe 
Neigung zu einem 9jährigen, sehr gewalttätigen Baron, der zum Vor- 
bilde wird für seine gelegentlichen sadistischen Anwandlungen. So 
hatte er z. B. im 0. oder 7. Jahre die Phantasie, einen geliebten 
Hauslehrer durchzuprügeln oder von dritter Hand durchgeprügelt zu 
sehen. Zwischen 8 und 10 Jahren bekommt er ein Degout vor allen 
masochistischen Phantasien, teils weil er diese doch gar zu häufi*^ 
und stark getrieben, teils weil ihm die Mädchen besser konvenierten. 
Hingegen bildeten sich in den ersten Klassen des Gymnasiiuns die 
masochistischen Phantasien immer mehr aus, so nam,entiich die vom 
Gebimdenwerden, doch blieb es noch imbestimmt, ob van Mann oder 
Weib. Zu gleicher Zeit entwickelte sich auch fast plötzlich der Hand- 
schuhfetischismus, der ihm, im Verlaufe weniger Tage zum Bewußtsein 
kam.. Hatten die masochistischen Akte imd Phantasien im Gymnasium 
zu Erektionen geführt, so brachte ein maaochistischer Traum im 
13. Jahre die erste Ejakidation des Kranken. „Dann aber folgte", er- 
zählt Patient, ,,eine Periode von allerlei Handschuhphantasien und ein 

mich aber peinlich, die Kranke bei der Abfassung zu beeinfkissen. Was diese 
Autobiographie von den landesüblichen, z. B. in den Werken von Kr äfft- 
Ebing, Moll oder Magnus Hirschfeld unterscheidet, ist, daß sie nicht von 
vornherein mitgebracht oder über Auftrag des Arztes gefertigt wurde, also auch 
nicht darstellt, wie die Kranken persönlich ihre Perversionen angesehen wissen 
möchten mit aller unbewußten und wohl auch bewußten Unterschlagung und 
Fälschung, sondern daß sie erst später zur Abfassung und Fixierung gelangte 
Sie erfolgte erst dann, als Patientin die Technik ihrer Analyse schon ziemlich 
beherrscht^) und Zusammenhänge verstehen gelernt hatte, die sonst der unbe- 
wußte Widerstand auch dem ehrlichsten Kranken vorenthält. Ich habe übrigens 
auch nach diesen Aufzeichnungen die Analyse nocii durch mehrere Monate fort- 
gesetzt, die Patientin aber nie auf einer UnAvahrheit ertappt oder auch nur einer 
Fälschung durch die Zensur. 

^) ,,Zur Ätiologie der konträren Sexualempfindung", Medizinische Klinik, 
1909, Heft 2. 



über den sado-masochistischen Komplex. 191* 

unbestimmtes Wohlgefühl, ohne daß ich wußte, woher. Mit 14 Jahren 
(,'twa bekam ich eine Ejakulation im. Wachen infolge einer Handschuh- 
}.>hantasie mid von diesem AugenbKcke vnißte ich wenigstens, daß 
jene masochistischen imd fetischistischen Ideen sexueller Natur sind". 
In all seinen homosexuellen Phantasien müssen die Männer 
Glacehandschuhe tragen, die förmlich zum Fetisch für ihn geworderi. 
Hierfür gibt der Kranke folgende Erklärung: „Die Vorliebe für Glanz- 
handschuhe rührt zunächst daher, daß sie glatt sind und an die mensch- 
liche Haut erinnern, und zwar besonders jener Stellen, die von Kleidern 
bedeckt sind und dadurch so glatt erhalten werden, vor allem, also die 
Genitalien^). Darum wirken nichtglänzende Handschuhe weitaus minder. 
gestrickte gar nicht. Eine zweite Wurzel ist die Beziehimg ziun Kot. 
Ich hatte die Gewohnheit, imm^er zu den Glaces zu riechen. Wenn das 
Leder frisch ist, habe ich ein so eigentümlich pikantes Gefühl, es riecht 
v/ie Kot. Deshalb bevorzuge ich auch an den Handscimhen gewisse 
Farben, gelb oder rot, am liebsten habe ich gelblichrote oder eigelbe 
Handschuhe, weil das die Farbe der Fäzes ist. Auch rote habe ich nicht 
ungern, die an Blut erinnern, hingegen viel nvinder weiße oder schwarze. 
Höchstens goutiere ich noch eisengraue, welche an das Eisen von 
Handschellen gemahnen, die in meinen masochistischen Phantasien 
eine Rolle spielen, gleich dem Blute. Dann noch eins: sie sollen m.ög- 
lichst blank und rein sein, nicht schmutzig oder abgerissen, also 
möglichst saubere, neue Handschuhe. Hat ja auch der Kot eine gleich- 
mäßige, reine Färbimg'-). Ferner interessieren mich an den Glaces 
die Rückenähte, dann, wenn der Handschuh geschlossen ist, vorne das 
Loch, wo man die Haut durchsieht, und namentlich die aufgeworfenen 
Ränder um dieses Loch. Die Erklärung dürfte folgende sein: Schon 
von Kindheit ab habe ich die Gewohnheit, an kleinen Wunden die sicli 
bildenden Krusten abzureißen, was mir ein quasi sexuelles Vergnügen 
bereitet. Die Rückennähte sind nun nichts anderes als lange Krusten 
und, wenn man sie ablöst, entsteht eine Spalte, die mit der Scheide 
identisch sein dürfte. Die Nähte selber sind wie die Peiiisse, wie ich 
aus verschiedenen Phantasien wciß^). Eine dritte AVurzel ist ma>o- 



^) Das ist natürlich nur Phantasie de.^ Kranken, sexuelle Delirien, di^ 
erklären sollen, wamm er die Handschuhe zum Fetisch macht. Daß ein richtigtr 
Kern in dieser Phantasie, werden wir später vernehmen. 

^) Hierfür werden wir später eine andere Erklärung kennen lernen. 

^) Hierfür giH das in Amnerkung 1 Gesagte. Die wahre Ursache i^t r>c' lu- 
Hauterotik. 



200 J. Sadger. 

chistischer Art. Die Handschuhe sind gewissermaßen eine Fessel, in 
welche die Hände eingewickelt werden. Ich habe die Vorstellung vom 
Gefesseltsein, daß meine Hände von etwas überzogen und gefesselt sind*'. 

Man sieht, wieviel Schau- und koprophile Riechlust verborgen 
ist hinter dem Handschuhfetischismus. Dazu kommt als weitere in- 
fantile Lust die Hauterotik, die sich in der gesuchten Glätte und dem 
Abreißen der Krusten manifestiert. Ich muß hier einfügen, daß unser 
Patient in der Kindheit ein arger Analerotiker war, der sich mit seinen 
Abfallstoffen die unappetitlichsten Dinge erlaubte. Darum zieht er 
nicht allein Handschuhe vor, welche Kotfarbe haben, sondern diese 
müssen in der Verdrängung auch besonders rein sein. Eine andere 
noch bedeutsamere Wurzel ist, daß Patient sehr früh, wahrscheinlich 
bereits als Säugling, masturbierte und davon unsaubere Hände bekam. 
Die nackte, unsaubere Hand wird verdrängt, dafür aber der sie be- 
deckende Handschuh zum Fetisch erhoben^). 

Komplizierter schon ist die Genese seines Masochismus, der 
sich besonders im Wimsche, gefesselt zu werden, ausspricht. Ich folge 
zunächst den Ergebnissen der mit ihm durchgeführten Psychoanalyse. 
Am 12. Tage überraschte mich der Kranke mit der Erklärung, er glaube 
die Lösung gefunden zu haben: jenes masochistische Gelüste rühre 
vom Eingewickeltwerden des Säuglings her. Auf meine Entgegnung, 
es würden doch alle Säuglinge gewickelt, ohne darum Masochisten 
zu werden, kam vorerst die Antwort, er habe sich nach der Entdeckung 
dieses Zusammenhanges viel freier gefühlt, was wohl einem jeden 
Analytiker beweist, daß mindestens eine bedeutsame Teillösung ge- 
funden wurde, dann aber eine nähere Ausführung: ,,Wenn ich als 
Säugling eingewickelt wurde, so war ich der Mutter gegenüber und 
hatte vermutlich das Verlangen, nach ihrer Brust zu greifen, konnte 
es aber nicht, konnte mich nicht rühren, weil ich eben eingepackt 
war. Direkt erinnere ich das natürlich nicht, wohl aber erschließe ich 
es daraus, daß ich mir dies öfter in meinen späteren Phantasien vor- 
stellte. So hatte ich z. B. die Phantasie, ich sei bei einer Dirne, die 
mich gebunden hat. Sie stellt sich vor mich hin und ich möchte gerne 
zu ihr, sie womöglich koitieren. Sie läßt mich aber nicht, sondern hält 
mich erst eine Weile zum Besten, bevor sie mich zuläßt. Meinen maso- 



^) Später berichtet er, in dieses Handschuhloch tatsächlich wiederholt 
sein Membrum hineingesteckt zu haben, mit dem Gedanken, so den Koitus zu 
vollziehen. Dann sei auch das Hineinfahren mit der Hand in den Handschuh 

eine Immissio iiienibri in vaginam. 



über den sado-masochistischen Komplex. ^01 

chistischen Veranstaltungen jetzt liegt wohl der Kinderwnnsch zu- 
grunde, zur Mutter zu kommen, um mit ihr geschlechtlichen Verkehr 
zu haben ^). Dieser anstößige Wunsch wurde nun imterdrückt und das 
bloße Eingewickeltwerden, das Nichtkönnen und Gefesseltsein, also das 
Harmlose bheb erhalten. In der Pubertät habe ich wiederholt Mägden 
und Mädchen an die Brust gegriffen oder dies wenigstens versucht 
und habe auch jetzt noch starkes Verlangen, ein Gleiches zu tun." 

5, Ein weiterer, vermutlich noch wichtigerer Punkt ist, daß ich 
schon als ganz kleines Kind sehr viel onanierte, ich glaube schon als 
Säugling, und durch das Eingewickeltwerden vom Masturbieren ab- 
gehalten wurde. Als ich in den ,Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie* 
las, daß schon Säuglinge onanierten, hat mir dies alsbald eingeleuchtet 
und war mir augenblicklich verständlich. Ganz bestimmt erinnere ich 
mich, schon sehr früh masturbiert zu haben, sicher bereits mit 3, 
•t Jahren, und wahrscheinlich viel häufiger, denn jetzt als Erwachsener. 
Ob sich nicht die ungestillte Libido dann vom Onanieren auf das 
G^bundensein übertrug? Vielleicht ließen sich noch andere Sachen 
mit den Händen ausführen, z. B. die Mutter an der Brust zu zupfen, 
was ich jetzt noch gern bei Prostituierten mache, und auch daran hin- 
derte mich das Eingewickeltwerden." Weniger ausgeprägt ist bei ihm 
eine andere Phantasie, die in Erzählungen vieler Masochisten eine Rolle 
spielt. Er kniet zu Füßen eines Weibes, das ist aber ganz unbestimmt, 
er hat nur das Bewußtsein, von ihr abhängig, unter ihrer Herrschaft 
zu sein, oder auch bloß, sie um etwas zu bitten, woran ihm sehr viel 
lag. Im Stenogramm der Analyse heißt es weiter: ,,Dies geht vermutlich 
auch auf meine Mutter zurück. Vielleicht, daß ich als ganz kleines 
Kind bei ihr saß oder zu ihren Knien und sie um die Eingeweide fragte." 
— ,, Wobei aber Ihre Wißbegierde vermutlich auf die Genitalien ging?" — 
,, Jedenfalls, aber nicht recht bewußt. Ich weiß bloß, daß ich sie öfter 
nach solchen Dingen fragte." Hier sei eine kurze Charakteristik der 
Mutter eingefügt. ,,Sie hat an mir unsinnig viel herumgepredigt und 
-gestraft. Kein Zweifel, daß viel von meinem Masochismus davon 
herrührt." — „Hat sie Sie soviel geschlagen?" — „Nicht einmal gar 
soviel, aber knien lassen und bei meinen masochistisohen Vornahmen 



1) Er erinnert sich dunkel, aber ganz bestimmt, zwischen 3 und 6 Jahren 
aggressiver gewesen zu sein, wofür ihn die Mutter eatspreohend scharf zurück- 
wies. Er versuchte, ihr iramer an die Brust zu gceifen, wollte durchaus immer 
zu ihr ins Bett und eintnal sogar um jeden Preis in das Badezimmer, da sie 
just nackt in der Wanne saß. 



202 j. Sadger, 

habe ich gleichfalls ausnahmslos gekniet. Auch wenn sie mich durch- 
prügelte, habe ich merkwürdigerweise stets vor ihr gekniet. Sie schlug 
mich aber mehr auf Rücken und Hände^)/' 

Auch zwei weitere masochistische Phantasien führt er auf die 
Kinder- und Säuglingszeit zurück. ,Jch habe die Phantasie gehabt, 
wenn ich zu einer Prostituierten gehe, mich nur halb auskleiden zu 
lassen, zunächst nur den Oberkörper, dann mir die Hände auf den 
Rücken binden und endlich die Unterkleider langsam, ein Stück nach 
dem andern, von der Dirne wognehmen zu lassen, was offenbar auf 
das Auskleiden abends durch die Mutter zurückgeht. Gefesselt wurde 
ich durch die Windeln als Säugling. Da wird es schon vorgekommen 
sein, daß man mit dem Einfatschen oben begann und mit den Beinen 
aufhörte, beim Auswickeln aber mit den Füßen anfing, so daß der 
Unterkörper schon frei war, die Arme aber noch nicht." 

,,Dann habe ich bei der ersten Prostituierten, bei der ich war, 
nachdem ich vergeblich einen Koitus, ja, selbst nur Erektion zu er- 
zielen versucht hatte, folgende Szene aufgeführt. Sie mußte sich aus- 
ziehen, dann Glacehandschuhe anlegen und eine Himdspeitsche in die 
Hand nehmen. Vorher ließ ich mir von ihr mit einer Radfahrkette 
die Hände auf den Rücken zusammenbinden imd ein Halsband, wie 
das eines Hundes, umlegen. Ich selbst legte gleichfalls Glacehand- 
schuhe an, kniete nackt vor sie hin und sie mußte mir Brust und Rücken 
peitschen, was mir starke Erektionen, aber keine Ejakulation ver- 

*) Hier noch ein Stück aus der Analyse: „Merkwürdigerweise muß ich 
bei dem Worte ,Frau' stets an die Mutter denken, beim Wörtchen ,Weib' aber 
eigentlich nie. Dazu fällt mir eine Stelle bei Weininger ein aus seinem Nach- 
lasse: ,Das Vv'ort Frau bezeichnet eine masochistische Vorstellung, das Wort 
Weib eine sadistische.' Da.^ eine ist sicher: Unter Frau denke ich mir immer 
ein sehr großes und kräftiges . . /* Er stockt und ich helfe aus: „Frauenzimmer. 
Mit einem Worte: Ihre Mutter." — „Ja. Unter Weib eine kleine und dicke Person, 
^<o wie die Schwester. Dann habe ich noch einen Typus, den ich auch zum Weibe 
oder Mädchen rechnen muß. Das ist ein Mtädchtn, schlank und niclit gar zu groß, 
aber doch größer als das sogenannte W^eib, und das dürfte auf meine bisexuelle 
Cousine zurückgehen. Ich glaube übrigens, mit den zwei letzten Typen könnte 
ich verkehren und verkehre ich auch, aber mit einer so großen Person könnte 
ich es nicht.'* — ,,Die so große Person in den 'Augen des Kindes ist natürlich die 
Mutter, und Inzestwünsche auf diese bilden fast immer die Grundlage der psy- 
chischen Impotenz.** — ^.Dagegen dürften sich beim ersten Typus masochistische 
Regungen einstellen, bei den anderen nicht. Darin liegt auch der Orund, weshalb 
bei Prostituierten, die immer dem letzten Typus angehörten, die masochistischeii 
V^ersuche stets mißlangen." 



über den sado-masocListiscben Komplex. 203 

ursachte. AVälirend sie mich so peitschte, drückte ich wiederholt meinen 
Mimd sowohl an ihre untätige Hand als an die Peitsche, dann krümmte 
ich den Kopf ganz zu Boden und hieß sie, den Fuß auf meinen Nacken 
setzen und mich abermals peitschen. Wiederum Erektion ohne Eja- 
kulation. Nun ließ ich mir von ihr in einem Spiegel die gefesselten 
Hände zeigen, setzte mich dann neben sie und forderte sie auf, micji 
2u masturbieren. Trotz alledem kam es weder zur Ejakulation noch 
zu voller Befriedigung, Diese stellte sich erst zu Hause ein, als ich 
jene Szene in der Phantasie nochmals durchging und zweimal onanierte. 
Die Einzelheiten der ganzen Veranstaltimg, die offensichtlich auf 
meine Phantasien zurückgeht, von der Mutter masturbiert^) und ge- 
prügelt zu werden, werde ich später voll erklären. Jetzt will ich 
nur von dem merkwürdigsten Punkt, dem Anlegen eines Halsbandes 
reden. Auch dies dünkt mich aus der Säuglingszeit zu stammen, da 
das Hemdchen noch keine Knöpfe hat, sondern um den Hals durch 
Bändchen in einer Schlinge geschlossen wird. Und ich glaube, daß 
hin und wieder die Mutter in der Eile heftig an der* Schlinge zog, wenn 
sie nicht gleich aufging, imd daß ich überhaupt öfter beim Einwickeln 
stark zusamm-engebimden und beim Halse stark zusam^mengeschnürt 
wurde. Daraus würden sich vielleicht auch die masochistischen Phan- 
tasien vom Hängen und Würgen erklären. Man wird eben leicht dabei 
gewürgt. Erwähnen will ich noch, daß ich zwar zu gewissen Zeiten 
ganz und gar einen Widerwillen hatte gegen das Weib, doch niemals 
gegen masochistischen Verkehr mit ihm.'' 

Nur eine sekundäre Rolle spielen in der Genese seines Mario- 
chismus Knaben imd Burschen seiner Kinderjahre, Da wären zunächst 
die beiden heißgeliebten Vettern zu nennen, die, etwa 10 Jahre älter 
als er, ihn öfter verprügelten, doch nie aufs Gesäß, sondern stets nur 
auf den Rücken, was in der Veranstaltung mit der Dirne dann wieder- 
kehrte. Auch machten sie sich bisweilen den Spaß, ihm luiversehens 
die Hände zu binden, wozu die Mutter einmal herzlich lachte. Eine 
gewisse Bedeutung kommt wohl auch dem gewalttätigen Baron, einem 
Bürschchen von 8 — 10 Jahren zu, der in seiner Erinnerung gebückt 
vor ihm steht imd die Trommel schlägt. Als. das Dienstmädchen jenen 

=*) Auf die Bedeutung der Säuglingspflege für die Genese der Masturbation 
habe ich an anderem Orte verwiesen. (j,I>ie Onanie", 14 Beiträge zu emer Dis- 
kussion der Wiener psychoanalytischen Vereinigung, Wiesbaden, 1912, 8. l'^^ 
Diese Ätiologie erfuhr dann in unserem Falle noch durch die Hauterotik be- 
sondere Verstärkung, so daß Patient sehr früh und maßlos onanierte. 



"204 J. Sadger. 

zu holen kommt, verprügelt er sie mit den TrommelscUägeln, die 
imseren Patienten wieder an sein — Membrum erinnern, welches an 
der Glans so trommelschlegelartig verdickt sein soll. „Wenn ich mir 
den Baron vorstelle'*, fährt der Kranke fort, ,,so wie er das Mädchen 
mit den Schlegeln prügelt, so verwandeln sich diese in eine Knute, 
die Knöpfe vorn in Knoten an dem Riemen, der vorn von der Knute 
herunterhängt, und das Ganze eriimert mich an die Geschichte eines 
sibirischen Sträflings, die ich mit 12 — 13 Jahren las. Das Schlagen 
selber hat mich nicht so aufgeregt, wie daß man ihn überfällt, fesselt 
und fortschleppt. Dies Überfallen, Fesseln und Fortschleppen geht 
offenbar auf meine Säuglingspflege zurück, wo das losgewickelte imd 
vergnügt strampelnde Kind von der Mutter plötzlich gepackt, wieder 
eingeschnürt und ins Bett getragen wird, vielleicht nach allerlei Liebes- 
spielen. Die Peitsche hinwieder ist im Grunde genommen nur ein 
Penis. Ein Strick ist zu meinen masochistischen Phantasien nicht 
zu brauchen, weil er steif ist, und eine Gliedsteifung nahm ich erst 
mit 12, 13 Jahren an mir wahr. Darum muß es etwas Bieg- und Schmieg- 
sames sein wie ein Kinderpenis, also eine Kette, eine Schnur oder Riemen, 
nicht etwas Steifes. Als Kind von 4, 5 Jahren masturbierte ich oft so, 
daß ich mein Membrum ergriff imd zwischen den Schenkeln hin und 
her schwenkte, so daß es an ihren Flächen anschlug. Dadurch trat 
natürlich eine geschlechtliche Erregung ein, die nun beim Peitschen 
nachgeahmt wird. Ob nicht auch die Mutter mit meinem Penis so 
hin und her schwenkte, wenn sie mich als Säugling aufgewickelt hatte 
und mit mir spielte?" 

,,Und nun zurück zur Erklärung der masochistischen Szene mit 
der ersten Dirne. Eine Radfahrkette benutzte ich, weil ich mir die am 
leichtesten in einem Greschäfte kaufen konnte, ohne Aufsehen zu er- 
regen. Die Hundspeitsche erinnerte mich zunächst an einen Penis, 
auch war ich oft zugegen, wenn der Haushimd, an dem ich zärtlich 
hing und auch gelegentlich Sodomie trieb, geschlagen wurde. Vielleicht 
identifiziere ich mich auch darum mit ihm durch das Anlegen eines 
Hundehalsbandes. Was femer den Fuß im Nacken betrifft, den ich 
mir von der Dirne aufsetzen ließ, so ist dies nichts anderes als der 
Penis meines Vaters. Ich hatte nämlich als Kind die Gewohnheit, 
ihm zwischen den Beinen hindurchzuschlüpfen, wobei ich natürlich 
seinen Penis und seine Hoden im Nacken spürte. Dies dürfte auch 
die Grundlage für meine Phantasien vom Reiten abgeben, daß nämhch 
jemand auf mir reitet und seine Genitalien mir im Nacken hat. Noch 



über den sado-masochisiischen Komplex. 



205 



tiefer führt natürlich die Identifikation mit der Mutter, auf der der 
Vater beim Koitus reitet." Eine weitere Überdeterminierung ist, daU 
die Mutter vermutlich öfter ihren Fuß halb spielerisch auf den Nacken 
des zu ihren Füßen sitzenden oder krabbehiden Kindes gestellt haben 
wird. Endlich wäre noch heranzuziehen, daß der Fuß das schmerzlich 
vermißte Glied des Weibes darstellt. Mit ihm also spürt Patient nicht 
bloß den Penis des Vaters, sondern auch den gesuchten der Mutter 

im Nacken. 

„Daß ich mich von der Dirne auf Brust und Eücken schlagen 
lasse, rührt wohl von einer DarsteUung der Geißelung Christi in einer 
biblischen Geschichte, die ich mit 6—7 Jahren von der Schule bekam. 
Sie erregte mich so stark, daß ich in der Kehle ein Angstgefühl bekam, 
eine Beklemmung, wie immer, wenn ich masochistisch gereizt werde, 
und wie ich sie wohl auch damals empfand, als Mutter mir das Säuglings- 
hemdchen rasch zuschnürte. Bei der Geißelung Christi hatte ich vielleicht 
auch die unbewußte Phantasie, so von Vater und Mutter geprügelt zu 
werden. Denn trotzdem ich das Buch von der Schule bekommen hatte, 
also lesen durfte, quälte mich bei der Lektüre das Gefühl: Wenn mich 
nur nicht Vater oder Mutter erwischen, daß ich das lese ! Es wäre 
mir riesig zuwider gewesen. Ich hatte also ein böses Gewissen. Dann 
fäUt mir noch etwas anderes ein. Mit 2—3 Jahren sah ich die Ab- 
bildung eines Mannes, der auf die Folter gespannt ist, auf eine Art 
Leiter, die Hände auf den Rücken gebunden — der Hintergrund des 
Bildes war schwarz — imd das alles übte auf mich einen un- 
heimlich erdrückenden Einfluß. Das Erotische lag wohl darin, daß 
der Mann halb nackt und gebunden ist, was auf die Windeln zurück- 
geht. In etwas späterer Zeit sah ich bei einem Bekannten ein Ecoe- 
Homo-Bild, wo die Hände Christi vorne zusammengebunden sind, was 
damals auch schon Eindruck auf mich machte. Das gäbe den Über- 
gang zum gegeißelten Christus." Dann noch ein paar Einfälle aus 
späteren Analysenstunden: „Ob nicht die auf dem Rücken gekreuzten 
Hände eine Nachahmung meines Vaters sind und eine Identifikation, 
mit ihm? Ich kann mich erinnern, wenn der Vater mit auf dem Rücken 
verschränkten Armen im Zimmer auf und ab ging, so weckte mir 
das noch mit 8, 9 Jahren masochistische Gedanken, als bedeute es: 
die Hände auf den Rücken binden." Ferner: „Als Bub von 4, 5 Jahren 
trug ich im Winter gestrickte Handschuhe, die von einem Bande zu- 
sammengehalten wurden. Das würde die Handschellen erklären oder 
sich wenigstens damit verbinden. Noch wichtiger vielleicht ist folgende 



-'^^ J. Sadger. 

Beziehung: Wenn ich als ganz kleines Kind auf dem Topfe saß, hielt 
mich die Mutter stets an den Handgelenken fest, damit ich das Gleich- 
gewicht nicht verliere, in späteren Jahren, auch damit ich mir nicht an 
den Genitalien zu schaffen mache/' Endlich noch ein Einfall, der auf 
den urethralerotischen Ursprung seines Masochismus ein helles Licht 
Avirft: „Ob nicht die Marterwerkzeuge einfach die Genitalien sind? 
Ich bekam sehr früh starke Erektionen, die mir Schmerzen verursachten, 
dann auch Schmerzen infolge des Onanierens und des zurückgehaltenen 
Urins. Es kann auch sein, daß die sexuelle Nichtbefriedigung Schmerzen 
in den Genitalien hervorruft. Da Peitsche und Peais identisch sind, 
^\urden später die Schmerzen im Membrum sowie die begleitenden 
Lustgefühle auf die von der Peitsche getroffenen Stellen übertragen." 
Hier lasse ich noch einige minder wichtige Beziehungen folgen: 
,...\ls Kind hörte ich mehrfach die Muttor von einem Knechte ihres 
A^aters erzählen, der einen Diebstahl begangen hatte und dann ge- 
fesselt^ abgeführt wurde. Meine ersten masochistischen Phantasien 
hatte ich bei Gelegenheit eines Bilderbuches, wo von zwei Jungen die 
Rede war, die gestohlen hatten und arretiert wurden, wobei man ihnen 
die Hände mit einem Stricke band. Darffals empfand ich zum ersten 
:^]'alG das richtige masochistische Gefühl, angstähnlich und doch eine 
Wollust zugleich. Ich habe gleichfalls zu wiederholten Malen kleine 
Sachen mitgehen lassen, doch das Gestohlene bezeichnenderweise stets 
so gehalten, daß die Mutter es in Bälde sehen mußte, was mir immer 
eine derbe Strafpredigt eintrug. Ob mein Verhalten nicht daher rührt, 
daß Weiber für Verbrecher, wie Diebe imd Mörder, ein lebhaftes In- 
teresse, ja, Mitleid zeigen und ich dann durch meine kleinen Diebstähle 
der Mutter interessant zu werden hoffte?" 

Zum Schlüsse will ich noch einen Zwischenfall kurz erzählen, 
der wieder zur Säuglingspflege zurückführt und zu seiner lebhaften 
Analerotik. Die ersten zwei Wochen der Psychoanalyse erzielten 
schon ein fast völliges Zurücktreten der Inversion und Hervorbrechen 
des normalgeschlechtlichen Empfindens. Da meldet er plötzlich am 
19. Tage einen schweren Rückfall. Die männlichen Schenkel hätten 
es ihm angetan auf der Abbildung eines jungen Athleten, der bei 
Ronacher auftrat. Er trage auf dem Bilde eine kurze Hose, ähnlich 
einer Schwimmhose. Hier aber schon drängte sich dem Kranken ein 
bezeichnendes Wort auf die .Lippen: .„Die Hose ist so gefältelt und 
gefranst mid das hat mich an die Unterhose eines Weibes erinnert. 
Am andern Morgen kam mein gewöhnliches Verlangen wieder, von 



über den sado-masocliistischen Komplex. M i 

einem Manne päderastiert zu werden. Ich stellte mir vor, ich liege 
auf dem Rücken, die Hände mit eisernen Spangen auf dem Rücken 
gefesselt, und irgend ein junger Mensch — Brust und Gesicht ist ganz 
unbestimmt geblieben, nur die Schenkel traten stark hervor, es waren 
die des Athleten in der Schwimmhose — der koitiert mich. Hierbei 
ein heftiger Drang 7.Vim Onanieren, dem ich schließlich nachgeben 
mußte.'' — ,,In der Vorstellung des Athleten mit der Unterhose eines 
Weibes sind offenbar zwei Vorstellungen zusammengezogen. Nändich 
einmal wirklich von einem Athleten, demnach einem besonders starken 
Manne, gefesselt zu werden und zweitens von der Mutter in Unterhosen.- 
— „Ja, in Windeln gewickelt und so gefesselt zu werden. Übrigens 
war die Mutter außerordentlich groß und stark, von männlichem 
Habitus und besaß einen riesig entwickelten Unterkörper. Das wird 
die Identifikation mit dem Athleten erleichtern, zumal die Mutter 
dem kleinen Kinde stets als Riesin erscheint.*^ — ,,Und Ihr Wunsch, 
im Anus koitiert zu werden, geht wohl auf Ihr kindliches Vergnügen 
an Klystieren, die Ihre hochgradige Analerotik so lustvoll machte?" — 
,,Ja, ganz richtig. Und dann wird es aiich noch öfter passiert sein, 
wenn ich in der Nacht mich naß oder voll machte, daß die Mutter 
aufstand, nur rasch in ihre Hosen schlüpfte und mich aus- und dann 
natürlich auch wieder einpackte.'^ 

Fall 2. Beiß- und Urethralsadismus, 

Klinischer Assistent der Psychiatrie an einer deutschen Univer- 
sität, 28 Jahre alt, wünschte von mir wegen Morphinismus, Impotenz 
und verschiedener hysterischer Symptome psychoanalytische Be- 
handlung. Ich zitiere aus derselben nur, was auf seinen Sadismus 

Bezug hatte. 

Die verhältnismäßig simpelste Seite desselben ist seine exorbitante 
Beißlust, Einleidenschaftlicher Raucher, zumal von Zigaretten,verträgt er 
doch niemals solche mit Mundstück, sondern zerbeißt das letztere sofort. 
..Im Gymnasiuna und auch noch an der Universität habe ich passsioniert 
Pfeife geraucht, aber die Mundstücke sind alle zerbissen. Ich habe 
direkt meine überflüssige Energie daran ausgelassen. Meine Schwester 
kaut wieder jeden Bleistift, mit dem sie schreibt, wobei sie also durch- 
sichtig einen Penis beißt. Ich beiße auch oft so lange drauf los, bis es 
mir in den Kiefern schon weh tut, mit Vorliebe auf einen Zahn, von 
dem ich weiß, daß er ein bißchen empfindlich ist, nur damit ich 
irgendwo einen Schmerz, mindestens eine intensivere Änderung 



208 



J. Sadger. 



des GefüUs verspüre." Wie man sieht, empfindet der Kranke Ver- 
gnügen am eigenen Schmerze. Diese Lust sucht er dann auch anderen 
zu geben. „Meine Schwester habe ich oft genug in die Wange gebissen 
als starken Kuß. Auch bei einer geliebten Cousine hätte ich es gerne 
so gemacht, mich aber nicht getraut." Noch früher liegt das Beißen 
der mütterlichen Brustwarzen^), welches erst das ganze Symptom 
erklärt. Es handelt sich hier offenbar um eine besondere Erogenität 
der ganzen Mundzone, zumal der Kieferschleimhaut und Beißmuskulatur, 
die dann auch die Leidenschaftlichkeit seines Rauchens erklärt. Die 
gleiche konstitutionelle Verstärkung verraten auch seine Fieberphan- 
tasien sowie verschiedene spätere SjTnptomhandlungen. „Noch vor 
meinem 3. Lebensjahre — das sind meine allerfrühesten Erinnerimgen — 
und bis ins zehnte hinein sah ich bei Fieber Schlangen, die sich in- 
einander wanden, was mich stets zum Lachen brachte. Gleichzeitig 
hatte ich das Gefühl, wie wenn ich in etwas hineinbisse, was nicht zu 
zerbeißen ist, was zum Hineinbeißen ist, aber doch nicht nachgibt, 
doch hart ist 2), so daß ich im unklaren war, in was ich eigentlich beiße, 
imd wenn ich so drauf losbiß, erwachte ich meist. Auch jetzt noch bin 
ich ein passionierter Beißer. Das Abnagen von Knochen ist für mich 
eine Passion, in welcher ich es zu einer gewissenVirtuosität gebracht 
habe. Ich bringe fast alles weg, und wenn ich mir die Zeit vertreiben 
will, muß ich immer etwas zum .Beißen haben, einen Zahnstocher oder 
Grashalm, auch wenn ich in einer langweiligen Gesellschaft bin." 
Hier ist die tröstend sexuelle Beziehung ebenso durchsichtig wie die 
Gleichsetzimg aller länglichen Gegenstände (Schlangen, Knochen, 
Grashahn und Zahnstocher) mit Penis oder Brustwarze. 

Den Übergang von seinem Beißsadismus zu einer weiteren 
Form, welche auf die Urethralerotik zurückgeht, bildet eine sehr be- 
zeichnende Episode: „Mit drei Jahren wurde ich von einem Hunde 
in das Membrum gebissen. Ich habe riesig geschrien. Ea heilte aber 
ganz von selber. Seit damals bekam ich von Zeit zu Zeit ,Glangerl- 
weh', wie ich es nannte (von ,glangerhi', hin- und herpendeln), eigenthch 
ziehende Schmerzen, die ganz von selbst kamen, da ich ein kleines 
Kind war. Ich erinnere mich, einmal lag ich abends im Bette und klagte 
über Schmerzen, und meine Mutter hat das immer für sehr wichtig 
gehalten. Man könne nicht wissen, man müsse da sehr acht geben, 

^) Über mein Befragen schrieb mir die Mutter: „Ich kann mich sehr wohl 
erinnern, daß er beim Stillen ungeheuer stark saugte. Es war fast schmerzhaft." 
') Erinnerung an die mütterliche Brustwarze. 



über den sado-masochistischen Komplex. 209 

und hat mir einen Ölfleck darauf gelegt. Dieses Weh bekam ich nun 
öfter und meine Schwester sekkierte mich deshalb sogar: ,Hast du 
wieder Glangerlweh?'"' Als ich nun mein Befremden ausdrückte, daß 
ein Hund ihn just in das Membrum gebissen, kam folgende Ergänzung: 
,,Ich glaube, ich werde mit meinem Penis herumgespielt haben. Der 
Hund muß mich ja eigentlich gekannt, also muß ich ihn rein mit meinem 
Penis geneckt haben. Auch biß er keineswegs stark hinein, sondern mehr 
im Spiele. Trotzdem schrie ich füchterlich, nur, glaube ich, war da 
weniger los, als aus großem Schrecken, i)" Wir dürfen nach dieser Er- 
klärung wohl annehmen, daß er geflissentlich ins Membrum gebissen 
sein wollte und dann fürchterUch schrie, teils aus Schuldbewußtsein, 
teils um die besondere Zärtlichkeit der Mutter, die in diesem Punkte 
ausnehmend besorgt war, zu provozieren. Entscheidend für das Ver- 
langen aber, sich von einem Hunde dort beißen zu lassen, war neben 
der Lust am Beißen und Gebissenwerden noch eine andere, die seiner 
Urethralerotik entsprang. 

Von dieser führte ich bereits an anderer Stelle aus^), daß sie 
schon in frühester Kinheit entweder Poly- oder PoUakurie setze bis 
zur Inkontinenz, oder anderseits eine Eetentio urinae, indem die Kinder 
mit Vorliebe ihren Harn zurückhalten, weil sowohl die Miktion als deren 
Produkte ganz ungemein lustvoll empfunden werden; daß ferner eine 
enorm frühe Reizbarkeit der corpora cavernosa urethrae vorhanden, 
zumal bei zurückgehaltenem Urin, und infolge dessen Erektionen bereits 
des Säuglings und des ganz kleinen Knaben zur Tagesordnung zählen ; 
endlich daß auch sehr häufig Parästhesien imd Sensationen schmerz- 
hafter Art im peripheren Harn- und Geschlechtstrakt auftreten. Diese 
frühe Harn- oder Urethralerotik wird in der Pubertät vorbildlich für 
die Sexualentwicklung, so daß z. B., wo ehemals Incontinentia urinae 
bestand, es nunmehr zu Pollutionen kommt, zu Spermato-, Urorrhöe oder 
Ejaculatio praecox, während wieder die Verwerfung der infantilen 
Erektionen von selten der Mutter sich in psychische Impotenz, die 
Schmerzen in Urethra in verschiedene Genital- imd Harnröhrenneu- 
ralgien umsetzen können. 

Auch bei unserem Kranken ist die Tafel überreichlich gedeckt. 
So erzählte die Mutter, daß, wenn sie den gäughng trockenlegte, sie 
öft^r Gliedsteifungen an ihm wahrnahm. „Es kam auch später vor", 
berichtet Patient, „daß, wenn sie mich an- und auszog, ich Erektionen 

1) Von der Mutter wird diese Szene und ihre Folgen bestätigt. 

2) „Über Urethralerotik", 1. c. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen, Y. 1^ 

1 t T 



210 J. Sadger. 

hatte, deren ich mich vor ihr schämte. Ebenso im Bade, wenn sie dabei 
stand und meinen Penis erblickte. Zumal beim kalt Überschütten am 
Schlüsse bekam ich gewöhnhch eine Gliedsteifung. Es kommt mir auch 
vor, daß sie öfter, -wenn sie schon im Bette lag, mit der Hand über die 
Decke darüber streifte, als wollte sie die Erektion niederlegen. Auch 
das erinnere ich deutlich, daß, wenn zwischen meinem 5. und 10. Jahre 
die Schwester sich auf den Bettrand setzte oder gar auf meine Beine, 
ich öfter Erektionen unterdrücken mußte. Ebenso war ich zwischen 
16 imd 17 wiederholt genötigt, direkt vom Tische aufzustehen und 
ans Fenster zu treten, damit niemand die Steifung meines Gliedes sehe." 
Den innigen Zusammenhang mit der Harnerotik verraten nach- 
folgende Bemerkungen des Kranken: ,,Beim Urinieren hatte ich auch 
immer eine Art Status, so daß ich mich auf das Klosettbrett stellen 
und das Membrum hinunterdrücken mußte, damit es ins Loch trifft. 
Sogar heute noch stellen sich beim Urinieren Erektionen ein. Hie und 
da ist auch Samen mit abgegangen. Außerdem hatte ich auch noch das 
Gefühl, jetzt muß ich urinieren, imd wenn auch schon der Harn fließt, 
bleibt doch das Gefühl, als wäre noch viel drin und könnte nur ein 
geringer Teil heraus. Es ist ein gewisses Krampfgefühl und, wenn sich 
das einstellt, kommt auch sehr häufig Sperma nach. Mit 4 bis 6 Jahren 
habe ich oft einen fürchterhchen Harndrang bekommen, dem ich absolut 
Folge leisten mußte. Da verging mir Hören und Sehen, Damals habe 
ich auch zu zittern begonnen und war ganz starr. Ich konnte die Beine 
nicht bewegen, ich muß oft dagestanden haben wie eine Bildsäule, 
die Beine zusammengedrückt, imd traute mich nicht zu rühren. Dabei 
Angstschweiß, Zittern imd Bleichsein und die stete Furcht: jetzt und 
jetzt muß ich dem nachgeben. So stand ich eine Zeitlang, dann hatte 
ich es gewissermaßen dadurch unterdrückt und konnte ein bischen gehen. 
Jetzt mußte ich aber schnell die Blase entleeren, und da geschah es oft, 
daß ich nicht rasch genug die Hose öffnen und den Mantel wegschieben 
konnte, so daß es auf beide ging. In Volksschule und Gymnasium hatte 
ich oft Schmerzen, me wenn ein Faden der Kleidung in die Harnröhre 
gelangt wäre und bei einer gewissen Bewegung zurückgezogen würde. 
Es war ein eigenartiges, stechendes, schneidendes Gefühl vorn in der 
Urethra, obwohl es natürlich nur eine Parästhesie darstellte. Doch 
immerhin bestand ein momentaner, ziemlich heftiger Schmerz, der bei 
Lageveränderungen des Penis wiederum wich, welches Weichen des 
Schmerzes dann wohltuend wirkte. Damit scheint mir im Zusammenhang 
zu stehen, daß ich jetzt beim Koitus nur dann das höchste Ver- 



über den sado-masochistiscben Komplex. 211 

gnügen habe, wenn ich vor demselben einen heftigen Schmerz 
empfinde. Mit der Ejakulation erfolgt dann die Lösung des letzteren. 
Nicht selten bekam ich auch plötzlich ein starkes Wollustgefühl in 
mem.bro nebst einem starken Zittern daselbst, wie wenn beim Koitus 
die Ejakulation kommt. Oft stellte sich ein förmlicher Klonismus ein, 
mit oder ohne vorausgegangene Erektion, z. B. häufig auf der Gasse, 
so daß ich dachte, es folge eine Pollution. Doch kam es nie zu dieser, 
nur zu einer Urorrhoea ex libidine. Oft war auch das Membrum gleich- 
sam eingepickt an der Innenseite des Oberschenkels, wenn ich lange 
gesessen bin^).'* 



^) Als der Kranke in meine Behandlung trat, klagte er über psychische 
Impotenz, die jetzt leicht auf die Verwerfung der kindlichen Erektionen durch 
die Mutter zurückzuführen ist. Die infantile Retentio urinae fand später teils 
eine direkte Fortsetzung, teils setzte sie sich in die obgenannten Erscheinungen 
um von Seiten des Genitaitraktes. Schon in der Volksschule hat er sich angeblich 
nicht getraut, je aufzuzeigen, daß er hinaus -wolle. "Wie ■'.venig dieses Motiv ent- 
scheidend, sondern nur die geflissentliche Zurückhaltung, beweist, daß es ihm 
auch im Oberg3minasiuni ,, gleichsam unbequem war", zu urinieren, und er ,,aus 
einer gewissen Nachlässigkeit"' den Harn zurückhielt, ,, Selbst jetzt muß ich oft 
direkt einen gewissen Widerstand überwinden, um auf's Klosett zu gehen. Ich 
mache alles andere eher, nur um den Urin zurückzuhalten." Ähnliche Retention 
bewies er auch spater in seinen Genitalfunktionen. Im Obergymnasium litt er 
lange Zeit an Satjrriasis. Nachdem er sein Membrum durch Phantasien zur 
böchäten Erektion gebracht und merkte, jetzt käme die Ejakulation, da brach 
''l' plötzhch ab, so daß die Steifung ohne Erguß zurückging. Als er sich im ersten 
Universitatsjahr bemühte, seine Masturbation zu unterdrücken, da kam es zu 
- tarken Pollutionen, zu SpermatoiThöe auch außerhalb des ürinierens und endlich 
■ui sehr starker Ürorrhöe. AU er nach sicbeiiwöchentlicher psychoanalytischer Kur 
die Behandlung aus äußeren Gründen unterbrocheii und sich bald dp.rauf ver- 
lobt hatte, litt er bei KohabitationsA ersuchen mit seiner Braut an Ejaculatio 
praecox. Vv^ährond es früher bei Prostituierten stets lang währte, bis nur ein wenig 
Libido kern , nac h lär gerer Friktion und durch eine Art von psychischem Sadismus, 
d, h. die Vorstellung, er stoße mit seinem Glied in sie hinein, war er jetzt bei der 
Braut,, voll riesiger Libido. Es genügt, daß ich mit meinem w^eichen Ghedeinpn.ar 
Mal vor ihrem Genitale herumbewege, um eineEjakuhiiion au^zulöseii, fast ohne 
Erektion. Es ist eigentlich ein Gefühl, als wenn man sich ausuriniert. 
Ja, es ist tatsächlich ähnlich. Ais ich vor 2 Jahren zu Hause versuchte, mich 
vom Morphin zu entwöhnen, da war ich impotent und ging darum auch zu 
keinem Mädchen. Am 6., 7. Tage war die sexuelle Spannung schon sehr groß 
und da war es wirklich so arg, als w^enn man starken ürindrang hat, und ich 
mußte die Beine einziehen. Es war gerade so, als wenn eine Flüssigkeit da wäre, 
die irgendwo unter erhöhtem Drucke aus dem Gefäße herausfließt. Auch wenn 
ieh bei meiner Braut Ejaculatio praecox bekomme, habe ich mir oft schon gedacht. 
es ist, als wenn ich sie anschiffen möclite." 

14* 



212 J. Sadger. 

Wir haben vorhin die merkwürdige Tatsache hören müssen, 
daß unserem Kranken der Koitus erst dann das intensivste Vergnügen 
schuf, wenn er vor dem Ergüsse einen heftigen Schmerz empfunden 
hatte. Nach dreiwöchiger Behandlung kam dann die im theoretischen 
Teil geschilderte Episode, wo er freudestrahlend zu mir kam, weil er 
nach einem Koitus einen halben Tag lang Schmerzen gehabt hatte. 
Als Ergänzung fügte er noch hinzu: ,, Eigentlich ist mein einziges Keiz- 
mittel bei einer Dirne das Bewußtsein, wenn ich recht heftig in sie 
hineinkoitiere, so muß auch sie eine Art von Schmerz dabei empfinden. 
Das ist ganz allgemein der Höhepimkt meines Grenusses, wenn es so an- 
fängt zu schmerzen. Drum habe ich auch gar nicht ungern zur Zeit der 
Masturbation mein erigiertes Membrum gegen die Mauer oder etwas 
Hartes, das mir weh tat, hineingedrückt, es gleichsam so durchbohren 
wollen. Bei einem besseren Mädchen hat man das Bewußtsein, daß es 
sie eine Art Überwindung kostet, es ist gleichsam ein psychischer 
Schmerz, sie muß nachgeben und es sich gefallen lassen. Bei einer Pro- 
stituierten, wo man das nicht annehmen kann, macht höchstens eine 
recht starke Erektion, die sie spürt, Eindruck. So eine erzählte mir einst 
von einem starken Herren, der ihr fast den Unterleib durchbohrte; das 
wäre mein Ideal gewesen. Ich war direkt eifersüchtig, daß einer existiert, 
der noch stärker ist als ich und eine Dirne verletzen kann durch die 
Gewalt seines Penis. Ich bin geradezu neidisch geworden." 

Den Übergang zum psychischen Sadismus bot der oben schon 
erwähnte Gedanke des Kranken, das Mädchen empfinde beim Koitus 
Schmerz. Dies Bewußtsein war für ihn beinahe conditio sine qua non. 
Denn als er noch während der ersten Analyse eine Gfeliebte fand, die 
sich ihm nach monatelanger Werbung schließlich aus vollem Herzen 
ergab und bei der Defloration gar nicht wehrte, ja, gefUssentlioh 
jede Schmerzäußerung unterdrückte, blieb ihm fast jegliche Wol- 
lust aus. Eine Dirne hingegen, die er bald darauf brauchte und welche, 
seine Eigenart erkennend, die Pein der Überwältigung geschickt 
markierte, erregte ihn heftig, obwohl er natürlich das Spiel durch- 
schaute. Und er war genötigt, um bei der Geliebten potent zu sein, 
sich vorzustellen, daß sie psychisch leide. ,,Bei der Dirne spielte übrigens 
auch das Bewußtsein mit, daß ich ihr durch den Koitus gewissermaßen 
meine Veraehtxmg ausdrückte. Sie ist rein dazu da, meine Lust zu 
befriedigen. Ja, eigentlich ist durch diese Vorstellung erst wieder 
meine Potenz erwacht. Noch eins gefiel mir bei dieser Prostituierten: 
Sie sprach nicht und sah mich auch beim Akte nicht an, und dies war 



über den sado-masochistischen Komplex. 213 

das Eichtige. Wenn eine in solcher Lage zu sprechen beginnt, wie 
z. B. später meine Braut, so ist das ein Zeichen, daß sie in keiner leidenden 
Lage ist, es kommt mir zu resolut von ihr vor. Mein Ideal wäre, daß 
sie sich gewissermaßen fürchtet und seufzt oder Zeichen der Klage 
gibt, sowie jene Dirne, die beim Koitus immer schnaufte und ächzte. 
Bei meiner Braut hatte ich so lange starke Erektionen, als sie mir den 
Koitus weigerte. Da sie sich endlich bereit erklärte, war ich durch ihr 
Verhalten anfangs impotent. Es gelang mir schheßlich durch folgende 
Veranstaltung: Ich stellte mir vor, daß sie quasi Versuchskaninchen 
sei. Sie müsse gleichsam dazu herhalten, daß ich meine Lust auf 
irgend einer Weise befriedige, ob sie dabei Vergnügen empfinde oder 
nicht. Infolgedessen kam sie mir vor wie meine Sklavin. Vorher hatte 
ich ihr aufgetragen, stillezuhalten, wodurch mein Ideal vorgetäuscht 
wurde: ein Weib, das gezwungen ist zu einem Sexualakte. Förderlich 
war noch, daß ich die ersten paar Male mich nicht getraut hatte, meinen 
Penis vor ihr sehen zu lassen, und plötzlich habe ich mich getraut. 
Und während er größer wurde, dachte ich mir, das muß auf sie einen 
sozusagen erschreckenden Eindruck machen und bei ihrem schwächlichen 
und grazilen Bau sein Eindringen für sie mifc einer bedeutenden An- 
strengung verbunden sein. Und wenn sie am Ende dann und wann 
auch noch wirklich seufzte oder stöhnte, stieg mein Genuß auf den 
Gipfel." 

Es wäre noch eine letzte Form des Sadismus zu nennen, die 
andern Ursprungs. ,, Schon mit 5, 6 Jahren hatte ich Phantasien merk- 
würdiger Art. Ich stellte mir alle jüngeren (etwa 20jährigen) Mädel 
meines Geburtsortes vor, ganz nackt und mit einem Stricke umfaßt, 
imd dann zog ich eine oder die andere mit diesem Stricke*). Aus- 
gelöst dürfte dies worden sein durch das berühmte Bild, wo ein schönes 
Weib mit Stricken an einen Pfahl angebunden ist. Als ich dies Bild mit 
5, 6 Jahren gemeinsam mit meiner Schwester sah, fürchtete ich schon 
damals, sie könne mir ansehen, wie geil mich das mache. Dann habe 
ich Miederdamen gesammelt aus der ,Modenwelt'. Da hat mich auch 
die Art Fesselimg angezogen, der diese Damen unterlagen. Natürlich 
werde ich auch oft die Mutter gesehen haben, wie sie sich das Korsett 



^) Später erzählt er die Phantasie in einer etwas andern Veraion. Er habe 
die Mädchen zusammengebunden und nachgeschleppt wie Sklaven, gleichsam 
zur Züchtigung. ,,Mir kommt dies auch vvie eine Reaktion oder Rache vor, 
weil sie mich nicht gehätschelt haben." Die wahren Gründe werden wir später 
erfahren . 



214 j^ Sadgei. 

zuschnürte." — „Hatten Sie vielleicht das Verlangen, ihr dabei zu 
helfen?" — ,,Ja, das mag schon sein. Vielleicht, weil ich oft sah, wie 
Mutter sich das Mieder schnürte, daß ich darum die Phantasie hatte, 
mehrere nackte Frauen würden mit einem Strick zusammengebunden. 
Dann wird es vorgekommen sein, daß ich Mutter die Hände zusammen- 
hielt: ,So, jetzt kannst du dich nicht rühren!' Auch weiß ich ganz 
bestimmt, daß ich ihr von der Seite herumgegriffen und sie fest- 
gehalten habe, indem ich ihr von vorne und von hinten die Arme um 
den Leib schlang." — ,,Also Fesselung aus Liebe," — „Ja. Übrigens 
merke ich auch jetzt noch, wenn ich ein Mädchen, wie meine Braut, 
besonders stark um die Mitte zusammenpresse, bekomme ich eine 
Erektion." 

,,Mit 15, 16 Jahren dachte ich bei erwachsenen Frauen, zumal 
der Tante, wenn ich nur in die Lage käme, sie auf eine unverfängliche 
Art, die meine Geilheit nicht verrät, quälen oder umschlingen zu 
können. Zur selben Zeit phantasierte ich auch oft, daß ich eine Ster- 
bende oder gar Tote koitiere. Da wäre ich doch ganz sicher gewesen, 
nicht verraten zu werden. Sie ist doch stumm und tot und sieht meine 
Geilheit nicht. Ich kann mit ihr machen, was ich will. Ebenso hätte 
ich bei anderen weiblichen Personen getan, die in einem Zustande 
sind, wo man ihnen gleichsam zu Hilfe kommt. Sagen wir: sie sind 
geknebelt, und ich fände sie so oder bewußtlos liegend. Und dann 
beschäftigte mich auch sehr in der Phantasie, eine aus dem Wasser 
zu ziehen oder aus dem Feuer zu retten. Daß dabei das Sexuelle nicht 
hervorleuchtet, war der Hauptgrund. Später an der Klinik kamen 
gynäkologische Untersuchungen an die Reihe, wo die Patientin ja 
auch nicht denkt, daß man seine Libido dabei befriedigt. Auch für 
Hexenprozesse hatte ich immer sehr großes Interesse. Da wird ja 
auch die Frau gemartert, ohne zu wissen, daß dies einen sexuellen 
Hintergrund hat. Immer möchte ich durch Grausamkeit das Sexuelle 
verdecken. Ich möchte grausam sein, damit die nicht merkt, es ge- 
schehe aus Sinnhchkeit. Dazu eignet sich besonders das Verbrecherische. 
Fensterin allein hätte mir nicht imponiert, wohl aber als Verbrecher 
bei einem Mädchen eindringen, sie fesseln, fortschleppen und ver- 
gewaltigen." 

„Ob nicht die Ursache all dieser Phantasien ist, daß ich die 
Mutter einmal so daliegen sah und sexuelle Wünsche auf sie hatte? 
Das würde ja erklären, warum ich meine Libido immer verbergen 
will. Die durfte die Mutter ja nicht durchschauen. Als Kind von 



über deu sado-masocliistiscben Komplex. ^1^ 

4 5 Jahren habe ich oft gedacht, warum sie doch nie krank wird 

und sich niederlegt wie Tante und andere. Ich hatte direkt den Wunsch, 
wenn sie nur einmal krank würde, daß sie sich nicht bewegen und 
ich mit ihr sexuell alles machen könnte, was ich wollte. Ich weiß, 
es war meine liebste Beschäftigung, hin und her zu denken, wie ich 
einmal meine Befriedigung bekommen und irgend etwas Sexuelles 
an Tante oder Mutter tun könnte. Da habe ich die längste Zeit herum- 
phantasiert und tue das auch heute noch. Vielleicht ist dies sogar 
der Ursprung, daß ich meine Mutter gern hätte sterben lassen, was 
sich später in die Zwangsfurcht umsetzte, sie könnte leicht sterben. 
Auch die passive Rolle fehlt mir nicht, das Verlangen in meinen Phan- 
tasien, die Mutter solle mich selber in wehrlosem Zustande gebrauchen, 
z. B. mein Membrimi. bei sich einführen, während ich schlafe. Wahr- 
scheinlich produzierte ich auch deswegen immer das Glangerlweh, 
damit die Mutter sich liebevoll mit meinem Penis beschäftige, und auch 
die eigenartigen Schmerzen in den Beinen. Ob die Empfindung in 
den letzteren nicht auf das Eingeschnürtwerden in die Fatschen zurück- 
geht, wo ich ja auch ganz wehrlos war? Wenn die Beinschmerzen 
da sind, ist es, als wenn ich mich nicht rühren dürfte." 

Wir stehen hier vor der tiefsten Erldärungdes Sado-Masochismus, 
der verstärkten Haut- imd Muskelerotik, während das entsprechende 
Zeremoniell bedingt wird durch die Erlebnisse einer frühen Kindheit, 
ja, direkt des Säuglings. Ehe ich dies im einzelnen vertiefe, will ich 
vorerst noch einige Details berühren: ,,Oft denke ich mir, wenn ich 
meine Braut gleich hinschleifen könnte auf einen Diwan und die 
Geschichte ganz brutal abmachen, dann wäre ich sofort potent. Auch 
habe ich das häufig als Kunstlmiff geübt, daß ich ihr die Brüste stark 
kniff, bis sie Schmerzen äußerte. Es ist hochbezeichnend, im Augen- 
blicke, da man einem Mädchen Schmerzen bereitet, hat sie einen viel 
lieber, küßt sie leidenschaftlicher und vrird viel inniger. Bei mir ver- 
deckt und ersetzt das gewissermaßen das Fiasko beim Koitus. Sowie 
man ihr einmal wehe tut, erwacht erst die Liebe.'' 

Nun etwas, das die Rolle der Haut- und Muskelerotik ins hellste 
Licht stellt. ,,Auch das scheint mir wichtig: wenn ich meine Kräfte 
entfalten und mit der Schwester raufen wollte, hat mich meine Mutter 
zurückgerissen^). Ich wäre auch ein passionierter Turner geworden. 



1) Dies bestätigte mir die Mutter mündlich: ,,Vielleiclit bin ich auch 
sjhuld an seinem Sadismus. Seine Stioföchweäter ist überaus empfindlich und 



216 J. Sadger. 

hätte ich nicht das Gefühl gehabt, ich darf keiner werden. Ich habe 
die Lust an den Bewegungen verloren und das Turnen als etwas Minder- 
wertiges angesehen, weil es nichts Geistiges ist, und dadurch wurde 
ich auch ein schlechter Turner. Weiter erduldete ich auch Hiebe von 
meinen Kollegen, ohne sie zurückzugeben. Ich habe mich dann gleichsam 
damit selbst entschuldigt, daß ich kein Mensch bin, der herumschlägt 
und herumhaut. Das war schließlich auch im Sinne meiner Mutter 
und erst jetzt, da ich mich eigentlich gesünder fühle, habe ich das 
Bedürfnis, irgend etwas zu tun, z. B. über einen Zaun zu springen. 
Es kommt mir vor, was jetzt noch an Schüchternheit in mir ist, hängt 
damit zusammen, daß ich früher nicht schlagen und nicht raufen durfte 
nach Belieben und Verlangen und auch im Gymnasium stets daran 
denken sollte, daß meine Mutter Schulgeld zahlen muß. Und ich hätte 
oft so gerne mitgeholfen beim Raufen und war auch hin und wieder 
dabei und einmal mußte ich es mit Karzer büßen und fürchterUchen 
Szenen von der Mutter. Dazu sagte sie noch: ,Du bist halt der Dumme 
und fällst hinein, die anderen sind viel gescheiter!' wodurch sie mein 
Insuffizienzgöfühl noch erhebUch verstärkte. Ich kann mich noch 
erinnern, welche Demütigungen mich eine Episode aus meinem 9. oder 
10. Jahre kostete. Da haben wir beim Soldatenspiel einen Peldzug 
unternommen, sind auf eine Sandgrube hinaus, wo allerlei Verstecke 
waren, und haben ims dort postiert. Ich war gerade auf der Flucht 
durch den Wald begriffen, da erschienen Mutter und Schwester und 
nahmen mich beiseite und die Kollegen hielten mich für einen Feigling, 
als ich mit meinen Leuten nach Hause mußte. Ich habe mich geschämt 
imd war furchtbar deprimiert. Bei meinen Kollegen war ich immer 
der sich anschmiegende Teil. Darum hatten sie mich auch immer so 
gern, besonders im Gymnasium. Auch heute noch kommen sie mir 
so entgegen, daß sie mich umschlingen wie ein Mädchen: ,Na, Kurt- 
chen, wie geht es Dir denn?' mit einem Verkleinerungsausdruck. Ich 
habe mir oft schon gedacht, ob ich so minderwertig bin, daß die Kollegen 
es mir ansehen, ich sei kein rechter Mann und mich behandeln, wie 
man einen Kleineren behandelt." Es ist wohl durchsichtig, daß er hier 
das sich an die Mutter anschmiegende Kind posiert. 

Daß, wie im Liebesleben überhaupt, auch im Sado-Masochismus 
dem Mutter-und-Kind- Spielen eine ganz bedeutsame Rolle zukommt, 

nervös. Darum hielt ich den Buben immer zurück. ,Ich bitte dich, tue ihr nichts, 
laß sie gehen, tu's mir zuliebt' und das war schlecht. Er konnte sich nicht aus- 
toben wie andere Buben^ die sich mit ihren Geschwistern prügeln.'* 



über den sado-masochistischen Komplex. 217 

beweist auch noch folgender Bericht des Kranken aus seiner jungen 
Ehe: „Meine Frau ist mir zu naiv; sie faßt den Koitus zu natürUch 
auf, hat gleichsam keine Angst davor und wehrt sich entweder gar 
nicht oder derart, daß sie entschieden nicht will Aber so, als wenn 
ich sie gleichsam dazu zwingen müßte, sie es nicht wollte, aber not- 
gedrungen zugäbe, dieses Gefühl fehlt mir eigentlich noch und das 
erzeuge ich mir in der Phantasie." — ,, Woher rührt diese Ihre spe- 
zifische Liebesbedingung?" ~ „Ob ich das nicht in eigener Person 
bin ? Eigentlich gebe ich selber einem Drange nach, bei dem ich Schmerz 
empfinde, und will nun bei einer andern sehen, daß sie es tut wie ich." — 
„Also auch hier der Umweg über den Narzißmus. Sie suchen im 
Weibe eigentlich sich selbst." — ,,Ja, eigentlich ärgert es mich, daß 
sie nicht solche Beschwerden hat wie ich." — „Wer hat Sie denn so 
gezwungen, wie Sie jetzt Ihre Frau zwingen möchten?" — ,, Sollte 
das meine Mutter gewesen sein? Noch eines fällt mir ein. Am meisten 
imponiert mir, wenn ich höre, eine junge, hübsche Frau habe einen 
Mann nehmen müssen, der ihr nicht gefiel, bloß, weil sie ein armes 
Mädel war, daß sie also dadurch gleichsam gezwungen war. Das ist 
so ein sadistischer Zug, wobei mir besonders imponierte, die Frau ist 
gewissermaßen ein Objekt und muß sich das gefallen lassen, weil sie 
dazu da ist." — ,,Und wie war das bei Ihnen und der Mutter? Wo 
haben Sie bei einem Zwange Lust empfunden?" — ,,Z. B. wenn ich 
gereinigt wurde, geschah dies auch rücksichtslos. Ich mußte mir das 
gefallen lassen, hauptsächlich, als ich das Glangerlweh hatte. Da nahm 
sie allerlei Manipulationen vor. Ich durfte nicht hinuntergreifen, sondern 
mußte ruhig bleiben und mich nicht bewegen. Da war ich selbst der 
Leidende. Mir war das riesig unangenehm und ich hatte auch Schmerzen 
in der Harnröhre." — ,,Und trotzdem auch starke sexuelle Lust- 
gefühle?" — „Ja, gewiß", — ,, Hatten Sie schon vor dem Glangerl- 
weh beim Reinigen Unlustgefühle?" — „Vom kalten Waschen weiß 
ich, daß ich mir das gefallen lassen mußte, was mir sehr peinlich war." — 
„Ich vermute, Sie müssen auch bei der Geliebten stets die Mutter 
spielen, und wenn die Gehebte ihre Libido auf den Gipfel treiben will, 
dann muß sie sich benehmen, wie seinerzeit Sie sich selbst". Hier 
ist die Beziehung zur Haut-^) und Schleimhauterotik wohl völlig 
durchsichtig. 

1) Für diese führe ich aus der Analyse noch folgendes an: ,,Das Ange- 
nehmste war mir in der Kindheit das warme Bad. Da tritt eine allgemeine Er- 
schlaffung und Wohlsein ein, gleichsam eine Asexualität, genau wie nach der 



218 J. Sadgep. 

Nun noch etwas, das die Beziehung des Narzißmus zur Be- 
wunderung durch d^e Mutter beweist. ,,Mit 15 — 17 Jahren beschaute 
ich sehr gern meinen erigierten Penis. Mir kommt vor, das Anschauen 
desselben hat mir alles andere ersetzen müssen. Eine mächtige Erektion 
war da imd ich habe mich rein hineingedacht, wie ein Mädchen meinen 
Penis ansieht, beinahe wie wenn ich es wäre." — „Sie spielten da wohl 
Mutter und Kind in einer Person, indem Sie sich vor sich selber als 
Mutter produzierten, so wie seinerzeit als kleines Kind." — ,,Auch 
das tat ich gerne. Wenn nicht ich mehr aus wußte, wie ich mir das 
vorstellen soll, in welcher Situation das Weib sich befindet, wenn 
man es koitiert oder im Begriffe ist, das zu tun, so habe ich mich selbst 
hingelegt wie ein Weib und dachte mir, jetzt liegt sie so da, um mir 
gleichsam zu ersetzen, was mir gefehlt hat, was ich nicht haben konnte. 
Ich habe mich so in ihre Situation hineingedacht, wie mir das gefallen 
würde, wenn sie so daläge imd ich auf ihr darauf liege. Es war nämlich 

]\Iorphimnjektion. JJas waime Bad ersetzt einem beinahe den Koitus. Ich kann 
es iiiciib heiß genug kriegen, die geringste Kühle ist mir f>ehon unangenehm, das 
Darinhegen im lieißen Wasser kt tatsächlich ^yie ein Eräatz des Koitus» mein 
Gefühl nahm es auch immer dafür. Drum badete ich auch stets so gerne warm. 
Hingegen steigerten sich meine hysterischen Beschwerden und die Satyriasis 
enorm, als ich in die Schwimmachule ging oder eine Zeitlang zu Hause kalt badete, 
um mich abzaliarten und zu stärken . . . Wenn v/ir als Kinder ein warmes Bad 
bekamen, wollten wir gar nicht wieder heraus, ^Mutter mußte immer fürchterlich 
treiben. Da? Gefühl darin war das Schönste, was ich kannte. Wenn man über 
den kalten Rand der Vv^anue steigt und mit dein Gliede da ankommt, so ruft 
die.s einen Reiz hervor, der sich dann im warmen Wasser löst. Ob nicht mein 
hysterisches Zittern jetzt das Zittern nach dem Bade darateilt? Meine Mutter 
staunte oft, daß ich 30 fürchterlich mit den Zähnen klapperte und zu zittern 
begann, wenn es auch nocli gar nicht kalt war. Das ist bei mir viel stärker wie 
bei anderen 3.1ensclien. v/enn ich abends ins Bett steigen und das kalte Hemd 
anziehen mußte, da bekam ich eine solche Gänsehaut und solches Zähneklappem, 
daß es weit stärker war, als der Kälte entsprach. Die Mutter fragte mich oft, ob 
ich das zu Fleiß tue. Es ist das gleichsam die Übenvindung eines unangenehmen 
Zustandes, um in einen woliligen zu gelangen, und je länger dieser unangenehme 
Zustand gedauert hat, desto stärker wurde natürlich dieses Zittern, und gerade so 
war es beim Hoia,ussteigen aus dem warmen Bade, bis dio Mutter mir das warme 
Leintucli herumschlug und mich frottierte. Und wenn ich mit einem Mädel ein 
Verhältnis begann, bekam ich auch das Zittern, das immer ärger wird, so lange 
ich noch nicht intimer werden kann. Ich bekomme auch Zähneklappern und 
dadurch Erschwerung des Sprechens. Wenn ich sie umfangen kann, hört natürlich 
alles auf. . . Das, was man Orgasmus nennt, ist eigentlich riesig ähnlich dem 
Gefühle im warmen Bade. Man hat auch da die Rötung und schwitzt sehr stark, 
also Erektion und Ejakulation.*' 



über den sado-masochisii.-;.iJvn Komplex, -li^' 

nicht genug, daß icli die Phantasie hatte, sie liege da, sondern ich 
habe sie selbst gleichsam mit meinem eigenen Körper dargestellt/" 
Überflüssig zu sagen, daß es die Mutter ist, welche er so spielt, und 
die Phantasie auf seine infantilen Inzest wünsche zurückgeht. 

Fall 3. Lust am Schlagen und GescMageuwerden, 
Blutsadismus und -masochlsmus. 

233ährige Hysterika, ,, süßes Mädel". Trat mit einem Heer von 
hysterischen Beschwerden, die ich hier nur gelegentlich streife, in psycho- 
analytische Behandlung, Während dieser stellte sich bald heraus, daß 
jenes so überaus lüsterne Mädchen, welches eine Legion von Männer- 
verhältnissen hinter, sich hatte, eigentlich viel stärker, homosexuell 
empfand. Von sonstigen Besonderheiten ihres Falles hebe ich noch 
hervor, daß sie gleich ihrer Mutter an Nachtwandeln und Mondsucht 
litt und an einem ausgeprägten sado-masochistischen Komplex, der 
uns hier vor allem interessiert. Von diesem erweist sich die aktive imd 
passive Lust am Schlagen sowie der Blutmasochisnxus stark aus- 
geprägt, während das Vergnügen am Beißen und Saugen im Hinter- 
grunde bleibt. 

Zur Ätiologie ist anzuführen, daß dieser Komplex in ihrer FamiÜe 
zu Hause ist, namentlich mütterlicherseits. Der Großvater war ein 
arger Potator und EpUeptiker, der, sonst seelengut, sich im Zustand 
der Trunkenheit durch Grausamkeit und Lust am Prügeln auszeichnete. 
Diese beiden letzteren Eigenschaften erbte seine Tochter, die Mutter 
der Patientin, die gegenüber imserer Kranken, schon da diese noch 
Kind war, oft aus einem ganz minimalen Anlaß eine Härte und Grau- 
samkeit entwickelte, ,,wie man sie selten finden dürfte. Wenn sie etwas 
mehr gereizt war, war sie kaiim mehr zu erkennen, so entf^tellte der 
maßlose Zorn ihre Züge. Sie war wie ein Mensch, der der Vernunft 
beraubt ist'', und drohte ihrer Tochter oft, sie zu erwürgen. Anderseits 
verrauchte ihr Zorn aber auch bald, rmd wenn die Kleine um Verzeihung 
gebeten hatte, konnte die Mutter doppelt zärtlich werden. Ihre beiden 
Söhne zeigten stark sadistische Züge und können noch heute , ,roh bis zum 
Exzeß sein". Der ältere, war furchtbar jähzornig und gewalttätig, würgte 
seine Geschwister nicht selten, bis sie blau wurden, imd schlug, wenn er 
in Wut geriet, was bei dem germgsten Anlaß geschah, alles kurz und klem. 
Wenn die Mutter ihn prügelte, gab es oft die fürchterlichsten Szenen. 
Der jüngere hatte als Kind eine wahrhaft diabolische Lust, alles zu 
zerstören und zu demolieren, z. B. auch auf die Puppen seiner Schwester 



220 J. Sadger. 

mit Messer oder Schere loszustechen. Wie sehr das Beispiel der Mutter 
auf die Patientin fortwirkte, beweist, daß sie auch späterhin nur solche 
Menschen wirkhch lieben konnte, die wenigstens bis zu etaem gewissen 
Grade grausam sein konnten. ,,Dann erst vermochte ich für eine solche 
Person Liebe zu empfinden, gleichgültig, ob sie Mann oder Weib. Letz- 
teres muß überhaupt in meiner Phantasie stets voll Energie sein, 
und je rauher so eine Natur im Verkehre ist, desto größer meine 
Bewimderung und Verehrung. Die Liebe eines solchen Mädchens zu 
erringen, dürfte die größte Wollust in mir erwecken. Während man 
aber selten Mädchen findet, die sich mit der Liebe eines sie an- 
schmachtenden Weibes zufriedengeben, findet man oft bei einem 
Manne, der ja auch meist von Natur aus rauher imd energischer ver- 
anlagt ist, andere weibische Eigenschaften, z. B. schneeweiße Haut 
oder etwas rundliche, volle Formen. Dies, vereint mit Energie, ver- 
setzte mich später in höchste Wollust und ließ mich den größten Sexual- 
genuß finden, von dem ich bis dahin immer nur gehört hatte, ohne 
ihn doch jeraals für möglich zu halten. Von einem solchen Manne könnte 
man dann die größten Qualen, die ärgsten Beleidungen erdulden, auch 
wenn man sonst noch so empfindlich ist. Sie trügen nur dazu bei, die 
Lust in enormem Maße zu erhöhen. Ich bin der Meinung, es gibt keinen 
höheren und größeren Genuß, als von einem Manne, der mich kurz 
vorher gepeinigt, gequält und geschlagen hat, Liebe zu empfangen^)." 
Sehr früh schon zeigte sich bei ihr eine mächtige Lust am Ge- 
schlagenwerden. So berichtete sie in der Analyse: ,,Wenn ich als kleines 
Kind schlimm oder unfolgsam war, so bekam ich Schläge von der 
Mutter meist mit der Rute auf das nackte Gesäß. Dies erzeugte mir 
immer große Lust, wozu die Entblößung wohl auch viel beitrug. Je 
mehr ich heulte und schrie, desto mehr schlug mich die Mutter und 
mein eigenes Geschrei machte mir die größte Lust. Ich stellte mir 
immer vor, ich sei derjenige, der schlägt, imd das Jammern und Weinen 
der von mir geschlagenen Person regte mich so auf, daß mir meine 
eigene Stimme fremd, wie die eines andern vorkam und ich auch 
keine Schläge spürte. Diese Lust am Geschlagenwerden dürfte auf 
meine allerfrüheste Kindheit zurückgehen. Mutter liebte es nämlich, 
mir die Kleidchen aufzuheben und mich aus Zärtlichkeit etwas am 
Popo zu schlagen. Auch streichelte und küßte sie mich dort sehr gern, 
was in mir immer große Liist weckte, besonders das Küssen. Dies 

^) Hier denke man wieder an das Vorbild der Mutter mit ihrer ver- 
doppelten Zärtlichkeit nach Strafe und Abbitte. 



über den sado-masochiatischen Komplex. 221 

kitzelte mich vorn und rückwärts und erregte mich sexuell, so daß 
ich immer zu lachen begann." Man erkennt hier deutlich die primäre 
Wirkung der von Haus aus gesteigerten Hauterotik, natürlich noch 
genährt durch das unvernünftige Gebaren der Mutter. 

,,Auch das aktive Schlagen reizte mich sehr und erzeugte mir 
Lust* So erinnere ich mich deutlich, daß ich etwa mit zwei Jahren anfing, 
auch die Mutter zu schlagen. Ich sehe sie beim Wäschekasten stehen, 
wo sie Wäsche für den Vater herrichtet, und es erwacht das Verlangen 
in mir, einmal auch sie zu schlagen, wie sie es mir sonst tat. Ich gehe 
hin, spanne ihr zuerst die Röcke über dem Gesäße, wie es Vater machte, 
wenn er die Brüder prügelte, und fange an, fest zu schlagen. Ich plage 
mich, soviel ich kann, werde dabei im Gesichte vor Anstrengung hochrot 
und schlage immer heftiger zu, um so mehr, als Mutter tut, als ob sie 
weine, was meine Lust noch erhöht. Da auf einmal muß ich abbrechen, 
meine Arme fallen kraftlos herunter, ich bin außerstande, sie vor 
Schmerz und Müdigkeit nochmals zu heben. Doch nur für kurze Zeit, 
dann gehe ich über meine Puppe, der ich auch erst die Kleidchen aufhob, 
ehe ich sie prügle. Ihr Heulen und Schreien führe ich natürlich selber 
auf, während ich fortwährend zuhaue. Die nächste Person, die ich oft 
schlug, war unsere alte Bedienerin, die lange vor meiner Geburt schon 
immer ins Haus kam und an die ich mich hielt, wenn Mutter, wie so 
häufig, mit Bluthusten lag. Diese Bedienerin durfte ich nach Herzenslust 
hauen. Auch sie weinte und lamentierte zum Steinerweichen, imd ich 
drosch auch hier wieder fort, bis meine Arme ermüdet herunterfielen. 
Täglich hatte sie über Befehl der Mutter mir eine kleine Bäckerei vom 
Einkaufen mitzubringen. Wehe, wenn sie dies einmal vergaß! Ich 
wartete schon bei der Türe auf sie. Hatte sie die Bäckerei angeblich 
vergessen, was aber in Wirklichkeit niemals geschah, dann spannte 
ich ihr ebenfalls die Röcke und schlug, so fest und so lang ich konnte. 
Sie weinte ujid lamentierte genau wie die Mutter, und wenn ich vor 
Erschöpfung endlich aufhören mußte, dann drehte sie sich um und gab 
mir lächelnd die Bäckerei, Als sie es mir einige Male so gemacht hatte, 
fragte ich sie gar nicht mehr nach der Bäckerei, sondern fing sofort zu 
schlagen an. Ich glaube, daß ich mich mehr auf das Schlagen als auf 
die Bäckerei gefreut habe." Aus dieser Schildenmg ist zu ersehen, wie 
Patientin das Lustgefühl, welches sie ursprünglich selber empfand 
an der Haut der Nates, dann auch der geliebten Mutter gönnte, wozu 
dann noch weiter ihre mächtige Muskelerotik kam. Daß diese letztere 
stark im Spiel ist, erhellt auch daraus, daß die Kranke in ihrer Pubertät 



222 j. Sadger. 

von einer hysterischen Lähmung des rechten Armes befallen wurde, 
welche einzig die am Schlagen beteiligten Muskeln erfaßte. 

„Als 2— Sj'ähriges Kind, da ich nachts zwischen meinen Eltern 
lag, schlug ich mit Händen und Füßen herum, sie beide treffend. Ich 
tat dies vollkommen bewußt, doch mit geschlossenen Augen, so daß 
die Eltern meinten, ich machte dies im Schlafe und mich darum ent- 
schuldigten. Als ich dann mit 7 Jahren zusammen mit meiner 13jährigen 
Schwester lag, schlug ich auch diese fortwährend mit Händen und 
Füßen, aber nun wirklich im Schlafe. Schließlich hielt es die Schwester 
nicht mehr neben mir aus und ich wurde nachts zur Mutter gelegt, 
bei der ich das nämliche Treiben wiederholte. Dies währte bis zu meinem 
16. Jahre, bis ich zu Männern in Beziehungen trat. Mein Verhalten 
zu Schwester und Mutter rührt wohl daher, daß ich auch bei Tage unbe- 
wußt die nämlichen Wünsche hatte, die ich dann nachts im Schlafe 
ausführte, weü man für das, was man bewußtlos tut, nicht zur Ver- 
antwortung gezogen werden kann." 

Als Mädel von 9—10 Jahren schleppte sie sich lange Zeit mit 
ganz kleinen Kindern herum, die sie trotz ihrer Schwächlichkeit auf 
den Armen trug, aber nur um mit ihnen genau das nämliche treiben 
zu können, was seinerzeit die Mutter mit ihr getan. Auch sie mimt 
also in ihrer Perversion die eigene Mutter. „Ich spielte z. B. mit einem 
IV^jährigen Buben, hob ihm das Kleidchen auf, begeilte mich an 
aemem Fleische, schlug ihn öfter auf den Popo und liebkoste ihn 
dann um so mehr. Nur konnte ich ihn leider nicht viel schlagen, da ich 
von den Eltern des Knaben viel überwacht wurde." Andere Untaten, 
die sie mit Kindern beging, werde ich später erzählen. 

„Der jüngere meiner beiden Brüder, der offenbar auch selbst 
stark sadistisch ist, fand seinen größten Genuß darin, mich zu quälen 
und mir alle Spielereien zu ruinieren. Er bekam dann oft so fürchterliche 
Prügel von der Mutter, daß ich glaubte, er werde nicht mehr aufstehen. 
Ich aber empfand dabei heftige Lust, besonders wenn er die Schläge 
auf den nackten Popo bekam und furchtbar schrie. Hinterdrein tat ich, 
als bedauerte ich ihn, ja, weinte sogar mit, mn ihm so meine Liebe zu 
bezeigen. Im Innern aber wünschte ich ihm noch viel mehr Prügel. 
Mein Genuß wurde vermehrt, wenn er die Schläge auf meine Anklage 
hin bekam, was er freihch nicht wußte. Dann ließ ich mir die Striemen 
an seinem Gesäß zeigen, die ich dann küßte, fing an ihn zu liebkosen 
und verleitete ihn zu sexuellen Spielereien, die mir den höchsten 
Genuß bereiteten, so daß ich sogar unten ein Sekret auspreßte. Übrigens 



Ü"ber den sado-masochistisclien Komplex. 223 

zahlte mir mein Bruder mit Gleichem, verklagte auch mich heimlich 
bei der Mutter und weidete sich dann an den Schlägen, die ich kriegte." 
Hier haben wir neben der sexuellen Schaulust zum erstenmal etwas, 
das später im Zusammenhang abgehandelt werden soll: die nackte 
Lust an der Grausamkeit, so daß das Vergnügen unserer Patientin 
desto höher stieg, je größer das Leiden des geliebten Partners. 

Ehe ich auf diese und den Blutsadismus näher eingehe, sei vorerst 
das organische Fundament der Perversion besprochen: die enorme 
Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik der Kranken. Nichts tat sie 
so gern, schon als ganz kleines Kind, denn sich an den nackten, molligen 
Leib ihrer Mutter anzuschmiegen. Wenn diese gut aufgelegt war, durfte 
sie zu ihr unter das Federbett schlüpfen imd sich an sie anpressen, 
deren volle Formen es ihr angetan hatten. „Das war kein Anschmiegen 
mehr", meint die Patientin, ,, sondern ein förmliches Anwinden. Ich 
suchte mich, ihrem ganzen Körper durch Winden anzupassen. Der erste 
Mann, mit dem ich später als 16jährige zusammenlag, sagte mir auch: 
,Du windest dich an meinen Körper wie eine Schlange!' Ohne mir 
dessen bewußt zu werden, suchte ich aber an seinem Körper nur den Leib 
der Mutter und fand volle Befriedigung in bloßem Anpressen und Küssen, 
so wie bei dieser, während ich den Koitus damals noch nicht ziüieß." 
Auch weiterhin kam es noch öfter vor, daß sie einem Manne den Bei- 
schlaf weigerte, dafür aber sich mit größter Leidenschaft an seinen 
nackten Körper anpreßte. Da sie ein Schulmädel war und sogar noch 
früher, schützte sie allerlei Beschwerden vor, rmi von der Mutter ins 
Bett genommen zu werden. Als ganz kleines Kind will sie endlich, 
wenn diese sie auf dem Arme trug, ihren Kopf fest an deren Brust 
gepreßt haben, während die gespreizten Finger ihrer Hände die zweite 
Brust der Mutter zu umfassen suchten ,,in unendlicher Wollust". Wie 
stark hierbei ihr Vergnügen gewesen, erhellt auch daraus, daß selbst 
organisch begründete Leiden, wie Zahnschmerzen, aufhörten, sobald 
sie von der Mutter so getragen wurde. Auch wenn sie auf deren Schöße 
saß, machte sie sich besonders gern mit ihren Brüsten zu schaffen 
oder knöpfte ihr die Bluse auf, um hineinzufahren. Nächst den 
Mammae waren es vor allem die Nates ihrer Mutter, die sie besonders 
leidenschaftlich drückte. 

Neben einer in der Schule sich unliebsam bemerkbar machenden 
Incontinentia urinae litt sie auch sehr lange an Enuresis nocturna. 
Femer bestand eine besondere Lust am Jammern und Schreien, wenn 
sie oder andere Prügel bekamen, wie wir bereits oben vernommen haben. 



^24 j. Sadger. 

Später pflegte sie beim Koitus in höchster Lust zu winaeb. Endlich gibt 
sie noch direkt an, was zur Muskelerotik hinüberführt: „Wenn ich 
niich an der Mutter erregte, so preßte ich immer zwischen meinen Beinen 
entweder ihren Schenkel oder als ganz kleines Kind ihre Hand. Später 
gab ich dann meine eigene zwischen die Beine. Immer, wenn ich fest 
zusammenpreßte, kam unten ein« Flüssigkeit heraus; dabei bestand 
auch stets ein Drang zum Urinieren, der sich auch nachts im Schlafe 
einstellte, wenn ich von jenen Szenen träumte." Eine ähnliche Mit- 
erregung der Urethralerotik erfolgte auch später, als sie jene onanistischen 
Akte mit dem Bruder fortsetzte. 

Ihre Muskelerotik verriet sich sehr früh in einer intensiven Lust 
am Tanzen. Als sie 4 Jahre zählte, gab es zu Hause ein Pest, an dessen 
Schlüsse ein Tänzchen arrangiert wurde, „Ohne es je gelernt zu haben, 
fing ich im Walzerschritt Solo zu tanzen an, was mir allgemeinen Beifall 
erwarb. Dann tanzte ich mit meinem Bruder, wobei es jedermaim auf- 
fiel, daß ich unbewußterweise den Herrn beim Tanzen machte. Die 
Eltern waren über meine unerwartete Geschicklichkeit hoch erfreut 
und besonders Vater konnte sich nicht satt sehen. Als wir bald darauf 
em Ariston bekamen, begann ich zu dessen Klängen immer zu tanzen, 
wobei ich wieder die alte unendliche Wollust verspürte. Meine Augen 
glänzten, meine Wangen wurden hochrot, wie immer, wenn ich sexuell 
sehr erregt war. War ich mit dem Tanz fertig, dann stürzte ich auf 
den Schoß der Mutter, mich fest an ihre Brust pressend. Angeblich 
war es Müdigkeit, in Wahrheit aber die höchste Wollust infolge der 
schwindelnden Bewegung, die mich in ihre Arme trieb. Dieselben 
schwingenden Bewegungen wie beim Tanzen hatte ich auch verspürt, 
wenn Mutter mich als kleines Kind einschläferte. Auch mit 10 Jahren 
gab es eine Epoche, wo ich, ohne es je gelernt zu haben, die schwierigsten 
Tänze mit den Großen tanzte. Nach Vaters Tode drang ich in die Mutter, 
mich zur Tänzerin ausbilden zu lassen, was aber an unserer Armut 
scheiterte. Später wurde ich dann eine ganz leidenschaftliche Tänzerin 
auf kleinen Kränzchen." 

Nun zum Blutsadismus, Für diesen sind hier zwei Ursprünge 
nachweisbar. Zunächst derjenige, der wohl regehnäßig in all solchen 
Tällen bei Frauen aufzuzeigen ist : die mächtig gesteigerte Vaginalerotik, 
die ad menstruationem besonders wollüstig angeregt wird und bei 
unserer Kranken sehr früh zu maßlosem Masturbieren imd später zu 
einem zuchtlosen Leben führte. Neben dieser landläufigen Ätiologie 
besteht aber hier noch eine zweite; mehr singulare, die aber zeitlich 



über den sado-masochistisclien Komplex. 225 

weit früher in Erscheinung tritt und auf der Munderotik fußt. Sie knüpft 

zimäclist an eine Form des Sadismus an, die wir als extreme Beiß- 

und Sauglust bezeichnen dürfen. Patientin soll, wie ihre Mutter noch 

heute erzählt, so häufig und stark an deren Brüsten gesogen haben, 

daß sie ihr, die ohnehin an Hämoptoe litt, angeblich „das Blut durch 

das Saugen herbeizog*'. Die Kranke behauptet, einmal mit sechs 

Monaten direkt Blut statt Milch in den Mund bekommen zu 

haben, was nach der Verdrängung die tiefste Wurzel ihres spätem 

hysterischen Erbrechens geworden. So viel bestätigt auch die Mutter, 

daß sie die Kleine mit 6 Monaten wegen Blutungen aus der Lunge 

absetzen mußte. „TJm mir den Übergang zu erleichtern, durfte ich, 

als sie wieder wohl war, etwas und ganz leicht an ihrer Brust saugen 

und obendrein dort mit den Händen spielen. Später, so zwischen I und 

2 Jahren, fing ich an, sie in die Brust zu beißen und zu zwicken. Ich 

wollte ihr weh tun und vielleicht unbewußt Blut durch eine Verletzung 

wieder herbeiziehen 1). Saß ich auf ihrem Schoß, so riß ich ihr rasch die 

Bluse auf und biß sie in die Brust. Anfangs lamentierte und weinte 

sie im Scherz, als hätte ich ihr wehe getan. Ich fuhr nun jedesmal auf 

ihre Brust los, daß sie sich meiner kaum erwehren konnte, biß, kratzte 

und schlug, und wenn sie dann die Hand vors Gesicht gab und tat, 

als ob sie weinte, empfand ich die allergrößte Wollust. Erst zum Schlüsse 

fing sie laut zu lachen an, was eine Wurzel wurde für meine Verstellung 

mein ganzes Leben lang. Ich konnte lamentieren und weinen, um 

dann im nächsten Äugenblicke aufzxdachen," 

Dann erinnert sie eine sehr frühe Episode. ,, Mutter klagte immer, 
ehe der Bluthusten kam, über süßlichen Geschmack im Mimde, große 
Angstzustände und starkes Würgen im Halse. Einmal, mit zirka 2 Jahren, 
saß ich mm auf ihrem Schöße und plagte mich gerade, die Knöpfe ihrer 
Bluse zu öffnen, was mich schon sehr erregte, als sie plötzlich sich zu 
räuspern begann und ich auf ihren Lippen Blut erblickte. Dies übte 
in meinem erregten Zustand einen unendlichen Reiz auf mich aus. 
Ich griff nach ihren Lippen, mu dann die Pinger abzulecken. Eben 
wollte ich das Blut zum Munde führen, als sich die Mutter nochmals 
räusperte und nun viel Blut kam. Mutter mußte rasch ins Bett und 
durfte sich nicht bewegen. Ich aber stand bei ihr und wartete sehn- 
süchtig, ob nicht vielleicht noch Blut über ihre Lippen komme. Man 
schickte mich fort, weil Mutter Ruhe, viel Ruhe haben müsse, um wieder 
gesund zu werden. Aber ich wollte ja gar nicht, daß sie gesund würde, 

1) Das ist natürlich nachträgliche Rationalisierung ihrer inf antileuBeißhist. 
Jahrbuch für psychoanalyt. u. psycbopathol. Forschungen. V. 1*5 



226 J. Sadger. 

nur recht viel Blut sehen, was mir ja solche Lust bereitete. Ich ver- 
suchte nun, mich recht fest zu räuspern, vielleicht kam dann auch Blut. 
Ich tat dies so stark, daß ich einen ganz rauhen Hals bekam, aber nie 
kam Blut. Dann versuchte ich es, mich selber in die Lippen zu beißen, 
doch ohne wesentlichen Erfolg. Als mich kurz darauf Vater auf seinen 
Schoß nahm, kamen mir seine prächtigen roten Lippen wie blutiges 
Fleisch vor, weshalb seine Küsse mich besonders aufregten. Einigemal 
glaubt« ich direkt, bei diesen Küssen Blut zu verspüren, ja, bald fing 
ich an, ihn während derselben in die Lippen zu beißen und an seinem 
Mund zu saugen, er konnte mich kaum loskriegen,.. Auch wenn 
Mutter sich mit uns aufregte, weil wir z. B. nicht folgten, und sie uns 
schlagen mußte, bekam sie oft Bluthusten. Die Spuren desselben hatte 
ich häufig Gelegenheit, in der Wäsche, im Leintuch und im Nacht- 
topf zu sehen." Ich darf noch hinzufügen, daß auch ihre sadistische 
Koitustheorie dahin gefärbt war, der Vater steche die Mutter beim Ver- 
kehre blutig. 

Seit frühester Kindheit durchzieht eine kolossale Blutlust ihr 
ganzes Leben, ein Verlangen, fremdes Blut zu schauen, wie ihr eigenes 
bei jedem Anlaß zu verspritzen. Wenn sie mit den Geschwistern das 
Lied vom Heideröslein singt, dann stellt sie sich bei den Versen: „Knabe 
sprach, ich breche dich, Köslein auf der Heiden ! Röslein sprach, ich 
steche dich,.." regelmäßig ein Mädchen vor, vermutlich sie selbst, 
auf einem Küchenbrett liegend, und vor ihr einen Knaben (ihren 
jüngeren Bruder), der mit dem großen Küchenmesser der Mutter — 
unverkennbar dem Membrum des Vaters — auf sie lossticht, vornehmlich 
auf Brust und Bauch, bis sie über und über von Blut trieft. Dabei erfüllt 
sie ,, unsagbare Wollust" und jedesmal steigt ihr das Blut zu Kopf, 
öfters erzählt ihr die Mutter Märchen, wenn sie auf derem Schöße sitzt. 
Eines erinnert sie noch von einem Häschen, das zwei Mädchen mit 
einem Karren überfuhren^ worüber diese hinterdrein furchtbar jam- 
merten. Unsre Kleine hört mit vor Erregung geröteten Wangen zu imd 
weint äußerhch auch heftig. Insgeheim aber wünscht sie dem Häslein 
„recht viel Schmerzen und arges Blutvergießen". Mit leuchtenden Augen 
steht sie dabei, wenn Mutter in der Küche Wild tranchiert, und mit 
10 Jahren stiehlt sie sich trotz strengsten Verbotes in den Nachbarkeller 
des Geflügelhändlers, wo Hühner abgestochen werden, was sie hoch- 
gradig sexuell erregt. 

Auch das Vergießen des eigenen Blutes, macht ihr hohe Lust. 
,,Ich blutete sehr leicht vom Zahnfleisch, auch wenn ich nur saugte. 



über den sado-masochistischen Komplex. 227 

und hatte nicht selten morgens auf dem Polster Blut. Auch beim Zähne- 
putzen bekam ich den Mund oft voll. Später, so von 8 Jahren an, stach 
ich mich öfter selber ins Zahnfleisch, um das mich so erregende Blut 
zu sehen. Auch brauchte ich das Zahnfleisch bloß etwas zusammen- 
zupressen, damit Blut herauskam. Manchmal, wenn ich lachte, riefen 
sie zu Hause oder in der Schule: ,Gott, du hast ja den ganzen Mimd 
voll Blut!' Vermuthch spielt auch der Wunsch mit, Blut zu husten 
wie die Mutter und mich daran zu erregen, dann femer auch soviel 
Liebe zu empfangen wie Mutter, wenn sie krank war." Neben diesem 
Psychischen ist wohl auch ein Organisches anzunehmen, wahrscheinlich 
von der Mutter vererbt, eine gewisse hämorrhagische Diathese, viel- 
leicht eine größere ZerreißHchkeit ihrer Blutgefäße. Als sie z. B. mit 
15 Jahren sich einen Zahn extrahieren ließ, ging das ganz leicht, hinter- 
drein aber stellte sich eine mächtige Blutung ein, die nur mit größter 
Mühe gestillt werden konnte. Der Arzt hieß sie direkt „eine Bluterin". 
Metro- und Menorrhagien von ähnlicher Heftigkeit werden uns später 
beschäftigen. Hier will ich nur ergänzen, daß sie mit 8 Jahren von 
ihrem Bruder angeleitet ward, sich mit der Kleiderbürste auf die Hand 
zu schlagen, wobei stets kleine Blutstropfen austraten. Schlug sie nur 
etwas länger, so glich es bei ihr angebUch einem Blutmeer, so mächtig 
quoll das rote Blut hervor. Später versuchten sie und ihr Bruder, sich 
gegenseitig zu tätowieren, wobei sie sich mit Nadeln stachen, ,,bis das 
Blut nur so herniederrieselte", was auf sie einen ,, stark sinnlichen 
Reiz" ausübte. Andere Male wieder schlugen sie sich gegenseitig ad nates 
und ruhten nicht eher, als bis das Holzstäbchen, mit dem sie losdroschen, 
ganz rot gefärbt war. Endlich wäre noch anzuführen, daß sie schon 
als kleines Mädchen schmerzhafte Operationen oft lautlos ertrug, zu 
großer Verwunderimg der Eltern und des Arztes, weil ihr ,,das schöne, 
rote Blut" und auch der Schmerz als solcher hohe Lust bereiteten. Bis- 
weilen rüstete sie sogar selber alles Nötige her, wie Stühle, Watte, 
Wasser usw. 

Von besonderer Wichtigkeit waren natürlich die Blutungen aus 
dem Genitale. ,,Als mit 14 Jahren meine erste Periode eintrat, da konnte 
ich sie kaum erwarten. Ich wollte nur Blut sehen, recht viel Blut. Als 
ich eines Morgens beim Erwachen dies auf meinem Lager sah, erfaßte 
mich ein Glücks- und Wollustgefühl, das ich nicht beschreiben kann. 
Ich wünschte mir nur recht viel Blut zu verHeren und tatsächlich währte 
die erste Menstruation zirka 10 Tage und hörten die Blutungen fast 
gar nicht auf. Dies wiederholte sich dann regelmäßig, bis die Psvcho- 

15* 



228 J. Sadger. 

analyse ilire Dauer auf 5 Tage herabsetzte und auch den Blutverlust 
geringer machte. Was ich während dieser 9 Jahre an Blut ver- 
loren habe, würde niemand für möglich halten. Oft lag ich nachts 
während der Menstruation in einem förmlichen Blutbad. Wenn ich 
Blut sah, fingen meine Augen förmlich zu glühen an. Als Kind ver- 
drehte ich sie bei solchen Anlässen. Schon kleine Ursachen, vor allem 
aber Gemütsaufregungen reichten hin, um auch in der Zwischenzeit 
entweder sofort oder in wenigen Tagen Blutungen hervorzurufen. 
Es gab öfter Zeiten, wo ich fast jede Woche Blutungen hatte." 

Mit 16 Jahren wurde sie unter „fürchterlichen Schmerzen^)" 
und profusen Blutungen defloriert. Noch stärker waren die letzteren 
beim zweiten Koitus 8 Tage später^). Als sie wenige Stunden später 
,, zufällig" an der Nähmaschine zu tun hatte, wurde durch das Treten 
die Blutung so arg, daß der nach einiger Zeit geholte Arzt an einen 
Abortus glaubte, die Hämorrhagie nur mit größter Mühe zu stillen 
vermochte imd schon an Überführung der Patientin ins Krankenhaus 
dachte. Trotz der Tamponade begannen in der Nacht die Blutungen 
von neuem, so daß am Morgen der Arzt von der Möglichkeit einer 
Auskratzung sprach. Dies war, wie sie meint, die Ursache einer Zwangs- 
furcht, welche sie nun eine Zeitlang verfolgte, bei Wiederholung des 
Koitus einen Blutsturz zu bekommen. Darum gab sie in den nächsten 
Monaten zwar nicht den Verkehr mit Männern auf, wohl aber wehrte 
sie ihnen das Letzte. Während der Analyse zeigte sich dann eine andere 
Phobie. Kaum waren die Menses nämlich jeweils vorüber, so quälte 
mich die Kranke gleich am nächsten Tage um ein Mittel, sie neuerdings 
wieder in Gang zu bringen. Das war nun natürlich nicht Furcht vor 
Schwangerschaft, die sie bei ihrem infantilen Genitale überhaupt 
nicht zu befürchten hatte, als der Wunsch, ihre Vagina ständig von 
Blut überströmt zu fühlen, aus ihrer Schleimhauterotik heraus. 

In der ersten Kindheit wähnte sie immer, Blut trete nur bei 
Angätzuständen, wie bei der Hämoptoe der Mutter oder unter großen 
Schmerzen auf. ,,Und wenn ich sah, daß jemand große Schmerzen 
ausstand und Angstgefühle hatte, so konnte ich den größten Genuß 



^) Diese worden dadurch, glaubwürig, daß ich 8 Jahre spiter voa ihrem 
¥i:aueriarzte veraahm, sie besitze eia durchaus infantiles Genitale. 

*) Hiermit iat eine irrige Angabe dei theoretischen Teile3 richtig gestellt. 
Zuerst erklärte die Patientin, ihre Hämorrhagie am Tage der Defloration be* 
kommen zu haben, stellt dies aber im Verlaufe der Analyse in der oben angeführten 
Weise richtig. 



über den sado-masoctistischen Komplex. 229 

empfinden. War die Mutter z. B. an Bluthusten erkrankt oder der 
herzleidende Vater an einem Asthmaanfalle, dann weinte und jammerte 
ich angeblich, so bei der Mutter bereits mit zwei Jahren. Würde man 
mich aber in einem unbewachten Moment gesehen haben, dann hätte 
man ein Lachen auf meinem eben noch so traurigen Gesicht entdecken 
können. Ich versteckte meinen Kopf in den Händen, nur imi. lachen 
zu können. Wenn meine Angehörigen glaubten, ich weine, und mich 
zu trösten begannen, ließ ich es ruhig geschehen, ja, weinte wirküch, 
ima hinterdrein, allein gelassen, schnell in ein vom gewöhnlichen ganz 
verschiedenes Lachen auszubrechen. Ja, noch mehr, Trauer oder 
Schmerzen weckten in mir seit der ersten Kindheit die stärkste Lust. 
Mich an dem Menschen, dem ich eben noch die größten Qualen ge- 
wünscht hatte, oder der viele Schmerzen litt, oder der mich selber 
peinigte und schlug, wie in erster Linie meine eigene Mutter, sexuell 
zu erregen, war mein höchster Genuß. Dies ist wohl darauf zurück- 
zuführen, daß mich Mutter nach dem Schlagen, wenn ich sie ordnungs- 
und pflichtgemäß, wie es bei uns eingeführt war, um Verzeihung ge- 
beten hatte, gleich wieder liebkoste. Soviel Liebe tat nach den Prügeln 
doppelt wohl, so daß ich mich alsbald geschlechtlich aufzuregen begann. 
Um diesen erhöhten Genuß zu erlangen, ging ich oft geradezu darauf 
aus, meine Mutter durch Unfolgsamkeit oder Lüge so lange zu reizen, 
bis sie mich schlug. Bezeichnend war ihr Wort: ,Dir ist nicht leichter, 
wenn du nicht Prügel bekommst !' Freilich ahnte sie keineswegs, wie 
sehr sie den Nagel auf den Kopf getroffen." 

Besonders charakteristisch war der Kranken Betragen beim 
Asthma cardiacum ihres Vaters. Zwei Jahre vor seinem Tode — 
dieser erfolgte, als sie sieben Jahre zählte — häuften sich die Anfälle 
und sie hatte öfter Gelegenheit zu sehen, wie der Vater Beklemmungen 
und '[furchtbare Angstzu^tände bekam imd mit dem Atem rang, 
öfter kam der Anfall unerwartet und dann hieß es: ,,Nur rasch die 
Kinder hinaus!*' „Wir schlichen nun davon", setzte die Kranke fort, 
,,aber langsam, sehr langsam ging es bei mir. Keinen Blick wandte 
ich von Vaters nun entsetzlich weiß gewordenem Antlitze. Ich sah 
ihn leiden und verspürte nicht nur kein Mitleid, sondern dbekte Wohl- 
lust. In meinem Gesichte prägte sich tiefste Teiluahme aus, ich klagte, 
daß der Arme soviel Schmerzen litte, meine Augen waren meist mit 
Tränen gefüllt, allein wie es in meinem Innern aussah, hätte niemand 
erraten. Wünschte ich doch dem besten aller Väter, der nur für seine 
Familie lebte imd mir ganz besonders alles zulieb tat, die ärgsten An- 



230 J. Sadger. 

fälle mit den größten Schmerzen, ja sogar den Tod! Doch es sollte 
noch ärger kommen/' 

„Vater war schon sehr miserabel, mußte ständig das Bett hüten 
und die eiskalten Beine mit warmen Tüchern eingewickelt bekommen. 
Es war Nachmittag und Mutter schickte ims ins Nebenzimmer, wir 
sollten beten, daß der Vater nicht sterben müsse. Das taten wir nun 
auch, ich aber setzte meiner Grausamkeit die Krone auf, denn ich 
betete um seinen Tod. Als Mutter dann mit der Botschaft kam, es 
sei alles vorüber, da war ich in meinem Innern sicher, der Tod sei nur 
auf mein Beten erfolgt, und schon begannen sich schwere Selbst- 
vorwürfe zu regen. Ich weinte und schrie und warf mich am Boden 
herum imd konnte kaum beridiigt werden. Dann ging ich schnell ins 
andere Zimmer, stellte mich zum Spiegel imd lachte. Es tat mir 
wohl, mich selbst lachen zu sehen, wo alles weinte. Trat nun jemand 
an mich heran, so fing ich mein Heulen wieder von vorne an, um nur 
recht bedauert zu werden imd recht viel Mitleid zu erhalten. Nach 
zwei Tagen war mein Gesicht vor lauter "Weinen kaum mehr zu er- 
kennen. Mir tat es so wohl, zu Hause von Mutter und Verwandten 
zu hören: ,Armes Kind, so gern hast du deinen Vater gehabt!' oder 
, Jetzt hast du keinen Vater mehr, und gerade du warst sein Liebling!' 
Solche Reden brachten immer einen neuen Tränenstrom zum Aus- 
bruche. Ehe man Vater auf den Friedhof hinaustrug, bat ich die Mutter. 
ihn noch einmal küssen zu dürfen. Das letzte Busserl sollte er von 
mir bekommen. In Wahrheit hatte ich nur den Wunsch, mich an 
seinen Lippen noch einmal recht erregen zu können. Aber, o weh! 
Seine Lippen waren nicht mehr rot, sondern bläulich und riesig kalt 
und ein noch ärgerer Geruch entströmte dem Munde. So küßte ich die 
Lippen des Vaters nur flüchtig. Hinterdrein trat Brechreiz und Ekel 
auf, die sich später nach dem Geschlechtsverkehr regelmäßig wieder- 
holten." 

Nun noch einige Ergänzungen zu ihrem Masochismus und dessen 
Begründung. Die Patientin liebte es, sich zum Genüsse zwingen zu 
lassen, indem sie tat, als sträubte sie sich, um durch gewaltsame Be- 
siegung ihres Widerstandes die Lust zu erhöhen. Insbesondere in den 
Liebesspielen mit dem Bruder reizte sie ihn vorerst auf das äußerste, 
dann aber weigerte sie sich unter irgend einem Vorwande, um von 
dem Stärkeren genötigt zu werden: „Wenn der Bruder über mich 
kam, mich mit beiden Händen festhielt und dann rückwärts entblößte, 
war der Gipfel meiner Lust erreicht. Meist schlug er mich dafür, daß 



über den sado-masochistischen Komplex. 231 

ich ihm nicht folgte, und ich glaube, es war wieder nur die Erinnerung 
an die Mutter, was mich so erregte. Auch bei dieser widersetzte ich 
mich ja den meisten Anordnungen und bekam Schläge, gegen die 
ich mich sträubte, nur um so den höchsten Genuß zu erreichen/* 

,,Von meiner Kinder- und Schulzeit ab bis zum 19. Jahre war 
mein sehnlichster Wunsch, ein Kind zu bekommen. Eigentlich wollte 
ich nur Mutter imitieren und etwas haben, über das ich allem zu ver- 
fügen hätte, das geduldig, ohne sich wehren zu können, alles über 
sich ergehen lassen müsse. So ein Kind könnte ich sowohl auf die 
Lippen als zwischen die Schenkel küssen, vorne imd rückwärts, 
es kitzeln, an seinem Mimde saugen und mich nach Herzenslust an ihm 
erregen. Dann wieder könnte ich es schlagen imd quälen, um es hinter- 
drein doppelt gern zu haben. All das hatte Mutter mit mir getan, 
indem sie mich zuerst wegen des kleinsten Unrechtes fest mit der Kute 
züchtigte, oft stimdenlang am Boden knien ließ, dann aber, nachdem 
ich um Verzeihung gebeten, wieder in ganz überschwänglicher Weise 
liebkoste. Schläge oder harte Strafe erhöhten die Liebe zur Mutter 
und oft, wenn ich wegen eines kleinen Ungehorsams ahnte, daß mir 
Schläge bevorstanden, brachte ich schon selbst die Rute, d. h. ich ließ 
sie, indem ich heimlich am Spiegel rüttelte, zu Boden fallen, damit 
sie Mutter nur rasch bei der Hand hätte^). Einige Male mußte ich 
auf ihren Befehl sogar selber die Rute zu meiner Bestrafung holen. 
Ich tat, als fiele mir dies ungemein schwer, so daß sie mich förmlich 
dazu zwingen mußte. Und doch ließ ich mich so gerne zwingen, weil 
dies den Reiz und die Lust besonders erhöhte. Ob dies nicht in 
tiefster Wurzel darauf zurückgeht, daß ich schon als ganz kleines 
Kind, wenn Mutter mich anzog, oder, wie ich vermute, vielleicht noch 
früher, wenn ich als Säugling eingewickelt wurde, mich aus Leibes- 
kräften wehrte, bis Mutter mir einen leichten Klaps auf den Popo 
gab oder mich gewaltsam lunwendete?" Wie man sieht, führt auch 
diese Patientin ihren Masochismus, die Lust am Zwange und Geschlagen- 
werden, auf die Säuglingspflege zurück, genau wie Fall 1. 

Nun noch eine aktive, also sadistische Anwendimg des also Er- 
lebten. Mit zehn Jahren gab sie sich viel mit dem zweijährigen Mädchen 
einer Kachbarin ab, die froh war, wenn ihr jemand die Sorg^ \un die 
Elleine abnahm. ,,Ging ich mit dem Kinde spazieren", erzählte die 

^) Auch bei ihren späteren Liebesverhältnissen kam es öfter vor, daß sie 
dem Amant eine direkt dazu gekaufte Rute brachte, er solle =:ie vor dein Akte 
schlagen, weil das ihre Lust auf das höchste steigerte. 



232 J. Sadger. 

Patientin, ,,so fing ich meine Grausamkeiten an. War ich allein in 
einem Parke, so zwang ich es, mir unfolgsam zu sein. Ich sagte ihm 
auf eine Frage von mir kecke Antworten vor, die es ahnungslos wieder- 
holte, wofür ich ea schlug. Am liebsten ließ ich es mir widersprechen, 
was ihm die ärgsten Prügel eintrug. War das Kind mit mir allein, 
so war es nicht wiederzuerkennen. So trotzig imd widerspenstig zu 
Hause, so folgsam und scheu mir gegenüber. Ich zerrte die Kleine 
oft schauerlich herum und schlug sie, wenn sie mir etwas nachsagen 
mußte, so fest auf den Mund, daß die Lippen zitterten. Wollte sie in 
Weinen ausbrechen, so verbot ich es ihr. Sie wagte es nicht zu tun, 
konnte es aber oft nicht mehr zurückhalten imd rang förmhch damit. 
In der Nähe hatten wir eine sehr steile Gasse, über die zu gehen das 
Kind sich fürchtete. Ich aber zwang es dazu, indem ich es an die 
Hand nahm und dann, so rasch es ging, über den Abhang hinunterlief. 
Die arme Kleine hat gewiß Todesangst ausstehen müssen, da sie natür- 
lich den Boden unter den Füßen verlor und fast in der Luft hing. So 
zerrte ich sie fast täglich über jenen Abhang." 

,,Mit diesem Hinunterlaufen imd dem Nachschleppen des sich 
fürchtenden Kindes wiederholte ich etwas, das ich als kleines Mädchen 
selber erlebt hatte auf einem Abhänge in Schönbrunn und wobei ich 
ebenfalls Todesangst ausstand. Überhaupt ist bezeichnend, daß ich 
das Kind jetzt zu all dem zwang, zum Widersprechen, mit dem Fuße 
Strampfen und Hinimterlaufen, was mir einst selber Schläge oder 
Angst eingetragen hatte. Und auch die Strafe, Aufheben des Kleidchens 
und Schläge aufs G^säß beim geringsten Widerspruch, war genau das 
gleiche, was mir widerfahren.*' Zu ergänzen ist nur, daß auch unsere 
Kranke damals vermuthch Lustgewinn zog aus der sexuellen Kom- 
ponente, die jede größere Angst abspaltet, und daß sie diese Lu^t jetzt 
dem anderen Kinde gleichfalls zuteil werden lassen wollte. 



;^eue Traumexperimente In Zusammenbang 
mit älteren und neueren Traumtheorien. 

Von Johan Stärcke, Arzi in Amsterdam. 



0, then, I see, queen Mab has been witL you, 



And in this state she gallops night by night 
Through lovers' brains, and tben they dream. of love: 
On courtiers' knees, that dream oii court'sies straighi: 
ü'er lawyers' fingers, who straigM dream on fees: 
O^er ladies^ lips, who straigM on kisses dream. 

[Romeo and Juliet.] 

La conscience exhale un long räle de malediction; 
car, le volle de sa pudeur regoit de cruelles d^chirures. 

[de Lautreamont.] 

Unbewegt und rätselhaft wie die Sphinx bleibt der Traum, alle 
Jahrhunderte hindurch, sich selbst gleich — jedesmal, mit der Änderung 
der wissenschaftlichen Hypothesen, ändert sich die Deutung, welche 
der Mensch von seinen Träumen gibt, und ein Blick in die Vergangen- 
heit macht uns sogar daran zweifeln, ob wohl je eine Traumdeutung 
der Kritik späterer Generationen gewachsen sein wird. 

Sogar heutzutage, wo die neue Psychologie uns die Lösung bringt 
von vielem, was früher immer Rätsel geblieben war, kommt uns bis- 
weilen ein fremder Zweifel, ob alles, was uns jetzt so zutreffend und 

richtig scheint, auch ganz wahr sein wird Oder hat das 

Wesen des Traumes etwas, das immer unbegreiflich bleibt? 

Und wäre dies so, ist doch die "Wissenschaft in letzterer Zeit der 
Lösung der Traumprobleme näher gekommen als je zuvor. 

Beim Durchlesen der vielumfassenden Traumliteratur hatte ich 
Gelegenheit, einige Bemerkungen zu machen, die vielleicht für diejenigen, 



234 Johan Stärcke. 

die denselben Gregenstand studieren, zur Orientierung von Nutzen 
sein werden. Bevor ich die von mir ausgeführten Traumexperimente 
beschreibe, gebe ich diese Bemerkungen in bunter Reihenfolge, 

Es wäre eine Torheit, wenn jemand in unserer Zeit das Traum- 
problem noch studieren wollte, ohne gründlich von den Lehren Freuds 
Kenntnis zu nehmen. Wir erinnern denn auch nur daran, daJJ. die. 
Psychologie Freuds ein neues Licht gebracht hat in viele Probleme, 
die jeden gebildeten Menschen und mehr noch jeden Arzt in höchstem 
Maße interessieren müssen, und daß die weittragenden Folgen der 
Arbeit Freuds selbst heute noch nicht zu übersehen sind. 

Eine kurze imd deutliche Übersicht der Theorien Freuds, soweit 
diese sich auf den Traum beziehen, findet man in „Dr. Karl Abraham, 
Traum und Mythus". (Leipzig und Wien, F. Deuticke, 1909). Für diejenigen^ 
die erst anfangen, sich mit Freud zu beschäftigen, ist es geboten, zuerst 
diese Übersicht und eventuell auch das kurzgefaßte ,,Über den Traum" 
(Prof. Dr. Sigm. Freud, Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1911, 2. Aufl.) durch- 
zulesen; das erleichtert die Lektüre von „Die Traumdeutung" Freuds 
(Leipzig und Wien, F. Deuticke, 2. Aufl. 1909; 3. Aufl. 1911*). 

Man weiß, wie leidenschaftlich die Verfechter und Gegner Freuds 
einander bekämpft haben, und wie in diesem Kampfe der Eifer der 
Verfechter Veranlassung dazu gab, daß man von einem „Freud-Kultus'' 
redete, indem auf der andern Seite viele Gegner eine unglaubliche 
Oberflächlichkeit zeigten dadurch, daß sie leidenschaftlich kämpften 
gegen Theorien, die sie ungenügend oder gar nicht kannten. Zum Teil 
wurde das ohne Zweifel verursaclit durch ihre eigenen ,, Widerstände", 
die mit im Spiele waren und wodurch sie sich den neuen Hypothesen 
gegenüber mehr oder weniger benahmen „wie ein Patient, der sich 
gegen die Analyse sträubt". 



*) Zur weiteren Orientierung über die Psychologie des Unbewußten: „Über 
Psychoanalyse". Pünf Vorlesungen, gehalten zur 20jährigen Gründungsfeier 
der Clark University in Worcester (Leipzig und Wien, F. Deuticke, 1910, 
kurzgefaßt). 

„Sammlung kleiner Schriften zur Xeurosenlehre, aus den Jahren 1893 
bis 1906 (Leipzig u. Wien, R Deuticke, 1906)." 

„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1905). 

,,Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten*' (1905). 

,,Zur Psychopathologie des Alltagslebens" (1904). 

Eine vollständige Angabe von den Schriften Freuds findet man in: „Jahr- 
buch für psjchoanalyt. und psychopathol. Forsch." (Bleuler-Freud-Jung) 
1. Band, 2. Hülfte (Leipzig u. Wien, F. Deuticke, 1909). 



Neue Traumexperimente. 235 

Sehr ruliig und würdig ist die Verteidigung Bleulers^) und um 
so mehr lesenswert, weil er nicht nur die hauptsächlichsten Gegner 
ausführlich beantwortet, aber selbst auch wohlüberlegte kritische Be- 
merkungen macht (und mit welcher Bescheidenheit!). Uns inter- 
essieren hier am meisten seine Bemerkungen über die ,, Traumdeutung**, 
die uns plötzlich mitten in die „up-to-date^'-Traumprobleme versetzen: 

(S. 725): ,jDennoch bin ich noch nicht überzeugt, daß die Be- 
deutung des Traumes darin bestehe, den Schlaf zu hüten. Der Traum 
an sich, d. h. der Umstand, daß man träumt, kann für mich bis jetzt 
auch ein bloßes Ausfallsymptom sein. Der Inhalt des Traumes aller- 
dings läßt sich nur im Sinne der Tiefenpsychologie erklären. Ich kann 
auch den Einwand eines Gegners nicht recht entlaäften, daß die Traum- 
arbeit nicht viel nütze, wenn, wie so oft, die unangenehmen Affekte 
doch an den entstellten Vorstellungen hangen bleiben 2); und ich ver- 
misse auch noch den Grund, warum im AVachen ganz verdrängte 
Wünsche im Schlafe nicht verdrängt bleiben können, wenn doch ein 
Widerstand (Zensur) da ist ... . 

Ich weiß ferner nicht, warum das Unbewußte nur wünschen und 
nicht auch abweisen oder befürchten soll. Das Fürchten scheint 
mir so primär wie das Begehren (der im Käfige aufgewachsene Sing- 
vogel fürchtet den Habicht). Ich weiß ferner noch nicht, warum der 
Traumwunsch immer ein infantiler sein muß. Daß man in der Regel 
infantile Wünsche bei der Traumanalyse finden muß, scheint mir 
nach dem, was oben über die Assoziation der Affekte gesagt wurde 3), 

^) Die Psychanah^se Freuds, Verteidigung und kritische Bemerkungen 
von Prof. Bleuler (Jahrb. L psjchoanalyt. u. psj'chopatliol. Forsch. Bleuler- 
Freud-Jung, IL Bd, 2. Hälfte, 1910, S. 623—730). 

-) ,,Im Fieber und in der ^lelHucholie fürchtet man sich oft vor dem Ein- 
schlafen, gerade deshalb, weil man träumt." 

3) S. 718: ,,Eine besondere und noch nie genügend gewürdigte Art von 
Ähnlichkeitsassoziationen sind die der Affoktivität. Angeregte Gefühle und Affekte 
rufen früher erlebte ähnliche Gefühle und Affekte vieder hervor, so gut -v^'ie an- 
geregte Ideen ähnliche Ideen assoziativ hervorrufen." 

Vgl. Freud (Traumdeutung, -'. Aufl. S. 2S4— 30:?): „So erscheinen die 
Affekte im Traume als zusammengefaßt aus mehreren Zuflüseou und als über- 
döterminiert in bazug auf das Material der Traumgedanken; Af fcktquellen, 
die den nämlichen Affekt liefern können, treten bei der Traumarbeit 
zur Bildung desselben zusammen.** 

VgL auch Scherner! (S. 170): >,die$e Verbind ung von psi/chischen xnid 
leiblichen Affekten gleichen Tons respektivt von deren Bildern ist dem Traumlehen 
allgewöhnlich: der Eingeweidereiz-Traum z. B. verbindet ja mit dem Bilde des 
Kots stets der Seele widrige Persönhchkeiten der Avirklichen Bekanntschaft usw/' 



236 Johan Stärcke. 

auch ohne jene Auffassung selbstverständlich. Die aktuellen Wünsche 
sind eben in der Regel bewußt oder namentlich unbewußt mit gefühls- 
verwandten infantilen Wünschen assoziiert und diese müßten ana- 
lytisch zum Vorscheine kommen auch wenn sie nicht das eigentlich 
treibende Moment wären. Ich möchte auch nicht behaupten, daß die 
starke Affektivität, mit der ein aktueller Komplex, der den Traum- 
inhalt bedingt, besetzt ist, immer aus dem Infantilen stamme. 

Es fehlt mir ferner noch der Nachweis, daß alle Träume nach 
Freud zu deuten seien. Ich wenigstens scheitere manchmal bei der 
Analyse, indem ich keine Assoziation an den Trauminhalt bekomme. 
Das kann daran liegen, daß der Analyse zu große Widerstände ent- 
gegengesetzt werden, und wird wohl meist so sein, muß es aber nicht 
in jedem Falle. Mir fehlt somit noch der Beweis, daß nicht die ana- 
lysierten Träume eine Auslese darstellen und daß es daneben noch 
Träume gebe, bei denen diese Erklärungen nicht mehr im gleichen 
Maße gültig sind. Andere Arten wird man erst ausschließen können, 
wenn man genauer weiß, wie die Träume zustande kommen." 

Er erinnert auch daran, daß das Vergessen der Träume nicht 
ausschließlich von den Affekten verursacht zu werden braucht, und 
sagt dann: 

„Diese Bedenken bezeichne ich ausdrücklich als vorläufige; 
ich äußere sie, um zu zeigen, daß ich gegen Lücken nicht blind bin 
und doch die Traumdeutung im wesentlichen für eine der sichersten 
Errungenschaften der Tiefenpsychologie halte. Ich weiß aber sehr gut, 
daß ein Teil der Lücken Freud so gut wie mir bekannt ist und daß 
ein anderer Teil möglicherweise nur in meiner geringen Erfahrung 
begründet sein mag." 

Nachdem man diese gemäßigte Kritik gelesen hat, fällt es wieder 
um so mehr auf, wie befremdend leidenschaftlich mehrere Autoren 
mit absolut unzureichenden Argumenten gegen Freud kämpfen. 
Mehrere Beispiele davon findet man in der Verteidigung Bleulers. 
Ein einziges Beispiel kann ich noch hinzufügen. 

P. Näcke, in „Beiträge zu den sexuellen Träumen^)" sagt dort: 

„Unterlassen will ich schließlich nicht noch darauf hinzuweisen, 
daß jede Traumdeutung, also auch die eines sexuellen Traumes, nach 
der Freud sehen Manier, eine höchst unsichere ist. Sie kann wohl 
möglich sein, sogar einmal wahrscheinlich, aber strikte zu beweisen 
ist sie nie. Die Deutungen Freuds sind zum Teil ganz phantastisch 

^) Archiv f. Kriminal-Anthropologie, 1908, S. 371. 



Neue Traumexperimente. 237 

und sicher rein willldirlich. Übrigens hat schon vor Freud Scher n er t 
auf ganz analoge Weise wie Jener Träume, speziell auch sexuelle, zu 
deuten versucht, aber ebensowenig überzeugend. Dies geschah schon 
1861 und 1899 schloß sich ihm im wesentlichen auch Stumpf an, 
also auch noch vor Freud." 

„t Laurent: Okkultismus und Liebe. Berlin 1903, Barsdorf, 
S. 325." 

Es zeigt sich also, daß Näcke nur ein Zitat von Scherner in 
„Okkultismus und Liebe" gelesen hat. Doch findet man in diesem 
Buche^) einige hübsche Beispiele von Traumanalysen Scherners, die 
deutlich zeigen, daß die ,, Deutung" Scherners von ganz anderer 
Art ist wie die Deutung Freuds. Es ist mir denn auch unbegreiflich, 
wie man hier sagen kann ,,auf ganz analoge Weise''. Noch un- 
richtiger ist der letzte Satz. Die trockene, dürre Symbolik von 
Stumpft) zeigt schon sehr wenig Übereinstimmung mit der lebendigen, 
blutwarmen Symbolik von Scherner, aber die Traumdeutung von 
Stumpf ist so absolut verschieden von der Traumdeutung Freuds, 
daß der neidische Schluß ,,also auch noch vor Freud" einen sehr 
befremdenden Eindruck macht^). 

Eine Probe von erbärmlichen falschen Begriffen in bezug auf 
Freud finden wir bei Wynaendts Francken*). Eine Hauptsache 
bei der Freudschen Traumdeutung ist, daß er einen enormen Unter- 
schied macht zwischen dem manifesten Traum und den latenten Traum- 
gedanken und daß, wenn der Traum eine Wunscherfüllung enthält, 
diese Wunscherfüllung meistens dermaßen unkenntlich gemacht ist, 
daß man den erfüllten Wunsch nicht darin sieht. Nur durch die 
Kenntnis der Art und Weise, in welcher der Traum die Wunscherfüllung 
unkenntlich macht, kann man dazu gelangen, mit Hilfe der Traum- 
analyse die verborgene Wunscherfüllung zu finden. 

Wynaendts Francken nahm bei seiner Traumenquete eine 
Frage auf: „Komt de inhoud uwer droomen veelal overeen met uwe 



^) Dr. Emil Laurent und Paul Nagour, Okkultimus und Liebe (deutsche 
Ausgabe von Dr. med, G. H. Berndt). 

2) E. J. G. Stumpf, Der Traum und seine Deutung, nebst erklärten 
Traumbeispielen (Leipzig, O. Mutze, 1899). 

^) Wahrscheinlich istNäcke in Verwirrung geraten durch das, was in dem 
Büchlein von Laurent steht: ,,Im wesentlichen auf dem nämlichen Standpunkt 
wie Soherner steht E. J. G, Stumpff" (usw.). 

*) Dr. C. J. Wijnaendta Francken, De psychologie van het droomen 
(Haarlem, F. Bohn, 1907). 



238 Johan Stärcke. 

geheime wenachen?'' („Stimmt der Inhalt Ihrer Träume öfter überein 
mit Ihren heimlichen Wünschen?'') 

Bei seiner Erwähnung von Freud, mit dem Wynaendts 
Francken in sechzelin Zeilen schon abgerechnet hat, erwähnt 
er das Ergebnis dieser Frage: 

,,Um nachzuforschen, ob wirklich alle diese optimistischen 
Vorstellungen über den Traum öfter erfüllt werden, wurde eine 
entsprechende Frage in die Liste aufgenommen. Aus den Antworten 
zeigte es sich, daß kaum bei einem Viertel der Männer Wunsch- 
erfüllungen im Traume vorkamen, und fast immer nur in sehr 
seltenen Fällen, Bei Frauen war diese Zahl viel größer (42%), und 
das steht vielleicht in Zusammenhang mit ilirer größeren Phantasie.*' 

Man muß Freuds Traumdeutung doch wohl außerordentlich 

schlecht gelesen haben, um daraus zu entnehmen, daß jeder 

Wunschtraum auch vom Träumer zugleich als ein solcher erkannt 

werde, indem Freud sich doch soviel Mühe gibt, seine Leser davon 

zu überzeugen, daß dies nicht der Fall ist ! Es kommt so ungefähr 

darauf heraus^ als ob jemand eine Enquete machen wollte über 

das Vorkommen von sehr leichten tuberkulösen Erkrankungen, 

die nur bei genauer Untersuchung zu finden sind, und dazu an Laien 

die schriftliche Frage richten würde: „Haben sie die Schwindsucht?*' 

Frederik van Eeden^) läßt seinen Vico Muralto schreiben 

(S. 240): „Sehr wenige Menschen außer Ihnen, lieber Leser, werden 

etwas Wichtiges oder Merkwürdiges finden in diesen Mitteilungen. 

Der Philisterlaie wird denken an ein eitles Phantasiespiel zu seinem 

Vergnügen, und es bald vergessen. Der Philistergelehrte wird mit 

einem Lächeln einige Machtworte aussprechen, womit er die Sache 

erklärt und abgetan glaubt. Es gibt Einen, sein Buch liegt vor mir, 

der behauptet, das ganze Geheimnis des Traumes enträtselt zu haben. 

Achten Sie darauf, das ganze Geheimnis. Und dann spricht er ein paar 

inhaltleere Phrasen, die als ein , Sesam öffne dich!' den Zugang 

»u all den ungeheueren Wundern dieser nie betretenen Wirklichkeit 

öffnen müssen, indem er sagt: ,Der Traum ist ein erfüllter Wunsch.' 

Dann ist der Mann zufrieden und froh, und glaubt etwas gesagt zu 

haben.** 

Hier dürfen wir die Bemerkung nicht beiseite lassen, daß die 
Behandlung der Traumfrage in ,,de Naohtbruid" (das mit seinen 

^) De ]N'achtbruid, De gedenkschriften van Vico Muralto (Amsterdam, 
W. Versluys, 1909). 



Neue Traum experimente. ^oJ 

Dämonen, Inkuben und Sukkuben gut stimmen würde zur Zeit des 
Sinistrari d'Amenoi), doch wohl nicht als wissenschaftliche Hypo- 
these gemeint sein kann, und daß dieser unbegründete Angriff auf 
eine Arbeit, die wissenschaftlich gemeint ist, hier vielleicht besser 
unterblieben wäre. 

In der Literatur der letzten Jahre sieht man bisweilen, wie 
einzelne Gegner der Freudschen Traumhypothesen allmählich zu 
Kreuze kriechen und dann sich wohl einmal den Schein geben, 
als ob sie dies oder jenes eigentlich schon lange behauptet hätten. 
Andere dagegen scheinen noch in völliger Unbekanntheit mit Freud 
und seiner Schule sich zu bewegen. Mit Recht macht denn auch 
Maeder — in einem Referat über: Meunier et Masseion „Les 
reves et leur interpretation 1910'* — die Bemerkung^): 

„Zehn Jahre nach dem Erscheinen der 1. Auflage der Traum- 
deutung Freuds ist dies grundlegende Werk den Autoren des oben 
zitierten Büchleins noch unbekannt; das gleiche gilt scheinbar von 
den kurzen französischen Darstellungen der Freudschen Traumlehre." 

Auf ihren Landsmann Vaschide^) ist dieser Vorwurf nicht 
anwendbar; er widmet Freud ein anerkennendes Kapitel. Sein er- 
höhtes Nationalitätsgefühl ist es wahrscheinlich, das ihn in der 
„Traumdeutung" eine Fortsetzung der Arbeit Maurys (!) (S. 135) 
sehen läßt. 

„Le Dr. Freud, de Vienne, dont Toeuvre ressemble beaucoup 
ä Celle d'Alfred Maury, par Tanalyse ingenieuse de ses reves et la 
documentation si delicatement enregistree de son materiel, qui fait 
de son volume sur les reves une continuation de Toeuvre solide du 
savant franQais'' etc. 

Merkwürdig ist es, daß Vaschide (in einer Übersicht von 
22 Seiten) mit keinem einzigen Worte den Satz erwähnt, der 
in Freuds ,, Traumdeutung" eine so wichtige Stelle einnimmt, 
nämlich daß die Mehrzahl der Träume Erwachsener sexuelles Material 

1) Louis Marie Sinistrari d'Ameno, De la Demoaalite et des Animaux 
Incubes et Succubes (usw.) (XVIIe Siecle). Publie et traduit du Latin par Isidore 
Liseux, 2« ed. Paris, 1876. 

2) Zentralbl. f. Psychoanalyse, 1. Jahrgang, Heft 3, 1901 (Wiesbaden, 
J, F. Bergmann). 

3) Dr. Vaschide; Le sommeil et les Reves (Paris, S. Flammarion, 1911). 
(Dieses Buch enthält u. a. eine gute Übersicht von der Arbeit Alfred Maurys: 
Le Sommeil et les Reves, und des so seltenen Buches des Marquis d'Hervey de 
Saint-Denis: Les Reves et les moyens de les diriger.) 



240 Johan Stärcke. 

behandeln und erotische Wünsche zum Ausdruck bringen. Es scheint 
wohl, daß alles, was sich hierauf bezieht, bei Vaschide beim Lesen 
gleich ins Unbewußte entschwunden ist^)! 

Hören wir noch eine Meinung von Havelock Ellis. In einer 
soeben erschienenen Arbeit über den Traum 2) sagt er beim Auf- 
zählen der verschiedenen Methoden, ein Buch über Träume zu schreiben 
(literary, clinical, experimental, introspective method): 

„Professor Sigmund Freud's „Die Traumdeutung" may be 
said to belong to the introspective class, though to a special division 
which Freud himself terms psycho-analytic. This is undoubtedly the 
most original, the most daring, the most challenging of recent books 
on dreams, and is now the text-book of a whole school of investigators. 
It is not a book to be neglected, for it is written by oae of the pro- 
foundest of living investigators into the obscure depths of the human 
soul. Even if one rejects Freuds' methods as unsatisfactory, and 
bis facts as unproved, the work of one so bold and so sincere cannot 
fall to be helpful and stimulating in the highest degree. If it is not 
the truth it will at least help us to reach the truth." 

Wo nun Havelock Ellis eine so große Anerkennung zeigt, 
interessiert es uns, welche Argumente er gegen Freud anführt; zum 
ersten ein Argument, das gewiß viele bei der erstmaligen Lesung 
Freuds sich selbst gedacht haben: 

(S, 166): ,,We only dream of things that are worth while". — 
That is the point at which many of us are no ionger able to foUow 
Freud. 

^; Uea Satz lautet (Traumdeutung S. 199): 

„Je mehr man sich mit der Lösuug von Träumen beschäftigt, desto 
bereitwilliger muß man anerkemien, daß die Mehrzahl der Traume Erwachsener 
sexuelles Material behandelt und erotische Wünsche zum Ausdruck bringt. Nur 
wer wirkhch Träume analysiert, d. h. vom manifesten Inhalt zu den latenten 
Traumgedanken vordringt, kann sich ein Urteil hierüber bilden, nie, wer sich 
damit begnügt, den manifesten Inhalt zu registrieren (wie z. B. Näcke in seinen 
Arbeiten über sexuelle Träume). Stellen wir gleich fest, daß diese Tatsache 
uns nichts Überraschendes bringt, sondern in voller Übereinstimmung mit 
unseren Grundsätzen der Traumerklärung steht. Kein anderer Trieb hat seit 
der Kindheit so viel Unterdrückung erfahren müssen wie der Sexualtrieb in 
seinen zahlreichen Komponenten, von keinem andern erübrigen so viele und 
so starke Wünsche, die nun im Schlafzustande traumerzeugend wirken. Man 
darf bei der Traumdeutung diese Bedeutung sexueller Komplexe niemals vergessen, 
darf sie natürlich auch nicht zur Ausschließhchkeit übertreiben." 

«) Havelock Ellis, The world of dreams. (London Ck)n8table & Co., 
1911). 



Neue Traumexperimente. 



241 



That dreams of the type etudied by Freud do actually occur mar 
be accepted; it may even be considered proved. But to assert that all 
dreams must be made to fit into this one formula is to make far too large 
a demand. As regards the presentative elemeat in dreams — the element 
that is based on actual senaory Stimulation — it is in most cases unreaso- 
nable to invoke Freud's formula at all. If, when I am asleep, the 
actual song of a bird causes me to dream that I am at a concert, that 
picture may be r^arded as a natural Symbol of the actual Sensation, 
and it is unreasonable to expect that psycho-analysis covld reveal any 
hidden personal reason why the symbol shovld taJce the form of a coneert 

Die von uns kursivierten Zeilen enthalten die schwache Stelle 
dieser Beweisführung. Es ist denkbar, daß der Vogelgesang, 
ob in irgend einer Weise symbolisiert oder nicht, in absonderlicher 
Abwandlung im Traum erscheint, aber es ist ebensogut denkbar, 
daß andere Traumursachen (z. B. Freudsche Momente) bestimmen, 
in welcher Weise der Vogelgesang in den Traum eingefügt werden 
wird. Ein Konzert ist durchaus nicht die meist auf der Hand liegende 
oder einzig mögliche Darstellung des Vogelgesanges und es ist sehr 
wohl möglich, daß es wirklich heimliche persönliche Motive gibt, 
weshalb die Vorstellung des Vogelgesanges eben die Form eines 
Konzertes anninxmt! 

Eine andere Bemerkung von Havelock Ellis, die wir der 
Vollständigkeit halber anführen, ist die, daß die Freudsche Hypo- 
these vielleicht besonders richtig sei für den neurotischen Traum. 

„Freud has, indeed, made interesting analytic studies of his own 
dreams, but the great body of material accumulated by hira and his school 
is derived from the dream of the neurotic. Thus Stekel states that he 
has analysed many thousand dreams, but his lengthy study on the Inter- 
pretation of dreams deals exclusively with the dreams of the neurotic." 

Havelock Ellis weist auch daraufhin, daß die enthusiastischen 
Schüler Freuds seines Erachtens in Gefahr schweben, in „extro- 
spection" zu verfallen: 

(p. 171) „Those who imagine that all dreaming is a symbolism 
which a single cypher m\l serve to Interpret must not be surprised if, 
however unjustly, they are thought to resemble those persons who claim 
to find on every page of Shakespeare a cypher revealing the authority 
of Bacon. In the case of Freuds theory of dream interpretation I hold 
the cypher to be real, but I beheve that ist is impossible to regard so 
narrow and exclusive an interpretation as adeqiiate to explain the whole 
Avorld of dreams." 

1 c 
Jahrbuch für psychonnalyt. ii. psychopathoV Forscbungeii. V. 



^^^ Johan Stärcke. 

(p. 172): „There is a Symptom of mental disorder, called extro- 
spection, in which tlie patient fastens his attention so minutely on 
events that he comes to interpret the most trifling signs and incidents 
as füll of hidden significance, and may so build up a systemated 
delusion." 

.... ..Freud and those who are following him liave shown by 

the expenditure of much patience and skill, that this method of dream- 
interpretation may in many cases yield coherent results which it is not 
easy to account for by chance. li is quüe possible, however, to recognise 
Fretid's Service in vindieating ihe large place of symholism in dreams, and 
to ivelcome the application of his psycho-analytic method to dreams. while 
yet demjing that this is the only method of interpreting dreams.'' 

d'Hervey und Wolf Davidson über Traumanalyse. 

In Freuds Traumdeutung findet man eine ausführliche Über- 
sicht der Literatur, eingeteilt nach den Gegenständen, welche Freud 
am meisten interessierten. Dabei gibt er, bevor er erklärt „wie klug 
der Traum ist, wenn er sich absurd stellt'', eine Anzahl Zitate von 
Schriftstellern, die alle darüber einig sind, daß der Traum inkohärent 
und absurd sei. Nur einzelne Schriftsteller haben diese übliche Meinung 
nicht geteilt. Wir lesen (S. 48): 

„Am energischesten scheint die Herabsetzung der psychischen 
Leistung im Traume der Marquis d' Hervey bestritten zu haben, gegen 
den Maury lebhaft polemisiert und dessen Schrift ich mir trotz aller Be- 
mühung nicht verschaffen konnte. Maury sagt über ihn (S. 19): „M. le 
Marquis d'Hervey prete ä Tintelligence, durant le sommeil, toute sa liberte 
d*action et d'attention et il ne semble faire consister le sommeil que 
dans locclusion des sens, dans leur fermeture au Monde exterieur; en 
Sorte que rhomme qui dort ne se distingue guere, selon sa maniere de 
voir, de Thomme qui laisse vaguer sa pensee en se bouchant les sens: 
toute la difference qui separe alors la pensee ordinaire de celle du dormeur 
c'est que, chez celui-ci, l'idee prend une forme visible, objective et ressemble, 
ä sy meprendre, ä la Sensation deteiminee par les objets exterieurs: 
le Souvenir revet Tapparence du fait present." 

Maury fügt aber hinzu: „quil y a une difference de plus et capitale 
ä savoir que les facultes intellectuelles de Thomme endormi n'offrent pas 
requilibre qu'elle gardent chez Thomme eveille." 

Wir würden aber ungerecht über den Marquis d'Hervey urteilen, 
wenn wir voraussetzten, daß dieser Professor des Chinesischen nicht 
noch etwas Besseres über diese Angelegenheit gesagt hätte und daß 
er in der Debatte mit Maury vom letztgenannten Argumente be- 
siegt wäre. 



Neue Traumexperimente. 



243 



Hervey de Saint Denis^) hat nämlich auch folgendes ge- 
schrieben (Vaschide, S. 145): 

Dans le reve, les Images, Selon d'Herve y, s'associent, s'enchainent 
suivant l'enchainement des idees sensibles; il y anra toujours corre- 
lation entre „le mouvement determine par Tassociation des idees et 
revocation instantanee des Images qui viendront successivement se 
peindre aux yeux de notre esprit". L'image du reve est la copie de 
l'idee, la substance; la vision n'est qu' accessoire. Ceci etabli, il faut 
savoir suivre la marche des idees, il faut savoir anahjser le tissu des 
reves; V incoMrence devient alors cortuprehensihle, les conceftions les plus 
fantasques deviennent des faüs simfles et parfaitement logiques. 

(S, 147): Les reves les plus bizarres trouvent mime une ex- 

pUcation des plus logiques quand on sait les analyser. 

Aber schon viele Jahre bevor der Marquis dieses schrieb, hat 
jemand eingesehen, daß die Träume nur scheinbar inkohärent sind, 
nämlich Wolf Davidson^), und weil Freud diesen nicht nennt und 
auch anderswo diese Tatsache nicht erwähnt wird, wollen wir diese 
Stelle hier zitieren: 

(S. 136): ,,Die sonderbaren Sprünge unserer VorsteüvMgen im 
Trau?ne haben alle ihren Grund in dem Gesetze der Assoziation, nur daß 
diese Verbindung manchmal sehr dunkel in der Seele vorgehet, so daß 
wir oft einen Sprung der Vorstellung zu beobachten glauben, wo doch 
keiner isL Es geschieht ja im wachenden Zustande, daß das Gespräch 
in Gesellschaften sich oft auf Dinge wendet, wo man im Anfange der 
Unterredung nie darauf zu kommen geglaubt hatte; wenn man sich 
aber die Mühe gibt, die einzelnen Vorstellungen zu untersuchen, so 
wird man bald entdecken, wie man von einer auf die andere geführt 
wurde; im Traume aber, wo die Einbildungskraft freies Spiel zu wirken 
hat, kann die Urteilskraft weder bemerken, ob ein Sprung der Vor- 
stellung vorhanden ist, und wie dieser scheinbare Sprung in eine 
durch das Assoziationsgesetz natürliche Folge der Vorstellung auf- 
zulösensei, dieses können wir nur, wenn wir uns noch wachend an unsern 
Traum erinnern, wo ivir alsdann entdecken werden, daß hier gar kern 
Sprung der Vorstellungen vorhanden sei. Biese Untersuchungen müssen 
wir aber selbst anstellen, weil wir selbst nur die subjektive Ideenassoziation 
unserer Vorstellungen kennen.*' 

1) (Les reves et les moyens de les diriger. Paris, 1867). (anonym). 
J^ir>führ'-ho Übersicht in: Vaschide, Le sommeil et les reves. Paris 1911. 

2) AVolf Davidson. Versuch über den Schlaf. (2. Aufl., Berhn, 1790). 

16* 



244 JoKan StSrcke. 

Scherner. 

Nachdem ich Freuds Traumdeutung zum erstenmal durch- 
studiert hatte, kam es mir bei einer, späteren Lesung vor, daß er nicht 
ganz gerecht sei in seiner Beurteilung von Scherner. Ich glaube, 
daß das Werk Scherners viel mehr Anerkennung verdient, als ihm 
zuteil wird, und ich will versuchen, diese Meinung durch einige Zitate 
zu verteidigen. 

Freud sagt von Scherners Theorie: 

(Traumdeutung S. 59): „Der originellste und weitgehendste Versuch, 
den Traum aus einer besonderen Tätigkeit der Seele, die sich erst im 
Schlaf zustand frei entfalten kann, zu erklären, ist der von Sehern er 
1861 unternommene. Das Buch Scherners, in einem schwülen und 
schwülstigen Stil geschrieben, von einer nahezu trunkenen Begeisterung 
für den Gegenstand getragen, die abstoßend wirken muß, wenn sie nicht 
mit sich fortzureißen vermag, setzt einer Analyse solche Schwierigkeiten 
entgegen, daß wir bereitwillig nach der klareren und kürzeren Darstellung 
greifen, in welcher der Philosoph Volkelt die Lehren Scherners uns 
vorführt. „Es blitzt und leuchtet wohl aus den mystischen Zusammen- 
ballungen, aus all dem Pracht- und Glanzgewoge ein ahnungsvoller Schein 
von Sinn heraus, allein hell werden hierdurch des Philosophen Pfade 
nicht." Solche Beurteilung findet die Darstellung Scherners selbst bei 
seinem Anhänger.'* 

Das finde ich ziemlich ungerecht! Ein ,, Anhänger", der so wenig 
enthusiastische Anerkennung zeigt, ist ein schlechter Führer in den 
Schönheiten oder Wahrheiten eines Buches. Freud selber würde doch 
auch nicht gerne beurteilt werden nach einer verkürzten Wiedergabe 
seiner Theorien, herstammend von jemandem, der ihm theoretisch- 
philosophischer Gründe wegen nicht zugeneigt war. Scherner ver- 
dient, ebensogut wie Freud, daß man ihn im ursprünglichen Texte 

liest. Sonst läuft man Gefahr, ihn unrichtig zu beurteilen, „et 

il aurait le danger de donner quelque chose d'etroit et de faux ä une 
conception eminemment philosophique, qui cesse d'etre rationelle, 
des qu'elle n'est plus comprise comme eile a ete imaginee, c'est-ä-dire 
avec ampleur" (de Lautreamont). 

Weiter bemerkt Freud: 

(Freud S. 60): „Das Material, an welchem die Traumphantasie 
ihre künstlerische Tätigkeit vollzieht, ist nach Scherner vorwiegend 
das der bei Tag so dunklen, organischen Leibreize, so daß in der Annahme 
der Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische Theorie 
Scherners und die vielleicht übernüchterne Lehre Wundts und anderer 
Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zueinander verhalten, sich hier 



Neue Traumexperimente. ^^^ 

völlig decken. Aber während nach der physiologischen Theorie die seelische 
Reaktion auf die inneren Leibreize mit der Erweckung von irgend zu ihnen 
passenden Vorstellungen erschöpft ist, die dann einige andere Vorstellungen 
auf dem Wege der Assoziation sich zur Hilfe rufen, und mit diesem Stadium 
die Verfolgung der psychischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint, 
geben die Leibreize nach S eherner der Seele nur ein Material, das sie ihren 
phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die Traumbildung 
fängt für Scherner dort erst an, wo sie für den Blick der anderen versiegt. 
Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die Traum- 
Phantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein neckendes Spiel 
mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der die Reijze im betreffenden 
Traumestammen, in irgend einer plastischen Symbolik vor. Ja, S eherner 
meint, worin Volkelt und andere ihm nicht folgen, daß die Traumphan- 
tasie eine bestimmte Lieblingsdarstellung für den ganzen Organismus 
habe; diese wäre das Haus" (usw.) 

Er gibt dann noch mehrere Beispiele, zitiert nach Volkert, 
der sie kurz mitteilt (ohne die Träume beizufügen), so daß sie allen Reiz 
verlieren! Am Ende kommt Freud in etwas befremdender Weise 
dazu, ein mehr anerkennendes Urteil über Scberner auszusprechen 
(wir kursi vieren): 

(S. 62): „Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der sym- 
bolisierenden Phantasie Scherners in den Träumen nicht verbunden. 
Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man könnte 
auf die Vermutung kommen, daß sie unartig spielt. Man könnte aber auch 
an uns die Frage richten, 06 unsere eingehende Beschäftigung mit der 
Schernerschen Theorie des Traufnes zu irgend etwas Nützlichem führen 
kann, deren WiUkürlichkeit und Losgebundenheit von den Regeln aller For- 
schung doch allzu augenfällig scheint Da wäre es denn am Platze, gegen 
eine Verwerfung der Lehre Scherners vor aUer Prüfung als allzu hoch- 
mütig ein Veto einzulegen. Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf, 
den jemand von seinen Träumen empfing, der ihnen große Aufmerksamkeit 
schenkte und der persönlich sehr wohl veranlagt scheint, dunklen seelischen 
Dingen nachzuspüren/* 

Man lese weiterhin die Auseinandersetzung der Meinung Freuds 
über die „somatischen Traumquellen" (Traumdeutung, 2. Aufl, S. 155 
bis 168): 

„Scherner gab nicht nur eine poetisch nachempfundene, glühend 
belebte Schilderung der psychischen Eigentümlichkeiten, die sich bei 
der Traumbildung entfalten; er glaubte auch das Prinzip erraten zu haben, 
nach dem die Seele mit den ihr dargebotenen Reizen verfährt. In freier 
Betätigung der ihrer Tagesfesseln entledigten Phantasie strebt na.li 
S eherner die Traumarbeit dahin, die Natur des Organs, von dem der Reiz 
ausgeht, und die Art dieses Reizes symbolisch darzustellen." 



246 



Johan Stärcke* 



Freud nennt einige Gegengründe, die er gegen die Hypothese 
Scherners hat, z. B. daß die Traumarbeit hier als vollständig zwecklos 
dargestellt ist: 

,,da sich doch nach der in Rede stehenden Lehre die Seele damit 
begnügt, über den sie beschäftigenden Reiz zu phantasieren, ohne 
daß etwas wie eine Erledigung des Reizes in der Ferne winkte*'. 

Weil die körperlichen Reize (Leibreiz) stets anwesend sind, 
müßte man jede Nacht von allen Organen träumen. Nimmt man an. 
daß außerordentliche Reize dazu nötig sind, um einen Traum zu ver- 
ursachen, dann müßte man beweisen, daß diese abnorm starken Reize 
wirklich von den Organen ausgegangen sind. 

,,Es ist noch ein dritter Fall möghch, der wahrscheinHchste von allen, 
daß nämhch zeitweise besondere Motive wirksam sind, um den gleichmäßig 
vorhandenen viszeralen Sensationen Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber 
dieser Fall führt bereits über die Schernersche Theorie hinaus." 

Allmählich stellt Freud dann seine eigene Traumdeutung 
Scherner gegenüber. 

,,Wenn wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material 
an Träumen nicht angewendet haben, erweisen konnten, daß der Traum 
einen ihm eigenen Wert als psychische Aktion besitzt, daß ein Wunsch 
das Motiv seiner Bildung wird und daß die Erlebnisse des Vortages das 
nächste Material für seinen Inhalt abgeben, so ist jede andere Traumlehre 
welche ein so wichtiges Untersuchungsverfahren vernachlässigt und dem- 
entsprechend den Traum als eine nutzlose und rätselhafte psychische 
Reaktion auf somatische Reize erscheinen läßt, auch ohne besondere Kritik 
gerichtet." 

Nehmen wir jetzt das Buch Scherners^) einmal zur Hand, 
vielleicht finden wir doch noch einige hübsche Ideen darin. 

Die zwei ersten Teile des Buches sind hie und da nicht gerade 
leicht verständlicli; wer sich aber durch den Reisbreiberg der philo- 
sophierenden Teile hindurchgearbeitet hat, dessen Mühe wird reichlich 
belohnt von den vielen prachtvollen Schilderungen und merkwürdigen 
Gedanken. Einzelne Fragmente seien hier erwähnt. 

(S. 6): ,J)ie Triebe des Leibes vergewaltigen sich, sie sind nun 
der Herrscher; A\'as kümmert sie Anstand und Sittengesetz, wenn sie 
befreit sind ! Frank und frei, wie die Natur des Leibes sie erzeugte, drängen 
sie aus sich heraus zur Entladung hervor und heißen die Einbildungskraft, 
ihnen Scharren von Bildern zu stellen zum Ausdruck der Bedrängnis 
oder brennender Lust. Und alles, was jemals am Tage dich tief rührte oder 

^) Das Leben des Trauines von Karl Albert Scherner, Doktor und 
K'o.-.ent der Piiilosophie ander Universität zu Breskn. (Berlin, F. Schindler, 186L) 



Neue Ti'aumexpei-imeute. ^4:7 

schreckte in der Knaheazeit, im Jmiglingsalter, in der MannJieit, ziehet 
nun auf und türmt sich wundersam, ohne Rücksicht auf die Zeiten, zu 
einem mächtigen Nebelgebilde der Gegenwart zusammen und ergötzt 
oder bedrängt dich." 

Sehr hübsch beschreibt er die Zartheit des Traumes: 

(S.. 9): „Ja so fein und so zart ist die Welt hier, daß schon der im- 
materielle Spitzstrahl des Verstandes sie zerstört und zerstäubt, so wie er 
nur daran rührt; daher ja der Traum sofort zerrinnt und uuwiederher- 
stellbar sich verflüchtigt, wenn man mit spontaner Denkkraft ihn scharf 
ansieht." 

Die Analogie zwischen Traum und „Witz'' wird von S eherner 
schon genannt: 

(S. 10) : ,,Aus den, im Sinne des Wachens widersprechendsten Dingen 
bildet die Traumform die zusammenhängendsten GeAvebe, ivorin ihr der 
2vache Geist nur etwa im Wi^ze schwach nachzueifern vermag''. 

Auch erwähnt er eine Parallele zwischen der Traumphantasie 
und dem Gerücht: 

(S. 16): .,Will man einen ähnlichen Voigang im AVachen sehen, so 
braucht man nur den exotischen Wuchs der Fama zu betrachten, welchen 
nicht die Lügesucht, sondern das schwellende Wesen der Phantasie erzeugt; 
durch ir;^end welche Absonderlichkeit des ersten Gerüchtes ward die 
Phantasie des Hörers erregt, und indem sie wieder erzählte, schilderte 
sie schon aus ihrer Erregtheit, daher größer; und die dadurch potenzierte 
erregte Phantasie eines dritten schilderte nun wiederum in Erweiterung 
uäf.r bis endlich, wie wir sehr treffend auszudrücken pflegen, aus der 
Mücke e"n Elefant ward^)". 

W'enn man nur sucht, findet man bei Scherner viele er- 
staunlich modern klingende Abschnitte. Man lese z. B. was er schreibt 
über das Verschmelzen von zwei oder mehr Traumbildern zu einem: 

(B. 19): ..Höchst interessant sind ferner jene merkwürdigen, eine 
ganz besondere Art bildenden Kombinationsträume, wo ein einzig hervor- 
wachsendes Phantom aus zwei oder mehreren ganz verschiedenartigen 
Traumgebilden entsteht und doch nur ein einziges Traumwesen ist, völlig 
jenen vorsintflutlichen Geschöpfen ähnelnd, wo mehrere Tiergattungen 
in einer einzigen Art aufgehend und verschmolzen erscheinen". 

Freud sagt über diesen Gegenstand (in ,,Über den Traum)'': 

,J)urch die Verdichtungsarbeit des Traumes erklären sich auc!i 
oewisse Bestandteile seines Inhaltes, die nur ihm eigentümlich sind und 

^j i>db Gerücht kann aber mehr als einem Traum ähuUoh sein, es kann 
einen Traum deuten! Siehe die Beitr. zur Psychologie des Gerüchten. (('. G. Jung 
Zentraibl. f. rsychoanalyse 1911.) 



248 Johaii Stärcke. 

im Wachen Vorstellen nicht gefunden werden. Es sind dies die Sammel- 
und Mischpersonen und die sonderbaren Mischgebilde, Schöpfungen, 
den Tierkompositionen orientalischer Völkerphantasie vergleichbar, die 
aber in unserem Denken bereits zu Einheiten erstarrt sind, während die 
Traumkompositionen in unerschöpflichem Reichtum immer neu gebildet 
werden." 

Scherner sagt über den „Reiztraum'': 

„Überraschend ist endlich die starke ISTeigung des Traumes, alle 
im Schlafe hervortretenden Reize des Gemeingefühk, des Gemüts, oder 
der innern Anschauung in Bilder wirklicher Tiere zu übersetzen. Schon 
in dem Traume Pharaons gelangten die Kühe zu prophetischer Bedeutung; 
bis heutigen Tages tobt der unbändige Stier durch das Traumreich, mit ihr.i 
wälzt sich der stürmische Reiztraum rasend einher. '^ 

Sehen wir wie er die „Traumkampfspiele" interpretiert: 
(§ 20): ,,Das Traumleben ist die zerfahrene Ichgewalt: in die 
peripherischen Mächte, die sie am Tage zusammenhielt, war die Ich- 
kraft zerfallen. Darum sind sie alle losgerissen zur Nachtzeit des Geistes, 
alle sind herrische, frei hin wogende Selbstheitsgewalten, alle bewegen 
sich im Ungestüm, und jede ist, weil sie frei ist, Leidenschaft und 
Tumult. Und da sie gleichwohl an ein und denselben Raum der Be- 
wegung gebunden sind, weil sie aliezusammen ein und derselbigen 
Seinsatmosphäre, der Seele und dem Traum angehören: so entspinnt 
sich naturgemäß aus dem Hinundherwogen aller in demselbigen Räume 
der gewaltige Zusammenstoß, die Raserei aller im Gegeneinander der 
Kraft, das leidenschaftliche Kampßurnier zu Sieg oder Ersterben/^ 

Sowohl in der Übersicht der Traumliteratur als bei der Be- 
sprechung seiner eigenen Hypothesen entbehren wir bei Freud ungern 
die Erwähnung der Tatsache, daß ein Schriftsteller vor Freud, wenig- 
stens in einzelnen Träumen, eine Wunscherfüllung gesehen hat. 
Scherner nennt ja auch eine Kategorie von Träumen, welche eine 
Wunscherfüllung enthalten. 

(§ 239): „Traum für einen Gemütswunsch*'; (eine Dame wünschte, 
die Prinzessin noch einmal in ihrem eigenen Zimmer zu sehen). 

„Nachts darauf träumte sie, sie sei bei der königlichen Prinzessin 
in Buschvorwerk zum Kaffee geladen gewesen, die hohe Frau habe selber den 
Kaffee gekocht und aufgetischt; und nun fährt sie weiter fort zu träumen, 
wie sie ihr Entzücken über diesen Vorfall gar nicht genug habe ihren Freun- 
dinnen und Verwandten erzählen können, zu denen sie sich im Traum nach- 
einander an je verschiedenen Orten versetzt gefühlt habe/' 



Neue Traumexperimente. 249 

In seiner Analyse dieses Traumes sagt Scherner u. a. : 

„Den wachen Wunsch der Träumerin erfüllt die Phantasie sofort 
einlach darum, weil er im Gemüte derselben lebendig hestand.^^ 

Das war also eine unverstellte Erfüllung eines bewußten Wunsches, 
ein Wunschtraum des infantilen Types (nach der Freudschen Ter- 
minologie). Wir wollen diese Gelegenheit benutzen, um noch einen 
Schriftsteller zu nennen, der von Freud nicht erwähnt wird (und 
ebensowenig fand ich ihn irgendwo anders in der Literatur erwähnt), 
und der schon 1794 so schön die somatischen und die psychischen 
Ursachen des Traumes unterschied. Der feine und klare Philosoph 
Leidenfrost^) schreibt: 

,,Oft ist der Körper schuld, wenn ein kleiner Teil desselben auf eine 
unnatürliche Weise gereizt wird, und einen Schmerz oder Krampf emp- 
findet. Daher entstehen die ungereimten wohllüstigen oder fürchterlichen 
Bilder. Oft aber schafft sich der Geist selbst Träume, wenn er, von Sorgen , 
von starken Begierden und mancherlei Kummer gequält, sich dem Schlaf 
übergibt,^' 

Wir kommen so allmählich zu dem, was in der Literatur noch 
mehr anzutreffen ist über den Einfluß der äußerlichen und somatischen 
Reize auf den Traum. 

Wie verhältnismäßig klein das Tatsachenmaterial, worüber die 
Wissenschaft hier verfügte, lange geblieben ist, geht wohl daraus hervor, 
daß man bei nahezu allen älteren Schriftstellern immer wieder dieselbe 
kleine Anzahl Träume erwähnt findet. Die Erzählung Gregorys 
über jemand, der einen heißen Krug zu seinen Füßen gelegt hatte 
und träumte, er sei über den glühend heißen Gipfel des Ätna spaziert, 
und über jemand anders, der ein Zugpflaster auf sein Haupt gelegt hatte 
und träumte, er sei von Indianern skalpiert worden, diese zwei Bei- 
spiele findet man, bis zur Langeweile, immer wieder in allen Einzel- 
heiten geschildert. Dugald Stewart^) erzählt dabei, daß der Ätna- 
traum von einem seiner Freunde geträumt worden ist ! ,,I have 

been told by a friend, . . . /\ Hennings^) erwähnt noch ein paar Bei- 
spiele : 



^) Johann Gottloh Leidenfrost: Bekenntnis seiner Erfahrungen, die 
er über den menschlichen Geist gemacht zu haben meint (Aus dem Lateinischen, 
1794), 

2) Dngald Stewart: Elements of the Philosophy of the Human Mind 
(6*^ edit., London, 1818). 

3) Hennings: Verhandeling over de droomen en slaapwandelarea 
(Amsterdam, 1788), 



250 Johan Stärcke. 

.jAuch träumte ein anderer, daß er von einigen Kerlen über- 
fallen wurde, die ihn in seiner ganzen Länge auf seinem Rücken hin- 
legten und zwischen seiner großen und der nächsten Zehe durch einen 
Pfahl in den Boden schlugen: hierauf erwachte er und fühlte, daß 
sich ein Strohhalm zwischen seinen Zehen befand." 

Und (zitiert nach Krüger: Experimentalseelenlehre) : 

.,Caju3 dreht sich in seinem Bette um und stößt seine Nase an 
(way bei Leuten, die eine lange Nase haben, sehr leicht geschehen kann), 
der Schmerz bringt ihn auf den Gedanken, daß er von jemand ins An- 
gesicht geschlagen wird. Er sieht denselben, wird böse und wirft ihn zu 
Boden. Sein Gegener liegt regungslos, er glaubt, daß er tot sei; er hält sich 
für seinen Mörder und in demselben Augenblick erscheinen die Schutz- 
leute. Er beginnt zu laufen, man faßt ihn und erhängt ihn. Seine tödliche 
Angst macht ihn erwachen. Er ist in Schweiß gebadet und löst seine Hals- 
binde, weil diese ihn fast erstickt. Nun bemerkt er, daß er einen Mord, 
aber keine Sünde getan habe, daß er erhängt, aber nicht gestorben sei." 

Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts hat man auf die so- 
matischen Traumursachen je länger je mehr die Aufmerksamkeit ge- 
richtet (vgl. die Literaturübersicht in der „Traumdeutung"), wir be- 
schränken uns auf ein einziges Zitat, worin eine Auffassung, die damals 
allgemein war, in deutlicher Weise zusammengefaßt ist: 

Lemoine^) schreibt: 

,.Les principaux qui ont traite du sommeil et des reves s'accordent 
a dlre que le point de depart de tous nos reves n'est autre chose qu'un 
de ces mouvements aveugles des organes intestins, imperceptible pendant 
la veille, mais qui devient sensible au milieu du sileuce du monde ex- 
terieur devenu etranger pour nous, et qu' ä chaque instant de nouveaux 
ebranlements viennent fournir les materiaux de nouvelles visions." 

Miin vergleiche weiter über die somatischen Einflüsse und über 
Traaiue bei pathologischen Zuständen: Scherner, Weygandt, de 
^lanace'ine, Meunier et Masselon^), Stigter^), IL Ellis; auch 
der prognostische Wert der Träume wird von letzteren Schriftstellern 
ausfü'-flicli besprochen. 



') Aloort Lenioine: Du Someii au point de vue Physiologiquc et i^sy- 
cliologiijue (Paris, 1855). 

') Drs. P, Meunier et R. Masseion: Les Reves et leur Interpretation 
(Piuis »010). 

) D, Stigter: Over de medisclie waarde van droomen (\ed. T. v. 
Grn. !-)07, II). 



Xeue Traumexpei"imente. 251 

Symbolik. 

Die sonst sehr verschiedenen Traumtheorien setzen doch alle 
voraus, daß im Traume eine symbolische Darstellung stattfindet. 
Wegen der AVichtigkeit der Rolle, welche die Symbolik heutzutage 
spielt, -wollen wir die verschiedenen Arten der symbolischen Inter- 
pretationen einmal oberflächlich miteinander vergleichen^). 

Bei der Literatur der prognostischen Träume müssen wir noch 
nennen die günstigen und ungünstigen Träume bei verschiedenen 
Krankheiten, die erwähnt sind in der Sugruta Sanihita, dem ältesten 
medizinischen AVerke der Hindus^). Nach der Art dieser Träume zu 
urteilen, sind es vielleicht teilweise empirisch gesammelte Fälle, einzelne 
sind vielleicht Fieberträume gewesen (z. B.: „being tied and carried 
towards the south by a black female, with loose hair and red cloth, 
while she is laughing and dancing'^). Die Liste der günstigen Träume 
wird geschlossen von einem vernünftigen Rat des Sugruta: ,,The 
patient. who has such good dreams, attains long life, and the physician 
should treat him." 

A^on den übrigen orientalischen Traumdeutungen und Traum- 
wörterbüchern (wovon wir noch heutzutage die letzten Reste sehen 
in den Traumvorhersagungen, welche z.B. die Rekiamebüchlein derPink- 
pillen für das Küchenmädchen begehrenswert machen), ist die Sym- 
bolik jetst für uns nicht mehr sehr begreiflich. Zum Teil sind sie offenbar 
basiert auf dem Glauben, daß das Gegenteil geschehen wird von dem, 
was der Traum enthält, zum anderen Teil scheinen sie ganz willkürlicli 
aufgestellt» Es sclieint aber, daß öfter die vollkommene Unbegreif- 
lichkeit erst durcii die Übersetzung entstanden ist. Man vergleiclie 
hierzu die Bemerkungen in Freuds Traumdeutung, S. 70: 

..Herr Dr. Alf. Robitschek macht mich darauf aufmerksam, daü 
die oiieutalischen Traumbücher, von denen die unseligen klägliche Ai)- 
klatsrhe sind, die Deutung der Traumelemente meist nach dem Gleich- 
klang und der Ähnlichkeit der AVorte vornehmen. Da diese A'erwandtschaf teu 
bei der Übersetzung in unsere Sprache verloren gehen müssen, würde daher 
die Unbegreiflichkeit derErsetzungen in unseren populären, .Traumbüchern'' 
stammen. '• 

In der Bibel findet man eine Anzahl Träume, die symbolisch 



^) Man versäume nicht zu lesen: Rudolf Kleiupaul, Sprache ohne Worte 
(1893): (das Kapitel über Symbolik) wie auch Kap. lA' in: Riklin, Wunsch- 
erfüllung und SymboUk im Märchen. 

-) Sus'ruta Sainhita, transl. from the original fSanscrit by Tdoy Chand 
Dutt. (Bibliotheca Iiidioa) Calcutta, 1883, Fasciculus 11, 



252 Johan Stärcke. 

erklärt werden, die bekannten Träume von Pharao, Josef, Nebuchad- 
nezar usw.^) Im babylonischen Talmud kommen auch zahlreiche Traum- 
erklärungen vor (jjBerachot is a veritable storehouse of dream-inter- 
pretations*"')^). Ein einziges Beispiel: Es kam ein Mann zu Jose ben 
Halafta und sagte: „Im Traume wurde mir gesagt, daß ich nach 
Kapudkia (Cappadocia) gehen müsse, wo ich das Geld meines ver- 
storbenen Vaters finden würde." Jose deutete den Traum folgender- 
maßen: Zähle zehn Balken in deinem Hause, und im zehnten wirst 
Du das Geld finden, denn Kapudkia heißt „Kapo" (=^ Balken [hebr.] 
und „decuria" [= zehn [Soldaten] [lat.]). (Wenn diese Deutung sich 
wirklich als richtig erwiesen hat, schließt diese sich ganz hübsch an 
die modernen Begriffe von Klangassoziation im Traume an. Es ist 
sehr wohl möglich, daß die unbewußte Bekanntheit mit dem Platze 
des Schatzes im Traume in einem solchen Wortspiel sich äußerte.) Wir 
lesen^ daß es damals 24 Traumdeuter in Jerusalem gab; sie bekamen 
meistens einen Denarius als Honorar, Sie gaben natürlich von einem 
und demselben Traume oft sehr verschiedene Deutungen. Durch Ge- 
schenke suchte man die Gunst des Deuters zu gewinnen, denn mau 
glaubte, daß der Traum sich erfüllte, wie er gedeutet wurde. 

Chisda, ein Babylonier des dritten Jahrhunderts, gab einige 
merkwürdige Ansichten: ,, Jeder Traum, ausgenommen der zur Zeit 
des Fastens entstandene, bedeutet etwas. Ein ungedeuteter Traum 
ist wie ein ungelesener Brief. Weder gute noch böse Träume erfüllen 
sich ganz. Ein böser Traum ist besser wie ein guter, denn der erste 
führt zur Reue; der erste wird vernichtet vom Schmerze, den er 
verursacht, und letzterer von der Freude." 

Aus guter Quelle vernehme ich, daß diese ungünstigen Träume 
auch näher beschrieben worden sind (Aurach Chajim, Kap, 288): 

§ 4, Es ist erlaubt (am Sahbath) zu fasten wegen eines Traumes, 
damit der böse Entschluß (über ihn) aufgehoben werde: in diesem Falle 
muß er am Sonntag (noch einmal) fasten, um Versöhnung zu erlangen 
für die von ihm begangene Schändung der Sabbath-Freude: 

§ 5 die Menschen sagen, daß man in alten Büchern findet, 

daß man folgender drei Träume wegen am Sabbath fasten darf: wenn 
man träumt, daß eine heilige Gesetzrolle verbrannt wird, oder wenn man 
träumt, am Großen Versöhnungstag beim Schlußgebet zu sein, und wenn 

^) Eine vollständige Angabe der Träume aus der Bibel, siehe u. m.: The 
Jewish Encyclopodia. 

2) The Jewish Encyclopedia (New York and London, Funk & Wagnalls 
Cy. 1902,) Diesem Werke sind auch die folgenden Kuriositäten entnommen. 



Neue Traumexperimente. ^^^ 

man träumt, daß die Balkeu des eigenen Hauses einstürzen, oder daß die 
eigenen Zähne ausfallen (usw.). 

Noch heutzutage wird bei einigen jüdischen Gottesdiensten ein 
Gebet ausgesprochen für gute Träume. Bei einigen altvaterischen 
Juden herrscht noch die Gewohnheit, nach einem ungünstigen Traum 
einen Tag zu fasten. Daher das eigentümliche Mittel zum Zuvorkommen 
böser Träume, das erwähnt wird von den Juden aus Minsk, welche 
sagen: ,,Got is a har; Der cholem is a nar; Wos vet mir sich hairUige 
nacht chohrmn; Wel ich morgen nit f asten J' (Gott ist der Herr, der 
Traum ist ein Narr; Was ich auch heute Nacht träumen werde, doch 
werde ich morgen nicht fasten.) Dabei wird vorausgesetzt, daß sich der 
Beherrscher der Träume, wenn er sieht, daß er den Träumer nicht 
zum Fasten zwingen kann, nicht die Mühe nehmen wird, ihm einen 
bösen Traum zu senden! 

Die Symbolik in den Träumen der Bibel ist sehr einfach (wenig- 
stens wenn man sich an die Deutungen hält, welche in der Bibel davon 
gegeben werden). Ein Beispiel von weniger einfacher Symbolik finden 
wir in einem Traumbuche von 1699^). Hier werden Träume von be- 
stimmten Körperteilen in Zusammenhang gebracht mit der Zukunft. 
So z. B, träumen vom Nabel (daß dem Nabel etwas Böses passierte) 
bedeutet Verlust der Eltern oder bei demjenigen, der keine Eltern 
mehr hat, Verlust des Vaterlandes. Das Suchen von Zusammenhang 
zwischen Ding und Symbol ist auch eigentümlich in folgendem: 

„De Schamelheijt oft dat Mannelijck geht / wort bij de Ouders 
geleken / nademaal wij van haar (als een Zaacken) onse herkomste 
hebben: Ende bij de Huys-vrouwen ende Boelschappen / daarom om 
dat hem dit gelit seer aangenaam ende lief is / dewijle het tot hären 
handel ende begeeren geschapen ende gebruyckt wort. 

Den Broederen ende naaste Vrinden / daarom dat die gansche 
geslacht van desen gelit een oorspronck heeft: bij die sterckte ende 
lijfachtige kracht / daarom dat door dit gelit de Manlijckheyt ge- 
merckt wort. Dit gelit wert oock geleken bij den rijkdom, have en 
goed/want het neemt toe ende af gelijk al dese dingen (!): oock 
bij heymelijcke Raadslagen ende verborgen saken / want dit gelit niet 
entdeckt / ofte gebloot bahoort to werden/' 

1) Droom-hoeck. Waer in uyt Natuyrhjcker oorsaecken, oock der oude 
Philosophen ende Waarseggers der Heydenen, verklaart ende uytgeleydt worden 
alle Droomen (etc.) — Nu eerst van nieus uyt het Hoogduytsche in Neder- 
duytsche Sprake overgezet. 't Amsterdam. Gedruckt bij de Weduwe van Gijs- 
bert de Groot, Boeckverkoopster op den Niemven-Dijck, 1699. 
'' 7 



254 



Johaii Stärcke, 



(„Die Schamteile oder das männliche Glied werden verglichen mit 
den Eltern, weil wir von ihnen herkommen; und mit den Hausfrauen 
und Buhlen wird es verghchen, weil dieses Glied ihnen sehr angenehm 
und lieb ist, weil es zu ihrem Tun und Begehren geschaffen und 
benutzt wird. 

Den Brüdern und nächsten Freunden (wird es verglichen), weil 
das ganze Geschlecht in diesem Gliede seinen Ursprung hat; mit der 
leiblichen Kraft, weil dieses Glied die Männlichkeit andeutet. Dieses 
Glied wird auch verglichen mit Reichtum, Habe und Gut, denn es 
nimmt zu und wird kleiner wie diese Sachen alle (!); auch mit ge- 
heimen Ratschlüssen und verborgenen Sachen, denn dieses Glied darf 
nicht entdeckt oder entblößt werden^).*' 

Noch ein einziges Beispiel: Blumen sind günstig in der Blühe- 
zeit: „Einen Kranz von Rosen zu tragen in der rechten Zeit ist einem 
jeden gut, aber außerhalb dieser Zeit böse, und den Kranken bedeutet 
dieser Traum den Tod : denn die Rosen fallen leicht ab und verdorren/') 
Wir machen einen großen Sprung: Obsclion zeitlich um Jahr- 
hunderte auseinanderliegend, in ihrem Wesen ist die allegorisierende 
Symbolik von Stumpft) von derjenigen des genannten Traumbuches 
nur wenig verschieden. Wir können uns aus einem einzigen Beispiel 
schon eine Idee davon machen: 

„Der Träumer wetzte sein Rasiermesser an seinen Fußsohlen, 
schnitt sich aber dabei tief ein, so daß ein Stück Fleisch weghing. 
Er riß es ab und verzehrte es, wobei es sehr gut schmeckte. 

Der ,,Fuß ist das Grundsatzwesen, auf das wir uns lebend und 
strebend stellen. Diesem droht eine Erschütterung. Aber der Träumer 
hält mit fester, schneidender Willenskraft (,scharfes Messer^) seine 
alten Grundsätze aufrecht, indem er ,sein Messer am Fuße wetzt' und 
sie völüg beherrscht {,einschneidet'). Er erkennt aufs neue die Güte 
seiner Grundsätze, in dem ,guten Geschmack', d. h. ihrer Erprobung," 
Dieser Schriftsteller weiß selbst Träume, wie: „Er wurde in 
emer Wirtschaft von einer reizenden Kellnerin mit mächtig aufgebauter 
Haarfrisur bedient und erging sich in Liebeleien mit ihr", in dergleichen 
ziemlich langweilige Betrachtungen umzusetzen. 

^) Später zeigte sich, daß dieses Traumbuch eine nahezu wörtliche Über- 
setzung ist vam Werke des griechischen Traumdeuters Arte midoros: siehe u. a. 
Artemidori Daldiani et Achmetis Sereimi Oneirocritica. (Lutetiae 1603.) — 
Artemidoros aus Baldig. Symbolik der Träume. Übers, von F. S. Krauß (Wien 
1891). Auch viele Zitate bei Stekel. 

^) E. J. G. Stumpf, L c. 



Neue Tranmexperimente. -^'^^ 

Man vergleiche weiter die symbolischen Trauminterpretationeu 
von Scherner, Freud und Silberer. Nach Scherner werden 
körperliche Reize im Traume symbolisch dargestellt. (Wir wollen uns 
einen Augenblick beschränken auf diesen Teil seiner Hypothese.) 

Nach Freud ist dieses zwar in einigen Fällen richtig, aber die 
körperUchen Reize sind von untergeordnetem Interesse, und ihre 
Darstellung dient, ebenso wie die Erinnerung an rezente Ereignisse, 
njr um an der Darstellung einer Wunscherfüllung mitzuwirken. Die 
Traumgedanken durchlaufen meistens einen ziemlich zusammen- 
gesetzten Prozeß, die Traumarbeit. 

Nach Silberer schließlich können nicht nur körperliche Reize 
und Gedanken im Traume symbolisch dargestellt werden, aber können 
auch die Bearbeitungen, die die Traumgedanken erfahren (Verdichtung, 
Verschiebung usw.) selbst symbolisch im Traume dargestellt werden. 
Silberer stützt seine Hypothese u. a. auf von ihm gemaclite 
Versuche. Dabei hat er wahrgenommen, Mae in dem hypnagogen 
Zustande ein Gedanke, der ihn beschäftigte, in dem Augenblicke des 
Einschlummerns dargestellt wurde. Wir werden einen Augenblick 
unsere Aufmerksamkeit auf den „hypnagogen Zustand'' richten, um 
bald zurückzukehren zur Hypothese Silberers. 
Weygandt sagt: 

„Die subjektive Gewißheit der Identität, der Reizempfinduug 
im Traume, mag sie eine Vorstellung hervorgerufen haben, welche sie 
w-oUe, mit der Empfindung desselben Reizes nach dem Erwachen ist 
eine unzweifelhafte." 

Diese Überzeugung fühlt man besonders, wenn man träumend 
erwacht und dann gleichsam die eine in die andere übergehen fühlt. 
Dasselbe gilt für den hypnagogen Zustand ; dort kann man das Ent- 
stehen der Träume auf der Tat ertappen. Um Mißverständnisse zu 
vermeiden, müssen wir darauf hinweisen, daß nicht alle mit dem Aus- 
drucke ,,hypnagoger Zustand'' dasselbe meinen. Es gibt einen Zustand 
des Halbschlafes vor dem Einschlafen und nach dem Erwachen (prae- 
dormitium und post-dormitium Weir - Mitchells). 

Marie de Manaceine deutet mit „hypnagogem Zustand'' 
einen Zustand an, der bei einigen Menschen nach dem Erwachen auf- 
tritt, und worin sie eine erhöhte Empfänglichkeit für verbale Suggestion 
zeigen. Hierüber machte sie einige Versuche, Die anderen Autoren 
aber nennen hypnagogen Zustand einen Übergangszustand, der dem 
Schlafe vorangeht. Man liegt und denkt noch an etwas und ist im 



2^6 Johan Stärcke. 

Begriff einzuschlummern, plötzlich sieht man eine Szene oder hört, 
^aß etwas gesagt wird, und sogleich ist man wieder ganz wach und 
begreift, daß man gerade anfing zu träumen. Es ist oft leicht zu kon- 
statieren, welche direkt bemerkbaren Einflüsse beim Entstehen dieser 
hypnagogen Bilder mitgewirkt haben. Nämlich die entoptischen 
Phänomene und dergleichen subjektive Gesichts- und Gehörsempfin- 
dungen, weiter alle äußerlichen (und somatischen) Eeize, die im Augen- 
blick des Einschlafens deutlich bemerkbar sind. 

Den subjektiven Empfindungen wird von einigen viel Einfluß 
zugeschrieben, u. a. von Weygandti), Sante de Sanctis^). 

Es kommt mir aber vor, als ob einige Autoren als hypnagoge 
Visionen die entoptischen Erscheinungen beschrieben haben, die sie 
mit geschlossenen Augen wahrnehmen vor dem Einschlafen, also 
in einem Stadium, das dem hypnagogen Zustande (sens. 
strict.) voranging. So beschreibt de Sanctis bei den „elemen- 
taren hypnagogen Visionen" eine Erscheinung, die er selbst sieht, 
einen beweglichen phosphoreszierenden Rhombus auf einem grün- 
golden glänzenden Felde, den er aber sieht, indem er no.cli ganz 
wach ist: ^ 

„Ich kann die Vision des Rhombus fast nach Belieben hervor- 
rufen, indem ich nur die Augen zu schließen und ein wenig zu warten 
brauche; aber in der Zeit vor dem Einschlafen ist sie lebhafter und 
glänzender." 

Es ist deuthch, daß diese Wahrnehmungen nichts zu schaffen 
haben mit dem hypnagogen Zustande in engerem Sinne. Es ist eine 
Verschiedenheit in der Definition, aber es ist auch ein Unterschied 
zwischen: Wachliegen mit geschlossenen Augen und lebhaften ent- 
optischen Erscheinungen und: einem flüchtigen Traumanfang, worin 
diese subjektiven Lichterscheinungen einen deutlichen Einfluß gehabt 
haben. Von letzterem Sachverhalte sind aber auch Beispiele bekannt. 
Maury erwähnt einige, u.'a. daß er eines von seinen gewöhnlichen 
weißen Lichtphänomenen sah, und daß dieses sich metamorphosierte 
in ein hypnagoges Bild seines Dieners mit einer weißen Schürze, der 
sagte: „J'ai nettoye votre chambre.'' Maury beschreibt treffend die 
Metamorphose dieser Lichterscheinungen in Bildern von Personen: 

^) Entstehung der Träume, eine psychologische Untersuchung von 
Dr. phil. W. Weygandt (Leipzig 1893). 

2) Die Träume, mediz.-psychoL Unters, von Dr. Sante de Sanctis, übers. 
von Dr. O. Schmidt (Halle 1901). 



Neue Traumexperimente, 257 

,,Quand elles 3e dessinaient dejä nettement ä mes yeux clos, 
j'apercevais encore sur le front, las joues de ces personnages imaginaires 
la couleur rouge, bleue ou verte qui miroitait ä mes yeux avant que 
i'hallucination hypnagogique proprement dite se füt constituee." 

Saiite de Sanctis hat ein einziges Mal gemeint, im Traume 
seinen phosphoreszierenden Rhombus zu sehen. 

Trumbull Ladd^) machte es umgekehrt; bei seinem Erwachen 
verglich er, ohne die Augen zu öffnen, die eben verschwindenden 
Netzhauteindrücke mit den Traumbildern, die er zuletzt gesehen 
hatte, und versichert, daß erstere stets die Umrisse, das Schema für 
letztere lieferten. (Freud erklärt das ,, durch regrediente Belebung 
der hinter dem Traume wirkenden Erinnerungen" ; siehe Traumdeutung, 
S. 364 und 328 ff.) Zu dekretieren, wie Wundt und später Weygandt 
getan haben, daß zahlreiche Blumen, Fische, Schmetterlinge, Vögel, 
Schlangen, Mäuse, Ungeziefer, Feinde, in Träumen verursacht werden 
durch subjektive Lichtempfindungen, ist allzu willkürlich. 

Maury erwähnt noch zwei hübsche Beispiele von hypnagogen 
Bildern : Als er einmal sehr hungrig war, sah er, indem er einschlummerte, 
eine Hand mit einer Gabel. Später, eingeschlafen, träumte er an einer 
reichlichen Mahlzeit teilzunehmen. Ein anderes Mal hatte er Magen- 
beschwerden und einen scharf sauren Greschmack im Munde. Er saß 
in einem Lehnstuhl und war im Begriffe einzuschlafen. Hypnagoges Bild : 

,,Un plat couvert d'un ragoüt a la moutarde d' oü s'exhalait 
une odeur qui me rappella la Sensation gustative eprouvee par moi 
auparavant." 

Man soll aber nicht meinen, daß für die Freudsche Schule 
diese und dergleichen hypnagogene Bilder schlagende Argumente 
liefern gegen die „rein psychischen Reizquellen" des Traumes, Stekel 
stellt sich vor, daß die unbewußten Wünsche wie Raubtiere lauern 
auf dem Hintergrunde des Bewußtseins. Kaum wird das Bewußtsein 
eine Sekunde ausgeschaltet, so springt ein unbefriedigter Wunsch 
nach vorne und macht sich geltend. Stekel gibt einige Beispiele 
von hypnagogen Bildern (S. 490 — 496, und u. a. zwei von Psycho- 
analytikern, die während der Analyse eines Patienten einschlummerten), 
welche er auf diese Weise erklärt und die analysiert werden genau 
so wie ein Traum. Bei diesen ,, embryonalen Träumen*' stehen also 
dieselben Hypothesen einander gegenüber wie beim Traume. 



*) G. Trumbull Ladd. Contribution to the psychology of visual dreams 
(Mind, April 1892). 

Jahrbuch für psyohoanaJyt. u. psych opathol. Forschungen, V. 1' 



258 Johan Stärcke, 

Obgleich man die hypnagogen Bilder sehr oft erwähnt findet, 
ist doch nur eine relativ kleine Anzahl Beobachtungen von dergleichen 
Bildern beschrieben, deswegen füge ich noch einige Beispiele hinzu. 
Im hypnagogen Zustande und auch in den Träumen, die kurz nach 
dem Einschlafen entstehen, denkt man oft Bruchstücke von Sätzen 
(oder sagt sie laut), worin der normale Satzbau noch größtenteils be- 
wahrt geblieben ist, die aber unsinnig klingen. Es sind die ,, Scha- 
blonenträume" Scherners. (Er macht darüber einige feine Bemer- 
kungen und gibt auch einige Beispiele, z. B.: 

. . „indem ich einschlief, fing der Schablonentraum wörtlich 
also an zu schwirren: ,Unter den größten Modifikationen einer schlauen 
Westentasche verbirgt er . . .'') 

Im hypnagogen Zustande werden solche Bruchstücke oft mit 
größter Schnelligkeit gemurmelt und bisweilen bemerkt man den 
Einfluß von Klangassoziationen darin. 

(1.) So war ich einmal erwacht und repetierte schläfrig, was ich 
geträumt hatte. Ich dachte daran, daß die Menge (im Traume) vor- 
wärts drängte, ,,laut lärmend'* (luid tierend). In demselben Augen- 
blick einschlummernd, dachte ich: ,,auf der Laute begleitet'' (op 
de luit begeleid.) („Luid'' wild ebenso ausgesprochen wie „luit".) 

(2.) Ich liege schlummernd und denke an Zahnextraktionen. 
(Auf einmal pfeift in der Ferne eine Lokomotive): Ich sehe einen 
Patienten, dem ein Zahn extrahiert wird und der dabei ein anhaltendes 
Geschrei ausstößt. Ich erwache wieder ganz, der gellende Laut dauert 
noch fort und jetzt höre ich, daß es eine Lokomotive ist. 

(3.) Nach einer ermüdenden Radfahrt liege ich zu Bette, ich habe 
in meinen Muskeln ein Gefühl, als ob ich noch radfahre. Ich habe 
viel gegessen und abends viel getrunken (5 Tassen Tee), bin sehr voll, 
ein bißchen gespannt im Leibe (das ist ein etwas beängstigendes 
Gefühl). 

Plötzlich: als ob ich radfahre und auf einen dunkeln Morast 
komme, . . . beklemmend und beängstigend (Furcht, daß ich ein- 
sinken könnte). 

Sogleich wieder wach. 

(4.) Gewöhnlich schlafe ich mit ein wenig geöffnetem Munde 
(schnarche aber niemals); diesmal hatte ich mir vorgenommen, den 
Mund geschlossen zu halten und atmete durch meine Nase. 

Hypnagoges Bild: Ich sehe ein Mädchen, das zwei Teller trägt 
(zwei tiefe Teller, die wie Schale und Deckel aufeinander liegen), indem 



^Xeue Traumexperimente. 250 

sie, einen hohen Ton singend, eine Treppe hinauf geht. Ich sah dies 
nur einen Augenblick und war sogleich wieder wach. 

Bei der folgenden Inspiration hörte ich, daß bei dem letzten 
Teile der Inspiration oben in meiner Nase ein feines, hohes, piependes 
Geräusch entstand, das ich bei den folgenden Inspirationen noch hörte 
und des dem piependen Stimmchen des Mädchens treffend ähnlich war. 

Soll dieses Bild zum Teil nach Scherner gedeutet werden? Sind 
die aufeinander schließenden Schalen ein Bild meines absichtlich 
geschlossenen Mundes und ist das Ersteigen der Treppe ein Bild 
des Einatmens, worauf der Laut die Aufmerksamkeit richtet, bevor 
dieser Laut mich weckt? Es ist schwierig, hier etwas zu entscheiden 
oder auch nur eine Wahrscheinlichkeit auszusprechen, aber, wenn 
man die Augen schließt, sich vorstellt daß man schlafen geht und sich 
in dem Augenblicke denkt, wo man im Begriffe ist einzuschlummern, 
und wo das verschwindende Bewußtsein als letzte Eindrücke des 
Körpers die Eindrücke des festgeschlossenen Mundes und der tiefen 
Inspiration mit dem piependen Laut empfängt, so wird man vielleicht 
besser begreifen, welche Überzeugung Scherner begeistert hat. 

Mehrere Schriftsteller (u. a. Maury, d'Hervey, Scherner) 
haben darauf hingewiesen, daß der hypnagoge Zustand — den jemand 
verursachen kann, ,,wenn er nur leise wollend sich nach dem Schlaf- 
zustande hinneigt" (Scherner) — so sehr dazu geeignet ist, das 
Entstehen der Träume zu studieren. 

Silberer^) beschreibt eine Methode, womit es ihm gelungen 
ist, einen Gedanken, der ihn beschäftigte, als hypnagoges Bild sym- 
bolisch vorgestellt zu sehen. Dazu braucht man: ,, Schlaftrunkenheit 
und Anstrengung zum Denken '. 

Ich wähle folgende Beispiele, z. B.: 

,, Bei spiel Nr. 1. Ich denke daran, daß ich vorhabe, in einem Auf- 
satz eine holprige Stelle auszubessern. 

Symbol: Ich sehe mich ein Stück Holz glatt hobeln." 

Diese „autosymbolischen Erscheinungen'' sind also experimentell 
erhaltene Traumsymbolisierungen von Gedanken. Silber er teilt diese 
symbolisierenden Phänomene in „materiale und funktionale Phäno- 
mene*' ein. 



1) Herbert Silberer: Bericht über eine Methode, gewisse symbolische 
HaUuzinationserscheinitngen hervorzurufen und zu beobachten (Jahrb. f. psycho- 
anal. u. psychopathol. Forsch,, I. Bd., 2. Hälfte, 1909). 

17* 



260 Johan Stärcke. 

„Materiale Phänomene (Inhaltsphänomene) nenne ich diejenigen 
Erscheinungen, welche in der autosTmbolischen Darstellung von Gedanken- 
inhalten bestehen..." 

„Funktionale Phänomene (Leistungsph.) nenne ich diejenigen auto- 
symbolischen Erscheinungen, durch welche der Zustand oder die Leistungs- 
fähigkeit des Bewußtseins des Nachdenkenden selbst abgebildet wird. 
Sie heißen funktional, weil sie mit dem Material der Denkakte, den Inhalten, 
nichts zu schaffen haben, sondern bloß auf die Art und Weise Bezug haben, 
in welcher das Bewußtsein funktioniert (rasch, träge, leicht, schwer, 
lässig, freudig, erfolgreich, fruchtlos, angestrengt usw.)." 

,,A. Materiales Bild. — Ich nehme mir vor, jemandem von der 
Ausführung eines gefährlichen Entschlusses dringend abzuraten; ich denke 
mir, ich werde zu ihm sagen: „Wenn sie das tun, wird schweres Unglück 
über sie hereinbrechen." 

Symbol: Ich sehe über ein düsteres Feld unter schwerem Himmel 
drei Reiter, furchtbar anzuschauen, auf schwarzen Rossen daherstürmen." 

B. Funktionales Bild. — Ich denke über irgend etwas nach, 
gerate jedoch, indem ich mich in gedankliche Nebenwege einlasse, von 
meinem eigentlichen Thema ab. Als ich nun zurück will, stellt sich die 
autosymbolische Erscheinung ein. 

Symbol: Ich klettere mitten in Bergen herum. Die näheren Berge 
verdecken meinem Blicke die ferneren, von denen her ich gekommen bin 
und zu denen ich zurückgelangen möchte. 

Indem wir auf den ausführlichen zweiten Aufsatz Silberers 
verweisen^), sei hier nur noch folgendes erwähnt; Indem die Freud- 
sche Schule bekanntlicherweise die große Ähnlichkeit entdeckt hat 
zwischen dem Traume, der Mythologie^) und dem Märchen^), insofern 
auch Mythen und Märchen unzweifelhaft symbolische Vorstellungen 
von Wunsch erfüUungen enthalten, und daß sie sozusagen ,, Massen- 
träume" sind, meint Silberer, sowohl im Traume wie auch in Mythen 
und Märchen auch den Einfluß des ,, funktionalen Phänomens" zu sehen. 
Er meint aber, daß diesem Einflüsse ,,bloß neben den anderen meist 
kräftigeren symbolbildenden Einflüssen eine determinierende Funktion 
zukommt". Er erklärt mit einigen Beispielen, wie er wenigstens in 
einigen Märchen nicht nur sieht, wie sie aufgebaut sind ,,nach der Art 
der Freudschen Mechanismen", sondern auch die Abbildung 



^) H. Silberer: Phantasie und Mythos (Jahrb. f. ps.-an. und, ps.-path. 
Forsch., II. Bd. 2. Hälfte 1910, S. 541 bis 622). 

^) Siehe Dr. Kail Abraham: Traum und Mythus (Deuticke 1909). 

Otto Rank: Der Künstler (H. Heller. Wien und Leipzig 1907). 

Otto Rank: Der Mythus von der Geburt dea Helden (Deuticke 1909). 

') Dr. Franz Riklin: Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen 
(Deuticke 1908). 



Neue Traumexperimente. 261 

,, dieser Mechanismen- selbst, insbesondere der Verdrängung 
und ihrer Folgeerscheinungen". Er meint, was den Traum als 
funktionales Phänomen anbelangt, die Eigentümlichkeit betrachten zu 
dürfen, „daß die psychische Intensität der Elemente in den Traum- 
gedanken durch eine entsprechende" sinnliche Intensität der Elemente 
im Trauminhalte ausgedrückt wird (Traumdeutung S. 330) ; ferner 
die Erscheinung, daß die Elemente mit der größten ,Verdichtung* 
durch besondere Sinnenfälligkeit kenntlich gemacht sind." 

Ich kann nicht unterlassen hier zn erwähnen, daß auch Scherner 
ab und zu in seinen Traumanalysen etv/as sagt, das an das funktionale 
Phänomen Silberers erinnert. In dem Kapitel über ,, Assoziations- 
träume" lesen wir z. B. : 

j.Eine Dame träumte, sie stehe auf einem Kahn, dieser reiße vom 
Ufer ab, endlich aber gelinge es ihr damit das Ufer wieder zu erreichen 
und sie binde sein Seil an den prächtigen Zopf eines am Ufer stehenden 
sehr geputzten Mädchens. (Seil und Zopf.) Es ivar hierbei sehr interessant 
zu bemerken, wie schön die Phantasie hier die Assoziation beider Bilder 
durch die Aktion volljührte.^^ 

Und wenn wir bei Silberer lesen: 

„Der ins Kampfgebiet geleiteten Affektenergie unterdrückter 
Gedankenkomplexe wird, v/ie mir scheint, gar oft durch allerlei kampf- 
artige Spiele eine Abfuhr verschafft" müssen wir an die schon zitierte 
Stelle über „Traumkampfspiele" (S. 248) denken und kehren so zurück 
zum vielseitigen Scherner, den wir noch nicht vergessen sollten: 

„Den Kampfspielen der Bilder aber liegt der gegenseitige Kampf 
der traumbildenden Mächte zugrunde, deren eine die andere jagt und 
besiegt und ivieder besiegt wird. Die Bildungsgewalten des Traumes 
aber sind: die tausendfältigen Bildermassen der Erinnerung, des Ge- 
dächtnisses mit ihren verschiedenartigen Assoziationsgesetzen ; die 
energiereichen Nervenreize wälnrend des Schlafes respektive ihre ver- 
stärkende Resonanz im Gemeingefühl; die breitkreisenden, in sich 
selber verlaufenden Regungen des psychischen Gefühls oder Gemüts; 
die leidenschaftlichen Wallungserregungen des übersprudelnden Affekts; 
die allverschmelzenden plastischen Bewegungen der Phantasie mit 
allen Modulationen ihrer schöpferischen Kraft; die im Schlafe noch 
nachklingenden Schablonen periodischer Gedankenbildung ; die blitzhaft 
einspringenden Verstandesreflexe, welche zu gewissen Zeiten des 
Traumes mit der Zudringlichkeit der Schmarotzergeschöpfe sich zu 
behaupten pflegen ; die triebkraftgeladenen Aufbäumungen der 
Willenssphäre usf." 



202 Johan Stärcke. 

Fliegeträume. 

Es ist erstaunlicli zu sehen, wie sehr verschiedene Deutungen 
von einer so oft vorkommenden Erscheinung, wie es das Fliegen im 
Traume ist, schon gegeben worden sind. 

,, Lasen hat die eigene Idee, die Träume junger Leute, wo 
sie zu fliegen glauben, von der Bildung gewisser leichter Gasarten, die 
sich im Körper bilden, herzuleiten( ! ) ^)." 

Muratori sagt^): ,Jst der Mensch ganz gesund und sein Blut- 
umlauf gar nicht behindert, so hat er davon ein sanftes Gefühl und er 
träumt bisweilen, daß er fliegt.*' 

Scherner (1861) hat zuerst den Fliegetraum der Atmung zu- 
geschrieben (,,die schlafgekräftigte Bewegung der Lungenflüger') und 
diese Erklärung ist später auch angenommen worden von Strümpell 
und Wundt. Scherner bemerkt hier noch scharfsinnig (S. 165), 
daß das Fliegen im Traume in absonderlichen „Absätzen'' geschieht .... 

„Dies Auf- und Herabfliegen in kurzen Absätzen symbolisiert 
treffend die in Absätzen erfolgende Auf- und Niederbewegung der Lungen- 
flügel beim Atmen; und die Strecke, welche der Träumende in einem auf- 
und niedersteigenden Absätze des Fluges zu durchmessen meint, gibt den 
Maßstab an die Hand, mit welchem Raumaufwande die Phantasie des 
Traumes so kurze organische Bewegungsstrecken bezeichnet. . .'' 

Horace Hutchinson (1901) weist daraufhin, daß in einigen 
Fliegeträumen die Idee vorkommt, die Lungen mit Luft zu füllen, 
um das Fliegen zu erleichtern^). 

H. Ellis sagt über Fliegeträume u. a.: ,,People wlio dabhle in 
tue occult have been so impressed by such dreams that they have some- 
times believed that these flights represented a real excursion of the 
,astral body^" 

Und weiter : 

.,Prof. Stanley Hall... argues... that we have here ,8ome faint 
reminiscenb atavistic echo from the primeval sea', and that such dreams 
are really survivals — psychic vestigial remains comparable to the rudi- 
mentary gilhslits not uncommonly found in man and other mammals . . . 
H. Ellls kritisiert diese Hypothese.., ,, If we can find the adequate 
explanation of n psychic state in conditions actually existing within the 



1) Wolf Davidson, 1. o. 

-) Droomen en gedachten over dezelve (Dordrecht 1815). 

") Havelock Ellis, 1. c. 



Neue Traumexpeilmente, 263 

orgauism itself at the time, it iä needless to seek au explanatioii in 
conditions that ceaeed to exist untold millenniums ago^)." 

Freud sucht die Ursache des Fliegetraumes nicht in der Ver- 
gangenheit der Menschheit, aber in der Jugend des Individuums. Der 
Wunsch, fliegen zu können (dessen Erfüllung das Fliegen ist), ist nach 
ihm nichts anderes als eine Vorstellung des Wunsches, zu geschlecht- 
lichen Handlungen imstande zu sein, eines Wunsches, der in der Jugend 
gehegt worden ist^). 

An anderer Stelle (in der ,, Traumdeutung'') stellt Freud die 
Hypothese auf, daß nicht der Traum wünsch, sondern das Material 
der Fliegeträume (das Schwebegefühl) aus der Jugend stammt. 

..AYelcher Onkel hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er 
die Arme ausstreckend durchs Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit ihm 
gespielt, indem er es auf den Knien schaukelte rmd das Bein plötzlich 
etreckte, oder es hoch hob und plötzlich tat, als ob er ihm die Unterstützung 
entziehen wollte. Die Kinder jauchzen dann und verlangen unermüdlich 
nach Wiederholung, besonders wenn etwas Schreck und Schwindel mit 
dabei ist; dann schaffen sie sich nach Jahren die Wiederholung im Traume, 
lassen aber im Traume die Hände weg, die sie gehalten haben, so daß sie 
nun frei schweben und fallen." 

Dieses Material kann dann (nach Freud) benutzt werden, um 
verschiedene Traumgedanken damit darzustellen. 

..Bßi (anderen) Träumerinnen hatte der Fliegetraum die Bedeutung 
der Selmsucht: Wenn ich ein A'"ög!ein war'; andere wurden so nächtlicher- 
weise zu Engehi in der Entbehrung, bei Tag so genannt zu werden. Die 
nahe Verbindung des Fliegens mit der Vorstellung des Vogels macht es 
verständlich, daß der Fliegetraum bei Männern meist eine grobsinnliche 
Bedeutung hat. Wir werden uns auch nicht verwundern, zu hören, daß 
dieser oder jener Träumer jedesmal sehr stolz auf sein Fliegenkönnen ist. 

Das eigentümliche Gefühl in einem Fliegetraum ist dem des 
schwebenden Fallens oder dem Gefühl, das ein Kind bei den obge- 
nannten Spielen hat, nicht ganz ähnlich. Das Fliegen ist mehr eine 



*) Auch bei ^larie de Manaceine (Sleep, London 1897) findet man den 
Gedanken, daß im Traume vielleicht etwas erhalten ist von „the forgotten past 
of the Race". Auch bei Stekel (1911): „Im Traume wird jeder zum Kinde und 
damit zum Urmenschen mit Urinstinkten. Die Träume repräsentieren ein Stück 
Vergangenheit. Sie erzählen uns nicht nur die Geschichte des Menschen, sondern 
auch die der Menschheit". 

2) Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci (zitiert nach 
}\. Ellis). 



264 Johan Stärcke. 

ruhige Fortbewegung in regelmäßigen Absätzen. Es wird immer wieder 
ein aui und wieder niedergehender Bogen beschrieben, sei es dadurch 
daß man jedesmal die Füße vom Boden aufhebt und so einen langen 
schwebenden Sprung macht, sei es dadurch, daß man sich an Ringen 
festhält oder durch Bewegung mit den Armen eine Strecke oder zur 
Höhe eines Hauses steigt und dann wieder herabsinkt, sei es (seit einigen 
Jahren) in einer Flugmaschine. Weil bisweilen durch eine bestimmte 
Haltung oder andere Umstände das Auf- und Niederbewegen des 
Brustkorbs und das Ein- und Ausströmen der Luft deutlicher gefühlt 
wird wie gewöhnlich, kommt es uns nicht so unwahrscheinlich vor, 
daß dieses somatische Element beim Entstehen der typischen Fliege- 
träume Einfluß geübt hätte. In einigen Träumen aber geht das Fliegen 
in anderer Weise, wie in den folgenden zwei Frauenträumen, worin 
die Träumerin nicht selbst fliegt: 

(5.): ,,7cÄ stand an einem Wasser, Ein weißer Vogel flog daraus 
empor, und flog über mein Haupt, und in einem Bogen wieder zurück, 
aber das zweitemal flog er mir gerade in das Gesicht und ich fühlte, daß 
er mit seinem Schnabel in meinen Mund Team." 

Hier braucht man die sexuelle Komponente nicht weit zw 
suchen (Wunscherfüllung im Sinne Freuds respektive ,, symbolisierter 
Sexualreiz"). Der weiße Vogel, der mit seinem Schnabel in den Mund 
des Weibes kommt (Verlegung von unten nach oben) hat auch einen 
Platz bekommen in der Mythologie (Leda und der Schwan). 

(6.): Der andere Traum, ,,Ich sah in der Luft ein großes Luft- 
schiff, darin saßen mein Bruder und seine Verlobte {und ich glaube au^ch 
mein Schwesterchen, oder diese saß in einem andern Luftschiff), das 
Luftschiff fiel in einen Graben, und versuchte dann jedes Mal {als ob es 
ein Krokodil wäre) mit seinem Kopfe an den Rand zu kommen. Es glich 
einem Krokodil, aber es war doch auch ein Luftschiff, denn ich fürchtete, 
daß die Leute, die darin waren, ertrinken umrden. Dann lag es mit dem 
Kopfe auf dem Rand, und zwei fremde Herren stiegen daraus/' 

Auch dieses Luftschiff-Krokodil wird schon eine andere sym- 
bolische Bedeutung haben als der Monoplan, der heutzutage ab und 
zu im gewöhnlichen Fliegetraum benutzt wird. 

Wir wollen uns aber nicht weiter auf dieses gefährliche Gebiet 
begeben, wohin der Leser mir vielleicht nicht folgen will, sondern uns 
jetzt unserem eigentlichen Gegenstand, den Traumexperimenten, 
zuwenden. 



Xeue Traumexperimente. 265^ 

Traumexperimente. 

Es wird vielleicht niemals mit Gewißheit zu entscheiden sein, 
■welche Rolle beim Entstehen des Traumes äußerliche Sinnesreize, 
subjektive Empfindungen, somatische Reize, und die sogenannten 
psychischen Ursachen spielen. Doch kommt es mir vor, daß man, indem 
man experimentell Träume verursacht und ändert, ein nützliches 
Material zur Verfügung bekommt, das zwar den Streit über die Hege- 
monie der Traumursachen nicht entscheiden wird, aber doch in einigen 
Fällen etwas Licht werfen kann auf die Weise, in der die verschiedenen 
Traumursachen zusammenwirken. 

Experimente, wobei durch absichtlich angewandte äußerliche 
Reize der Traum beeinflußt wird, kennen wir von Giron de Buza- 
reingues, Maury, d'Hervey, Börner, Weygandt, Mourly Vold, 
Monroe, Meunier, S. de Sanctis. 

Robert Macnish^) erwähnt die Experimente von Giron de 
Buzareingues. 

„Einige hübsche Versuche in dieser Hinsicht stellte G. de B. an 
und sie scheinen die Möglichkeit darzutun, daß ein Mensch seine Traume 
willkürlich bestimmen kann. Er ließ seine Kniee unbedeckt und träumte, 
daß er in der Nacht mit einem Postwagen reise. Fahrende, bemerkt er, 
werden wohl wissen, wie in einer Kutsche nachts die Knie kalt werden." 
Bei einer andern Gelegenheit Heß er den Kopf hinten unbedeckt und träumte, 
daß er einer religiösen Zeremonie in freier Luft beiwohne. Es war nämUch 
in dem Lande, wo er lebte, Sitte, den Kopf stets bedeckt zu tragen, aus- 
genommen bei solchen Veranlassungen, wie sie eben genannt wurde. Beim 
Erwachen fühlte er hinter sich im Nacken kalt, wie er in der Wirklichkeit 
bei solchen Aufzügen oft erfahren hatte, und so war das Bild davon von 
der Einbildungskraft heraufbeschworen worden. Er machte nach Verlauf 
einiger Tage den Versuch von neuem, tun sich selbst zu überzeugen, daß 
die Sache nicht Zufall gewesen sei, aber der zweite Traum brachte ebenso 
dasselbe Schauspiel wie der erste." 

Maury erwähnt neun gelungene Versuche (siehe u. a. Freud, 
Vaschide^), wobei man 1. ihn an Lippen und Nase mit einer Feder 

^)RobertMacnish. (übers. )Der Schlaf inallensemenGestalten(Leipzigl835). 

2) Vasehiite erwähnt auch Versuche von Prevost (1834) beschreibt 
diese aber nicht weiter. Wahrscheinlich meint er einen Aufsatz von Prof. Prevost 
in: L. F. von Frorieps Notizen aus dem Gebiete der Natur- und Heilkunde 
(Nr. 888 und 889, 1834). Auch zitiert in: E. Fabius, Specimen psychoiogico- 
medium de Somniis, 1836). Darin finde icli aber keine Versuche, sondern nur 
einzehie Beispiele von dem Einfluß der Gehörseindrücke, z. B, Er träimit, daß 
er mit einer Katze sprach, erwaclite und horte eine Katze miauen; er träumte, 
daß ermit einer alten Fiau sprach, erwachte und hörte einen Huf sclimied hämmern. 



266 Johan Stärcke. 

kitzelte (,,träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve 
^vird ihm aufs Gesicht gelegt, dann weggerissen, so daß die Haut mit- 
geht''); 2. mit einer Schere an einer Pinzette raspelt; 3. ihn 
Eau de Cologne riechen läßt; 4. ihn sanft im Nacken kneift; 5. ein 
heißes Eisen an sein Gesicht hält; 6. ein brennendes Zündholz an seine 
Haut hält; 7. an seinem Ohr ein oder mehrere Worte spricht; 8. ihm 
einen Tropfen Wasser auf die Stirn gießt; 9. öfter das Licht einer mit 
rotem Papier umgebenen Kerze auf ihn fallen läßt. 

d'Hervey erwähnt (siehe Vaschide), daß er den Traum be- 
einflußt hat durch bestimmte Düfte, die er vorher in seinem Geist 
verbunden hatte mit bestimmten Erinnerungen von Gesichtseindrücken. 
So hatte er einmal ein chinesisches Album mit farbigen Landschaften 
und Schilderungen längere Zeit aufmerksam besehen, indem er den 
Duft eines wohlriechenden orientalischen Blumenpulvers einatmete. 
Als später dasselbe Parfüm auf sein Kopfkissen gestreut wurde, 
kamen in drei der so erhaltenen Träumen Szenen vor, die viel Ähnlichkeit 
zeigten mit Bildern aus dem Album. 

..Deux fois, au contraire, des sites reels, des amis ou des personnes 
de sa connaissance, ,.dont Tassociation des idees avait evoque les Images 
a la Suite de Celles qui n'etaient que des reminiscences de Talbum, et 
dont rimagination s'est servie pour tisser une action nouvelle" se presen- 
terent aux yenx de son esprit, non plus sous leur aspect d'objets veri- 
tahles, mais sous celui d'une coUection de gravures et d^aquarelles 
saiiS vie et sans relief." 

Anderswo wird erwähnt^), daß d'Hervey bei einem Ausflug 
W'-n vierzehn Tagen jeden Tag dasselbe Parfüm für sein Taschentuch 
benutzte. Einige Monate später ließ er ein paar Tropfen von diesem 
Parfüm, während er schlief, auf sein Kopfkissen sprengen (der Diener 
mußte selbst einen Morgen dafür wählen). d'Hervey träumte da von 
s^^inem Ausflug. Der Versuch wurde mehrmals mit demselben Er- 
icebnis wiederholt. 

Wenn zwei verschiedene Parfüms, die bei zwei anderen Ge- 
legenl'ieiten von ihm benutzt worden waren, auf sein Kissen ge- 
sprengt wurden; so mischte sich in seiner TraumpSantasie die Er- 
innerung an beide Umstände durcheinander. Wenn die Riechnerven 
durch die vielen Versuche abgestumpft worden waren, rief er sein 
O-^liör zu Hilfe, Beim Tanzen mit zwei Damen ließ er jedesmal bei 

^) H. N. de Fremei-y: Handleiding tot de kennis van het Spiritisme, 
ziijc.t in Holl. Revue, Maart 1910. 



Nene Traumexperimente. 267 

jeder Dame einen bestimmten Walzer spielen. Wenn er später wäiirend 
seines Morgenschlafes durch eine Spieldose einen dieser Walzer spielen 
ließj träumte er von jener Dame. 

Si non e vero, e ben trovato. Der Gedanke ist so gut. daß wir 
erstaunt sind, daß dergleichen Versuche niemals von anderen wieder- 
liblt sind. 

B ö r n e r^) verursachte experimentell Nachtmar dadurch, daß 
er bei Schlafenden die Decken über den Mund und teilweise über die 
Nase zog. Sie erwachten dann mit typischem Alpdruck und hatten 
immer geträumt von einem schwerem Blocke, einem Tier oder etwas 
anderem, das auf ihnen lag und wovon sie sich mit der größten An- 
strengung nicht befreien konnten. 

Man ist sich nahezu einig darüber, daß infolge einer bestimmten 
Haltung (meistens Rückenlage) oder durch einen überfüllten Magen 
ein Druck auf die Brustorgane entsteht und dadurch eine Hinderung 
der Atmung, wodurch der Alptraum verursacht wird, nun kommt 
aber Jones und schreibt den Alptraum auch Wunscherfüllungen zu. 
Jones2) sagt, daß die behinderte Atmung usw. nicht dieHauptursaclie 
ist, sondern daß ,,The malady known as nightmare is always an ex- 
pression of intense mental conflict centered about some form of ,re- 
pressed' sexual desire.*' 

Diese Hypothese ist natürlich nur ein Teil der von Freud auf- 
gestellten, daß, wenn in einem Traume durch somatische Ursachen 
Angst entsteht, diese Angst kräftig verdrängte Wünsche hervor- 
ruft (darüber bald noch Näheres). Vorläufig aber sind die so- 
matischen ,, Ursachen*' des Alptraums mit mehr Gewißheit zu kon- 
statieren als die von Jones vorausgesetzte ,, zurückgedrängte maso- 
chistische Veranlagung'''. Jones führt an, daß die Erscheinung auch 
in sitzender Haltung vorkommen kann und selbst im Wachzustande 
(„daymare'*), aber das gilt doch wohl nicht für die meisten Menschen. 
Bei mir selbst hat Schlafen in Rückenlage stets die Wirkung, daß ich 
an einem. Alptraum erwache, wie ich öfter durch Experimente be- 
stätigt habe. Bei vielen Leuten hat Schlafen auf dem Rücken diese Folge 
(bei einigen Schlafen auf der linken Seite). Schlafen auf dem Rücken 
wird denn auch von vielen Menschen ängstlich gemieden. 

^) J. Börner: Das Alpdrücken, seine Begründung und Verhütung. 
(Würzburg 1855). Siehe u. a. Stigter 1. c. 

^) Ernest Jones. Oathe nightmare (Amer. Journ. of lasaniry 6C>, 3. 1010). 
Referat in: Zeitschrift für Psychologie, Bd. 5S, Heft 3 hh 4 (1911). 



268 Johan Stärcke. 



„On trouve dans Bonnet, robservatioa d'un homme qui pour echapper 
aux angoisses auxquellcs il etait en proie des qu'il se trouvait endormi 
8ur le dos, faisait coucher dans son lit un domestique charge de le replacer 
Bur le cote; il est certain que les accidents peuvent dtre immediatement 
enrayes par le retour ä la position habituelle^)," 

Es ist eigentümlich, daß man bei Kückenlage das leicht be- 
ängstigende Gefühl, das (zumal bei schweren Decken) während der 
Inspiration, aber noch mehr in der exspiratorischen Pause auftritt, 
bisweilen schon vor dem Einschlafen überschlagen fühlt in Angst vor 
etwas schauderhaft Drohendem. Wenn man einen Augenblick nicht 
acht gibt, wirft der Körper sich auf die Seite, um dieser Drohung zu 

entkommen, ,,le cauchemar qui se cache dans les angles phospho- 

riques de l'ombre" (de Lautreamont). 

Prof. W. S. Monroe^) ließ zwanzig Studentinnen beim Zubett- 
gehen eine gespaltene Gewürznelke auf die Zunge legen während zehn 
nacheinander folgenden Nächten. Von den erhaltenen 254 Träumen 
(wahrscheinlich von einigen mehr als ein Traum in einer Nacht?) waren 
17 Geschmacksträume und 8 Geruchsträume und in 3 von den Träumen 
kamen Gewürznelken vor. 

Meunier^) versucht durch Geruchsreize Einfluß auf den Traum 
zu üben. Bei ihm selbst hatte „Tuberose" immer angenehme Träume 
zu Folge, bei einer andern Versuchsperson gab dieser Duft immer un- 
angenehme Träume. Bei einigen Hystericae gab ol. geranii angenehme 
Träume, die von einer vergnügten Stimmung am nächsten Tag ge- 
folgt waren. 

Von mir wurde einmal ein absichtlicher Geruchsreiz angewandt, 
mit folgendem Resultat: Ich hatte ein Taschentuch mit einigen Tropfen 
Zimtöl neben mein Kopfkissen gelegt, so daß ich den Duft deutlich roch. 

Ich träumte: (7) Die (mir nicht in jeder Hinsicht sympathische) 
X. ist krank {hat Cholera nostras), ich selber fühle aber, daß ich Durchfall 
habe. {Sie hatte den Durchfall, aber ich fühUe es an mir selbst und war 
darüber nicht erstaunt,) Der Pöbel, der dort steht, murmelt: Cholera 
nostras. Ich sage zornig: Wozu das Wort aussprechenl Dann tvill ich 
Laudanum holen und zaudere einen Augenblick, ob ich sie so lange auf das 

1) Nouveau Dictionnaire de Medecine et de Chirurgie (Paris, Bailliöre 

1867) art. Cauchemar. 

2) W. S, Monroe:AStudyofTasteDreains(Amer. Journ.ofPsychoI,. Jan. 

1899). Siehe Hav. ElUs p. 83. 

3) R. Meunier: A. prospos d'onirotherapie (Archives de Neurologie, Mars 
1910). Siehe H. ElUs. 



Neue Traumexperimente. 



269 



Laudanum warten lassen soll. Dann sage ich: Ich gehe mich ein wenig 
umkleiden. 

Das Zimtöl (sei es der Duft oder die Suggestion vom Versuche) 
hat mich auf Durchfall und Cholera nostras gebracht, auf eines der 
anderen Momente zeigt es vielleicht hin, daß ich X Cholera nostras 
bekommen lasse, und ihr obendrein Laudanum geben will. Der be- 
klemmende Duft des Zimtöls fand vielleicht auch eine Verknüpfung 
im eigentümlichen unangenehmen Duft, welcher die genannte Dame 
stets umschwebt. 

Weigandt (1, c), der einegroße Anzahl Beispiele gibt vonTräumen, 
worin die äußerlichen oder somatischen Einflüsse bemerkbar sind, 
hat auch einige Male bestimmte Experimente gemacht. 

„Als mir mein Experimentator die Taschenuhr ans Ohr hielt, hatte 
ich die Vorstellung, auf einem Bahnhofsterrain zu sein, wo in regel- 
mäßigem Takt die Züge aus- und einliefen. Ein andermal glaubte ich einen 
Eeitknecht zu sehen, der in Versen um ein Trinkgeld bat, wobei er das 
Gedicht ganz auffallend scharf skandierte und geradezu in Takte zerhackte. 
Ich erwachte und merkte sofort, daß dieses Skandieren der Verse auf das 
laute Ticken der Weckuhr zurückging. In einem weiteren Falle hatte der 
Träumende die Vorstellung, er sei auf dem Markt und kaufe vier G-änse, 
die heftig schnatterten; er ließ sie nach Hause bringen und schenkte eine 
davon seiner Hauswirtin. Hier hat das Uhrticken zunächst die Vorstellung 
des Gänseschnatterns hervorgerufen." 

,,Ich träumte von einem Wortwechsel, den ich mit einem mir be- 
kannten Studenten hatte. Wir sprachen über Mensuren, ich schalt heftig 
über die Nachlässigkeit beim Einbandagieren und warf jenem vor, es sei 
seine und seiner Kameraden Schuld, wenn einem deswegen einmal auf der 
Mensur ein Auge ausgeschlagen würde, wenn einer gekratzt würde... 
da erwachte ich und erfuhr, daß mein Experimentator mich mehrfach 
an der Nase berührt hatte." 

S. de Sanctis (1. c. S. 226) teilt mit, daß er für Traumexperimente 
„Riech-, Schmeck-, Gehör-, Muskel- und Schmerzreize benutzte". 
Von positiven Resultaten vernehmen wir aber von ihm nur folgendes : 

Eine kleine Spieluhr (unter das Kopfkissen gelegt) spielt in der 
Nacht, wird plötzlich angehalten, und sogleich wird der Schläfer ge- 
weckt. Bei einem sechsjährigen Knaben (10 Versuche) und einem 
erwachsenen Mädchen (7 Versuche) bekam de Sanctis „in der größten 
Mehrzahl der Versuche die Auskunft: Jch träumte schön, freute mich 
so sehr* usw." (Resultat sehr zweifelhaft!) Einmal hatte das Mädchen 
geträumt von „Militärmusik mit vielen Soldaten dahinter". 

Das Einflüstern eines Wortes bei seinem neunjährigen Söhnchen 



270 Johan Stäicke. 

hatte in 4 von 6 Versuchen kein bemerkbares Resultat, nur in 2 Fällen 
hatte es überhaupt ein Ergebnis^ unter anderem beim Wort ,jAufgabe*'; 
Einmal hatte er richtig geträumt, es sei Zeit, in die Schule zu gehen 
und er habe die sehr lange Aufgabe vom vorigen Tage noch nicht be- 
endet (peinliches Gefühl). Das Einatmen von angenehmen Düften 
(„Veilchen, Heliotrop usw/') wurde bei diesem Knaben von „schönen 
Träumen" gefolgt, „in denen bald das sinnliche, bald das moralische 
Wohlgefallen überwog*'. Einmal hatte er geträumt, daß er etwas Süßes 
kostete. 

Eine der Schlußfolgerungen von de Sanctis ist: „Dieselben 
Empfindungsreize rufen niemals übereinstimmende Träume hervor, 
auch nicht bei demselben Individuum/' Nach den wenigen gemachten 
Versuchen ist diese Folgerung ziemlich voreilig. Nicht zum mindesten 
auf die Versuche des de Sanctis ist der von Trömner neulich ver- 
teidigte Satz anwendbar: „Somme tonte, on ne peut pas souvent 
prouver que les reves ont ete causes par une excitation peripherique^)/* 

J. Mourly Vold hat in großem Maße Traumexperimente ge- 
macht, zum Teil bei sich selbst, zum Teil bei anderen Personen. Seine 
Versuche beziehen sich vornehmlich auf den Einfluß des Gefühls 
(Tast- und Temperatursinn, Muskelgefühl) auf den Traum und auf 
den Einfluß von Gesichtseindrücken des vorigen Abends. Bei den 
letztgenannten Versuchen bekamen die Versuchspersonen eine ge- 
schlossene Schachtel mit, die sie erst im Bette öffnen durften. Diese 
Schachtel enthielt eine Figur von einigen Zentimetern, z. B. eine Blume, 
einen Hund, Soldat usw. oder ein farbiges Stück Papier auf weißem 
Hintergrund. Die Versuchsperson mußte einige Zeit (2 bis 8 Minuten) 
diesen Gegenstand fixieren, dann die Augen schließen und schlafen 
gehen, nachdem sie die Lampe ausgelöscht hatte, ohne danach zu sehen» 
Bei der größten Mehrzahl der Versuchspersonen fand Mourly Vold 
im Traume Elemente, die vom angewandten Gesichtseindruck her- 
zustammen schienen. 

Sehr zahlreiche Versuche hat Mourly Vold bei sich selbst ge- 
macht ; so hat er unter anderem Jahrzehnte mit Strümpfen geschlafen, 
sehr oft Bänder um die Fuß- und Handgelenke getragen, Handschuhe, 
Bänder um die Finger usw. Als Märtyrer der Wissenschaft hat er 
mehrere Wochen, die ganze Nacht hindurch, über dem Hemde einen 

*) M. E. Trömner: Origine et signification des reves. Theses (Sog. In- 
ternat, de Psychologie medicale et de Psychotherapie, Reunion München, Sept. 
1911). 



Neue Traumexperimente. 271 

Gürtel getragen mit drei Holzstiicken darin, die ihm den Eücken 
drückten. 

Nachdem Mourly Vold schon früher das Resultat einiger Unter- 
suchungen veröffentlicht hatte^), ist sein hauptsächlichstes Werk das nach 
seinem Tode veröffentlichte „Über den Traum", dessen erster Teil 
erschienen ist^). Man muß die Ausdauer und die Geduld dieses sanft- 
mütigen Cöiibatärs (siehe das Porträt, das sein Werk begleitet) be- 
wundern, der 25 Jahre mit Hunderten von Personen experimentierte 
und die Resultate dieser Versuche mit enormer Ausführlichkeit auf- 
schrieb, klassifizierte, beurteilte und die Träume nach ihren ,, Reiz- 
momenten*' in mehrere Rubriken brachte. Mit dem Resultat der 
Traumexperimente mit Reizung von einer und von beiden unteren 
Extremitäten (hauptsächlich Reizung des Fußgelenkes und Umgebung 
durch ein umgebundenes Band) sind 435 Seiten gefüllt. Nicht ohne 
Grund nennt der Bearbeiter die Art, in der das Buch geschrieben ist, 
,.,etwas umständlich''. Mag Freud von seiner Traumdeutung schon 
sprechen als von 5, diesem schwer lesbaren Buche*', das Buch Mourly 
Volds stellt an den Leser, der es ganz durchdringen will, sehr schwere 
Anforderungen. Nichtsdestoweniger enthält es viele wertvolle Anweisun- 
gen über das Anordnen und Beurteilen von Traumexperimenten und das 
Aufschreiben von Träumen (S. 7 —11). Die Methode, welche Mourly 
Vold angewandt hat, ist diese, daß er die Träume, welche seine Ver- 
suchspersonen bei den „Reizversuchen*' träumten, mit ,, Normal- 
träumen** derselben Personen verglich. In diesen beiden Gruppen verglicli 
er dann die Zahl der ,, Reizmomente**, um dadurch konstatieren zu 
können, ob der auswendige Reiz eine erhebliche Zunahme der Momente 
im Traum verursacht hat. Die Art, wie er die Reizmomente zählt 
(,, lassen sich nun überhaupt Traumvorstellungen zählen?... Heißt 
das nicht das Unmeßbare meßbar zu machen versuchen?**), lese mau 



*) Experience sur le reves et en particulier sur ceux d'origine musculaire 
et optique (Revue de THypnotisme et de la Psychologie, Janv. 1896). 

Einige Experimente über Gesichtsbilder im Traum (III. Internat. Kong^c^> 
für Psychologie zu München, 1896; in Zeitschr. f. Psych, u. Physiol. der Sinnes- 
organe, Bd. XIII). Auch im 2 Teil seines „Über den Traum." 

2) tJber den Traum. Esperimental-payohologische Untersuchungen von 
Dr. J. Mourly Vold, weil. Professor an der Univ. Kristiania, herausg. vonO. Klenun 
(Leipz. J. A. Barth, 1910) I. Bd. Das ganze Buch zählt 879 Seiten. Vom 2. Teil (er- 
schienen März 1Ö12) sei hier erv/ähnt, daß M. V. als Hauptursache der Schwebe - 
träume betrachtet „eine leichte sexuelle Vibration der Eumpfmuskeln", vibrati*^ 
erotica sine erectione nee pollutione". 



272 Johan Stärcke. 

im Original nach; die Einwendung, daß die Reizmomente der Träume 
relativ willkürlich zu stärkeren und schwächeren Momentgruppen 
gebracht WQpden, wird wieder dadurch neutralisiert, daß dieselbe Weise 
von Wertschätzung!) auch bei den „Normalträumen" angewandt 
wird, so daß doch Vergleichung möglich bleibt. 

Bei den Versuchen Mourly Volds traten, infolge der äußer- 
lichen Reize, hauptsächlich Vorstellungen von aktiven Bewegungen 
in großer Zahl auf. Das Hauptresultat seiner Experimente lautet: 

„Wir haben gefunden, daß der um daa Fußgelenk gebundene Faden 
Druck- imd Temperaturvoratellungen sehr schwach hervorruft, dagegen 
motorische Vorstellungen in ihren verschiedenartigen Formen sehr stark 
erweckt, daß er ferner mit dem Experimente oder dessen Verabredung 
zeithch zusammenhängende Vorstellungen nur in geringem Grade anregt; 
in bezug auf gefühlsbetonte Gemeinempfindungen schienen uns die un- 
angenehmen schwer auf den Reiz allein zurückführbar, während wir ander- 
seits annehmen zu dürfen glaubten, daß die von der motorigchen Span- 
nung zeugenden, vorzüglich die aktiven Bewegungsmomente lust- (.kraft*-) 
betont waren^ ." 

Es kommt mir vor, daß in einigen der mitgeteilten Träume 
allzuleicht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem angewandten 
Fußreiz und bestimmten Teilen des Trauminhaltes angenommen 
worden ist. 

So lautet z. B. der letzte Teil des Experimenttraumes G. H. 13 
(die Spatiierung ist von Mourly Vold und weist auf „Reizmomente" 
hin): 

„Indem ich aus dem Friedhofe ging, kam ich an einem 
Bette vorbei. Auf der Kante des Bettes saßen zwei kleine und ein etwas 
größeres Mädchen. Indem ich vorbeiging, fragte das größte mich nach etwas 
{weiß nicht was). Ich antwortete und blickte das Mädchen an. Sie zog an 
einem Beinkleide und bat mich, sie nicht anzusehen." 

Es ist ein Traum von Viig, einem 19jährigen Studenten, und 
es liegt auf der Hand, daß man dieses letzte Traumfragment erotisch 
angehaucht nennen könnte. Es kommt aber bei Mourly Vold nicht 
vor, daß er jemals ein einziges Detail dieser Experimentträume 
sexuellen Traumgedanken zuschriebe. Er spürt nur nach Fußreiz- 

1) Siehe M. Vold, § 38 und § 50—52. 

*) Vergl. Scherner: .... „z. B. bei einem Schmerzreiz oder überhaupt 
einem Reiz am Fuße läßt sie den Träumer nicht nur spazieren gehen und wandern, 
sondern malt einen Berg hin, von dem er rührig hinabschreiten muß, um durch 
diese Verschärfung des Laufens den Fuß als die betroffene Stelle des Leibes be- 
sonders hervorzuheben; ..,.*' 



Neue Traum experimente. 273 

momenten und findet dann auch im Zitierten zwei „Momente'', die 
vom näditlichen Experimente herstammen: ,,Zum Schluß erscheinen 
das abendnächtliche Bettmotiv und der Ausdruck für die Haut- 
empfindungen der Unterglieder (Motiv der Hose)". (!) 

Später, bei den ^jH^-^tmomenten" wird dieser Traum wieder 
erwähnt : 

. . .„Geht an einem Mädchen vorbei, welches auf dem Rande eines 
Bettes sitzend, sich die Unterhose anzieht und den Träumer bittet, 
es nicht anzusehen. In den beiden letztgenannten Fällen werden Berührungs- 
empfindungen der Vorstellung zugrunde gelegen haben. . . In dem letzteren 
Punkte des G- H. 13, dem des Anziehens der Unterhose, liegt zunächst 
eine Beziehung auf ein Unterglied vor, da wohl nur an ein Bein die Hose 
zur Zeit des Vorbeigehens angezogen wird; höchstens läßt sich hier eine 
untergeordnete Beziehung auf die andere Extremität behaupten." (!) 

Das ist nicht der einzige Traum, worin das Konstatieren von 
,, Versuchsmomenten" uns befremdend berührt, es gibt noch einige 
Träume, worin nicht nur Stekel, sondern sogar der gemäßigtste 
Schüler Freuds an erster Stelle ganz andere Momente als ,, Versuchs- 
momente" sehen würde. So z. B. (S. 286) der Traum einer 22jährigen 
Studentin (die Spatiierung ist wieder von Mourly Vold!): 

Traum. ,,Ich stand zu Hause in der Stube im Halbdunkel. 
Ein Mann stieß die Türe auf und trat herein, ein großes Ding 
tragend (ich dachte, daß er die Tür mit dem getragenen Dinge aufgestoßen 
hatte, da er in einer Weise hereinkam, als ob er dies getan hätte; hörte 
nichts, sah auch nicht, daß er Arme oder Beine gebrauchte). Dann sah 
ich eine Menge lange und spitze Stöcke aus gelben Rohren mit 
gebogenen Handgriffen (ein Stock wird im Berichte gezeichnet). 
(Die Stöcke sind aus keinem Erlebnis wiedererkannt; ,aber wir pflegen 
aut dem Korridor nachzusehen, ob der Stock unseres Vaters da sei, um 
zu wissen, ob er von dem Spaziergange zurückgekehrt ist.') Ich verstand, 
daß der Mann die Stöcke verkaufen wollte, und hatte Lust, mir einen 
zu kaufen (verband im Traume keine Absicht damit). Meine Mutter 
stand jetzt neben mir und flüsterte mir zu: , Siehst du, wie er deinem 
Vater ähnlich sieht?* .Nein,' antwortete ich. (Frage des Versuchsleiters: 
,Dachten Sie gestern Abend während der Umbindung an ihren Vater 
oder an Stöcke?' Antwort: , Besinne mich nicht darauf und glaube es 
nicht.')..." (usw.). 

Ein anderer Traum, wo die ,, psychologische Analyse*' des Mourly 
Vold ein bißchen komisch klingt, ist die auf S. 290 (von derselben 
Studentin), welche so anfängt: 

Traum: ,,Ich ging auf einer eingeschlossenen schwimmenden 
Brücke. Plötzlich fängt diese an, sich wie im starken See- 

Jahrbuch für psychoanalyt, u, psychopathol. Forschungen. V. IB 



274 Johan Stärcke. 

gange zu bewegen. Ick lachte darüber, sah aber, daß ich mich 
an Bord eines Schiffes befand, welches in See gegangen ist (kein 
Seegang hier). Sofort wußte ich, daß das Schif? Forsund hieß und 
nach Steukjer segeln sollte. Ich fragte einen der Schiffsleute, ob das 
Schiff zuerst in Drontheim anlegen würde. Er glaubte es nicht — 
undeutlich — , aber sagte, daß gewiß an irgend einem ^Bestimmungs- 
orte' aussteigen könnte. Ich ging eine steile Treppe über 
einen Boden und kroch durch eine Spalte, wobei ich nur mit 
Mühe fortkam. Dann kam ich an eine Stelle, wo mein unverschlossener 
Koffer lag nebst einer Reisetasche und frischen Heringen in einem Papiere 
(dieses war ein wenig zerrissen, so daß ich die Heringe durch dasselbe sah). 
Ich glaubte, alles gehöre mir. So ging ich wieder auf das Verdeck; 
als ich aber da angekommen war, mußte ich — weiß nicht warum — 
zu dem Koffer zurückeilen. Der Weg war jetzt noch beschwerhcher 
und ich war nahe daran, mich genau da, wo ich kriechen sollte, 
festzusetzen (mußte den Rücken beugen, so daß die Brust den Boden 
berührte); ich kam aber durch. Dann sah ich vom Schiffe einen Teil 
von Drontheim und wurde darüber sehr froh. Nun war das Schiff 
ganz klein und ich saß auf dem Vordersteven. Plötzlich stießen wir 
sehr hart gegen das Land, ich trieb vorwärts (undeutlich). Als 
ich mich erhob, sah ich zwei Mädchen auf dem Lande stehen 
und einen Knaben im Grase liegen. Das eine Mädchen fiel um, 
blieb ein wenig liegen und erhob sich dann mit beiden Händen vor 
dem Gesichte und klagte darüber, daß sie sich gestoßen hatte (, Sahen Sie 
insbesondere die Füße des Mädchens?* ,Ja, die Beine standen zu- 
sammen sowohl mit den Knien als mit den Fersen, ehe es fiel, 
und als es sich erhob'). Ich sagte einem an Bord, daß das Schiff 
merkwürdig hart aufgestoßen sein mußte, da das Mädchen 
auf dem Lande davon umgefallen sei. Der Angeredete (undeutlich) 
antwortete: , Du weist doch, daß, wenn zwei Dinge zusammenstoßen, 
beide einen gleich starken Stoß bekommen'... usw." 

In einer Besprechung von Mourly Volds Arbeit lesen wir^); 

„Als er an seine Untersuchungen ging, deren Veröffentlichung zu 
erleben ihm nicht bestimmt war, konnte er gewiß nicht ahnen, wie not- 
wendig heute eine solche Arbeit gewordwi ist. Wer jemals eine Traumana- 
lyse Freuds oder seiner Schüler gelesen hat, wird die Untersuchungen 
M. Volds zu schätzen wissen. Hier hat man den festen Boden unter den 
Füßen, nach dem man sich dort oft wie in den ersten Stadien der See- 
krankheit umschaut." 

Wenn man sich aber die Mühe gibt, bei Mourly Vold nach- 
zulesen, wie dieser (unter anderem bei den soeben zitierten Beispielen [) 
all die gesperrten Worte zu ,y^Versuchamomenten" zu reduzieren ver- 
sucht, dann wird man mi einräumen, dafr man, um ihm da,rin zu folgen, 

i) Referat in: Zeitschritt i. Psychologie, 1911, Bd. LIX, Heft 4. 



Neue Traumexperimente. 275 

mehr Phantasie und guten Willen braucht als um eine Traumanalyse 
Freuds zu schätzen. Leute, denen die Phantasie fehlt, werden wahr- 
scheinlich beim Studium der beiden Autoren Schwierigkeiten begegnen. 

Vollständigkeitshalber sei noch erwähnt, daß auch von theosophi- 
scher Seite Traumexperimente beschrieben worden sind. Leadbeater^) 
beschreibt Experimente, wobei man versucht hatte, ,, einen genügenden 
Eindruck zu machen auf das Ich eines gewöhnlichen Menschen während 
des Schlafes, um es ihm zu ermöglichen, sich daran zu erinnern wenn 
er erwacht". Man wählte dafür eine gewisse Szene, eine tropische 
Landschaft, ,,und ein lebendiges Bild davon wurde vom Ex- 
perimentator ausgeworfen ins träumerische Bewußtsein des Ichs"(!). 
Nach einer Weile wurde die Versuchsperson geweckt. Bei der ersten 
Versuchsperson mißlang der Versuch ganz, „ihr Denkvermögen war 
aber, was diesen Gegenstand anbelangt, absolut leer, und außer einem 
unbestimmmten Gefühl hatte er gar keine Erinnerung aus dem Schlaf- 
zustand^ mit sich mitgebracht*'. Bei einem gebildeteren Menschen, 
und nachdem eine „magnetische Schale" um seinen Körper (!) ge- 
formt worden war, wodurch ein gewisser störender Strom beseitigt 
werden mußte, hätte man ein befriedigenderes Resultat erlangt. 

Sogar wenn man Treu und Glauben dieser Experimentatoren 
nicht anzweifelt, haben dergleiche Versuche und Mitteilungen von 
Okkultisten die Unbequemlichkeit, daß es unmöglich ist, sie nach dem- 
selben Maßstabe zu beurteilen wie andere wissenschaftliche Mitteilungen. 
Derjenige, der behauptet, Sachen zu sehen, die alle anderen Menschen 
nicht sehen, ist in seinen Experimenten schwerlich zu kontrollieren. 
Über die erste Versuchsperson lesen wir, daß seine ,,astral3 Form, 
wie man diese über seinem Körper schweben sah, äußerlich wenig 
mehr war als eine formlose Nebel wölke". Solange wir anderen sogar 
diesen Nebel nicht sehen, überlassen wir auch die Würdigung der 
theosophischen Versuche den Eingeweihten. 

Technik. 

Um Träume im Gedächtnis zu behalten, braucht man eine ge- 
wisse Routine. Man fixiert den Traum nach dem Erwachen am besten, 
wenn man ihn sofort nach dem Erwachen memoriert, am liebsten 
ihn zuerst wiederholt mit denselben vagen Bildern, worin er erschien, 



-) C. W. Lead beater, Droomen: Wat ze zijn en hoe 7X veroorzafikt wor:len, 
■i;t. J. V. Alanen (Amsterdam, Theos, uitg. Mij. 1904). 

18* 



276 Johan Stäreke. 

und ihn dann doch einmal in Worten ausdrückt, als ob man ihn jemand 
erzählte. Das muß aber gewissenhaft geschehen, denn die Neigung 
zur 5, sekundären Bearbeitung" ist dann noch deutlich merkbar, und es 
kostet einige Mühe, nicht einige scheinbar unbedeutende Details fort- 
zulassen oder undeutliche Stellen zu verdeutlichen. Und eben das 
scheinbar Unbedeutende oder Undeutliche in einem Traume führt 
doch oft am schnellsten zum Kerne der Traumgedanken (Freud). 
Zumal beim Erwachen in der Nacht, wenn man im Memorieren des 
Traumes durch die rasch wieder wachsende Schläfrigkeit gestört wird, 
ist es bisweilen schwierig, den flüchtigen Traum nicht wieder verfliegen 
zu lassen. 

— ^ ,,Für träge Individuen freilich ist solche Durchkreuzung des 
Schlafes mit dem Wachen, zumal der Schlaf dabei an Ruhe und süßer 
Empfindung verliert, eine zu saure Arbeit" (Scherner). 

Weiter ist es von Belang, daß man beim Erwachen seine Haltung 
(Mourly Vold), und sogar die Blickrichtung der Augen nicht 
ändert (de Manaceine), weil man sich vieler Träume am besten 
erinnern kann in derselben Haltung, worin sie geträumt worden sind, 
und die kleinste Bewegung des Kopfes oder der Augen bisweilen schon 
genügt um ein visuelles Nachbild verschwinden zu lassen. 

Miß Calkins^) ließ bei ihrer Untersuchung anfänglich die Ver- 
suchsperson durch eine Weckuhr wecken und Papier, Bleistift, Kerze 
und Zündhölzer in ihrem Bereich haben , um sofort den Traum auf- 
schreiben zu können. Das zeigte sich aber als unpraktisch, weil der 
Lärm der Weckuhr oft die Erinnerung des Traumes zum Verschwinden 
brachte, und bisweilen hatte schon die Anstrengung des Lichtan- 
zündens diese Wirkung. Mourly Vold ließ seinen Versuchspersonen 
den Traum vorzugsweise noch zu Bette aufschreiben, nachdem sie ihn 
überlegt hatten; er selbst schrieb seine eigenen Träume oft erst nach 
seinem Frühstück auf. Es ist aber nicht ratsam, das Aufschreiben eines 
Traumes allzulange zu verschieben, weil die Zuverlässigkeit der Traum- 
geschichte dann stark abnimmt. Havelock Ellis (welcher der be- 
haupteten Schnelligkeit des Traumes zienüich skeptisch gegenüber- 
steht) zweifelt den berühmten Schaffott-traum Maurys^) stark an, 



1) Mary Whiton Calkins, „Statistics of Dreams", (Am. Journ. Psych. April 
1893). Siehe u. a. M. de Manac^me, Hav. Ellis, Vaschide. 

2) Eine lange Geschichte, die damit endete, daß er auf der GuiUotine 
exekutiert wurde, wobei Maury erwachte, weil der Himmel des Bettes ihm auf den 
Hals gefallen war. 



Neue Traumexperimente. 277 

weil dieser wahrscheinlich erst dreizehn Jahre später von ihm auf- 
geschrieben worden ist („on these grounds alone it is not entitled to 
serious consideration")^). Wenn man sich einige Zeit mit der Be- 
obachtung seiner Träume abgibt oder Traumexperimente macht, 
werden die Träume zahlreicher (oder man erinnert sich der Träume 
leichter) und die Selbstbeobachtung kostet nicht mehr so viel Mühe. 
(E. Darwin erwachte aus einer Nachtmar und fühlte sofort seinen 
Puls, um zu sehen, ob dieser etwa unregelmäßig war^). 

Der angewandte E-eiz darf nicht zuviel Schmerz verursachen, 
denn in diesem Fall erwacht der Schläfer oft, ohne geträumt zu 
haben. (Mourly Vold.) 

Als Reiz wählte ich keinen äußerlichen Reiz, sondern einen 
somatischen, einen Innern Organreiz, und zwar den Reiz der gefüllten 
Blase. Dieser Harnreiz kann auf verschiedene Weisen den Traum be- 
einflussen. Im einfachsten Falle kommt im Traume vor, daß der Träumer 
selbst (oder jemand anders) uriniert; dann können wir das ohne Be- 
schwerde betrachten als einen Wunsch träum des infantilen Typus. 
Havelock Ellis bemerkt: „A typical dream of this kind, of sufficient 
importance to be embodied in history, occurred several thousand years 
ago to Astyages, King of the Medes, and has been recorded by Hero- 
dotus (Book I. eh. 107)"3). 

öfter aber findet man in den Harnreizträumen eine Vorstellung 
von Wasser, viel Wasser, Überschwemmung, Platzregen, Schwimmen, 
Gefahr des Ertrinkens usw. Schon Hippokrates sagte, daß von einem 
Brunnen oder einer Quelle träumen Blasenstörung*) anzeigt. 

Eine ausführliche Beschreibung von Harnreizträumen finden 
wir aber zuerst bei Scherner. Zweifelsohne sind diese Träume aus- 
gezeichnet dafür geeignet, daran zu studieren, auf welche Weise ein 

^) Über die Schnelligkeit des Traumes, siehe Vaschide (S. 242 f.). 

2) Wolf Davidson, 1. e. S. 176. 

3) N. 1. Astyages träumte, daß seine Tochter Mandane so viel urinierte, 
daß die ganze Stadt dadurch überschwemmt wurde und daß am Ende ganz Asien 
überschwemmt wurde. Als er nun die Traumdeuter fragte, antworteten sie ihm 
alle dasselbe, n. 1. daß Mandanes Sohn ihn entthronen würde. Er wurde durch diese 
Antwort sehr erschreckt, und gab seine Tochter, als sie ins heiratsfähige Alter kam, 
nicht einem der Meder, die dafür in Frage kamen, sondern einem Perser Cambyses, 
den er für friedlich und ungefährhch hielt. Doch wurde der Enkel Cyrus ein Er- 
oberer, der auch die Meder unterwarf. 

(Hatte Astyages vielleicht den beängstigenden Drang mit seiner Angst 
vor Verlust von Thron und Reich zu einem drohenden Traum vereinigt?) 

4) Hav. Ellis, 1. c, pag. 146. 



278 Johan Stärcke. 

Organreiz symbolisch dargestellt und diese Darstellung in den Traum 
eingeschaltet werden kann. Havelock Ellis sagt: 

.,It may, indeed, be said that vesical dreams are füll of Instruction 
in the light they throw on the psychology oJ dreaming. This has long 
been well known to writers on dreams. Thus Scherner, many years ago, 
insisted on the interest and importance of vesical dreams/* 

Aber lassen wir einen Augenblick Scherner selbst das Wort: 

„Der gelindere Harndrang weckt nur gleich gelinde Bilder. Man 
geht in starkem Regen, oder es gießt wie mit Kannen, man ist dabei vor 
dem Regen beschützt oder nicht; man badet oder watet in seichtem 
Wasser, gelangt dabei mit dem Körper nur so tief in die Flut,^ls die Höhe 
der Blaaenlage im menschlichen Körper ist. Frauen und Mädchen pflegen 
auf der Brücke zu stehen und imten im Wasser die spielenden Fische zu 
betrachten; alle Traumszenen, wobei man auf spielende Fische im Wasser 
sieht, sind Harnreizträume. Der spielende Fisch im Wasser stellt die Er- 
regungsschwingimg des vom Harn affizierten Nerven dar, — so wie hier 
den beweglichen Fisch, wählt die Phantasie bei anderen Reizen den flattern- 
den Vogel oder ein anderes Tier zur Bezeichnung der Reizerregtheit. Runde 
Wassertümpel, worin man die Fische im versandeten Strombette spielen 
sieht, sind symbolische Formrisse für die Rundung der Harnblase, gleich- 
wie das Wasser der Tümpel für den Harn in der Blase steht. Männer und 
Knaben träumen, sich oder andere fischen zu sehen" . . . 

Oder man sieht eine Herde Schaafe weithin im Wasser schwim- 
men, der unvermeidliche Hund läuft daneben am Ufer entlang." 

. . . ,,Bei belästigerendem Hamdrange glaubt man auf dem Eise 
zu gehen, das Eis bricht ein, man sinkt bis an die Hüfte ein (entsprechend 
der Höhe der Blase im Leibe), aber es gelingt leicht, das Ufer zu erreichen 
(daher konnte die Peinlichkeit des Dranges nur eine unbedeutende sein). — 
Sind die Träumerinnen nur Zuschauerinnen bei Gefahrszenen, so zeigt 
dies geringeren Peindruck des Bedürfnisses, als wenn die Phantasie sie 
selbst als die in Gefahren befindlichen malt; der stärkste Harndruck aber 
zeichnet sich durch den Untergang des in Wassersgefahr Schwebenden, 
sei es der Träiuner selbst oder ein von ihm sehr geliebtes Wesen, und steht 
offenbar in den Gefahrträumen der Mutter das bedrohte Kind der Selbst- 
gefahr der Mutter an Intensität gleich. Bei den Männern schlägt der stärkere 
Harndrang stets in die Reizung der Geschlechtssphäre und deren sym- 
boUsche Gebilde über; aber auch bei Frauen begegnet Ähnliches, wegen 
der unmittelbaren Verbindung von Harn- und Geschlechtsorganen wie 
beim Manne so beim Weibe." 

Typisch für den Gedankengang Scherners ist auch dieses: 

„Meint man im Traume im Hemd über die Straße zu laufen, einen 
Koffer in der Hand, mit Begegnung von Frauen auf der Straße usw., so 
ist der Koffer das Sinnbüd der Blase, seine Last die der vollen Blase, der 
Träumer bezeichnet sich in dem Tragen des Koffers als der Träger seiner 



Neue Traumexperimeute. '279 

Blase; die begegnenden Frauen, vor denen man beschämt flieht, be- 
zeichnen die enge Verknüpfung der Geschlechtssphäre mit dem Harn- 
reize; das Laufen im Hemd die Blöße des Leibes respektive den Leib und 
die Zugehörigkeit des Koffers (Blase) zu demselben." 

Scherner sieht eine symbolische Vorstellung der gefüllten Blase 
in allerlei Gegenständen: runde Tümpel, runde Wasserbassins, Luft- 
ballone, volle Taschen oder Säcke, mit Wasser oder anderen Flüssig- 
keiten gefüllte Gegenstände, Bierfässer, ein überfüUter Tabaks- 
beutel usw. Weiter Schränke und Wagen. 

„ » . . oder man sieht plötzlich auf dem freien Felde geschlossene 
Schränke dastehen, gleich daran fließt die Wegrinne*' ... ,,Sehr häufig 
ist beim Harnreiz das Besteigen des längüchten Postwagens, und über- 
haupt des geschlossenen Wagens, indessen unmittelbar am Wege, auf 
welchem man fährt, der Strom fließt; aus gleichem Grunde sieht man 
häufig den länglichen gedeckten Wagen, nach Art des Omnibus oder der 
Postkutsche, in den Gefahren der Stromwellen'* (. - . „die Räderbewegung 
des Wagens stellt dabei — ebenso wie die Wasserflutung bei Strömen — 
die Reizlebendigkeit in der vollen Blase dar*'). 

Die Voraussetzung Scherners, daß die gefüllte Blase (durch 
Nervenwirkung) sozusagen im Traume abgebildet wird, auch wenn 
die Form dieses Organs dem Träumer nicht bekannt ist, und daß 
dadurch die Vorstellung all jener runden und hohlen Gegenstände 
entsteht, wird von uns vielleicht nicht so leicht angenommen, aber 
man darf nicht vergessen, daß bei den meisten Erwachsenen die Wasser- 
blase wenigstens dem Namen nach bekannt ist und es also sehr wohl 
möglich ist, daß beim Gefühl des Wasserdranges durch einfache As- 
soziation das Bild eines gefüllten, runden oder hohlen Gegenstandes 
erscheint. 

Wir müssen jetzt einer ganz andern Hypothese hinsichtlich der 
Wasserträume gedenken. Bis jetzt gab es keine Dornen auf unserem 
Pfade, aber nun kommt Stekel und erschwert uns die Sache. 

Stekel^), ein grimmiger Streiter aus dem Freudschen Heere, 
vergleicht irgendwo Freud mit einem Riesen („Freud hat mit gigan- 
tischer Kraft ungeheuere Umrisse gezogen'*), aber er selbst gehört 
auch wohl zu einer Rasse von Riesen, die wechselweise Furcht, Be- 
wunderung und Abscheu wecken. Ja, beim Lesen seiner Arbeit denkt 
man bisweilen, daß Freud doch wohl viel feiner ist und viel reser- 



1) Die Sprache des Ti-aumes. Eine EXarsteUung der Sjmbolik und Deiuang 
des Traumes in ihren Beziehungen zur krardsen und gesunden Seele, für Ärzte 
und Psychologen, von Dr, Wilhelm Stekel, Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1^11)^. 



280 Joban Stärcke. 

vierter, und ab und zu fühlt man „Ekel", aber Öfter muß man ihn 
wieder bewundern wegen seines rücksichtslosen Eindringens in die 
tiefsten Tiefen, seiner großartigen Gedanken, seiner schwindelerregenden 
Phantasie, seiner großen Belesenheit. (Die Mottos über seinen Ka- 
piteln, größtenteils nichtmedizinischen Autoren entlehnt, formen schon 
einen hübschen Beitrag zur Literatur über den Traum und das Un- 
bewußte.) 

Stekel ist ein Extrem, er repräsentiert eine äußerste Konsequenz 
der Freudschen Gedanken; wenn man ihn liest, bekommt man das 
Gefühl: hier hat die Freudsche Lehre ihre äußerste Grenze erreicht 
und kann in dieser Richtung jetzt nicht weiter gehen. 

Das Buch Stekels hat seinen Nutzen für diejenigen, die mit 
Freuds Traumdeutung bekannt sind (für andere ist es nahezu unlesbar), 
aber ein Nachteil dieser Arbeit ist es, daß vielleicht einige dadurch 
abgeschreckt werden von Gedanken, welche sie in Freuds unwider- 
stehlicher Propädeutik gewiß akzeptiert haben würden. Man denke 
z. B. an Stekels berüchtigte „Zahlensymbolik" (15 = fünfzehn = 
fünf Zehen = fünf Finger = Onanie usw.), die mehr „konservativen" 
Ärzten einen neuen Schrei des Abscheus entlockte^). 

Es hat den Anschein, daß wir jetzt ein Kentern der geistigen 
Strömungen erleben, daß sich sowohl in der Literatur als der Wissen- 
schaft bemerkbar macht. Es gibt eine Neigung, in der Psychologie 
die anatomisch-histologische Richtung endlich wieder einmal zu ver- 
lassen, und beim Studieren der Wirkungen der Seele etwas weniger 
mit dem Mikroskop nach Fasern und Zellchen zu suchen. — „Psy- 
chologie kann man nur mit Psyche treiben/*^) _ Welche Hypothesen 
man aber in der nächstfolgenden Periode bei der Untersuchung be- 
nutzen wird, es bleibt immer erwünscht, keine absolut unbewiesenen 
Behauptungen als feste Grundlage zu betrachten, denn dann entsteht 
ein ,,revolutie-bouw"*) von Behauptungen, der keine zuverlässige 
Stütze für spekulative Psychologie sein kann. 



1) „Wer etwa noch hoffen sollte, unter dem widerlichen Wüste Freud- 
acher Deutungen einzelne Goldkörner zu finden, wird freilich schmerzüch ent- 
täuscht werden. Man lese nur z. B. auf S. 497 Stekels Ausführungen über Zahlea- 
symbolik im Traume, um sich zu überzeugen, auf welche Abwege diese Forsohungs- 
methode geführt hat." (Referat von Raecke üb. d. Jahrb. f. psychoanal. u. psycho- 
path. Forsch., Bd. I, 2. H. in: Archiv f. Psychiatrie u. N. kr. h. Dez., 1910). 

2) Swoboda. Die Perioden des menschl. Organismus. (Deuticke, 1904.) 

3) Nachlässige, unsolide Bauart in großen Städten bei schnell entstehenden 
neuen Stadtvierteln. 



Neue Traumexperimente. 281 

Eine krasse Probe von Axiomanfertigung in Stekels Buch iat 
der Anfang des Kapitels „rechts und links im Traume*': 

.jSehr häufig bemerken wir in Träumen, daß es eine Rolle spielt, 
ob die Träumer nach rechts oder nach links gehen. Der rechte Weg be- 
deutet immer den Weg des Rechtes, der hnke den des Verbrechens. So 
kann das Linke Inzest, Homosexualität, Perversion, das Rechte die Ehe, 
Verkehr mit einer Dirne usw. darstellen," 

Im ganzen Buche keine Spur eines Argumentes zugunsten dieser 
kühn verkündeten Regel. Dessen ungeachtet wird von diesem Augen- 
blicke an damit manövriert! Auch anderswo sagt Stekel wohl mehr 
als er verantworten kann. So lesen wir : 

(S. 12): „Es gibt eigentlich keinen anerotischen Traum." 
(8. 13): „Der Inhalt der Träume ist fast immer ein sexueller." 
(S. 21): „Ein jeder Traum muß aber aus mehreren Traumquellen 
eine Einheit gemacht haben. Er muß mehrfach zu deuten (,überdeter- 
miniert') sein. Er muß auch eine infantile Wurzel haben". 

Freud hat uns gelehrt, daß ein Traum ,, überdeterminiert" sein 
kann. Stekel vergißt aber uns mitzuteilen, wo er bewiesen hat, daß 
jeder Traum „überdeterminiert" sein muß. Dasselbe gilt ebenfalls für 
die „infantile Wurzel" (siehe die Bemerkung Bleulers, Seite 235). 
Nicht ohne Grund warnt Bleuler: ,,Eine gefährliche Klippe für jede 
neue Wissenschaft sind die vorzeitigen Verallgemeinerungen," Stekel 
fängt sein Kapitel über ,, Wasser-, Feuer- und Schwangerschafts- 
träume" folgenderweise an: 

„Nach Freud bedeuten alle Wasserträume Schwangerschafts- 
träume. Das läßt sich unschwer für die meisten Träume der Frauen nach- 
weisen. Doch weisen sie noch auf einige andere Momente hin. Wasser 
bedeutet im Gegensinn Feuer, d. h. eine große Leidenschaft (usw.)." 

Neben dem ersten Ausspruche, den wir in dieser entschiedenen 
Form bei Freud nirgendswo fanden^), stellen wir ein paar Konzessionen, 
welche Freud der Theorie der „Nervenreize** macht (Traumdeutung 
S. 160): 

j,Es ist ganz richtig, daß in den Träumen SymboHsierungen von 
Körperorganen und Funktionen enthalten sind, daß Wasser im Traume 

1) Siehe auch die Anmerkung ^) auf S. 240 (letzter Satz). Nur wann 
Retten dazu kommt, z. B, wenn im Traume ein Mann eine Frau aus dem Wasser 
rettet, ist Freud von der genannten Meinung (Siehe u. m.: Freud, Beiträge z. 
Psychologie des Liebeslebens, Jahrb. f. psychoanalyt. u. psychopath. Forsch., II, 
Bd.. II, 1910). 



282 Johan Stärcke. 

häufig auf Harnreiz deutet, daß das männliche Genitale durch einen auf- 
recht stehenden Stab oder eine Säule dargestellt werden kann usw/' 

Nach Freud werden die symbolisierten Körperreize, kombiniert 
oder nicht mit der Erinnerung an rezente indifferente Erlebnisse, 
meistens benutzt als billiges Material, um im Traume die Erfüllung 
aktueller oder infantiler Wünsche darzustellen. Von allen möglichen 
Deutungen des Reizes wird nur diejenige durchgelassen, welche erstens 
die Fortsetzung des Schlafes gestattet (ist doch jeder gelungene Traum 
eine Erfüllung des Wunsches weiter zu schlafen) und zweitens ,jdie 
beste Verknüpfung mit den in der Seele lauernden Wunschregungen 
erwerben kann". 

Bei mehr intensiven Reizen aber bekommt das somatische Ele- 
ment die Wahl! 

,.Wenn die äußeren Nerven- und inneren Leibreize intensiv genug 
sind, um sich psvchische Beachtung zu erzAvingen, so stellen sie — falls 
überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg ist — einen festen 
Punkt für die Traumbildung dar, einen Kern im Traummaterial, zu dem 
eine entsprechende Wunscherfüllung in ähnlicher Weise gesucht w rd. 
wie (siehe oben) die vermittelnden Vorstellungen zwischen zwei psychischen 
Traumreizen. Es ist insofern für eine Anzahl von Träumen richtig, daß 
in ihnen das somatische Element den Trauminhalt kommandiert." 

Nämlich wenn 

„Sensationen mit Unlustcharakter im Schlafe aus somatischen 
Quellen vorhanden sind, so wird diese Konstellation von der Traumarbeit 
benutzt, um die Erfüllung eines sonst unterdrückten Wunsches — mehr 
oder weniger mit Beibehaltung der Zensur — darzustellen^)," 

Wenn z. B. in einem Traume durch somatisclie Ursachen Angst 
entsteht (2, B. bei Lungen- oder Herzerlrrankungen oder bei zufälliger 
Belästigung der Atmung), dann wird die Angstempfindung ,,dazu 
benutzt, solchen energisch unterdrückten Wünschen zur Erfüllung 
im Traume zu verhelfen, deren Träumen aus psychischen Motiven die 
gleiche Angstentbindung zur Folge gehabt hätte*'. 

In einigen Träumen scheint ein Reiz die einzige Traumursache 
zu sein. Freud nennt den Traum: in vollen Zügen trinken (aus 
Durst) und sagt davon: 

,,In ihm ist der somatische Reiz anscheinend die einzige Traum- 

^) Wenn ein kräftig unterdrückter Wunsch doch vollzogen wird, so äußert 
sich die überwundene Hemmung tles verdiangendcn Systems als Unlust (siehe 
Freud S. 166—167). 



Neue Traumexperimenle. 283 

quelle, der aus der Sensation entspringende Wunsch — der Durst — 
das einzige Traummotiv. Ähnlich ist es in anderen einfachen Träumen, 
wenn der somatische Reiz für sich allein einen Wunsch zu bilden 
vermag/' 

So weit Freud. Warum würde dasselbe nicht auch gelten können 
für einen Traum, worin der heftige Andrang (des Wassers) eine Rolle 
spielt? Wenn dieser Andrang so stark ist, daß er am Ende den Schläfer 
weckt, wäre dieser somatische Reiz donn auch nicht zureichend, 
um einen Traum zu verursachen, ohne daß wir die aus dem Unbewußten 
stammenden Wünsche als eigentliche psychische Triebkraft der Traum- 
bildung betrachten müssen?^) Es ist natürlich sehr wohl möglich, 
daß diese Wünsche einen Einfluß üben auf den Trauminhalt; es ist 
auch sehr wohl möglich, daß das ängstlich-beklemmende Gefühl des 
Blasenreizes durch Affektassoziation kräftig verdrängte Wünsche im 
Traume zur Erfüllung bringt, wie Freud das erklärt, aber die Haupt- 
ursache des Traumes ist dann doch die gefüllte Blase. 

Stekel wird zweifelsohne in jedem Harnreiztraume Andeutungen 
entdecken von allen Komplexen, die er in nahezu allen Träumen zu 
fmden glaubt; die Onanie, der Koitus, das Rätsel der Bisexualität, 
Liebe und Haß, Geburt und Tod, der Ödipuskomplex; allein er ignoriert 
dagegen alles, was die äußerlichen und somatischen Reize zur Traum- 
bildung beigetragen haben können. 

Diesen Einfluß der somatischen Reize wollten wir an „experi- 
mentellen Harnreizträumen'' noch einmal untersuchen. 

Dafür braucht man ein starkes ,, Harnbedürfnis", das vorzugsweise 
erst im Laufe der Nacht auftreten soll. Die Versuchsperson unterläßt 
die Miktion im Laufe des Abends oder bevor sie zu Bette geht, und 
trinkt abends mehr als gewöhnlich. Eine kleine Schwierigkeit bei 
diesen Versuchen ist, daß oft die Versuchsperson unmittelbar vor dem 
Zubettegehen eine akute Amnesie für die Verabredung bekommt, 
uriniert und sich erst nachher dessen erinnert, was sie (um ruhig zu 
schlafen) plötzlich vergossen hatte. Diese instinktmäßige Beschützung 
des Schlafes gegen experimentelle Anfälle fand auch statt bei einem 
Kollegen, der, voller Dienstiertigkeit und voll Tee, sein Lager aufsuchte. 
Als er am nächsten Morgen erwachte, war von ,, Harnreiz'' keine Rede, 

^) „Das Wesen des Tnaimes Avird nicht verändert, wenn zu den ps^xhischeii 
Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt eine Wunscherfülhino. 
gleichgültig, wie deren Ausdruck durch aas aktuelle l^kterial bestimmt vir-j" 
(Traumdeutung, S. IGI). 



284 Johan Stärcke. 

und zu seinem Erstaunen bemerkte er, daß das Rezeptakulum, das 
sich in einiger Entfernung befand, zum Teil gefüllt war, ohne daß er 
sich des Aufstehens oder der Miktion erinnerte. 

Eine zweite Schwierigkeit ist, daß der Körper sich ziemlich schnell 
an die neue Gewohnheit gewöhnt; nach einigen Tagen ist das unter- 
lassen der Miktion vor dem zu Bette Gehen und das reichliche Trinken 
schon nicht mehr ausreichend, um ein nächtliches Erwachen zu ver- 
ursachen. Wenn man dann einige Zeit die alte Gewohnheit wieder 
pflegt, gelingt das Experiment wohl wieder. 

Am besten gelingt der Versuch, wenn es gelingt, durch Harnreiz 
zu erwachen; dann findet man im Traume sehr oft die Harnrei^ymbole, 
wie Scherner sie beschreibt. Auch bei Pesonen, denen die zu erwar- 
tenden Resultate ganz unbekannt waren, sah ich diese Symbole auf- 
treten. 

An den Symbolen: Wasser (Regen, Überschwemmung usw.) 
und Gefahr (Ertrinken, gefährliche Höhe usw.) muß man vielleicht 
noch hinzufügen die gelbe Farbe, die ich einige Male in Harnreiz- 
träumen fand^)- Für links oder rechts in diesen Träumen 
möchte ich in einzelnen Fällen die nüchterne Hypothese 
aufstellen, daß es die Seite ist, nach welcher der Träumer 
sich bewegen muß, um das Bett zu verlassen. 

Handlungen, welche die Miktion ermöglichen, können wir doch 
in einem Harnreiztraum erwarten. Auch wäre es wohl möglich, daß 
die runden Gegenstände (Tümpel, Vasen usw.) statt der Symbole 
der gefüllten Blase nur Andeutungen des begehrten Rezeptakulums 
wären. 

Es scheint, daß auch bei starkem Schweiße das Wasser eine 
bedeutende RoUe im Traume spielen kann, z. B. ein Erysipelaspatient 
mit hohem Fieber träumte, daß er ins Meer gefallen war und daß ihm 
ein Rettungsgürtel zugeworfen wurde, den er ergriff, aber beim ans 

Land Holen riß das Seil und er erwachte, in seinem Schweiße 

badend und sich an seine Decke, die er an sich gezogen hatte, 
klammernd. 

Wir werden nicht versuchen, die folgenden Experimentträume 
nach Freud zu deuten, sondern uns beschränken auf einzelne Be- 
merkungen hinsichtlich der symbolischen Darstellung der äußerlichen 
und somatischen Reize. 



1) Über Farbensymbolik im Traume vgl. auch Stekel S. 297. 



Neue Traumexperimente. 285 

5,Harnreiztraum." Mit diesem Worte deute ich an, daß es ein 
Traum ist, woraus der Träumer mit kräftigem ,, Harnreiz** erwacht. 

Traum der Versuchsperson Alpha. 

27. März 1911. (Nachmittags 1 Tee; abends 2 Tee, 2 Limonaden, 
1 Müch, 1/4 l Wasser.) 

(Fluß ausgetreten.) 

(8.) Ich lief auf dem Wege und sah, daß diebreiten Uferniederungen 
ganz überschwemmt waren und dann, daß der Deich selbst auch unter 
Wasser wa/r. Dann sah ich die große Wasserfläche, der Deich war nicht 
weiter passierbar, in der Ferne (rechts) sah ich kleine Figürchen von 
Menschen über den Sommerdeich {ganz nahe heim Flusse) hindurch- 
gehen. In der Mute der überschwemmten UferniederuTigen stand eine 
mattschwarze Diligence, schief gesunken, die man dort im Stiche gelassen 
hatte. Viele Leute konnten, ebenso wie ich, nicht weiter auf den über- 
schwemmten Deich, Es kam ein Wagen mit einem Pferde, das schien 
durch das Wasser fahren zu wollen. Ich hörte, daß jemand sagte, daß 
er einen Schiebkarren holen werde, um einen andern da durch zu fahren. 
Da erwachte ich. 

Die Motive der Überschwemmung sind deutlich genug, aber 
fremd bleibt die mattschwarze Diligence. Stekel wird natürlich 
sagen, daß es die G-ebärmutter bedeutet und daß der Traum aus der 
Tiefe geleitet wird von Gedanken an Geburt und Tod (mattschwarz) ; 
Scherner sieht in allen Wägen und Schränken wieder die Blase, 
ihrer Geschlossenheit wegen. Einen Augenblick muß ich daran denken, 
ob geschlossene Schränke im Wasser vielleicht auf das geschlossene 
Schränklein neben dem Bette deuten können. 

(9.) Harnreiztraum. Versuchsperson Alpha. 

Ängstlich auf ganz hohem Schwimmturm {oder so etwas), sehr hoch 
über dem Wasser, Jemand im Schwimmkleide drohte mich hinunter 
zu werfen, stieß mich und ich gelUe vor Angst und hielt mich in Todes- 
angst an Lehnen fest. 

Dann tauchte er selbst hinunter ins Wasser, Dann stieg ich Tritt 
für Tritt hinunter, hielt mich dabei an einem Treppenseile und an einer 
Lehne fest, bis ein paar Meter über dem Wasser, dann ließ ich mich 
hineinfallen und schwamm noch eins Weile umher, 

(10.) Harnreiztraum. Versuchsperson Alpha. 

Ein Fluß, der über den Deich strömte. Man sah das Wasser über 
die niedrige Stelle des Deiches strömen. Ich erklärte jemand, daß es nichts 
helfe, wenn man da solchen feinen gelben Sand niederwerfe, denn bevor 
t 9 



28b JoLan Stärcke. 

man eine zweite SrJiaufel Sand nehme, wäre die erste schon wieder hinweg 
gespühlt. 

(Überschwemmung; gelb.) 

(11.) Harm-eiztraum. Versuchsperson Alpha. 

Ängstlich, weil ich die Schlußprüfung der Realschule machen mußte 
und davon nichts mehr wußte. Da lief ich hinweg und {auf dem Dach 
eines Gebäudes stehend) urinierte ich nach unten in den Garten. 

(12) Harnrei^traum. Vers. Pers. Alpha. 

Ich sah aus der Luft einen Luftballon niedersinken, worin ein Bauer 
und eine Bäuerin saßen. Auf dem Boden angelangt, stiegen sie aus, und 
setzten sich zusammen auf ein Pferd und ritten so den Weg hinauf. Da 
lief ich auch auf jenen Weg und dann fing es an in Strömen zu regnen. 

(13) Harnreiztraum. Vers. Pers. Alpha. 

Es stand ein Wagen mit einem Pferd, das sehr schlaff in den Vorder- 
beinen war. Die Hinterbeine hatten die gewöhnliche Form, aber die Vorder- 
beine ivaren sehr dünn. Das Pferd lag mit seinem Rumpfe ganz nach 
rechts. Der Kutscher setzte das Pferd wieder aufrecht, er stieß den um- 
gesunkenen Rumpf wieder auf die Beine und klopfte das Pferd auf 
seinen Hals; dabei sah ich das weitaufgesperrte Pferdeau^e. 

Da bekamen die Vorderbeine ihre gewöhnliche Dicke, das Tier stand 
hoch aufrecht. Auf einmal war es ein Elefant, der sehr hoch auf den Beinen 
stand. Dabei stand ein Mann, der die Beine des Tieres immer steif ge- 
spannt hielt, indem er in eine Art schmale Sehne oder Membran kniff, 
die hinten längs den Beinen war. Der Mann war der Dresseur und machte 
ruehnnals darauf aufmerksam: ,,Wenn ich ganz leise darein 
kneife, dann bleibt das Bein steif stehen.'' Sie standen auf 
-nner Art Bühne, mit Kulissen, die Bäume und Pflanzen 
vorstellten, orientalisch und zum Elefanten passend. Auch 
sah ich eine gelbliche Vase darauf gemalt , so etwas : 

Am Ende ließ der Mann den Elefanten nach links zur Seite treten, 
und die zwei Vorhänge der Bühne fielen zu. Der Elefant ging links in 
einen Raum, wo er vmtend umherrannte, zornig, weil er so lange gequäk 
'.vorden ivar. Es wurde ängstlich, ich hörte jemand warnen: „Er kommt 
hierher,'' und gleich kam der Elefant aufs Publikum zugerannt, gerade 
auf mich zu. Es entstand eine Panik, in toilder Angst rannten wir hintveg, 
ich fürchtete, daß der Elefant mich greifen würde, er war uns dicht auf 
den Fersen. 

(Da erwachte ich, cum pene erecto und mit sehr voller Vesica.) 

Darstellung des Aufrechtsteigens des Membrums. Das hoch noch 




Neue Traumexperimente, 287 

betont (ein Elefant), Wieder die geheimnisvolle (jetzt gelbliche) Vase. 
Dann das Ängstlicliheftige des Reizes, der den Träumer weckt. 

(14) Harnreiztraum, zugleich Pollutions träum. Vers. Pers. 
Alpha. 

I. In einem (fremden) Ort, Lustig. Es gab eine Art Volksfest, wobei 
Männer einen Umgang hielten^ in einem großen KreiSj hinter einander, 
jeder mit einem Lichtchen in der Hand, ein brennendes blaues Flämmchen, 
das sie zur Höhe ihrer Leihesmitte vor sich her trugen. Auf einer Brüche 
sah ich Kinder in einer Reihe eine Art Cancan tanzen. {Ich sah über einen 
Kanal nach der Brüche,) Die Kinder ivarfen ihre Beine auf, es glich 
einem Bilde von Breugkel. 

Dann sah ich, daß die Reihe nur zum Teil aus Kindern bestand, 
und weiter aus schwarzen eisernen Gegenständen, 



Form 



V>V(,W 



die in einer Reihe aufrecht standen. Plöt^ich Jcam einer der Kerle hinzu, 
er schien betrunhen, und gab den Kindern Hiebe, er gab auch einigen 
einen Hieb mit einem Stocke mit einem Seil daran (als Peitsche). 

IL Dann folgt eine andere Szene, die ich hier auslasse, worin die 
Pollution stattfindet; dann Darstellung des Gefülds post ejaculati- 
onem(?) (Tod und töten kommt ziemlich oft darin vor.) 

Da hörte ich sozusagen eine Stimme erzählen {und sah es sogleich 
als lebendige Illustration dabei): Anfangs sagt er nichts, und dann kratzt 
er dich einmal ans Bein, damit du ihn loslassest, und dann endlich sagt 
er es. Du kommst an der Oberfläche {es war nämlich unterm Wasser). 
,^Er ist tof {Nachdrücklich ; ich erschrak davon und sah wie ein totes 
Kind ohne Ko'pf.) 

III. Mit A. zusammen war ich mit einer Sektion beschäftigt. 
Es war eine Frau {ich glaube eine Tante oder so etwas). Wir hatten die 
Leiche schon geöffnet und einige Organe schon herausgenommen. Plötzlich 
bekam ich einen Schrecken, daß sie scheintot sein könnte. Wir ivarteten 
einen Augenblick, und es war, als ob sie aus einer Narkose erwachen würde. 

Gefühl der Reue und des Verdrusses. Wir mußten rasch alles wieder 

schliefSen. Ich sagte zum A.: Wie bekommen ivir das Herz wieder gehörig 
an die großen Gefäße angenäht {so daß es nicht leckt oder zerreißt). Zu 
meiner Mutter sagte ich: Kochen Sie mal rasch viel Wasser, alle Kessel 
und Pfannen, die Sie nur haben. {Ich dachte, ivir brauchen gleich viel 
heijks Wasser, für das Heften und Waschen.) {Hier erwache ich.) 



288 Johan Stärcke. 

In der ersten Szene u. a. schon der bestehende Harnreiz (Reiz 
zur Höhe der Leibesmitte; Kanal) und die Erektion (die aufrecht 
stehenden Gegenstände). In der zweiten Szene das Koitusäquivalent 
und der Einfluß des Harnreizes auf den Sexualreiz („unterm Wasser"); 
am Ende der zweiten und in der dritten Szene der Katzenjammer 
(der Übergang von lustig zu luguber), der langsam abnimmt, indem 
der Harnreiz noch immer bleibt („viel Wasser"). 

(15) (H. R. Traum) Vers.- Pers. Alpha: 

Ich war in einer Zimmermannswerkstätte und saß dort oben bei 
der Zimmerdecke auf den Brettern (Holzvorrat) , die in Hängegestellen 
an der Decke hingen. Ich schob weiter und weiter nach links (die Seite 
nach welcher ich mich bewegen muß um das Bett zu verlassen ?), indem ich 
auf der Kante eines schmalen Brettes sitzte, sodaß mein Perineum etwas 
schmerzte, und hatte ein ängstliches Gefühl, daß ich hoch saß und wohl 
von oben herunterfallen könnte. Dann kam von rechts jemand (ein Bureau- 
bedienter oder so etwas) ^ mir eine Botschaft (oder Brief) zu bringen. Zugleich 
sah ich links bei dem Holze ein Brett, das so ausgesägt wa/r. 




(Dann erwachte ich.) 

Ängstlich, hohe Spannung, etwas schmerzlich im Perineum, 
der Träumer wollte nach links, wo der Nachttopf war. 

(16) Harnreiztraum, zugleich Erektion. Greweckt durch Nacht- 
klingel. Vers.- Person Alpha. 

Ich lief auf einer Asphaltstraße. Es kam ein dichter nasser Schnee- 
schauer, ich sah, wie die Straße weiß wurde, und das dichte Schneegestöber. 
Ich flüchtete in den „französischen Bazar". Dort fing ich an zwei Leute 
zu bedienen (einen Herrn und eine Dame), (Mittags hatte ich einem Herrn 
und später einer Dame eine Wohnung gezeigt.) 

Ich hatte einen großen (mehr als mannshohen) gespannten Bogen 
in meinen Händen; aufrecht ^ er war lastig zu hantieren, und mit einiger 
Mühe bekam ich ihn horizontal, legte ihn auf den Boden und fing a/n die 
Kunden zu bedienen. Sie hatten einen kleinen Pfeil und Bogen, die sie 
dort gekauft hatten, und kamen jetzt, um zu fragen, wie es kam, daß beim 
Abschießen der Pfeil am Bogen hängen blieb (oder so etwas). Der Pfeil 
war von rotem Holze, der Bogen wa/r mit rotem Flanell bekleidet und auch 
gespannt. 



Neue Tiaumexperimente- iiö9 

Indem ich dies besah, wurde teUphoniert (in Wirklichkeit war es 
meine elektrische Nachtklingel). Das Fräulein kam dann und sagte: 
„Es ist fik Sie; ein Patient fUr Sie und ein Kunde für mich" 

Es waren offenbar Kunden für sie, denen ich nur eben zuhörte, 
(Da erwachte ich mit gefüllter Blase und hörte noch den letzten Teil 
des Klingeins der Nachtklingel. Man hatte einmal kurz geklingelt.) 

Der Harnreiz ist angedeutet in dem nassen Schneeschauer. Der 
gespannte Zustand und das Lästige, daß das Membrum beim Zustande- 
kommen der Erektion irgendwo gehemmt wird („hängen bleibt"). 

In zwei (experimentell erlangten) Harnreizträumen kamen aus 
der Nähe gesehene Schneeflocken oder Kristallsterne vor. (Zusammen- 
hang?) 

(17) H. B. Traum des Alpha : Wir waren in einem kleinen Garten 
auf einem Pfade mit kleinen gelblichen Steinen, Z. sagte: „Dort hast 
du die Keimpflanzen von Löwenzahn'' (Es waren gelbe und weiße Punkte 
in Gruppen auf den Steinen). Z. sagte: ,,Die gelben Punkte sind die 
weiblichen und die weißen Punkte die männlichen Keimpflanzen'' Da 
sah ich auch auf jenen Steinen feine gelbe Sternlein von Kristallfedern 
(wie Schneeflocken vergrößert) und ich sagte: „Das können wir sehr gut 
vergrößert photographieren/' 

Später sah ich irgettdwo^ über ein breites Wasser, darüber lief ein 
n^uer eiserner Viadukt. Es lief eine neue Trambahn irgendwohin, und 
es umrde davon geredet, ob diese wohl zuverlässig wäre, ob sie nicht irgendwo 
ins Wasser gelangen würde. An der Brücke waren zwei Rekla^nebilder 
dieser Tramunternehmung hinter Glos aufgehängt. {Farbige Bilder, 
blaugrün, mit Rohr und Rohrpflanzen darauf.) Daß diese Bilder so 
hiibsch aussahen, gab uns Vertrauen in diese Trambahn, {Doch war über 
dem Ganzen ein beklemmendes Gefühl von Angst vor in einem Morast 
versinken). (Erwacht.) 

(18) H. R. Traum der Vers. Pers. Delta. 

„Ich war damit beschäftigt, mit den Nachbarn chemische Zimmer- 
versuche zu machen, Salzfiguren auf der Kaminplatte^ Eiskristalle auf 
der Waschtischplatte {nicht so deutlich, daß ich wußte, was wir dazu 
nahmen). Ehe wir einen neuen Versuch anfingen, sah ich, wie einer der 
Herren sich umkehrte um wegzugehen, indem er eine Bewegung machte 
wie um zu itrinieren und — plötzlich erwache ich.*' 

(19) H. R. Traum. Vers. Pers. Delta. 

Ich war beim Vater der X. {ich kenne die Personen in Wirklichkeit, 
sie sahen aber in rminem Traume ein bißchen anders aus), und wir 

Jahrbuch für psychoanälj-t u. psychopathol. Foräclmnirea. V. 1^ 



290 



Johan Stärcke. 



mußten im Sturm über eine Brücke, über einen Fluß, Der mittlere Teil 
mußte mit einem Boot passiert werden. Auf der Hinreise ging es gut, 
beim ZtirücJcgehen trieb eine schnelle Strömung das Boot stromabwärts (ich 
weiß nicht mehr wie es weiter ging). Der Vater war etwas günstiger geneigt 
gegen seine in meinem Traum noch unverheiratete Tochter, weil der 
Glaubensstreit in Sizilien günstiger sei {unverständlicher Grund), Er 
stritt eben mit ihr über den Glauben, dann kam die Auflehnung gegen 
die Kirche in Portugal, und ich stand in einer portugiesischen Kirche 
und wolUe von dort nach dem Konzertgebäude gehen {in meinem Traume 
ungefähr 5 Minuten Weges); indem ich mit der Hand an einer Seite ver- 
suchte, ob sie stark genug sei, machte ich mich in einem Platzregen auf 
den Weg, {Erwacht.) 

(20) Harnreiztraum, zugleich Erektion. Erwacht durch Naclit- 
Idingel. Vers. Pers.- Alpha. 

Ein Schiffer fährt {in einem Graben) mit seinem Boot {nach rechts). 
Es ist ein EHrinkender da, der aber gut schwimmt (links). Der Schiffer 
hält ihm einen langen Schifferstock hin und stützt ihn damit unter seinen 
Arm hindurch, hebt ihn damit sozusagen ein bißchen auf, aus dem Wasser, 
Dann fängt der Schwimmer an hastige und ängstliche Schläge zu machen. 
Dann schwimmt er an einem andern Boot vorüber, das doH liegt; er kann 
dasselbe nicht erklimmen. Er schwimmt vorbei und kommt dann, 
mehr links, einem Haufen Baumstämme entlang, die im Wasser liegen 
{tvie ein Floß, aber hoch aufgehäuft). Dann sehe ich den Ertrinkenden, 
der ziemlich rot, und nackt und naß, versucht das Holz zu erklimmen. 
Ich fühle Mitleid mit ihm, denn er ringt sich mit viel Mühe höher, den 
Rücken nach dem Haufen Baumstämme gekehrt, und die Arme auf dem 
Rücken, in dieser schwierigen Lage ringt er sich höher. Dann ist er oben 
auf einer Freitreppe, er steht außen bei den Stangen der Lehne und tritt 
über die Stangen hinweg. Dann sehe ich bei einem Eckhaus eine Bürgers- 
frau stehen; der Mann kommt dahergelaufen, und ich denke, ob er jetzt 
nicht seine Hand vor die Scham halten wird, Dunkel und nackt kommt 
er' vorbeigerannt, aber jetzt, da er vorbei ist, sehe ich, daß er Unterkleider 
anhat, eine Art gelbweißen Leibrockes hängt glatt um seinen Leib, das 
Wasser trieft daraus hervor, während er im Dunkeln weiter läuft. (Nacht- 
klingel.) 

(Später in derselben Nacht, nachdem ich nach Hause gekommen, 
Pollutionstraum.) Das gleichzeitige Fühlen von Harnreiz und vom 
Entstehen der Erektion (der Ertrinkende, der sich höher ringt — der 
helle Haufen Baumstämme). Erst wenn die Erektion da ist, tritt 



Neue Traumeiperimente. 291 

(leichter) Sexualreiz auf (die Frau und der nackte Mann), aber während 
der Traum beim Klingeln der Nachtklingel verblaßt, bleibt der Harn- 
reiz am längsten gefühlt (der Mann ist nicht nackt — der gelbe Leibrock 
trieft vom Wasser). 

(21) Traum bei zufälligem Harnreiz. Vers.- Pers, Beta. 
Jemand (oder ich selbst), der irgendtvo gegen Menschen ficht. Ich 

schlug mit einem langen dicken Spazier stocJcknüppel, den ich hei der 
Spitze festhielt, um mich, schlug alles kurz und klein und schlug auch 
Menschen auf ihre Köpfe. Später ivurde ich verfolgt, draußen, und sah 
die Verfolger irregehen, sie verloren meine Spur, ich ging (ich weiß nicht 
wie) über ein Wasser oder einen Fluß, und dachte dann, wenn ich mich 
vermumme wie ein Seemann und, ich dann an der Meeresküste hin, dann 
erkennt mich keiner. Dafür hatte ich einen gelben Leibrock an; und ich 
mußte um an die Meeresküste zu kommen, einige abfallende Flächen 
hinunterrutschen. Zuerst hatte ich eine kleine Schilfmatte, um darauf 
zu rutschen, und dann ein Brettchen mit einem Handgriff {blaugrün 
gemalt). 

Später tvaren wir an einein Sandabhang, bei einem Tal. Man 
sagte: Dort kannst du jetzt nicht gehen, es ist zu naß vom Regen. Da ver-^ 
suchte ich ein paar Schritte den Abhang hinunter, der Sand war naß, 
ich hielt mich an einem jungen Baum fest, um yiicht weiter abwärts zu 
rutschen. Unten in der Tiefe sah ich eine Reihe halberwachsener Buhen 
hintereinander herkommen, sie hatten rot- und weißgestreifte Schivimm- 
anzüge an, sie wollten dort irgendwo schwimmen gehen. Dann kam (oben) 
ein Mann mit Schnitten Brot (ganz deutlich), jeder von uns nahm zwei 
dieser Scheiben und aß ; es war gut schmeckendes, bröckliges Brot. 
Es kostete für jeden 20 Cent; sonst tvar dieses immer in der Ruine von 
Brederode (oder am ,,OmvaV', oder ich weiß nicht genau tco), aber weil 
es so regnete, ging er mal damit herum. 

(22) Kombination: Harnreiz und Reiz der Hand. Vers.-Pers. 
Alpha. 

(Harnreiz, und zugleich meine Hände mit Glyzerin eingerieben, 
und um meinen rechten Ringfinger einen Verband, darum einen Zipfel 
meines Taschentuches so, daß icli den größten Teil des Taschentuclies 
in der Hand hielt.) 

Ich flüchte mich, weil ich etwas getan habe (Leute zu Boden ge- 
worfen odor so etwas). Über einen Querweg und einem Wasser entlang; 
umsehen, ob ich nicht verfolgt werde. Dann mußte ich über eine Art Hin- 

ir 



292 Johan Stärcke. 

vberschreittreppchen {wie man sie wohl bei WeidengiUem findet) Mettem 
und dabei mit einer rechten Hand festhcdten in einer Höhlung in diesem 
Baumstumpf" oder Deich, wo ich herumklettem mußte. Als ich um diesen 
Winkel herum war, mußte ich acht geben, daß ich die Kette der Schleuse- 
türe nicht berührte {denn wenn dieser Schieber losging, würde das Walser 
strömen). 

Da kam ich an ein breites Wasser, und all die Boote waren eben 
davon gefahren. Es stamd ein Schutzmann {oder Feuertvehrmann) und 
ich dachte :. Jetzt bin ich erwischt ! Der Schutzmann nahm meine rechte 

Hand und sagte: ,ßind Sie ( so und so. . . .). D<mn stellte er mich 

dem Le Grand vor, der war Arzt zu Nieuwer-Amstel. 

Von einer Kombination von mehreren zufällig bestehenden 
Reizen gibt Scherner einige eigentümliche Beispiele. Auch Weygandt, 
z. B.: 

„loh träumte, ich wollte den Eiffelturm in Paris ersteigen und 
klomm bereits mit harter Mühe eine Treppe nach der,' andern in einem 
großen geräumigen Gebäude empor. Immer schwerer empfand ich das 
Steigen, immer melir aber auch den Drang, Urin zu lassen; ich suchte 
nach einem geeigneten Ort dazu, wobei ich durch große Säle mit 
Sehenswürdigkeiten, besonders alten Waffen komme. Immer mehr 
wächst meine Verlegenheit. Nach dem Erwachen verspüre ich Be- 
klemmung auf der Brust und Harnreiz; durch erstere war die Vor- 
stellung des Steigens verursacht, der Eiffelturm stammte von einem 
kurze Zeit vorher geäußerten Wunsch, Paris aufzusuchen, die Waffen- 
sammlungen usw. beruhen auf der Erinnerung an meinen nicht lange 
vorhergegangenen Besuch des Panoptikums und Zeughauses in Berlin. 

Eine direkte Verbindung des Hustenreizes im Kehlkopf und des 
Harndranges zeigte sich in einer Traumvorstellung, wo ich einen Luft- 
röhrenschnitt zu erleiden hatte und mir sodann der Urin durch die 
Kanüle am Halse auslief." 

(23) H. R. Traum. Vers.-Pers. Eräulein Theta. 

Ich wa/r in einsm großen Schlafzimrmr, mit einigen Levten» Es 
standen Blumen in einer Waschkanne auf dem Waschtische. Ich setzte 
die Blumen in Vasen und verschüttete dabei ziemlich viel, goß Wasser 
in eine Vase, die schon voU war, so daß vid Wasser über den Rand lief. 
Danach setzte ich die Waschkanne wieder ins Becken, aber bemerkte datm, 
daß ich die Kanne nicht ifhs Waschbecken setzte, sondern {das deuüich) 
in den Nachttopf, der im Becken stand. Einer der anwesenden Herren 



Neue Traumexperimente, 293 

machte dann eine spottende Bemerkung über diese verdächtige Kom- 
bination, (Erwaclit.) 

(24) Vers.-Pers. Alpha. 

Kombination: Harnreiz und Wunsch. Der Wunsch: wohnten 
mein Bruder (B.) und meine Cousine (A.) (die beide eben umgezogen 
sind) doch an demselben Ort; dann könnte ich Sie zugleich besuchen. 

Ich stehe auf einer Brücke, unter Bäumen, und suche Schultz vor 
dem Regen. Die Mutter ist auch dabei. Hohe steiTverne Brücke, in einem 
Meinen Orte. Links sehe ich eine Kirche, worauf sich ein lichtgrün 
hölzernes Brettbefindet, tvoraiif steht: Versammlung {oder Zusammenkunft'^) 
zu. ... . ^{den Namen kann ichn icht lesen). 

Ich frage einen Mann: ,, Wie heißt es hier denn eigentlich^ 

,,Hillegersberg und Roon; das ist üieinander gebaut, es ist sozu- 
sagen ein Ort." 

Walirscheinlich : „Hillegersberg = Nord- West von Eotterdam. 
Im norwestlichen Teil von Rotterdam wird die A. wohnen; wir haben 
auch gesagt: bei Hillegersberg. Und Roon =Krankenhaus == B. Hübsch 
wie der Traum hier selbst erklärt, wie der Ort doppelte Bedeutung 
liat: BüUegersberg und Roon ineinander gebaut, zu einem Ort ver- 
einigt. („Funktionelles Phänomen^*.) 

Danach mit meinem Vater bei eitler Art Morast. Wir laufen eine 
Strecke ins Wasser {etwas zu suchen oder zu sammeln, oder ich weiß nicht 
was). Zuerst bis zu den Knien, dann bis an die Brust; das Wasser ist 
sehr kalt. Mein Vater ist ganz gekleidet, trägt einen Überzieher, und ich 
habe Mitleid mit ihm, er ist nicht darangewöhnt, so ins Wasser zu kommen, 
und wenn er in diesen nassen Kleidern hinauskommt, wird er sich so 
erkälten. Er ist blaß und ich habe sehr mit ihm zu tun. Am Ende kommt 
das Wasser uns bis an den Hals und ich erwache. 

Der Vollblutanhänger Freuds wird nicht zögern bei der Deutung 
dieses letzten Teiles. Ob hier die schmerzhafte oder unangenehme 
Empfindung auf die früher besprochene Weise einen kräftig ver- 
drängten Wunsch aus der Tiefe holt oder durch Affektassoziation [eine 
Angst vor Krankheit oder Tod des Vaters nach oben bringt, ist 
schwierig zu entscheiden und interessiert uns hier auch weniger. Wir 
wollen aber bemerken, daß im zweiten Teil dieses Traums das 
psychische Moment (es sei welches es wolle) mit dem somatischen 
Momente zu einer symbolischen Vorstellung vereinigt ist, während 
dieses im ersten Teil nicht geschehen ist. (Wenigstens nicht so deuthch.) 



294 Jolian Stärcke. 

Der Harnreiz und der Wunsch wurden dort neben einander dargestellt. 
Es ist mir übrigens nicht deutlich, warum eine Wunscherfüllung und 
eine Darstellung somatischer ßeize im Traum immer zu einer sym- 
bolischen Vorstellung vereinigt werden müßten. Die Wunscherfüllung 
kann ganz abgespielt sein, wenn der somatische Eeiz erst auftritt oder 
kräftig wird, und Freud setzt doch voraus, daß der somatische Reiz 
bestimmte verdrängte Wünsche auslösen kann, die also nicht in Zu- 
sammenliang mit dem erst erfüllten Wunsch zu stehen brauchen. Wir 
berühren hier eine andere Frage. Freud betrachtet immer verschiedene 
Träume, die in einer Nacht geträumt werden, als ein Ganzes ; es kommt 
uns vor, daß ein zeitlieh auftretender, heftig somatischer (oder äußer- 
licher) Reiz eine Traumszene beherrschen kann (es sei denn als Wunsch- 
erfüllung oder nicht, kombiniert mit anderen Wünschen oder Ängsten 
oder nicht), ohne daß Zusammenhang mit anderen Traumszenen oder 
anderen Träumen derselben Nacht zu bestehen braucht. 

Der Schluß dieses Traums: „Am Ende kommt 'das Wasser uns 
bis an den Hals, und ich erwache" gibt uns die Gelegenheit, noch einmal 
deutlich auf einen Unterschied in der Denkart zwischen Freud und 
Scherner hinzuweisen. Freud denkt: der starke Reiz ist die Urso.clie, 
daß dieses geträumt wird. Der Traum weckt den Schläfer. 
Scherner denkt; „Der starke Reiz weckt den Schläfer, und dieselbe 
hohe Not, die den Schlaf zerstört, wird so dargestellt. Der 
Unterschied ist subtil, aber essentiell. 

Diese Frage wird auch berührt von Frensberg^): 
„Wenn man mitten aus dem Traum erwacht, was wohl immer 
in Affekt, meist in Angst und Not, eintritt, so ist es nicht der Inhalt 
des Traumes, der uns weckt, sondern wir erwachen, weil der körper- 
liche Reiz, der den Schlaf (lies: Traum) erzeugt, so stark w^urde, daß er 
den Schlaf unterbricht. Aus der körperlichen fortbestehenden Ursache 
des Träumens erklärt sich ferner, daß ähnliche Träume sich wieder- 
holen, und daß ein durch Erwachen abgebrochener Traum nach dem 
Wiedereinschlafen fortgesponnen werden kann." 

(25) Kombination: Wunschtraum und äußerlicher Reiz, 
Traum des Fräulein Theta. 

(Sie hatte um einen ihrer Finger einen Leukoplastverband, der 
ein wenig drückte. Abends hatte sie vernommen, daß Z. von einer 

^) Dr. Frensberg: Schlaf und Traum (Samml. gemeinverst. vriss. Vorträge, 
XX. 1885). 



Neue Traumexperimente. 295 

Höhe totgefallen war, und war beim Schlafengehen noch ganz unter 
dem Eindruck dieser Nachricht. 

Ich hörte, daß Z. wohl gefallen war, aber nur einen Finger ge- 
hrochen hatte {der in einem steifen Verhand tvar). {Ich tvar im Traume 
sehr erleichtert, und fand ein bißchen lächerlich, daß ich so sehr unterm 
Eindruck gewesen war.) 

(26) (Kombination: Wunschtraum? und äußerlicher Reiz. Linker 
Zeigefinger mit Leukoplast auf dem linken Mittelfinger befestigt.) 

Vers»-Person. Alpha. 

L Ich träume, daß ich bei unsrern neuen Klubgebäude die richtige 
Tür oder den Fahrstuhl suche. (Am vorigen Tag war ich dort gewesen, 
aber der Fahrstuhl funktionierte noch nicht.) 

II. Ein Mann hat eine spritzende Arterienwunde an seiner linken 
Hand. Anfangs kneife ich eine schwarze Gummiröhre dicht zusammen 
(das vermindert die Blutung), aber es spritzt noch. Jetzt kneife ich mit 
meiner linken Hand in seine linke Oberarmsgrube; ich fühle meinen 
Unken Zeige- und Mittelfinger hart kneifen in der Grube. 

Einige Male versuchte ich durch absichtlichen Darmreiz, Einfluß 
auf den Traum zu üben. Wenn es gelang, mit einem kräftigen Defäkations- 
drang zu erwachen, enthielt der Traum, der dem Erwachen unmittelbar 
vorherging, ein oder mehrere Symbole, welche Scherner als charak- 
teristisch für den „Darmreiztraum" bcsclirieben hat. 

Das begleitende Gefühl im Traume war ein Gefühl des Ekels 
oder ein beengendes Gefühl. Ein paar Male kam in zufälligen Darm* 
reizträumen ein eigentümliches gruseliges Detail vor (das Sehern er 
auch beschreibt): Läuse, welche man töten will und woraus kleine 
Läuschen hervorkriechen, so daß das gruselige Gewimmel fortdauern 
bleibt. 

(27) (Darmreiz-Harnreiztraum). Vers.-Pers. Alpha. 

(Aus dem Traum erwachen mit gefüllter Blase und dito Rektum. 

Ich sah, daß bei jemandem eine dicke Fäzesrolle ein paar Zenti- 
meter aus dem Anus zum Vorschein kam {Ekel); ich\sagte :\W ie bekommst 
du das wieder herein? 

{Später): Eine ganze Reihe von Arbeitern standen im Wasser und 
arbeiteten dort, sie liefen in einer Reihe und gingen immer tiefer ins 
Wasser; ich sah ihre Köpfe (mit Südwestern^) bekleidet) immer tiefer 

^) Südwester =- M'asserdichter Hut der Seeleute. 



29*1 Johan ötärcke. 

unterm Wasser gehen. Ich dachte: Sie können es doch nur toenige Äugen- 
blicke %mterm Wasser aushalten; sie werden furchtbar beengt werden. 
{Gefühl: angstvoll und beengt.) 

Darmreiz- und Harnreiz sind besonders angedeutet. 

Die Südwester sind wahrscheinlich „überdeterminiert", erstens 
als Regenhut, zweitens durch ihre Form, (Anthropomorphisierende 
Symbolisierung für Membrum, ebenso wie in Mythologie, Karikatur 
und Mode !) 

(28) Darmreiztraum, Vers.-Pers. Alpha. 

Ich laufe, in einem ziemlich finstem Wald, mit meinen nackten 
Füßen auf einem Weg, der ganz mit einer dicken Schicht (HundeyFäzes 
bedeckt ist. {Gefühl: Ekd, und etwas beengend.) 

(29) Darmreiztraum. Vers.-Pers. Alpha. 

Umsehen in einer neu^en Wohnungy armselige Zimmerlein. Ich 
öffnete die Türe von Kästchen^ um hineinzusehen. Zuletzt stieg ich eine 
Treppe hinauf y dde endete oben blind, sodaß ich nich weiter gehen konnte. 
Nur sah ich zur Seite in einer Mauer eine Öffnung, hoch, fast uner- 
reichboTy und ich dachte^ daß ich da hindurchkriechen müssen würde 
(beklemmendes Gefühl dabei). 

(30) (Zufälliger) Darmreiztraum von Fräulein Theta. 

Ich war in meinem Zimmer, und das drehte sich um eine große 
Zentrifuge. An den Wänden ringsum saß ein großer Bandwurm, mit 
großen Gliederungen, mit Stacheln darauf (Stacheln holländisch: stekels). 
Ich dachte : solange da^ Zimmer dreht, wird er gegen die Wcmd gedrückt, 
aber wenn das Zimmer still steht, ka/nn er nach unten kriechen. Ich sah 
das Tier mit wellenförmigen Bewegungen weiter kriechen, es war sehr 
gruselig. 

(31) (Darmreiz, verbunden mit Pollutionstraum,) Vers.-Pers. 
Alpha. 

Gartenerde, darauf liegt ein Weib, das {wie in einem Anfall) sich 
krümmt und auf der Erde kriecht. {Ekel.) Das Weib {das nackt zu sein 
scheint, aber es ist undeutlich) geht bisweilen \mit ihrem Oberkörper in 
den Grund, wie ein zappelnder Wurm oder eine Larve. Sie windet sich 
immer und verschwindet am Ende ganz in einer Höhle im Bod&n, {Ekel.) 
Ein großer Regenwurm {ux>hl ein Meter lang) scheint noch hinter ihrem 
Körper herzuschleppen. {Ekel.) 

Dann fange ich an diese wahnsinnige Frau zu hypnotisieren. Mitten 
zwischen den Menschen stehend, fixiere ich [sie und sehe an ihren Augen, 



Neue Traumexperimeute. 297 

daß sie die Kraft meines BUckes fühlt. Dann streiche ich sie über die Stirn 
und sage zu ihr, daß die Hoffnung auf Genesung schon der Anfang der 
Genesung ist. Dann sagt sie^ ich hätte in sie ejaculiert. Ich sage: das 
kann unmöglich sein. Dann koitiere ich sie, fühlen wie ich in ihren 
Körper dringe, {Pollution.) 

Einige Träume mit Fiißreiz, Vers.-Per. Alpha. 
(Tuch Sförmig um die beiden Knöchel. I. 

(32) Ich träume, daß das Tuch mir furchtbar tiefe Striemen in den 
Beinen gemacht hat; und daß außerdem auf meinem linken Beine ein 
großes Ulcus cruris dadurch entstanden ist. Ich sage, daß der Verstich 
mir das wohl wert ist. 

(33) (Tuch 8 förmig um den beiden Knöcheln; II. Erwacht auf 
der rechten Seite, aber halb auf den Rücken gedreht, wodurch die 
Nachtmarähnliche Angst verursacht wird.) Vers.-Per. Alpha. Im 
ersten Teil des Traumes war ich in einem Stoffladen. Ich stand 
oben an einem Grestell, worauf Stücke Zeug lagen. 

Dann rief ich um eine Leiter, um hinab zuklettem. M. holte eine 
Leiter herbei, die heraufgesetzt wurde. (Da wurde es ein bißchen ängstlich.) 
Dann war es ein hoher Turm {der Dom in Utrecht oder so etwas), und 
eine sehr hohe Leiter vrarde gegen denselben gestellt. Ich saß ganz oben 
an der Außenseite des Turms und wollte die Leiter hinuntersteigen. Unten 
stand eine Volksmenge, Ich versetzte einige Male (von oben her) die Leiter 
dadurch, daß ich sie eine Strecke weiter niedersetzte und dann die zwei 
Füße über die Straße wi-eder na^ch dem Turme zog, denn ich dachte : wenn 
die Leiter stark geneigt steht, so neigt sie sich zu sehr {oder bricht), wenn 
ich auf den urUern Teil komme ; und vyenn sie sehr steil steht, dann falle 
ich auf dem obern Teil mit der Leiter rückwärts. (Spezielles nachtmar- 
ähnliches Gefühl bei der Vorstellung vom Stehen [auf großer Höhe] 
auf einer Leiter, die fast gerade an der Mauer steht.) 

Ich versetzte nochmals die Leiter, dann stand ein Tilbury {oder 
ähnlicher Wagen) ganz nahe; und das Pferd bäumte sich unmittelba/r 
vor der Leiter; ich fürchtete, daß das Pferd die Leiter umstoßen würde, 
und rief von oben: „Keine Pferde bei einer Leiter \" Kei^ie Pferde bei 
einer Leiter V Dann ging das Pferd fort und der Wagen wurde mit den 
Deichseln auf dem Boden stehen gelassen. 

Die Menge war lärmend, und aus demjenigen das sie sagten, verstand 
ich, daß sie mehr oder weniger darauf rechneten, mich den Hals brechen 
zu sehen. Ich dachte noch an die Möglichkeit, mich der Leiter entlang 



298 Johan Stärcke. 

nach unten gleiten zu lassen, aber dann würden meine Kleider durch die 
Reibung sofort durch sein und ich ivürde Arme und Beine verwunden 
{brennen). 

Auf einmal war ich unten bei der Leiter und sprach mit einem 
Manne, Ich sagte, daß ich ängstlich geivorden und eigentlich mich nicht 
recht mehr getraute nach oben zu gehen. Ich dachte: Soll ich mich nun 
diesen Menschen mutig zeigen, U7id dann vielleicht einen tödlichen Fall 
machen'i Der Mann fragte etivas,,*er meinte: ob ich eine Postkarte zu 
mir gesteckt hätt-e, mit letzten Grüßen und Anordnungen (für eventuelles 
Totfallen), Ich dachte an Z., zauderte zwischen Schreiben mit der Aussicht 
tot zu fallen, oder nicht schreiben, in guter Hoffnung, und tvolüe es lieber 
nicht mehr wagen, {Erwacht,) 

(34) Tuch 8 förmig an den beiden Knöcheln, III. Vers.-Pers. 
Alpha. 

Ich sehe, über den Häusern, eine Art schmale herumlaufende Bahn, 
worauf zwei Herren {Neger) mit braunen Überziehern auf Rollschuhen, 
Ein beklemmendes Gefühl, wenn sie einander mit Mühe passieren auf 
der schmalen Bahn, einander fortschieben, um vorbei zu können. 

(35) Vers.-Pers. Alpha. Kombination: Harnreiz, Fußreiz, heftiger 
Herzschlag, Wunscherfüllung. 

(Mttags begegnete ich unerwartet meiner Mutter mit der Jo H. 
Da dachte ich einen Augenblick nach, ob ich Jo H. küssen sollte, tat es 
aber nicht, weil meine Mutter dabei war. Abends zwei Tassen Tee, 
dann ins Theater. Auf einmal meinte ich, daß eine schwarz gekleidete 
Dame auf der Bühne (schräg rechts von mir) die Frau des S. sei, und 
danach blieb ich eine Weile unsicher, ob sie es war oder nicht. Zu Hause 
noch drei Tassen schwachen Tee, Handtuch um linken Fuß, drückendes 
Gefühl um Fuß und Achillessehne. Eingeschlafen und erwacht auf der 
rechten Seite.) 

Erste Szene: Bei einem großen Terrain wo man Häuser baut. 
Vor mir steht in d^r Tiefe ein Mann mit einer Schaufel und grabt und 
schöpft gelben Sand auf, wirft eine Schaufel vor meinen Füßen nieder. 
Ztvischen den Teilen des Terrains sind breite Gräben mit braunem Wasser, 
Ein großes Terrain ist ganz gepflastert mit großen flachen Stücken braunen 
Steines, Ich sage {ungefähr): „Also die Teiche sind nicht mshr da'' Ich 
meinte: es ist aus mit der kleinen Gegend von Gemüsegärten, Wegen, 
Gräben; es wird bebaut. Wahrscheinlich eine Remineszenz: heute traf 
ich in der A. D.-Straße jemand, der klagte, daß' seine schöne Aussicht 



Neue Traumexperimente. 299 

verschwunden war, weil die andere Seite der Straße bebaut worden war. 
Ängstlicher Gedanke vom Senken des Bodens, und ich sage: ,,0, aber 
dieser Boden wird sich wohl noch einmal senken, bevor Häuser darauf 
stehen/' Jemand anders sagt noch, daß es gut ist, daß es bebaut wird, 
und ich sage: „Es ist das Terrain am Ende der P.]C. Hooftstraße/' {Das 
war eine Versprechung, und ich verbesserte es: „am Ende des Willems- 
parhveges, bei jenem Hohgäter. 

Zweite Szene: Irgendwo auf einem Weg, mit Jopie D, und einigen 
Leuten. {Wir gehen dort und geraten in Mißhelligkeiten ^ die sich langsam 
steigerten, mit Männern aus jener Gegend, welche weiße Tücher um den 
Kopf trugen, es schienen Arabier zu sein; es entsteht ein immer zu- 
nehmender TumuU.) 

Ein großes Tier kommt, scheu geworden, den Weg hinunter gerannt, 
ein großes hohes Kamel, ein gelbes Kamel; unten an seiner einen Pfote 
hat es eine abgeriebene kahle, enthaarte Stelle.] 

(Später, als ich mich nach dem Erwachen daran erinnerte, dachte 
ich einen Augenblick, ob es nicht mehr einer Giraffe glich. Es war so 
ein hohes, hartgaloppierendes, gelbes Tier.) 

Der Reiter konnte das Tier nicht halten, 'und es rannte mit vielem 
TumuU zwischen uns durch. Dann kam noch ein Mann auf einem Pferd, 
das lief auch scheu und quer über den Weg; der Reiter wütend an den 
Zügeln reißend. 

Dann kam dieser Reiter auf mich zu, mit einem Dolche drohend. 
Ich verbarg mich hinter J., und sagte: „Rede \du mit ihm." 3. fing 
an quasi Arabisch {oder so etwas) zu reden. Dann kam! wieder ein Arabier 
auf mich zu, mit einem Dolchmesser in der Hand. Plötzlich hatte ich einen 
Revolver und schoß auf ihn: pang-pang. Er fiel nieder. (In meinem 
Traum war Ich erstaunt über die zwei Schüsse [pang-pang].) 

Aber es kamen zwei, drei, im'iner mehr auf mich zu,- mit Dolchen 
und mit Schwertern schwingend. Ich schoß, mit meinem Revolver pang- 
pang; pang-pang; pang-pang. Sie drangen auf mich ein, ich konnte sie 
fast nicht schnell genug erschießen. Ein paar gingen sofort um Hilfe 
zu holen. Ich hörte die Stimtne des J., komisch erzählend: kommen deren 
vier, erschießt du deren vier. {Dann mit Nachdruck, komisch:) „Dann 
kommen sie mit dem ganzen Stamme, nimmst^ du eine MitrailleuseY' 

Dritte Szene: In einer niedrigen Hütte; Ich stelle mich auf den 
Ofensims, Auf einmal (als ob ich erwachen wollte und dazu im 
Traume drauf losschlug, wie ich es ehemals in meinen Träumen wohl 



300 Johan Stärcke. 

machte; zugleich der Gedanke, es vorsichtig zu tun, damit ich nicht 
erwache) : 

Ich stoße mü meinem Fuße einige Sachen um, die auf diesem 
Ofensims stehen^ eine Flasche Milch fäüt um und die Mikh strömt 
daraus. Rechts oben lange ich n,ach einer kleinen Luke, öffne diese und 
sage: „Was werden %vir jetzt wieder habenV Darauf tritt eine junge Dame 
daraus hervor, ganz in Schwarz gekleidet; um den oberen Teil ihres Ant- 
litzes ist wie ein Kranz ein schwarzer Zopf gewunden {falsches Haar^ 
wie unier den Hüten getragen wird; ein paar Ringe übereinander). 

Ich sehe ihr hübsches Gesichtchen nur teilweise, rotes Mimdchen 
und dann durch die Maske des schwarzen Haartressenkranzes sehe ich 
die Augen glänzen. Ich küsse sie, und sage dann: „Ja, ujer sind Sie 

eigentlich V Sie sagt: „Wenn ich nicht unißte, wer ich bin {verspricht 

sich), wer du bist, hätte ich nicht erlaubt, daß du mich küßtest/' 

Ich schaue sie noch einmal gut an und erkenne sie, sehe, daß es 
Lizy {meine Cousine) ist (d. h. in meinem Traume dachte oder sagte 
ich: ,,0 es ist Lizy," und dachte dabei an meine Cousine, jobgleich es 
ihr Antlitz nicht war !) Sie zeigt das schwarze Modekranzding um ihren 
Kopf, und sagt: „Das habe ich von Doktor H. geliehen bekommen. 

Dann kommt noch eine junge Dame zum Vorschein und das ist 
Mary H., auch mit so einer Art Ding um ihren Kopf; aber sie erkenne 
ich sofort. Ich küsse sie auf die Wangen und auf den Mund vmd denke 
dann: „Sie wird es nicht sonderbar finden, daß ich sie so vielmal küsseV^ 
(Erwaeht.) 

Dann überlegte ich den Traum einige Male, um nichts zu ver- 
gessen. Dabei fiel mir folgendes ein. Ich hatte daran gedacht, Jo H. eine 
Postkarte zu schicken, und bei mir selbst als Überschrift gedacht 
Liebe Jopie. 

Als ich erwacht war, hörte ich wohl eine Viertelstunde in der 
Stille der Nacht das Pang-pang, Pang-pang meines Herzens heftig 
klopfen durch meinen Körper und Kopf. (Wie oft in der Nacht wenn 
man viel Tee getrunken, das Herz ziemlich heftig pocht^). 

Den letzten Sonntag hat Lizy (die Cousine) mich gebeten, noch 



*) Ein gleiches Beispiel vom Einfluß des heftig pochenden Herzens auf 
den Trauminhalt erwähnt Havelock Ellis: 

„ a dreamer awoke from a disturbed sleep associated with iadigestion, 

having the impression that burglars were tramping upstairs, but immediately 
realised that the tramp of the burglars' f eet was really the beating of her own heart. '* 



l^ene Traumexperimente. 301 

zwei solche Dinge für sie zu bestellen (n. 1. Mutterkränze, pessaria 
occlusiva). 

In dem ich halb einschlummerte (hypnagoger Zustand), kamen 
offenbar die dazu gehörigen Assoziationen ganz leicht. Auf einmal 
tauchte etwas auf, rasch und flüchtig (aber ohne daß ich mir Mühe gab): 
wie ich die junge Dame in Schwarz sah, wie ich versuchte, ihr Antlitz 
in meiner Erinnerung zurecht zu bringen. Die Schaaispielerin in Schwarz 
(gestern abend), die ich für die Frau des S. hielt, die auch Lizy heißt ! 

Zugleich erwachte ich wieder mit einem Schrecken, versuchte, 
das Gefühl, das mir diesen Gedanken brachte, festzuhalten, aber es 
war gleich wieder weg. Genau wie nach einer ,,fausse reconnaissance'', 
wenn diese wieder verblaßt und man vergebens versucht, das Gefühl 
d?s Wiedererkennens zu behalten. Ich war bewegt. Es war wie eine 
klare Luftblase gewesen, die von dem finstern Boden eines Grabens 
emporsteigt, die Oberfläche erreicht, noch einen Augenblick liegen 
bleibt und dann zerstiebt und verschwindet. 

Mit Vermeidung der Schwierigkeiten der (ohne Zweifel anwesenden) 
Freudschen Momente können wir uns den Einfluß der angewandten 
Reize, wie umstehend skizziert, vorstellen. 

(36) Versuchsperson Alpha. Kombination: Harnreiz, heftige 
Herzwirkung, Wunde an der Oberlippe, schmerzhaft trockener Rachen, 
"Wunscherfüllung. 

(Abends 11 Uhr Spaziergang zum Hause' des V., wo von seinen 
Freunden eine Mezuzos (Gesetzrolle) mit einem Gedicht darin an 
den Türpfosten genagelt wurde. Das mußte heimlich geschehen, d^.mit 
der Nachtwächter es nicht bemerke. Als ich zu Hause kam, nahm 
ich zwei Schnitten Brot und vier Tassen Älilch. (Nachdem ich abends 
mehrere Tassen Tee getrunken hatte.) Dann lief ich im Dunkeln mit 
meiner Oberlippe gegen eine Tür und schlief ein mit Schmerzen in 
meiner Lippe. Ich erwachte mit Harnreiz und einem unangenehm 
trockenen Rachen (dadurch daß ich mit weit geöffnetem Munde ge- 
schlafen hatte), und mit einem stark klopfenden H-^rzen. 

I. Ich ivar mit der L. X. in einem Saal, alkin. Sie stand gegen 
mich gelehnt; einander mit den Armen umschlingend, gingen wir langsam 
{ich voraus, sie hinterher). Ein sanft angenehmes Gefühl der Wonne war 
dabei. Ich dachte auch noch daran, daß sie gravida ist, und daß dieses ihr 
so nett und lieb steht. 

IL Ich saß bei J, auf der Bank und X. nahm Abschied von den 
Leuten, und wollte sie dabei alle l'üssen. Das kaw viir ziemlich unan- 



302 



Johan Stärcke. 



Gesehene Graben. 
Gelber Sand. 

Braunes Wasser, 
{Ekelhaftes braunes 

Wasser), 
Stücke braunen Steines, 



Harnreiz. 



■ Darmreiz. 



^ Ängstlicher Gedanke vo7i\ 
Wegsinken des Bodens,} 



Darmreiz. 



Der Terrain mrd bebaut Reminiszenz der 

A. D.-Straße. 



Das Ende der P, C-Hoofi- 

Straße. 
(Versprechung für Ende des 
Parkweges.) 



Jopte- 



Lizy (Cousine). — 

I Vielleicht: 
Wo Z. wohnt. 

Eranz aus 
schwarzem Haar . 
(Modekranz.) 
-^Dr.H. J- 



Eine Milchflasche fäUt um. 

Auf den Kaminsims = Mitte 
der Zimmerhöhe (= Körper- 
höhe). 

Luke oben im Zimmerwand = 
Augenhöhe. 

Schwarze Dame, die ich zu 
erkennen versuche, 

\ 

Jene Schausfiehrin^ 

\ 

Die Frau des S. 

\ 

>■ Lizy, 



Mutterkranz (?) 
Jopie H. 



Einige Leute laufend. 
Hohes gelbes Kamd, rennend, 

I >■ (Harnreiz.) 

Unten an seiner einen Pfote 
eine geschabte^ kahle, ent- 
haarte Stelle. 



Fußreiz. 



Mary H , kiissen- 
(obgleich ich be- 
denke,obesnicht 
sonderbar ist). 



Drohende Dolche und Schwerter 
Revolver pang-j)ang ; pang-pang 
Stoße mit meinem Fuße, 



Den Kuß, den ich 
Jo. H. zugedacht 
hatte, gebe ich in 
meinem Traume 
doppelt und mehr. 

Stechen von Harnreiz oder Fußreiz, 

Heftige Herjzwirkung. 



Neue Traumexperimeate. 303 

genehm vor. Als er hei jemandem links von mir tvar, dachte ich: das ist 
vielleicht so eine besondere FreundlichJceü^ welche entsteht dadurch, daß 
du es grad umgeJcehrt meinst. Ich wollte, als er bei mir war, sein Antlitz 
Jcaum mit meitien Lippen berühren, was wir schon ein widerliches Gefühl 
in den Lippen gab. Dann dachte ich: vielleicht tut er es, mn zu sehen ob 
ich verweigere ihn zu küssen, und dann daraus etwas zu schließen in bezug 
auf mich und seine Frau. {Gleich so wie mit dem Judaskusse, dachte ich.) 

III. Mit jemandem durch endlose Gänge und Treppen, um nach 
einem Laboratorium zu kommen. Am Ende kaynen wir an Portalen 
vorüber, wo schon Kochflaschen, Röhren auf Ständern, Reagensgläser- 
gestelle standen. {Zum Beweis^ daß wir uns dem Laboratorium näherten.) 

Zum Schluß im Laboratorium. Wir hatten die Absicht, dort etwas 
zu tun, was eigentlich nicht erlaubt war, etwas was heimlich geschehen 
mußte. Es standen dort viele Sachen die leicht ins Schwanken gerieten. 
Ein großes Gestell mit langen, großen Pipetten, ein weißer Elementtopf, 
gegen denselben lehnte ein mit Flüssigkeit gefüllter Sack. Es 'glich einem 
papieren Sacke, voll rötlicher oder gelbrötlicher {das weiß ich nicht mehr 
germu) Flüssigkeit, 

Ich versuchte diesen Sack mit '/neinen zwei Händen ein wenig 
aufrecht zu setzen, aber ich verschüttete etwas und der Sack fiel, es lief 
eine Menge Flüssigkeit heraus, eine ganze Pfütze. Ich setzte schnell den 
Sack wieder so gut wie möglich aufrecht. 

Da kamen Leute vom Laboratorium herbei, und ich gab eine Er- 
klärung wieso das kam, wobei ich ausführlich erklärte vom Lehnen gegen 
den weißen Topf. 

IV. Ich kam mit T. eine Treppe herauf. Es war dort ein großes 
Buch aufgestelUj mit Bildern von Dulac. Jemand sagte, daß in diesem 
Buche aitch alle die übrigen Illustrationen von Dulac seien. {Ich ver- 
wechselte offenbar Dulac und Rackham ein bißchen, denn ich dachte auch 
an Bilder von Rackham und ich fragte: ,,Auch der Schiffbruch von 
ShakespeareV ,,Ja,'' sagte der Herr). (Es ist nicht der Schiffbruch, 
sondern der Sturm von Shakespeare, der von Dulac illustriert worden 
ist.) 

Dann fronte ich: was kostet es'i {n. l. der Eintritt). Zehn Gulden, 
sagte jemand. Ts Vater saß auch dabei und lachte. Ich holte mein Porte- 
monnaie hervor^ sah hinein und sagte erschreckt: so viel habe ich nicht 
bei mir. Es kostete aber nur drei Gulden fünfzig. Ich holte einen Reichs- 
taUr und einen Gulden heraus, aber besann mich dann und sagte zu T.: 
Es wäre doch wohl ein bißchen schade. Ich werde lieber warten, bis ivir 



304 Jolian Stärcke. 

das Buch einmal kaufen können. Dann waren ^iästige Bettkrjungen da. 
Zwei davon waren Meine, widrige Bvben, die drängten immer an mich 
heran, und ich gab ihnen Schläge auf den Kopf um sie wieder fortzu- 
schaffen. Aber sie drängten doch immer auf mich zu, ekelhaft, mit Läuse- 
köpfen und schmutzigen Nasen. Ich sah die Ixmse noch einmal so groß 
und deutlich und ekelhaft. Ich schlug sie um die Köpfe: flang-flang. 
Dann ging ich mit T, die Treppe wieder herab, ein bißchen unruhig, 
daß ein großer Vagabund , der dabei war, uns folgen würde, um auf der 
Straße Händel zu suchen. Damm sagte ich, indem ich hinunterstieg {ich 
ging voran) mehrmals zu T.: ,,come ahng** (oder komm doch mit, oder 
so etwas, um Eile zu machen). Als wir unten tvaren, wollte ich erst gerade 
ausgehen, es sah in dieser Richtung dunkel aus, ich glaube, es war die 
Seite wo das Nilpferd ist {im Artis)^, aber T., die dort besser den Weg 
kannte {inArtis), sagte: du gehst irrig; wir müssen nach der linken Seite. 
Aber da sahen wir, wie der große Vagabund uns schon verfolgte, in 
Sprüngen näherte er sich, mit geballten Fäusten kam er auf mich zu, 
ich sa^e noch einige Male: ,, Bitte, fangen Sie hier nicht an zu fechten,'' 
warf aber mittlerweile meinen Hut nach links der T. zu. Der Vagabund 
bückte sich plötzlich {um mich bei den Füßen zu packen), da schlang ich 
meinen rechten Arm um seinen Hals und zog ihn möglichst kräftig 
herum. 

(Da erwachte ich» mit weit geöffnetem Mund, sehr trockenem Mund 
und Rachen und ein bißchen Harnreiz. Ich fühlte noch das Klopfen 
des Herzens.) 

Ist das nun nicht merkwürdig? Es sind vier besondere Träume 
oder Traumbilder. In dem ersten spielt eine Wunscherfüllung die 
größte Rolle. In dem zweiten die unangenehme Empfindung der ge- 
quetschten Lippe, welche andere schmerzliche Situationen auslöst ; 
im dritten der Harnreiz mit einer Menge von Symbolen. (Die Miktion 
ist etwas, das [jetzt] nicht erlaubt ist, ebenso wie der Spaß, den wir 
gestern gemacht, eigentlich nicht erlaubt war.) Im vierten kommen 
(außer einem schwer zu entwirrenden Knoten Preudscher Momente !) 
Bröckchen Erinnerung an den Vorabend vor, welche, wie Steine von 
einem zertrümmerten Haus, in ein anderes G-e bände hineingepaßt 
sind. Hier sind einige davon: 

V. heißt Edmond V. Der Name Edmond ist gestern abend auch 
ein paar Male genannt worden. Edmond 

(Edmund Dulac). 

^) „Artis" = Nrttura artis jiiagistra, der zoologische Garten zu Amsterclain. 



Neue Traumexperimente. 305 

Auch redeten wir von der „Jopiade, Abenteuer der Tischronde 
des Jopie, statt der Tischronde König Arthurs'*. Arthur 

(Arthur Kackham). 

Gestern abend sagte jemand: „Wenn das Annageln der Mezuzcs 
mißlingt, dann ist es „Der Schiffbruch der Mezusa". (Titel eines be- 
kannten Buches: „Der Schiffbruch der Mec^usa'*.) 

Der Schiffbruch. 

Ich fürchte, daß naeine Traumphantasie so unhöflich gewesen 
ist, wegen meines weitgeöffneten Mundes, an ein Nilpferd zu denken. 

Von Artis war gestern abend die Rede. Wir redeten über Y. 
(jemand, der seines außerordentlichen großen Mundes wegen etwa an- 
gedeutet wird als ,,das Breitmaur'). Ich sagte: vielleicht ist Y. in 
N. A. M. gekommen und wiederholte dann für jemand noch einmal: 
„Natura Artis Magistra". 

Vielleicht geht die Assoziation so: Y. — Breitmaul — Nilpferd. 
Weil es aber in jener Kichtung so beängstigend dunkel war, denke 
ich, daß es wahrscheinlich auf die beginnende Beengtheit hinzeigt, 
welche vom weitgeöffneten, schmerzhaft trockenen Munde und Rachen 
verursacht wird. 

Am Ende haben all diese Reize zusammen den Schlaf über- 
wunden. 

Nur zu sehr war ich mir der Un Vollständigkeit dieser Experimente 
bewußt, der Unzulänglichkeit der Methode und des Fehlens von be- 
stimmten Schlußfolgerungen. Auch verhehle ich mir nicht, daß hier 
mancherlei Einwände geäußert werden können. Doch glaubte icl: auf 
diese Weise wohl noch einmal erläutern zu dürfen : der Traum ist kein 
unerreichbares Geschehen, sondern ist dem Experimente zugänglich. 

Die Ausführlichkeit der einleitenden Bemerkungen findet seine 
Entschuldigung im großen Interesse, das wir für den Traum fühlen, 
seitdem Freud gezeigt hat, daß Träume deuten keine leere Phantasie 
genannt werden darf. Und Freud steht nicht mehr allein. Eine Schar 
von Schülern mit ihm bringt uns die überraschende Nachricht, daß 
der Traum — dieses zarte Gewebe, dieser verschwindende Schein — sie 
zur Lösung von Problemen der Individual- und Massenpsychologie 
geführt hat, wonach die Weisheit der Wachenden so lange vergeb^^jis 
gesucht hat. 

Hat die Freudsche Schule wirklich im Traume einen Zugang 
zu den Geheimnissen und Abgründen der menschlichen Seele entdeckt? 

Jahrbuch für psjchoanalyt. und psychopathol. Forschungen. V. 20 

2 0^ 



306 Johan Stärcke. 

Oder werden wir uns wieder wenden müssen zu den Sprüchen 
des Jesus Siracli: 

„Wer Nichtiges sucht, findet Trug, und Träume versetzen die 
Toren in Aufregung. Wie einer, der nach einem Schatten hascht und 
dem Winde nachjagt, so ist der, der auf Träume vertraut. Einander 
gleichen Spiegel und Traum: das Bild des Angesichts gegenüber dem 
Angesicht. Was ist rein am Unreinen und was ist wahr an der Lüge f 
Viele gerieten durch Träume auf Irrwege, und sind gestrauchelt wegen 
ihrer Hoffnung. Wahrsagung und Zeichendeutung sind nichtig, und 
was du hoffest, sieht dein Herz." 



Versuch einer Darstelluiig der psychoaualytlschen 

Theorie. 

Neun Vorlesungen, gfehalten in New- York im September 1912 
von €• G. Jung« 



Meine Damen und Herren! 

Es scheint mir keine leichte Aufgabe zu sein, im gegenwärtigen 
Moment über Psychoanalyse vorzutragen. Ich sehe dabei ganz ab von 
der Tatsache, daß dieses Grebiet überhaupt — und dies darf ich wohl 
aus vollster Überzeugung versichern — zu den schwierigsten Problemen 
gegenwärtiger Wissenschaft gehört. Wenn wir diese Tatsache auch 
weiter nicht berücksichtigen, so begegnen wir ernstlichen Schwierigkeiten 
genug, welche die Darstellung des Lehrstoffes erheblich beeinflussen 
müssen. Ich kann Ihnen nicht eine wohlgegründete, sowohl nach der 
praktischen wie nach der theoretischen Seite elaborierte und abgerundete 
Lehre darbieten, denn das ist die Psychoanalyse trotz aller darauf 
verwendeten Arbeit noch keineswegs. Auch kann ich Ihnen nicht eine 
Darstellung der Lehre ab ovo geben, denn Sie besitzen in Ihrem, stets 
dem Fortschritte der Zivilisation huldigenden Lande einige treffliche 
Interpreten und Lehrer, welche bereits eine allgemeinere Kenntnis 
der Psychoanalyse dem wissenschaftlichen Publikum vermittelt haben. 
Des fernem hat Freud, der eigentliche Entdecker und Begründer 
dieser Richtung, in Ihrem Lande gesprochen und authentische Kunde 
von seinen Ansichten gegeben. Auch ich verdanke Amerika die hohe 
Ehre, bereits einmal Grelegenheit gehabt zu haben, über meine ex- 
perimentelle Grundlegung der Komplexpsychologie sowie über die 
Anwendung der Psychoanalyse in der Erziehung sprechen zu können. 
Unter diesen Umständen werden Sie leicht begreifen, daß ich mich scheue, 
bereits Gesagtes, Gedrucktes und Gelesenes noch einmal zu wieder- 

20* 



308 C. G. Jung. 

holen! Eine weitere Schwierigkeit, mit der ich zu rechnen habe, ist 
die Tatsache, daß vielerorts außerordentlich irrige Auffassungen vom 
Wesen der Psychoanalyse existieren. Es ist fast unmöghch bisweilen, 
sich vorzustellen, von welcher Art die irrtümlichen Auffassungen 
sind. Aber sie sind bisweilen so, daß man erstaunt ist, wieso ein wissen- 
schaftlich gebildeter Mensch auf dergleichen abenteuerliche Ideen 
kommen kann. Von diesen Kuriositäten zu reden, lohnt nicht, sondern 
es wird besser sein, Zeit und Mühe darauf zu verwenden, jene Fragen 
und Probleme der Psychoanalyse zu diskutieren, die ihrer Natur nach 
Anlaß zu Mißverständnissen geben. 

Es ist trotz vielfacher Hinweise und Erwähnungen eine vielen 
noch unbekannte Tatsache, daß z. B. innerhalb der psychoanalytischen 
Lehre im Laufe der Jahre erhebliche Veränderungen vor sich gegangen 
sind. Viele, die z. B. nur das Anfangswerk, nämlich die Breuer- 
Freudschen Studien über Hysterie, gelesen haben, sind heute noch 
der Meinung, daß die Hysterie, überhaupt die Neurosen nach der Auf- 
fassung der Psychoanalyse von sogenannten Traumata der frühern 
Kindheit herrühren sollen. Sie bekämpfen diese Lehre ahnungslos, 
denn sie wissen nicht, daß die sogenannte Traumatheorie schon seit 
mehr als 15 Jahren aufgegeben ist und durch eine andere Auffassung 
ersetzt ist. Da diese Wandlung für die ganze Entwicklung der psycho- 
analytischen Technik und Theorie von großem Belang ist, so sind wir 
genötigt, etwas mehr in das Detail dieser Wandlung einzutreten. 
Um Sie nicht mit nachgerade allgemeinbekannter Kasuistik zu lang- 
weilen, begnüge ich mich, Sie auf die Fälle des Breuer-Freud sehen 
Buches, dessen Bekanntheit in seiner englischen Übersetzung ich wohl 
voraussetzen darf, hinzuweisen. Sie haben dort z. B. den Breu ersehen 
Fall gelesen, auf den auch Freud in seinen Vorlesungen an der Clark 
University Bezug nahm, und aus dieser Lektüre erfahren, daß das 
hysterische Sjnnptom nicht aus unbekannten Quellen anatomisch- 
physiologischer Natur, wie die frühere gelehrte Meinung annahm, 
abstammt, sondern aus gewissen psychischen Erlebnissen von hohem 
Affektwert, sogenannten seelischen Verwundungen oder Traumata. 
Heutzutage wird wohl gewiß jeder sorgfältige und aufmerksame Be- 
obachter der Hysterie es bestätigen können aus reichlicher eigener 
Erfahrung, daß solche besonders peinlichen und schmerzhaften Erlebnisse 
tatsächUch öfter am Eingang der Hysterie stehen. Dies ist an sich 
eine Wahrheit, die schon den alten Ärzten bekannt war. Meines Wissens 
war es aber eigentlich erst Charcot, der, unter dem wahracheinlichen 



Versuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 309 

Einfluß der Lehre von Page vom ,,nervous shock", diese Beobachtung 
theoretisch nutzbar machte. Charcot wußte, wiederum unter dem 
Einfluß des damals neuerstandenen Hypnotismus, daß hysterische 
Symptome durch Suggestion erzeugt und zum Verschwinden gebracht 
werden konnten. Etwas Ähnliches ließ sich, wie Charcot dachte, 
bei den damals häufiger werdenden Unfallhysterien beobachten. Der 
Shock des Traumas wäre gewissermaßen der Moment der Hypnose, 
indem durch die Emotion eine momentane völlige Willenslähmung 
hervorgerufen würde, in welcher sich die Vorstellung des Trauma als 
Autosuggestion festsetzen könnte. Damit war die Grundlage für eine 
Theorie der Psychogene'ität gegeben. Es war aber noch fernem ätiolo- 
gischen Forschungen vorbehalten, diesen oder einen ähnlichen Mecha- 
nismus bei jenen Fällen von Hysterie nachzuweisen, die man nicht 
als traumatische Hysterien bezeichnen konnte. Diese Lücke im 
Wissen um die Ätiologie der Hysterie wurde durch die Breuer-Freud- 
schen Entdeckungen ausgefüllt. Sie wiesen nach, daß auch Hysterie- 
fälle gewöhnlicher Art, die man nicht als traumatisch bedingt ange- 
sehen hätte, doch jenes traumatische Element in einer anscheinend 
ätiologischen Bedeutung enthielten. Es lag daher für Freud, einen 
persönlichen Schüler Charcots, sehr nahe, in dieser Entdeckung quasi 
eine Bestätigung der Charcotschen Ideen zu erblicken. Die in der 
Hauptsache von Freud aus den damaligen Erfahrungen elaborierte 
Theorie trug daher den Stempel der traumatischen Ätiologie. Sie wird 
daher passend als Traumatheorie bezeichnet. 

Das Neue an dieser Theorie, abgesehen von den, puncto Gründ- 
lichkeit wahrhaft vorbildlichen Symptomanalysen, war die Auflösung 
und Ersetzung des Begriffes der Autosuggestion, die die ursprüng- 
liche dynamische Größe dieser Theorie war, durch detaillierte Vor- 
stellungen über die vom Shock ausgehenden psychologischen und 
psychophysischen Wirkungen. Der Shock oder das Trauma bewirkt 
eine gewisse Erregung, die unter normalen Umständen entäußert 
{,, abreagiert") wird, unter den Umständen der Hysterie aber ist das 
Erleben des Trauma ein unvollständiges, infolgedessen eine sogenannte 
,, Retention der Erregung" oder eine ,,Alfekteinklemmung" eintritt. 
Die beständig ,, potentiell" bereitliegende Erregungsenergie unterhält 
die Symptome, indem sie durch den Mechanismus der Konversion 
ins Körperliche übergeführt wird. Die Therapie hatte, dieser Auf- 
fassung entsprechend, die Aufgabe, die retinierte Erregung auszu- 
lösen, d. h. die verdrängten und konvertierten Affektsummen aus 



310 C. G. Jnng. 

den Symptomen gewissermaßen loszulösen. Sie hieß daher passender- 
weise eine „reinigende" oder kathartische und ihr Ziel war, die 
eingeklemmten Affekte , »abreagieren" zu lassen. Dementsprechend 
war jene Stufe der Analyse mehr oder weniger eng an die Sjmptome 
gebunden, d. h. man analysierte die Symptome oder ging bei der ana- 
lytischen Arbeit von den Symptomen aus, sehr im Gregensatz zu der 
heutigen psychoanalytischen Technik. Die kathartische Methode 
und die ihr zugrunde liegende Theorie ist, wie Sie wissen, in das Ver- 
ständnis der anderen Fachleute, soweit sie sich dafür interessieren, 
aufgenommen worden, auch hat sie in Lehrbüchern Würdigung ge- 
funden. 

Obschon die tatsächUchen Entdeckungen von Breuer und 
Freud unzweifelhaft richtig sind, wovon man sich ja leicht am ersten 
besten Hysteriefall überzeugen kann, so erheben sich doch gegen die 
Theorie gewisse Einwände. Zwar zeigt die Breuer-Freudsche Methodik 
mit wundervoller ELlarheit die Rückbeziehung des aktuellen Sym- 
ptomes auf die traumatischen Erlebnisse und die scheinbar zwingenden 
psychologischen Konsequenzen, die sich aus der anfänglichen trau- 
matischen Situation ergeben, aber es erheben sich trotzdem Zweifel 
an der wirklichen ätiologischen Bedeutung des sogenannten Traumas. 
Einmal muß dem Kenner der Hysterie die Annahme als zweifelhaft 
erscheinen, daß eine Neurose in ihrer ganzen Erscheinung auf Ereignisse 
der Vergangenheit, d. h. auf das Moment einer vorgängigen Dis- 
position bezogen werden kann. Es ist zwar heutzutage etwas Mode, 
daß man alle geistig abnormen Zustände, insofern sie nicht exogener 
Provenienz sind, als Ergebnisse hereditärer Degeneration auffaßt und 
nicht als wesentlich mitbedingt durch die Psychologie und die Umstände 
des Milieus. Das ist eine extreme Auffassimg, die den Tatsachen nicht 
ganz gerecht wird. Wir wissen z. B. in der Ätiologie der Tuberkulose 
sehr wohl die richtige Mittellinie zu treffen: zweifellos gibt es Fälle 
von Tuberkulose, wo der Keim der Krankheit seit früher Jugend auf 
hereditär vorbereitetem Boden unausrottbar wuchert, und wo die besten 
Umstände das Individuum vor dem Verhängnis nicht bewahren können. 
Es gibt aber auch Fälle, wo keine erbliche Belastung und keine 
individuelle Disposition vorhanden ist und trotzdem eine tötliche 
Infektion stattfindet. Diese Erfahrungen gelten auch auf dem Gebiet 
der Neurose, denn es wird dort nicht ganz anders zugehen als in der 
übrigen Pathologie. Eine extreme Dispositionstheorie wird ebenso 
unrichtig sein wie eine extreme Milieutheorie. Obschon nun die 



Versuch einer Darstellung der psychoaiialyt. Theorie. 311 

Traumatheorie eine ausgesprochene Dispositionstheorie ist und die 
conditio sine qua non der Neurose ina Trauma der Vergangenheit sucht, 
so hat doch die geniale Empirie Freuds in den Breuer-Freudschen 
Studien bereits Momente aufgefunden und dargestellt, aber damals 
noch nicht genügend theoretisch verwendet, welche mehr einer 
Milieutheorie entsprächen als einer Dispositionstheorie. Diese Be- 
obachtungen wurden von Freud damals schon in einen Begriff gefaßt, 
der berufen war, nachmals weit über die damalige Traumatheorie 
hinauszuführen. Dieser Begriff ist die ,, Verdrängung". Wie Sie 
wissen, versteht man darunter den Mechanismus einer Hinausverlegung 
eines Bewußtseinsinhaltes in die außerbewußte Sphäre. Wir nennen 
diese Sphäre das Unbewußte und definieren dieses als das uns nicht 
bewußte Psychische. Der Begriff der Verdrängung gründet sich auf 
alle jene zahlreichen Beobachtungen, daß Neurotische allein Anschein 
nach wichtige Erlebnisse oder Gedanken zu vergessen vermögen, und 
zwar so gründlich, daß es einem scheinen könnte, als hätten sie nie 
existiert. Derartige Beobachtungen sind von großer Häufigkeit und 
gewiß jedem, der seinen Patienten psychologisch näher tritt, wohl 
bekannt. So ergaben schon die Breuer-Freudschen Arbeiten, daß 
es geradezu besonderer Prozeduren bedurfte, um die gänzlich ver- 
gessenen traumatischen Erlebnisse wieder ins Bewußtsein zurück- 
zurufen. Ich erwähne hier beiläufig, daß dieses Faktum insofern er- 
staunlich ist, als man a priori nicht zur Annahme geneigt ist, daß der- 
artig wichtige Dinge vergessen werden könnten. Es ist daher schon 
vielmals von Kritikern das Bedenken geäußert worden, die unter ge- 
wissen hypnotischen Prozeduren herausgebrachten Erinnerungen seien 
bloß suggeriert und entsprächen keiner Wirklichkeit. Wenn schon 
dieser Zweifei sehr berechtigt ist, so wäre es doch ungerechtfertigt, 
damit prinzipiell die Verdrängung ablehnen zu wollen. Es gibt und 
gab nicht wenig Fälle, wo die Tatsächlichkeit verdrängter Erinnerungen 
bewiesen wurde durch objektive Bestätigung. Ganz abgesehen von der 
Fülle der Beweise dieser Art, haben wir die Möglichkeit experimentellen 
Nachweises für dieses Phänomen. Diese Möglichkeit gewährt das 
Assoziationsexperiment. Hier finden wir die bemerkenswerte Tatsache, 
daß Assoziationen j welche affektbetonten Komplexen angehören , 
bedeutend schlechter erinnert und ungemein häufig vergessen werden. 
Indem man meine Experimente nicht nachprüfte, hat man diese Kon- 
statienmg mitverworfen. Erst in jüngster Zeit hat Wilhelm Peters^) 
^) In Kraepelins psychologischen Arbeiten, Bd. VI, Heft 2. 



312 c. G. Jung. 

aus der Kraepelinschen Schule meine früheren Beobachtungen im 
wesentlichen bestätigen können, daß nämlich ,,die unlustbetonten 
Erlebnisse am seltensten richtig reproduziert werden". 

Wie Sie sehen, sind die empirischen Grundlagen des Verdrängungs- 
begriffes wohl gesichert. Außer der Tatsache der Verdrängung bedarf 
noch etwas an diesem Begriff der Erörterung. Es ist nämlich fragwürdig, 
ob man annehmen solle, daß die Verdrängung gewissermaßen einem 
bewußten Entschlüsse des Individuums entspringe oder vielleicht 
ein dem Individuum keineswegs bewußtes, mehr passives Verschwinden 
sei. In den Arbeiten Freuds werden Sie eine Reihe trefflicher Belege 
finden für eine sozusagen bewußte Tendenz, das Peinliche wegzudrängen. 
Jeder Psychoanalytiker kennt Dutzende von Fällen, bei denen es 
schließhch klar wird, daß es einmal einen Moment gab in ihrer Krankheits- 
geschichte, wo sie sich mehr oder weniger darüber klar waren, nicht 
mehr an den zu verdrängenden Bewußtseininhalt denken zu wollen. 
Eine Patientin sagte mir einmal sehr bezeichnend : ,, Je Tai mis de oöte". 
Auf der andern Seite aber muß auch anerkannt werden, daß es nicht 
wenig Fälle gibt, wo auch die feinste Ergrübelung kein bewußtes Zur- 
seitelegen respektive Verdrängen nachweisen kann, wo uns der Ver- 
drängungsprozeß vielmehr als ein passives Verschwinden oder Herunter- 
gezogenwerden der Eindrücke erscheint. Die Fälle ersterer Art machen 
denEindruck vollentwickelter Menschen, die nur eine besondere Feigheit 
ihren eigenen Gefühlen gegenüber zu haben scheinen* Die Fälle letzterer 
Art machen hingegen den schwereren Eindruck von Entwicklungs- 
hemmungen, indem bei ihnen der Verdrängungsprozeß viel eher mit 
einem automatisch tätigen Mechanismus verglichen werden kann. 
Dieser Unterschied dürfte in naher Beziehung stehen zu der vorhin 
skizzierten Frage der Milieu- und Dispositionstheorie. Nicht Weniges 
erscheint bei den Fällen ersterer Art von Umgebungseinfluß und Er- 
ziehung abzuhängen, bei den Fällen letzterer Art scheint das Moment 
der Disposition den Milieueinfluß zu überwiegen. Es ist evident, bei 
welchen Fällen die größeren therapeutischen Chancen liegen. 

Wie ich vorhin andeutete, enthält der Verdrängungsbegriff ein 
Element, das der Traumatheorie innerlich widerstreitet. Wir sehen 
z. B. in der von Freud gegebenen Analyse der Miß Lucy R., wie das 
ätiologisch bedeutsame Moment nicht in den traumatischen Szenen 
besteht, sondern in der mangelhaften Bereitschaft des Individuums, 
die sich aufdrängenden Einsichten gelten zu lassen. Weim wir nun gar 
der spätem Formulierang gedenken, die Sie in den ,,Sthriften zur 



Versucli einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. olo 

Neurosenlehre" finden, wo Freud sich auf Grund seiner Erfahrung 
genötigt sieht, in gewissen traumatisch wirksamen Erlebnissen frühster 
Kindheit die Quelle der Neurose zu erkennen, so drängt sich uns der 
Eindruck eines Mißverhältnisses auf zwischen dem Verdrängungs- 
und dem Traumabegriff: Der Verdrängungsbegriff enthält die Ansätze 
zu einer Milieutheorie, während der Traumabegriff Dispositions- 
theorie ist. 

Zunächst entwickelte sich aber die Theorie der Neurose ganz 
in der Richtung der Traumaauffassung. In wenig späteren Arbeiten 
gelangte Freud zu der Annahme, daß den späteren traumatischen Er- 
lebnissen des Lebens nur scheinbare Wirksamkeit beigemessen werden 
kann, indem ihre Wirkung nur denkbar ist auf Grund einer besonderen 
Disposition. Hier war offenbar das Rätsel zu lösen. Die analytische 
Arbeit führte bei der Verfolgung der Wurzeln hysterischer Sym- 
ptome zurück in die Kindheit, indem sich von der Gegenwart rückwärts 
Eines ans Andere reihte. Das Ende der Kette drohte in den Nebeln 
frühster Kindheit zu verschwinden. Gerade dort aber tauchten Er- 
innerungen auf an gewisse Szenen von aktiver oder passiver sexueller 
Betätigung, die in einem gewissen unzweideutigen Zusammenhang 
mit den nachfolgenden zur Neurose führenden Ereignissen standen. 
Über die nähere Art dieser Szenen mögen Sie die Schriften Freuds 
konsultieren sowie die zahlreichen, bereits publizierten Analysen. 
Daraus ergab sich die Theorie vom sexuellen Kindheitstrauma, 
welche auf erbitterten Widerstand stieß, nicht etwa aliein aus theo- 
retischen Gründen, die sich gegen eine Traumatheorie überhaupt 
erhöben, sondern gegen das Moment der Sexualität. In erster Linie 
empörte der Gedanke, daß die Kinder sexuell sein sollten, so daß der- 
artige sexuelle Gedankengänge in ihnen eine Rolle spielen könnten. 
In zweiter Linie war die Rückführung der Hysterie auf eine sexuelle 
Basis sehr unwillkommen, denn man hatte eben den trostlos sterilen 
Standpunkt aufgegeben, daß die Hysterie entweder eine uterine 
Reflexneurose sei oder auf sexueller Unbefriedigung beruhe. Natürlich 
bestritt man die Tatsächlichkeit der Freudschen Beobachtungen. 
Hätte man sich darauf beschränkt und hätte man die Opposition 
nicht mit sittlicher Indignation dekoriert, so wäre eine ruhige Diskussion 
möglich geworden. So wurde aber der Freudschen Schule in Deutsch- 
land der Kredit überhaupt abgeschnitten. Sobald die Frage auf das 
sexuelle Gebiet kam, erwachte der allgemeine Widerstand und die 
stolze Verachtung, Im Grunde genommen handelt es sich ja für den 



314 C. a Jung. 

wirklich wissenschaftlichen Menschen bloß um die Tatsachenfiage, 
ob die Beobachtungen Freuds richtig seien oder nicht. Man kann 
die Beobachtungen meinetwegen unwahrscheinlich finden, aber es ist 
unmöglich, daß sie a priori als falsch dürfen angesehen werden. Die 
Nachprüfung dieser Beobachtungen führte überall da, wo sie wirklich 
ernsthaft und gründlich gemacht wurde, zu einer absoluten Be- 
stätigung der psychologischen Zusammenhänge, nicht aber 
zur Bestätigung der ursprünglichen Annahme Freuds, daß es sich 
immer um wirkliche traumatische Szenen handelte. Auch Freud 
mußte auf Grund vermehrter Erfahrung bald nach dieser ersten 
Formulierung seiner Sexualtheorie der Neurose die ursprüngliche 
Annahme von der absoluten Realität des Sexualtraumas aufgeben. 
Jene Szene ausgesprochenen Sexualcharakters , sexueller Mißbrauch 
des Kindes oder vorzeitige sexuelle Betätigung des Kindes waren also 
zu nicht geringem Teil unwirklich. Man wird geneigt sein, anzunehmen, 
daß demnach die Vermutung der Kritik, die Ergebnisse der analytischen 
Forschung beruhten auf Suggestion, zu Recht bestünde. Diese An- 
nahme wäre wohl mehr oder weniger gerechtfertigt, wenn irgend ein 
Unberufener und Unqualifizierter in marktschreierischem Tone un- 
bewiesene Behauptungen vorgebracht hätte. Wer dagegen Freuds 
Schriften aus jener Zeit aufmerksam liest und selber versucht, in 
ähnlicher Weise in die Psychologie seiner Patienten einzudringen, 
weiß, daß es ungerecht wäre, einem Geiste, wie Freud, dergleichen 
plumpe Lehrlingsfehler zuzumuten. Dergleichen Zumutungen fallen 
auf den zurück, der sie macht. Man hat seither unter allen erdenklichen 
Kautelen, welche Suggestion gänzlich ausschließen, Patienten untersucht 
und trotzdem jene von Freud beschriebenen Zusanamenhänge in 
prinzipiell ähnlicher Weise wiedergefunden. Wir sind daher genötigt, 
zunächst anzunehmen, daß viele von jenen frühinfantilen Traumata 
rein phantastischer Natur sind, bloße Phantasien, während andere 
Traumata von objektiv konstatierter Realität sind. 

Mit dieser zunächst etwas verwirrenden Erkenntnis fällt die 
ätiologische Bedeutung des sexuellen Jugendtraumas in sich zusammen, 
denn es erscheint nunmehr gänzlich irrelevant, ob das Trauma wirklich 
stattgefunden hat oder nicht. Die Erfahrung lehrt uns, daß Phan- 
tasien quasi ebenso traumatisch wirken können wie wirkliche Trau- 
mata. Dem gegenüber wird nun aber jeder der Hysteriebehandlung 
kundige Arzt sich an Fälle erinnern, wo doch tatsächlich heftige, trau- 
matisch wirkende Eindrücke entschieden eine Neurose ausgelöst haben. 



Versuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 315 

Diese Beobachtung steht allerdings nur in einem scheinbaren Wider- 
spruch mit unserer vorhin besprochenen Erkenntnis von der Un- 
wirklichkeit des Infantiltraumas. Wir wissen ja, daß noch vielen anderen 
Menschen Traumata in der Einheit oder im erwachsenen Alter zu- 
stoßen, ohne daß daraus eine Neurose entsteht. Das Trauma hat daher 
ceteris paribus keine unbedingt ätiologische Bedeutung, sondern das 
Trauma wird, ohne dauernden Effekt zu hinterlassen, vorübergehen. 
Aus dieser einfachen Überlegung geht klar hervor, daß das Individuum 
eine ganz bestimmte innere Vorbereitung dem Trauma entgegen- 
bringen muß, um ihm zur Wirksamkeit zu verhelfen. Diese innere Vor- 
bereitung ist nun nicht im Sinne einer ihrer Substanz nach gänzlich 
dunkeln hereditären Disposition zu verstehen, sondern als eine psy- 
chologische Entwicklung, welche mit dem traumatischen 
Moment zum Höhepunkt und zur Manifestation gelangt. 

Ich will es nun zunächst einem konkreten Fall überlassen, Ihnen 
das Wesen des Trauma und seine psychologische Vorbereitung zu 
schildern. 

Ich kenne den Fall einer jungen Dame, die an schwerer Hysterie 
infolge eines plötzüchen Erschreckens litt. Sie war eines Abends in 
Gesellschaft gewesen und befand sich etwa um 12 Uhr nachts in Be- 
gleitung mehrerer Bekannten auf dem Heimweg, als plötzlich ein 
Wagen in schnellem Trabe von hinten herankam. Die anderen wichen 
aus, sie aber blieb, vom Schrecken gebannt, in der Mitte der Straße 
und rannte vor den Pferden davon. Der Kutscher knallte mit der 
Peitsche und fluchte, es half nichts, sie rannte die ganze lange Straße 
hinunter, die auf eine Brücke führte. Dort verließen sie die Kräfte, 
und um nicht unter die Pferde zu geraten, wollte sie in vollster Ver- 
zweiflung in den Fluß springen, konnte aber von Passanten daran ver- 
hindert werden. Diese selbe Dame aber geriet in St. Petersburg an dem 
blutigen 22. Jäimer zufälligerweise in eine Straße, die gerade vom 
Militär durch Salvenfeuer ,, gereinigt" wurde! Rechts und links von 
ihr stürzten die Menschen tot oder verwundet zu Boden, sie aber er- 
spähte in vollster Euhe und Geistesklarheit ein Hoftor, über weiches 
sie sich in eine andere Straße retten konnte. Diese schrecklichen Augen- 
blicke verursachten ihr keine weiteren Molesten. Sie befand sich nachher 
ganz wohl, sogar besser aufgelegt als gewöhnlich. 

Ein prinzipiell ähnUches Verhalten läßt sich häufig beobachten. 
Daraus ergiebt sich notwendigerweise der Schluß, daß die Intensität 
eines Traumas offenbar wenig pathogene (krankmachende) Bedeutung 



316 CG. Jung. 

besitzt, sondern es muß an den besonderen Umständen liegen. Damit 
ist ein ScHüssel gefunden, der die Disposition aufschließen könnte, 
wenigstens einen ihrer äußeren Vorhöfe. Wir haben also die Frage uns 
vorzulegen: Welches sind die besonderen Umstände der Szene mit 
dem Wagen? Die Angst begann, als die Dame die Pferde herantraben 
hörte; einen Augenblick erschien es ihr, als liege darin ein schreck- 
liches Verhängnis, als bedeute das ihren Tod oder sonst etwas Furcht- 
bares; da hatte sie die Besinnung schon ganz verloren. 

Das wirksame Moment geht offenbar von den Pferden aus. Die 
Disposition der Patientin, auf dieses unbedeutende Ereignis in einer 
so unzurechnungsfähigen Weise zu reagieren, dürfte also darin be- 
stehen, daß die Pferde ihr etwas Besonderes bedeuten. Es wäre zu ver- 
muten, daß sie z. B. einmal etwas Gefährliches mit Pferden erlebt 
hätte. Das trifft tatsächlich zu, indem sie als etwa Tjähriges Kind 
dabei war, als bei einer Spazierfahrt mit ihrem Kutscher die Pferde 
scheu wurden und sich in rasendem Laufe dem senkrechten Ufer eines 
tiefeingeschnittenen Flusses näherten. Der Kutscher sprang ab und 
rief ihr zu, ebenfalls abzuspringen, wozu sie sich vor lauter Todes- 
angst kaum entschließen konnte. Sie sprang aber doch noch im richtigen 
Moment ab, während die Pferde mitsamt dem Wagen in der Tiefe 
zerschmettert wurden. Daß ein solches Ereignis tiefe Eindrücke hinter- 
läßt, das braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden. Jedoch erklärt 
es nicht, warum später eine so ungereimte Keaktion auf eine ganz 
harmlose Andeutung erfolgen sollte. Wir wissen bis jetzt nur so viel, 
daß das spätere Symptom ein Vorspiel in der Kindheit hatte. Das 
Pathologische daran bleibt aber dunkel. 

Diese Anamnese, deren weitere Fortsetzung wir noch werden 
keimen lernen, zeigt sehr deutlich das Mißverhältnis zwischen dem 
sogenannten Trauma und dem Anteil der Phantasie, welch letzterer 
in diesem Fall ganz außerordentlich überwiegen muß, um aus einem 
so unbedeutenden Anlaß eine so große Wirkung hervorzubringen. 
Man fühlt sich zunächst genötigt, jenes frühe Trauma der Kindheitszeit 
zur Erklärung heranzuholen, jedoch, wie mir scheint, mit wenig Erfolg, 
denn wir verstehen nicht, warum die Wirkungen jenes Traumas so 
lange latent blieben, nur gerade bei dieser Gelegenheit sich zeigten 
und nicht schon bei allen jenen unzähligen Malen, wo die Patientin 
einem Wagen auszuweichen hatte, wohl viele Male unter denselben 
äußern Umständen. Das frühere Moment der Todesgefahr scheint ganz 
unwirksam zu sein, indem die reale Todesgefahr, in der sie schwebte, 



Yersucb. einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 317 

trotz der Vorbereitung durch ein eindrucksvolles Jugenderlebnis, 
nicht die geringste neurotische Folgeerscheinung hinterließ. An dieser 
traumatischen Szene ist also alles noch zu erklären, indem vona Stand- 
punkt der Traumalehre wir gänzlich im Dunkeln gelassen werden. 

Sie entschuldigen, meine Damen und Herren, wenn ich mit solcher 
Hartnäcldgkeit auf der Frage der Traumalehre insistiere. Ich erachte 
dies insofern nicht als überflüssig, als heutzutage auch von Leuten, 
die der Psychoanalyse in vielem nahestehen, noch jener alte Stand- 
punkt gepflegt wird, wodurch bei der Opposition, die unsere Arbeiten 
zum Teil gar nicht oder nur sehr oberflächlich liest, der Eindruck 
entsteht, als handle es sich in der Psychoanalyse immer noch um 
Traumalehre. 

Es erhebt sich nun die Frage, worin die Disposition bestehe, 
welche dem an sich unbedeutenden Eindruck zu dieser pathologischen 
Wirkung verhilftl Dies ist eine Frage prinzipieller Bedeutung, die, 
wie wir noch sehen werden, überhaupt in der Neurosenlehre von größtem 
Belang ist; handelt es sich doch darum zu wissen, warum die relativ 
irrelevanten Erlebnisse der Vergangenheit noch diese Bedeutung 
haben, daß sie in dämonisch-kapriziöser Weise die Reaktionen unsere>s 
aktuellen Lebens stören können. 

Die anfängliche Richtung der psychoanalytischen Lehre und 
die späteren Anhänger dieser Richtung taten ihr Möglichstes, in der 
besondern Axt jener traumatischen ürerlebnisse die Gründe für ihre 
spätere Wirksamkeit zu entdecken. Freud drang am tiefsten: er sah 
zuerst und als Einziger, daß ein gewisses sexuelles Element sich zum 
traumatischen Ereignis mischte und daß dieser Beimischung, welche 
allgemein als unbewußt zu gelten hat, die traumatische Wirkung in 
der Hauptsache zu verdanken ist. Die Unbewußtheit der Sexualität 
in der Kindheit schien in wesentlicher Hinsicht das Problem der lang- 
andauernden Konstellation durch das Urerlebnis zu erleuchten; indem 
die eigentliche emotionale Bedeutung jenes Erlebnissses dem Indi- 
viduum andauernd verborgen blieb, so daß auch keine ,,Usur". keine 
Abbrauchung jener Emotion durch das Bewußtsein zustande kommen 
konnte. Man könnte sich diese langdauernde konstellative Wirkung 
etwa erklären nach Art der ,, Suggestion ä echeance", die ebenfalls 
unbewußt ist und nur im verabredeten Momente ihre Wirksamkeit 
entfaltet. Ich brauche wohl nicht ausführliche Beispiele dafür bei- 
zubringen, wieso sexuelle Betätigungen der infantilen Epoche in ihrem 
eigentlichen Charakter nicht erkannt werden. Dem Arzte ist die Tat- 



318 C. G. Jung. 

Sache geläufig, daß z. B. offenkundige Masturbation bis in ein er- 
wachsenes Alter namentlich von weiblichen Individuen nicht als 
solche verstanden wird. Es ist daraus zu entnehmen, daß ein Kind 
noch viel weniger des Charakters gewisser Handlungen sich bewußt 
ist; daher dann die eigentliche Bedeutung dieser Erlebnisse bis ins 
erwachsene Alter dem Bewußtsein verborgen bleibt; eventuell werden 
auch die Erlebnisse selber überhaupt vergessen, sei es, daß ihre Sexual- 
bedeutung dem Individuum überhaupt unbekannt ist, oder sei es, 
daß ihr Sexualcharakter aus Gründen der Peinlichkeit nicht anerkannt, 
d. h. verdrängt wird. 

Wie schon erwähnt, führte die Beobachtung Freuds, daß die 
Beimischung eines sexuellen Elementes zum Trauma ein charak- 
teristischer Begleiter der pathologischen Wirksamkeit ist, zu der 
Theorie des sexuellen Infantiltraumas. D* h. die nunmehrige 
Hypothese lautet: das pathogene Erlebnis sei ein sexuelles. 

Dieser Annahme stand zunächst das allgemein verbreitete Urteil 
im Wege, daß Kinder in früher Jugend noch gar keine Sexualität be- 
säßen, weshalb eine derartige Ätiologie undenkbar sei. Die bereits 
besprochene Änderung in der Traumaauffassung, daß nämlich das 
Trauma in der Eegel gar nicht wirklich, sondern im wesentlichen 
nur Phantasie ist, macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil müssen 
wir im pathogenen Erlebnis nach dieser Veränderung der ursprüng- 
lichen Auffassung erst recht eine positive sexuelle Betätigung der 
kindlichen Phantasie erblicken. Es ist nicht mehr ein von außen ein- 
wirkender brutaler akzidenteller Eindruck, sondern eine eigentlich 
vom Kind selber produzierte positive Sexualbetätigung von oft un- 
mißverständlicher Deutlichkeit. Selbst wirkliche traumatische Szenen 
von positivem Sexualcharakter sind mit nichten unter allen Umständen 
vom Kinde unabhängig an es herangetreten, sondern wurden nicht 
selten vom Kinde anscheinend vorbereitet und herbeigeführt. Abraham 
hat zu dieser Konstatierung einige wertvolle Belege von hohem Interesse 
beigebracht, welche im Zusammenhalt mit vielen anderen Erfahrungen 
gleicher Art durchaus wahrscheinlich erscheinen lassen, daß auch 
wirkliche Traxunata öfter durch die psychologische Einstellung 
des Kindes herbeigeführt und unterstützt werden. Die von der Psycho- 
analyse gänzHch unabhängige gerichtsärztliche Erfahrung kennt 
sprechende Parallelen zu dieser psychoanalytischen Auffassung. 

Die traumatisch wirkende prämature Betätigung der sexuellen 
Phantasie erschien nach der frühern Auffassung als Quelle der Neurose. 



Versuch einer Darsteliung der psych oanalyt. Theorie. 319 

Man war daher genötigt, dem Kinde viel mehr ausgebildete Sexualität 
zuzutrauen, als es bisher geschehen war. Es waren zwar der Literatur 
schon lange zuvor Fälle von prämaturer Sexualität bekannt, z. B. 
der Fall eines Mädchens von 2 Jahren, das schon regelrecht men- 
struiert war, oder FäUe von Knaben zwischen 3 und 5 Jahren, mit 
voller Erektions- und daher Kohabitationsfähigkeit, Jedoch waren 
solche Fälle Kuriosa. Es wirkte darum überraschend, als Freud 
anfing, dem Kinde eine nicht nur nicht gewöhnliche, sondern sogar 
eine sogenannte polvmorph-perverse Sexualität zuzuschreiben, und 
dies zwar auf Grund einer wahrhaft außerordentlichen Gründlichkeit 
der Erforschung. Man war zu rasch bereit mit der billigen Annahme, 
daß dies alles bloß in die Patienten hineinsuggeriert und also ein höchst 
anfechtbares Kunstprodukt sei. Freuds „Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie" erregten darum nicht bloß Opposition, sondern helle 
Entrüstung. Es ist wohl überflüssig, darauf hinzuweisen, daß man 
Wissenschaft nicht mit Entrüstung macht und daß Argumente sittlicher 
Empörung zwar dem Moralisten wohl anstehen — denn dies gehört 
zu seinem Geschäft — nicht aber dem Manne der Wissenschaft, dem 
die Wahrheit Eichtschnur ist und nicht moralisches Sentiment. Ver- 
halten sich die Dinge tatsächlich so, wie Freud sagt, so ist jede Ent- 
rüstung lächerlich, und verhalten sie sich nicht so, dann nützt die 
Entrüstung wiederum nichts. Die Entscheidung über die Wahrheit 
liegt einzig und allein auf dem Felde der Beobachtung und der Forscher- 
arbeit. Infolge dieser unangebrachten Entrüstung bietet die Oppo- 
sition mit wenigen würdigen Ausnahmen ein etwas komisches Bild 
bemitleidenswerter Bückständigkeit. Trotzdem die psychoanalytische 
Schule von der oppositionellen Kritik leider nichts zu lernen vermag, 
weil diese Kritik infolge ihres Nichteintretens auf wirkliche Be- 
obachtung und ihrer Unkenntnis der Wege der psychoanalytischen 
Forschung keinerlei nützliche Winke gibt, so hat unsere Schule doch 
die ernste Pflicht, sich mit den Gegensätzen in der bisherigen Auf- 
fassung gründlich auseinanderzusetzen. Unser Bestreben ist nicht, 
eine paradoxe, allem Bisherigen zuwiderlaufende Theorie aufzustellen, 
sondern eine gewisse Kategorie neuer Beobachtungen der Wissenschaft 
anzugliedern. Wir betrachten es deshalb als unsere Pflicht, von unserer 
Seite alles zu tun, um Übereinstimmung herbeizuführen. Allerdings 
müssen wir darauf verzichten , eine Verständigung mit allen j enen 
Leuten herbeiführen zu wollen , welche blind das Gegenteil behaupten. Das 
wäre verlorene Mühe. Wir hoffen aber, imstande zu sein, mit der Wissen- 



320 C. G. Jung. 

Schaft unsem Frieden zu machen. Diesem Bestreben komme ich nach, 
wenn ich nunmehr versuche, Ihnen die weitere gedankliche Entwicklung 
der psychoanalytischen Auffassung bis zur sogenannten Sexual- 
theorie der Neurose zu schildern. 

Wie Sie vorhin hörten, nötigte die Beobachtung von prämaturen 
Sexualphantasien, welche als Quelle der Neurose erschienen, Freud 
zur Annahme einer reich entwickelten kindlichen Sexualität. Wie Sie 
wissen, wird die Tatsächlichkeit dieser Beobachtung von vielen rund- 
weg bestritten, d. h. sie nehmen an, daß grober Irrtum und bornierte 
Verblendung Freud und seine ganze Schule in Europa sowohl wie 
in Amerika verführt hätten, Dinge zu sehen, die gar nicht existierten. 
Man faßt uns daher auf als Leute, die von einer geistigen Epidemie 
befallen sind. Ich muß gestehen, daß ich keine Mittel habe, mich gegen 
solche ,, Kritik" zu verteidigen. Im übrigen muß ich bemerken, daß 
die sogenannte Wissenschaft kein Recht hat, von vornherein zu be- 
haupten, daß gewisse Tatsachen nicht existieren. Man kann höchstens 
sagen, sie erscheinen als sehr unwahrscheinlich und bedürfen noch 
mehrer-er Bestätigung oder genauem Studiums. Auch der Einwand, 
mit der psychoanalytischen Methode könne man nichts Zuverlässiges 
entdecken, indem die Methode unsinnig sei, gilt nicht. Man hat auch 
dem Fernrohr des Galilei keinen Glauben geschenkt, und Kolumbus 
hat mit einer falschen Hypothese Amerika, entdeckt. Die Methode 
mag meinetwegen von Fehlem strotzen, das hindert nicht, sie anzu- 
wenden. Man hat früher auch mit ganz unzulänglicher astronomischer 
Beobachtung die Zeit- und Ortsbestimmung gemacht. Die Einwände 
gegen die Methode müssen so lange als Ausflüchte betrachtet werden, 
bis die Opposition endlich auf das Tatsachengebiet kommt. Dort soll 
die Entscheidung fallen, nicht im Wortgefecht. 

Auch unsere Gegner nennen die Hysterie eine psychogene 
Krankheit. Wir glauben die psychologischen Determinationen fest- 
gestellt zu haben und publizieren ungescheut die Ergebnisse unserer 
Forschungen zu öffentlicher Kritik. Wer mit diesen Ergebnissen nicht 
einverstanden ist, kann ruhig einmal seine eigenen Analysen von 
Krankheitsfällen darstellen. Das ist bis jetzt, meines Wissens, 
wenigstens in der europäischen Literatur, noch nie und 
nirgends geschehen. Unter diesen Umständen hat die Kritik 
gar kein Recht, unsere Feststellungen a priori zu negieren. 
Unsere Gegner haben ebensogut Hysteriefälle wie wir, und diese Fälle 
sind ebenso psychogen wie unsere; es steht also nichts im Wege, die 



Versuch einer Darstellung der psycho analyt. Theorie. 321 

psychologischen Determinanten daran aufzuzeigen. Auf die Methode 
kommt es nicht an. Unsere Gegner begnügen sich damit, unsere For- 
schung zu bestreiten und zu verunglimpfen, wissen es aber nicht besser 
zu machen. Das ist zu billig und nicht bewundernswert. 

Viele unserer Kritiker sind vorsichtiger und gerechter und ge- 
stehen uns zu, daß wir wirkliche Beobachtungen machen und daß die 
Zusammenhänge, die sich in der psychoanalytischen Axbeit ergeben, 
sehr wahrscheinlich bestünden, jedoch hätten wir eine falsche Auf- 
fassung davon. Die angeblich sexuellen Phantasien der Kinder, auf 
die es hier hauptsächlich ankommt, seien nicht sexuell zu verstehen, 
sondern anders, indem die Sexualität doch ganz offenbar etwas sei, 
was erst in der Nähe der Pubertät den für die Sexualität eigentüm- 
lichen Charakter annehme. 

Diese Einwände, deren ruhiger und verständiger Ton einen ver- 
trauenswürdigen Eindruck macht, sind wohl wert, ernst genommen 
zu werden. Dieser Einwand ist auch jedem denkenden Analytiker 
zur Quelle reichlichen Nachdenkens geworden. 

Zu diesem Problem ist folgendes zu bemerken : Die Schwierigkeit 
liegt zunächst im Begriffe der Sexualität. Wenn wir Sexualität 
im Simie der ausgebildeten Funktion auffassen, dann müssen wir 
dieses Phänomen im allgemeinen auf die Zeit der Maturität be- 
schränken und sind nicht berechtigt, von einer infantilen Sexualität 
zu sprechen. Wenn wir den Begriff aber so beschränken, so sehen wir 
uns vor einer neuen größeren Schwierigkeit, nämlich vor der Frage, 
wie wir denn alle jene, die Sexualfunktion sensu strictiori umgebenden 
biologischen Phänomene, Schwangerschaft, Geburt, Zuchtwahl, Brut- 
schutz u^w. zu benennen haben. Mir scheint, dies gehöre auch alles 
in den Begriff der Sexualität, obschon ein hervorragender Kollege 
der Ansicht war, der Geburtsakt sei nichts Sexuelles. Gehören aber 
diese Dinge mit in den Sexualbegriff, so gehören damit unzählige 
psychologische Phänomene auch in diesen Bereich, indem, wie Sie 
wissen, unglaublich viele, rein psychologische Funktionen dem Be- 
triebe der Sexualität angegliedert sind. Ich erinnere nur an die hervor- 
ragende Rolle der Phantasie in der Vorbereitung und Vollendung 
der sexuellen Funktion. Damit gelangen wir zu einem sehr biologischen 
Begriff der Sexuaütät, welcher neben einer Reihe physiologischer 
Phänomene auch eine Reihe psychologischer Funktionen in sich be- 
greift. Wenn wir uns einer alten, aber praktischen Einteilung bedienen 
dürfen, so identifizieren wir die Sexualität mit dem sogenannten 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. V- 21 

2 1 p 



322 C. G. Jung. 

Instinkt der Arterlialtimg, der dem Instinkte der Selbsterhaltung 
in gewissem Sinn gegenübergestellt wird. Bei dieser Fassung des Sexual- 
begriffes ist es nun nicht mehr in dem Maß erstaunlich, daß die Wurzebi 
der der Natur so ungemein wichtigen Arterhaltung viel Aveiter in die 
Tiefe reichen, als der beschränktere Sexualbegriff anzunehmen ge- 
stattet. Nur die mehr oder weniger ausgewachsene Katze fängt Mäuse, 
aber auch die schon ganz junge Katze spielt wenigstens Mäusefangen. 
Bei jungen Hunden beginnen andeutungs- und spielenderweise die Ko- 
habitationsversuche auch schon geraume Zeit vor der Geschlechtsreife. 
Wir dürfen mit Recht vermuten, daß der Mensch von dieser Regel keine 
Ausnahme macht. Wenn wir schon bei unseren wohlerzogenen Kindern 
dergleichen Dinge nicht an der Oberfläche finden, so lehrt uns doch die 
Beobachtung der Kinder niedrigstehender Völker, daß sie keine Aus- 
nahme von der biologischen Regel machen. Es ist auch wirklich un- 
endlich viel wahrscheinlicher, daß der wichtige Trieb der Arterhaltung 
schon in frühester Jugend keimend sich zu entfalten beginnt, als daß 
er in der Pubertät plötzlich mit einem Schlage fertig vom Himme^ 
herunterfällt. Bereiten sich doch auch die anatomischen Organe der 
Fortpflanzung längst vor, noch ehe irgend eine Spur ihrer zukünftigen 
Funktion äußerlich wahrnehmbar ist. 

Wenn also die psychoanalytische Schule von ,, Sexualität" spricht, 
so ist damit der weitere Begriff der Arterhaltung zu verbinden und 
es ist nicht zu denken, man meine jene körperlichen Empfindungen 
und Funktionen, welche man gemeinhin mit dem Worte ,, Sexualität" 
zu bezeichnen pflegt. Man könnte sagen, um Mißverständnisse zu 
vermeiden, solle man die andeutenden und vorbereitenden Phänomene 
der infantilen Zeit lieber nicht als sexuelle bezeichnen. Diese Forderung 
wäre wohl unbillig, indem man auch die anatomische Nomenklatur 
vom ausgebildeten System hernimmt und nicht den mehr oder weniger 
rudimentären Vorstufen jeweils besondere Namen verleiht. 

Obschon nun der Sexualterminologie Freuds nichts vorzuwerfen 
ist, indem sie konsequent alle Vorstufen der Sexualität m,it Recht 
als sexuell bezeichnet, so hat sie doch zu gewissen Konklusionen geführt, 
die meiner Ansicht nach nicht zu halten sind. Wenn wir uns fragen, 
bis wieweit zurück in die Kindheit die ersten Spuren der Sexualität 
reichen, so muß die Frage dahin beantwortet werden, daß die Sexualität 
implizite schon ab ovo existiert, sich aber erst nach längerer Zeit des 
Extrauterinlebens manifestiert. Freud ist geneigt, auch im Akte des 
Saugens an der mütterlichen Brust eine Art sexuellen Aktes zu er- 



Versucli einer Darstellung der psyehoanidyt. TLeorie. 



.1 •' .1 



blicken. Diese Ansicht hat Freud schwere Vorwürfe eingetragen, 
sie ist aber, wie wir gestehen inüssen, sehr sinnreich, wenn wir mit 
Freud annehmen, daß der Trieb zur Arteihaltung, d, h. also die Se- 
xualität gewissermaßen abgetrennt vom Selbsterhaltungstrieb, d. h. 
der Ernährungsfunktion existiere und so auch eine besondere Ent- 
wicklung ab ovo durchlaufe. Diese Denkweise scheint mir aber biologisch 
nicht zulässig zu sein. Es ist nicht möglich, die beiden Erscheinungs- 
oder Funktionsweisen des hypothetischen Lebenstriebes auseinander- 
zureißen und jeder einen besonderen Entwicklungsweg anzuweisen. 
Wenn wir uns begnügen, nach dem zu urteilen, was wir sehen, so müssen 
wir dem Umstände Rechnung tragen, daß in der ganzen belebten 
Natur der Lebensprozeß zuerst geraume Zeit nur Ernährungs- und 
Aufbaufunktion ist. Bei vielen Tieren sehen wir dies in überaus deut- 
licher Weise, z. B. bei den Schmetterlingen, die zuerst als Raupen 
ein geschlechtsloses Dasein der Ernährung und des Aufbaus durch- 
laufen. Zu diesem Stadium des Lebensprozesses gehört sowohl die 
intrauterine Zeit wie die extrauterine Säuglingszeit des Menschen. 
Diese Zeit ist durch das Fehlen sexueller Funktionen ge- 
kennzeichnet. Von einer manifesten Sexualität des Säuglings zu 
sprechen, wäre daher eine Contradictio in adjecto. Man kann sich höch- 
stens fragen, ob unter den Lebensfunktionen der Säuglingszeit sich 
welche finden, die den Charakter der Ernährungs- und Aufbaufunktion 
nicht besitzen und daher per exclusionem als sexuell bezeichnet werden 
können. Freud weist nun auf die unverkennbare Erregung und Be- 
friedigung des Kindes im Saugakte hin und vergleicht diese Vorgänge 
denen des Sexualaktes. Aus dieser Ähnlichkeit ergäbe sich die von 
Freud angenommene sexuelle Qualität des Saugaktes. Diese An- 
nahme wäre nur dann richtig, Avenn es bewiesen wäre, daß die Spannung 
eines Bedürfnisses und die Befriedigung durch Lösung desselben ein 
sexueller Prozeß wäre. Daß der Saugakt diesen Gefühlsmechanismus 
besitzt, beweist aber das Gegenteil. Somit können wir nur sagen, dieser 
Gefühlsmechanismus komme sowohl bei der Ernährungs- wie bei der 
Sexualfunktion vor. Wenn nun Freud aus der Analogie des Gefühls- 
mechanismus eine sexuelle Qualität des Saugaktes ableitet, so wäre 
nach der biologischen Erfahrung auch eine Terminologie berechtigt, 
welche den Sexualakt als eine Ernährungsfunktion qualifizierte. Diese 
Überschreitungen sind auf beiden Seiten unberechtigt. Ganz evident 
ist, daß der Saugakt nicht als sexuell qualifiziert werden kann. Wir 
kennen aber auch noch eine Reihe von Funktionen des Säuglingsalters, 

21* 



224 C. G. Jung. 

welche mit Ernährungsfunktion anscheinend nichts zu tun haben, 
nämlich das Lutschen und seine verschiedenen Abarten. Hier darf 
schon viel eher die Frage au^eworfen werden, ob diese Dinge schon 
zur Sexualsphäre gehören. Sie dienen nicht mehr der Ernährung, sondern 
der Lustgewinnung; das ist unzweifelhaft. Aber es ist sehr fraglich, 
ob diese Lust, die durch das Lutschen gewonnen ist, per analogiam 
als Sexuallust bezeichnet werden darf; man könnte sie ebensogut als 
Emährungslust bezeichnen. Diese letztere Qualifizierung hat sogar 
noch mehr für sich, indem auch die Form und der Ort, an dem Lust 
gewonnen wird, ganz zur Ernährungsfunktion gehören. 

Die Hand, die ziun Lutschen benutzt wird, wird auf diese Weise 
zum selbständigen künftigen Emährungsakte vorbereitet. Unter diesen 
Umständen wird niemand geneigt sein, auf dem Wege einer Petitio 
principii die ersten menschhchen Lebensäußerungen sexuell zu quali- 
fizieren. Die Formel, auf die wir vorhin stießen und die besagt, daß 
im Lutschen eine Lustgewinnung gesucht werde ohne Ernährungs- 
funktion, hinterläßt aber doch einen Zweifel am ausschließlichen Er- 
nährungscharakter des Lutschens. Wir sehen nämUch, dafi beim auf- 
wachsenden Kinde sogenannte schlechte Gewohnheiten auftreten , 
die sich eng an das frühinfantile Lutschen anschließen, wie Finger 
in den Mund stecken, Nägelkauen, Nasen-, Ohrenbohren usw. Wir 
sehen auch, wie. diese Gewohnheiten leicht • auch in spätere Onanie 
hinüberlaufen. Der Schluß per analogiam, daß diese infantilen Ge- 
wohnheiten daher Vorstufen der Onanie oder onanieähnliche Hand- 
lungen seien und daher ausgesprochenen Sexualcharakter hätten, 
ist nicht abzuweisen, weil durchaus berechtigt. Ich habe reichlich Fälle 
gesehen wo eine unzweifelhafte Wechselbeziehung bestand zwischen 
diesen kindlichen Unarten und späterer Masturbation, welche ja, wenn 
sie schon in der spätem Kindheit auftritt, vor der Zeit der Reife, nichts 
anderes ist a^s eine Fortsetzung der infantilen Übeln Gewohnheiten, 
Der Schluß von der Masturbation auf den Sexualcharakter der son- 
stigen infantilen Unarten, insofern sie Akte von Lustgewinnung am 
eigenen Körper sind, erscheint von dem nunmehr gewonnenen Stand- 
punkt aus naheliegend und verständlich. Von hier aus bis zur sexuellen 
Qualifikation des Säuglingslutschens erscheint der Schritt nicht mehr 
weit. Freud hat, wie Sie wissen, diesen Schritt getan und ich habe 
ihn, wie Sie hörten, vorhin verworfen. Wir sind hier auf einen Wider- 
spruch gestoßen, der schwer zu lösen ist. Die Sache wäre relativ einfach, 
wenn wir zwei nebeneinander existierende, substantiell getrennte 



Versuch einer Darstellung der psycLoanalyt. Theorie. 325 

Triebe annehmen könnten. Dann wäre der Saugakt zwar ein Er- 
nälirungsakt, aber zugleicb auch ein Sexualakt, also gewissermaßen 
eine Kombination zweier Triebe. Dies scheint Freuds Anschauung zusein. 
Das klare Nebeneinanderexistieren der beiden Triebe oder, besser gesagt, 
ihrer Manifestationsformen in Hunger und Sexualtrieb, finden wir im Le- 
ben des Erwachsenen. Im Säuglingsalter hingegen kennen wir nur die Er- 
nährungsfunktion, auf welche die Prämie der Lust und der Befriedigung 
gesetzt ist und deren Sexualcharakter sich nur auf dem Wege der Petitio 
principii behaupten läßt, indem die Tatsachen beweisen, daß der Emäh- 
rungsakt der erste Lustbringer ist und nicht die Sexualfunktion. Lust- 
gewinnung istkeineswegs identisch mit Sexualität. Wenn wir 
daher annehmen, daß beim Säugling die beiden Triebe gewissermaßen 
nebeneinander existieren, so täuschen wir uns, indem wir eine Konsta- 
tienmg aus dem Leben des Erwachsenen in die Seele des Kindes pro- 
jizieren. Dort findet sich aber das getrennte Nebeneinanderexistieren 
der beiden Triebmanifestationen nicht, indem das eine Triebsystem 
gar nicht oder nur ganz rudimentär entwickelt ist. Stellte man sich 
aber auf den Staudpunkt, das Streben nach Liistgewinnung als sexuell 
aufzufassen, so müßte man paradoxerweise auch den Hunger als ein 
sexuelles Streben auffassen, denn er strebt nach Lust in der Befriedigung. 
Wenn man aber so mit Begriffsgrenzen verfährt, so müßte man dem 
Gegner auch die Erlaubnis gewähren, die Hungerterminologie auf die 
Sexualität anzuwenden. Dergleichen Einseitigkeiten kommen in der 
Geschichte der Wissenschaft immer wieder vor. Damit soll kein Tadel 
ausgesprochen sein: wir müssen im Gegenteil froh sein, daß es Männer 
gibt, die den Mut der Maßlosigkeit und Einseitigkeit haben. Sie sind 
die, denen wir Entdeckungen verdanken. Bedauerlich ist bloß, wenn 
jeder seine Einseitigkeit leidenschaftüch verteidigt. Wissenschaft- 
liche Theorien sind nur Vorschläge, wie man die Dinge 
betrachten, könnte. 

Die erleichternde Annahme des Nebeneinander be Stehens der 
beiden Triebsysteme ist leider unmöglich, denn sie widerstreitet den 
beobachtbaren Tatsachen und führt, wenn weiter verfolgt, zu unhalt- 
baren Konsequenzen. 

Bevor ich auf die Lösung dieses Widerspruches eingehe, muß 
ich Ihnen noch ein mehreres mitteilen von der Preudschen Sexual- 
theorie xmd deren Wandlungen. Wie Sie früher gehört haben, hat die 
Auffindung einer anscheinend traumatisch wirkenden sexuellen Phan- 
tasietätigkeit in der Kindheit zu der Annahme geführt, daß das Kind 



y26 c. a. Jung. 

entgegen aller bisherigen Erwartung eine fast ausgebildete, sogar 
polymorph-perverse Sexualität besitzen, müsse. Seine Sexualität 
erscheint nicht zentriert auf die G-enitalfunktion und auf das andere 
Geschlecht, sondern beschäftigt sich mit dem eigenen Körper, Aveshalb 
das Kind als autoerotisch bezeichnet wurde. Richtet sich ein sexuelles 
Interesse nach außen auf einen andern Menschen, dann macht das 
Kind keinen Unterschied, oder wenigstens doch nur einen geringen, 
im Geschlecht. Es kann daher sehr leicht ,, homosexuell" sein. An 
Stelle der nicht existierenden lokalen Sexualfunktion bestehen eine 
Reihe von sogenannten Unarten, die vo^i diesem Standpunkt als Per- 
versitäten erscheinen, indem sie mit den späteren Perversionen 
die nächste Analogie haben. 

Infolge dieser Betrachtungsweise löste sich die ursprünglich und 
gewöhnlich als einheitlich gedachte Sexualität in eine Vielheit von 
Einzeltrieben auf; imd da es eine stillschweigende Voraussetzung ist, 
daß die Sexualität sozusagen im Genitale entstehe, so gelangte Freud 
zu der Annahme von sogenannten ,,erogeneu Zonen^', als welche 
er Mund, Haut, Anus usw. verstand. 

Der Terminus ,,erogene Zone" erinnert an , ,8pasmogene Zone" ; das 
;'-ahiuterliegende Bild ist allerdings dasselbe ; wie die spasmogeneZone der 
Ort ist, von dem aus ein Spasmus seinen Ursprung nimmt, so ist die ero- 
gene Zone der Ort, wo ein Zufluß der Sexualität seinen Ursprung nimmt. 
Nach dem grundliegenden Modell des Genitales als dem anatomischen 
Ursprung der Sexualität wären die erogenen Zonen wie ebenso viele 
Genitalien aufzufassen, aus denen die Sexualität zusammenfließt. 
Dieser Zustand ist die polymorph-perverse Sexualität der Kinder. 
Der Ausdruck ,, pervers" schien sich zu rechtfertigen aus der engen 
Analogie mit den späteren Perversitäten, welche sozusagen nichts als 
eine Neuaixflage gewisser frühiufantiler ,, perverser" Interessen dar- 
stellen und sehr häufig an eine der verschiedenen erogenen Zonen 
anknüpfen oder jene Verwechslungen im Geschlecht verursachen, 
die für die Kinder so charakteristisch sind. 

Nach dieser Betrachtungsweise setzte sich also die spätere 
normale und monomorphe Sexualität aus verschiedenen Komponenten 
zusammen. Zuerst zerfällt sie in eine homo- und eine heterosexuelle 
Komponente, dann gesellt sich dazu eine autoerotische Komponente, 
dann die verschiedenen erogenen Zonen usw. 

Diese Auffassung gleicht dem Zustande der Physik vor Robert 
M "! 3'er, wo es nur einzelne nebeneinajulerstehende Erscheinungs- 



Versuch einer Darstellung der psycLoaaalyt. Theorie. 327 

gebiete gab, denen elementare Bedeutung zugeschrieben wurde und 
deren Wechselbeziehung nicht richtig erkannt war. Erst das Gesetz 
der Erhaltung der Energie brachte Ordnung in das Verhältnis der 
Kräfte zueinander und zugleich eine Auffassung, welche den Kräften 
die absolute Elementarbedeutung nimmt und zu Manifestationsformeu 
derselben Energie macht. So hat es auch mit dieser Zersplitterung der 
Sexualität in die polymorphperverse Kindheitssexualität zu gehen. 

Die Erfahrung nötigt zu konstantem Vertauschen der einzelnen 
Komponenten, indem man mehr und mehr erkannte, daß z. B. Per- 
versitäten auf Kosten der normalen Sexualität lebten oder daß in 
der einen Anwendungsform der Sexualität eine Steigerung eintrat, 
wenn in der andern eine Abnahme erfolgte. Um das Gesagte klar zu 
machen, will ich Ihnen ein Beispiel geben: Ein junger Mann 
hatte während einiger Jahre eine homosexuelle Phase, wo er keinerlei 
Interesse für Frauen hatte. Allmählich gegen das 20. Jahr verlor sich 
dieser abnorme Zustand und der Mann wurde in seinem erotischen 
Interessengang normal, er fing an, sich für Mädchen zu interessieren, 
und bald hatte er auch die letzten Spuren seiner Homosexualität 
überwunden. So ging es mehrere Jahre. Er hatte mehrere geglückte 
Liebesabenteuer bestanden. Dann wollte er heiraten. Er erlitt aber 
eine schwere Enttäuschung, als das angebetete Mädchen ihm einen Korb 
gab. Die erste Phase, die nun erfolgte, war, daß er auf Heirat überhaupt 
verzichtete, dann bekam er einen Widerstand gegen alle Frauen und 
eines Tages entdeckte er schließlich, daß er wieder homosexuell ge- 
worden war, d. h. daß Jünglinge wieder einen ungemein irritierenden 
Einfluß auf ihn gewonnen hatten. 

Betrachten wir nun die Sexualität als aus einer festen hetero- 
sexuellen und aus einer ebensolchen homosexuellen Korapouente 
bestehend, so kommen wir in diesem Fall nicht aus; wir kommen mit 
dieser Ansicht überhaupt nicht aus, indem die Annahme eines Be- 
stehens von festen Komponenten jegliche Veränderung ausschließt. 
Wir müssen, um gerade dem vorliegenden Fall gerecht zu werden, 
eine große Beweglichkeit der Sexualkomponenten annehmen; eine 
Beweglichkeit, die so weit geht, daß die eine Komponente praktisch 
völlig verschwindet, während die andere breit den Vordergrund be- 
herrscht. Fände z. B. nur eine Vertauschung der Position statt, indem 
die homosexuelle Komponente mit gleichem Stärkegrad ins Un- 
bewußte tritt, um der heterosexuellen Komponente das Feld des Be- 
wußten zu überlassen, so müßte gefolgert werden nach unserem modernen 



328 C. G. Jung. 

naturwissenschaftlichen Gewissen, daß dann äquivalente Wirkungen 
im Unbewußten stattfänden. Diese Wirkungen wären als Widerstände 
gegen die Betätigung der heterosexuellen Komponente aufzufassen, 
also Widerstände gegen die Frauen. Davon weiß aber die Erfahrung 
in diesem Fall nichts. Es waren zwar schon leise Spviren von solchen 
Einflüssen vorhanden, jedoch von einer so geringen Intensität, die 
man mit der früheren Intensität der homosexuellen Komponente in 
keinen Vergleich setzen konnte. Es bleibt nach der bisher skizzierten 
Auffassung auch unverständlich, wieso die als fest gedachte homosexuelle 
Komponente überhaupt so verschwinden kann, ohne wirksame Spuren 
zu hinterlassen. 

Sie sehen also, daß dringende Gründe vorlagen, solche Kulissen- 
wechsel in adäquater Weise zu erklären. Dazu bedürfen wir ^iner 
dynamischen Hypothese. Denn derartige Umschaltungen sind 
anders als dynamische oder energetische Prozesse nicht zu denken. 
Ohne eine Veränderung in den djniamischen Verhältnissen anzunehmen, 
vermag ich mir das Verschwinden einer Fxmktionsweise nicht zu denken. 
Diesem Bedürfnis hat die Freud sehe Theorie Rechnung getragen, 
indem der Komponentenbegriff, d. h. die Anschauung der voneinander 
abgetrennten Funktionsweisen weniger theoretisch als praktisch 
gelockert und durch einen energetischen Begriff ersetzt wurde. Der 
Terminus für diesen Begriff ist Libido. Freud führt diesen Begriff 
schon in den ,jDrei Abhandhmgen zur Sexualtheorie" ein mit folgenden 
Worten : 

„Die Tatsache geschlechtlicher Bedürfnisse bei Mensch und Tier 
drückt man in der Biologie durch die Annahme eines „Geschlechtstriebes" 
aus. Man folgt dabei der Analogie mit dem Trieb nach Nahrungsaufnahme, 
dem Himger. Eine dem Worte „Hunger" entsprechende Bezeichnung 
fehlt der Volkssprache, die Wissenschaft gebraucht als solche „Libido", 

Der Terminus Libido erscheint nach der Freud sehen Definition 
als ausschließhch sexuelles Bedürfnis, daher alles, was Freud imter 
Libido begreift, als sexuelles Bedürfnis oder als sexuelles Wollen zu 
verstehen ist. Der Terminus Libido ist medizinisch allerdings für das 
sexuelle Wollen, speziell für die sexuelle Lüsternheit gebraucht. Aber 
der klassische Gebrauch dieses Wortes bei Cicero, Sallust u. a. 
kennt nicht nur diese einseitige Definition, sondern klassisch war das 
Wort auch von einer allgemeinen Anwendung im Sinne leidenschaft- 
lichen Begehrens. (Näheres zu meiner Definition des Libidobegriffes 
findet sich in meiner Arbeit: Wandlungen und Symbole der Libido, 



Versuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 32£> 

Franz Deuticke, Wien 1912.) Ich erwähne diesen Umstand jetzt, weil 
er im weiteren Verlauf unserer Überlegungen noch eine EoUe spielen 
wird und weil es sehr wichtig ist, zu wissen, daß der Begriff Libido 
eigentlich von weiterer Anwendung ist als der von der Medizin damit 
verbundene. 

Der Begriff Libido, dessen Sexualbedeutung wir dem Sinne 
des Autors entsprechend so lange beibehalten wollen, als es möglich 
ist, stellt jene dynamische Größe dar, die wir suchten, um die Ver- 
schiebung der psychologischen Kulissen zu erklären. Durch diesen Be- 
griff wird die Formulierung der in Frage stehenden Phänomene 
wesentlich vereinfacht. Statt der unbegreiflichen Vertauschung der 
homosexuellen mit der heterosexuellen Komponente können wir jetzt 
sagen: Die Libido hat sich allmählich aus der homosexuellen An- 
wendungsmöglichkeit zurückgezogen und ist im selben Maße in die 
heterosexuelle Anwendung übergegangen. Dabei verschwindet die 
homosexuelle Komponente praktisch so gut wie ganz, indem sie zur 
bloßen leeren Möglichkeit wird, die an sich nichts bedeutet und deren 
Existenz auch sozusagen mit Eecht vom Laien bestritten wird, so gut 
wie etwa die Fähigkeit, auch ein Mörder zu sein. Mit der Anwendung 
des Libidobegrif fes lassen sich nun die mannigfachen Wechselbeziehungen 
der einzelnen sexuellen Funktionsweisen in leicht verständhcher Weise 
erklären. Damit wird aber allerdings auch die ursprüngliche Vorstellung 
der Vielheit der Sexualkomponenten, welche sehr an die philosophische 
Anschauung von den Seelenvermögen erinnerte, aufgehoben. An ihre 
Stelle tritt die Libido, welche der verschiedensten Anwendung fähig 
ist. Die früheren Komponenten stellen nur noch Wirkungsmöglichkeiten 
dar. Mit dem Libidobegrif f tritt also an Stelle einer ursprünglich viel- 
fach geteilten und in viele Wurzeln aufgesplitterten Sexualität eine 
dynamische Einheit, ohne welche die früher bedeutsamen Kom- 
ponenten leere Wirkungsmöglichkeiten bleiben. Diese gedankliche 
Entwicklung ist von großem Belang: es hat sich in ihr jener selbe 
Fortschritt vollzogen, wie ihn der Energiebegriff für die Physik ge- 
bracht hat. Wie die Lehre von der Erhaltung der Energie den Kräften 
den Elementarcharakter nimmt und ihnen den Charakter der Mani- 
festationsform einer Energie verleiht, so nimmt auch die Libidotheorie 
den Sexualkomponenten die Elementarbedeutung seelischer ,, Ver- 
mögen" und gibt ihnen bloß phänomenologischen Wert. 

Diese Auffassung gibt den Eindruck der Wirklichkeit viel besser 
wieder als die Komponententheorie. Wir können uns damit den vorhin 



330 C. a Jung. 

zitierten Fall des jungen Mannes mit der Libidotheorie leicht ver- 
ständlicli machen. Die Enttäuschung, welche er im Momente, als er 
sich verheiraten wollte, erfuhr, trieb seine Libido von der heterosexu- 
ellen Anwendungsweise weg, so daß sie wieder in die homosexuelle 
Form geriet und dadurch die frühere Homosexualität wieder herbei- 
führte. Ich kann nicht umhin zu bemerken, daß die Analogie mit dem 
Gesetz der Erhaltung der Energie sehr nahe liegt, indem man hier 
wie dort, w«nn man sieht, daß ein Energieeffekt erlischt, fragen muß, 
wo die Energie unterdessen wiederaufgetaucht ist. Wenden wir diesen 
Gesichtspunkt als ein heuristisches Prinzip auf die Psychologie eines 
Menschenlebens an, so werden wir überraschende Entdeckungen 
machen. Wir werden dann sehen, wie die heterogensten Phasen psycho- 
logischer Entwicklung eines Individuums in energetischer Wechsel- 
beziehung stehen. Wenn immer wir sehen, daß ein Mensch irgend einen 
Spleen, eine krankhafte Überzeugung oder irgend eine übertriebene 
Position hat, so wissen wir: hier ist zu viel Libido, ako ist das, 
was zuviel ist, irgendwo anders weggenommen, wo infolgedessen zu 
wenig ist. Unter diesem Aspekt begriffen, ist die Psychoanalyse die- 
jenige Methode, welche dazu verhilft, diejenigen Punkte oder Funk- 
tionen aufzufinden, wo zu wenig Libido ist, und dieses Mißverhältnis 
auszugleichen. Die Symptome einer Neurose nämlich sind als über- 
triebene, d. h. als überbesetzte und dadurch verstärkte Punktionen 
aufzufassen^). Die zu diesen Zwecken aufgewendete Energie ist anderswo 
weggenommen, und Aufgabe der Psychoanalyse ist es, die Stelle auf- 
zufinden, wo weggenommen oder nie gegeben wurde. Eine umgekehrte 
Fragestellung nötigen uns diejenigen Symptomenkomplexe auf, welche 
vorzugsweise durch Ausfall charakterisiert sind, z. B. apathische Zu- 
stände; hier fragt es sich, wo denn die Libido angewendet sei. Der Pa- 
tient macht zwar den Eindruck, als ob er keine Libido besäße, und 
es gibt viele Ärzte, die ihm das aufs Wort glauben. Diese Ärtze aber 
denken hierbei primitiv, wie die barbarische Vorzeit, welche glaubte, 
daß bei der Sonnenfinsternis die Sonne verschlungen und getötet 
werde. Sie ist aber nur verdeckt. Und so ist es mit diesen Patienten: 
ihre Libido ist vorhanden, jedoch nicht sichtbar und für die Patienten 
selber nicht zugänglich. Hier haben wir den Libidomangel an der 
Oberfläche. Aufgabe der Psychoanalyse ist es, den versteckten Ort 
aufzufinden, an dem die Libido sich befindet imd wo sie selbst dem 
Patienten unzugänglich ist. Dieser versteckte Ort ist das ,,Nicht- 

^) Wir begegnen bei P. Janet einer ühnliclien Auffassung. 



Versuch einer Darstellung der psyclioanalyt. Theorie. 331 

bewußte", das man auch als das „Unbewußte" bezeichnet, ohne damit 
irgend einen mysteriösen Sinn zu verknüpfen. Die psychoanalytische 
Erfahrung hat gelehrt, daß es nichtbewußte psychologische Systeme 
gibt, die man in Analogie zur bewußten Phantasie als unbewußte 
Phantasiesj^steme bezeichnen kann, und diese nun sind das Objekt 
der Libido in solchen Zuständen neurotischer Apathie. Es ist uns klar 
bewußt, daß, wenn wir von unbewußten Phantasiesystemen reden, 
v^^ir damit nur im Gleichniswege reden. Wir wollen damit nicht mehr 
sagen, als daß die Annahme von psychischen Entitäten außerhalb des 
Bewußtseins ein notwendiges Postulat ist. Denn die Erfahrung belehrt 
uns sozusagen tagtäglich, daß es nichtbewußte psychische Prozesse 
geben muß, die den Libidohaushalt in merklicher Weise beeinflussen. 
Jene jedem Psychiater wohlbekannten Fälle, wo relativ plötzlich ein 
kompliziertes Wahnsystem ausbricht, weisen deutlich daraufhin, 
daß es unbewußte psychische Entwicklungen und Vorbereitungen 
geben muß; denn es ist wohl nicht anzunehmen, daß solche Dinge 
ebenso plötzlich auch entstanden sind, wie sie ins Bewußtsein eintreten. 

Ich glaubte, mir diese Abschweifung auf die Vorstellung des 
Unbewußten gestatten zu dürfen; es geschah, um Ihnen anzudeuten, 
daß wir es bei den Verschiebungen der Libidobesetzungen nicht bloß 
mit dem Bewußtsein zu tun haben, sondern noch mit einer andern 
Instanz, eben dem Unbewußten, wohin die Libido bisweilen ver- 
schwinden kann. Wir kehren nunmehr wieder zurück zu der Besprechung 
der weiteren Konsequenzen, welche die Adoption der Libidotheorie 
mit sich führt. 

Freud hat uns gelehrt und wir haben es in der psychoanal)^tischen 
Praxis täglich gesehen, daß in früher Jugend an Stelle der spätem 
normalen Sexualität vielerlei Ansätze zu Neigungen existieren, die später 
den Xamen ,, Perversität" führen. Wir mußten Freud die Berechtigung 
zuerkeimen, jene Ansätze auch schon mit einer sexuellen Terminologie 
zu belegen. Durch die Einführung des Libidobegriffes erfahren wir, 
daß beim erwachsenen Menschen die elementaren Komponenten, 
welche Ursprünge und Quellen der normalen Sexualität zu sein scheinen, 
ihre Bedeutung verheren und zu bloßen Anwendungsmöglichkeiten 
heruntergedrückt werden, während ihr wirksames Prinzip, ihre Lebens- 
kraft gewissermaßen in der Libido zu erbhcken ist. Ohne Libido be- 
deuten die Komponenten so gut wie nichts. Wir sehen, daß Freud 
der Libido eine unzweifelhaft sexuelle Definition gegeben hat, etwa 
im Sinne von ,, geschlechtlichem Bedürfnis". Vom gewöhnlichen Stand- 



332 C. G. Jung. 

punkt aus nimmt man an, daß es Libido in diesem Sinn erst von der 
Pubertät an gebe. Wie also ist die Tatsache zu erklären, daß das Kind 
eine polymorpli-perverse Sexualität besitzt, daß also beim Kind die 
Libido nicht bloß eine, sondern sogar mehrere Perversionen aktiviert? 
Wenn die Libido im Freud sehen Sinn erst in der Pubertät entsteht, 
dann kann sie unmöglich schon vorher kindliche Perversionen unter- 
halten. Man müßte denn annehmen, daß die kindlichen Perversionen 
..Seelen vermögen" seien im Sinne der Komponententheorie. Abge- 
sehen von der heillosen theoretischen Verwirrung, die dadurch ent- 
stünde, begingen wix eine Vermehrung der Erklärungsprinzipien, die 
methodisch unzulänglich ist nach dem Grundsatz: „Principia praeter 
necessitatem non sunt mültiplicanda". 

Es bleibt also nur übrig anzunehmen, die Libido sei sozusagen 
dieselbe vor und nach der Pubertät. Daher also auch die kindlichen 
Perversionen genau gleich zustande kommen, wie die der Erwachsenen. 
Dagegen wird sich der gesunde Menschenverstand sträuben, indem 
das geschlechtliche Bedürfnis doch offenkundig beim Kinde unmöglich 
dasselbe sei wie beim geschlechtsreifen Menschen. Man könnte aber 
hier einen gewissen Kompromiß machen, um mit Freud zu sagen, 
daß die Libido vor und nach der Pubertät identisch, jedoch an Intensität 
wesentlich verschieden sei. Anstatt des großen Sexualbedürfnisses 
nach der Pubertät wäre in der Kindheit ein kleines Sexualbedürfnis 
anzunehmen, desssen Intensität sich gegen das erste Lebensjahr all- 
mählich verringert bis auf Spuren. Damit könnte man sich biologisch 
einverstanden erklären. Es wäre damit aber auch anzunehmen, daß 
alles, was in den Bereich des erweiterten Sexualbegriffes, den wir oben 
erläutert haben, fällt, entsprechend im Diminutiv vorhanden wäre, 
also z. B. alle jene affektiven Äußerungen der Psychosexuahtät, wie 
Zärtlichkeitsbedürfnis, Eifersucht, und viele andere affektive Erschei- 
nungen, nicht zum mindesten die kindlichen Neurosen. Man muß aber 
gestehen, daß diese affektiven Äußerungen beim Kinde durchaus nicht 
den Eindruck des angenommenen Diminutivs machen, sondern von 
einer Intensität sein können, welche der Intensität eines Affektes 
beim Erwachsenen nichts nachgibt. Es ist auch nicht zu vergessen, 
daß die Erfahrung festgestellt hat, daß die perversen Anwendungen 
der Sexualität beim Kinde vielmehr in die Augen fallen und sogar viel 
reichhaltiger ausgebildet erscheinen als beim Erwachsenen. Bei einem 
Erwachsenen mit ähnlichem Zustand reich entwickelter Perversität 
wäre mit Eecht ein Ausgelöschtsein der normalen Sexualität und 



Versuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 333 

vieler anderer wichtiger biologischer Anpassiiagsformen zu erwarten, 
Avie dies beim Kinde normalerweise der Fall ist. Wie man beim Er- 
wachsenen mit Kecht sagen kann, er sei pervers, weil seine Libido 
nicht zu normalen Funktionen verwendet sei, so kann man beim Kind 
mit gleichem Recht dasselbe Raisonnement anwenden; es sei nämlich 
polymorph-pervers, weil es noch keine normale Sexualfunktion kenne. 
Diese Hinweise könnten ims veranlassen, daran zu denken, daß vielleicht 
die Summe der Libido immer dieselbe wäre und nicht erst durch die 
Geschlechtsreifung eine gewaltige Vermehrung erführe. Diese etwas 
kühne Annahme lehnt sich, wie ersichtlich, an das Modell des Gesetzes 
der Erhaltung der Energie an, wonach die Summe der Energie immer 
dieselbe bleibt. Es wäre nicht undenkbar, daß die volle Höhe der 
Reifung nux dadurch erreicht wird, daß die infantilen Nebenver- 
wendungen der Libido allmählich in den einen Kanal der definitiven 
Sexualität einmünden und darin erlöschen. 

Wir müssen uns vorderhand mit diesen Andeutungen begnügen, 
indem wir vor allem Weitern unser Augenmerk noch auf einen Punkt 
der Kritik richten müssen, welcher die Qualität der infantilen Libido 
betrifft. Viele unserer Kritiker lassen es nicht dabei bewenden, daß 
die infantile Libido einfach an Latensität geringer, aber im wesent- 
lichen von gleicher Substanz sei, wie die Libido der Erwachsenen. 
Die erwachsenen übidinösen Regungen sind begleitet von den Korrelaten 
der genitalen Funktion, die des Kindes nicht oder höchstenfalls an- 
deutungs- und ausnahmsweise, wodurch entschieden ein Unterschied 
von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit gegeben wäre. Es will mir 
scheinen, als ob dieser Einwand zu Recht bestünde. Es ist daher ein 
orhebhcher Unterschied wie zwischen Spiel und Ernst oder wie zwischen 
Blindschießen und Scharfschießen. Der kindlichen Libido käme somit 
ein vom gesunden Menschenverstand geforderter Charakter von Harm- 
losigkeit zu, den man ihr nicht bestreiten kann. Jedoch gehört, was 
niemand leugnen kann, auch das blinde Schießen zum Akte des Schiv^- 
ßens. Man wird sich also daran gewöhnen müssen, zu denken, daß die 
Sexualität auch schon vor der Pubertät bis weit in die Kindheit zurück 
merklich vorhanden ist und daß wir keinen Grund haben, die Äuße- 
rungen dieser unreifen Sexualität nicht sexuell zu nennen. Damit ist 
nun jener Einwand allerdings nicht entkräftet, welcher die Existenz 
einer infantilen Sexualität in dem vorhin angedeuteten Ausmaß zwar 
anerkennt, aber Freud das Recht bestreitet, jene frühinfantilen Er- 
scheinungen, wie z. B. das Lutschen, als sexuell zu bezeichnen. AYir 
2 '). 



334 C. G. Jung. 

haben früher die Gründe bereits erörtert, welche Freud bestiinnieu 
konnten, die Sexualterminologie so weit auszudehnen. Und wir haben 
ebenfalls schon besprochen, daß man z. B. gerade das Lutschen ebenso- 
gut vom Standpunkt der Ernährungsfunktion begreifen kann und daß 
diese Ableitung aus biologischen Gründen eigentlich noch mehr für 
sich hat. Man könnte vielleicht einwenden, daß diese und ähnliche 
Betätigungen der Mundzone später im erwachsenen Leben in unzweifel- 
haft sexueller Anwendung wiederkehrten. Das bedeutet aber nur so viel, 
daß diese Betätigungen später auch dem Sexualtrieb dienstbar werden 
können; aber für ihre ursprüngliche Sexualnatur beweist das nichts. 
Ich muß also gestehen, daß ich keinen Grund dafür besitze, die Lust 
und Befriedigung erzeugenden Tätigkeiten der Säuglingszeit unter 
dem Gesichtswinkel der Sexualität zu betrachten, wohl aberj Gründe 
dagegen. Soweit ich die schwierigen Probleme dieses Gebietes richtig 
zu beurteilen vermag, scheint es mir notwendig zu sein, in puncto der 
Sexualität das menschliche Leben in drei Phasen einzuteilen: 

Die erste Phase umfaßt die ersten Lebensjahre; diese Zeit 
habe ich als vorsexuelle Stufe bezeichnet. (Vgl. Wandlungen und 
Symbole der Libido, Wien 1912.) Sie entspricht dem Eaupenstadium 
des Schmetterlings tind ist charakterisiert durch fast ausschließliche 
Aufbau- und Ernährungsfunktion. 

Die zweite Phase umfaßt die späteren Jahre der Kindheit bis 
zur Pubertät imd kann als Vorpubertätszeit bezeichnet werde:». 
In dieser Zeit findet das Keimen der Sexualität statt. 

Die dritte Phase ist das erwachsene Alter von der Pubertät 
an aufwärts, das man als die Zeit der Maturität bezeichnen mag. 

Es wird Ihnen wohl nicht entgangen sein, daß die größte 
Schwierigkeit in der Frage liegt, welche zeitliche Grenze der vorsexu- 
ellen Stufe zu setzen sei. Ich bin bereit, Ihnen meine große Unsicherheit 
in puncto dieses Problemes einzugestehen. Wenn ich meine leider noch 
nicht genügenden psychoanalytischen Erfahrungen bei Kindern über- 
blicke und zugleich mich erinnere an das, was ims Freud von sehien 
Erfahrungen mitgeteilt hat, so will es mir scheinen, als ob zwischen 
dem 3. und 5. Lebensjahr die Grenze läge, natürlich den größten indi- 
viduellen Schwankungen unterworfen. Dieses Alter ist in mannigfacher 
Jiinsicht bedeutsam. Das Kind hat bereits sich aus der Abhängigkeit 
des Säuglingslebens emanzipiert, und eine Reihe wichtiger psycho- 
logischer Funktionen haben eine vertrauenswürdige Sicherheit erlangt. 
Von dieser Zeit an beginnt sich auch das tiefe Dunkel der frühinfantilen 



Versuch einer Darstellung der psychoaualyt* Theorie. o35 

Amnesie durch sporadische Kontinuität der Erinnerung zu erhellen. 
Es ist, als ob in diesem Alter ein wesentlicher Schritt getan werde 
in der Ablösung und Zentrierung der neuen Persönlichkeit. Nach 
allem, was wir wissen, fallen in diese Epoche auch die ersten Anzeichen 
von Interessen und Betätigungen, die man billigerweise als sexuell 
bezeichnen muß, wenn schon diese Andeutungen noch ganz den Cha- 
rakter der kindlichen, unschuldigen und harmlosen Naivität tragen. 

Ich glaube, die Gründe, die uns bestimmen, der vorsexuellen 
Stufe keine Sexualterminologie zu verleihen, genügend ausführhch 
dargelegt zu haben, so daß wir uns auf dieser nunmehr gewonnenen 
Basis weiteren Problemen zuwenden können. Sie erinnern sich, daß 
wir vorhin das Problem der im Kindheitsalter verringerten Libido 
fallen ließen, weil es uns nicht gelang, auf jenem Wege Klarheit zw 
erreichen. Wir sind daher verpfhchtet, die Frage hier wieder aufzu- 
nehmen, zum mindesten, um zu sehen, ob die energetische Auffassimg 
sich mit unseren eben vorgenommenen Formulierungen verträgt. Wir 
sahen, daß das gegenüber der Reife veränderte Aussehen der infan- 
tilen Sexualität sich nach Freud durch den Diminutiv des Infantilen 
erklärt. Die Intensität der Libido sei entsprechend dem jugendlichen 
Alter verringert. Wir haben aber vorhin einige Gründe angeführt, 
warum es uns zweifelhaft erscheint, daß die Lebensvorgänge des Kindes 
mit Abzug der Sexualität an Intensität geringer seien als die des Er- 
wachsenen. Man könnte sagen, daß, abzüglich der Sexualität, die 
affektiven Phänomene und, wenn nervöse Erscheinungen vorhanden 
sind, auch diese, an Intensität denen der Erwachsenen nichts nach- 
geben. Und diese Dinge sind doch, nach der energetischen Auffassung, 
Äußerungsformen der Libido. Es wird uns daher schwer, zw glauben, 
daß die Intensität der Libido den Unterschied zwischen der reifen und 
der unreifen Sexuahtät ausmache. Vielmehr scheint den Unterschied — 
wenn der Ausdruck gestattet ist — eine andere Lagerung der Libido 
zu bedingen. Die Libido besorgt — im Gegensatz zu ihrer medizinischen 
Definition — beim Kinde weit weniger lokal-sexuelle Funktion als 
vielmehr Nebenfvmktionen geistiger und physischer Natur. Man wäre 
schon hier versucht, vom Terminus „Libido" das Prädikat ,,sexualis" 
abzustreichen und damit die in Freuds ,,Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie" gegebene Sexualdefinition der Libido durchzustreichen. 
Die Notwendigkeit dazu gibt sich aber erst dringend, wenn wir uns 
fragen, ob das Leiden und Freuden intensiv erlebende Kind der ersten 
Lebensjahre, also der vorsexuellen Stufe, vermöge seiner Libido 



336 C. G. Jung. 

sexualis strebe und genieße? Freud hat sich zugunsten dieser Annahme 
ausgesprochen. Ich brauche hier wohl die Gründe nicht mehr zu wieder- 
holen, die mich genötigt haben, eine vorsexuelle Stufe anzunehmen, 
Das Eaupenstadium kennt eine Ernähr ungslibido, aber noch keine 
Sexuallibido; so müssen wir uns ausdrücken, wenn wir die energetische 
Auffassung, welche uns der Libidobegriff gebracht hat, überhaupt 
beibehalten wollen. Ich glaube, es bleibt uns nichts anderes übrig, 
als die sexuell definierte Libido aufzugeben, denn sonst wird das Wert- 
volle am Libidobegriff, nämlich die energetische Auffassung, un- 
anwendbar. Das Bedürfnis, dem Libidobegriff Luft zu schaffen und 
ihn aus der zu engen Umschnürung in seiner sexuellen Fassung 
herauszuholen, hat sich der psychoanalytischen Schule schon seit 
geraumer Zeit aufgedrängt. Daher man nicht müde wurde, zu betonen, 
die Sexualität sei nicht so wörtlich, sondern in weiterem Sinne zu nehmen ; 
jedoch wie, das blieb dunkel und konnte deßhalb eine ernsthafte 
Kritik nicht befriedigen. 

Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich den eigentlichen Wert 
des Libidobegriffes nicht in seiner sexuellen Definition, sondern in 
seiner energetischen Auffassung erblicke, dank welcher wir im- 
stande einer heuristisch äußerst wertvollen Fragestellung sind. Wir 
verdanken der energetischen Auffassung auch die Möglichkeit dyna- 
mischer Bilder und Verhältniszeichen, die uns im Chaos der psychischen 
Welt von unschätzbarem Werte sind. Die Freudsche Schule täte 
imrecht daran, jene Stimmen der Kritik zu überhören, welche unserm 
Libidobegriff Mystizismus und Unfaßbarkeit vorwerfen. Man gab 
sich einer Täuschung hin, als man glaubte, die Libido sexualis zur 
Trägerin einer energetischen Anschauung des Seelenlebens machen zu 
können, und wenn viele von uns noch der Meinung sind, einen wohl- 
definierten, sozusagen konkreten Libidobegriff zu besitzen, so sehen 
3ie nicht, daß dieser Begriff zu Anwendungen emporgediehen ist, die 
die Grenzen seiner Sexualdefinition weit überschreiten. Infolge- 
dessen hat die Kritik mit ihrem Vorwurf recht, denn man mutet 
dem bisherigen Libidobegriff Leistungen zu, welche ihm nicht zu- 
geschrieben werden können. Das erweckt tatsächlich den Eindruck, 
als ob man mit einer mystischen Größe operiere. Ich habe in meiner 
Arbeit (Wandlungen und Symbole der Libido) den Nachweis dieser 
Überschreitungen zu erbringen und zugleich die Notwendigkeit der 
Schaffung eines neuen Libidobegriffes, welcher nur der energetischen 
Auffassung Eechnung trägt, zu begründen versucht. Freud selber 



Versucli einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 337 

sah sich gedrängt, seine ursprüngliche Libidoauffassung möglicher- 
weise als zu eng zu betrachten, als er den Versuch machte, seine ener- 
getische Betrachtungsweise in einem berühmten Dementia-praecox- 
Falle, dem sogenannten Schreberschen Falle (Jahrbuch, Band III), 
konsequent durchzuführen. In jenem Falle handelt es sich u. a. um 
das in der Psychologie der Dementia praecox bekannte Problem des 
Realitätsverlustes, d. h. jene eigenartige Erscheinung, daß diese 
Kranken eine besondere Neigung haben, eine eigene innere Phantasie- 
welt aufzubauen und dafür ihre Anpassung an die Wirklichkeit auf- 
zugeben. Ein Stück aus diesem Phänomen ist der Ihnen gewiß be- 
kannte Mangel an gemütlichem Rapport, der eine ausgesprochene 
Störung der Wirklichkeitsfunktion darstellt. Wir haben durch viel- 
fache psychoanalytische Arbeit an diesen Kranken in Erfahrung ge- 
bracht, daß für den Mangel an äußerer Anpassung eine progressive 
Vermehrung der Phantasietätigkeit eintritt, welche so weit geht, daß 
die Traumwelt für den Kranken mehr Realitätswert besitzt als die 
äußere Wirklichkeit. Der kranke Schreber, über den Freud schreibt, 
hat für dieses Phänomen eine treffende figürliche Darstellung gefunden 
in seiner Wahnidee vom ,, Weltuntergang", Er stellt damit den Rea- 
litätsverlust in recht konkreter Weise dar. Die dynamische 
Auffassung dieser Phänomene ist durchsichtig; wir sagen, daß die 
Libido sich von der Außenwelt immer mehr zurückgezogen habe, in- 
folgedessen sie in die Innenwelt, in die Phantasie gerät und dort not- 
wendigerweise als Ersatz für die verlorene Welt ein sogenanntes Rea- 
litätsäquivalent erzeugen muß. Dieser Ersatz erfolgt sozusagen Stück 
für Stück, und es ist überaus interessant zu sehen, mit was für geistigen 
Materialien diese innere Welt aufgebaut wird. Diese Anschauungs- 
weise von .der Verlagerung der Libido hat sich ausgebildet durch den 
alltäglichen Gebrauch dieses Terminus, wobei man an seine ursprünglich 
rein sexuelle Auffassung sich nur noch gelegentlich erinnert. Man 
spricht eigentlich bloß von Libido, was man praktisch als so harmlos 
verstand, daß Claparede mir einmal gesprächsv/eise die Bemerkung 
machte, man könnte eigentlich ebensogut etwa ,,Interet" sagen. 
Durch den gewohnten Gebrauch des Ausdruckes hat sich rein gefühls- 
mäßig eine Anwendung herausgebildet, welche ohneweiters die Formel 
akzeptiert, Schrebers Weltuntergang sei durch den Rückzug der 
Libido bedingt. Bei dieser Gelegenheit hat sich aber Freud seiner 
ursprünglichen Sexualdefinition des Libidobegriffes erinnert und den 
Versuch gemacht, sich mit der eigentlich unter der Hand erfolgten 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psyohopathol. Forschungen. V, '^^ 



338 C. G. Jung. 

Veränderung auseinanderzusetzen. Er legt sich in der vorhin zitierten 
Arbeit die Frage vor, ob das, was die psychoanalytische 
Schule als Libido bezeichne und als ,,Interesse aus erotischen 
Quellen" verstehe, mit dem Interesse überhaupt zusammen- 
falle. Sie sehen aus der Problemstellung, daß Freud sich das fragt, 
was die Bemerkung Claparedes für die Praxis bereits beantwortet 
hat, Freud tritt also hier an die Frage heran, ob der Wirklichkeits- 
verlust der Dementia praecox, auf den ich in meiner ,, Psychologie 
der Dementia praecox" aufmerksam gemacht habe, auf den Rückzug 
des erotischen Interesses allein zurückzuführen sei, oder ob dieses 
zusammenfalle mit dem sogenannten objektiven Interesse überhaupt. 
Es ist wohl kaum anzunehmen, daß die normale ,,fonction du reel" 
(Janet) nur durch erotisches Interesse unterhalten wird. Die Tat- 
sachen liegen so, daß in sehr vielen Fällen die Wirklichkeit überhaupt 
wegfällt, so daß die Kranken nicht eine Spur von psychologischer 
Anpassung erkennen lassen. (Die Realität ist in diesen Zuständen 
durch Komplexinhalte ersetzt.) Man muß notgedrungenerweise 
sagen, daß nicht nur das erotische, sondern überhaupt das Interesse, 
d. h. die ganze Realitätsanpassung, in Verlust geraten ist. 

Ich habe mir früher in meiner ,, Psychologie der Dementia 
praecox" mit dem Ausdruck ,, psychische Energie" geholfen, weil ich 
die Dementia-praecox-Theorie nicht auf die Theorie der Verlagerungen 
der sexuell definierten Libido zu gründen vermochte. Meine damals 
vorzugsweise psychiatrische Erfahrung erlaubte mir das Verständnis 
dieser Theorie nicht, deren partielle Richtigkeit für die Neurosen i^h 
erst später, dank vermehrter Erfahrung auf dem Gebiet der Hysi a 
und Zwangsneurose, einsehen lernte. 

Auf dem Neurosengebiete spielen die abnormen Verlagerungen 
einer sexuell zu definierenden Libido tatsächlich eine große Rolle, 
Trotzdem aber auch im Gebiet der Neurosen sehr charakteristische 
Verdrängungen der Sexuallibido stattfinden, so entsteht doch nie 
jener Realitätsverlust, der für die Dementia praecox typisch ist. Es 
fehlt bei der Dementia praecox ein dermaßen großer Betrag an Wirk- 
lichkeitsfunktion, daß auch noch Triebkräfte im Verlust einbegriffen 
sein müssen, deren Sexualcharakter durchaus bestritten werden muß, 
denn es wird niemandem einleuchten, daß die Realität eine Sexual- 
funktion ist. Überdies müßte, wenn sie es wäre, die Zurückziehung 
des erotischen Interesses schon in den Neurosen einen Realitätsverlust 
zur Folge haben, und zwar einen, der sich mit dem der Dementia praecox 



Versuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 339 

in Vergleich setzen ließe, was aber, wie gesagt, nicht der Fall ist. Diese 
Verwandlungen wären sehr schwer denkbar; man könnte zur Not 
noch verstehen, daß die Entwicklung durch ein Homosexualstadium 
in der Pubertätszeit hindurchgeht, um später die normale Hetero- 
sexualität definitiv zu begründen und festzuhalten. Wie aber soll dann 
erklärt werden, daß das Produkt einer allmählichen Entwicklung, 
welches innigst mit organischen Vorgängen der Reifung verbunden 
zu sein scheint, auf einen Eindruck hin plötzlich ausgeschaltet wird, 
um einer früheren Stufe Platz zu machen? Oder wenn zwei wirkende 
Komponenten als gleichzeitig nebeneinanderexistierend angenommen 
werden, warum wirkt bloß die eine und nicht auch die andere? Man 
wird einwenden, daß die homosexuelle Komponente bei Männern sich 
besonders gerne in einer eigentümlichen Gereiztheit, einer besonderen 
Empfindlichkeit anderen Männern gegenüber zeige. Nach meiner Er- 
fahrung hat dieses charakteristische Verhalten, von dem uns die Ge- 
sellschaft täglich Beispiele liefert, anscheinend seinen Grund in einer 
nie fehlenden Störung im Verhältnis zu den Frauen, wo eine besondere 
Form der Abhängigkeit aufzufinden ist, welche jenes Plus aufweist, 
dem das Minus in der ,,Homosexuar'- Beziehung entspricht^). Diese 
Tatsachen haben es mir unmöglich gemacht, die Fr eudscheLibidotheorie 
auf die Dementia praecox zu übertragen. Ich bin daher auch der 
Ansicht, daß derVersuchAbrahams^) vom Standpunkt der Fr eudschen 
Libidotheorie theoretisch kaum haltbar ist. Wenn Abraham glaubt, 
daß durch die Abkehr der ,, Libido" von der Außenwelt das paranoide 
System oder die schizophrene Symptomatologie entsteht, so ist diese 
Annahme vom Standpunkt des damaligen Wissens aus nicht be- 
rechtigt, denn eine bloße Libidoin troversion- und -regression führt, 
wie Freud klar gezeigt hat, unweigerlich in die Neurose und nicht in 
die Dementia praecox. Die bloße Übersetzung der Libidotheorie auf 
die Dementia praecox scheint mir tmmöglich, weil diese Krankheit 
einen Verlust aufweist, der durch den Ausfall an erotischem Interesse 
allein nicht erklärt werden kann. 

Dabei ist nun allerdings noch in Betracht zu ziehen — worauf 
übrigens Freud in seiner Arbeit in dem Schreberschen Fall Bezug 
nimmt — daß die Introversion der Libido sexualls zu einer Besetzung 



^) Tiatürlich ist dies nicht der wirkliche Grund. Der wirkliche Grund ist 
der Infantilzustand des Charakters. 

^) Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und der Dementia praecox. 
Zentralbl. f, Nervenheilk. u. Psychiatrie, 1908. 

22* 



340 C. G. Jung. 

des ,Ich' führt, wodurch möglicherweise jener Effekt des Realitäts- 
verlustes herausgebracht wird. Es ist in der Tat eine verlockende 
Möglichkeit, die Psychologie des Realitätsverlustes in dieser Art zu 
erklären. Wenn wir aber genauer zusehen, was aus der Zurückziehung 
und Introversion der Libido sexualis entstehen kann, so werden wir 
gewahr, daß daraus zwar die Psychologie eines asketischen Anachoreten 
hervorgeht, nicht aber eine Dementia praecox. Das Bestreben des Anacho- 
reten ist darauf gerichtet, jede Spur von Sexualinteresse auszurotten — 
dies kann von der Dementia praecox nicht einmal behauptet werden^). 
Meine reservierte Stellung gegenüber der Ubiquität der Sexualität, 
wie ich sie in der Vorrede zu meiner Psychologie der Dementia praecox 
bei aller Anerkennung der psychologischen Mechanismen emnahm, 
war diktiert durch die damalige Lage der Libidotheorie, deren sexuelle 
Definition mir nicht erlaubte, Funktionsstörungen, welche das (un- 
bestimmte) Gebiet des Hungertriebes ebensosehr betreffen wie das 
der Sexualität, durch eine sexuelle Libidotheorie zu erklären. Die 
Libidotheorie erschien mir lange Zeit unanwendbar bei der Dementia 
praecox. Bei meiner analytischen Arbeit bemerkte ich aber mit wach- 
sender Erfahrimg eine langsame Veränderung meines Libidobegrif f es : 
an Stelle der deskriptiven Definition der ,,Drei Abhandlungen" trat 
allmählich eine genetische Definition der libido, welche es mir er- 
möglichte, den Ausdruck ,, psychische Energie" durch den Terminus 
,, Libido" zu ersetzen. Ich mußte mir sagen: Wenn schon die Wirk- 
lichkeitsfunktion heute nur zum allergeringsten Teil aus Sexuallibido 
und zum allergrößten Teil aus sonstigen ,, Triebkräften" besteht, so 
ist es doch eine sehr wichtige Frage, ob nicht phylogenetisch die Wirk- 
lichkeitsfunktion, wenigstens zu einem großen Teil, sexueller Pro- 
venienz war. Diese Frage in bezug auf die Wirklichkeitsfunktion direkt 
zu beantworten, ist nicht möglich. Wir versuchen aber auf einem 
Umweg, zum Verständnis zu gelangen. 

^) Es wäre allerdings noch einzuwenden, daß die Dementia praecox nicht 
nur durch Introversion der Libido sexualis charakterisiert sei, sondern auch 
durch die Regression auf das Infantile, und daß dieses den Unterschied zwischen 
dem Anachoreten und dem Geisteskranken ausmache. Dies ist allerdings richtig, 
aber der Nachweis sollte geleistet werden, daß bei Dementia praecox regelmäßig 
und ausschließlich das erotische Interesse der Regression verfallt. Dieser Nachweis 
scheint mir etwas unmöglich zu sein, man müßte denn unter diesem ,,Eros" den 
der alten Philosophen verstehen, was doch wohl kaum gemeint sein dürfte. Ich 
kenne Fälle von Dementia praecox, wo alle Selbsterhaltungsrücksichten weg- 
fallen, nicht aber die sehr lebhaften erotischen Interessen. 



Yersucli einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 341 

Ein flüchtiger Blick auf die Entwicklungsgeschichte genügt, 
um uns zu belehren, daß zahlreiche komplizierte Funktionen, denen 
heutzutage Sexualcharakter mit allem Recht aberkannt werden muß, 
ursprünglich doch nichts als Abspaltungen aus dem Propagationstrieb 
sind. Es hat sich ja, wie bekannt, in der aufsteigenden Tierreihe eine 
wichtige Verschiebimg in den Prinzipien der Propagation vollzogen; 
die Masse der Fortpflanzungsprodukte mit der damit verbundenen 
Zufälligkeit der Befruchtung wurde mehr und mehr eingeschränkt 
zugunsten einer sichern Befruchtung und eines wirksamen Brut- 
schutzes. Dadurch vollzog sich eine Umsetzung der Energie der Ei- und 
Samenproduktion in die Erzeugung von Anlockungs- und Brutschutz- 
mechanismen. So erblicken wir die ersten Kunsttriebe in der Tierreihe 
im Dienst des Propagationstriebes, beschränkt auf die Brunstsaison. 
Der ursprüngliche Sexualcharakter dieser biologischen Institutionen 
verliert sich mit ihrer organischen Fixation und funktionellen Selb- 
ständigkeit. Wenn schon über die sexuelle Herkunft der Musik kein 
Zweifel obwalten kann, so wäre es eine wert- und geschmacklose Ver- 
allgemeinerung, wenn man Musik unter der Kategorie der Sexualität 
begreifen wollte. Eine derartige Terminologie würde dazu führen, 
den Kölner Dom bei der Mineralogie abzuhandeln, weil er auch aus 
Steinen besteht. 

Wir sprachen bis jetzt von der Libido als dem Propagationstrieb 
oder Instinkt der Arterhaltung und hielten uns damit in den Schranken 
jener Auffassung, welche Libido in ähnlicher Weise dem Hunger ent- 
gegensetzt, wie der Instinkt der Arterhaltung gern dem der Selbst- 
erhaltung gegenübergestellt wird. In der Natur gibt es natürlich diese 
künstliche Scheidung nicht. Hier sehen wir nur einen kontinuierüchen 
Lebenstrieb, einen Willen zum Dasein, der durch die Erhaltung des 
Individuums die Fortpflanzung der ganzen Art erreichen will. Insofern 
deckt sich diese Auffassung mit dem Begriff des Willens bei Schopen- 
hauer, als wir eine von außen gesehene Bewegung innerlich nur als 
Wollen erfassen können. Wenn wir schon einmal zu der kühnen Annahme 
gekommen sind, daß Libido, die ursprünglich der Ei- und Samen- 
produktion diente, nunmehr auch in der Funktion des Nestbaues 
fest organisiert und keiner andern Verwendung mehr fähig auftritt, 
dann sind wir auch genötigt, jedes Wollen überhaupt, also auch den 
Hunger, in diesen Begriff einzubeziehen. Denn wir haben dann keinerlei 
Berechtigung mehr, das Wollen des Nestbauinstinkts von dem Essen- 
wollen prinzipiell zu unterscheiden. 



342 C. G. Jung. 

Ich denke, Sie sehen bereits, wohin wir mit dieser Überlegung 
gelangen: Wir sind im Begriff, die energetische Anschauung konsequent 
durchzuführen, indem wir an Stelle des rein formalen Funktionierens 
die energetische Wirkungsweise treten lassen. Wie in der alten Natur- 
wissenschaft immer die Rede war von den Wechselwirkungen in der 
Natur und diese altertümliche Betrachtungsweise dann durch das 
Gesetz der Erhaltung der Energie abgelöst wurde, so versuchen wir 
hier im. Gebiet der Psychologie die Wechselwirkung einander koor- 
dinierter Seelenkräfte durch eine homogen gedachte Energie zu ersetzen. 
Wir geben damit jener berechtigten Kritik Raum, welche der psycho- 
analytischen Schule vorwirft, sie operiere mit einem mystischen Libido- 
begriff. Ich zerstöre daher die Illusion, die gesamte psychoanalytische 
Schule hätte einen wohlverstandenen und anschauüchen Libidobegriff 
und sage, daß die Libido, mit der wir operieren, nicht nur 
nicht konkret oder bekannt sei, sondern geradezu ein X ist, 
eine reine Hypothese, ein Bild oder Rechenpfennig, eben- 
sowenig konkret faßbar wie die Energie der physikalischen 
Vorstellungswelt, Auf diese Weise allein entrinnen wir jenen gewalt- 
samen Überschreitungen der Kompetenzgebiete, welche inmaer wieder 
vorkommen, wenn wir koordinierte Kräfte aufeinander reduzieren 
wollen. Wir können niemals die Mechanik fester Körper oder elektro- 
magnetischer Erscheinungen durch eine Lichttheorie erklären, denn 
Mechanik und Elektromagnetismus sind nicht Licht. Auch verwandeln 
sich, streng genommen, nicht physikalische Kräfte ineinander, sondern 
die Energie ändert ihre Erscheinungsform. Kräfte sind phänomenal; 
das, was am Grimde ihrer äquivalenten Beziehungen liegt, ist der 
hypothetische Energiebegriff, der natürlich ganz psychologisch ist 
und mit der sogenannten objektiven Realität nichts zu tun hat. Diese 
selbe Denkleistung, welche die Physik vollzogen hat, erstreben wir 
auch in der Libidotheorie. Wir wollen dem Libidobegriff wirklich jene 
Stellung anweisen, die ihm zukommt, nämlich die energetische schlechthin, 
damit wir so imstande seien, das lebendige Geschehen energetisch 
aufzufassen und die alte ,, Wechselwirkung" durch absolute Äquivalenz- 
relationen zu ersetzen. Es kann ims nicht stören, wenn man ims Vita- 
lismus vorwirft. Wir sind von dem Glauben an eine spezifische Lebens- 
kraft ebensoweit entfernt wie von anderer Metaphysik. Libido soll 
der Name sein für die Energie, die sich im Lebensprozeß manifestiert 
und die subjektiv als Streben und Begehren wahrgenommen wird. 
Es wird wohl kaum nötig sein, diese Auffassung zu verteidigen. Wir 



Versuch einer Darstellung der psycboanalyt. Theorie. 343 

schließen uns damit bloß einer mächtigen Zeitströmung an, welche die 
Welt der Erscheinungen energetisch begreifen möchte. Der Hinweis 
darauf, daß alles, was wir apperzipieren, nur als Kraftwirkung ver- 
standen werden kann, möge genügen. 

In der Mannigfaltigkeit der natürhchen Erscheinung sehen 
wir das Wollen, die Libido, in verschiedenster Anwendung und Formung. 
Wir sehen die Libido im Stadium der Kindheit zunächst ganz in der 
Form des Emährungstriebes, der den Aufbau des Körpers versorgt. 
Mit der Entwicklung des Körpers eröffnen sich sukzessive neue An- 
wendungsgebiete der Libido. Ein definitives und bedeutungsvolles 
Anwendungsgebiet ist die Sexualität, die zunächst als an die Emährimgs- 
funktion gebunden erscheint. (Beeinflussung der Fortpflanzung durch 
die Ernährungsbedingungen bei niederen Tieren und Pflanzen!) Im 
Gebiet der Sexualität gewinnt die Libido jene Formung, deren gewaltige 
Bedeutimg uns zur Verwendung des zweideutigen Terminus Libido 
überhaupt berechtigt. Hier tritt die Libido zunächst in der Form 
einer undifferenzierten UrHbido auf, die als Wachstumsenergie die 
Individuen zu Teilung, Sprossung usw. veranlaßt. 

Aus jener sexuellen Urlibido, welche die Millionen Eier und 
Samen aus einem kleinen Geschöpfe heraus erzeugte, haben sich mit 
gewaltiger Einschränkung der Fruchtbarkeit Abspaltungen entwickelt, 
deren Funktion durch eine speziell differenzierte Libido unterhalten 
wird. Diese differenzierte Libido ist nunmehr ,,desexuaHsiert", indem 
sie der ursprünglichen Funktion der Ei- und Samenerzeugung entkleidet 
ist und auch keine Möglichkeit mehr vorhanden ist, sie wiederum 
zu ihrer ursprünglichen Funktion zurückzubringen. So besteht überhaupt 
der Entwicklungsprozeß in einer zunehmenden Aufzehrung der Urlibido, 
welche nur Fortpflanzimgsprodukte erzeugte, in die sekundären Funk- 
tionen der AnlockuJig und des Brutschutzes, Diese Entwicklung setzt 
nun ein ganz anderes und viel komplizierteres Verhältnis zur Wirk- 
lichkeit, eine eigentliche Wirklichkeitsfunktion voraus, die untrennbar 
mit den Bedürfnissen der Propagation verbunden ist, d. h. die veränderte 
Propagationsweise führt als Korrelat eine entsprechend erhöhte Wiik- 
lichkeitsanpassung mit sich. Damit soll natürhch nicht gesagt sein, 
daß die Wirklichkeitsfunktion ausschließlich der Differenzierung der 
Propagation ihr Dasein verdanke. Der unbestimmt große Anteil der 
Emährungsfunktion ist mir bewußt. 

Auf diese Weise gelangen wir zur Einsicht in gewisse ursprüng- 
liche Bedingungen der Wirklichkeitsfunktion. Es wäre grundfalsch 



344 C. G. Jung. 

zu sagen, ihre Triebkraft sei eine sexuelle, sie war in hohem Maße eine 
sexuelle, aber auch dies nicht ausschließlich. 

Der Prozeß der Aufzehrung der Urlibido in sekundäre Betriebe 
erfolgte wohl immer in der Form des sogenannten ,,libidinösen Zu- 
schusses", d. h. die Sexualität wurde ihrer ursprünglichen Bestimmung 
entkleidet und als Partialbetrag zum phylogenetisch sich allmählich 
steigernden Betriebe - der Anlockung- und Brutschutzmechanismen 
verwendet. Diese Überweisimg von Sexuallibido aus dem Sexualgebiet 
an Nebenfunktionen findet noch immer statt. Der Malthusianismus 
z. B. ist die künstliche Fortsetzung der natürlichen Tendenz. Wo diese 
Operation ohne Nachteil für die Anpassung des Individumns gelingt, 
spricht man von Sublimierung, wo der Versuch mißlingt, von Ver- 
drängung. 

Der deskriptive Standpunkt der Psychoanalyse sieht die Vielheit 
der Triebe, darimter als Partialphänomen den Sexualtrieb, außerdem 
erkennt er gewisse libidinöse Zuschüsse zu nichtsexuellen Trieben an. 

Anders der genetische Standpunkt: Es sieht das Hervorgehen 
der Vielheit der Triebe aus einer relativen Einheit, der Libido, er 
sieht, wie fortwährend sich Partialbeträge von der Libido der Pro- 
pagationsfunktion abspalten, als libidinöse Ziischüsse sich neufor- 
mierenden Betrieben zugesellen und darin schUeßüch aufgehen. 

Von diesem Standpimkt aus können wir nun ohne Schwierigkeit 
sagen, daß der Geisteskranke seine Libido von der Außenwelt zurück- 
ziehe und infolgedessen einen Wirklichkeitsverlust erleide, dessen Äqui- 
valent die Vermehrung der Phantasietätigkeit ist. 

Wir wollen nun versuchen, diesen neuen Begriff der Libido in 
die für die Neurosentheorie so wichtige Lehre der kindlichen Sexualität 
einzuführen. Die Libido als Energie der Lebenstätigkeit überhaupt 
finden wir beim Kinde zunächst in der Zone der Emährungsfunktion 
an der Arbeit. Im Akt des Saugens wird durch rhythmische Bewegung 
die Nahrung aufgenommen unter den Zeichen der Befriedigung. 

Mit dem Wachstum des Individuums und der Ausbildung seiner 
Organe schafft sich die Libido neue Wege des Bedürfnisses, der Be- 
tätigung und der Befriedigung. Nunmehr gilt es, das primäre Modell 
der rhythmischen Lust und Befriedigung erzeugenden Tätigkeit in die 
Zone anderer Funktionen zu übertragen mit dem schließlichen Endziel 
in der Sexualität. Ein beträchtlicher Teil der ,,Hungerlibido" hat 
sich in ,, Sexuallibido" umzusetzen. Dieser Übergang geschieht nicht 
plötzlich etwa in der Pubertätszeit, sondern ganz allmählich im Ver- 



Versuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 345 

laufe des größeren Teiles der Kindheit. Die Libido kann sich nur mit 
Schwierigkeit und ganz langsam von der Eigentümlichkeit der Er- 
nährungsfunktion befreien, um in die Eigentümlichkeit der Sexual- 
funktion überzugehen. In diesem Übergangsstadium sind, soweit ich 
dies zu beurteilen vermag, zwei Epochen zu unterscheiden: die Epoche 
des Latschens und die Epoche der verlagerten rhji^hmischen Betätigung. 
Das Lutschen gehört seiner Art nach noch ganz zum R-ayon der Er- 
nährungsfunktion, überragt ihn jedoch dadurch, daß es nicht mehr 
Ernährungsfunktion ist, sondern rhythmische Betätigung mit dem 
Endziel der Lust und der Befriedigung ohne Nahrungsaufnahme, Als 
Hilfsorgan tritt hier die Hand auf. In der Epoche der verlagerten rhyth- 
mischen Betätigung tritt die Hand als Hilfsorgan noch deutlicher 
hervor, die Lustgewinnung verläßt die Mundzone und wendet sich 
anderen Gebieten zu. Es sind wohl in der Regel zunächst die anderen 
Körper Öffnungen, die das Objekt des libidinösen Interesses werden, 
sodann die Haut und besondere Stellen derselben. Die an diesen Orten 
ausgeführte Tätigkeit, die als Reiben, Bohren, Zupfen usw. auftreten 
kann, erfolgt in einem gewissen Rhythmus und dient zur Erzeugung 
von Lust. Nach längerem oder kürzerem Verweilen der Libido an diesen 
Stationen wandert sie weiter, bis sie in der Sexualzone anlangt und dort 
zunächst Anlaß werden kann zu den ersten onanistischen Versuchen. 
Auf ihrer Wanderung nimmt die Libido nicht weniges aus der Er- 
nährungsfunktion mit in die Sexualzone, woraus sich unschwer die 
zahlreichen und innigen Verknüpf imgen zwischen Ernährungs- und 
Sexualfunktion erklären lassen. Diese Wanderung der ,, Libido" findet 
statt zur Zeit der vorsexuellen Stufe, die eben dadurch gekennzeichnet 
ist, daß die Libido graduell den Charakter des ausschließlichen Nu- 
tritionstriebes aufgibt und zum Teil allmählich den Charakter des 
Sexualtriebes annimmt^). Auf der Stufe der Nutrition läßt sich also 
von einer eigentlichen Sexuallibido noch nicht sprechen. Infolgedessen 
sind wir genötigt, auch die sogenannte polymorph-perverse Se- 
xualität der frühen Infantilzeit anders zu qualifizieren. Der Poly- 
morphismus der libidinösen Strebungen jener Zeit erklärt sich als das 
allmähliche stationsweise Überwandern der Libido aus dem Gebiet 
der Ernährungsfunktion in das der Sexu'afunktion. Damit fällt der 



^) Ich bitte den Leser meine figürliche Ausdrucksweise nicht mißverstehen 
zu wollen. Es ist natürlich nicht dieLibido als Energie, die sich nur zögernd von der 
Nutritionsfunktion befi'eit, sondern als Fonktion, die an die langsamen \yand- 
lungen des organischen Wachstums gebiinden ist. 



346 C. G. Jung. 

von der Kritik schwer angefochtene Terminus „pervers" weg, indem 
er einen falschen Eindruck erweckt. 

Wenn ein chemischer Körper in seine Elemente zerfällt, so sind 
diese unter solchen Umständen seine Zerfallprodukte. Es ist aber 
nicht angängig, Elemente überhaupt deshalb als Zerfallprodukte zu 
bezeichnen. Perversitäten sind Störungsprodukte der ausgebildeten 
Sexualität, aber niemals die Vorstufen der Sexualität, obschon eine 
zweifellose substantielle Ähnlichkeit zwischen Vorstufe und Zerfallprodukt 
zu konstatieren ist. In dem Maße, als die Entwicklung der Sexualität 
vorwärts schreitet, gehen ihre kindlichen Vorstufen, die wir also nicht 
mehr als perverse, sondern als vorläufige Stufen auffassen, in der nor- 
malen Sexualität auf. Je ungestörter und leichter es gelingt, die Libido 
aus ihren vorläufigen Positionen herauszuziehen, desto rascher und 
vollkommener vollzieht sich die Bildung der normalen Sexualität. 
Es gehört zum Begriffe der normalen Sexualität, daß alle jene früh- 
infantilen noch nicht sexuellen Neigungen möglichst von ihr abgestreift 
seien. Je weniger dies der Fall ist, desto perverser droht die Se- 
xualität zu werden. Hier ist nun der Ausdruck , .pervers" ganz an 
seinem Platz. Die Grundbedingung der Perversität ist also ein infantiler 
mangelhaft entwickelter Zustand der Sexualität. Der Ausdruck 
,,polymorph-pervers" ist aus der Neurosenpsychologie genommen 
und rückwärts projiziert in die Psychologie des Kindes, wo er natürlich 
ganz unangebracht ist. 

Nachdem wir uns nunmehr vergewissert haben, was unter der 
infantilen Sexualität zu verstehen sei, können wir daran gehen, die 
Besprechung der Neurosentheorie, die wir vorhin begonnen und dann 
wieder verlassen haben, fortzusetzen. Wir verfolgten die Neurosen- 
theorie bis zu jenem Punkte, wo wir auf die Konstatierung Freuds 
stießen, daß die Disposition, auf der das traumatische Erlebnis zur 
pathogenen Wirksamkeit gelangt, eine sexuelle sei. Wir können an 
Hand unserer seitherigen Überlegungen verstehen, was als sexuelle 
Disposition zu denken ist; es ist eine Kückständigkeit, eine Hemmung 
in jenem Prozeß der Ablösung der Libido von den Betätigungen der 
vorsexuellen Stufe. Zunächst ist diese Störung aufzufassen als ein 
zu langes Verweilen bei gewissen Stationen der Libidowanderung von 
Ernährungsfunktion zur Sexualfunktion. Dadurch entsteht ein dis- 
harmonischer Zustand, indem vorläufige und eigentlich überlebte 
Betätigungen noch in eine Zeit perseverierend hineinragen, welche 
bereits solche Betätigungen aufgegeben haben sollte. Diese Formel 



VeraucL einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 347 

gilt für alle jene kindischen Züge, an denen die Neurotiker so reich 
sind, daß wohl kein aufmerksamer Beobachter sie vermißt haben wird. 
Im Gebiet der Dementia praecox ist der Infantilismus so aufdringUch, 
daß er sogar einem Symptomenkomplex zu einem bezeichnenden Namen 
verholfen hat. Ich meine die Hebephrenie. 

Mit dem bloßen Verweilen auf vorläufiger Stufe hat die Sache 
noch nicht ihr Bewenden. Während nämlich ein Teil der Libido auf 
einer Vorstufe verweilt, geht die Zeit und damit die sonstige Entwicklung 
des Individuums unaufhaltsam vorwärts, und die körperhche Reifung 
bringt es mit sich, daß der Abstand und die Diskordanz zwischen der 
perseverierenden Infantiltätigkeit und den Anforderungen des er- 
höhten Alters und der damit veränderten Lebensbedingungen immer 
größer werden. Dadurch wird die Grundlage gelegt zur Dissoziation 
der Persönlichkeit imd damit zum Konflikt, was das eigentliche 
Fundament der Neurose ist. Je mehr Libido in rückständiger An- 
wendung begriffen ist, desto intensiver wird der Konflikt sein. 
Dasjenige Erlebnis nun, welches am ehesten geeignet ist, diesen Konflikt 
manifest werden zu lassen, ist das traumatisch wirksame oder pathogeno. 

Wie das Freud in seinen früheren Arbeiten gezeigt hat, ließe sich 
eine solcher Art entstandene Neurose leicht denken. Diese Auffassung 
paßte nicht übel zu den Ja net sehen Anschauungen, welche der Neurose 
einen gewissen Defekt zumuten. Man könnte von diesem Staudpunkt 
aus die Neurose für das Produkt einer Rückständigkeit in der Ent- 
wicklung der Affektivität halten; und ich kann mir denken, daß dem, 
der geneigt ist, Neurosen mehr oder weniger direkt aus der erblichen 
Belastung oder der angeborenen Entartung abzuleiten, diese .Vnsicht 
einleuchten könnte. Leider ist die Wirklichkeit komplizierter. Um 
Ihnen den Einbhck in diese Komphkation zu erleichtern, möchte ich 
mir erlauben, Ihnen ein banales Beispiel emer Hysterie vorzuführen, 
an dem es mir hoffentlich gelingen wird, jene charakteristische und 
theoretisch äußerst bedeutsame Komplikation darzustellen. Sie werden 
sich von früher erinnern, daß ich Ihnen dort den Fall einer jungen 
H3^sterica erwähnt habe, welche merkwürdigerweise auf eine Situation, 
die aller Erwartung nach einen größern Eindruck hätte hervorbringen 
müssen, nicht reagierte, wohl aber eine gewaltige pathologische Re- 
aktion zeigte auf eine ganz alltägliche Situation, wo es niemand er- 
wartet hätte. Wir haben den Anlaß jenes Falles dazu benutzt, unsere 
Zweifel an der ätiologischen Bedeutung des Traumas laut werden zu 
lassen imd um die sogenannte Disposition, auf der das Trauma zur 



348 C. G. Jung. 

Wirksamkeit gelangt, des Nähern zu prüfen. Die sich daran an- 
schließende Betrachtung führte zu dem vorhin geschilderten Ergebnis, 
daß Entstehung einer Neurose auf dem Boden einer retardierten affek- 
tiven Entwicklung keineswegs unwahrscheinlich sei, 

Sie werden nun die Frage an mich richten, worin die Rück- 
ständigkeit der Affektivität jener Hysterie bestanden habe? 

Die Kranke lebte in einer Phantasiewelt, welche man nicht anders 
als infantil bezeichnen konnte. Sie mögen mir die Schilderung dieser 
Phantasien erlassen, indem Sie als Nervenärzte oder Psychiater 
gewiß täglich Gelegenheit haben, von jenen kindischen Vorurteilen, 
Illusionen und affektiven Ansprüchen, denen sich die Neurotiker 
hingeben, zu vernehmen. In solchen Phantasien verrät sich ein der 
harten Wirklichkeit der Dinge abholder Sinn; es ist darin etwas wenig 
Ernsthaftes, etwas Spielerisches, das bald wirkliche Schwierigkeiten 
tändelnd zudeckt, bald Kleinigkeiten zu großen Schwierigkeiten über- 
treibt, das immer Phantasmen ersinnt, um damit den Ansprüchen 
der Wirklichkeit zu entgehen. Wir erkennen darin ohneweiters jenes 
unabgemessene psychische Verhältnis, welches das Kind zur Wirk- 
lichkeit hat, sein schwankendes Urteil, seine mangelhafte Orientierung 
über Dinge der äußern Welt, und seine Scheu vor unangenehmen 
Pflichten. Auf einer solchen infantilen Geistesdisposition können alle 
möglichen AVunschphantasien und Illusionen üppig wuchern und 
hierin haben wir das gefährliche Moment zu erblicken. Durch solche 
Phantasien geraten die Menschen in eine unwirkliche und gänzHch 
unangepaßte Stellung zur Welt, was eines Tages zur Katastrophe 
führen muß. Wenn wir das infantile Phantasieleben der Patientin 
zurückverfolgen bis in frühste Kindheit, so finden wir zwar viele deut- 
hcher hervorragende Szenen, welche geeignet waren, dieser oder jener 
phantastischen Variation neue Nahrung zufließen zu lassen, aber es 
war vergebens, nach sogenannten ,, traumatischen" Momenten zu 
forschen, von wo etwas Krankhaftes, z. B. eben gerade die abnorme 
Phantasietätigkeit, ihren Ursprung genommen hätte. Es gab zwar 
,, traumatische" Szenen, die lagen aber nicht in der frühen Kindheit, 
und die spärlich erinnerten Szenen ihrer frühen Kindheit erschienen 
nicht traumatisch, indem es mehr akzidentelle Erlebnisse waren, die 
ohne nennenswerte AVirkung an ihrer Phantasie vorübergingen. Die 
frühsten Phantasien bestanden aus allerhand vagen undhalbverstandenen 
Eindrücken, die sie von ihren Eltern empfangen hatte. Um den Vater 
gruppierten sich allerhand sonderbare Gefühle, schwankend zwischen 



Versuch, einer Darstellung der payclioanalyt. Theorie. 349 

Ängstlichkeit, Grauen, Abneigung, Ekel, Liebe und Begeisterung. 
Der Fall lag also so, wie viele andere Hysterien, die von traumatischer 
Ätiologie nichts erkennen lassen, sondern aus den Wurzeln einer eigen- 
artigen, frühzeitigen Phantasietätigkeit, die dauernd den Charakter 
des Infantilismus bewahrt, emporwachsen. 

Sie werden nun einwenden, daß in diesem Fall eben jene Szene 
mit den durchgehenden Pferden das Trauma darstelle, welches ganz 
klar das Modell sei zu jener nächtlichen Szene etwa 18 Jahre später, 
wo die Patientin den herantrabenden Pferden nicht ausweichen konnte 
und sich deshalb in den Fluß stürzen wollte, entsprechend dem Modell- 
erlebnis, wo Pferde und Wagen in den Fluß stürzten. Von diesem 
Moment an litt sie auch an hysterischen Dämmerzuständen. Wie ich 
Ihnen vorhin zu schildern versuchte, bemerken wir von dieser ätio- 
logischen Verknüpfung in der Entwicklung der Phantasiesystem-C 
nichts. Es ist, als ob dort die Todesgefahr mit den scheuenden Pferden 
ohne irgend welche nennenswerte Wirkung vorübergegangen wäre. 
Alle jenem Erlebnis folgenden Jahre ließen nichts von einer Nach- 
wirkung jenes Schreckens erkennen. Es war, als ob jenes Ereignis nie 
geschehen wäre. Vielleicht ist es auch gar nie vorgekommen, was ich 
in parenthesi beifügen will. Nichts hindert, daß es eine bloße Phantasie 
ist, denn ich stütze mich hierin nur auf die Angaben der Patientin^). 

Plötzlich, nach vielleicht 18 Jahren, wird das Ereignis bedeutsam 
und wird sozusagen reproduziert und konsequent durchgeführt. Die 
alte Theorie sagte: der damals eingeklemmte Affekt habe sich plötzlich 
einen Weg nach außen gebahnt. Diese Annahme ist überaus unwahr- 
scheinlich und gewinnt an Undenkbarkeit, wenn wir berücksichtigen, 
daß diese Geschichte mit den scheuenden Pferden auch ebensogut nicht 
wahr sein kann. Sei dem, wie ihm wolle: es ist und bleibt eine kaum 
annehmbare Sache, daß ein Affekt lange Jahre begraben liegt und dann 
plötzlich einmal explodiert bei einer impassenden Gelegenheit. 

Es ist verdächtig, daß die Patienten sehr oft eine ausgesprochene 
Neigung haben, irgend ein altes Erlebnis als die Ursache ihres Leidens 
anzugeben, wodurch sie in geschickter Weise die Aufmerksamkeit 
ihres Arztes von der Gegenwart weg auf eine falsche Spur in der Ver- 
gangenheit lenken. 

1) Es dürfte nicht überflüssig sein hier zu bemerken, daß es immer noch 
Leute gibt, die glauben, daß der Psychoanalytiker von seinen Patienten angelogen 
werden könne. Das ist ganz unmöglich: Lüge ist Phantasie. Und wir behandeln 
Phantasien. 

2 ? 



350 C. G. Jung. 

Dieser falsche Weg war der Weg der erst-en psychoanalytischen 
Theorie. Wir verdanken der falschen Hypothese eine vorher nie er- 
reichte Höhe der Einsicht in die Determination des neurotischen Sym- 
ptoms, eine Höhe, die wir nie erreicht hätten, wenn nicht die Forschung 
diesen Weg, den eigentlich die irreführende Tendenz des Kranken 
gewiesen hat, beschritten hätte. Ich denke, nur der, der das Welt- 
geschehen als eine Kette von mehr oder weniger irrtümlichen Zu- 
fälligkeiten betrachtet und deßhalb glaubt, es bedürfe beständig der 
erzieherischen Hand des vernunftbegabten Menschen, kann auf die 
Idee kommen, dieser Porschungsweg sei ein Irrweg gewesen, den man 
mit einer Warnungstafel versehen müsse. Außer der vertieften Einsicht 
in die psychologische Determination verdanken wir diesem jjlrrtum" 
Fragestellungen von unabsehbarer Tragweite. Wir müssen froh und 
dankbar sein, daß Freud den Mut hatte, diesen Weg sich führen zu 
lassen. Nicht solche Dinge hindern den Fortschritt der Wissenschaft, 
sondern das konservative Festhalten an einmaligen Einsichten, der 
typische Konservativismus der Autorität, die kindische Eitelkeit des 
Gelehrten auf sein Rechthaben und seine Angst, sich zu irren. Dieser 
mangelnde Opfermut schädigt das Ansehen und die Größe der wissen- 
schaftlichen Erkenntnis weit mehr als ein ehrlicher Irrweg. Wann wird 
das überflüssige Gezänk ums Rechthaben ein Ende nehmen? Man 
blicke auf die Wissenschaftsgeschichte: Wie viele haben recht 
gehabt, und wie viele haben recht behalten? 

Kehren wir zu unserm Falle zurück! Die Frage, die sich nun- 
mehr erhebt, ist folgende: Wenn es also das alte Trauma nicht ist, 
dem ätiologische Bedeutung zukommt, so ist offenbar die nächste 
Ursache der manifesten Neurose in der Eückständigkeit der affektiven 
Entwicklimg zu suchen. Wir haben also die Angabe der Patientin, 
daß ihre hysterischen Dämmerzustände von jenem Erschrecken vor 
den Pferden herkommen, für nichtig zu erklären, obschon dieses Er- 
schrecken tatsächhch der Ausgangspunkt für ihre manifeste Erkrankung 
gewesen war. Dieses Erlebnis erscheint bloß als wichtig, ohne es in 
Wirklichkeit zu sein. Diese Formulierung gilt auch für die meisten 
anderen Traumata. Sie scheinen bloß wichtig zu sein, indem sie der 
Anlaß zur Manifestation eines schon längst abnormen Zustandes sind. 
Der abnorme Zustand ist, wie wir bereits des Nähern ausgeführt haben, 
ein anachronistisches Weiterbestehen einer infantilen Stufe der Libido- 
entwicklung. Die Patienten bewahren noch Anwendungsformen der 
Libido, die sie längst hätten ablegen sollen. Es ist beinahe unmöglich, 



Versuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 351 

gewissermaßen ein Verzeichnis dieser Formen zu liefern, denn sie sind 
von einer gewaltigen Mannigfaltigkeit. Die häufigste und sozusagen 
nie fehlende Form ist die übermäßige Phantasietätigkeit, welche durch 
eine unbekümmerte Überbetonung der subjektiven Wünsche gekenn- 
zeichnet ist. Die übertriebene Phantasietätigkeit ist immer ein 
Zeichen mangelhafter Realanwendung der Libido. Anstatt daß die 
Libido zu einer möglichst genauen Anpassung an die realen Verhält- 
nisse verwendet wird, bleibt sie in phantastischen Anwendungen 
stecken. Man nennt diesen Zustand einen partiellen Introversions- 
zustand, indem die Libidoanwendung noch zum Teil phantastisch 
ist oder illusionär, anstatt angepaßt zu sein an die wirklichen Ver- 
hältnisse. Eine regelmäßige Begleiterscheinung dieser Rückständigkeit 
der affektiven Entwicklung ist der Elternkomplex. Wenn die 
Libido nicht voll für die reale Anpassungsleistung gebraucht wird, 
so ist sie immer mehr oder weniger introvertiert^). Der materielle 
Inhalt der psychischen Welt besteht aus Reminiszenzen, d. h. aus den 
Materialien der individuellen Vergangenheit (abgesehen von aktuellen 
Wahrnehmungen). Wenn mm die Libido partiell oder total introvertiert 
ist, so besetzt sie mehr oder weniger ausgedehnte Reminiszenzengebiete, 
wodurch diese eine Lebendigkeit oder Aktivität erlangen, die ihnen 
längst nicht mehr zugehört. Die Konsequenz ist, daß dann die Kranken 
immer mehr oder weniger in einer Welt leben, die eigentlich der Ver- 
gangenheit angehört. Sie schlagen sich mit Schwierigkeiten herum, 
die einmal in ihrem Leben eine Rolle gespielt haben, die aber längst 
erloschen sein sollten. Sie kümmern sich noch um Dinge, oder viel- 
mehr, sie müssen sich noch um Dinge kümmern, die längst nicht mehr 
wichtig sein sollten. Sie ergötzen oder quälen sich mit Vorstellungen, 
die einstmals normalerweise bedeutsam waren, aber für das erwachsene 
Alter keine Bedeutung mehr haben. Unter diesen Dingen, die für die 
Infantilzeit von größter Bedeutung waren, spielen die Persönlichkeiten 
der Eltern die einflußreichste Rolle. Auch wenn die Eltern schon längst 
tot sind und alle Bedeutimg verloren haben könnten und sollten, 
indem sich die Lebenslage der Kranken seither vielleicht total verändert 
hat, SO sind sie dem Patienten doch noch irgendwie gegenwärtig und 



*) Die Introversion will nicht sagen, daß die Libido dann einfach untätig 
aufgehäuft sei, sondern daß sie in phantastischer oder illusionärer Weise an- 
gewendet sei, insofern sich aus der Introversion eine Regression auf einen infantilen 
Anpassungsmodus ergeben hat. Die Introversion kann auch zu einem vernünftigen 
Plane des Handelns führen. 



352 C. G. Jung. 

bedeutsam, wie wenn sie noch am Leben wären. Die Liebe und Ver- 
ehrung, der Widerstand, die Abneigung, der Haß und die Auflehnung 
der Kranken kleben noch an ihren durch Gunst oder Mißgunst ent- 
stellten Abbildern, die öfter mit der einstmaligen Wirklichkeit nicht 
mehr viel Ähnlichkeit haben. Diese Tatsache hat mich dazu gedrängt, 
nicht mehr von Vater und Mutter direkt zu sprechen, sondern dafür 
den Terminus ,,Imago" von Vater und Mutter zu gebrauchen, indem 
ea sich in solchen Phantasien nicht mehr eigentlich um Vater oder 
Mutter handelt, sondern bloß um deren subjektive und öfter gänzUch 
entstellte Imagines, die im Geiste des Kranken ein zwar schemen- 
haftes, aber einflußreiches Dasein führen. Der Komplex der Eltem- 
imagines, d. h. die Summe der auf die Eltern sich beziehenden Vor- 
stellungen stellt ein wichtiges Anwendungsgebiet der introvertierten 
Libido dar. Ich bemerke beiläufig, daß der Komplex an sich ein bloß 
schattenhaftes Dasein führt, insofern er nicht mit Libido erfüllt ist. 
Nach dem früheren Sprachgebrauch, der sich in meinen ,, Assoziations- 
studien" herausgebildet hat, wurde als Komplex ein System von Vor- 
stellimgen bezeichnet, das bereits mit Libido besetzt imd dadurch 
aktiviert war. Dieses System besteht aber auch als bloße Anwendungs- 
möglichkeit, auch wenn es vorübergehend oder dauernd nicht mit 
Libido besetzt ist. 

Als die psychoanalytische Theorie noch im Banne der trauma- 
tischen Auffassung stand und demgemäß die causa ef f iciens der Neurose 
in der Vergangenheit aufzusuchen geneigt war, schien es uns, als ob 
gerade der Eltemkomplex der sogenannte ,, Kernkomplex" der Neurose 
wäre — um einen Ausdruck Freuds zu gebrauchen. Die Rolle der 
Eltern erschien als dermaßen determinierend, daß wir versucht waren, 
darin die Schuld an allen späteren Verwicklungen im Leben der Kranken 
zu suchen. Ich habe diese Auffassung vor einigen Jahren in meiner 
Schrift ,,Über die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Ein- 
zelnen" zur Diskussion gestellt. Auch hierin ließen wir uns von den 
Neigungen der Kranken führen, die, entsprechend der Richtimg der 
introvertierten Libido in die Vergangenheit wiesen. Diesmal war es 
allerdings nicht mehr das äußerliche akzidentelle Erlebnis, von dem 
die pathogene Wirkung auszugehen schien, sondern eine psychologische 
Wirkung, die aus den Schwierigkeiten der Anpassung des Individuums 
an die Bedingungen des familiären Milieus herzustammen schien. Es 
war besonders die Differenz zwischen den Eltern einerseits und den 
Eltern und dem Kinde anderseits, welche geeignet erschien, im Kinde 



Versuch einer Darstellung der psych oanalyt. Theorie. 353 

Strömungen zu erzeugen, die sich mit seiner eigenen individuellen 
Lebensrichtung schlecht oder gar nicht vertrugen. Ich habe in meiner 
vorhin erwähnten Schrift aus der Fülle der Beobachtungen, die mir 
über diese Frage vorlagen, einige Fälle als Beispiele angeführt, in 
denen mir diese Wirkungen besonders deutlich erschienen. Die an- 
scheinend von den Eltern ausgehenden Wirkimgen beschränken sich 
nicht etwa darauf, daß die neurotischen Nachkommen bisweilen nicht 
aufhören können, ihre familiären Verhältnisse oder ihre falsche Erziehung 
als Grund ihrer Krankheit anzuschuldigen, sondern sie erstrecken sich 
auch auf Lebensereignisse im.d Handlungen der Kranken, von denen 
man eine derartige Determination nicht erwartet hätte. Die sowohl 
beim Wilden wie beim Kind enorm rege Imitationstätigkeit kann 
bei besonders empfindsamen Kindern zu einer eigentlichen inner- 
lichen Identifikation mit den Eltern führen, d. h. zu einer dermaßen 
ähnlichen geistigen Gesamtrichtung (attitude), daß Wirkungen auf 
das Leben dadurch herausgebracht werden, die den Erlebnissen der 
Eltern gelegentlich bis ins Detail gleichen^). Was das empirische Ma- 
terial zu dieser Frage betrifft, muß ich Sie auf die Literatur verweisen. 
Ich kann aber an dieser Stelle nicht umhin, daran zu erinnern, daß 
meine Schülerin, Dr. Emma Fürst, für das in Frage stehende Problem 
wertvolle experimentelle Nachweise gebracht hat. Ich habe mich auf 
diese Untersuchungen schon in meinen Vorlesungen an der Clark 
University bezogen. Fürst hat bei ganzen Familien durch Assoziations- 
experimente den sogenannten Reaktionstypus der einzelnen Familien- 
glieder festgestellt. Es zeigte sich, daß sehr oft ein unbewußter Par- 
allelismus der Assoziation zwischen Eltern und Kindern existiert, 
welcher nicht anders als eben durch eine intensive Imitation oder 
Identifikation erklärt werden kann. Die Versuchsergebnisse deuten 
auf eine weitgehende Gleichrichtung der biologischen Tendenzen, 
woraus unschwer die bisweilen erstaunliche Übereinstimmung im 
Schicksal erklärt werden kann. Unsere Schicksale sind in der Regel 
die Resultanten unserer psychologischen Tendenzen. 

Diese Tatsachen lassen es begreiflich erscheinen, daß nicht nur 
die Kranken, sondern auch die auf solchen Erfahrungen aufgebauten 
theoretischen Ansichten der Annahme zuneigen, die Neurose sei das 
Resultat der charakterologischen Einflüsse der Eltern auf die Kinder. 
Gestützt wird diese Annahme noch erheblich durch die der Pädagogik 

^) Ich sehe dabei ganz ab von der vererbten organischen Älinlichkeit, die 
natürlich für vieles verantwortlich ist, aber lange nicht für Alles. 

Jab.rbuoli für psjrchoaiialjt. u. psychopatliol. ForseliiingeTi. V. ^^ 

2 3 * 



354 C. G, Jung. 

als Grundlage dienende Erfahrung von der Formbarkeit der kindlichen 
Seele, die gerne mit weichem Wachs verglichen wird, das alle Eindrücke 
aufnimmt und bewahrt. Wir wissen, daß die ersten Kindheitseindrücke 
unverlierbar den Menschen durch sein ganzes Leben begleiten, und 
daß ebenso unzerstörbar gewisse Erziehungseinflüsse den Menschen 
zeitlebens in gewisse Schranken zu bannen vermögen. Es ist unter 
diesen Umständen nicht nur kein Wunder, sondern sogar eine häufige 
Erfahrimg, daß Konflikte ausbrechen zwischen jener Persönlichkeit, 
die durch die Erziehung imd die sonstigen Einflüsse des infantilen 
Milieus geformt wurde, und der eigentlichen individuellen Lebens- 
richtung. Diesem Konflikt verfallen alle die Menschen, die berufen 
sind, ein selbständiges und schöpferisches Leben zu führen. 

Der enorme Einfluß der Jugendzeit auf die spätere Charakt^r- 
entwicklung macht es durchaus begreifhch, daß man die Ursache 
einer Neurose direkt aus den Einflüssen des infantilen Milieus ableiten 
möchte. Ich muß gestehen, daß ich Fälle kenne, wo jede andere Er- 
klärung mir weniger Berechtigung zu haben scheint. Es gibt tatsächlich 
Eltern, die durch ihr eigenes widerspruchsvolles Gebaren ihre Kinder 
dermaßen unsinnig behandeln, daß die Erkrankung der Kinder unver- 
meidlich erscheint. Es gilt daher unter Nervenärzten als eine Kegel, 
wenn immer möglich, neurotische Kinder aus der gefährlichen fami- 
liären Atmosphäre zu befreien und unter gesündere Einflüsse zu bringen, 
wo sie auch öfter ohne irgend welche ärztliche Behandlung viel besser 
gedeihen als zu Hause. Es gibt nun sehr viele Neurotiker, die schon 
als Kind deutlich neurotisch und also seit der Kindheit nie frei von 
Krankheit waren. Für solche Fälle scheint die eben skizzierte Auf- 
fassung im allgemeinen gültig zu sein. 

Diese uns vorderhand als definitiv erscheinende Erkenntnis 
wurde durch die Arbeiten von Freud und der psychoanalytischen 
Schule bedeutend vertieft. Die Beziehung des Kranken zu seinen 
Eltern wurde bis in alle Einzelheiten studiert, indem diese Beziehungen 
es gerade sind, was als ätiologisch bedeutsam dürfte angesehen werden. 
Man bemerkte bald, daß dem tatsächlich so ist, daß die Kranken 
partiell oder total noch in ihrer kindlichen Welt leben, nicht daß ihnen 
dies ohneweiters bewußt wäre! Im Gegenteil ist es die schwierige 
Aufgabe der Psychoanalyse, die psychologische Anpassimgsweise der 
Kranken so genau zu studieren, daß man den Finger auf die infantilen 
Mißverständnisse legen kann. Wie Sie wissen, befinden sich unter den 
Neurotikern auffallend viele, die ehemals verwöhnte Kinder waren. 



Versucli einer Darstellung- der psychoanalyt. Theorie. 355 

Solche Fälle liefern die besten und deutlichsten Beispiele für den 
Infantilismua der psychologischen Anpassungsweise. Solche Menschen 
treten ins Leben mit denselben inneren Ansprüchen an Entgegen- 
kommen, Zärtlichkeit und raschen Erfolg, der ohne Mühe erworben 
ist, wie sie es in ihrer Jugend der Mutter gegenüber gewohnt waren. 
Auch sehr intelligente Kranke sind dabei nicht imstande, von vorn- 
herein einzusehen, daß sie ihre Schwierigkeiten im Leben und ihre 
Neurose dazu dem Mitschleppen der infantilen Gefühlseinstellung 
verdanken. Die kleine Welt des Kindes, das familiäre Milieu ist Modell 
der großen Welt, Je intensiver die Familie ein Kind geprägt hat, desto 
mehr wird es, wenn einmal erwachsen, geneigt sein, gefühlsmäßig in 
der großen Welt wiederum seine frühere kleine Welt zu sehen. Natürlich 
ist dies nicht als ein bewußter intellektueller Prozeß zu verstehen. 
Im Gegenteil empfindet und sieht der Kranke den Gegensatz zwischen 
einst und jetzt und sucht sich, so gut es eben geht, anzupassen. Er glaubt 
vielleicht ganz angepaßt zu sein, indem er vielleicht intellektuell wohl 
die Situationen übersieht, aber das hindert nicht, daß das Gefühl noch 
weit hinter der intellektuellen Einsicht nachhinkt. Diese Erscheinung 
brauche ich Ihnen wohl nicht mit Beispielen zu belegen. Es ist ja eine 
alltägliche Erfahrung, daß imsere Affekte nie auf der Höhe unserer 
Einsicht sind. So geht es auch dem Eianken in vielfach vermehrter 
Intensität. Er glaubt vielleicht, bis auf seine Neurose ein normaler 
Mensch und daher den Lebensbedingungen angepaßt zu sein. Er ahnt 
aber nicht, daß er auf gewisse kindliche Ansprüche noch nicht eigentlich 
verzichtet hat, daß er noch Erwartungen und Illusionen im Hinter- 
grunde hegt, die er sich nie richtig bewußt gemacht hat. Er pflegt 
allerhand Lieblingsphantasien, die vielleicht selten, jedenfalls aber 
nicht immer so bewußt sind, daß er selber weiß, daß er sie besitzt. Sie 
sind öfter nur als gefühlsmäßige Erwartungen, Hoffnungen, Vor- 
urteile usw. vorhanden. Man nennt die Phantasieen in diesem Fall 
unbewußt. Bisweilen tauchen die Phantasien als ganz flüchtige Ge- 
danken im peripheren Bewußtsein auf, um im nächsten Moment wieder 
zu verschAvinden, so daß der Kranke nicht imstande ist, zu sagen, ob 
er solche Phantasien gehabt hat oder nicht. Die meisten Kranken 
lernen es erst im Laufe der psychoanalytischen Behandlung, die flüchtig 
vorüberhuschenden Gedanken zu halten und zu beobachten. Wenn 
schon die meisten Phantasien gewiß einmal als flüchtig vorüber- 
huschender Gedanke einen- Moment bewußt waren, so geht es doch 
nicht an, sie deshalb bewußt zu nennen, denn sie sind praktisch 

23* 



356 C. G. Jung. 

meistens unbewußt. Man darf sie daher mit Kecht als unbewußt 
benennen. (Es gibt selbstverständlich auch kindliche Phantasien, 
die ganz bewußt und auch jeder Zeit reproduzierbar sind.) 

Das Gebiet der unbewußten Infantilphantasien ist 
zum eigentlichen Forschungsobjekt der Psychoanalyse ge- 
worden, denn dieses Gebiet scheint den Schlüssel zur Ätiologie der 
Neurose zu enthalten. Ganz anders als bei der Traumatheorie sind 
wir hier, gedrängt durch alle vorhin erwähnten Gründe, zur Annahme 
geneigt, daß in der FamiUengeschichte das Fundament für die psycho- 
logische Gegenwart aufzusuchen sei. 

Diejenigen Phantasiesysteme, die sich schon auf bloße Befragung 
der Patienten präsentieren, sind meist komponierter Natur, romanhaft 
oder dramatisch ausgearbeitet. Sie sind trotz ihrer elaborierten Be- 
schaffenheit von relativ geringem Wert für die Erforschung des Un- 
bewußten. Sie sind dazu schon zu sehr den Anforderungen der Etikette 
und der gesellschaftUchen Moral ausgesetzt, indem sie eben bewußt 
sind. Dadurch werden sie von allen persönUch peinlichen und auch 
von allen unschönen Einzelheiten gesäubert, infolgedessen sie gesell- 
schaftsfähig werden und nicht mehr viel verraten. Die wertvolleren 
und die anscheinend einflußreichern Phantasien sind nicht bewußt, 
in dem vorhin definierten Sijme. Sie sind also auf dem Wege der psycho- 
analytischen Technik zu eruieren. Ohne mich hier näher mit der Frage 
der Technik befassen zu wollen, muß ich einem Einwand begegnen, 
den man so oft hören kann, als man mag. Es ist dies der Einwand, 
die sogenannten unbewußten Phantasien seien bloß in die Patienten 
hineinsuggeriert und existierten also nur in den Köpfen der Psycho- 
analytiker, Dieser Einwand gehört zu jener absolut bilhgen Kategorie 
derjenigen Vorwürfe, die uns plimipe Lehrlingsfehler zumuten. Ich 
denke, nur Menschen mit keinerlei psychologischer Erfahrung und mit 
keinerlei historisch-psychologischem Wissen sind imstande, solche 
Vorwürfe zu machen. Wer nur eine Ahnung hat von Mythologie, der 
wird die verblüffenden Parallelen zwischen den von der psychoana- 
lytischen Schule herausgebrachten unbewußten Phantasien und 
mj^hologischen Vorstellungen unmöglich übersehen können. Der 
Einwand, unsere Kenntnis der Mythologie werde in die Kjranken hinein- 
suggeriert, ist gedankenlos, indem die psychoanalytische Schule zuerst 
die Phantasien entdeckt hat und dann erst mit der Mythologie be- 
kannt wurde. Die Mythologie liegt bekanntlich dem Mediziner un- 
endhch fern. 



Versucli einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 357 

Insofern diese Phantasien unbewußt sind, weiß der Kranke 
natürlich nichts von ihrer Existenz, und direkte Befragung darüber 
wäre ganz sinnlos. Man kann aber immer wieder hören, daß die Patienten, 
und nicht nur diese, sondern auch die sogenannten Normalen, sagen: 
,,AVenn ich solche Phantasien hätte, so müßte ich es doch irgendwie 
wissen." Was unbewußt ist, ist aber tatsächlich etwas, was man nicht 
weiß. Auch unsere Opposition ist ganz davon überzeugt, daß es der- 
gleichen nicht gibt. Dieses Urteil a priori ist scholastisch und mit 
keinen Gründen zu stützen. Wir können uns unmöglich auf das Dogma 
gründen, daß nur Bewußtsein Seele sei, wo wir uns doch tagtäglich 
davon überzeugen können, daß unser Bewußtsein tatsächlich nur einen 
Teil der psychischen Funktion enthält. Die Inhalte unseres Be^vußtseins 
treten ja alle schon in hoher Komplexität auf; die Konstellation unseres 
Denkens durch das Gedächtnismaterial ist ganz überwiegend un- 
bewußt usw. Wir sind daher wohl oder übel genötigt, etwas nichtbe- 
wußtes Psychisches anzimehmen, das zunächst, wie Kants Ding an 
sich, ,, lediglich negativer Grenzbegriff" ist. Da wir aber Wirkungen 
wahrnehmen, deren Ursprung nicht im Bewußtsein liegt, so sind wir 
genötigt, der Sphäre des Nichtbewußten hypothetische Inhalte zu geben, 
nämlich eben vorauszusetzen, daß die Ursprünge gewisser Wirkungen 
im Unbewußten liegen, weil sie nicht bewußt sind. Dieser Fassung 
des Unbewußten kann wohl kaum Mystizismus vorgeworfen werden. 
Wir bilden uns gar nicht ein, irgend etwas Positives über den Zustand 
des Psychischen im Unbewußten zu wissen oder zu behaupten. Wir 
haben dafür Symbolbegriffe eingesetzt nach Analogie der Begriffs- 
fassung fürs Bewußte, und diese Terminoloige hat sich praktisch be- 
währt. Auch ist diese Art der Begriffsfassung die einzig mögliche nach 
dem Grundsatz : principia praeter necessitatem non sunt multiplicanda. 
Wir reden daher von den Wirkungen des Unbewußten genau so, wie 
von den Phänomenen des Bewußten. Man hat sich sehr daran gestoßen, 
daß Freud vom Unbewußten sagte: ,,es könne nur wünschen" und 
man hat dies für eine unerhörte metaphysische Behauptung gehalten, 
etwa wie die Leitsätze der Philosophie des Unbewußten von Hart- 
mann. Die Entrüstung kommt nur daher, daß diese Kritiker von einer 
ihnen selber offenbar nicht bewußten metaphysischen Vorstellung 
des Unbewußten als eines Ens per se ausgehen und naiverweise ihre 
erkenntnistheoretisch unbereinigte Begriffsfassung auf uns projizieren. 
Für uns ist das Unbewußte keine Entität, sondern bloß Terminus, 
über dessen metaphysische Wesenheit wir uns keinerlei Vorstellungen 



358 C. G, Jung. 

zu machen gestatten; im Gregensatz zu jenen Psychologen am grünen 
Tisch, die nicht nur sehr genau über die Gehirnlokalisation der Seele 
und die physiologischen Korrelate des geistigen Prozesses unterrichtet 
sind und daher mit Bestimmtheit anzugeben wissen, daß außerhalb 
des Bewußtseins nur noch „physiologische Rindenprozesse" vorhanden 
wären. Man traue uns solche Naivitäten nicht zu. Wenn daher Freud 
sagt: das Unbewußte könne nur wünschen, so beschreibt er in sym- 
bolischen Terminis Wirkungen, deren Quelle nicht bewußt ist, die aber 
vom Standpunkt des bewußten Denkens nicht anders als analog dem 
Wünschen betrachtet werden können. Übrigens ist sich die psycho* 
analytische Schule bewußt, daß die Diskusaion jederzeit eröffnet werden 
kann über die Frage, ob das „Wünschen" die passende Analogie sei. 
Wer etwas Besseres weiß, ist willkommen. Statt dessen begnügt sich 
unsere Opposition im wesentlichen damit, die Existenz der Phänomene 
wegzustreiten oder, wenn gewisse Phänomene zugegeben werden, 
sich doch der theoretischen Formulierung zu enthalten. Letzterer 
Standpunkt ist menschlich begreiflich, denn es ist nicht jedermanns 
Sache, theoretisch zu denken. 

Falls es einem gelungen ist, sich vom Dogma der Identität von 
Bewußtsein und Psyche loszxunachen und damit die mögliche Existenz 
außer bewußter psychischer Prozesse zuzugeben, so kann er a priori 
keinerlei psychische Möglichkeit im Unbewußten bestreiten oder be- 
haupten. Man wirft nun der psychoanalytischen Schule vor, sie be- 
haupte gewisse Dinge, ohne genügende G-ründe dafür vorzubringen. 
Uns scheint es, als ob die in der Literatur schon reichlich, fast zu 
reichlich vorhandene Kasuistik genug imd übergenug Gründe enthalte. 
Unseren Gregnern erscheinen sie ungenügend. Es muß also ein tatsächlicher 
Unterschied im Begriff von ., genügend" vorhanden sein respektive 
im Anspruch an die Tragweite der Gründe. Die Frage lautet also: 
Warum stellt die psychoanalytische Schule anscheinend weit geringere 
Ansprüche an die Beweisgründe ihrer Formuherungen als die Oppo- 
sition? Der Grund ist sehr einfach. Ein Ingenieur, der eine Brücke 
gebaut und deren Tragfähigkeit berechnet hat, braucht keine weiteren 
Beweise für das Gelingen der Belastungsprobe. Ein skeptischer Laie 
aber, der keine Ahnung hat, wie eine Brücke gebaut wird und welche 
Leistungsfähigkeit das dazu verwendete Material besitzt, wird ganz 
andere Beweise für die Tragfähigkeit der Brücke verlangen, da er keinerlei 
Vertrauen in die Situation haben kann. Es ist in erster Linie die tiefe 
Unkenntnis der Opposition über das, was wir tun, welche ihre For- 



Versuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 359 

derungen in die Höhe schraubt. In zweiter Linie kommen alle die zahl- 
reichen theoretischen Mißverständnisse , welche wir unmöglich alle 
wissen und aufklären können. So wie wir bei unseren Patienten immer 
wieder neue und erstaunlichere Mißverständnisse der Wege und der Ziele 
der psychoanalytischen Methode entdecken, so sind auch unsere Kri- 
tiker unerschöpflich in der Ersinnung von Mißverständnissen. Sie 
haben vorhin bei der Diskussion des Begriffes des Unbewußten gesehen, 
was für falsche Voraussetzungen philosophischer Natur das Verständins 
unserer Terminologie hindern können. Es ist begreiflich, daß ein Mensch, 
der dem Unbewußten unwillkürlich eine absolute Entität zuschreibt, 
ganz andere Anforderungen, sogar unerschwingliche, wie die Gegner 
es tatsächlich tun, an unsere Beweisgründe stellen muß. Wenn es gälte, 
die Unsterblichkeit zu beweisen, so müßten ganz andere Berge ge- 
wichtigster Beweise gesammelt werden, als wenn es sich darum handelt, 
die Existenz von Plasmodien bei einem Malariakranken nachzuweisen. 
Die metaphysische Erwartimg stört das wissenschaftliche Denken 
noch viel zu sehr, als daß man die Probleme der Psychoanalyse einfach 
genug auffassen könnte. 

Um unserer Opposition aber kein Unrecht zu tun, muß auch 
hervorgehoben werden, daß die psychoanalytische Schule selber, wena 
auch unschuldigerweise, reichlich Anlaß zu Mißverständnissen gegeben 
hat. Eine Hauptquelle dafür ist die Verworrenheit auf theoretischem 
Gebiete. Wir haben leider keine sehr präsentable Theorie. Sie werden 
dies aber verstehen, wenn Sie am konkreten Falle sehen, mit welchen 
enormen Schwierigkeiten man zu ringen hat. Im Gegensatz zu der 
Meinung fast aller Kritiker ist Freud nichts weniger als ein Theoretiker. 
Er ist Empiriker, was jedermann ohneweiters anerkennt, der sich 
einigermaßen mit Bereitwilligkeit in Freuds Arbeiten vertieft und 
sich bemüht, in seinen Fällen so zu sehen, wie er sieht. Diese Bereit- 
willigkeit hat unsere Opposition leider gar nicht. Wie wir schon viele 
Male gehört haben, ist es unseren Kritikern sogar widerwärtig und 
ekelhaft, so zu sehen, wie Freud sieht. Wie aber will man sich von 
der Art und Weise der Freudschen Methodik unterrichten, wenn man 
sich durch Ekel davon abhalten läßt? Weil man es unterläßt, sich den 
von Freud aufgestellten Gesichtspunkten anzubequemen, als einer 
vielleicht notwendigen Arbeitshypothese, kommt man dann auf die 
ungereimte Vermutung, Freud sei ein Theoretiker. Man nimmt gerne 
an, daß die ,,Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" Theorie a priori 
seien, ausgeklügelt von einem bloß spekulierenden Kopf, der dann 



360 C. G. Jung. 

nachher alles in die Patienten hineinsuggeriere. So wird die Wirk- 
lichkeit gänzlich auf den Kopf gestellt. Aber so hat der Kritiker leichtes 
Spiel, und das ist es ja, was er wünscht. Auf die j,paar Kranken- 
geschichten", die der Psychoanalytiker gewissenhaft seinen theore- 
tischen Behauptungen zugrunde legt, kommt es den Kritikern gar 
nicht an, sondern bloß auf die Theorie und die theoretische For- 
mulierimg der Technik. Hier sind allerdings nicht die verwimdbaren 
Stellen der Psychoanalyse — denn sie ist bloße Empirie — wohl aber 
ist hier ein weites und ganz ungenügend bebautes Feld, wo sich der 
Kritiker nach Herzenslust tummeln kann. Auf dem Gebiet der Theorie 
sind der Unsicherheiten viele und der Widersprüche nicht wenige. 
Das war uns bewußt, lange bevor die gelehrte Kritik anfing, imsern 
Sachen Beachtung zu schenken. 

Nach dieser Abschweifung wollen wir zu der uns beschäftigenden 
Frage der unbewußten Phantasien zurückkehren. Es ist niemand, 
wie wir sahen, berechtigt, deren Existenz und Eigenschaften ohne- 
weiters zu behaupten, es müßte denn sein, daß im Bewußtsein Wiir- 
kungen beobachtet werden, deren unbewußte Ursprünge in bewußtseins- 
symbolischen Ausdrücken beschrieben werden können. Die Frage 
ist nur die, ob tatsächlich im Bewußtsein Wirkungen aufgefunden 
werden können, welche dieser Erwartung entsprechen. Die psycho- 
analytische Schule glaubt derartige Wirkungen entdeckt zu haben. 
Um gleich das Hauptphänomen zu neimen, erwähne ich den Traum. 
Von ihm ist zu sagen, daß er als komplexe Größe in das Bewußtsein 
eintritt, deren Zusammenhang aus Elementen nicht bewußt ist. Erst 
durch nachherige Anreihung von Assoziationen an die einzelnen Bilder 
des Traumes läßt sich die Herkunft der Bilder aus gewissen Er- 
innerungen jüngerer und älterer Vergangenheit erweisen. Man fragt 
sich etwa: Wo habe ich denn das gesehen oder gehört? Und auf dem 
gewöhnlichen Einfallswege präsentiert sich die Erinnerung, daß man 
gewisse Traumstücke teils am Vortage, teils früher bewußt erlebt 
hat. So weit wird wohl jeder beipflichten, denn dies sind altbekannte 
Dinge. Insofern stellt sich der Traum als eine in der Regel unverständ- 
liche Komposition gewisser, zunächst nicht bewußter Elemente dar, 
die nachträglich auf dem Einfallswege wieder erkannt werden^). Es 

^) Auch dies könnte als eine aprioristische Behauptung bestritten werden. 
Ich niuß aber bemerken, daß diese Auffassung der einzigen allgemein anerkannten 
,,working h3^othesi3" der psychologischen Traumentstehung entspricht: der 
Ableitung des Traumes aus Erlebnissen und Gedanken der Jüngstvergangenheit. 
Wir bewegen uns also auf bekanntem Boden. 



Yersucli einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 361 

ist auch nicht etwa so, daß gewisse Traumstiicke unter allen Um- 
ständen Bekannt heitsqualität hätten , woraus man etwa ihren Be- 
wußtseinscharakter ableiten könnte, sondern sie sind öfter, sogar 
meist, zunächst unerkennbar. Erst nachträglich fällt uns ein, dieses 
oder jenes Stück schon bewußt erlebt zu haben. Wir dürfen daher schon 
von diesem Standpunkt aus den Traum als eine Wirkung unbewußten 
Ursprimges ansehen. Die Technik zur Aufschließung der unbewußten 
Ursprünge ist die vorhin angegebene, die jeder Traumforscher lange 
vor Freud schon ohneweiters angewendet hat. Man sucht sich ein- 
fach zu erinnern, woher die Traumstücke stammen. Auf dieses höchst 
einfache Prinzip gründet sich die psychoanalytische Technik der Auf- 
lösung eines Traumes. Es ist eine Tatsache, daß gewisse Traumstücke 
aus dem Wachleben abstammen, und zwar aus Erlebnissen, die öfter 
wegen ihrer notorischen Bedeutungslosigkeit dem sichern Vergessen 
anheimgefallen wären, die sich also bereits auf dem Wege zum Definitiv- 
Unbewußten befanden. Solche Traumstücke sind eben die Wirkungen 
„unbewußter Vorstellungen". Man hat sich auch an diesem Ausdruck 
gestoßen. Selbstverständlich fassen wir die Sache lange nicht so konkret, 
um nicht zu sagen schwerfällig, wie unsere Kritiker, auf: Gewiß ist 
dieser Ausdruck nichts wie Bewußtseinssymbolik, woran wir nie ge- 
zweifelt haben. Der Ausdruck ist aber durchaus anschaulich und geht 
gut als ein Zeichen für einen unbekannten psychischen Tatbestand. 
Wie schon gesagt, gibt es ja für uns keine andere Möglichkeit, als Un- 
bewußtes nach Analogie des Bewußten zu verstehen. Wir bilden uns 
nicht ein, eine Sache sei verstanden, wenn wir einen prachtvollen und 
möglichst unverständlichen Namen dafür erfunden haben. 

Das Prinzip der psychoanalytischen Auflösungstechnik ist also 
imgemein einfach und eigentlich längst bekannt. Das fernere Procedere 
geht in derselben Art konsequent weiter. Wenn man länger bei einem 
Traimae verweilt — was außerhalb der Psychoanalyse natürlich nie 
geschieht — so gelingt es einem, noch mehr Erinnerungen zu den ein- 
zelnen Traumteilen aufzufinden. Zu gewissen Stücken allerdings geüngt 
es bisweilen nicht, irgend welche Erinnerungen beizubringen. Diese 
muß man dann zunächst wohl oder übel stehen lassen. Wenn ich hier 
von ,, Erinnerungen" spreche, so verstehe ich darunter natürlich nicht 
ausschließlich Erinnerungen an gewisse konkrete Erlebnisse, sondern 
ich verstehe darunter auch Reproduktionen von Bedeutungs- 
beziehungen. Die gesammelten Erinnerungen nennt man das Traum- 
material. Mit diesem Material verfährt man weiter nach allgemein 



362 C. G. Jung. 

gültiger wissenschaftlicher Methode : Wenn Sie irgend ein experimentelles 
Material zu verarbeiten haben, dann vergleichen Sie die einzelnen 
Stücke desselben und ordnen sie nach Ähnlichkeiten. Genau so ver- 
fahren Sie mit dem Traummaterial; Sie suchen gemeinsame Züge darin 
auf, entweder formaler oder materieller Natur. Man hat sich dabei ge- 
wisser Vorurteile in höchstem Grade zu entschlagen. Ich habe immer 
gesehen, daß der Anfänger erwartet, diesen oder jenen Zug zu finden, 
nach dem er dann das Material zu pressen sucht. Dieser Umstand ist 
mir gerade aufgefallen bei Kollegen, die vorher mehr oder weniger 
heftige Gegner der Psychoanalyse waren auf Grund der bekannten 
Vorurteile und Mißverständnisse. Wenn es das Geschick wollte, daß 
ich sie analysieren konnte, infolgedessen sie endlich einen wirklichen 
Emblick in die Methodik erhielten, so war es gewöhnlich der erste Fehler, 
den sie bei eigener psychoanalytischer Arbeit begingen, daß sie dem 
Material nach vorgefaßten Meinungen Zwang antaten, d. h. sie ließen 
nun an ihrem Material ihre vorherige Einstellung zur Psychoanalyse 
aus, die sie auch nicht objektiv, sondern nur nach subjektiven Phan- 
tasien zu würdigen verstanden. 

Wagt man sich schon einmal daran, ein Traummaterial zu sichten, 
so hat man vor keinem Vergleich zurückzuschrecken. Das Material 
besteht fast in der Regel aus sehr disparaten Vorstellungen, aus denen 
das Tertium comparationis unter Umständen sehr schwer herauszu- 
ziehen ist. Ich muß auf ausführliche Beispiele hier verzichten, da es 
ganz unmögüch ist, solche ausgedehnte Materialien in einem Vortrag 
vorzubringen. Ich möchte Sie aufmerksam machen auf die Arbeit 
Ranks im psychoanalytischen Jahrbuch, Bd. II: Ein Traum, der 
sich selbst deutet. Dort sehen sie, was für ausgedehnte Materialien 
für eine Vergleichung in Betracht kommen können. 

Man verfährt also zur Erschließung des Unbewußten in einer 
Weise, wie man sie überall, wo es sich um Vergleichung von Materialien 
betreffs Konklusion handelt, anwendet. Man hat schon oft eingewendet : 
Warum soll denn der Traum überhaupt irgend einen unbewußten Inhalt 
haben? Dieser Einwand ist meines Erachtens so unwissenschaftlich 
wie nur möglich. Jeder psychologische Moment hat seine besondere 
Geschichte. Jeder Satz, den ich sage, hat außer seiner von mir bewußt 
intendierten Bedeutung noch seine historische Bedeutung und kann 
sich in dieser letzteren Bedeutung ganz anders ausnehmen als in seiner 
bewußten Bedeutung. Ich drücke mich absichtlich etwas paradox aus: 
nicht daß ich mich getraute, jeden Satz in seiner individualhistorischen 



Versuch einer Darstellung der psyclioanalyt. Theorie. 363 

Bedeutung aufklären zu können. Für größere und kompliziertere 
Bildungen ist das leichter. Es ist gewiß jedermann davon überzeugt, 
daß, abgesehen vom manifesten Inhalt eines Gredichtes, das Gedicht 
selber in Form, Inhalt und Entstehungsweise noch besonders cha- 
rakteristisch ist für den Dichter. Während der Dichter in seinem Lied 
einer momentanen Stimmung beredten Ausdruck lieh, sieht der 
Literarhistoriker Dinge daran und dahinter, welche der Dichter 
nie vermutet hätte. Die Analysen, die der Literarhistoriker am 
Materiale eines Dichters vollzieht, sind puncto Methode durchaus 
der Psychoanalyse zu vergleichen, auch die dabei unterlaufenden 
Fehler nicht ausgenommen. Überhaupt läßt sich die psychoanalytische 
Methode der historischen Analyse und Synthese vergleichen. Nehmen 
wir z. B. an, wir verstünden nicht, was der Ritus der Taufe bedeute, 
so wie er in unseren heutigen Kirchen geübt wird. Der Priester sagtims: 
die Taufe bedeute die Aufnahme des Kindes in die christhche Ge- 
meinschaft. Damit sind wir aber nicht zufrieden, warum muß das Kind 
mit Wasser begossen werden usw.? Um diesen Ritus zu verstehen, 
ist aus der Geschichte der Riten, d. h. aus den hierher gehörigen Re- 
miniszenzen der Menschheit ein Vergleichsmaterial zu sammeln, und 
zwar von verschiedenen Gesichtspunkten aus: 

1. Die Taufe bedeutet offenbar einen Initiationsritus, eine Ein- 
weihung: also sind die Reminiszenzen heranzuholen, welche überhaupt 
Initiationsriten aufbewahren. 

2. Die Taufe erfolgt mit Wasser. Diese besondere Form bedarf 
einer andern Reminiszenzenreihe, nämlich der Riten, bei denen Wasser 
verwendet wurde. 

3. Der Täufling wird mit Wasser besprengt. Hier sind alle Riten 
heranzuholen, wo Besprengung des Initianden erfolgt, wo der Täufling 
untergetaucht wird usw. 

4. Alle Reminiszenzen der Mythologie, die abergläubischen 
Gebräuche usw. sind wiederzuerinnern, welche in irgend einer Weise 
der Symbolik des Taufaktes parallel laufen. 

Auf diese Weise erhalten wir eine vergleichend religions wissen- 
schaftliche Studie über den Taufakt. Damit eruiern wir die Elemente, 
aus denen der Taufakt entstanden ist ; wir eruieren ferner dessen ursprüng- 
liche Bedeutung und werden zugleich bekannt mit einer reichen 
religionsbildenden Mythenwelt, welche uns alle die mannigfachen \md 
sinnreichen Bedeutungen des Taufaktes verstehen läßt. So verfährt 
der Analytiker mit dem Traum: Er sammelt die historischen Parallelen, 



364 C. a Jung. 

auch sehr entlegene, und zwar zu jedem Traumstiick und versucht 
eine psychologische Geschichte des Traumes und seiner ihm zugrunde 
liegenden Bedeutungen herzustellen. Mit dieser monographischen Be- 
arbeitung des Traumes gewinnt man, genau wie bei der Analyse des 
Taufaktes, einen tiefen Einblick in das wunderlich ferne und sinnreiche 
Netzwerk unbewußter Determinationen, einen Einblick, den man, 
wie gesagt, nur vergleichen kann mit dem historischen Verständnis 
eines Aktes, den wir nur sehr einseitig und oberflächlich zu betrachten 
gewohnt waren. 

Dieser Exkurs über die psychoanalytische Methode erschien 
mir hier unvermeidlich. Nach all diesen ausgedehnten Mißverständnissen, 
welche die psychoanalytische Methode beständig zu diskreditieren 
suchen, fühlte ich mich verpflichtet, Ihnen in dieser zunächst all- 
gemeinen Weise Kechenschaft über die psychoanalytische Methode 
und deren Stellung in der wissenschaftUchen Methodologie abzulegen. 
Ich bezweifle nicht, daß es oberflächliche und mißbräuchliche Anwen- 
dungen dieser Methodik gibt. Aber für einen emsichtigen Beurteiler 
kann sich daraus niemals ein Vorwurf gegen die Methode ergeben, 
so wenig wie ein schlechter Chirurg ein Gegengrund ist gegen die all- 
gemeine Gültigkeit der Chirurgie. Ich bezweifle auch nicht, daß nicht 
alle Darstellungen der Traumpsychologie von selten der Psychoana- 
lytiker ganz frei von Mißverständnissen und schiefen Auffassungen 
sind. Dies kommt aber guten Teils daher, daß es dem Mediziner infolge 
seiner naturwissenschaftlichen Erziehung schwerfällt, eine exquisit 
psychologische Methode sich auch begrifflich zu eigen zu machen, 
obschon er sie instinktiv richtig handhabt. 

Die Ihnen vorhin allgemein dargestellte Methode ist diejenige, 
die ich vertrete und für die ich mich wissenschaftlich verantwortlich 
erkläre. An den Träumen herumraten und direkte Übersetzungs ver- 
suche machen, halte ich für absolut verwerf üch und wissenschaftlich 
unzulässig. Derartiges ist nicht Methode, sondern Willkür und be- 
straft sich selbst durch Sterilität des Ergebnisses wie jede falsche 
Methode. 

Wenn ich Ihnen die Prinzipien der psychoanalytischen Methode 
gerade am Traum auseinandersetze, so geschah es deshalb, weil der 
Traum eines der deutlichsten Beispiele ist für jene Bewußtseinsinhalte, 
deren Komposition sich einem direkten und unmittelbaren Verständnis 
entzieht. Wenn Jemand mit einem Hammer einen Nagel einschlägt, 
um daran etwas aufzuhängen, so verstehen wir jedes Stück der Handlung, 



Versuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 365 

sie ist für uns unmittelbar evident. Anders ist es beim Taufakt, wo 
jede Phase fragwürdig ist. Wir nennen daher solche Handlungen, deren 
Bedeutung und Zweck nicht unmittelbar durchsichtig sind, Symbol- 
handlungen oder Symbole. Auf Grund dieses Raisonnements 
nennen wir den Traum symbolisch, denn er ist ein psychologisches 
Gebilde, dessen Ursprung, Sinn und Zweck dunkel sind, daher er eines 
der reinsten Produkte unbewußter Konstellation darstellt. Wie Freud 
trefflich sagt, ist der Traum so die Via regia zum Unbewußten. 
Abgesehen vom Traum, gibt es noch viele deutliche Wirkungen 
unbewußter Konstellation, Wir haben im Assoziationsexperiment 
2. B. ein Mittel, um die Wirkungen vom Unbewußten her exakt fest- 
zustellen. Wir sehen diese Wirkimgen in jenen Störungen des Experi- 
mentes, die ich als Komplexmerkmale bezeichnet habe. Die Aufgabe, 
welche das Assoziationsexperiment der Versuchsperson stellt, ist so 
außerordentlich leicht und einfach, daß selbst Kinder die Aufgabe 
ohne Schwierigkeit bewältigen können. Es ist nun auffallend, daß trotz 
dieser Umstände so viele Störungen des intendierten Handelns bei 
diesem Experiment notiert werden müssen. Die einzigen Gründe, 
die sich regelmäßig als Gründe der Störungen nachweisen lassen, 
sind die teils bewußten, teils nicht bewußten Konstellationen durch 
sogenannte Komplexe. In der Mehrzahl .der Fälle solcher Störungen 
läßt sich ohne Schwierigkeit die Beziehung auf gefühlsbetonte Vor- 
stellungskomplexe feststellen. Wir bedürfen aber sehr oft der psycho- 
analytischen Methode zur Aufklärung solcher Beziehungen, d. h. wir 
müssen die Versuchspersonen oder Patienten fragen , was für Assoziationen 
ihnen zu den gestörten Reaktionen einfielen. Damit nehmen wir das 
historische Material dieser Störung auf, welches dann zur Grundlage 
der Beurteilung dient. Man hat schon intelligenterweise eingewendet; 
dann könne ja die Versuchsperson dazu sagen, was sie wolle, also, 
mit anderen Worten, jeden Unsinn. Man macht diesen Einwand mit der 
hoffentlich unbewußten Voraussetzung, daß der Historiker, welcher 
das Material zu seiner Monographie sammelt, ein Idiot sei, der nicht 
imstande ist, wirkliche Parallelen von bloß scheinbaren zu unterscheiden, 
und auf plumpe Lügenberichte hereinfällt. Der Mann von Fach verfügt 
über die Mittel, die gröberen Fehler mit Sicherheit und die feineren mit 
Wahrscheinlichkeit zu vermeiden. Das Mißtrauen unserer Opposition 
ist in dieser Hinsicht ergötzlich, denn es ist doch für einen, der die 
psychoanalytische Arbeit versteht, eine bekannte Sache, daß es nicht 
allzu schwer ist zu sehen, wo Zusammenhang ist und wo nicht. Vollends 



366 C. G. Jung. 

sind schwindelhafte Angaben erstens für die Versuchsperson sehr 
bezeichnend und zweitens in der Regel als Schwindel leicht erkennbar. 

Es ist aber noch eines Einwandes zu gedenken, der eher Er- 
wähnung verdient. Man kann sich fragen, ob die nachträglich repro- 
duzierten Erinnerungen tatsächlich auch die Grundlage des Traumes 
waren. Wenn ich abends einen interessanten Schlachtbericht lese, 
nachts vom Balkankrieg träume und bei der Analyse mir einfalls- 
weise wieder Erinnerungen an gewisse Details im Schlachtenbericht 
konunen, so wird auch ein rigoroser Beurteiler billigerweise annehmen, 
daß meine Rückbeziehung richtig beziehxmgsweise wahr sei. Wie 
ich schon vorher erwähnte, ist dies auch eine der gangbarsten Hypo- 
thesen der Traumentstehung. Wir haben nun nichts anderes gemacht, 
als daß wir diese Arbeitshypothese konsequent auf alle übrigen Ein- 
fälle zu allen anderen Traumstücken ausdehnten. Wir sagen damit 
schheßlich eigentlich nicht mehr, als daß dieses Traumstück mit diesem 
Einfall assoziiert sei, es habe also etwas damit zu tun, es sei irgend 
eine Beziehung zwischen den beiden Dingen da. Wenn ein distinguierter 
Kritiker einmal sagte, mit den psychoanalytischen Deutungen könne 
man sogar eine Giu*ke mit einem Elefanten verbinden, so zeigte 
uns der Herr Kritiker eben durch seine Assoziation Guxke-Elefant, 
daß diese beiden Dinge in seinem Geist irgend eine assoziative Ge- 
meinschaft haben. Man muß schon eine gute Dosis von Unverfrorenheit 
und magistralem Urteil besitzen, wenn man behaupten kann, daß der 
menschliche Geist ganz sinnlose Verknüpfungen herstelle. So genügt 
in diesem Fall ein geringstes Nachdenken, um den Sinn dieser Asso- 
ziation zu verstehen. 

Beim Assoziationsexperiment können wir die bisweilen außer- 
ordentlich intensiven Wirkungen aus dem Unbewußten eben in den 
sogenannten Komplexinterferenzen feststellen. Diese Fehlleistungen 
im Assoziationsexperiment sind nun überhaupt Prototypen für die 
Fehlleistungen des täglichen Lebens, welche in der Mehrzahl als Komplex- 
interferenzen anzusprechen sind. Freud hat diese Dinge in seinem 
Buche ,, Psychopathologie des Alltagslebens" zusammengestellt. Es 
sind dies die sogenannten Symptomhandlungen, die sich von einem 
andern Gesichtspunkt aus auch passend als ,, Symbolhandlungen" 
bezeichnen ließen und die eigentlichen Fehlhandlungen wie Ver- 
gessen, Versprechen usw. Alle diese Erscheinungen sind Wirkungen 
unbewußter Konstellation und daher ebenso viele Eintrittpforten 
in das Eeich des Unbewußten. Die Fehlleistimgen sind, wenn kumuliert, 



Versuch einer Darstellung der psycboanalyt. Theorie. 367 

als Neurose zu bezeiclineii, welche unter diesem Aspekt als eine Fehl- 
leistung erscheint und daher als eine Wirkung unbewußter Konstel- 
lation aufzufassen ist. 

Das Assoziationsexperiment ist also nicht selten ein Mittel, um 
das Unbewußte sozusagen direkt zu erschließen, obwohl meistens bloß 
eine Technik, die uns eine gute Auswahl von Fehlleistimgen vermittelt, 
welche dann durch die Psychoanalyse für die Erschließung des Un- 
bewußten nutzbar gemacht werden. Dies wenigstens ist der gegen- 
wärtige und sichere Anwendungsbereich des Assoziationsexperimentes. 
Ich darf aber erwähnen, daß es vielleicht noch andere besonders wert- 
volle Daten liefert, welche direkte Einblicke ermöglichen könnten. 
Jedoch halte ich dieses Problem noch nicht für genügend reif, um 
davon sprechen zu können. 

Vielleicht haben Sie nach dem, was ich Ihnen über unsere Me- 
thodik auseinandersetzte, etwas mehr Vertrauen in deren Wissen- 
schaftlichkeit gewonnen, so daß Sie nunmehr geneigt sind, anzunehmen, 
daß die bis jetzt durch die psychoanalytische Arbeit herausgebrachten 
Phantasiestoffe nicht bloß willkürliche Annahmen und Illusionen 
der Psychoanalytiker sind. Vielleicht sind Sie auch bereit, geduldig 
anzuhören, was uns unbewußte Phantasiestoffe erzählen. Die Phan- 
tasien des erwachsenen Lebens sind, insofern sie bewußt sind, von 
ungeheurer Mannigfaltigkeit und individuellster Formung. Ihre all- 
gemeine Beschreibung ist daher sozusagen unmöglich. Anders aber 
ist es, wenn wir in die unbewußte Phantasie weit eines Erwachsenen 
durch die Analyse eintreten. Dort ist die Mannigfaltigkeit der Phan- 
tasiestöffe zwar auch groß, aber lange nicht mehr von jener individuellen 
Einzigartigkeit wie im Bewußten. Wir begegnen hier mehr typischen 
Stoffen, die wenigstens nicht selten in ähnlicher Form bei verschiedenen 
Menschen wiederkehren. Von großer Konstanz sind z. B. Vorstellungen, 
welche Variationen darstellen von jenen Gedanken, die wir in den 
Religionen und in der Mythologie antreffen. Diese Tatsache ist so 
überzeugend, daß wir sagen dürfen, wir hätten in diesem Phantasien 
die Vorstufen mythologischer und reUgiöser Vorstellungen entdeckt. 
Ich müßte außerordentlich weitläufig werden, wenn ich Ihnen ent- 
sprechende Beispiele geben sollte. Ich muß Sie für diese Probleme 
auf meine Arbeit ,, Wandlungen und Symbole der Libido" verweisen. 
Ich erwähne Ihnen nur, daß z. B. das zentrale Symbol des Christen- 
tums, das Opfer, in den Phantasien des U bewußten eine bedeutende 
Rolle spielt. Die Wiener Schule kennt dieses Phänomen unter dem 



368 C. G. Jung. 

mißverständlichen Namen des Kastrationskomplexes. Der in dieser 
Anwendung paradoxe Terminus geht aus der früher skizzierten eigen- 
artigen Stellung der Wiener Schule zur Frage der Sexualität hervor. 
Ich habe in meiner vorhin erwähnten Arbeit dem Opferproblem eine 
besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Ich muß mich auf diese bei- 
läufige Erwähnung beschränken und mich nunmehr beeilen, vom 
Ursprung der unbewußten Phantasiestoffe etwas zu sagen. Im Unbe- 
wußten des Kindes vereinfachen sich die Phantasien beträchtlich, 
entsprechend den Proportionen des kindlichen Milieus. Wir haben, 
dank den vereinigten Anstrengungen der psychoanalytischen Schule 
erkannt, daß wohl die häufigste Phantasie der Kindheit der sogenannte 
Ödipuskomplex ist. Auch diese Bezeichnung erscheint so unpassend 
wie möglich. Wir wissen ja, daß das tragische Verhängnis des ödipus 
darin bestand, daß er die Mutter freite und den Vater erschlug. Dieser 
tragische Konflikt des erwachsenen Alters scheint von der Seele des 
Kindes weit weg zu liegen, und es erscheint darum dem Laien ganz 
undenkbar, daß gerade das Kijid diesen Konflikt haben sollte. Bei 
einigem Nachdenken wird uns aber klar, daß gerade in- der engen 
Beschränkung des Schicksals des ödipus auf die beiden 
Eltern das Tertium comparationis liegt. Diese Beschränkung 
ist für das Kind charakteristisch, für das Schicksal des Erwachsenen 
sind nicht die Eltern Grenze. Insofern stellt, eigentlich ödipus einen 
infantilen Konflikt dar, aber in der Vergrößerung des erwachsenen 
Alters. Die Bezeichnung ,, Ödipuskomplex" will natürlich nicht sagen, 
daß dieser Konflikt in erwachsener Form gedacht sei, sondern in der 
entsprechenden infantilen Verkleinerung und Abschwächung. Zu- 
nächst will es überhaupt nur heißen, daß die kindhchen Liebesan- 
sprüche zu Vater und Mutter gehen, und insofern mm diese Ansprüche 
schon eine gewisse Intensität erlangt haben, so daß sie mit Eifersucht 
das erwählte Objekt verteidigen, insofern kann man von einem Ödipus- 
komplex reden. Unter dieser Abschwächung und Verkleinerung des 
Ödipuskomplexes ist nun nicht etwa eine Verkleinerung der Affekt- 
surame überhaupt zu verstehen, sondern jener, für das Kind charak- 
teristische kleinere Anteil an Sexualaffekt. Dafür haben die kind- 
lichen Affekte jene unbedingte Intensität, die beim Erwachsenen für 
den Sexualaffekt charakteristisch ist. Der kleine Sohn möchte die Mutter 
allein besitzen xmd den Vater weghaben. Wie Sie wissen, können sich 
kleine Kinder schon bisweilen in der eifersüchtigsten Weise zwischen 
die Eltern drängen. Im Unbewußten gewinnen diese Wünsche und 



Versuch eiuer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 



369 



Absichten eine konkretere und drastischere Form. Die Kinder sind 
kleine, primitive Menschen und daher mit dem Töten gleich zur Hand, 
um so viel leichter noch ist dieser Gedanke im Unbewußten möglich, 
das sich sehr drastisch auszudrücken pflegt. Wie das Kind überhaupt in 
der Regel harmlos ist, ist auch dieser anscheinend gefährliche Wunsch 
in der Regel harmlos. Ich sage ,,in der Regel", denn Sie wissen, daß 
auch Kinder gelegentlich ihren Mordantrieben nicht nur indirekt, 
sondeni auch direkt Raum geben können. Ebensowenig aber wie das 
Kind planmäßiger Absichten überhaupt fähig ist, so wenig gefährüch 
ist auch seine Mordabsicht einzuschätzen. Dasselbe gilt von der ödipus- 
absicht der Mutter gegenüber. Die leisen Andeutungen dieser Phantasie 
können im Bewußten leicht übersehen werden, daher gewiß alle Eltern 
von ihren Kindern überzeugt sind, daß sie den Ödipuskomplex nicht 
haben. Eltern sind wie Liebhaber meistens verblendet. Wenn ich aber 
sage, daß der Ödipuskomplex zunächst nur eine Formel sei für das 
kindliche Begehren gegenüber Vater und Mutter und für den Konfhkt, 
den dieses Begehren hervorruft — wie jedes eigennützige Begehren 
Konflikte erzeugt — so dürfte die Sache akzeptabler erscheinen. Die 
Geschichte der ödipusphantasie ist von besonderem Interesse, da sie 
uns sehr viel lehrt über die Entwicklung des unbewußten Phantasierens 
überhaupt. Man denkt natürlich, das ödipusproblem sei das Problem 
des Sohnes. Das ist nun merkwürdigerweise eine Täuschung. Die Libido 
sexuahs geht unter Umständen erst relativ spät in der Pubertätszeit 
die endgültige Differenzierung ein, welche dem Geschlechte des Indi- 
viduums entspricht. Vorher hat die Libido sexuahs einen geschlechtlich 
undifferenzierten Charakter, den man auch als bisexuell be- 
zeichnet. Es ist daher eigentlich nicht erstaunlich, daß auch kleine 
Mädchen den Ödipuskomplex beherbergen können. Nach allem, was 
wir bisher wissen, gehört die erste Liebe der Mutter, gleichviel ob das 
Kind männlichen oder weiblichen Geschlechtes sei. In diesem Stadium 
wird, wenn die Liebe zur Mutter intensiv ist, der Vater als Konkurrent 
mit Eifersucht ferngehalten. In diesem frühen Alter hat die Mutter 
natürüch keinerlei irgendwie nennenswerte Sexualbedeutung für das 
Kind, insofern ist der Terminus ,, Ödipuskomplex" eigentlich unpassend. 
Zu dieser Zeit hat nämüch die Mutter noch die Bedeutung eines 
schützenden, umgebenden, ernährenden Wesens, das aus diesen Gründen 
histvoU ist. 

Charakteristischerweise ist auch das Lall wort für Mutter Mamma , 
identisch mit Mutterbrust. Wie mir Dr. Beatrice Hinkle mitteilte, 

Jahrbuch für pgychoanalyt. u. psychopathol. Forscliungen. V '^^4: 

2 ', ... 



370 C. G. Jung. 

hat eine Umfrage bei kleinen Kindern ergeben, daß sie gerne die Mutter 
als die definieren, welche das Essen, die Chokolade usw. gibt. Man 
kann für dieses Alter wohl kaum behaupten, daß das Essen nur Symbol 
für das Sexuelle sei, obschon dies später bei Erwachsenen gelegentlich 
wahr ist. Wie mächtig die nutritive Lustquelle ist, zeigt zur Genüge 
ein nur oberflächlicher Blick auf die Kulturgeschichte. Die großen 
Schmausereien des dekadenten Rom beruhten meinetwegen auf allem 
andern, nur nicht auf verdrängter Sexualität, denn dies könnte man 
den damaligen Römern am wenigsten vorwerfen. Daß auch diese Ex- 
zesse ein Ersatz waren, ist nicht zu bezweifeln, aber nicht für die Se- 
xualität, sondern für die vernachlässigten moralischen Fxmktionen, 
die man fälschlicherweise gerne als ein den Menschen von außen auf- 
genötigtes Gesetz auffaßt. Die Menschen haben die Gesetze, die sie 
sich machen. 

Ich identifiziere, wie früher auseinandergesetzt wurde, das Lust- 
gefühl nicht eo ipso mit der Sexualität. In frühester Kindheit ist der 
Anteil der Sexualität an der Lustempfindung ein verschwindend ge- 
ringer. Nichtsdestoweniger kann Eifersucht dabei schon eine große 
RoUe spielen, denn auch die Eifersucht ist etwas, das nicht ohne- 
weiters in das Sexualgebiet gehört, indem auch der Futterneid allein 
schon einen Anteil an den ersten Eifersuchtsregungen hat. Man denke 
nur an die Tiere ! Gewiß kommt relativ früh keimende Erotik dazu. 
Dieses Element verstärkt sich allmählich im Laufe der Jahre, so daß 
bald der Ödipuskomplex seine klassische Form annimmt. Mit den 
Jahren prägt sich der Konflikt beim Sohne in einer mehr männlichen 
und darum typischen Form aus, während beim Mädchen sich die spe- 
zifische Zuneigung zum Vater und die entsprechende Eifersuchts- 
einstellung gegen die Mutter entwickelt. Man könnte diesen Komplex 
dann den El ektr ako mple x nennen. Elektra hat ja bekanntlich 
Blutrache genommen an ihrer Mutter Klytämnestra für den Gatten- 
mord, der Elektra des geliebten Vaters beraubte. Beide Phantasie- 
komplexe bilden sich mit wachsender Reifung aus, um erst in der Nach- 
pubertätszeit mit der nunmehr erfolgenden Abtrennung von den 
Eltern in ein neues Stadium zu treten, dessen Symbol wir bereits wahr- 
genommen haben: Es ist das Opfersymbol. Je weiter sich die Se- 
xualität entwickelt, desto mehr drängt sie das Individuum aus der 
Familie heraus, damit es zur Unabhängigkeit und Selbständigkeit 
gelange. Nun ist aber das Kind durch seine ganze Vorgeschichte eng 
mit der Familie, besonders mit den Eltern verwachsen, infolgedessen 



Versuch einer Darstellung der psychoaaalyt. Theorie. 371 

es öfter nur mit großen Schwierigkeiten gelingt, sich innerlich vom 
infantilen Milieu, d. h. vielmehr sich von seiner infantilen „Attitüde'' 
loszusagen. Gelingt es dem aufwachsenden Menschen nicht bald, sich 
innerlich zu lösen, so wird der ödipus- und Blektrakomplex 
zum Konflikt, und dann ist die Möglichkeit zu neurotischen 
Störungen gegeben, indem dann eine bereits sexuell entwickelte 
Libido sich der im Komplex gegebenen Form bemächtigt und Gefühle 
und Phantasien herbeiführt, welche unmißverständlich die wirksame 
Existenz der vorher unbewußten und relativ unwirksamen Kom- 
plexe dartun. Die nächste Konsequenz ist die Entstehung inten- 
siver Widerstände gegen die immoralischen Antriebe, die aus den 
niinmehr aktivierten Komplexen stammen. Die Folgen für das bewußte 
Verhalten können verschiedener Natur sein. Entweder sind die Folgen 
direkt, dann treten beim Sohne heftige Widerstände gegen den Vater 
imd ein besonders zärtliches und abhängiges Verhalten gegen die 
Mutter ein. Oder die Folgen sind indirekt, d. h. kompensiert: anstatt 
des Widerstandes gegen den Vater tritt eine besondere Unterwürfigkeit 
unter den Vater und ein gereiztes, ablehnendes Verhalten der Mutter 
gegenüber ein. Auch können direkte und kompensierte Folgen zeitlich 
miteinander abwechseln. Dasselbe gilt für den Blektrakomplex, Bliebe 
die Libido sexüalis in dieser Konfliktform stecken, so führte der ödipus- 
und Elektrakonflikt zu Mord und Inzest. Diese Folgen treten beim 
normalen Menschen natürlich nicht ein, ebensowenig beim ,, amo- 
ralischen" primitiven Menschen, denn sonst wäre die Menschheit 
schon lange ausgestorben. Im Gegenteil liegt in der natürlichen Tat- 
sache, daß etwas, was uns täglich umgibt und umgeben hat, den zwin- 
genden Reiz verliert und deshalb die Libido zur Aufsuchung neuer 
Objekte veranlaßt, ein wichtiges Regulativ, welches Mord und Inzest 
verhindert. Das unbedingt Normale und Tatsächliche ist also die 
Weiterentwicklung der Libido zu Objekten außerhalb der FamiUe, 
und das Steckenbleiben der Libido in der Familie ist ein abnormes 
und krankhaftes Phänomen. Immerhin aber ein Phänomen, das an- 
deutungsweise auch beim normalen Menschen vorkommt. 

Die geraume Zeit nach der Pubertät in reiferem Alter eintretende 
unbewußte Phantasie des Opfers, wovon ich ein ausführliches Beispiel 
in meiner Arbeit ,, Wandlungen und Symbole der Libido" gebe, ist eine 
direkte Fortsetzung der infantilen Komplexe. Die Opferphantasie 
bedeutet das Aufgeben der Infantilwünsche. Ich habe dies in meiner 
vorhin erwähnten Arbeit gezeigt und zugleich habe ich dort auch auf 



372 C G. Jung. 

die religionsgeschichtlichen Parallelen hingewiesen. Daß dieses Problem 
gerade in der Religion eine bedeutende Eolle spielt, ist keineswegs 
erstaunlich, indem die Religion ja eine der beträchtlichsten Hilfen 
im psychologischen Anpassungsprozeß darstellt. Das, was den Neu- 
erwerb in der psychologischen Anpassung am meisten hindert, ist das 
konservative Festhalten des Alten respektive der frühern Attitüde. 
Der Mensch ist aber auch nicht imstande, seine frühere PersönUchkeit 
und seine früheren Objekte einfach stehen zu lassen, sonst läßt er damit 
seine Libido stehen, die bei der Vergangenheit weilt. Er würde dadurch 
gewissermaßen verarmen. Hier tritt die Religion helfend ein, indem 
sie auf passenden Symbolbrücken die im Verhältnis zu den Infantil- 
objekten (Eltern) befindliche Libido zu Symbolrepräsentanten des 
Früheren, zu den Göttern überleitet, womit der Übergang aus der 
Infantil weit in die große Welt ermöglicht wird. Dadurch wird die 
Libido zu weiterer sozialer Verwendung geschickt. 

Freud faßt den Inzestkomplex in besonderer Weise auf, welche 
wiederum Anlaß zu heftigem Widerspruch wurde. Er geht aus von der 
Tatsache, daß der Ödipuskomplex in der Regel unbewußt ist, und faßt 
die Tatsache auf als die Folge einer Verdrängung moralischer Natur. 
Ich drücke mich vielleicht nicht ganz korrekt aus, wenn ich die Freu d- 
sche Ansicht mit diesen Worten wiedergebe. Jedenfalls erscheint nach 
der Freud sehen Auffassung der Ödipuskomplex als verdrängt, d. h. 
als durch eine Rückwirkung der bewußten Tendenzen ins Unbe- 
wußte verschoben, so daß es fast den Anschein hat, als ob der Ödipus- 
komplex ins Bewußtsein hineinwüchse, wenn die Entwicklung des 
Kindes imgehemmt stattfände und keine Kulturtendenzen auf das 
Kind einwirkten^). Freud nennt die Schranke, welche eben dieses 
Ausleben des Ödipuskomplexes verhindert, die Inzestschranke; 
er denkt sich, soweit wir dies aus seinen Angaben schließen können, 
daß die Inzestschranke das Werk einer rückwirkenden Erfahrung oder 
Realitätskorrektur sei, indem das Bestreben des Unbewußten schranken- 
lose und unmittelbare Befriedigung ohne Rücksicht auf andere suche. 
Diese Auffassung deckt sich mit der Ansicht Schopenhauers vom 
Egoismus des blinden WiUens, der so stark sei, daß ein Mensch seinen 
Bruder erschlagen könne, nur lun mit dessen Fett sich die Stiefel zu 
schmieren. Freud nimmt an, daß die von ihm postulierte, psycho- 
logische Inzestschranke in Vergleich gesetzt werden dürfe mit den 
Inzestverboten, die wir auch schon bei niedrig organisierten Wilden 

') Stekel hat diese Ansicht am stärksten ausgeprägt. 



Versuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 373 

treffen. Ferner nimmt er an, daß diese Verbote ein Beweis seien für die 
Tatsache, daß der Inzest wirklicli ernstlich erstrebt werde, weshalb 
dagegen schon auf primitiver Stufe Gesetze geschaffen worden seien. 
Freud denkt sich daher die Inzesttendenz als einen durchaus 
konkreten Sexualwunsch, denn er nennt diesen Komplex sogar 
den Kernkomplex der Neurose und ist geneigt, auf ihn als das Anfäng- 
liche so ziemlich die ganze Neurosenpsychologie zu reduzieren, ebenso 
viele andere Erscheinungen in der Welt des Geistes. 

Mit dieser von Freud vertretenen neuen Ansicht gelangen wir 
wieder zurück zur Frage der Ätiologie der Neurosen. Wir sahen, daß 
die psychoanalytische Theorie ausging vom traumatischen Erlebnis 
in der Kindheit, dessen theilweise oder totale Irrealität nachmals er- 
kannt wurde. Infolgedessen machte die Theorie eine Schwenkung und 
suchte das ätiologisch Bedeutsame in der Entwicklung der abnormen 
Phantasie, Die allmähliche, über ein Jahrzehnt fortgesetzte, durch 
vermehrte Mitarbeiterschaft tmterstützte Erforschung des Unbe- 
wußten förderte ein sehr ausgedehntes, empirisches Material zutage, 
welches erkennen ließ, daß der Inzestkomplex ein höchst bedeutsames 
und nie fehlendes Element der krankhaften Phantasie ist. Jedoch ist 
es nicht etwa so, daß der Inzestkomplex nur dem neurotischen In- 
dividuum angehört, sondern er erweist sich als ein Bestandteil auch 
der normalen infantilen Psyche. Er läßt also durch seine Existenz 
allein nicht erkennen, ob er zimi Ursprung einer Neurose wird oder 
nicht. Um pathogen zu werden, bedarf es des Konfhktes, d. h. der an 
sich unwirksame Komplex muß aktiviert und dadurch zum Konflikt 
erhöht werden. 

Damit stoßen wir auf eine neue imd wichtige Frage. Wenn der 
infantile ,, Kernkomplex" bloß eine allgemeine und an sich nicht pathogen 
wirksame Form ist imd deßhalb erst einer besonderen Aktivierung 
bedarf, wie wir in unseren vorhergehenden Ausführungen erkannten, 
dann verschiebt sich das ganze ätiologische Problem. Unter diesen 
Umständen graben wir vergebens in den Erinnerungen der früheren 
Kindheit; denn diese liefert nur die allgemeinen Formen der späteren 
Konflikte, nicht aber die Konflikte. Daß die Kindheit auch schon 
Konflikte hat, tut nichts zur Sache, denn die Konflikte der Kindheit 
sind anders als die der Erwachsenen. Jene Fälle, die schon seit Kindheit 
an einer chronischen Neurose leiden, leiden nicht mehr am selben 
Konflikt wie in der Kindheit. Die Neurose brach vielleicht aus, als das 
Kind zur Schule mußte. Damals war es der Konflikt z^Yischen ver- 



374 CG. Jung. 

wöhnter Zärtlichkeit und Lebenspflicht, d. h. zwischen der Liebe zu 
den Eltern und demZwang zur Schule. Heute ist es der Konflikt zwischen 
den Freuden einer bequemen bürgerlichen Existenz und den rigorosen 
Anforderungen des Berufslebens. Es scheint nur, als ob es noch der- 
selbe frühere Konfhkt wäre. Es ist genau so, wie wenn die ,,Teutschen" 
der Befreiungskriege sich mit den alten Germanen vergleichen, die 
sich auch gegen das römische Joch auflehnten. 

Ich denke, ich tue am besten, wenn ich die weitere Entwicklung 
der Theorie an dem Beispiel derjenigen Dame schildere, deren Geschichte 
Sie in einer frühern Vorlesung bereits vernommen haben. Wie Sie sich 
erinnern werden, fanden wir, daß das Erschrecken vor den Pferden 
in der anamnestischen Aufklärung zur Erinnerimg einer vergleichbaren 
Szene in der Kindheit führte, woran wir die Traumatheorie diskutierten. 
Wir fanden, daß das eigentliche pathologische Element wohl in der 
gesteigerten Phantasie aufzusuchen sei, welche einer gewissen Rück- 
ständigkeit der psychischen Sexualentwicklung entspringt. Jetzt handelt 
es sich darum, die bisher gewonnenen theoretischen Gesichtspunkte 
auf die Entstehung dieses Krankheitsbildes anzuwenden, damit wir 
verstehen, wieso in jenem Moment gerade jenes Kindheitserlebnis aip- 
scheinend so wirksam zur Konstellation gebracht wurde. 

Der einfachste Weg zur Auffindung einer Erklärung für jenes 
nächtliche Ereignis ist die genaue Befragung über die Umstände jenes 
Momentes. Ich erkundigte mich daher zunächst nach der Gesellschaft, 
in der sich die Patientin damals befand, und erfuhr, daß die Dame 
einen jungen Herrn kennt, mit dem sie sich zu verloben gedenkt, sie 
Hebt ihn und hofft, mit ihm glücklich zu werden. Sonst ist zunächst 
nichts zu entdecken. Die Nachforschung darf sich aber durch einen 
negativen Befund bei oberflächlicher Befragung nicht abschrecken 
lassen. Es gibt indirekte Wege, wo der direkte Weg nicht zum Ziel 
führt. Wir kehren deshalb wieder zu jenem sonderbaren Moment 
zurück, wo die Dame vor den Pferden davonlief. Wir erkundigen uns 
nach der Gesellschaft und was es für ein festlicher Anlaß war, an dem 
sie eben teilgenommen hatte : es war ein Abschiedsessen für ihre beste 
Preimdin gewesen, die wegen Nervosität für längere Zeit in einen aus- 
ländischen Kurort reiste. Die Freundin ist verheiratet, und wie wir 
hören, glücklich, auch ist sie Mutter eines Kindes. Wir dürfen dieser 
Angabe, daß sie glücklich sei, mißtrauen; denn wäre es wirklich der 
Fall, so hätte sie vermutlich keinen Grund nervös imd kurbedürftig 
zu sein. An einer andern Stelle mit Fragen einsetzend, erfuhr ich, daß 



Versuch einer Darstellung der psychoaualyt. Theorie. ö(b 

die Patientin, als ihre Bekannten sie eingeholt hatten, in das Haus 
des Gastgebers zurückgebracht wurde, da dies die nächste Gelegenheit 
war, sie unterzubringen. Dort wurde sie in ihrem erschöpften Zustande 
gastfreimdlich aufgenommen. Hier unterbrach die Patientin ihre Er- 
zählung, wurde verlegen und verwirrt, und suchte auf ein anderes 
Thema zu kommen. Offenbar handelte es sich um eine unangenehme 
Reminiszenz, die plötzlich aufgetaucht war. Nach Überwindung hart- 
näckiger Widerstände stellte es sich heraus, daß in jener Nacht noch 
etwas sehr Merkwürdiges passiert war: der freundliche Gastgeber 
hatte ihr eine feurige Liebeserklärung gemacht, woraus eine Situation 
entstand, die in Anbetracht der Abwesenheit der Hausfrau als etwas 
schwierig und peinlich betrachtet werden darf. Angeblich kam ihr diese 
Liebeserklärung wie ein Blitz aus heiterem H mmel. Eine kleine Dosis 
Kritik, auf diese Angabe verwendet, belehrt uns aber, daß dergleichen 
Dinge nicht aus den Wolken herunterfallen, sondern immer ihre Vor- 
geschichte haben. Es war nun die Arbeit der folgenden Wochen, eine 
ganze lange Liebesgeschichte Stück für Stück auszugraben, bis sich 
ein Gesamtbild ergab, das ich vmgefähr folgendermaßen zu skiz- 
zieren versuche: 

Die Patientin war als Kind durchaus knabenhaft gewesen, liebte 
nur die wilden Knabenspiele, verlachte ihr eigenes Geschlecht und 
floh alle weibliche Art und Beschäftigung. Nach der Pubertätszeit, 
wo das erotische Problem ihr hätte näher treten können, fing sie an. 
alle Gesellschaft zu fliehen, haßte und verachtete alles, was nur von fern 
an die eigentliche biologische Bestimmung des Menschen erinnerte, 
und lebte in einer Welt von Phantasien, welche mit der brutalen 
Wirklichkeit nichts gemein hatten. So floh sie bis etwa zu ihrem 24. Jahr 
alle kleinen Abenteuer, Hoffnungen und Erwartungen, welche sonst 
eine Frau zu dieser Zeit innerlich bewegen. Da wurde sie aber mit zwei 
Herren näher bekannt, welche die Dornenhecke, die um sie gewachsen 
war, durchbrechen sollten. Herr A. war der Gatte ihrer damaligen 
besten Freundin. Herr B. war dessen lediger Freund. Beide gefielen ihr. 
Jedoch erschien es ihr bald, als ob Herr B. ihr doch außerordentlich 
viel' besser gefiele. Infolgedessen entstand bald ein vertrauliches Ver- 
hältnis zwischen ihr und Herrn B. und man sprach auch schon von 
der Möglichkeit einer Verlobung. Durch ihre Beziehung zu Herrn B. 
und durch ihre Freundin kam sie auch häufig in Berührung mit Herrn 
A., dessen Gegenwart sie öfter in unerklärlicher Weise erregte und 
nervös machte. Li dieser Zeit nahm die Patientin an einem größeren 



376 C. G,Jung. 

gesellschaftlicheil Anlaß teil. Ihre Bekannten waren ebenfalls an- 
wesend. Sie war in Gedanken versunken und spielte träumerisch mit 
ihrem Fingerring, der plötzlich ihrer Hand entglitt und unter den 
Tisch rollte. Beide Herren suchten ihn, und es gelang Herrn B., ihn 
zu finden. Er steckte ihr mit einem vielsagenden Lächeln den Eing 
an den Finger und sagte: „Sie wissen, was das bedeutet". Da überkam 
sie ein sonderbares, unwiderstehliches Gefühl, sie riß den King vom 
Finger und warf ihn durch das offene Fenster hinaus. Daraus entstand 
begreiflicherweise ein peinlicher Moment und sie verließ bald in tiefer 
Verstimmung die Gesellschaft. Bald darauf wollte es der sogenannte 
Zufall, daß sie die Sommerferien in einem Kurort zubrachte, wo auch 
Herr und Frau A. weilten. Frau A. begann damals sichtlich nervös zu 
werden, infolgedessen sie wegen Unpäßlichkeit öfter zu Hause blieb. 
Die Kranke war daher in der Lage, allein mit Herrn A. spazieren zu 
gehn. Einmal fuhren sie mit einem kleinen Boot, Sie war ausgelassen 
lustig und fiel plötzlich über Bord. Herr A. konnte sie, die nicht 
schwimmen konnte, nur mit Mühe retten und hob sie halb ohnmächtig 
ins Boot. Da geschah es, daß er sie küßte. Mit diesem romanhaften 
Ereignis waren die Bande festgeschlungen. Zur Ausrede vor sich selbst 
trieb die Patientin um so energischer zur Verlobung mit Herrn B. 
und sie überzeugte sich tagtäglich, daß sie Herrn B. liebe. Dieses sonder- 
bare Spiel war selbstverständlich dem scharfen Blick weiblicher Eifer- 
sucht nicht entgangen. Frau A., ihre Freundin hatte das Geheimnis 
durchgefühlt und quälte sich dementsprechend, damit wuchs ihre 
Nervosität. So kam die Notwendigkeit heran, daß Frau A. zur Kur 
ins Ausland reisen mußte. 

Beim Abschiedsfest war nun eine gefährliche Möglichkeit ein- 
getreten. Patientin wußte, daß ihre Freundin und Rivalin am gleichen 
Abend verreiste und daß dann Herr A. allein zu Hause war. Diese 
Möglichkeit dachte sie allerdings nicht klar durch, wie ja gewisse Frauen 
die bemerkenswerte Fähigkeit haben, nicht intellektuell, sondern rein 
in ,, Gefühlen*' zu denken, wodurch es ihnen erscheint, als hätten sie 
gewisse Dinge nie gedacht. Auf jeden Fall war es ihr den ganzen Abend 
sehr sonderbar zu Mute. Sie fühlte sich außerordentlich nervös, und 
wie man dann Frau A. zum Bahnhof begleitete hatte, und sie weggefahren 
war, da trat auf dem Rückweg der hysterische Dämmerzustand ein. 
Ich fragte sie, was sie in jenem Moment, als sie die Pferde herankommen 
hörte, gedacht oder gefühlt habe? Sie gab darauf an, daß sie nur ein 
schreckliches Gefühl gehabt habe, daß „es sich nun nahe und daß sie 



Yersuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 377 

niclit mehr axisweichen könne". Die Folge davon war, wie Sie bereits 
wissen, daß die Erschöpfte ins Haus des Gastgebers, des Herrn A., 
aufgenommen wurde. Dem einfachen Menschenverstand leuchtet 
diese Konsequenz ohneweiters ein: Jeder Laie wird sagen: ,jNun ja, 
das ist ganz begreiflich, sie wollte einfach irgend einen Anlaß benutzen, 
um auf irgend eine Weise, grad oder krumm, in das Haus des Herrn 
A. zu kommen." Ein Gelehrter aber könnte dem Laien eine inkorrekte 
Ausdrucksweise vorwerfen und ihm sagen, daß der Patientin die Motive 
ihres Handelns nicht bewußt gewesen seien und daß deßhalb nicht 
von einer Absicht, zu Herrn A. zu kommen, gesprochen werden dürfe. 
Gewiß gibt es gelehrte Psychologen, welche die Finalität dieses Handelns 
aus soundso viel theoretischen Gründen bestreiten können; Gründe, 
die auf dem Dogma von der Identität von Bewußtsein und Seele be- 
ruhen. Die von Freud inaugurierte Psychologie hat allerdings längst 
anerkannt, daß psychologische Akte hinsichtlich ihrer finalen Bedeutung 
unmöglich nach den bewußten Motiven beurteilt werden können, 
sondern nur mit dem objektiven Maßstab des psychologischen Er- 
folges gemessen werden dürfen. Denn es ist heute wohl kaum mehr 
zu bestreiten, daß es auch unbewußte Tendenzen gibt, welche die Re- 
aktionsweise des Menschen und die von ihm ausgehenden Wirkungen 
mächtig beeinflussen. 

Das, was im Hause von Herrn A. geschah, entsprach ganz dieser 
Betrachtungsweise. Die Patientin führte eine sentimentale Szene auf, 
wodurch sich Herr A. genötigt sah, mit einer entsprechenden Liebes- 
erklärung zu reagieren. Im Lichte dieser letzten Ereignisse betrachtet, 
erscheint die ganze Vorgeschichte als sehr sinnreich nach 
diesem Ziele orientiert, während das Bewußtsein der Patientin 
sich konstant dagegen sträubte. 

Der theoretische Gewinn, den wir aus der Geschichte ziehen, 
ist die klare Erkenntnis, daß eine unbewußte ,, Absicht" oder Tendenz 
das Erschrecken vor den Pferden inszenierte mit einer sehr wahr- 
scheinlichen Benutzung jener infantilen Erinnerung, wo die Pferde 
unauflialtsam der unvermeidlichen Katastrophe entgegeneilten. Im 
Licht des gesamten Materials betrachtet, erscheint die die Krankheit 

einleitende Pferdeszene nur als der Schlußstein eines mit Vorbedacht 
aufgeführten Gebäudes. Das Erschrecken und die anscheinend trau- 
matische Wirkung des Klindheitserlebnisses sind bloß inzeniert; jedoch 
inszeniert in jener besonderen, für die Hysterie charakteristischen 
Weise, daß das Inszenierte fast genau so ist, wie eine AVirklichkeit. 



378 C. G. Jung. 

Wir wissen aus vielhundertfacher Erfahrung, daß gewisse hysterische 
Schmerzen inszeniert sind, um gewisse Erfolge bei der Umgebung zu 
erzielen. Nichtsdestoweniger sind diese Schmerzen wirklich. Die 
Kranken meinen nicht bloß Schmerzen zu haben, sondern die Schmerzen 
sind vom psychologischen Standpunkt aus genau so real wie solche 
aus organischen Ursachen, und trotzdem sind sie inszeniert. 

Diese Benutzung von Reminiszenzen zur Inszenierung eines 
Krankheitsbildes oder einer anscheinenden Ätiologie nennt man eine 
Regression der Libido. Die Libido geht zurück auf Erinnerungen 
und aktiviert sie, so daß dadurch eine anscheinende Ätiologie 
vorgetäuscht wird. Es könnte in diesem Fall nach alter Theorie 
erscheinen, als ob das Erschrecken vor den Pferden auf dem alten 
Trauma beruhte. Die Ähnlichkeit der Szene ist unverkennbar, und 
in beiden Fällen ist das Erschrecken für die Patientin durchaus real. 
Jedenfalls haben wir keinen Grund, in dieser Hinsicht an ihren An- 
gaben zu zweifeln, denn ihre Angaben stimmen vollständig überein 
mit allen sonstigen Erfahrungen, Das nervöse Asthma, die hysterischen 
Angstzustände, die psychogenen Depressionen und Exaltationen, die 
Schmerzen, Krämpfe usw. sind alle ganz wirklich, und wer als Arzt 
je ein psychogenes Symptom an sich selber erlebt hat, der weiß, wie 
absolut real es sich anfühlt. Regressiv wiederbelebte Reminiszenzen 
auch ganz phantastischer Natur sind so wirklich wie Erinnerungen 
an erlebte Wirklichkeiten. 

Wie der Terminus „Regression der Libido" andeutet, denkt 
man sich diesen retrograden Anwendungsmodus der Libido als ein 
Zurückweichen der Libido auf frühere Stationen. Wir vermögen in 
unserm Beispiel klar zu erkennen, auf welche Weise der Regressions- 
prozeß verläuft. An jenem Abschiedsfeste, wo sich die Gelegenheit 
zum .Alleinsein mit dem Gastgeber günstig zeigte, wich die Patientin 
zurück vor dem Gedanken, die Gelegenheit auszunutzen und ließ sich 
überwältigen durch ihre bisher nie zugegebenen Wünsche. Die Libido 
wurde also nicht bewußt zu dem bestimmten Zwecke angewendet, 
sondern wurde nicht anerkannt, infolgedessen sie sich auf dem Wege 
des Unbewußten unter dem Deckmantel des Erschreckens vor einer 
überwältigenden Gefahr durchzusetzen hatte. Ihr Gefühl im Momente 
des Herankommens der Pferde illustriert unsere Formulierung aufs 
deutlichste: Sie hatte das Gefühl, daß jetzt etwas Unausweichliches 
komme. Der Regressionsvorgang läßt sich sehr schön durch ein Bild 
verdeutlichen, welches Freud dafür anwendet. Die Libido ist einem 



Versuch einer Darstellung der psychoaualyt. Theorie. 379 

Strom zu vergleichen, der, wenn er in seinem Laufe auf ein Hindernis 
stößt, sich aufstaut und dadurch eine Überschwemmung verursacht. 
Wenn der Strom in seinem Oberlaufe sich früher noch andere Läufe 
gegraben hat, so werden nun durch die Aufstaunug diese angefüllt, 
so daß sie gewissermaßen wieder wie früher angefüllte Strombetten 
sind, jedoch zugleich auch von unwirklicher und nur vorübergehender 
Existenz. Es ist nicht so, daß der Strom von jetzt an dauernd den alten 
Weg gewählt hat, sondern nur so lang, als das Hindernis im Hauptlauf 
besteht. Die Nebenläufe führen nicht darum Wasser, weil sie von An- 
fang an sozusagen selbständige Flüsse waren, sondern sie waren früher, 
in der Entwicklungszeit des Hauptstrombettes, einmal Stationen ge- 
wesen oder vorübergehende Möglichkeiten, deren Spuren noch vor- 
handen sind und deshalb bei Überschwemmungen gelegentlich wieder 
zum Vorschein kommen können. Dieses Bild kann ohneweiters 
auf die Entwicklung der Libidoanwendungen übertragen werden. 
In der Zeit der kindlichen Entwicklung der Sexualität ist die definitive 
Richtung, das Hauptstrombett, noch nicht gefunden, sondern die Libido 
geht auf allen möglichen Nebenwegen und erst allmählich entwickelt 
sich die definitive Form. Mit dem, daß der Strom aber sein Haupt- 
bett gräbt, vertrocknen alle Nebenläufe und verlieren ihre Bedeutung 
bis auf Spuren. So zerfällt auch die Bedeutung der kindlichen Vor- 
übungen zur Sexualität in der Regel fast völhg bis auf gewisse Spuren. 
Tritt später ein Hindernis ein, so daß die Libidoaufstauung die alten 
Nebenwege wieder belebt, dann ist dieser Zustand eigentlich etwas 
Neues und zugleich Abnormes. Der frühere kindliche Zustand aber 
ist eine normale Anwendungsweise der Libido, während das Zurück- 
kehren der Libido auf die infantilen Wege etwas Abnormes ist. Ich bin 
daher der Ansicht, daß Freud nicht berechtigt sei, die infantilen 
Sexualerscheinungen als pervers zu bezeichnen, indem eine normale 
Erscheinung nicht mit Terminis der Pathologie bezeiclmet werden darf. 
Diese unrichtige Anwendung hat auch ihre verderbliclien Folgen ge- 
habt in der Verwirrung des wissenschaftlichen Pubhkums. Diese Be- 
nennungen sind Rückanwendungen von Einsichten bei Neurotischen 
aufs Normale gewissermaßen unter der Voraussetzung, daß der beim 
Neurotischen aufgedeckte abnorme Nebenweg der Libido noch die- 
selbe Erscheinung sei wie beim Kinde. Dieselbe mißverständliche 
Rückanwendung von Terminis aus der Pathologie ist die sogenannte 
Kindheitsamnesie, wie ich hier beiläufig erwähnen möchte. Amnesie 
ist ein pathologischer Zustand, der in „Verdrängung"'' gewisser Be- 



380 C. G. Jung. 

wußtseinsinhalte besteht, der aber unmöglich dasselbe ist, wie die antero- 
grade Amnesie der Kinder, welche in einer intentionellen Repro- 
duktionsunfähigkeit besteht, wie sie die Wilden etwa haben. Diese 
Reproduktionsunfähigkeit datiert von der Geburt und ist aus sehr 
durchsichtigen biologischen Gründen zu verstehen. Er wäre eine merk- 
würdige Hypothese, wenn man annehmen sollte, diese so ganz andere 
Qualität des frühinfantilen Bewußtseins auf sexuelle Verdrängungen 
nach dem Muster der Neurose reduzieren zu wollen. Die neurotische 
Amnesie ist aus der Kontinuität des Erinnerns ausgestanzt, während 
das Erinnern der frühern Kindheit aus einzelnen Inseln in der Kon- 
tinuität des Nichterinnerns besteht. Dieser Zustand ist dem der Neurose 
eigentlich in jeder Beziehung entgegengesetzt, so daß der dafür gebrauchte 
Ausdruck ,, Amnesie'* absolut unrichtig ist. Die „Kindheitsamnesie" 
ist ein Rückschluß aus der Neurosenpsychologie, wie die ,,polyTnorph- 
perverse Anlage" des Kindes. Dieser Fehler in der theoretischen 
Formulierung kommt in der eigentümlichen Lehre von der sogenannten 
sexuellen Latenzperiode der Kindheit ans Licht. Freud hat 
beobachtet, daß die früldnfantilen Sexualerscheimmgen, die ich als 
Phänomene der vorsexuellen Stufe bezeichne, nach einiger Zeit 
wieder verschwinden und erst ziemlich viel später wieder auftauchen. 
Was Freud als ,,Säuglingsmasturbation" bezeiclmet (also alle jene 
sexualähnliohen Handlungen, von denen wir bereits sprachen), soll 
als richtige Onanie später wiederkehren. Dieser Entwicklungsprozeß 
wäre ein biotegisches Unikum. Es wird nämlich nichts anderes durch 
diese Theorie angenommen, als daß z. B. eine Pflanze eine Knospe bilde, 
aus der sich eine Blüte zu entfalten beginnt. Bevor sie aber ganz ent- 
wickelt ist, wird sie wieder hereingenommen und in der Knospe ver- 
steckt, um später in einer ähnlichen Form wieder zu erscheinen. Diese 
unmögliche Annahme ist eine Konsequenz der Behauptung, daß die 
frühinfantilen Betätigungen der vorsexuellen Stufe Sexualphänomene 
seien, daß die masturbationsähnlichen Handlungen jener Zeit Mastur- 
bationen seien. Hier rächt sich die unrichtige Terminologie und die 
übermäßige Ausdehnung des Sexualbegriffes. Auf diese Weise mußte 
Freud zu der Annahme kommen, daß es ein Wiederverschwinden, d. h. 
eine sexuelle Latenzperiode gebe. Das, was Freud als ein Wiederver- 
schwinden beschreibt, ist nichts als der eigentliche Anfang der 
Sexualität, indem das Vorhergehende bloß Vorstufe war, der kein 
eigentlicher Sexualcharakter zukommt. Auf diese Weise erklärt sich 
das unmögliche Phänomen der Latenzperiode in sehr einfacher Weise. 



Yersucli einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 381 

Die Theorie der Latenzperiode dagegen ist ein treffliches Beispiel für 
die Unrichtigkeit der Annahme einer frühinfantilen Sexualität. Es 
handelt sich nicht um Beobachtungsfehler, denn gerade die Hypo- 
these der Latenzperiode beweist, wie deutlich Freud den anscheinenden 
Wiederbeginn der Sexualität beobachtet hat. Der Fehler liegt in der 
Auffassung. Wie wir früher bereits sahen, besteht das ttqojtov xjjevöog 
in einer etwas altertümlichen Auffassung von der Vielheit der Triebe. 
Sobald wir die Annahme vom Nebeneinanderexistieren zweier oder 
mehrerer Triebe machen, so müssen wir selbstverständlich auch denken, 
daß, wenn ein Trieb sich noch nicht manifestiert, er doch in nuce vor- 
handen sei nach dem Bilde der Einschachtelungstheorie. Physikalisch 
klänge die Sache etwa so, wie wenn wir sagten, daß, wenn ein Stück 
Eisen vom heißen in den leuchtend-glühenden Zustand übergeht, das 
Licht in nuce schon in der Wärme enthalten gewesen sei. Solche An- 
nahmen sind gewalttätige Projektionen menschlicher Vorstellungen 
ins Transzendentale, welche den Forderungen der Erkenntnistheorie 
zuwiderlaufen. Es ist uns daher nicht gegeben, von einem in nuce 
existierenden Sexualtrieb zu reden, sonst begehen wir gewaltsame 
Deutungen an Phänomenen, die viel passender in anderer Weise erklärt 
werden können. Wir können nur von der Manifestation der Ernährungs- 
funktion, der Sexualfunktion usw. sprechen und zwar jedesmal erst 
dann, wenn die entsprechende Funktion in unmißverständlicher Deut 
lichkeit die Oberfläche erreicht hat. Wir sprechen dann von Licht, 
wenn das Eisen sichtbar glüht, aber nicht, solange es bloß warm ist. 

Freud als Beobachter ist sich klar darüber, daß die Sexualität 
der Neurotiker eigentlich nicht ohneweiters mit der Infantilsexualität 
verglichen werden kann, denn es ist doch etwas ganz anderes, wenn 
z. B. ein zweijähriges Kind unreinlich ist, und wenn ein 40jähriger 
Katatoniker unreinlich ist. Das eine ist normal, das andere aber außer- 
ordentlich pathologisch. Freud hat seinen „Drei Abhandlungen'* 
einen kurzen Passus eingefügt, welcher besagt, daß die Infantil- 
form der neurotischen Sexualität zum Teil ausschließlich 
zum Teil wenigstens partiell auf Regression beruhe, d.h. daß 
auch in den Fällen, wo man annehmen darf, es sei immer noch derselbe 
.nlte infantile Nebenweg, die Funktion dieses Nebenweges doch auch re- 
gressiv erhöht sei. Damit gibt Freud zu, daß über wiegend die infantile 
Sexualität der Neurotiker ein Regressionsphänomenen sei. Daß 
dem so sein muß, geht auch aus der durch die Forschungen der letzten 
Jahre vermehrten Einsicht hervor, daß die am Neurotiker hinsichtlich 
2 S 



382 



C. G. Jung. 



seiner Kindheitspsychologie gewonnenen Erfahrungen in gleichem 
Maße auch für den Normalen gelten. Jedenfalls können wir sagen, 
daß die Entwicklungsgeschichte der infantilen Sexualität beim Neuro- 
tiker höchstens durch minimale Unterschiede, die der wissenschaft- 
lichen Bewertung völlig entgehen, von der beim Normalen verschieden 
ist. Auffallende Unterschiede gehören zu den Seltenheiten. Je tiefer 
das Verständnis in das Wesen der infantilen Entwicklung eindringt, 
desto mehr gewinnt man den Eindruck, daß dort ebensowenig End- 
gültiges zu holen ist wie aus dem Infantiltrauma. Wir werden mit der 
feinsten Ergrübelung der Historie nie herausfinden, warum die den 
Boden Deutschlands bewohnenden Völker gerade diese Schicksale 
hatten und die Gallien bewohnenden Völker jene andern. Je weiter 
wir uns von der Epoche der manifesten Neurose in der analytischen 
Erforschung entfernen, desto weniger können wir hoffen, die wirkhche 
causa efficiens der Neurose aufzufinden, indem sich die dynamischen 
Mißverhältnisse desto mehr verwischen, je weiter wir in die Vergangenheit 
zurückgehen. Wenn wir unsere Theorie so konstruieren, daß wir die 
Neurose aus Ursachen in fernster Vergangenheit herleiten, dann ge- 
horchen wir zunächst dem Drange unserer Patienten, uns von der 
kritischen Gegenwart möglichst weit wegzulocken. Denn haupt- 
sächlich in der Gegenwart liegt der pathogene Konflikt. Es 
ist genau dasselbe, wie wenn ein Volk seine elenden politischen Ver- 
hältnisse auf die Vergangenheit reduzieren wollte, etwa so, wie wenn 
die Deutschen des XIX. Jahrhunderts ihre politische Zerrissenheit 
und Unfähigkeit auf die Unterdrückung durch die Römer zurück- 
führen wollten, anstatt daß sie die Gründe ihrer Schwierigkeiten in der 
Gegenwart aufsuchen. Hauptsächlich in der Gegenwart liegen die 
wirksamen Gründe und die Möglichkeiten, sie zu heben. Ein großer 
Teil der psychoanalytischen Schule steht im Bann der Anschauung, 
daß die Sexualität der Kindheit Condicio sine qua non der Neurose 
sei, infolgedessen nicht nur der Theoretiker, der eigentlich nur aus 
wissenschaftlichem Interesse in der Kindheit forscht, sondern auch der 
Praktiker der Meinung ist, er müsse die infantile Vorgeschichte um und 
um kehren, mit der Absicht, dort die bedingenden Phantasien aufzu- 
finden. Ein vergebliches Unterfangen! Unterdessen entgeht dem Ana- 
lytiker das Wichtigste, nämlich der Konflikt und seine Anforderungen 
in der Gegenwart. Wir verstünden in unserm Falle nichts von den 
Bedingungen für das Zustandekommen des hysterischen Anfalles, 
wenn wir die Ursache dafür in ferner Kindheit aufsuchen wollten. 



Versuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 383 

Jene Reminiszenzen bedingen in erster Linie nur das Formale, das 
Dynamische hingegen entspringt der Gegenwart, und erst die Einsicht 
in die Bedeutung des Aktuellen ist wirkliches Verständnis. 

Die Bemerkung dürfte hier nicht unangebracht sein, daß es mir 
nicht einfällt, Freud persönlich die Schuld an den vielen mißver- 
ständlichen Auffassungen zuzuschreiben. Ich weiß sehr wohl, daß Freud 
als Empiriker immer nur jeweilige Formulierungen publiziert, denen 
er gewiß keinen Ewigkeitswert beimißt. Ebenso gewiß ist aber auch, 
daß das wissenschaftliche Publikum geneigt ist, einen Glauben daraus 
zu machen und ein System, das einerseits ebenso blind behauptet wie 
anderseits angefochten wird. Ich kann nur sagen, daß aus der Summe 
der Freudschen Arbeiten sich gewisse durchschnittliche Auffassungen 
ergeben haben, die hüben und drüben als zu dogmatisch behandelt 
werden. Sie haben auch zu gewiß unrichtigen technischen Grundsätzen 
(Geführt, deren Existenz wir bei Freud nicht ohneweiters voraus- 
setzen können. Bekanntlich sind im Geiste des Schöpfers neuer An- 
schauungen die Dinge weit flüssiger oder biegsamer als im Geiste der 
Nachfolger, denen die lebendige Gestaltungskraft fehlt, und die diesen 
Mangel stets durch dogmatische Treue ersetzen gerade so, wie 
der Gegner sich auch nur an die Worte klammert, weil ihm der lebendige 
Inhalt nicht gegeben ist. So wenden sich meine Worte weniger an die 
Adresse von Freud, von dem ich weiß, daß er die finale Orientierung 
der Neurosen in gewissem Maße anerkennt, als vielmehr an sein 
Publikum, welches seine Ansichten diskutiert. 

Es dürfte aus dem Vorhingesagten mit Evidenz hervorgehen, 
daß wir in einer Neurosengeschichte erst dann zur Einsicht gelangen, 
wenn wir verstehen, wie die einzelnen Momente zweckdienlich ein- 
geordnet sind. 

Wir verstehen so, warum jener Moment in der Vorgeschichte 
unseres Falles pathogen war, und wir verstehen auch, warum er gerade 
diese Symbolik wälzte. Durch den Regressionsbegriff wird die Theorie 
aus der starren Formel von der Bedeutung der Kindheitserlebnisse 
erlöst, und dem Aktualkonflikt wird dadurch jene Bedeutung zuteil, 
die ihm empirisch unbedingt zukommt. Freud selber hat schon in seiner» 
,„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" den Regressionsbegriff ein- 
geführt, in der richtigen Erkenntnis, daß die Erfahrung nicht gestattet, 
die Verursachung einer Neurose ausschließlich in der Vorzeit auf- 
zusuchen. Wenn dem nun so ist, daß Reminiszenzmaterialien haupt- 
sächlich infolge von Regressivbelebung wirksam werden, dann muß 



384 G. Q. Jung. 

man sich die Frage vorlegen, ob nicht vielleicht die anscheinend be- 
stimmende Wirkung von Keminiszenzen überhaupt- nur auf Regression 
der Libido zurückzufüliren sei. Wie Sie bereits hörten, hat Freud 
selber in seinen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" durchblicken 
lassen, daß der Infantilismus der neurotischen Sexualität größtenteils 
der Regression seine Existenz verdanke. Diese Konstatierung 
verdient ganz anders hervorgehoben zu werden, als dies in den ,,Drei 
Abhandlungen" geschehen ist. (Freud hat dies übrigens in seinen 
späteren Arbeiten gebührend getan.) Die Erkenntnis von der Re- 
gression der Libido hebt nämlich in weitestem Maße die 
ätiologische Bedeutung der Kindh ei ts erleb nisse auf. Es 
ist uns ja sowieso recht sonderbar vorgekommen, daß der ödipus- 
oder Elektrakomplex hinsichtlich des Zustandekommens der Neurose 
determinierende Kraft besitzen soll, während diese Komplexe doch bei 
jedem Menschen vorhanden sind, auch bei Menschen, die weder Vater 
noch Mutter gekannt haben, sondern von Pflegeeltern aufgezogen wurden. 
Ich habe einige Fälle dieser Art analysiert und fand die Inzestkomplexe 
genau gleich entwickelt, wie bei allen andern Patienten, wie mir scheint, 
ein guter Beweis dafür, daß der Inzestkomplex weit weniger eine Wirk- 
lichkeit als eine vielmehr bloß regressive Phantasiebüdung ist, und daß 
die aus dem Incestkomplex sich ergebenden Konflikte vielmehr auf das 
anachronistische Festhalten der Infantilattitude reduziert werden 
müssen als auf wirkliche Inzestwünsche, welche nur deckende Re- 
gressivphantasien sind. Die Kindheitserlebnisse haben, vom Stand- 
punkt dieser Auffassung aus gesehen, quasi nur dann für die Neurose 
eine Bedeutung, wenn sie durch eine Regression der Libido bedeutsam 
gemacht werden. Daß dem in weitgehenden Maße so sein muß, geht 
aus der Tatsache hervor, daß weder das infantile Sexualtrauma eine 
Hysterie herbeiführt noch der Inzestkomplex, der ja bei allen Menschen 
vorkommt. Die Neurose tritt nur dann ein, wenn der Inzestkomplex 
durch Regression aktiviert wird. 

Damit treten wir nun der Frage näher, woher es komme, daß 
die Libido regressiv wird? Um die Frage beantworten zu können, 
müssen wir die Bedingungen, unter denen Regressionen zustande 
kommen, etwas genauer untersuchen. Ich pflege bei der Behandlung 
dieses Problems meinen Patienten gerne folgendes Beispiel zu geben: 

Wenn ein Liebhaber des Bergsportes sich vorgenommen hat, 
einen gewissen Gipfel zu ersteigen, so kann es ihm geschehen, daß er 
auf seinem Wege zu einem unüberwindlichen Hindernis kommt, z. B. 



Versuch eiaer Darstellung der psyohoanalyt. Tkeorie. 385 

einer senkrecht abfaUenden Felswand, deren Überwindung ein Ding 
der Unmöglichkeit ist. Der Mann wird, nachdem er versucht hat, einen 
Weg zu finden, umkehren und mit Bedauern darauf verzichten, diesen 
Gipfel zu ersteigen. Er wird sich sagen: „Mit meinen Mitteln kann ich 
dieses Hindernis nicht bezwingen, ich werde also einen andern leichtern 
Berg besteigen." 

In diesem Fall sehen wir eine normale Libidobetätigung : Der 
Mann kehrt an der Unmöglichkeit um und verwendet die Libido, 
welche dort das Ziel nicht erreichte, zu einer neuen Bergbesteigung. 
Setzen wir nun aber den FaU, daß jene Felswand nicht wirklich un- 
übersteiglich für die physischen Mittel des Mannes war, sondern daß 
er bloß aus Ängstlichkeit vor dem etwas schwierigen Unternehmen 
zurückgewichen ist. In diesem Fall stehen zwei Möglichkeiten offen: 
1. Der Mann wird sich über seine Feigheit ärgern und sich vornehmen, 
bei nächster Gelegenheit weniger ängstlich zu sein, und er wird sich 
vielleicht auch sagen, daß er bei seiner Ängstlichkeit nicht allzu gewagte 
Besteigungen unternehmen sollte. JedenfaUs wird er anerkennen, 
daß sein moralisches Vermögen nicht ausreicht, um die Schwierigkeiten 
zu bezwingen. Er verwendet daher die Libido, die ihr ursprüngliches 
Ziel nicht erreicht hat, zu nützlicher Selbstkritik und zur Entwerfung 
eines Planes, wie er unter Berücksichtigung seiner moralischen Um- 
stände doch seinen Wunsch, einen Gipfel zu besteigen, verwirklichen 
könnte. 2. Die zweite MögUchkeit ist, daß der Mann seine Feigheit 
nicht anerkennt und die Felswand rundweg für physisch unübersteiglich 
erklärt, obschon er eigentlich sehr wohl sehen könnte, daß das Hin- 
dernis zu bezwingen wäre, wenn man den Mut dazu hätte. Er zieht 
aber die Selbsttäuschung vor. Dadurch wird nun die psychologische 
Situation geschaffen, die für unser Problem von Bedeutung ist. Im 
Grunde genommen weiß der Mann eigentlich, daß es physisch möglich 
wäre, über das Hindernis hinwegzukommen, und daß er bloß moraüsch 
unfähig dazu ist. Letzteren Gedanken weist er aber wegen seines un- 
angenehmen Charakters a limine ab. Er ist so eingebildet, daß er sich 
seine Feigheit nicht eingestehen kann. Er posiert mit seinem Mut vor 
sich selber und erklärt lieber die Dinge für unmöglich als seinen Mut. 
Et setzt sich mit diesem Vorgehen in Widerspruch zu sich selber: Auf 
der einen Seite hat er die richtige Erkenntnis der Sachlage, auf der 
andern Seite versteckt er sich vor dieser Erkenntnis hinter der Illusion 
seines unbezweifelbaren Mutes. Er verdrängt die richtige Einsicht 
und sucht der Wirklichkeit gewaltsam sein subjektives illusionäres 

25 

Jahrbuch für psychoaiialrt. u. psycliopathol. Forschungen. V. 



386 C. Cj. Jung. 

Urteil aufzudrängen. Dieser Widerspruch bewirkt, daß die Libido ge- 
spalten und die beiden Hälften gegeneinander gerichtet werden: Er 
stellt seinem Wunsche, den Gipfel zu ersteigen, das von ihm selbst 
erfundene und künstlich gestützte Urteil entgegen, die Passage sei 
unmöglich. Er kehrt nicht an der wirklichen Unmöglichkeit um, sondern 
an einer künstlichen und selber erfundenen Schranke. Dadurch ist er 
uneins mit sich selber geworden. Von diesem Moment an kämpft er 
innerlich mit sich selber. Bald möchte die Einsicht in seine Feigheit 
die Oberhand gewinnen, bald Trotz und Stolz. Auf jeden Fall ist jetzt 
die Libido festgelegt in einem nutzlosen Bürgerkrieg, daher dieser 
Mann untauglich geworden ist zu neuen Unternehmungen. Er wird 
seinen Wunsch, einen Gipfel zu erreichen, nicht verwirklichen können, 
da er sich in bezug auf seine moralischen Qualitäten gründlich irrt. 
Damit ist er vermindert leistungsfähig, nicht voll angepaßt, d. h. — 
wenn man beispielsweise so sagen darf — neurotisch krank. Die Libido, 
die vor dem Hindernis zurückwich, hat weder zu einer ehrlichen Selbst- 
kritik geführt noch zu verzweifelten Versuchen, des Hindernisses 
doch um jeden Preis Herr zu werden, sondern sie lockte bloß die billige 
Behauptung heraus, die Passage sei überhaupt unmöglich, wogegen 
aller Heroenmut nichts nütze. Diese Art der Reaktion wird als in- 
fantil bezeichnet. Es ist charakteristisch für das Kind und für den 
naiven Geist überhaupt, daß man selbstverständlich den Fehler nie in 
sich selber, sondern immer in den äußeren Dingen sucht und daß man 
sein subjektives Urteil gewaltsam den Dingen aufzuprägen versucht. 

Dieser Mann löst daher das Problem in einer infantilen Weise, 
d. h. er ersetzt den Anpassungsmodus des vorhergehenden Falles durch 
einen Anpassungsmodus des kindlichen Geistes. Das ist Re- 
gression. Seine Libido kehrt am Hindernis, das nicht überwunden 
werden kann, um und ersetzt wirkliches Handeln durch eine kindliche 
Illusion. 

Dieser Fall ist tagtägliches Vorkommnis in der Neurosenpraxis. 
Ich möchte nur an jene bekannten Fälle erinnern, wo junge Mädchen 
relativ plötzlich hysterisch erkranken im Moment, in dem sie sich zur 
Verlobung entschließen sollten. Ich möchte Ihnen als Beispiel den Fall 
zweier Schwestern vorführen. Die beiden Mädchen haben nur 1 Jahr 
Altersunterschied. Sie sind an Begabung und auch an Charakter ein- 
ander ähnlich. Ihre Erziehung war dieselbe und sie wuchsen im selben 
Milieu und unter denselben elterlichen Einflüssen auf. Sie waren beide 
angeblich gesund, erheblichere nervöse Störungen waren bei beiden 



Versuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie, 387 

nicht vorgekommen. Ein aufmerksamer Beobachter hätte allerdings 
entdecken können, daß die ältere Tochter in etwas höherem Maße der 
Liebling der Eltern war als die jüngere. Diese Schätzung der Eltern 
beruhte auf einer gewissen Art der Empfindsamkeit, welche diese Tochter 
aufwies. Sie heischte etwas mehr Zärtlichkeit als die jüngere, war etwas 
frühreifer und altkluger als sie. Daneben wies sie einige reizende kind- 
liche Züge auf, lauter Dinge, welche gerade infolge ihres leicht gegen- 
sätzlichen und unabgeglichenen Charakters den Charme einer Per- 
sönlichkeit ausmachen — kein Wunder daher, daß Vater und Mutter 
gerade an der älteren Tochter eine besondere Freude hatten. Als die 
beiden Schwestern zum heiratsfähigen Alter gekommen waren, machten 
sie beide ungefähr zur selben Zeit intimere Bekanntschaft mit zwei 
jungen Männern, und bald näherte sich die Möglichkeit einer Heirat. 
Wie immer bestanden auch hier gewisse Schwierigkeiten. Die beiden 
Mädchen waren noch jung und wenig welterfahren. Die beiden Männer 
waren auch noch relativ jung und in Stellungen, welche verbesserungs- 
bedürftig waren. Sie waren eben auch am Anfang der Karriere, Immerhin 
waren es tüchtige Leute. Die beiden Mädchen befanden sich in sozialen 
Umständen, die ihnen erlaubten, einige Ansprüche zu machen. Die 
Situation war so, daß gewisse Zweifel an der Zweckmäßigkeit einer 
solchen Verheiratung möglich waren. Dazu kam noch, daß die beiden 
Mädchen ihre Gatten in spe noch ungenügend kannten und infolgedessen 
ihrer Liebe auch noch nicht sicher waren. Es gab daher des Schwankens 
und Zweifeins viel. Dabei zeigte es sich, daß die ältere Schwester immer 
die größeren Schwankungen in ihren jeweiligen Entschließungen zeigte. 
Infolge dieser Unsicherheit gab es auch einige Male etwas peinliche 
Momente mit den beiden jungen Männern, welche natürlich auf Ge- 
wißheit drängten. In solchen Momenten zeigte sich die ältere Schwester 
stets stärker erregt als die jüngere. Einige Male lief sie weinend zur 
Mutter und klagte ihr die Not ihrer Unsicherheit. Die jüngere erwies 
sich als etwas entschlossener und machte der schwankenden Situation 
dadurch ein Ende, daß sie ihrem Verehrer das Jawort gab. Damit war 
sie über die Unsicherheit hinweg, und die weiteren Dinge entwickelten 
sich völlig glatt. Als nun der Verehrer der altern Schwester vernahm, 
daß die jüngere zugesagt habe, eilte er zu seiner Dame, und begehrte 
etwas stürmisch ihr endliches Jawort. Seine Stürmischkeit irritierte 
und erschreckte sie etwas, obschon sie eigentlich infolge des Beispiels 
der Schwester geneigt gewesen war nachzugeben. Sie erwiderte etwas 
trotzig und abweisend, worauf er ihr heftige Vorwürfe machte; darauf 

25* 



388 CG. Jung. 

entgegnete sie noch gereizter. Am Schluß kam eine Tränenszene, und er 
ging verärgert weg. Er erzählte zu Hause die Geschichte seiner Mutter, 
welche die Ansicht äußerte, dieses Mädchen passe offenbar nicht recht 
zu ihm, es wäre daher besser, er wählte eine andere. Das Mädchen 
seinerseits war infolge der erlebten Szene in tiefe Zweifel geraten, ob 
sie diesen Mann wirklich liebe. Es erschien ihr auf einmal undenkbar, 
diesem Manne zu einem unbestimmten Schicksal folgen und ihre ge- 
liebten Eltern verlassen zu müssen. Die Sache kam schließlich so weit, 
daß die Beziehung überhaupt in die Brüche ging. Das Mädchen wurde 
von da an verstimmt, zeigte deutlichste Zeichen heftigster Eifersucht 
gegen ihre jüngere Schwester und wollte nicht einsehen oder zugeben, 
daß sie eifersüchtig sei. Das vorher so gute Verhältnis zu den Eltern 
ging auch in die Brüche. An Stelle der früheren kindlichen Zuneigung 
hatte sie ein larmoyantes Wesen, das sich zeitweise zu heftigster Ge- 
reiztheit steigerte. Es kamen wochenlange Depressionen vor. Während 
die jüngere Schwester Hochzeit feierte, war die ältere Schwester wegen 
eines nervösen Darmkatarrhs in einen fernen Kurort gereist. Wir 
wollen die Krankengeschichte hier nicht mehr weiter vorfolgen. Es ent- 
wickelte sich eine gewöhnliche Hysterie. 

Bei der Analyse dieses Falles ergab sich das Vorhandensein 
heftiger Widerstände gegen das Sexualproblem. Die Widerstände be- 
ruhten darauf, daß Patientin viele perverse .Phantasien hatte, deren 
Existenz sie sich nicht eingestehen wollte. Die Frage, woher wohl diese 
bei einem jungen Mädchen unerwarteten perversen Phantasien stammen 
könnten, führte zu der Entdeckung, daß sie sich als Kind von 8 Jahren 
einmal auf der Straße plötzlich einem Exhibitionisten gegenüber 
befunden hätte. Sie sei damals vor Schreck ganz gebannt gewesen und 
noch lange nachher habe sie das häßliche Bild in den Träumen ver- 
folgt. Ihre jüngere Schwester sei damals auch dabei gewesen. In der 
Nacht, nachdem Patientin das erzählt hatte, träumte sie von einem 
Manne in grauem Anzug, der sich anschickte, vor ihr dasselbe zu tun, 
wie der Exhibitionist. Sie erwachte mit einem Angstschrei. Die nächste 
Assoziation zum grauen Anzug war ein Anzug des Vaters, den er ge- 
tragen hatte anläßlich eines Ausfluges, den er mit ihr allein gemacht 
hatte, als sie etwa 6 Jahre alt war. Dieser Traum setzte also den Vater 
unzweifelhaft in Beziehung zum Exhibitionisten. Das muß einen Grund 
haben. Ist vielleicht irgend etwas vorgefallen mit dem Vater, was diese 
Assoziation bewirkte? Dieses Problem begegnet heftigem Widerstand 
bei der Patientin. Es läßt sie aber nicht mehr loß. In den folgenden 



Versucli einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 389 

Sitzungen reproduziert sie einige sehr frühe Reminiszenzen, wo sie 
den Vater beim Auskleiden beobachtet hat, und eines Tages kommt 
sie verwirrt und erschüttert, um zu erzählen, sie hätte eine schreckliche 
Vision von absoluter Deutlichkeit gehabt : Sie habe sich nachts im Bette 
plötzlich wie ein Kind von 2 oder 3 Jahren gefühlt und da habe sie ihren 
Vater mit der obszönen Gebärde vor ihrem Bette stehen sehen. 

Diese Erzählung wird stückweise gewissermaßen herausgewürgt, 
offensichtlich unter den heftigsten inneren Kämpfen. Darauf folgen 
wilde Klagen, wie furchtbar es sei, wenn ein Vater so Schreckliches 
an seinem Kinde tue, 

Nichts ist unwahrscheinlicher, als daß der Vater dieser Patientin 
solches wirklich getan hätte. Es ist bloß eine Phantasie, die vermutlich 
auch erst im Laufe der Analyse gebildet wurde aus jenem selben Kau- 
salitätsbedürfnis heraus, das auch den Arzt einmal zur Theorie ver- 
leitet hat, die Hysterie sei bloß durch derartige Bindrücke veranlaßt. 

Dieser Fall scheint mir sehr geeignet, die Bedeutung der Ee- 
gressionstheorie klarzulegen und zugleich die Quellen der bis- 
herigen theoretischen Irrtümer aufzuzeigen. Wir sahen, daß die beiden 
Schwestern ursprünglich nur relativ wenig verschieden waren. Vom 
Moment der Verlobungsaffäre an aber trennten sich ihre Wege total. 
Sie erschienen nunmehr als zwei himmelweit verschiedene Charaktere. 
Die eine in blühender Gesundheit und Lebensfreude, ein braves tapferes 
Weib, das sich wülig den natürlichen Anforderungen des Lebens unter- 
wirft, die andere düster, launisch, voU Bitterkeit und Gift, allen An- 
strengungen, ein vernünftiges Leben zu führen, abhold, egoistisch, 
schikanös und der Umgebung eine Last. Dieser außerordentliche Unter- 
schied wurde einzig und allein dadurch herausgebracht, daß die eine 
die Schwierigkeiten der Verlobungszeit eben gerade noch glücklich 
passierte, die andere aber eben gerade sie nicht passierte. Es hing 
für beide gewissermaßen an einem Haar, daß sich die Sache überhaupt 
zerschlug. Die Jüngere war etwas ruhiger, daher überlegter und fand 
im richtigen Moment das richtige Wort. Die Ältere war etwas ver- 
wöhnter und empfindsamer, daher mehr beeinflußt durch ihre Af- 
fekte, und darum fand sie im richtigen Moment das richtige Wort nicht, 
und sie fand auch nicht den Mut, unter Verzicht auf ihren Stolz die 
Sache wieder gutzumachen. Diese kleine Ursache hatte große Wkkung. 
Die Bedingungen für beide Schwestern waren ursprünglich fast gleich. 
Den Ausschlag gab aber die größere Empfindlichkeit der älteren 
Schwester. Die Frage ist nun, woher wohl diese Empfindlichkeit 



390 c. e. Jung. 

stamme, welche so unglückselige Folgen hatte. Die Analyse weist uns 
auf die Existenz einer außerordentlich reich entwickelten Sexualität 
von phantastisch-infantilem Charakter hin, ferner auf eine inzestuöse 
Phantasie dem Vater gegenüber. Nehmen wir nun an, daß diese Phan- 
tasmen schon seit langem lebendig und darum wirksam bestehen, so 
ergibt sich eine rasche und bequeme Lösung des Problems der Empfind- 
lichkeit. Wir glauben leicht zu verstehen, warum das Mädchen so 
empfindsam war: Sie war ja ganz in ihre Phantasien eingesponnen 
und heimlich an den Vater gebunden, und unter diesen Umständen 
wäre es ja ein wahrhaftes Wunder, wenn sie zur Liebe und zum Heiraten 
bereit wäre. Je weiter wir, unserm Kausalitätsbedürfnis folgend, die 
Entwicklung dieser Phantasmen nach ihrem Ursprung hin verfolgten,, 
desto größer wurden die Schwierigkeiten der Analyse, d, h. desto größer 
wurden die Widerstände, wie wir es nannten. Schließlich gelangen wir 
an eine eindrucksvolle Szene, eben zu jenem obszönen Akt, dessen 
UnWahrscheinlichkeit wir bereits festgestellt haben. Die Szene hat 
ganz den Charakter einer nachträglichen Konstruktion. Wir haben daher 
wohl jene Schwierigkeiten, die wir ,, Widerstände" nannten, wenigstens 
an jener Stelle der Analyse nicht als Verteidigungsmaßnahmen gegen 
das Bewußtmachen einer peinlichen Erinnerung, sondern als ein Wider- 
streben gegen die Konstruktion dieser Phantasie aufzufassen* Man 
wird erstaunt fragen: Aber was zwingt den Patienten denn, eine der- 
artige Phantasie zu ersinnen? Man wird sogar die Vermutung aus- 
sprechen, der Arzt habe den Patienten darauf hingedrängt, sonst wäre 
er offenbar nie auf einen derart absurden Gedanken gekommen. Ich 
wage nicht zu bezweifeln, daß es Fälle gab und gibt, wo das Kausalitäts- 
bedürfnis des Arztes, besonders noch unter dem Einfluß der Trauma- 
theorie, den Patienten zur Erfindung solcher Phantasien gedrängt 
hat. Der Arzt wäre aber seinerseits nicht zu dieser Theorie gekommen, 
wenn er nicht der Denkrichtung des Patienten nachgegangen wäre, 
wodurch er eben jene rückläufige Bewegung der Libido mitmachte, 
welche wir als Regression bezeichnen. Der Arzt hat damit bloß das 
konsequent durchgeführt, was der Patient sich scheute, durchzuführen, 
nämlich eine Regression, ein Zurückweichen der Libido bis auf die 
letzten Konsequenzen. Wenn daher die Analyse der Libidoregression 
nachgeht, dann folgt sie eigentlich nicht immer jenem durch historische 
Entwicklung vorgezeichneten Weg, sondern öfter einer nachträglich 
geformten Phantasie, die nur zum Teil auf ehemaligen Wirklichkeiten 
beruht. In unserm Fall sind es auch nur zum Teil wirkliche Erlebnisse. 



Versuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 391 

und an diesen ist die große Bedeutung auch erst nachträglich hinzu- 
gekommen, als nämlicli die Libido regredierte. Und wenn immer di'^ 
Libido sich irgend einer Reminiszenz bemächtigt, dann können wir 
erwarten, daß die Reminiszenz elaboriert und umgestaltet wird. Denn 
alles, was die Libido berührt, wird belebt, dramatisiert und syste- 
matisiert. Wir müssen anerkennen, daß in unserm Fall wohl weitaus 
das meiste nur nachträglich zur Bedeutung gelangt ist, indem die 
regredierende Libido alles Passende, was auf ihrem Weg lag, aufgriff 
und daraus endlich eine Phantasie formte, welche, entsprechend der 
regressiven Richtung ihrer Bewegung, schließlich bis zum Vater zurück- 
ging und bei ihm jene infantil-sexuellen Wünsche anbrachte. Dies 
ging auf demselben Wege, wie man auch von jeher dachte, daß das 
goldene Zeitalter oder das Paradies in der Vergangenheit liege. Wir 
wissen also in unserm Fall, daß die phantastischen Materialien, welche 
die Analyse ergibt, erst nachträglich zur Bedeutung gelangt sind, 
infolgedessen wir nicht imstande sind, durch eben diese Materialien 
auch das Zustandekommen der Neurose zu erklären. Sonst bewegten 
wir ims beständig im Kreise. Der die Neurose erklärende Icritische 
Mr nent war jener, wo eigentlich beide bereit waren, sich zu finden, 
aber aus unzeitgemäßer Empfindlichkeit der Patientin und \aelleicht 
auch ihres Partners wurde der richtige Moment verpaßt. 

Man könnte nun sagen — und die psychoanalytische Auffassung 
ist dieser Annahme geneigt — daß die kritische Empfindlichkeit von 
einer besonderen psychologischen Vorgeschichte herrühre, welche 
diesen Ausgang determiniert habe. Wir wissen, daß Empfindlichkeit 
innerhalb psychogener Neurosen, immer ein Symptom des Uneinsseins 
mit sich selber ist, ein Symptom des Widerstreites zweier divergierender 
Tendenzen. Jede dieser Tendenzen hat ihre psychologische Vorge- 
schichte, und man kann in diesem Fall auch klar nachweisen, daß 
jener bestimmte Widerstandsbetrag, welcher der Inhalt der kritischen 
Empfindlichkeit war, tatsächlich historisch an gewisse infantile Se- 
xualbetätigungen und auch an jenes sogenannte traumatische Erlebnis 
anknüpft, als an Dinge, welche geeignet sind, einen gewissen Schatten 
auf die Sexualität zu werfen. Das wäre soweit ganz plausibel, wenn 
nicht die Schwester der Patientin so ziemlich dasselbe miterlebt hätte, 
ohne aber dieselben Folgen tragen zu müssen, d. h. sie wurde nicht 
neurotisch. Es müßte also angenommen werden, daß die Patientin jene 
Dinge in besonderer Weise erlebt, gewissermaßen viel nachhaltiger 
als die jüngere Schwester. Also wären ihr die Ereignisse der früheren 



392 C. G. Jung. 

Kindheit auf die Dauer viel bedeutsamer gewesen? Wenn dies in so 
hohem Maße der Fall gewesen wäre, dann hätte man davon schon 
damals eine heftige Wirkung bemerkt. Die früheren Ereignisse waren 
der Patientin aber in der späteren Jugend ebensoviel vorüber und ver- 
gessen als der Schwester. Es ist daher noch eine andere Vermutung 
denkbar über jene kritische Empfindlichkeit, nämlich daß sie nicht 
von dieser besonderen Vorgeschichte herrühre, sondern, daß sie von 
jeher vielleicht vorhanden war. Ein aufmerksamer Beobachter kleiner 
Kinder kann allbereits beim Säugling eine gesteigerte Empfindsamkeit 
konstatieren. Ich habe einmal eine hysterische Patientin behandelt, 
die mir einen Brief ihrer Mutter zeigen konnte, welcher geschrieben 
wurde, als Patientin 2 Jahre alt war. Ihre Mutter schreibt darin von 
der Patientin und ihrer Schwester: Erstere sei ein immer freundhches 
und unternehmendes Kind, letztere habe aber Schwierigkeiten, mit 
den Menschen und den Dingen auszukommen; erstere wurde spater 
hysterisch, letztere aber katatonisch. Solche in frühste Jugend zurück- 
reichende tiefgreifende Unterschiede können nicht auf die akzidentellen 
Ereignisse des Lebens zurückgeführt werden, sondern sind als an- 
geborene Verschiedenheiten zu betrachten. Von diesem Standpunkt 
aus läßt sich nicht behaupten, daß die besondere psychologische Voi 
geschichte die Schuld an der Empfindlichkeit im kritischen Momente 
trage, sondern es erscheint richtiger, zu sagen: es sei jene angeborene 
Empfindlichkeit, die sich natürlich am stärksten ungewohnten Situa- 
tionen gegenüber manifestiert. Dieser Betrag an Empfindsamkeit 
ist eine überaus häufige Beigabe einer Persönlichkeit und trägt oft mehr 
zu deren Reiz bei, als daß sie einem Charakter Abbruch täte. Einzig, 
wenn schwierige und ungewohnte Situationen kommen, pflegt sich der 
Vorteil in einen oft recht großen Nachteil zu verkehren, indem dann 
die ruhige Besinnung durch unzeitgemäße Affekte gestört wird. Nichts 
wäre aber unrichtiger denn diesen Betrag an Empfind- 
samkeit als einen eo ipso krankhaften Bestandteil eines 
Charakters zu werten. Wenn dem wirklich so wäre, so müßte man 
wahrscheinlich etwa ^^ der Menschheit als pathologisch betrachten. 
Wenn diese Empfindhchkeit aber derart destruktive Folgen hat für 
das Individuum, so kann sie doch nicht mehr als normal betrachtet 
werden, muß man bemerken. Zu diesem Widerspruch müssen wir ge- 
langen, wenn wir die beiden Auffassungen von der Bedeutung der 
psychologischen Vorgeschichte einander so schroff gegenüberstellen, 
wie es hier geschehen ist. In Wirklichkeit gibt es nicht bloß entweder 



Versuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 



393 



das eine oder das andere. Eine gewisse angeborene Empfindsamkeit 
führt zu einer besonderen Vorgeschichte, d. h. zu einem besonderen 
Erleben der infantilen Ereignisse, welche ihrerseits auch nicht gleich- 
gültig bleiben für die Entwicklung der kindUohen Weltanschauung. 
Ereignisse, verknüpft mit starken Eindrücken, gehen nie 
spurlos an empfindsamen Menschen vorüber. Es bleiben 
Spuren davon bekanntlich oft für das ganze Leben wirksam. Und solche 
Erlebnisse können auch einen bedingenden Einfluß auf die gesamte 
geistige Entwicklung eines Menschen ausüben. Gerade schmutzige 
und enttäuschende Erfahrungen im Gebiete der Sexualität sind ge- 
eignet, einen empfindsamen Menschen auf Jahre hinaus derart ab- 
zuschrecken, daß er beim Gedanken an Sexualität die größten Wider- 
stände empfindet. Man ist, wie die Traumatheorie zeigt, infolge der 
Kenntnis solcher Fälle nur zu sehr geneigt, die affektive Entwicklung 
eines Menschen ganz ~ oder wenigstens größtenteils — auf das Ak- 
zidentelle zu schieben. Die ehemalige Traumatheorie ging darin zu 
weit. Es ist nie zu vergessen, daß die Welt auch — und dies in erster 
Tiinie — subjektives Phänomen ist. Das Erleben akzidenteller 
Eindrücke ist auch unsere Tat. Es ist nicht so, daß sich die Ein- 
drücke uns bedingungslos aufdrängen, sondern unsere Disposition 
gibt die Bedingung des Eindruckes. Ein Mensch mit aufgestauter 
Libido wird in der Eegel ganz andere, d. h. viel stärkere Eindrücke 
haben als der, dessen Libido in reicher Betätigung organisiert ist. 
Ein sowieso empfindsamer Mensch hat einen merkhchen Eindruck 
von einem Ereignis, das einen weniger Empfindsamen kalt läßt. Wir 
haben daher auch neben dem akzidentellen Eindruck die Bedingungen 
des Subjektiven sehr zu berücksichtigen. Unsere früheren Über- 
legungen, namentlich die Betrachtung eines konkreten Falles, haben 
gezeigt, daß die wichtigste subjektive Bedingung die Ke- 
gression ist. Die Wirksamkeit der Regression ist, wie die Erfahrung 
in praxi zeigt, so groß und so eindrucksvoll, daß man vielleicht geneigt 
wäre, die Wirkung akzidenteller Erlebnisse ganz nur auf den Me- 
chanismus der Regression zu schieben. Zweifellos gibt es viele Fälle, 
wo alles inzseniert ist, wo auch die traumatischen Erlebnissse rein 
phantastische Artefakte, und die wenigen realen Erlebnisse darunter 
durch nachträgliche phantastische Bearbeitung gänzlich entstellt 
sind. Man kann ruhig sagen, daß es sogar nicht einen Fall von Neurose 
gibt, wo nicht der Gefühlswert des präzedierenden Erlebnisses durch 
Libidoregression erheblich verstärkt wäre, oder wo nicht große Stücke 



394 C. G. Jung. 

der infantilen Entwicklung als von außerordentlicher Bedeutung er- 
schienen, die aber fast nur noch Regressionswert hat (z. B. das Ver- 
hältnis zu den Eltern). 

Die Wahrheit liegt, wie immer, in der Mitte. Die Vorgeschichte 
hat gewiß ihren determinierenden historischen Wert und die Regression 
verstärkt diesen Wert. Bisweilen tritt die traumatische Bedeutung 
der Vorgeschichte mehr in den Vordergrund, bisweilen aber auch bloß 
ihre regressive Bedeutung. Diese Überlegungen wollen selbstverständlich 
auch auf die infantilen Sexualerlebnisse angewendet sein. Es gibt un- 
zweifelhaft Fälle, wo durch brutale sexuelle Erlebnisse berechtigter- 
weise ein Schatten auf die Sexualität geworfen wurde, der den späteren 
Widerstand des Individuums gegenüber der Sexualität überaus be- 
greiflich erscheinen läßt. (Ich erwähne hier beiläufig, daß auch furchtbare 
Eindrücke anderer als sexueller Art eine gewisse langdauernde Un- 
sicherheit hinterlassen, welche das Individuum zu einer zögernden 
Haltung genüber der Wirklichkeit bestimmen kann.) Wo reale Er- 
eignisse von unzweifelhafter traumatischer Wirkungsmöglichkeit 
fehlen — und das ist in den meisten Neurosen der Fall — da handelt 
es sich um ein Überwiegen des Regressionsmechanismus, Man könnte 
nun allerdings einwenden, daß wir kein Kriterium besäßen für die 
Wirkungsmögliohkeit eines Trauma, da dies ein höchst relativer Be- 
griff sei. Dem ist nun allerdings nicht ganz so, sondern wir haben im 
Begriff des durchschnittlich Normalen ein Kriterium für die Wirkungs- 
möglichkeit eines Trauma. Etwas, das geeignet ist, auch dem Nor- 
malen einen starken und nachhaltigen Eindruck zu machen, dem dürfen 
wir auch für die Neurose einen bedingenden Einfluß zuerkennen. Was 
aber normalerweise verschmerzen und verschwinden sollte, dem dürfen 
wir auch für die Neurose nicht ohneweiters determinierende Kraft 
zumessen. Die größte Wahrscheinlichkeit in solchen Fällen, wo etwas 
unerwarteterweise traumatisch ist, ist die Regression, also eine bloß 
sekundäre Inszenierung. Je früher ein Eindruck in der infantilen 
Vorzeit soll stattgefunden haben, desto verdächtiger ist 
seine Wirksamkeit. Denn Tiere und primitive Menschen haben für 
einmalige Eindrücke lange nicht jene große Bereitschaft der Wieder- 
erinnerung wie der zivilisierte Mensch. Auch die Kinder früher Stufe 
haben bei weitem nicht jene Eindrücksfähigkeit wie Kinder späterer 
Stufe. Eine gewisse höhere Entwicklung der geistigen Fähigkeiten 
ist ein unbedingtes Erfordernis zur Eindrucksfähigkeit. Man kann 
daher ruhig annehmen, daß, je früher ein eindrucksvolles Erlebnis 



Versuch einer Darstellung der psychoanalyt. Theorie. 395 

vom Patienten angesetzt wird, es desto phantastischer und regressiver 
sei. Wir können umfangreichere Eindrücke erst von Erlebnissen der 
späteren Jugend erwarten. Auf jeden Fall darf den Ereignissen- der 
friihinfantilen Zeit, also z. B. vom 5, Lebensjahre an rückwärts, wohl 
nur Regressivbedeutung beigemessen werden. Für die späteren Jahre 
spielt die Regression ebenfalls eine bisweilen ganz überragende Rolle. 
Aber auch dem akzidentellen Erleben muß man eine nicht zu kleine Be- 
deutungzuschreiben, Im späteren Verlauf einer Neurose arbeiten 
akzidentelles Erleben und Regression auf dem Wege des 
circulus vitiosus zusammen: das Zurückweichen vor dem 
Erleben führt zur Regression und die Regression erhöht 
die Widerstände gegen das Erleben. 

Bevor wir in unserer Betrachtung weiterschreiten, müssen wir 
uns noch der Frage zuwenden, welche teleologische Bedeutung den re- 
gressiven Phantasien beigemessen werden dürfe. Man könnte sich viel- 
leicht mit der Annahme begnügen, daß diese Phantasien lediglich Ersatz 
für wirkliches Handeln seien und deßhalb keine weitere Bedeutung 
beanspruchten. Dem dürfte wohl kaum so sein. Wir sahen bereits. 
daß die psychoanalytische Theorie geneigt ist, in den Phantasien (Illu- 
sionen, Vorurteilen usw.) den Grund zur Neurose zu erblicken, denn 
deren Charakter verrät eine Tendenz, welche derjenigen des vernünftigen 
Handelns oft direkt zuwiderläuft. Es sieht auch häufig so aus, als ob 
der Kranke seine Vorgeschichte recht eigentlich dazu benutzte, um zu 
beweisen, daß er nicht vernünftig handeln könne, wodurch dann beim 
Arzt, der, wie jeder Mensch leicht geneigt ist, mit dem Kranken zu 
sympathisieren (d. h. sich unbewußt zu identifizieren), der Eindruck 
entsteht, als seien die Argumente des Kranken eine tatsächliche Ätio- 
logie. In anderen Fällen haben die Phantasien mehr den Cliarakter 
wundersamer Ideale, welche die rauhe Wirklichkeit durch ebenso schöne 
als luftige Phantasiegebilde ersetzen, unverkennbar ist dabei ein mehr 
oder weniger deutlicher Größenwahn, welcher das Nichtstun und die 
beabsichtigte Unfähigkeit passend kompensiert. Die ausgesprochen 
sexuellen Phantasieen verraten oft deutlich den Zweck, den Kranken 
an den Gedanken des sexuellen Schicksals zu gewöhnen, ihm also ge- 
wissermaßen auch zu helfen, das Widerstreben zu überwinden. Wenn 
wir mit Freud die Neurose als einen mißglückten Heilungsversuch 
auffassen, müssen wir auch den Phantasien einen doppelten Charakter 
zuerkennen: nämlich einerseits die krankhafte, widerstrebende Tendt-nz 
und anderseits die fördernde und vorübende Tendenz. Wie beim 



396 C. (t. Jung. 

normalen Menschen die Libido sich an einem Hindernis aufstaut und 
ihn zur Introversion und zum Nachdenken zwingt, so entsteht auch 
beim Neurotiker unter denselben Umständen eine Introversion und 
eine vermehrte Phantasietätigkeit, worin er aber stecken bleibt, weil 
er den infantilen Anpassungsmodus als den leichtern be- 
vorzugt. Daß er dabei gegen seinen Momentanvorteil einen dauernden 
Nachteil eintauscht und daher ein schlechtes Geschäft macht, sieht 
er nicht ein. So ist es z. B. natürlich für eine Stadtverwaltung viel 
leichter und angenehmer, alle die langweiligen hygienischen Maßnahmen 
zu unterlassen, kommt aber eine Epidemie, so rächt sich die Unter- 
lassungssünde bitter. Wenn also der Neurotiker allerhand 
infantile Erleichterungen beansprucht, so muß er auch die 
Konsequenzen davon tragen. Und ist er dazu nicht willig, so holen 
ihn die Konsequenzen ein. 

Es wäre im allgemeinen sehr unrichtig, den anscheinend krank- 
haften Phantasien der Neurotiker jeden teleologischen Wert abzu- 
sprechen* Es sind doch tatsächlich Ansätze zur Vergeistigung und zur 
Ausfindung neuer Pfade der Anpassung. Die Rückkehr zum Infantilen 
bedeutet nicht nur Regression und Steckenbleiben, sondern auch die 
Möglichkeit der Auffindung eines neuen Lebensplanes. Die Regression 
ist so recht eigentlich auch Grundbedingung des Schöpferaktes. Ich 
verweise hierfür auf meine schon mehrfach zitierte Arbeit über die 
Libido. 

Mit dem Begriff der Regression hat die Psychoanalyse wohl 
eine der allerwichtigsten Entdeckungen auf diesem Gebiete gemacht. 
Nicht nur werden die früheren Formulierungen zur Entwicklungs- 
geschichte der Neurose umgestürzt oder doch mindestens weitgehend 
modifiziert, sondern es gelangt dadurch auch der aktuelle Konflikt 
zu seiner ihm gebührenden Würdigung. Wir sahen in unserem früheren 
Falle bereits, daß die symptomatologische Inszenierung erst dann 
verstanden war, als sie als Ausdruck des Aktualkonfliktes eingesehen 
war. Damit erreicht nun die psychoanalytische Theorie den Anschluß 
an die Ergebnisse des Assoziationsexperimentes, von denen ich in 
meinen Vorlesungen an der Clark University sprach. Das Assoziations- 
experiment bei einem Neurotischen gibt uns eine Reihe von Hinweisen 
auf bestimmte Konflikte aktueller Natur, welche wir als Komplexe 
bezeichneten. Diese Komplexe enthalten eben jene Probleme und 
Schwierigkeiten, über welche der Patient uneins ist mit sich selber. Es 
handelt sich in der Regel um Konflikte der Liebe ganz manifesten 



Versuch einer Darstellung der psyciioanalyt. Theorie. 39/ 

Charakters. Vom Standpunkt des Assoziationsexperimentes aus erscheint 
die Neurose als etwas ganz anderes, als vom Standpunkt der frühern psy- 
choanalytischen Theorie aus. Von letzterem Standpunkt aus betrachtet, 
erscheint die Neurose als eine aus frühinfantilen Wurzeln empor- 
wachsende, das Normale überwuchernde Bildung; vom Standpunkt 
des Assoziationsexperimentes aus betrachtet, erscheint die Neurose 
als eine Reaktion auf einen Aktualkonflikt, welcher natürlich auch 
bei normalen Menschen ebenso oft vorkommt, dort aber ohne zu große 
Schwierigkeiten gelöst wird. Der Neurotiker bleibt aber bei dem Konflikt 
stehen und seine Neurose erscheint mehr oder weniger als Folgezustand 
seines Stehenbleibens, Wir können daher sagen, daß die Ergebnisse 
des Assoziationsexperimentes sehr zugunsten der Regressionslehre 
sprechen. Aus der früheren „historischen'* Auffassung der Neurose 
glaubten wir leicht zu verstehen, warum ein Neurotiker mit seinem 
mächtigen Elternkomplex große Schwierigkeiten in der Anpassung 
an die Welt hat. Jetzt aber, wo wir wissen, daß der Normale genau die- 
selben Komplexe hat und prinzipiell dieselbe psychologische Ent- 
wicklung durchläuft wie der Neurotiker, können wir gewisse Ent- 
wicklungen der Phantasiesysteme nicht mehr zur Erklärung heranziehen. 
Sondern die wahrhaft erklärende Problemstellung ist jetzt eine pro- 
spektive: Wir fragen nicht mehr, hat der Patient einen Vater- oder 
Mutter komplex oder hat er bindende unbewußte Inzestphantasien? 
Wir wissen heutzuta